Endstation für neun
Der Kriminalroman Endstation für neun (schwedischer Originaltitel: Den skrattande Polisen) ist der vierte Band der von dem schwedischen Autorenpaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö verfassten zehnbändigen Krimi-Reihe Roman om ett brott (Roman über ein Verbrechen) mit Kommissar Martin Beck. Die schwedische Erstauflage des Buches erschien 1968, die deutsche in der BR Deutschland bei Rowohlt 1971, in der DDR (unter dem Titel Der lachende Polizist) 1973. Der Roman wurde 1971 in der Kategorie „Bester Roman“ mit dem Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet.
Titel
Die wörtliche Übersetzung des schwedischen Originaltitels ist Der lachende Polizist und geht auf einen 1922 erschienenen Song gleichen Namens von Charles Penrose zurück. Im Verlauf der Geschichte erhält Kommissar Martin Beck von seiner Tochter eine Schallplatte mit diesem Lied geschenkt, das er nicht sonderlich lustig findet. Erst als der Fall aufgeklärt ist, kann er darüber lachen.
Inhalt
Kurz vor der Endstation prallt ein Stockholmer Linienbus gegen einen Zaun, doch der Fahrer und acht seiner Fahrgäste haben davon nichts mehr gemerkt: Ein unbekannter Passagier hat fast alle anderen Insassen mit einer Maschinenpistole getötet. Es gibt zunächst zwar einen Überlebenden, doch dieser liegt schwer verletzt im Koma. Bis auf den jungen Kriminalbeamten Stenström und den Busfahrer lassen sich die Toten nur mühsam identifizieren. Es wird in alle Richtungen ermittelt. Auch der Überlebende stirbt nach einigen Tagen, kann vor seinem Tod aber noch ein paar kaum verständliche Worte sagen. Es stellt sich heraus, dass sich Stenström – ohne Kollegen oder Vorgesetzte darüber zu informieren – mit einem ungelösten, lange zurückliegenden Mordfall befasst hatte und tatsächlich kurz vor der Lösung stand. Da Stenströms Aufzeichnungen nicht gefunden werden, können Martin Beck und seine Kollegen erst in mühsamer und langwieriger Kleinarbeit nicht nur diesen früheren Mord, sondern auch das Attentat im Bus aufklären und den Täter verhaften.
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Der ungelöste Cold Case ist der Mord an der Portugiesin Teresa Camarão aus dem Jahr 1951, die zahlreiche Männerbekanntschaften aus allen sozialen Schichten hatte. Doch sowohl die Befragung der Verdächtigen als auch die Suche nach dem Fluchtfahrzeug, als das ein Renault 4CV identifiziert worden war, blieben ohne Ergebnis, so dass der Fall als ein perfektes Verbrechen in die schwedische Kriminalgeschichte eingegangen ist. Genau mit diesem Fall hoffte sich der junge Kriminalbeamte Stenström zu profilieren, als er zufällig auf die Tatsache aufmerksam wurde, dass ein Renault 4CV und ein Morris Minor leicht zu verwechseln sind. Ein damals befragter Bekannter Camarãos, der Handelsvertreter Nils Erik Göransson fuhr einen solchen Morris, hatte aber für die Tatzeit ein Alibi. Dennoch glaubte Stenström an seine Tatbeteiligung und beschattete ihn offen, um ihn unter Druck zu setzen.
Tatsächlich hatte Göransson seinen Wagen zur Tatzeit an seinen Freund Björn Forsberg ausgeliehen, der Teresa umbrachte, weil die Affäre mit ihr seinen Heiratsplänen im Weg stand. Inzwischen ist der ehemalige Betrüger ein respektierter Geschäftsmann geworden. Als Göransson ihm von der Beschattung erzählte, beschloss er beide, sowohl seinen Freund als auch dessen Beschatter, umzubringen, um seine ehrbare Fassade zu wahren. Die anderen Fahrgäste des Busses waren Zufallsopfer zur Verschleierung des Motivs. Als Beck und Kollberg ihn befragen, zieht er einen Revolver und will sich umbringen, doch Beck hat die Patronen entfernt, und der Mörder muss sich für seine Taten vor Gericht rechtfertigen. Erst nach Abschluss der Ermittlung kommen Notizen auf Stenströms Schreibtischunterlage zum Vorschein, in der sowohl das Opfer als auch die Verdächtigen benannt sind. Niemand hat sich zuvor die Mühe gemacht, sie genauer zu untersuchen.
