Das Ekel aus Säffle
Der Roman Das Ekel aus Säffle (schwedischer Originaltitel: Den vedervärdige mannen från Säffle) des Autorenpaares Maj Sjöwall und Per Wahlöö ist der siebente Roman der Dekalogie Roman über ein Verbrechen. Die schwedische Erstveröffentlichung war 1971, in der Bundesrepublik Deutschland erschien der Roman 1973, in der DDR 1980.
Inhalt
Im Stockholmer Sabbatsberg-Krankenhaus geschieht ein schrecklicher Mord: der Polizist Stig Nyman wird nachts in seinem Krankenzimmer von einem Unbekannten mit einem Seitengewehr niedergemetzelt. Martin Beck und seinen Kollegen wird schnell klar, dass Nyman ein brutaler Leuteschinder war, der sich nicht nur im Polizeikorps viele Feinde gemacht hatte. Von ihnen wurde er nach seinem Herkunftsort auch das „Ekel aus Säffle“ genannt.
Da sich zunächst kein Anhaltspunkt finden lässt, gehen die Polizisten im Archiv des Polizei-Ombudsmannes vielen alten Beschwerden über Nyman nach, die alle gemeinsam haben, dass die Ermittlungen trotz offenkundiger schwerer Verfehlungen ergebnislos eingestellt wurden, was Lennart Kollberg auf falsch verstandenen Korpsgeist innerhalb der schwedischen Polizei zurückführt. Auffällig sind daher die Eingaben eines Ex-Polizisten namens Åke Eriksson. Seine Frau wurde im diabetischen Koma von Nyman als vermeintlich betrunken in Gewahrsam genommen und starb in der Ausnüchterungszelle.
In der Folge wandelt sich Erikssons Persönlichkeit. Er zieht sich von seinen Kollegen zurück, quittiert den Polizeidienst und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Einzig seine Tochter ist die Konstante in seinem Leben, und als ihr Sorgerecht aberkannt werden soll, was ebenfalls auf ein ungünstiges Zeugnis Nymans zurückzuführen ist, wird dies zum Auslöser seines Rachefeldzugs. Eine Liste, auf der auch die Namen von Martin Beck und seinen Kollegen stehen, lässt erkennen, dass es Eriksson nicht bei einer Einzeltat bewenden lassen will, sondern einen Amoklauf unter Polizisten plant.
Auf dem Dach eines Hochhauses in der Stockholmer Innenstadt kommt es schließlich zum Showdown, in dem Eriksson mehrere Polizisten erschießt, unter anderem den Streifenpolizisten Kurt Kvant, der zufällig mit seinem Partner Kristiansson vor Ort ist. Der gewaltsame Einsatz eines Spezialkommandos scheitert spektakulär, als Eriksson den Hubschrauber abschießt. Martin Beck fühlt eine besondere Verantwortung, den verzweifelten Amokschützen zur Aufgabe zu bewegen. Doch als er alleine das Dach des Hochhauses erklimmt, wird er niedergeschossen und schwer verletzt. Lennart Kollberg birgt seinen Freund, während Gunvald Larsson ein Kommando zu Erikssons Überwältigung anführt, aber im entscheidenden Moment nicht in der Lage ist, auf diesen zu schießen, und nur durch das beherzte Eingreifen eines Anwohners gerettet wird.
Interpretation
Für den schwedischen Strafverteidiger und Romanautor Jens Lapidus handelt der Roman vom Gewaltmonopol des Staates, insbesondere in der Ausprägung willkürlicher Polizeigewalt. Dies sei eine Folge seiner Entstehungszeit während der 68er-Bewegung, einer Zeit großer sozialer Umwälzungen, in denen auch politische Fragen stärker ins Bewusstsein des Einzelnen vordrangen. Sjöwall und Wahlöö analysierten diese Veränderungen gewissermaßen von innen, während sie noch stattfanden. Die zentrale Frage im Roman sei: „Was macht einen guten Polizisten und einen schlechten Polizisten aus?“<ref>„What constitutes a good cop and a bad cop?“ Zitiert nach: Jens Lapidus: Introduction. In: Maj Sjöwall, Per Wahlöö: The Abominable Man. Vintage, New York 2009, ISBN 978-0-307-39090-5, S. ix–x.</ref>
Die Unterscheidung guter und schlechter Polizisten ist für Ernst Ullrich Pinkert ein durchgängiges Merkmal der Serie. Sie sorgt auch dafür, dass die Gesellschafts- und Polizeikritik der Autoren nicht als einseitig abgetan werden kann. Die guten Polizisten um das Ermittlerteam von Martin Beck werden als Individuen gezeichnet. Ihre politische Haltung ist eher im linken Spektrum verortet, dem Einsatz von Waffen stehen sie skeptisch gegenüber. Insbesondere Beck sieht Verbrecher nicht als Unmenschen, sondern als straffällig gewordene Bürger, für die er ein Verständnis aufbringen kann, das an Maigret erinnert. Die schlechten Polizisten werden als uniforme und uniformierte Typen dargestellt. Sie sind reaktionär, abgestumpft, beschränkt und faul, dafür gewaltbereit und schießwütig.<ref>Ernst Ullrich Pinkert: Der Krimi als Mittel zum Zweck. Die politischen Kriminalromane von Maj Sjöwall & Per Wahlöö – Anspruch und Verwirklichung. Aalborg Universitetsforlag, Aalborg 1979, ISBN 87-7307-051-3, S. 45–49.</ref> Stig Nyman, das „Ekel aus Säffle“, ist ein herausragender Vertreter dieser Spezies: „jener faschistoide Polizist, der seine Untergebenen beispiellos schikaniert und die Bevölkerung terrorisiert“, wie Rudi Kost es formuliert.<ref>Rudi Kost: Bi-ba-Bullenpack. Sjöwall/Wahlöös chronique scandaleuse der Klassengesellschaft. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 7 (online).</ref>
