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Menschenopfer

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Menschenopfer der Azteken im Codex Magliabechiano (16. Jh.)

Als Menschenopfer bezeichnet die Religionswissenschaft die rituelle Tötung von Menschen als Gabe für eine Gottheit im Rahmen von Kulten und Religionen. Das Töten, gegebenenfalls auch als Selbstopfer, und der Umgang mit dem Leichnam gehören dabei zur Kulthandlung.<ref>Katja Triplett: Menschenopfer und Selbstopfer in den japanischen Legenden: Das Frankfurter Manuskript der Matsura Sayohime-Legende. Lit, Münster 2004, ISBN 3-8258-7990-9, S. 17f.</ref>

Solche Darbringungsrituale wurden ähnlich wie Tieropfer vollzogen, waren in der jeweiligen Religion und Kultur allgemein akzeptiert und galten nicht als rechtswidrig.<ref>Hildegard Cancik-Lindemaier: Menschenopfer. In: Hubert Cancik et al. (Hrsg.): Der Neue Pauly: Enzyklopädie der Antike, Band 7. Metzler, Stuttgart 1999, S. 1253</ref>

Umgangssprachlich werden auch rituelle Hinrichtungen, etwa von Normbrechern und sogenannten Hexen, mitunter als Menschenopfer bezeichnet.

Kultische Menschenopfer gab es eventuell schon seit dem Paläolithikum, vermehrt in von Ackerbau und Viehzucht geprägten Gesellschaften des Neolithikums. Sie kamen dort jedoch empirisch weit seltener als Sach- und Tieropfer vor. Sie hatten verschiedene Motive und Zwecke: etwa als Bittopfer in besonderen Notlagen, um den Willen einer Gottheit zu beeinflussen oder zu erkunden, als Bauopfer, Dankopfer (etwa durch Tötung besiegter Gegner), Totenfolge oder Sühne für schwere religiöse Vergehen. Mancherorts waren sie mit Kannibalismus verbunden.<ref>Bernhard Maier: Menschenopfer I. religionswissenschaftlich. In: Lexikon für Theologie und Kirche (LThK) Band 7, Herder, Freiburg 1993, Spalte 117f.</ref> Sie wurden seit der Antike literarisch fremden Völkern nachgesagt und kritisch erörtert. Im Judentum wurden sie früh streng verboten.

Menschenopfer werden offiziell in keinem Land mehr geduldet, sondern als Ritualmorde eingestuft und entsprechend strafverfolgt.

Frühe Belege und Verbreitung

Aus dem Mittelpaläolithikum (ab 300.000 bis 45.000 v. Chr.) stammen einzeln deponierte Schädel mit schweren Verletzungsspuren und erweiterten Hinterhauptlöchern, die eine rituelle Tötung vermuten lassen. Manche dieser seltenen Knochenfunde zeigen Gewaltspuren, die auf Kannibalismus hinweisen könnten. Jedoch ist für diese Frühzeit kaum nachweisbar, dass rituell getötete Menschen tatsächlich verzehrt wurden und diese Anthropophagie Teil eines Opferkults war.<ref>Michael Rind: Menschenopfer, Regensburg 1996, S. 101</ref>

Erst in frühen Hochkulturen kamen Menschenopfer häufiger vor, meist als Totenfolge bei der Bestattung eines Herrschers oder Oberpriesters, um diesem im Jenseits zu dienen.<ref name="VK1257">Volkhard Krech: Opfer und Heiliger Krieg: Gewalt aus religionswissenschaftlicher Sicht. In: John Hogan, Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Springer VS, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-322-80376-4, S. 1257</ref>

Schriftliche Zeugnisse zu Menschenopfern sind weit verbreitet, sollten aber oft Religion und Kultur der jeweiligen Eroberer, Kolonialherrscher und Missionare durchsetzen oder sogar Völkermorde rechtfertigen. Dazu werteten sie den Glauben besiegter Völker ab und diffamierten ihre Kultur als blutrünstig und grausam. Dies geschah besonders in der Religions- und Kolonialgeschichte Europas seit der Antike öfter. Solche Darstellungen gelten daher nicht als zuverlässige Belege.<ref>Katja Triplett: Menschenopfer und Selbstopfer in den japanischen Legenden. Münster 2004, S. 18</ref>

Afrika

Altes Ägypten

Im Alten Ägypten waren staatliche Menschenopfer als Totenfolge beim Begräbnis der Herrscher in der 1. und 2. Dynastie (ca. 3032–2707 v. Chr.) wahrscheinlich üblich. Dies schließt man aus einheitlich gebauten Gräberreihen für Nebenbestattungen in der Nekropole Umm el-Qaab bei den Grabanlagen von Pharaonen in Abydos, später auch in Sakkara. In diesen Gräbern fanden sich Skelettreste meist junger Männer. Man nimmt an, dass sie als Diener gestorbener Herrscher geopfert und mit diesen bestattet wurden.<ref>David Wengrow: The Archaeology of Early Egypt. Cambridge 2006, ISBN 0-521-54374-6, S. 246f.</ref> Diese Totenfolgepraxis endete wohl um 2760 v. Chr., da die Gräber der Pharaonen Peribsen und Chasechemui keine Nebengräber mehr hatten.<ref>Giulio Magli: Architecture, Astronomy and Sacred Landscape in Ancient Egypt. Cambridge University Press, Cambridge 2013, ISBN 978-1-107-03208-8, S. 15</ref>

Epigrafisch dokumentiert sind zudem zeremonielle Opferungen von besiegten Feinden des Pharaos. Deren Verfolgung, Bestrafung und Vernichtung gehörte im Alten Ägypten zu seinen Amtspflichten.<ref>Volkhard Krech: Opfer und Heiliger Krieg: Gewalt aus religionswissenschaftlicher Sicht. In: John Hogan, Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Wiesbaden 2013, S. 1257</ref>

Nubien

In Nubien sind Menschenopfer als Totenfolge bei Königsbestattungen in zwei Perioden zuverlässig bezeugt. In der Kerma-Kultur (bis etwa 1550 v. Chr.) wurden viele Gefolgsleute mit ihrem Herrscher bestattet. In den Königsgräbern in Kerma fanden sich hunderte Leichen.<ref>Rudolf Fischer: Die schwarzen Pharaonen. Manfred Pawlak, Bergisch Gladbach 1986, ISBN 3-88199-303-7, S. 23f.</ref> Diese Sitte verschwand mit dem Untergang dieser Kultur. Sie ist erst wieder von etwa 300 bis 600 n. Chr. in Ballana und Qustul belegt. Dort fand man große Grabhügel, die zum Teil unternubischen Königen gehörten. Auch damals wurden Gefolgsleute getötet und mitbestattet.<ref>Rudolf Fischer: Die schwarzen Pharaonen, Bergisch Gladbach 1986, S. 235</ref>

Subsahara-Afrika

Die Tiv im zentralen Nigeria schrieben alles Unheil einer magischen Substanz (genannt tsav) zu, die im Menschen wachse. Nach einer Untersuchung von Paul Bohannan (1957/1960) glaubten sie, ihre Ältesten könnten diese Substanz kontrollieren und zum Wohl der Gemeinschaft einsetzen, müssten dazu aber manchmal auch Menschen opfern. Sie wählten das Opfer per Los aus, meist eigene männliche Verwandte. Dessen getöteter Leichnam wurde begraben, dann wieder ausgegraben und vor Fetischen symbolisch erneut geopfert, um das tsav wirksam zu erhalten.<ref name="RS137">Rüdiger Schott: Fetische in Magie und Religion westafrikanischer Völker. In: Annemarie Fiedermutz-Laun (Hrsg.): Zur Akzeptanz von Magie, Religion und Wissenschaft: Ein medizinethnologisches Symposium der Institute für Ethnologie und Anatomie, Westfälische Wilhelms-Universität 1999. LIT, Münster 2002, ISBN 3-8258-5211-3, S. 137f.</ref>

In der Religion der Yoruba in Nigeria sollen der Göttin Oshun noch bis etwa 1950 auch Menschen geopfert worden sein. Dies berichtete die Künstlerin Susanne Wenger, die sich zur Yoruba-Priesterin ausbilden ließ und den Hain Oshuns neu gestaltete.<ref>Rahul Peter Das: Die Widergötter: Rivalisierende 'Götter'-Geschlechter in der Mythologie indogermanischer Völker. Helmut Buske, Hamburg 2011, ISBN 978-3-96769-923-4, S. 20</ref>

In Tansania wurden bis mindestens 2013 weißhäutige Menschen (Albinos) rituell geopfert (ermordet), da ihre Haut und Organe im volkstümlichen Aberglauben als heilbringend galten.<ref>Lawrence Ezekiel Yona Mbogoni: Human Sacrifice and the Supernatural in African History. Daressalam 2013, S. 115–138 (6. Kapitel)</ref> In Uganda wurden zum Teil Kinder als Bauopfer dargebracht.<ref>Lawrence Ezekiel Yona Mbogoni: Human Sacrifice and the Supernatural in African History. Daressalam 2013, S. 139–168 (7. Kapitel)</ref>

Bei den Muti wurden noch bis mindestens 2007 Menschen rituell getötet, um ihre Körperteile für okkulte Heilpraktiken zu verwenden.<ref>Oliver Becker: „Muti-Morde“ in Afrika: Töten für okkulte Medizin. In: Burghart Schmidt, Rolf Schulte (Hrsg.): Hexenglauben im modernen Afrika / Witchcraft in Modern Africa. Hexen, Hexenverfolgung und magische Vorstellungswelten / Witches, Witchhunts and Magical Imaginaries. Dobu, Hamburg 2007, ISBN 978-3-934632-15-8, S. 87–212</ref>

Amerika

Nordamerika

In der Stadt Cahokia, dem Zentrum der Mississippi-Kultur, wurden zwischen 900 und 1200 rund 120 große Grabhügel künstlich aufgeschichtet. In einem davon fand man die kostbar geschmückte, in ein Muschellager gelegte, mit reichen Beigaben versehene Leiche eines „Vogelmannes“ sowie mehr als 250 Leichen um ihn herum, meist mit von hinten eingeschlagenen Schädeln. Die wenigen Männer darunter hatte man zuvor schwer misshandelt; es waren wahrscheinlich Sklaven oder Kriegsgefangene anderer Ethnien. Die meisten waren gesunde, junge Frauen aus Cahokia selbst. Man nimmt an, dass sie geopfert wurden, eventuell als weibliche Verwandte des verstorbenen Herrschers, um andere Thronerben auszuschließen. Das Volk der Natchez opferte die engeren Angehörigen und den Hofstaat des Herrschers.<ref>Martin Zimmermann: Lost Cities: Vom Leben mit verlassenen Städten in den Kulturen der Welt. De Gruyter, Berlin 2023, ISBN 978-3-11-107184-8, S. 99</ref>

Die Pawnee opferten ab und zu ein Mädchen aus einem anderen Stamm, um die Fruchtbarkeit ihrer Felder zu sichern. Bekannt wurde ihr Ritual im April 1838: Damals wurde ein junges Mädchen geschmückt durchs Dorf geführt und empfing an jedem Wigwam ein Geschenk. Am Opferplatz wurde es mit roter und schwarzer Farbe bemalt und gefesselt. Dann wurde es in brennender Glut zu Tode geröstet und zugleich mit Pfeilen beschossen, um viel Blut fließen zu lassen.<ref>Michael Rind: Menschenopfer, Regensburg 1996, S. 27</ref> Anlass des Rituals soll ein Traum eines Kriegers gewesen sein. Man vermutet, dass die Pawnee das Ritual aus Mexiko übernahmen, da Bilder von dort eine ähnliche Opfermethode zeigen.<ref>Willy Schroeter: Die Jagd- und Kriegswaffen der Indianer Nordamerikas. Verlag für Amerikanistik, Wyk auf Föhr 1987, ISBN 3-924696-20-9, S. 181</ref>

Mittelamerika

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Codex Tudela, Opferung der Gefangenen für die Götter.

