Und die Großen lässt man laufen
Der Kriminalroman Und die Großen lässt man laufen (schwedischer Originaltitel: Polis, polis, potatismos!) des schwedischen Autorenpaars Maj Sjöwall und Per Wahlöö ist der sechste Band der zehnbändigen Krimi-Reihe Roman om ett brott (Roman über ein Verbrechen) mit Kommissar Martin Beck. In Schweden erschien der Roman 1970, in der Bundesrepublik Deutschland 1972 und in der DDR 1988.
Handlung
Viktor Palmgren, Chef eines großen Industriekonzerns, wird bei einem Abendessen im Hotel Savoy in Malmö von einem unbekannten Mann, der nach der Tat flüchten kann, erschossen. Da der Tod des international tätigen Geschäftsmanns großes Aufsehen im In- und Ausland erregt, wird Kommissar Martin Beck aus Stockholm nach Malmö abkommandiert, um die Ermittlungen zu leiten. Dort trifft er seinen Kollegen Månsson wieder sowie den jungen Kriminalassistenten Benny Skacke, der sich nach den unglücklichen Ereignissen um den Anschlag in Sköldgatan nach Malmö hat versetzen lassen. Lennart Kollberg und Gunvald Larsson unterstützen aus Stockholm.
Die Suche nach dem Täter wird zunächst von den Streifenpolizisten Karl Kristiansson und Kurt Kvant vereitelt, die lieber der vermeintlichen Beleidigung durch einen Dreijährigen nachgehen als einen Verdächtigen festzusetzen. Dafür enthüllen die Ermittlungen Überraschendes zum Opfer. Hinter der Fassade legaler Geschäfte hatte Palmgren Geld mit Waffengeschäften verdient. Dies erklärt das Interesse internationaler Geheimdienste wie auch der schwedischen Säkerhetspolisen (Säpo), die so unglücklich wie erfolglos agiert. Palmgrens Witwe, ein kühles Model, nimmt den Tod ihres Mannes nicht schwer und tröstet sich mit einem Liebhaber, und in Palmgrens Unternehmensgeflecht bringen sich bereits die Nachfolger in Stellung.
Am Ende stellt sich heraus, dass ein ehemaliger Angestellter namens Bertil Svensson Palmgren erschossen hat, weil dieser seine Arbeitslosigkeit, den Verlust seiner Wohnung und letztlich auch den Verlust seiner Familie verursacht hat. Svensson gesteht und wird verhaftet, während Palmgrens skrupellose Geschäftspartner weitgehend unbehelligt bleiben.
Titel
Der deutsche Titel spielt an auf die Redewendung Die kleinen Diebe hängt man und die großen lässt man laufen<ref>[Duden , 11, 1992, Sprichwörter und Redensarten Seite 152]</ref>.
Im Englischen wurde der Buchtitel Murder at the Savoy gewählt, nach dem Namen des Hotels, in dem der Mord geschieht.
Der schwedische Originaltitel lautet Polis, polis, potatismos! (auf Deutsch: „Polizei, Polizei, Kartoffelbrei!“). Die Streifenpolizisten Kristiansson und Kvant fühlen sich durch einen Dreijährigen beschimpft, der ihnen diese Worte zuruft, was zur Folge hat, dass die Polizisten den Jungen und dessen Vater verwarnen, statt den Verdächtigen festzunehmen. In der ersten deutschen Übersetzung sagt der Junge: „Bi-Ba-Bullenpack!“, ohne Zusammenhang mit der Handlung, der im Original darin besteht, dass die „beschimpften“ Polizisten gerade Würstchen mit Kartoffelbrei essen, als der Vater mit dem Jungen vorbeikommt. In der deutschen Neuübersetzung ruft der Junge ebenfalls „Polizei, Kartoffelbrei“, obwohl Kristiansson und Kvant „Bullerei“ verstanden haben wollen.