Die schlechten Polizisten verhindern in den Romanen von Sjöwall und Wahlöö keine Verbrechen, sie sorgen erst für ein gesellschaftliches Klima, in dem diese entstehen, und sind damit zusammen mit anderen gesellschaftlichen Faktoren für das Anwachsen der Kriminalität in den 1960er Jahren verantwortlich. Der Roman Das Ekel aus Säffle ist für Pinkert „ein eindringlicher Beleg“ für die These, dass Verbrechen von unsicheren, schwer bewaffneten und falsch ausgebildeten Polizisten provoziert werden und in Notwehr begangen werden.<ref>Ernst Ullrich Pinkert: Der Krimi als Mittel zum Zweck. Die politischen Kriminalromane von Maj Sjöwall & Per Wahlöö – Anspruch und Verwirklichung. Aalborg Universitetsforlag, Aalborg 1979, ISBN 87-7307-051-3, S. 50.</ref> Rudi Kost sieht den Roman in einer Reihe mit Und die Großen lässt man laufen und Verschlossen und verriegelt, wo Täter jeweils von gesellschaftlichen Missständen zu ihrer Tat getrieben werden, die Sjöwall und Wahlöö auf eine Fehlentwicklung der schwedischen Gesellschaft zurückführen.<ref>Rudi Kost: Bi-ba-Bullenpack. Sjöwall/Wahlöös chronique scandaleuse der Klassengesellschaft. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 10 (online).</ref>
Dass Martin Beck am Ende des Romans niedergeschossen wird, markiert für Kost den Anfang des Endes der Reihe, ganz wie bei Nicolas Freelings Van der Valk, einem Vorbild der Serie, fünf Jahre zuvor. Während Beck mit seinem Einfühlungsvermögen dem Triebtäter aus Der Mann auf dem Balkon gewachsen ist, stoßen seine Methoden bei einem schwer bewaffneten Amokläufer, der ohne Rücksicht auf das eigene Leben nur noch Rache nehmen will, an ihre Grenzen. Sein Versuch, die Situation auf seine Art und mit persönlichem Einsatz zu entschärfen, ist rührend, muss aber scheitern. Die Reihe war in ihrer Entwicklung in eine Sackgasse geraten und brauchte in den Folgeromanen neue Impulse.<ref>Rudi Kost: Bi-ba-Bullenpack. Sjöwall/Wahlöös chronique scandaleuse der Klassengesellschaft. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 13 (online).</ref>
Rezeption
Für Unni Lindell ist die Reihe Roman über ein Verbrechen von Sjöwall und Wahlöö ein Klassiker, der eine „Zeitenwende im Genre des Kriminalromans“ markiert. Der Roman Das Ekel aus Säffle liege auf der Linie der gesamten Reihe, in der die politischen Untertöne deutlich sind. Im maskulinen, rauen Milieu der Polizei findet sie gerade in diesem Roman auch ausgesprochen „weibliche Qualitäten“ in den Beschreibungen und Dialogen.<ref>Unni Lindell: Vorwort. In: Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Das Ekel aus Säffle. Rowohlt, Hamburg 2008, ISBN 978-3-499-24447-6, S. 5–7.</ref> Für Jens Lapidus haben Sjöwall und Wahlöö Kriminalität und Polizeiarbeit zum ersten Mal angemessen beschrieben in einer Form, die er auch noch 35 Jahre des Erscheinens in der Realität wiedererkennt. Die Analyse der gesellschaftlichen Veränderungen zur Entstehungszeit in einer solchen literarischen Qualität nennt er „faszinierend“.<ref>„spellbinding“. Zitiert nach: Jens Lapidus: Introduction. In: Maj Sjöwall, Per Wahlöö: The Abominable Man. Vintage, New York 2009, ISBN 978-0-307-39090-5, S. viii–x.</ref>
Verfilmung
Das Buch wurde 1976 von dem schwedischen Regisseur Bo Widerberg verfilmt (Originaltitel: Mannen på taket; deutscher Titel: Der Mann auf dem Dach). Maj Sjöwall fand den Film unter allen Verfilmungen der Beck-Romane „am besten gelungen“, weil der Regisseur das Milieu des Romans „am stimmigsten umgesetzt“ habe.<ref>Zehn nach Zehn. Maj Sjöwall im Gespräch. Interview von Norbert Klugmann und Peter Mathews. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 29.</ref>
Einzelnachweise
<references />
Vorlage:Klappleiste/Anfang Die Tote im Götakanal | Der Mann, der sich in Luft auflöste | Der Mann auf dem Balkon | Endstation für neun | Alarm in Sköldgatan | Und die Großen lässt man laufen | Das Ekel aus Säffle | Verschlossen und verriegelt | Der Polizistenmörder | Die Terroristen Vorlage:Klappleiste/Ende