In den alten Kulturen Mittelamerikas sind Menschenopfer ikonografisch, epigrafisch und paläografisch bereits früh und vielfältig belegt.<ref>Michael Rind: Menschenopfer, Regensburg 1996, S. 92</ref> Dies bestätigten unter anderem viele Skelettfunde mit Opfermerkmalen in Teotihuacan, etwa im Mondtempel der Göttin Quetzalcoatl.<ref>Hans-Joachim Löwer: Ruinenstadt Teotihuacán: Gräbersuche in der Stadt der Menschenopfer. Spiegel, 5. November 2006; Daniel Lingenhöhl: Grausige Grundsteinlegung. Spektrum.de, 3. Dezember 2004; Teotihuacaner opferten Fremde. Spektrum.de, 14. April 2007</ref> Ausmaß, Methoden, Zwecke und gesellschaftliche Bedeutung dieser Opfer werden in der Forschung stark diskutiert.

In der Maya-Zivilisation (ab etwa 1500 v. Chr.) waren sie zwar fester Teil des Kults, wurden aber relativ selten und nur zu besonderen Anlässen vollzogen, etwa zur Tempeleinweihung, bei Orakelbefragungen, in Notzeiten (Dürren, Hungersnöten etc.) oder zum Dank für militärische Erfolge.<ref>Klaus Helfrich: Menschenopfer und Tötungsrituale im Kult der Maya. Gebr. Mann, Berlin 1973, ISBN 3-17-020029-1, S. 26–45</ref>

Im Kultzentrum Chichén Itzá aus der Spätzeit der Maya (700–1100) sind Menschenopfer als religiöse Kunst dargestellt, etwa als Reliefs von Gefangenen, denen das Herz herausgeschnitten wird, von Kriegern oder Ballspielern, die Schädel als Trophäen hochhalten, oder Schädeln in großen Bällen am Ballspielplatz. Manche Inschriften verbinden diese Spiele eventuell mit Enthauptungen und Feuerritualen. Im Cenote (Opferbrunnen) der Anlage wurden etliche Skelette gefunden, darunter ein als Behälter zum Feueranzünden benutzter Schädel. Das Tzompantli zeigt Reliefs menschlicher Schädel, wie sie auch auf anderen Opferplätzen ausgestellt wurden. Wandbilder im Kriegertempel und Jaguartempel der Anlage zeigen das Opfer von Menschenherzen. Stehende Figuren mit Totenschädeln stellen Götter dar, deren Verhältnis zu den Menschenopfern unklar ist.<ref>Virginia E. Miller: Skeletons, Skulls, and Bones in the Art of Chichén Itzá. In: Andrea Cucina, Vera Tiesler: New Perspectives on Human Sacrifice and Ritual Body Treatments in Ancient Maya Society. New York 2007, S. 169–172 und 179</ref>

Die Azteken hatten 1428 einen Dreistädtebund gebildet, der bis 1500 zur dominierenden Macht Mittelamerikas aufstieg. Folglich deuteten sie ihren Stammesgott Huitzilopochtli bis etwa 1450 zu einem Kriegsgott um. Bis zur Ankunft der Conquistadores (1519) entfaltete sich der Opferkult der Azteken stark, um das viele Völker umfassende Aztekenreich zusammenzuhalten.<ref>Roland Bernhard: Geschichtsmythen über Hispanoamerika: Entdeckung, Eroberung und Kolonisierung in deutschen und österreichischen Schulbüchern des 21. Jahrhunderts. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8471-0204-5, S. 136</ref> Nach ihrem Glauben mussten dem Hauptgott zum Erhalt des Kosmos und des täglichen Sonnenaufgangs viele Opfer gebracht werden, darunter die als besonders wertvoll geltenden Menschenherzen.<ref>Hanns J. Prem: Geschichte Altamerikas. 2., völlig überarbeitete Auflage, De Gruyter, Berlin 2008, S. 47–50</ref>

Nach einem zeitgenössischen spanischen Bericht verlief das Opfer auf der Tempelpyramide der Hauptstadt Tenochtitlan wie folgt: Priester schnitten einem auf einen Steinaltar gefesselten lebenden Menschen das Herz mit einem Messer aus Obsidian heraus, hielten es der Sonne entgegen, verbrannten es dann in einer Adlerschale und bestrichen Götterbilder mit dem Blut. Leib und Eingeweide der Getöteten warf man Raubtieren zum Fraß vor. Einige der Opfer waren gefangene Spanier.<ref>Georg A. Narciss (Hrsg.): Bernal Díaz del Castillo: Wahrhafte Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Mexiko. Insel, Frankfurt am Main 1981, S. 261</ref> Nach dem Kodex Telleriano-Remensis opferten die Azteken im Jahr 1487 zur Einweihung des Templo Mayor in vier Tagen und vier Nächten 20.000 Menschen und verzehrten deren Arme und Beine rituell. Während Peter Hassler den Bericht 1992 als maßlos übertrieben oder als Fehldeutung symbolischer Opferhandlungen einstufte,<ref>Peter Hassler: Menschenopfer bei den Azteken? Eine quellen- und ideologiekritische Studie. Peter Lang, Bern 1992, ISBN 3-261-04587-6</ref> bezweifelte Hanns J. Prem nur die Opferzahl, nicht das Ereignis.<ref name="SP25Mai03">Matthias Schultz: Totenkult am Feuerberg. Warum haben die Azteken Menschen gehäutet und Kinder geopfert? Spiegel, 25. Mai 2003</ref> Man hält von 4.000 bis zu 20.000 Opfer an jenem Tag für möglich.<ref>The Conquest of the Aztecs: The Lives and Legacies of Cortés, Montezuma, and the Aztec Empire. Charles River Editors, 2025, ISBN 978-1-4753-3410-4, S. 23</ref>

Beim 14-tägigen Ochpaniztli, einem Jahresfest des Azteken-Kalenders zu Ehren der Urmuttergöttin Coatlicue (Toci), stellte eine junge Frau die Göttin dar und wurde zuletzt geopfert. Ein junger Mann trug ihre Haut und führte vier Gefangene zum großen Tempel, wo sie und viele weitere lebendig geopfert wurden.<ref>John F. Schwaller: The Fifteenth Month: Aztec History in the Rituals of Panquetzaliztli. University of Oklahoma Press, 2019, ISBN 978-0-8061-6411-3, S. 162</ref> Beim dreiwöchigen Frühjahrsfest Tlacaxipenaliztli für den Fruchtbarkeitsgott Xipe Totec sollen alle Kriegsgefangenen, auch Frauen und Kinder, massenhaft geopfert und gehäutet worden sein.<ref>Linda Hansen: Aztec sacrificial celebrations as entertainment? In: Matthew J. Walsh, Sean O'Neill, Marianne Moen, Svein H. Gullbekk (Hrsg.): Human Sacrifice and Value: Revisiting the Limits of Sacred Violence from an Anthropological and Archaeological Perspective. Taylor & Francis, London 2023, ISBN 978-1-00-098186-5, S. 362</ref>

Tendenziöse spanische Berichte, etwa von Juan Ginés de Sepúlveda, dämonisierten die Opferrituale der Azteken, prägten das Bild der mittelamerikanischen Kulturen und rechtfertigten ihre Zerstörung. Dagegen spielte Bartolomé de Las Casas Menge und Grausamkeit der aztekischen Menschenopfer herunter und deutete sie als altruistische Hingabe analog zum christlichen Selbstopfer.<ref>Georg Jochum: »Plus Ultra« oder die Erfindung der Moderne: Zur neuzeitlichen Entgrenzung der okzidentalen Welt. transcript, Bielefeld 2017, ISBN 978-3-8394-3697-4, S. 284f. und Fn. 64</ref>

Doch bis 2003 bestätigten archäologische Funde viele Details der spanischen Erstberichte. Eine runde Steinplatte am Fuß der Pyramide bildet die zerfetzte Mondgöttin Coyolxauhqui ohne Kopf und mit aus dem Hals züngelnden Schlangen (herausschießendem Blut) ab: Demnach sollte das Zerstückeln, Köpfen und Hinabwerfen der geopferten Körper den mythischen Sturz der Mondgöttin durch Huitzilopochtli abbilden. Auch die Vorbereitung der Opfer durch rituelle Bäder und Kostümierung mit Federn, Papierschlangen oder Fellen wurden erwiesen. Bezweifelt wurden nur die Methode, mit der man ihr Herz herausschnitt, und der Kannibalismus. Diesen bezeugt auch die Crónica Mexicana von 1598. Demnach verhaftete eine aztekische Religionspolizei gezielt Rebellen, „um sie zu verbrennen und zu essen“.<ref name="SP25Mai03" />

Die meisten Opfer waren Kriegsgefangene, die die Azteken bei ihren vielen Kriegszügen (genannt Blumenkriege) erbeuteten. Man fing sie in Massen, um sie den Göttern zu opfern, so im eigenen mythischen Glaubenssystem das Leben des Kosmos zu erneuern und zugleich die besiegten Völker zu unterwerfen und niederzuhalten.<ref>David M. Carballo: Collision of Worlds: A Deep History of the Fall of Aztec Mexico and the Forging of New Spain. Oxford University Press, Oxford 2020, ISBN 978-0-19-086437-8, S. 203</ref>

Bei Ausgrabungen in Tenochtitlan fand man bis 2003 in der Hauptpyramide 60 Menschenschädel, die mit Obsidianbeilen abgehackt worden waren. In der Kapelle des Wettergotts Tlaloc lagen 42 Skelette von vier- bis siebenjährigen Kindern. Man vermutet, dass sie bei einer Dürre geopfert wurden. Ferner fand man im Tempelbezirk verkohlte Knochen, vermutlich von Priestern, und zertrümmerte Frauenleichen.<ref name="SP25Mai03" /> Früher schätzte man, dass in der Blütezeit des dortigen Kults bis zu 15.000 Menschen pro Jahr dafür geopfert wurden.<ref>Hanns Prem: Die Azteken: Geschichte – Kultur – Religion. (1996) 5. Auflage, Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-45835-4, S. 92</ref> Seit 2018, als das Tzompantli des großen Tempels ausgegraben wurde, schätzt man die Opferzahl wegen hunderter Schädelfunde und der Ausmaße des Opfergestells auf einige Tausend pro Jahr.<ref>Lizzie Wades: Feeding the gods: Hundreds of skulls reveal massive scale of human sacrifice in Aztec capital. Science, 21. Juni 2018</ref>

Nach spanischen Quellen gehörte zur ursprünglichen Form des aztekischen Spieles Ulama die anschließende Opferung der gesamten Verlierermannschaft, nach anderer Lesart der Siegermannschaft. In Zultepec fand man die Überreste von etwa 400 Menschen. Die meisten von ihnen gehörten ursprünglich zum Tross des Pánfilo de Narváez und waren mit ihm nach Mexiko gekommen. Etwa 550 Personen wurden von den Kriegern aus Texcoco gefangen, nach Zultepec geschafft, dort über mehrere Monate hinweg geopfert und zum Teil verspeist.