Rezeption
Den skrattande Polisen bedeutete für die Autoren Sjöwall und Wahlöö den internationalen Durchbruch. Die Veröffentlichung im englischsprachigen Raum ermöglichte ihnen, nach wirtschaftlich schweren Anfangsjahren von der Schriftstellerei zu leben.<ref>Zehn nach Zehn. Maj Sjöwall im Gespräch. Interview von Norbert Klugmann und Peter Mathews. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 21.</ref> Die englische Übersetzung The Laughing Policeman gewann 1971 den Edgar Allan Poe Award, den prestigeträchtigen Preis des amerikanischen Schriftstellerverbandes Mystery Writers of America.<ref>Category List – Best Novel auf edgarawards.com.</ref>
Kjell Ola Dahl bezeichnet den Roman als einen „Klassiker, nicht nur der schwedischen, sondern auch der internationalen Kriminalliteratur“, mit dem Sjöwall und Wahlöö nicht nur ein internationales Publikum eroberten, sondern auch den Grundstein für eine nachfolgende Generation von Kriminalschriftstellern legten, zu der er sich selbst zählt. Den Massenmord im Bus sieht er als Zeichen einer im Schweden Ende der 1960er Jahre um sich greifenden Globalisierung und Industrialisierung, einer zunehmend komplexen modernen Welt. Die Polizei wird selbst in den Fall involviert, als einer der ihren zum Opfer wird. Die Ermittlungen in dem „Kollektivroman“ führen so viele Figuren durch wie selten in der Reihe, von den Hauptfiguren Beck, Kollberg und Larsson bis zu den Nebenfiguren Rönn, Melander, Månsson und Nordin, die alle ihren Teil zur Auflösung beitragen. Besonders Kollberg rückt in den Mittelpunkt als „Erotiker und Hedonist im Körper eines Ermittlers“.<ref>Kjell Ola Dahl: Vorwort. In: Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Endstation für neun. Rowohlt, Hamburg 2008, ISBN 978-3-499-24444-5, S. 5–9.</ref> Bei ihm klingen erstmals auch grundsätzliche Zweifel an der Polizeiarbeit an, die auf sein späteres Ausscheiden vorausweisen.<ref>Rudi Kost: Bi-ba-Bullenpack. Sjöwall/Wahlöös chronique scandaleuse der Klassengesellschaft. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 12 (online).</ref>
Obwohl Martin Beck nicht viel zur Lösung des Falles beiträgt, stellt ihn Jonathan Franzen in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Er wird von den Autoren bemerkenswert unglamourös und realistisch gezeichnet, ohne dass er die sonst für heldenhafte Ermittlerfiguren typischen Klischees bedient. Seine größte Tat ist nicht die Aufklärung eines Verbrechens, sondern die Verhinderung eines Suizidversuchs des Täters. Beck repräsentiert aber mehr als alle anderen Figuren das Leiden der Ermittler an ihrem Beruf. So lange der Fall nicht gelöst ist, kann er sich nicht anders als schlecht fühlen. Als er am Schluss lachen muss, ist es, weil verspätet aufgefundene Notizen ihm vor Augen führen, wie unnötig und unwirklich all das Leiden an dem Fall gewesen ist. Vom schwedischen Winter über eigennützige Polizeiführung, verfolgte Demonstranten, sensationsgeile Journalisten, rassistische Zimmerwirtinnen bis zur dekadenten Oberschicht und schäbigem Sexleben zeichnen Sjöwall und Wahlöö ein negatives Bild ihres Landes. Der Gegensatz der dystopischen Weltsicht der Autoren und der grundsätzlich optimistischen Ausrichtung des Genres Kriminalroman, in dem der hässlichen Welt eine zufriedenstellende Polizeiarbeit gegenübergestellt wird, macht für Franzen die Spannung des Buches aus.<ref>Jonathan Franzen: Introduction. In: Maj Sjöwall, Per Wahlöö: The Laughing Policeman. Vintage, New York 2009, ISBN 978-0-307-39050-9, S. ix–xii.</ref>
Verfilmung
Die Geschichte wurde 1973 von Stuart Rosenberg unter dem Titel Massenmord in San Francisco (Originaltitel: The Laughing Policeman) verfilmt. Die Hauptrollen hatten Walter Matthau (Kommissar Jake Martin), Bruce Dern (Detective Leo Larsen) und Louis Gossett Jr. (Detective James Larrimore). Die Handlung wurde nach San Francisco verlegt, doch der Kern der Handlung entspricht der Romanvorlage. Der Film endet mit einer Verfolgungsjagd.<ref>Vorlage:IMDb/1</ref>
Einzelnachweise
<references />
Vorlage:Klappleiste/Anfang Die Tote im Götakanal | Der Mann, der sich in Luft auflöste | Der Mann auf dem Balkon | Endstation für neun | Alarm in Sköldgatan | Und die Großen lässt man laufen | Das Ekel aus Säffle | Verschlossen und verriegelt | Der Polizistenmörder | Die Terroristen Vorlage:Klappleiste/Ende