Hintergrund
Über die Serie hinweg wird wiederholt Kritik an der Stadtplanung in Stockholm zur Entstehungszeit geübt.<ref>Zehn nach Zehn. Maj Sjöwall im Gespräch. Interview von Norbert Klugmann und Peter Mathews. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 27.</ref> Schon in Die Tote im Götakanal heißt es, „daß Stockholm früher viel besser war.“ Doch davon ist, wie es in Und die Großen lässt man laufen heißt, „nicht mehr viel übrig“. Die Stadt ist „heute ein Großstadtdschungel“. Es haben „die Baumaschinen der Grundstückspekulanten und die Bulldozer der sogenannten Verkehrsexperten den größten Teil der soliden alten Bebauung vernichtet“. Auf eine „menschenfreundliche Umwelt“ wird laut Das Ekel aus Säffle keine Rücksicht mehr genommen. Im Vordergrund steht das Gewinnstreben der Eigentümer. Bertil Svensson hat mit der Attentäterin in Die Terroristen gemeinsam, dass sie Opfer der Verdrängung werden und sich die gestiegenen Mieten nicht mehr leisten können, anders als Martin Beck, der erkennen muss: „nun gehörte er zu den Privilegierten“.<ref>Zitate nach: Ernst Ullrich Pinkert: Der Krimi als Mittel zum Zweck. Die politischen Kriminalromane von Maj Sjöwall & Per Wahlöö – Anspruch und Verwirklichung. Aalborg Universitetsforlag, Aalborg 1979, ISBN 87-7307-051-3, S. 17–19.</ref>
Diese Kritik liest sich durch alle Bände hindurch ähnlich. Sie speist sich nicht aus der Handlung, sondern läuft neben ihr her und wirkt dadurch häufig aufgesetzt. Und sie wird in ähnlichen Worten geäußert, egal ob sie dem Erzähler oder den handelnden Personen in den Mund gelegt wird, woraus Ernst Ullrich-Pinkert schließt, dass die Figuren in solchen Passagen mit der Stimme der Autoren sprechen.<ref>Ernst Ullrich Pinkert: Der Krimi als Mittel zum Zweck. Die politischen Kriminalromane von Maj Sjöwall & Per Wahlöö – Anspruch und Verwirklichung. Aalborg Universitetsforlag, Aalborg 1979, ISBN 87-7307-051-3, S. 14–15.</ref>
In einem Interview bekannte Maj Sjöwall, dass die Passagen zum Städtebau überwiegend von ihr stammten. Sie trauerte dem Stockholm ihrer Jugend nach, das man heute nicht mehr wiedererkenne. Stattdessen erinnerte die Stadt in den „Hoch-Zeiten der Kahlschlag-Sanierung“ der 1960er Jahre an deutsche Städte nach den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg.<ref>Zehn nach Zehn. Maj Sjöwall im Gespräch. Interview von Norbert Klugmann und Peter Mathews. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 27–28.</ref>
Rezeption
Im deutschsprachigen Raum markierte Und die Großen lässt man laufen den Durchbruch der Kriminalromane um Martin Beck in der Publikumsgunst. Zwar waren auch die ersten fünf Bände recht erfolgreich gewesen, doch mit dem sechsten Band der Reihe stiegen die Verkaufszahlen sprunghaft an, wovon auch die Vorgängerromane profitierten.<ref>Rudi Kost: Bi-ba-Bullenpack. Sjöwall/Wahlöös chronique scandaleuse der Klassengesellschaft. (online), Passage fehlt im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7.</ref>
Für Arne Dahl gehört der Roman „rein literarisch zu den besten der Reihe – die technische Kunstfertigkeit ist hier am höchsten, der Humor vielleicht am ausgeprägtesten“. Gleichzeitig nimmt die politische Ideologie der Autoren einen noch breiteren Raum ein als in den Vorgängern. Er kritisiert die grobe Zeichnung der Kapitalisten, in denen auch dem Mordopfer „keinerlei versöhnende oder auch nur menschliche Züge“ zugestanden werden. Hierin sieht er eine „enthumanisierende Seite der Linken“ in der 68er-Bewegung, in der der Zweck die Mittel heilige. Davon abgesehen bleibe eine „durchweg faszinierende Lektüre“ und ein „unübertroffenes Bild des gesellschaftlichen Klimas“ der damaligen Zeit.<ref>Arne Dahl: Vorwort. In: Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Alarm in Sköldgatan. Rowohlt, Hamburg 2008, ISBN 978-3-499-24446-9, S. 8–9.</ref>
Adaptionen
- Das Buch wurde 1993 in einer schwedisch-deutschen Produktion verfilmt. Unter der Regie von Per Berglund spielten unter anderem Gösta Ekman, Kjell Bergqvist und Rolf Lassgård.<ref>Vorlage:IMDb/1</ref>
- Im Jahr 1978 produzierten Südwestfunk und Westdeutscher Rundfunk ein Hörspiel zum Roman. Die Hauptrollen sprachen Charles Wirths, Horst Frank und Hubert Suschka.<ref>Und die Großen läßt man laufen (2. Teil: Ein Täter aus den Slums) in der ARD-Hörspieldatenbank.</ref>
- Im Jahr 2026 las Günther Harder ein Hörbuch für den Argon Verlag ein.
Quellen
<references />
Vorlage:Klappleiste/Anfang Die Tote im Götakanal | Der Mann, der sich in Luft auflöste | Der Mann auf dem Balkon | Endstation für neun | Alarm in Sköldgatan | Und die Großen lässt man laufen | Das Ekel aus Säffle | Verschlossen und verriegelt | Der Polizistenmörder | Die Terroristen Vorlage:Klappleiste/Ende