Die Azteken sollen adlige Opfer zuweilen im rituellen Kampf getötet haben: Dem Geopferten, der lediglich einen Lendenschurz trug und an den Boden gekettet war, habe man eine Waffe und einen Schild gegeben und er musste dann bis zu seinem Tod gegen einen gepanzerten Jaguarkrieger kämpfen. In der alten Totonaken-Stätte El Tajín sollen ebenfalls Spiele veranstaltet worden sein, bei denen der Führer des Verliererteams geköpft wurde.

Südamerika

Auch in Südamerikas Anden-Region waren Menschenopfer früh verbreitet. Sie sind schon für die ältere Moche-Kultur nachgewiesen, etwa durch Grabfunde auf den Chincha-Inseln. Geopfert wurden meist Kriegsgefangene oder Verlierer ritueller Kämpfe. Die späteren Inka vollzogen Menschenopfer jedoch nicht regelmäßig und meist als Totenfolge.<ref>Martin Schmid: Die Mochica an der Nordküste Perus: Religion und Kunst einer vorinkaischen andinen Hochkultur. Diplomica, Hamburg 2008, ISBN 978-3-8366-6806-4, S. 12 und Fn. 42</ref>

In ihrem früheren Herrschaftsbereich fand man seit 1954 öfter einzelne Mumien von geopferten Kindern, so fünfmal in Argentinien, einmal in Chile, einmal im Krater des Ampato-Vulkans in Peru. Dort fand man 1995 die gut erhaltene Mumie eines Mädchens (in Berichten „Juanita“ genannt), das um 1500 als gesunde 14-Jährige geopfert worden war. Auf dem Gipfel des Vulkans Llullaillaco fand man 1999 drei weitere, bestens erhaltene Mumien mit hunderten wertvollen Grabbeigaben: eine beim Tod 13-Jährige, ein fünfjähriges Mädchen und einen fünfjährigen Jungen. Sie waren wochenlang mit Mais, Lamafleisch, Kokain, Chicha und Alkoholgetränken ernährt worden. Zuletzt waren sie mit einer hohen Drogendosis betäubt und dann lebendig begraben worden. Sie waren bewusstlos im Grab erfroren.<ref>Ulrike Peters: Die Inka: Aufstieg - Untergang - Erbe. Marix, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-8438-0541-4, S. 248f.</ref>

2017 fand man bei Trujillo (Peru) 140 Skelette von fünf bis 14 Jahre alten Jungen und Mädchen mit aufgetrennten Brustkörben, zusammen mit 200 Lamaskeletten. Allen war offenbar das Herz herausgeschnitten worden. Das Massenopfer erfolgte um 1470 bei Chan Chan, der damaligen Hauptstadt des Chimú-Reiches, eventuell als Versuch, eine Überschwemmung der Metropole aufzuhalten.<ref>Jörg Römer: Peru: Archäologen entdecken Massengrab mit geopferten Kindern. Spiegel, 28. April 2018</ref>

Bei den Aymara-Indianern im Bergland Perus sollen noch 1989 Menschen auf Hochaltären geopfert worden sein.<ref>Patrick Tierney: The Highest Altar: Unveiling the Mystery of Human Sacrifice. Penguin, London 1990, ISBN 978-0-14-013974-7, S. 16 (Einleitung)</ref>

Ozeanien{{#invoke:Vorlage:Anker|f |errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Anker |errHide=1}}

Nach einer vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie durchgeführten umfassenden Studie waren Menschenopfer in mindestens 40 von 93 historischen Kulturen des pazifisch-austronesischen Raums (Australien und Ozeanien, unter anderem mit Taiwan, Indonesien, Melanesien, Mikronesien, Polynesien, Neuguinea, Neuseeland, Osterinsel, Hawaii) üblich. Anlässe waren etwa das Begräbnis eines Anführers, die Einweihung eines Boots oder Gebäudes oder die Bestrafung von Norm- und Tabubrüchen. Die Initiatoren gehörten meist zu den Machthabern, die Opfer waren meist Sklaven oder andere Unterschichtsangehörige. Stark hierarchische Kulturen übten besonders oft Menschenopfer. Sie dienten zur sozialen Kontrolle, indem sie die Macht der Priester und Häuptlinge über Leben und Tod demonstrierten, deren Rolle als Abgesandte der Götter stärkten und das Opfer übernatürlich rechtfertigten. Historisch leiteten sie oft die Entwicklung zu einer hierarchisch geschichteten Gesellschaft ein, etablierten soziale Klassenunterschiede und hielten diese aufrecht.<ref>Joseph Watts, Oliver Sheehan, Quentin D. Atkinson, Joseph Bulbulia, Russell D. Gray: Ritual human sacrifice promoted and sustained the evolution of stratified societies. In: Nature 532, 2016, S. 228–231 (kostenpflichtig); Inhaltsangabe: Die dunkle Seite der Religion: Wie Menschenopfer dazu beitrugen, hierarchische Gesellschaften aufzubauen. Max-Planck-Institut für Geoanthropologie, 4. April 2016; Emily Benson: Human sacrifice may have helped societies become more complex. Science, 4. April 2016</ref>

Asien

China

Im Chinesischen Altertum ab etwa 3000 v. Chr. opferten Beamte der jeweiligen Herrscher den Flussgottheiten des Huang-He, an die die Landbevölkerung glaubte, nach akribisch festgelegten Ritualen junge Männer und Frauen. Das sollte die als Zorn der Götter verstandenen regelmäßigen Überschwemmungen verhindern, durch die tausende Bewohner der Uferregionen ertranken.<ref>Klaus Flessel: Huang-ho und die historische Hydrotechnik. Brill, Leiden 2025, ISBN 978-90-04-61228-0, S. 21</ref>

In der Shang-Dynastie (1766–1080 v. Chr.) mussten jeweils Dutzende Diener und Konkubinen den Königen ins Grab folgen. In der Zeit der späten Zhou-Dynastie sind diese Bräuche nur noch vereinzelt belegt.<ref>Klaus Feldmann, Udo Tworuschka, Joachim Wittkowski (Hrsg.): Sterben und Tod: Geschichte – Theorie – Ethik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Metzler, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-476-05328-2, S. 361; Robert L. Thorp: China in the Early Bronze Age: Shang Civilization. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 2005, ISBN 0-8122-3910-5</ref>

In Königsgräbern von Yinxu liegen geschätzt mehr als 13.000 geköpfte und verstümmelte junge männliche Tote aus den letzten 200 Jahren der Shang-Dynastie (1200–1000 v. Chr.). Sie waren wahrscheinlich Kriegsgefangene aus entfernten Regionen, die jahrelang als Arbeitssklaven interniert, nur mit Hirse ernährt und bei Bedarf in Gruppen geopfert wurden. Dies bestätigen damalige Grafiken, wonach der König bei günstigen Orakeln Adligen und Vasallen Menschenopfer für verschiedene Gottheiten erlaubte. Darunter waren auch aufwändig bestattete Vertraute oder Angehörige des Königs. Mit den Menschenopfern festigte die Oberschicht ihre Macht und hierarchische Gesellschaftsordnung.<ref>Christina Cheung et al.: Diets, Social Roles, and Geographical Origins of Sacrificial Victims at the Royal cemetery at Yinxu, Shang China: New evidence from stable carbon, nitrogen, and sulfur isotope analysis. In: Journal of Anthropological Archaeology, Band 48, Dezember 2017, S. 28–45</ref>

Indien

In der Veda (800–500 v. Chr.) fordern das Vajasaneyi-Samhita und das Shatapatha-Brahmana im Kontext detaillierter Ritualregeln neben Tieropfern auch Menschenopfer (auf Sanskrit purushamedha). Henry Thomas Colebrooke machte diese Texte 1805 in Europa bekannt und deutete sie als symbolische Zeremonien. Er folgerte das aus der Anweisung, 184 Männer aller Stämme, Charaktere und Berufe an elf Pfosten zu fesseln, aber nach einer Opferhymne unverletzt freizulassen und statt ihrer Butteroblaten zu opfern. Seitdem wird Colbrookes These in der Indologie diskutiert. Éric Pirart folgte ihr 1996: Menschenopfer bei alten indogermanischen Stämmen seien offenbar nur fiktiv; das vedische Ritual dazu ahme das im selben Kontext geforderte Pferdeopfer nach. Auch er stützte sich dazu auf die Freigabe der schon geweihten Männer. Dagegen versuchte Asko Parpola textimmanent ohne Bezug auf archäologische Belege nachzuweisen, dass die Veden an einen früheren realen Menschenopferkult erinnern, den sie abmilderten und umwandelten.<ref>Asko Parpola: Human Sacrifice in India in Vedic Times and before. In: Jan N. Bremmer (Hrsg.): The Strange World of Human Sacrifice. Leuven 2007, S. 157–178, hier S. 161</ref>

Dazu trug das Prinzip des Nichttötens und Nichtverletzens (Ahimsa) bei, das ab etwa 900 v. Chr. im Hinduismus auftauchte. Es sollte die Gewalt in religiösen Riten neutralisieren und entsakralisieren. Im späteren Jainismus und Buddhismus wurde es zur Grundforderung für das ganze Leben.<ref>Thomas Vollmer: Das Heilige und das Opfer: Zur Soziologie religiöser Heilslehre, Gewalt(losigkeit) und Gemeinschaftsbildung. Springer VS, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-92101-3, S. 214</ref> Die wenigen späteren Erzählungen von Menschenopfern, etwa in einem buddhistischen Jataka, gelten alle als Legenden und Fantasien.<ref>Dieter Schlingloff: Menschenopfer in Kauśāmbī. In: Indo-Iranian Journal, Band 11, Nr. 3, 1968–69, S. 175–189, hier S. 175–178</ref>

Das Kalika Purana für Durga (eine Inkarnation der Göttin Kali) listet die ihr genehmen Opfer auf, darunter neben etlichen Tierarten auch den Menschen und das eigene Körperblut des Gläubigen. Erstere sättigten die Göttin nur einen Monat, letztere dagegen 1000 Jahre lang.<ref>Hillary Rodrigues: Ritual Worship of the Great Goddess: The Liturgy of the Durgā Pūjā with Interpretations. University of New York Press, New York 2012, ISBN 978-0-7914-8844-7, S. 339, Fn. 2</ref>

Im Kalighat-Tempel in Kolkata wurde laut dem Indologen Heinrich Zimmer noch bis etwa 1830 jährlich ein Freiwilliger enthauptet und zum Teil rituell verspeist. Als sich keine Freiwilligen mehr meldeten, ließ ein Raja Menschen für das Opfer jagen. 1832 besetzten die Briten sein Gebiet, beendeten die Menschenjagd und verboten die Menschenopfer für Kali. Diese wurden durch massenhafte Tieropfer zum jährlichen Wallfahrtsfest Durga Puja ersetzt.<ref>Heinz-Günther Stobbe: Religion, Gewalt und Krieg: eine Einführung. Kohlhammer, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-021372-2, S. 71</ref>

