Der Polizistenmörder
Der Kriminalroman Der Polizistenmörder (schwedischer Originaltitel: Polismördaren) des Autorenpaares Maj Sjöwall und Per Wahlöö ist der neunte Roman der Dekalogie Roman über ein Verbrechen. Die schwedische Erstveröffentlichung erschien 1974, in der Bundesrepublik Deutschland erschien der Roman 1976 und in der DDR 1985.
Handlung
In dem südschonischen Dorf Anderslöv wird eine Frau, Sigbrit Mård, vermisst. Da ihr Nachbar, der Sexualmörder Folke Bengtsson (der von Martin Beck und seinen Kollegen gefasst worden war und seine Strafe verbüßt hat), als Hauptverdächtiger gilt, werden Martin Beck und sein Kollege und Freund Lennart Kollberg nach Anderslöv beordert. Dem recht großen Aufgebot an Journalisten, welches sich einfindet, gehört mit Åke Gunnarsson ein weiterer alter Bekannter der Kriminalisten an, den sie als Totschläger überführt hatten und der ebenfalls wieder in Freiheit ist.
Bengtsson wird auf Weisung „von oben“ verhaftet und die Presse wendet sich schnell einer neuen Sensation zu: Nach einer Schießerei zwischen einer Polizeistreife und zwei jugendlichen Dieben entkommt einer der beiden. Polizei und Presse fahnden nun nach dem „Polizistenmörder“, obwohl dieser gar keinen Polizisten umgebracht hat. Bei der Schießerei wurde einer der Jugendlichen getötet, nachdem er zwei Polizisten schwer verletzt hatte, ein dritter Polizist starb kurze Zeit später an einem Wespenstich, was im öffentlichen Sprachgebrauch zu „an den Verletzungen, die er sich im Zusammenhang mit dem Schusswechsel zugezogen hatte“ umgedeutet wurde.
Martin Beck ermittelt, dass Sigbrit Mård, deren Leiche mittlerweile gefunden wurde, einen unbekannten Liebhaber gehabt hatte. Der flüchtige Jugendliche Ronnie Kaspersson stiehlt ausgerechnet dessen Auto, wodurch dem Liebhaber der Mord nachgewiesen werden kann. Nach der Hetzjagd auf Kaspersson quittiert Kollberg den Dienst. Gunvald Larsson bringt die Jagd immerhin zu einem unblutigen Ende, als er den Jungen im Alleingang überwältigt, bevor der Polizeipräsident die Möglichkeit zu einem großangelegten taktischen Einsatz erhält.
Interpretation
Das schwedische Autorenduo Lars Kepler sieht den Roman als eine Variation des bekannten Motivs Der Tod und das Mädchen. In der Umsetzung von Sjöwall und Wahlöö sei das Mädchen aber weder jung noch eine Jungfrau, sondern promiskuitiv. Dieses Motiv wird verknüpft mit der Menschenjagd auf einen jungen Dieb.<ref>Lars Kepler: Introduction. In: Maj Sjöwall, Per Wahlöö: The Locked Room. Fourth Estate, New York 2016, ISBN 978-0-00-743919-5, S. vii.</ref> Für Liza Marklund ist der Roman geprägt von seiner Entstehungszeit in den 1970er Jahren, aber wirkt auch modern mit seinen Fragen nach Verteilungsgerechtigkeit, Verbrechen und Strafe, Ausgrenzung und Vorurteilen. Als Beweis für die Fähigkeit der Autoren, in die Zukunft zu sehen, kann auch die Koinzidenz mit einem realen Kriminalfall aus dem Jahr 1999 gesehen werden, der Jagd auf drei Bankräuber, die auf derselben Route des Romans flohen und bei einem Halt im Dorf Malexander in Östergötland zwei Polizisten erschossen. Bei einem Ausbruch aus dem Gefängnis im Jahr 2004 stellten sie sich ähnlich ungeschickt an wie die „Polizistenmörder“ im Buch und wurden gefasst.<ref>Liza Marklund: Vorwort. In: Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Der Polizistenmörder. Rowohlt, Hamburg 2008, ISBN 978-3-499-24449-0, S. 7–8.</ref>