Bei einer blutigen Strafexpedition nach Ostindien gegen indische Steuerverweigerer um 1830 erfuhr die Britische Ostindien-Kompanie von traditionellen religiösen Kinderopfern der um Odisha lebenden Kondh. Ab 1836 versuchten britische Beamte und Missionare erfolglos, diesen Kult zu unterdrücken. Dies gelang erst dem 1845 eingesetzten Samuel Charteris Macpherson bis etwa 1865. Er benutzte dazu eine Hilfstruppe der Kondh, ließ viele Kondh hinrichten und ihre Dörfer niederbrennen. Bei diesem Feldzug wurde die Region noch stärker kolonisiert.<ref>Lourens van den Bosch: Human sacrifice among the Konds. In: Jan Bremmer (Hrsg.): The Strange World of Human Sacrifice. Leuven 2007, S. 195–197</ref>

2006 rechtfertigte ein Inder in Delhi seinen Ritualmord an seinem Sohn mit einem Befehl der Todesgöttin Kali, den er im Traum erhalten habe. Laut indischen Medienberichten wurden bis mindestens 2008 auch in indischen Großstädten öfter Kinder entführt, um sie rituell zu opfern.<ref>Olaf Ihlau: Weltmacht Indien: Die neue Herausforderung des Westens. Random House, London 2008, ISBN 978-3-89480-411-4, S. 164f.</ref>

Europäer bezeugten seit 1500 immer wieder die in Teilen Indiens und auf Java üblichen Witwenverbrennungen bei der Bestattung hochstehender Ehegatten.<ref>Ortwin Pelc: Mythen der Vergangenheit: Realität und Fiktion in der Geschichte: Jörgen Bracker zum 75. Geburtstag. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2012, ISBN 978-3-89971-934-5, S. 103 und Fn. 25</ref> Sie sind vielfach nachgewiesen.<ref>Nicole-Manon Lehmann: Über den Tod hinaus. Sati, das Ideal der Kshatriya-Ehefrau. In: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Band 22. Berlin 2001, S. 49–72</ref> Sie wurden 1830 in Britisch-Indien verboten, blieben mancherorts jedoch auch nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft (1947) üblich. Ein Witwenopfer wurde 1987 registriert,<ref>Jörg Fisch: Tödliche Rituale: Die indische Witwenverbrennung und andere Formen der Totenfolge. Campus, Frankfurt am Main 1998, ISBN 978-3-593-36096-6, S. 18</ref> ein weiteres 2008 im Bundesstaat Chhattisgarh.<ref>Benazir Lobo-Bader: Frauen in Indien. In: Tom Koenigs et al. (Hrsg.): Die Hälfte der Gerechtigkeit? Das Ringen um universelle Anerkennung von Menschrechten für Frauen. Das Beispiel Asien. Barbara Budrich, Leverkusen 2010, ISBN 978-3-86649-676-7, S. 178</ref>

Bhutan, Nepal, Tibet

In Tibets früherer Bön-Religion opferten Adelige bei Königsbestattungen massenhaft Sklaven, Untertanen, Frauen und Tiere als Totenfolge. Der Buddhismus in Tibet transformierte diesen Kult ab etwa 700 n. Chr. zu symbolischen, unblutigen Opfern. Der buddhistische Einfluss und eine strenge Zentralregierung sorgten bis etwa 1989 dafür, dass auch die Sherpas in Nepal kaum noch blutige Opfer vollziehen. Beim traditionellen Durga-Puja-Fest (dort Dasain genannt) opfern sie noch Tiere zur Befreiung von Sünden. Bei anderen Ritualen repräsentieren Puppen, Fetische, zuweilen auch ein menschlicher Leichnam, die früheren Menschenopfer.<ref>Robert A. Paul: The Sherpas of Nepal in the Tibetan Cultural Context. Motilal Banarsidass, 1989, ISBN 81-208-0568-2, S. 95–100</ref>

Mesopotamien

Die in Mesopotamien entdeckten Königsgräber von Ur von etwa 2700 v. Chr. enthielten eine Grabkammer für rund 80 Gefolgsleute, die mit zwei Herrschern und einer Herrscherin bestattet worden waren.<ref>Dietz Otto Edzard: Geschichte Mesopotamiens von den Sumerern bis zu Alexander dem Großen. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51664-5, S. 46</ref> Trinkbecher neben jedem dieser Skelette ließen den Ausgräber Leonard Woolley vermuten, dass sie durch einen Gifttrank starben, eventuell als freiwillige Totenfolge.<ref>Gebhard J. Selz: Sumerer und Akkader: Geschichte, Gesellschaft, Kultur. Beck, München 2022, ISBN 978-3-406-78429-3, S. 45f.</ref> Schlagspuren auf einigen Schädeln stellten diese These jedoch in Frage und machten gewaltsame rituelle Tötungen wahrscheinlich.<ref>Wu Mingren: The Great Death Pit of Ur: Mass Human Sacrifice in Ancient Mesopotamia. Ancient Origins, 30. Juni 2018</ref>

Levante

In der Levante und der zugehörigen Region Palästina sind Menschenopfer in Altertum und Antike archäologisch, ikonografisch und literarisch nicht zuverlässig belegt. Sie kamen allenfalls anlassbezogen und vereinzelt, nicht aber als regelmäßiger, institutionalisierter Teil regionaler Kulte vor. Einzelne Skelette unter Hausfußböden in Gezer, Megiddo und Taanak wurden früher als Bauopfer gedeutet, waren nach neuen Analysen jedoch rituell bestattete Tote.<ref>Tomohisa Yamayoshi: Von der Auslösung zur Erlösung: Studien zur Wurzel PDY im Alten Orient und im Alten Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN 978-3-7887-2605-8, S. 184</ref>

Die hebräische Bibel (der Tanach) überliefert ein Bauopfer (Vorlage:Bibel/Link), ein Notopfer (Vorlage:Bibel/Link), ein Gelübdeopfer (Vorlage:Bibel/Link) und einige Kinderopfer (Vorlage:Bibel/Link; 20{{#if:1–5|,1–5}} {{#switch: EU | NA =EU | OT | BHS =EU | LXX =EU | VUL =EU | #default =EU}}; Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link; 23{{#if:10|,10}} {{#switch: EU | NA =EU | OT | BHS =EU | LXX =EU | VUL =EU | #default =EU}}; Vorlage:Bibel/Link; 19{{#if:5f.|,5f.}} {{#switch: EU | NA =EU | OT | BHS =EU | LXX =EU | VUL =EU | #default =EU}}; 32{{#if:35|,35}} {{#switch: EU | NA =EU | OT | BHS =EU | LXX =EU | VUL =EU | #default =EU}}; Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link und öfter). Diese Texte wurden lange Zeit als historisch verlässliche Berichte fehlgedeutet und dienten besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert dazu, dem Judentum eine religiöse Tendenz zu Ritualmorden zu unterstellen. Diese Sicht war Teil des christlichen Antijudaismus und sollte mittelalterliche Ritualmordlegenden untermauern.<ref name="LThK118">Christian Frevel: Menschenopfer II. Altes Testament. In: LThK Band 7, Freiburg 1993, Spalte 118</ref> Das Zerrbild einer angeblichen jüdischen „Moloch-Religion“ ging in den modernen Antisemitismus ein, besonders in Deutschland.<ref>Andrea Hoffmann: Die kulturelle Seite des Antisemitismus zwischen Aufklärung und Shoah. Tübinger Vereinigung für Volkskunde, Tübingen 2006, S. 52 und 59–61</ref> Später wurden die biblischen Opfernotizen vorisraelitischen Kulten Kanaans zugewiesen. Beide Sichten sind durch die Forschung überholt.<ref name="LThK118" />

In Vorlage:Bibel/Link verbietet Josua im Namen JHWHs strikt den Wiederaufbau der bei der Landnahme der Israeliten eroberten und zerstörten Stadt Jericho und belegt ihn mit einem Fluch. Laut 1 Kön 16,34 versucht der Israelit Hiel die Stadt dennoch wiederaufzubauen und opfert dabei seine beiden Söhne. Darin erfüllt sich der angekündigte Fluch; das Bauopfer erscheint als Straffolge des Ungehorsams gegen JHWH. Auch hier wurde ein realer Kinderopferbrauch in Nordisrael vermutet. Doch im biblischen Kontext steigert die einmalige Episode den Götzendienst der synkretistischen Religionspolitik des Königs Ahab und bahnt den Kampf des Propheten Elija gegen den kanaanäischen Ba’al-Kult (Vorlage:Bibel/Link) an.<ref>Steve McKenzie: Internationaler Exegetischer Kommentar zum Alten Testament: 1 Könige 16 – 2 Könige 16. Kohlhammer, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-17-034044-2, S. 90f.</ref> Weder eine Zerstörung noch ein Wiederaufbau Jerichos sind archäologisch belegt.<ref>Christian Frevel: Geschichte Israels. Kohlhammer, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-17-029228-4, S. 74</ref>

Nur 2 Kön 3,27 erzählt von einem absichtlichen Menschenopfer: Um eine Kriegsniederlage abzuwenden, habe König Mescha seinen erstgeborenen Sohn für den Nationalgott Kemosch geopfert, um diesen zum Eingreifen zugunsten der Moabiter zu bewegen.<ref name="LThK119f">Christian Frevel: Menschenopfer II. Altes Testament. In: LThK Band 7, Freiburg 1993, Spalte 119f.</ref> Dies verstanden Alttestamentler früher oft als Hinweis auf ein bei den Kanaanäern übliches Opfer der Erstgeburt. Sie nahmen an, dieses habe die Toragebote zur „Auslösung des Sohnes“ durch ein Tieropfer beeinflusst (Ex 13,2.13.15; 22,28f; 34,20 und andere). Die Ablösung von Menschenopfern durch Tieropfer stehe auch hinter den Erzählungen zur Bindung Isaaks (Vorlage:Bibel/Link) und zum Opfer von Jephthas Tochter (Ri 11,29–40). Sie setzten also ein analoges Erstgeburtsopfer im vorstaatlichen Judentum voraus.<ref>Johannes Roth: „Sie gingen, sie beide gemeinsam“: Genesis 22 in der neueren Exegese und in Predigttexten. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021, ISBN 978-3-8470-1131-6, S. 121–123</ref>

2010 wurden punisch-karthagische Belege für Kinderopfer im Mittelmeerraum entkräftet. Seitdem halten viele Exegeten die Ablösungsthese für eine Fehldeutung jener Bibeltexte. Sie verweisen darauf, dass Gen 22 Abrahams unbedingten Glaubensgehorsam zeigen will, sich nicht mit Kinderopfern allgemein befasst und Tieropfer als etabliert voraussetzt.<ref>Bernd Janowski: Ein Gott, der straft und tötet? Zwölf Fragen zum Gottesbild des Alten Testaments. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020, ISBN 978-3-7887-3472-5, S. 122 und Fn. 14</ref> Ri 11 stellt die Folge eines Gelübdes, kein rituelles Menschenopfer dar. Nur die unklare Stelle Vorlage:Bibel/Link verbindet Kinderopfer mit dem biblischen Erstgeburtsrecht.<ref name="LThK119f" />

Moloch wird stereotyp als Dämon, der Kindesopfer verlangt, dargestellt (Vorlage:Bibel/Link, 20{{#if:2–5|,2–5}} {{#switch: EU | NA =EU | OT | BHS =EU | LXX =EU | VUL =EU | #default =EU}}; Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link). Dieser Gottesname ist außerbiblisch unbelegt; gemeint sein könnte der Milkom der Ammoniter, der Melkart von Tyros, der kanaanäische Unterweltsgott Malik<ref name="LThK119f" /> oder der assyrische Adramelech. Auch diesem sollen laut Vorlage:Bibel/Link und moabitischen Belegen Kinder geopfert worden sein. Alle diese Namen enthalten den semitischen Wortstamm mlk für „König, Herr“. Weil ein Verb mlk auch auf karthagischen Urnen für Kinder gefunden wurde, nahm man einen allgemeinen Kinderopferkult im Mittelmeerraum und Kanaan an. 1935 bewies Otto Eißfeldt philologisch, dass das Verb mlk kein Gottesname war und nichts mit dem biblischen Moloch zu tun hatte.<ref name="KK45f" />

Jeremia bekämpfte Menschenopfer vor 586 v. Chr. in JHWHs Namen als Götzendienst und schweren Bruch der Tora (Vorlage:Bibel/Link). So klagt JHWH in Vorlage:Bibel/Link:

{{#ifeq: {{{vor}}}@@-@@{{{nach}}} | -@@-@@- | {{#if:trim|Auch haben sie die Kulthöhe des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist.}} | {{#ifeq: {{#if:|{{{vor}}}|@#@}}{{#if:|{{{nach}}}|@#@}} | @#@@#@ | {{#ifeq: de | de | „{{#if:trim|Auch haben sie die Kulthöhe des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist.}}“ | {{#invoke:Text|quoteUnquoted| Auch haben sie die Kulthöhe des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist. | {{{lang}}} }} }} | {{#ifeq: {{#if:|{{{vor}}}|-}} | - | | {{{vor}}} }}{{#if:trim|Auch haben sie die Kulthöhe des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist.}}{{ #ifeq: {{#if:|{{{nach}}}|-}} | - | | {{{nach}}} }} }} }}{{ #if: || }}

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}} Laut 2 Kön 23,10 hatte König Joschija diese Kultstätte in Jerusalem schon zerstört. Vorlage:Bibel/Link und 32{{#if:35|,35}} {{#switch: EU | NA =EU | OT | BHS =EU | LXX =EU | VUL =EU | #default =EU}} nennen „Baal“ statt „Moloch“ als den solche Opfer fordernden Gott; Vorlage:Bibel/Link spricht allgemein von „Götzen“. Darum ist fraglich, ob es diesen Kult jemals gab und falls ja, wem und bis wann tatsächlich Kinder geopfert wurden. Für eine Erinnerung an reale Menschenopfer sprechen die Wendungen „im Feuer verbrennen“ (Jer 19,5; Vorlage:Bibel/Link) und „opfern“ (Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link). Dagegen sprechen die pauschale, ahistorische, biblische Zuordnung derartiger Kinderopfer zur Religion Kanaans (Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link) und die fehlenden archäologischen Spuren in der Region dafür.<ref name="LThK119f" />

Die jüdische Tora verbot Menschenopfer früh, streng und wiederholt, auch für Fremde in Israel, und bedrohte Ausführende mit der Todesstrafe (Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link und öfter). Damit überholte die Jüdische Religion die religiös begründeten Menschenopfer im Alten Orient. Sie gelten in der Bibel als besonders abscheuliches Merkmal der Verehrung fremder Götter (Vorlage:Bibel/Link).

Phönizien und Punien

Laut einigen griechischen und römischen Autoren opferten die Phönizier und Punier in ihren Kolonien im Mittelmeerraum ihren Göttern Kinder. So behauptete etwa Diodor (Bibliotheca Historica 20,14), bei der Belagerung Karthagos um 319 v. Chr. hätten die Karthager dem Gott Kronos (den er mit dem phönizischen Baal-Hammon identifizierte) hunderte Kinder der führenden Familien geopfert.<ref>Helmut Feld: Das Ende des Seelenglaubens vom antiken Orient bis zur Spätmoderne. LIT, Münster 2013, ISBN 978-3-643-12200-1, S. 27 und Fn. 79</ref>

1922 fand man im antiken Karthago einen Kinderfriedhof mit rund 20.000 Urnen und hunderten Stelen. Solche Friedhöfe fand man auch in punischen Siedlungen in Algerien, Tunesien, Sardinien und Sizilien. Ab etwa 500 v. Chr. waren die Stelen stets mit der Formel mlk („geweiht“ oder „geopfert“) beschriftet. Dies schien einen phönizisch-punischen Kinderopferkult zu belegen. Später fand man, dass bis 400 n. Chr. auch verbrannte Reste von Ziegen, Schafen und menschlichen Föten in solchen Urnen lagen. Daraus folgerten Archäologen, dass nur totgeborene oder verstorbene Kinder verbrannt und in Urnen beigesetzt wurden und die Beigaben die Götter um ein gesundes weiteres Kind bitten sollten. Einige beharrten auf realen Kinderopfern.<ref name="KK45f">Klaus Koch: Molek astral. In: Armin Lange, Diethard Römheld, Hermann Lichtenberger (Hrsg.): Mythos im Alten Testament und seiner Umwelt: Festschrift für Hans-Peter Müller zum 65. Geburtstag. De Gruyter, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-080038-8, S. 29–50, hier S. 45f.; Michaela Bauks: Menschenopfer in den Mittelmeerkulturen. In: Verkündigung und Forschung, Band 56, Heft 2. De Gruyter, Berlin 2011, ISSN 2198-0454, S. 33–44</ref> 2010 widerlegten Archäologen diese These, zumindest für Karthago.<ref>Jeffrey H. Schwartz, Frank Houghton, Roberto Macchiarelli, Luca Bondioli: Skeletal Remains from Punic Carthage Do Not Support Systematic Sacrifice of Infants. In: PLOS ONE 5, Nr. 2, 2010, doi:10.1371/journal.pone.0009177</ref>

Eine verbreitete reguläre Menschenopferpraxis im Mittelmeerraum ist somit archäologisch unbelegt.<ref name="VK1257" /> Heute nehmen immer mehr Forscher an, dass die Wendung „durchs Feuer gehen“ in punischen Belegen kein Brandopfer meint, sondern eine Kinderweihe für den königlichen Wettergott Baal / Hadad.<ref>Jan Christian Gertz: Grundinformation Altes Testament. 6. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8252-5086-7, S. 179, Fn. 143</ref>

Europa

Frühgeschichte

In der Kreisgrabenanlage von Goseck (6900 v. Chr.)<ref>Martin Kuckenburg: Kultstätten und Opferplätze in Deutschland von der Steinzeit bis zum Mittelalter. Theiss, Stuttgart 2007, ISBN 3-8062-2076-X, S. 143</ref> und der Kreisgrabenanlage von Pömmelte (ab etwa 2300 v. Chr.) gefundene Skelettreste mit abgeschabten Knochen, Gewalt- und Brandspuren deuten auf kannibalische Menschenopfer oder besondere Bestattungsriten hin.<ref>Raimund Pousset: Geschichte und Kultur des Senizids. Springer VS, Wiesbaden 2026, ISBN 978-3-658-51191-3, S. 304; Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt: Ausgrabung der Kreisgrabenanlage von Pömmelte-Zackmünde. 2014</ref> In Feuerstellen von Häusern und Höhlen der Alföld-Linearkeramik (6000–4000 v. Chr.), etwa der Bükker Kultur, in der Jungfernhöhle bei Tiefenellern und einer Höhle bei Lisková (Slowakei) fand man dutzende Skelette von Kindern und Jugendlichen mit zertrümmerten Schädeln und aufgebrochenen Röhrenknochen. Auch hier vermuten manche Forscher einen rituellen Kannibalismus,<ref>Ulrich Veit: Studien zum Problem der Siedlungsbestattung im europäischen Neolithikum. Waxmann, Münster 1998, ISBN 978-3-8309-5385-2, S. 223f.</ref> ebenso bei ähnlichen Skelettfunden der Michelsberger Kultur (4400–3500 v. Chr.).<ref>Michael Rind: Menschenopfer, Regensburg 1996, S. 117ff.; Liste archäologischer Fundorte: S. 101</ref> Sicher belegt sind Menschenopfer im Raum Eurasiens jedoch erst im Übergang zur Bronzezeit.<ref>Ina Wunn: Die Religionen in vorgeschichtlicher Zeit. Kohlhammer, Stuttgart 2005, ISBN 3-17-016726-X, S. 325–329</ref>

Griechen

Mythen, Dramen und Historiografien des Antiken Griechenland erzählen oft von Göttern, die Menschenopfer fordern: etwa beim Hauptfest Arkadiens für Zeus und beim Fest Agrionia in Orchomenos für Dionysos.<ref name="VK1257f">Volkhard Krech: Opfer und Heiliger Krieg, in: John Hogan, Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Wiesbaden 2013, S. 1257f.</ref> Mythen von Menschenopfern für Minotaurus, Poseidon, Kronos, Dramen zu Iphigenie und Polyxena und anderen zeigen die enorme Präsenz des Themas im kollektiven Gedächtnis, als Menschenopfer schon weitgehend durch andere Opferformen ersetzt worden waren.<ref>Lutz Spilker: Die Erfindung der Götteropfer: Blut, Qualen und Wohlwollen. Epubli, Berlin 2025, ISBN 978-3-565-00252-8, S. 71f.</ref>

Nach Angaben von Porphyrios (De Abstinentia II,54; um 280) soll man in griechischen Städten früher jährlich zur Erntefeier Kronia einen verurteilten Straftäter zur Statue der Artemis gebracht, ihm Wein eingeflößt und ihn dann „geopfert“ haben. Das Opfer habe ursprünglich dem Gott Kronos gegolten. Man nimmt an, dass Porphyrios hier eine reale Hinrichtungspraxis als Opferritual und Mittel zur Abwehr kollektiven Übels deutete.<ref>Irene Huber: Rituale der Seuchen- und Schadensabwehr im Vorderen Orient und Griechenland: Formen kollektiver Krisenbewältigung in der Antike. Franz Steiner, Stuttgart 2005, ISBN 3-515-08045-7, S. 153</ref>