Über die Serie hinweg wird wiederkehrend Kritik an der Stadtplanung in Stockholm zur Entstehungszeit geübt.<ref>Zehn nach Zehn. Maj Sjöwall im Gespräch. Interview von Norbert Klugmann und Peter Mathews. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 27.</ref> Was Sjöwall und Wahlöö der modernen Großstadt entgegensetzen, ist laut Rudi Kost „pure Nostalgie und Flucht in die Idylle“. In der positiven Darstellung des Landlebens in Der Polizistenmörder wird die Alternativbewegung und Ökobewegung der folgenden Jahrzehnte vorweggenommen.<ref>Rudi Kost: Bi-ba-Bullenpack. Sjöwall/Wahlöös chronique scandaleuse der Klassengesellschaft. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 8 (online).</ref> Ernst Ullrich Pinkert zitiert das naive Idealbild eines jungen Mädchens im Roman: „Ich möchte auf einen Bauernhof ziehen und gesund und richtig leben und jede Menge Kinder haben und zusehen, daß sie nicht vergiftet werden, sondern zu richtigen Menschen heranwachsen.“ Er weist allerdings darauf hin, dass Sjöwall und Wahlöö um die Grenzen der Maxime Zurück zur Natur wissen, etwa wenn es um Ansprüche auf Bildungschancen und Gleichberechtigung geht. Das Leben auf dem Land ist „ruhiger und gesünder“, wie es der Provinzpolizist Herrgott Nöjd formuliert, aber nicht „ruhig und gesund“. Es kann also nicht mehr als eine individuelle Lösung sein, aber schafft das „kapitalistische Verbrechen“, auf das der Reihentitel Roman über ein Verbrechen hinweist, nicht aus der Welt.<ref>Ernst Ullrich Pinkert: Der Krimi als Mittel zum Zweck. Die politischen Kriminalromane von Maj Sjöwall & Per Wahlöö – Anspruch und Verwirklichung. Aalborg Universitetsforlag, Aalborg 1979, ISBN 87-7307-051-3, S. 25–27.</ref>
Die Figur Lennart Kollberg dient Sjöwall und Wahlöö seit Beginn der Serie dazu, ein wachsendes Unbehagen an der Polizeiarbeit zu artikulieren. Erste Zweifel klingen bereits in Der Mann auf dem Balkon an und von Endstation für neun an bekennt Kollberg mehrfach, dass nur sein Freund Martin Beck ihn überhaupt noch im Polizeidienst hält. Konsequenterweise zieht der Pazifist, der unter dem Trauma eines tödlichen Waffeneinsatzes leidet, bei der übertrieben gewalttätigen Jagd nach einem kleinen Dieb seine Konsequenzen und formuliert in seinem Abschiedsbrief eine Generalabrechnung mit der schwedischen Polizei. Zwar will er seine Kündigung nicht als politischen Akt verstehen, doch Rudi Kost widerspricht, dass sie von den Autoren genau als solche konzipiert worden ist, was im Folgeband noch auf die Spitze getrieben wird, als der in einem Armeemuseum beschäftigte Ex-Polizist extreme politische Meinungen von sich gibt.<ref>Rudi Kost: Bi-ba-Bullenpack. Sjöwall/Wahlöös chronique scandaleuse der Klassengesellschaft. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 12–13 (online).</ref>
Spät macht auch die Hauptfigur Martin Beck eine Wandlung in der Serie durch, zu deren Auslöser die Begegnung mit Rhea Nielsen in Verschlossen und verriegelt wird. So ist es laut Rudi Kost kein Zufall, dass in Der Polizistenmörder mit Folke Bengtsson und Åke Gunnarsson die beiden Mörder der ersten Romane Die Tote im Götakanal und Der Mann, der sich in Luft auflöste wieder auftauchen. Sie dienen dem Protagonisten dazu, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen und diese aufzuarbeiten. Inzwischen ist Beck der Meinung, Bengtsson hätte – unabhängig von seiner Schuld – in einem Rechtsstaat aufgrund der dünnen Indizienlage und der gestellten Falle niemals verurteilt werden dürfen. Auch im Folgeband Die Terroristen werden immer wieder Reminiszenzen an alte Fälle eingestreut, und Bengtsson wird zum Abschluss noch einmal erwähnt. Laut Kost schließt sich ein Kreis, der zehnbändige Roman über ein Verbrechen bildet nicht nur eine fortlaufende Serie, sondern rundet sich zu einem Zyklus.<ref>Rudi Kost: Bi-ba-Bullenpack. Sjöwall/Wahlöös chronique scandaleuse der Klassengesellschaft. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 15 (online).</ref>
Verfilmung
Das Buch wurde 1994 in einer schwedisch-deutschen Produktion verfilmt; Regisseur war Peter Keglevic.
Einzelnachweise
<references />
Vorlage:Klappleiste/Anfang Die Tote im Götakanal | Der Mann, der sich in Luft auflöste | Der Mann auf dem Balkon | Endstation für neun | Alarm in Sköldgatan | Und die Großen lässt man laufen | Das Ekel aus Säffle | Verschlossen und verriegelt | Der Polizistenmörder | Die Terroristen Vorlage:Klappleiste/Ende