Nach Angaben von Pausanias (Helládos Periḗgēsis III,16,9f.) und Philostratos von Athen (Vita Augusta 6,20) ließ der sagenhafte Gesetzgeber Lykurg Menschenopfer im Heiligtum der Artemis Orthia in Sparta im Zuge seiner Reformen (um 650–550 v. Chr.) durch eine Ersatzhandlung entschärfen. Tatsächlich ist eher eine Verschärfung spartanischer Opferriten belegt.<ref>Annette Hupfloher: Kulte im kaiserzeitlichen Sparta: Eine Rekonstruktion anhand der Priesterämter. De Gruyter, Berlin 2015, ISBN 978-3-05-007877-9, S. 17, Fn. 33</ref> Die rituelle Geißelung junger Männer (Epheben) im Artemiskult Spartas und das blutige Halsritzen im Artemistempel in Halai wurden oft als Ersatz für frühere Menschenopfer gedeutet, auch weil Blutvergießen und Gewalt in den Artemis-Mythen häufig vorkommen.<ref>Albert Henrichs: Blutvergießen am Altar: Zur Ritualisierung der Gewalt im griechischen Opferkult. In: Bernd Seidensticker, Martin Vöhler (Hrsg.): Gewalt und Ästhetik: Zur Gewalt und ihrer Darstellung in der griechischen Klassik. De Gruyter, Berlin 2008, ISBN 3-11-020285-9, S. 59–90, hier S. 75</ref> Laut Pausanias (IX,8,2) opferte man bei einer Pest in Boiotien dem Dionysos auf Befehl eines Orakels zeitweise einen Knaben, später einen Bock. In Sparta habe das Orakel wegen der Pest jährliche Opfer junger Mädchen verlangt. Ein Adler habe die Opferung der Helena knapp verhindert und eine junge Kuh als Ersatzopfer markiert. Beide Ätiologien erklärten bestehende Tieropferkulte legendarisch als Ersatz früherer Menschenopfer.<ref>Irene Huber: Rituale der Seuchen- und Schadensabwehr im Vorderen Orient und Griechenland, Stuttgart 2005, S. 103</ref> Diese antiken Zeugnisse gelten nach aktuellem Forschungsstand jedoch allesamt als ebenso fiktiv wie die griechischen Mythen.<ref>Albert Henrichs: Blutvergießen am Altar, in: Seidensticker/Vöhler (Hrsg.): Gewalt und Ästhetik, Berlin 2008, S. 74 und Fn. 41</ref>

Archäologische Belege für Menschenopfer im griechischen Altertum und der griechischen Klassik sind selten.<ref name="VK1257f" /> Im Tempel Anemospilia auf Kreta, der um 1700 v. Chr. durch ein Erdbeben zerstört wurde, fand man das Skelett eines jungen Mannes, der auf einen Tisch gefesselt und durch einen Messerschnitt am Hals getötet worden war. Der Fund wird als Menschenopfer gedeutet, eventuell um einen Zorn Gottes zu besänftigen und die Minoische Kultur vor dem Untergang zu bewahren.<ref>Michael Rind: Menschenopfer, Regensburg 1996, S. 81f.</ref> Auch im Tempel der Artemis in Ephesos gefundene Knochen stammen vermutlich von geopferten Menschen.<ref>Anton Bammer: Das Heiligtum der Artemis von Ephesos. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1984, ISBN 3-201-01260-2, S. 159</ref> Eine im ganzen griechischen Raum verbreitete Form von Menschenopfern war der pharmakòs.<ref>Dennis D. Hughes: Human Sacrifice in Ancient Greece. Routledge, London / New York 1991, ISBN 978-0-415-03483-8, S. 123</ref>

Etrusker

Die Etrusker hatten einen ausgeprägten Totenkult, der sie von anderen Völkern des Mittelmeerraums unterschied. Römische Geschichtsschreiber bezeugten ihren Brauch, für die Manen (Totengeister) hochstehender Verstorbener Menschen oder Tiere zu opfern, damit deren Seelen Unsterblichkeit erlangten. Laut Titus Livius opferten sie 358 v. Chr. bei einem Krieg mit Rom 307 gefangene römische Soldaten auf dem Marktplatz ihrer Stadt Tarquinia in Etrurien. Auch bei Gladiatorenkämpfen sollen die Etrusker ihrem Gott Charun Menschen geopfert haben.<ref name="AD330">Alexander Demandt: Antike Staatsformen: Eine vergleichende Verfassungsgeschichte der Alten Welt. De Gruyter, Berlin 2018, ISBN 978-3-05-006997-5, S. 330 und Fn. 65–69</ref>

Analog dazu stellt etruskische Malerei auf Sarkophagen, Urnen oder Grabwänden mit der dominierenden Signalfarbe Rot meist blutige Tötungs- oder Opferszenen dar. Dabei griffen die Maler oft griechische Sagenmotive auf,<ref>Dirk Steuernagel: Menschenopfer und Mord am Altar, Wiesbaden 1998</ref> etwa die Tötung der gefangenen Trojaner in der Tomba François bei Vulci oder das Opfer der Iphigenie auf dem Altar in Theben. Mehrfach stellten sie eine blutige Kampfszene dar, die Teil ihrer Leichenspiele war, etwa auf einer Amphore und einer Kithara mit Waffentänzern. Man vermutet, dass diese Grabmalereien eine religiöse Funktion hatten und dass die Etrusker bei Kampfspielen vereinzelt Menschen für die Seelen Verstorbener opferten.<ref name="FP37">Friedhelm Prayon: Die Etrusker: Jenseitsvorstellungen und Ahnenkult. Verlag von Zabern, Mainz 2006, ISBN 3-8053-3619-5, S. 37</ref>

Römer

Im frühen Römischen Reich wurden Menschen bei rituellen Kampfspielen, in einem angeblich fairen Kampf, gegen einen Gladiator geopfert, um so Macht und Überlegenheit zu demonstrieren. Die Römer übernahmen diese Kampfspiele zum Teil von den Etruskern.<ref name="AD330" />

Einzelne Kriegsgefangene wurden in Rom stellvertretend für ein feindliches Heer den Göttern der Unterwelt (dei inferi) geopfert. Meineidige, Betrüger und andere Verbrecher wurden durch ihre Hinrichtung feierlich „den Göttern übergeben“ (sacratio). Die Todesstrafe für sie behielt also Züge eines Menschenopfers.<ref>Klaus Feldmann, Udo Tworuschka, Joachim Wittkowski (Hrsg.): Sterben und Tod: Geschichte – Theorie – Ethik, Stuttgart 2010, S. 359</ref>

Vestalinnen (Priesterinnen), die ihr lebenslanges Keuschheitsgelübde brachen, begingen damit aus römischer Sicht ein ungeheures Vergehen (Prodigium) gegen die Götter. Darum wurden sie laut Plutarch (Numa 10,4–7) rituell am Stadtrand Roms in ein unterirdisches Verließ gebracht und dort lebendig begraben. Das geschah laut Livius (22,57,2–5) im Jahr 216 v. Chr. nach der verlorenen Schlacht von Cannae.<ref>Veit Rosenberger: Gezähmte Götter: Das Prodigienwesen der römischen Republik. Franz Steiner, Stuttgart 1998, ISBN 3-515-07199-7, S. 135f.</ref> Weitere Fälle sind bis 400 n. Chr. überliefert. Ob das lebendige Begraben oder Einmauern von Vestalinnen ein regelmäßiger Brauch und eher Strafe, Sühne oder Opfer war, ist umstritten.<ref>Henning Dohrmann: Anerkennung und Bekämpfung von Menschenopfern im römischen Strafrecht der Kaiserzeit. Peter Lang, Frankfurt am Main 1995, ISBN 978-3-631-49375-5, S. 165–169</ref>

Seit der verlorenen Schlacht an der Allia (387 v. Chr.) war in Rom eine starke Furcht vor einer Invasion der Kelten oder Gallier (metus gallicus) entstanden. Um Niederlagen, Tumulte oder Staatskrisen abzuwenden, opferten die Römer nach römischen Autoren mindestens dreimal rituell einen Nichtrömer, so um 228 v. Chr. vor der Schlacht bei Telamon gegen die verbündeten Boier und Insubrer, nach der Niederlage bei Cannae (216 v. Chr.) und letztmals 113 v. Chr. zu Beginn der Kimbernkriege. Die Opfer wurden auf dem Forum Boarium lebendig begraben. Danach soll dieser Brauch eingestellt worden sein.<ref>Heinz Bellen: Metus Gallicus, metus Punicus: Zum Furchtmotiv in der römischen Republik. Franz Steiner, Stuttgart 1985, ISBN 3-515-04557-0, besonders S. 15–23</ref>

Laut Plinius dem Älteren (Naturalis historia 30,12) verbot der Senat im Jahr 97 v. Chr. sakrale Menschenopfer in Rom. Diese fanden jedoch nach seinen Angaben (28,12) auch noch zu seiner Zeit (bis 79) statt.<ref>Wolfgang Haase: Religion (Heidentum: Römische Religion, Allgemeines). In: Hildegard Temporini, Wolfgang Haase (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der römischen Welt (ANRW), Band 16/1: Principat. De Gruyter, Berlin 1978, ISBN 3-11-007337-4, S. 263</ref>

In Machtkämpfen verschiedener Interessengruppen der späten römischen Republik warf man Gegnern mitunter vor, Menschenopfer zu praktizieren. So behauptete Cassius Dio, Lucius Sergius Catilina habe für seine Catilinarische Verschwörung 63 v. Chr. einen Sklaven töten und seine Anhänger auf dessen Eingeweide schwören lassen. Sallust griff dieses Gerücht auf, um den Machtkampf im Senat propagandistisch als römische Entartung darzustellen.<ref>Peter Emberger: Catilina und Caesar: ein historisch-philologischer Kommentar zu Florus (epit. 2,12-13). Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2005, ISBN 3-8300-1981-5, S. 90</ref>

Im Zuge der Expansion Roms markierten Marcus Tullius Cicero (Pro Fonteio, 69 v. Chr.) und Gaius Iulius Caesar (De bello Gallico, um 50 v. Chr.) die Religion der Kelten und Gallier für ihre Propagandazwecke als blutigen Menschenopferkult und prägten damit das Bild der „Barbaren“ auch bei späteren römischen Autoren.<ref>Jean-Louis Brunaux: Druiden: Die Weisheit der Kelten. Klett-Cotta, Stuttgart 2009, ISBN 3-608-94470-2, S. 37–44</ref>

Laut Sueton ließ jedoch noch Octavian, der spätere erste römische Kaiser Augustus, im Bürgerkrieg 40 v. Chr. 300 oppositionelle Bürger der Stadt Perugia für die Manen seines Vaters Caesar wie Opfertiere töten.<ref name="FP37" />

Nach einigen römischen Autoren fanden in manchen römischen Provinzen während der Prinzipatszeit (27 v. Chr. bis 284 n. Chr.) vereinzelt weiter verbotene Menschenopfer statt. Laut Cassius Dio (LXXIX 11,1) wurden bei magischen Kulthandlungen für Kaiser Elagabal heimlich Knaben getötet. Laut Lukian von Samosata (De Dea Syria, 58) wurden der syrischen Göttin Atargatis in Hierapolis noch im 2. Jahrhundert n. Chr. Kinder geopfert. Wie glaubhaft diese Angaben sind, ist umstritten.<ref>Michael Pietrzykowski: Die Religionspolitik des Kaisers Elagabal. In: ANRW 16/1, Berlin 1978, S. 1820</ref>

Kelten

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Nach römischen Quellen waren von Druiden überwachte Menschenopfer bei Kelten und Galliern üblich. Laut Cicero (Pro Fonteio 31) war dies den Römern schon vor Caesars Eroberungsfeldzug bekannt. Nach dessen Schrift De Bello Gallico (VI,16) glaubten die Gallier, dass ihre Götter diese Opfer forderten. Sie hätten riesige Götterbilder aus Weidengeflecht mit mehreren lebenden Menschen gefüllt und verbrannt, vor allem mit Verbrechern, aber auch Unschuldigen. Von solchen keltischen Brandopfern berichteten auch die Berner Lukan-Scholien.<ref name="BM110f">Bernhard Maier: Die Religion der Kelten: Götter, Mythen, Weltbild. Beck, München 2001, ISBN 978-3-406-48234-2, S. 110f.</ref> Nach Angaben von Marcus Annaeus Lucanus (De bello civili I,444f.) opferten die Kelten ihren drei Hauptgöttern Esus, Taranis und Teutates Menschen.<ref>Kai Brodersen: Asterix und seine Zeit. Beck, München 2001, ISBN 978-3-406-45944-3, S. 117</ref> Laut Diodor (Bibliothḗkē historikḗ V,31-32,6) wurden die Opfer gepfählt, gekreuzigt und dann auf großen Scheiterhaufen verbrannt, verbunden mit Weissagungen aus ihren Körperteilen und sakralem Kannibalismus. Laut Strabon (Geographika III,3,7) wurden Hunderte zugleich so geopfert. Laut Pompeius Trogus (Justin XXVI 2,2ff.) schlachteten die Galater vor Kämpfen Frauen und Kinder, um die Götter gnädig zu stimmen. Laut Diodor (XXXI 13) und Athenaios (160 E) opferten sie zum Dank für einen Sieg Kriegsgefangene. Plinius der Ältere (Bellorum Germaniae XXX 13) schrieb, trotz des römischen Verbots würden die Kelten in Britannien „bis heute“ (vor 79 n. Chr.) Menschen opfern.<ref name="AD46ff">Alexander Demandt: Die Kelten. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-44798-3, S. 46–48</ref> Während ihres Aufstands gegen die Römer (61 n. Chr.) ließ die keltische Königin Boudicca laut römischen Quellen römische Kriegsgefangene als Opfer für die Götter an Pfähle nageln.<ref>Jacques Moreau: Die Welt der Kelten. Klett-Cotta, Stuttgart 1961, S. 108</ref> Laut Cassius Dio opferte sie vor einer Schlacht der Göttin Andraste auch gefangene Frauen.<ref>John Moss: The Celtic Tribes: Origins, Ancestry & The Warrior Class. Pen & Sword, Barnsley (GB) 2025, ISBN 978-1-399-05690-8, S. 38</ref>

Trotz ihrer Absicht, Fremdvölker als Barbaren herabzusetzen, waren diese römischen Berichte keine reine Greuelpropaganda. So fand man in Ribemont-sur-Ancre einen großen, auf 300–200 v. Chr. datierten Opferplatz mit aufgeschichteten Knochen von rund 1000 geopferten, 15 bis 20 Jahre alten Jugendlichen. Ihre Köpfe waren abgetrennt, wahrscheinlich für die bei Kelten übliche, archäologisch auch sonst belegte Kopfjagd.<ref name="AD46ff" /> Auf dem Mormont im Schweizer Kanton Waadt fand man eine Kultstätte der keltischen Helvetier, die ab etwa 200 v. Chr. rund 200 Jahre lang für verschiedene Opfer, eventuell auch Menschenopfer, genutzt worden war. Bei der Heuneburg fand man in einem Schacht neben einem von etwa 700 bis 500 v. Chr. genutzten Kultplatz menschliche Skelettreste mit Brand- und Schabspuren, die ein rituelles Opfer vermuten lassen.<ref>Bernhard Maier: Wie die Kelten ihre geheimen Zauberrituale pflegten. Spiegel, 2. Dezember 2017</ref>

Der Lindow-Mann in Großbritannien, eine Moorleiche von etwa 400 v. Chr., wurde kultisch durch Erschlagen, Erdrosseln und Halsschnitt getötet. Dies könnte das besonders bei irischen Kelten häufige Motiv des dreifachen Todes bestätigen.<ref name="BM110f" /> Bei weiteren in Irland gefundenen Moorleichen mit Gewaltspuren wird ein Menschen- oder sogar ein Königsopfer vermutet, etwa beim Cashel Man (um 2000 v. Chr.), Clonycavan-Mann (392–201 v. Chr.), Old-Croghan-Mann (362–175 v. Chr.) und Mann von Gallagh (470–120 v. Chr.).<ref>Laerke Recht: Human Sacrifice: Archaeological Perspectives from Around the World. Cambridge University Press, Cambridge 2018, ISBN 978-1-108-68777-5, S. 99</ref>

Bei rund 20 teils erschlagenen, ohne Beigaben in auffälliger Sitzhaltung bestatteten Galliern, die im heutigen Dijon gefunden wurden, wird ein Menschenopfer nicht ausgeschlossen.<ref>Thomas Bergmayr: Tote in der Grube: Im Sitzen begrabene Gallier geben Rätsel auf. Standard.at, 22. März 2026</ref>

Ein Relief auf einem Grabdenkmal in Bela Krajina zeigt eine Opferszene: Eine Frau hält mit einer Hand einen Fuß des Opfers, mit der anderen schlagbereit eine Axt. Zwei Männer helfen ihr bei der Tat. Ein ähnliches Bild trägt der Kessel von Gundestrup. Die Bildszenen bestätigen römische Angaben zu keltischen Menschenopfern.<ref>Mitja Guštin: Zu einigen Figuralmotiven im Gebiet der Taurisker. In: Heiko Steuer et al. (Hrsg.): Studien zur Lebenswelt der Eisenzeit: Festschrift für Rosemarie Müller. De Gruyter, Berlin 2008, ISBN 3-11-020280-8, S. 126f.</ref>

Germanen

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Bei den als Germanen zusammengefassten mittel- und nordeuropäischen Völkern sind Menschenopfer von der Eisenzeit bis zur Wikinger-Zeit literarisch und ikonografisch vielfach bezeugt, archäologisch jedoch nur bis 500 n. Chr. belegt.<ref name="RS61">Rudolf Simek: Religion und Mythologie der Germanen. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-8062-2938-7, S. 61</ref>

Laut Tacitus (Germania 39) sollte ein regelmäßiges öffentliches Menschenopfer im Semnonenhain den Bund der Sueben bekräftigen.<ref>Rudolf Simek: Götter und Kulte der Germanen. Beck, München 2004, ISBN 3-406-50835-9, S. 22</ref> Zudem hätten die Germanen einige Jahre nach der Varusschlacht (9 n. Chr.) auf Altären in Hainen kriegsgefangene römische Militärführer geopfert und ihre Köpfe an Bäumen befestigt (Annales I,61).<ref name="RLA43">Anders Kaliff: Rituale. In: Johannes Hoops, Heinrich Beck (Hrsg.): Reallexikon der germanischen Altertumskunde. De Gruyter, Berlin 2003, S. 43f</ref> Diesen Brauch erwähnen auch weitere römische Autoren.<ref name="RS61" /> Zerstreute Gebeine und an Baumstümpfe genagelte Menschenschädel in der Fundregion Kalkriese, einem möglichen Schauplatz der Varusschlacht, werden jedoch eher als Vernichtungswunsch an Kriegsgegnern gedeutet, nicht als Menschenopfer.<ref>Stefan Burmeister, Heidrun Derks (Hrsg.): 2000 Jahre Varusschlacht. Theiss, Kalkriese 2009, S. 289</ref>

Odin bzw. Wodan war bis zur Völkerwanderung Hauptgott der Nordeuropäer geworden. Für ihn sollen auch Menschen durch Erhängen und Durchbohren mit dem Speer geopfert worden sein.<ref>Christian Nekvedavicius: Enzyklopädie des Okkultismus von A-Z Band 3: Osiris – Zölibat. Norderstedt 2021, ISBN 978-3-7526-0859-5, S. 492</ref> Germanische Mythologie bestätigt das allenfalls andeutend: Laut der Edda gelangte die Sagengestalt Helgi nur durch seinen eigenen Opfertod zu Wodan ins Kriegerparadies Walhall.<ref>Christoph Jamme, Stefan Matuschek: Handbuch der Mythologie. Herder, Freiburg 2014, ISBN 978-3-8053-4833-1, S. 210</ref>

Ein Textilstück aus dem Oseberg-Fund und ein Bildstein in Lärbro auf Gotland zeigen aufgehängte oder gehenkte Krieger aus der Wikingerzeit. Der Bildstein zeigt zudem ein Menschenopfer auf einem Altar. Dies bestätigt teilweise den Bericht des Christen Adam von Bremen (um 1100): Die schwedischen Wikinger hätten alle neun Jahre im Tempel von Uppsala neun Männer geopfert und ihre Leichen an Bäumen eines heiligen Hains aufgehängt. Die Opferzahl gilt als übertrieben, doch Bildquellen jener Zeit belegen regelmäßige Kultfeste in Schweden.<ref name="RS61" />

Legenden des Hochmittelalters erzählen öfter von Menschenopfern am Meer, um Götter oder Dämonen zu besänftigen. So erzählte Saxo Grammaticus (Gesta Danorum, um 1185), nach einem Unwetter hätten Dämonen drei Menschenopfer von Thorkils gestrandeten Seeleuten gefordert. Diese habe man durch das Los ausgewählt und geopfert. Das habe den Sturm beruhigt und die Weiterreise ermöglicht. Ähnliche Legenden überlieferten auch die Friesen. Ihre Hintergründe sind unbekannt.<ref>Michael Rind: Menschenopfer, Regensburg 1996, S. 22</ref>

Laut der Ynglinga saga (um 1230) opferten die Svear in einer Hungersnot ihren König Domaldi und färbten den Opferplatz mit seinem Blut, um eine gute Ernte zu erlangen. Nach Sagas aus Island opferten einige Fürsten in Notlagen ihre eigenen Kinder. Ob dies sakrale Opfer oder situative Notopfer waren, ist umstritten.<ref name="RLA43" />

Datei:Poloha Tollundského muže při nálezu .jpg
Tollund-Mann

Statistisch waren Menschenopfer in germanischen Kulten seltene Ausnahmen. So fand man bis 2004 in bis zu tausend Jahre lang genutzten Opferstätten in Oberdorla, Skedemosse, Valmose, Hassle Bösarp, Rappendam, Röekillorna und anderen jeweils nur wenige Moorleichen mit kultischen Opferspuren,<ref>Rudolf Simek: Götter und Kulte der Germanen. München 2004, S. 23</ref> darunter den Grauballe-Mann, den Tollund-Mann und die Frau von Elling. Die meisten Moorleichen waren als Tote aus magisch-apotropäischen Motiven rituell bestattet worden. Nur in einigen südgermanischen Kultplätzen der frühen Eisenzeit, vor allem in Höhlen auf dem Kyffhäuser und dem Dietersberg (Egloffstein), fand man viele Skelette mit Spuren gewaltsamer Tötung, Zerstückelung und Anthropophagie, etwa absichtlich gespaltenen Arm- und Beinknochen.<ref name="RS61" />

Zwei bei einem Kultplatz im Wittemoor gefundene menschenähnliche Holzfiguren von etwa 135 v. Chr. werden als Schutzmarken oder möglicher Ersatz für Menschenopfer gedeutet.<ref>Heiko Steuer: Über anthropomorphe Moorpfähle der vorrömischen Eisenzeit. In: Heiko Steuer et al. (Hrsg.): Studien zur Lebenswelt der Eisenzeit, Berlin 2008, S. 86</ref>

Slawen

Auch osteuropäische Ethnien wie die Slawen opferten Menschen, so noch bis 1150 die Ranen auf der Insel Rügen.<ref>Michael Müller-Wille: Opferkulte der Germanen und Slawen. Theiss, Stuttgart 1999, ISBN 3-8062-1443-3, S. 74–80</ref> An einer Außenwand des Tempels der Jaromarsburg auf Rügen fand man eine Kultstätte mit vielen Opfergaben, darunter Schädelresten von acht bis zehn Menschen, die vermutlich geopfert worden waren. Von 800 bis 1000 n. Chr. wurden dort jedoch fast nur Tiere geopfert, nur selten Menschen. Erst ab 1000, als die Ranen schon mit dem Christentum konfrontiert waren, stieg der Anteil an Menschenknochen unter den Gesamtfunden auf bis zu 15 Prozent.<ref>Claudia Banck: Reiseführer Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommern. DuMont, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-7701-7323-5, S. 211f.</ref>

Christentum

Der galiläische Jude Jesus von Nazaret wurde um das Jahr 30 vom römischen Präfekten Pontius Pilatus als möglicher Anführer eines Aufstands gegen die römische Besatzungsmacht verurteilt und auf seinen Befehl von römischen Soldaten vor Jerusalem öffentlich gekreuzigt (siehe INRI). Die als Neues Testament (NT) gesammelten Glaubenszeugnisse des Urchristentums deuten diesen Tod im Anschluss an Eigenaussagen Jesu im Zwölferkreis mit biblischen Deutungsmustern teils juridisch und kultkritisch, teils kultisch als ultimative Selbsthingabe (nicht aber als Menschenopfer) des Sohnes Gottes zur Versöhnung aller Menschen mit JHWH, dem Gott Israels.

Vorlage:Bibel/Link etwa verknüpft den stellvertretend leidenden Gottesknecht von Vorlage:Bibel/Link mit dem zum Endgericht kommenden Menschensohn von Vorlage:Bibel/Link:

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}} Auch frühe Credoformeln in den Paulusbriefen und Jesu Leidensankündigungen in den vier kanonischen Evangelien sprechen von Jesu freiwilliger „Dahingabe“ gemäß Gottes Willen. Das Johannesevangelium bezeichnet Jesus als das Passahlamm, dessen Leben Gott hingegeben habe, um alle Menschen aus dem Endgericht zu retten (Vorlage:Bibel/Link; 3{{#if:16|,16}} {{#switch: EU | NA =EU | OT | BHS =EU | LXX =EU | VUL =EU | #default =EU}}). Der Hebräerbrief bezeichnet Jesus als den Hohepriester, der nach dem Vorbild Melchisedeks heilig und untadelig sei, so dass sein Selbstopfer die Welt ein für alle Mal erlöst und alle Opfer erübrigt habe (Vorlage:Bibel/Link; 5{{#if:6ff.|,6ff.}} {{#switch: EU | NA =EU | OT | BHS =EU | LXX =EU | VUL =EU | #default =EU}}; 7{{#if:26f.|,26f.}} {{#switch: EU | NA =EU | OT | BHS =EU | LXX =EU | VUL =EU | #default =EU}}; Vorlage:Bibel/Link; 10{{#if:8–18|,8–18}} {{#switch: EU | NA =EU | OT | BHS =EU | LXX =EU | VUL =EU | #default =EU}}).

Christen glauben im Anschluss an dieses NT-Zeugnis, dass das Selbstopfer Jesu Christi alle Menschen- und Tieropfer für Gott überboten, aufgehoben und somit Opferkulte überhaupt überflüssig gemacht hat.<ref>Ingolf U. Dalferth: Opfer VI. Dogmatik. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE) Band 25: Ochino – Parapsychologie. De Gruyter, Berlin 1995, ISBN 3-11-014712-2, S. 291</ref> Diese Absage war auch Ergebnis der schon lange tradierten Opferkritik im Judentum, begünstigt durch historische Umstände wie die römische Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels im Jahr 70. Doch nur die frühen Christen begründeten diese Absage grundsätzlich, nämlich mit Jesu Opfertod als dem Zentrum ihres Glaubens, und befolgten sie auch praktisch konsequent.<ref>Gerd Theißen: Die Religion der ersten Christen: Eine Theorie des Urchristentums. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009, S. 71</ref>

Die Christianisierung Europas beendete zwar noch existierende vorchristlich-pagane Opferkulte, ging jedoch mit politischer Machtentfaltung christlicher Herrscher einher und verlief größtenteils gewaltsam durch Eroberungs- und Religionskriege, begleitet von Massenhinrichtungen. Sie forderte somit ihrerseits zahllose Menschenleben.<ref>Harry Normann: Arbeitsbuch Religion und Geschichte: Das Christentum im interkulturellen Gedächtnis. Band 1, Kohlhammer, Stuttgart 2009, ISBN 3-17-020029-1, S. 175–179</ref>

Manche neuzeitlichen Religionskritiker unterstellten dem Judentum und dem Christentum gerade jenen Menschenopferkult, den diese überwinden wollten. So schrieb Ludwig Feuerbach in seinem Hauptwerk Das Wesen des Christenthums (1841): „Das Menschenopfer gehört selbst zum Begriffe der Religion. Die blutigen Menschenopfer dramatisieren nur diesen Begriff.“ Diesen Satz Feuerbachs zitierte Georg Friedrich Daumer ab 1844. In seinem Werk Die Geheimnisse des christlichen Alterthums (1847) deutete er das frühe Judentum seinerseits als „Molochkult“, das christliche Abendmahl als bloß getarnte kannibalische Anthropophagie, Jesu Opfertod als Rückfall in das religionsgeschichtlich schon durch Tieropfer abgelöste Stadium archaischer Menschenopfer.<ref>Christoph Bartscherer: Heinrich Heines religiöse Revolte. Herder, Freiburg 2005, ISBN 3-451-28515-0, S. 221</ref>

Moderne christliche Theologen wie Karl Barth haben diesen Kritiken hinsichtlich der Kirchengeschichte Recht gegeben. Barths Schüler Friedrich Wilhelm Marquardt schrieb: „Kaum eine geistige Macht der Welt hat so viele Menschenopfer unerhört auf dem Gewissen wie die Geistesmacht christlicher Theologie in ihren Konsequenzen.“<ref>Stephan Vasel: Philosophisch verantwortete Christologie und christlich-jüdischer Dialog. Christian Kaiser, München 2001, ISBN 3-579-05315-9, Zitat S. 138</ref>

Anselm von Canterbury hatte versucht, die vielfältigen Deutungen des Todes Jesu im NT mit seiner Satisfaktionslehre in ein gemeinsames System zu bringen. Die heutige christliche Theologie lehnt Vorstellungen einer Sühne, die Gott zur Befriedigung seines Zorns benötige, jedoch meist ab und deutet Jesu Christi stellvertretende Schuldübernahme als tiefste Begründung der Menschenrechte und Beginn der endzeitlichen Befreiung von Sünde und Tod.

Heutige Ersatzhandlungen

Datei:Osterfeuer mit Strohpuppe.jpg
Judasverbrennen im Osterfeuer mit menschengroßer Strohpuppe

In den westlichen Kulturen gibt es kaum noch religiöse Menschenopfer. Heutige Okkultisten halten sie nicht für erforderlich und praktizieren sie allenfalls symbolisch. Diese Umgehung von Menschenopfergeboten ist Teil der Humanisierung vieler Religionen. Bis heute praktizierte Riten lassen sich als Ersatzhandlungen für einstige Menschenopfer deuten, etwa Tieropfer, Hinrichtungen In effigie, Judasverbrennen, Puppenverbrennung (Mittsommer, alemannische Fastnacht, Nubbelverbrennung, Sechseläuten, Burning Man, St.-Hans-Fest) oder Votivopfer (primär geköpfte Keramiken).

Opfertheorien

Wegen der kulturellen Vielfalt und Vieldeutigkeit religiöser Opfer entstanden verschiedene Theorien zur Erklärung von Menschenopfern und deren religiösen, psychologischen und sozialen Hintergründen. Als Haupttypen gelten je nach Kontext ritueller Kannibalismus, Kommunikation mit Göttern, etwa als Nahrungsgabe für sie, und symbolisches Vergegenwärtigen einer mythischen Kosmogonie (Weltentstehung).<ref>Klaus Feldmann, Udo Tworuschka, Joachim Wittkowski (Hrsg.): Sterben und Tod: Geschichte – Theorie – Ethik, Stuttgart 2010, S. 361</ref>

Die einflussreiche Theorie von James George Frazer (The Golden Bough, 1890) erklärte sie aus einer von Magie bestimmten archaischen Phase der Religionsgeschichte, in der Gesellschaften ihr Wohlergehen von übernatürlichen Kräften abhängig sahen und diese besonders in Krisensituationen durch Opfer zu beeinflussen suchten, um die kosmische Ordnung wiederherzustellen, Unheil abzuwehren und eine spirituelle Reinigung oder Erneuerung herbeizuführen. Dazu habe man kollektives Unglück oder Schuld auf den jeweils ausgewählten Sündenbock (ob König, Priester oder ausgegrenzte Minderheit) übertragen. Deren Opfer seien logische Folge der magisch-rituellen Weltsicht gewesen und nicht als grausame, barbarische Ausnahme verstanden worden.<ref>Menschenopfer als kulturelle Praxis: Magie, Religion und die Suche nach Ordnung in archaischen Gesellschaften. Der goldene Zweig, 14. Februar 2026</ref> Frazers Entwicklungsschema von Magie zu Religion zu rationaler Wissenschaft, von Menschen- zu Tier- zu unblutigen Ersatzopfern wird in aktueller Religionswissenschaft abgelehnt.<ref name="RS137" />

Der Alttestamentler Sigmund Mowinckel idealisierte Menschenopfer als Trieb, der Gottheit freiwillig das Beste, Wertvollste zu schenken, so dass das freiwillige Selbstopfer als das höchste, vollkommenste Opfer erschien. Der Anthropologe Michael Harner erklärte die kannibalischen Menschenopfer der Azteken 1977 utilitaristisch aus angeblich fehlenden Eiweißquellen in Mexiko. Beide Theorien ignorierten den enormen rituellen und gesellschaftlichen Aufwand, mit dem diese Kulte etabliert und aufrechterhalten wurden, sowie die ausgewählten Opfergruppen und die an ihnen ausgeübte religiöse Gewalt. Die spanischen Eroberer und christlichen Missionare dagegen erklärten die mörderische Ästhetik der aztekischen Opferrituale als Werk des Teufels, der damit die heiligen Rituale des Christentums zu pervertieren trachte. Laut dem Ethnopsychoanalytiker Mario Erdheim erfassten sie damit die Gewaltdimension und Faszination der Qual, ohne diese rational erklären zu können.<ref>Mario Erdheim: Ethnopsychoanalytische Beiträge zum Verständnis der Gewalt. In: Ilse Dröge-Modelmog (Hrsg.): Orte der Gewalt: Herrschaft und Macht im Geschlechterverhältnis. Springer VS, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-322-84184-1, S. 164–167, hier S. 165f.</ref>

Sigmund Freud versuchte, Menschenopfer mit seinem Modell der Psychoanalyse spekulativ als Variante des Vatermords zu erklären: Zunächst habe man mit Menschen, besonders Königen, stellvertretende Darsteller der Gottheit geopfert, also den Erzeuger des Lebens. Dann habe man diese Väteropfer durch Tieropfer ersetzt: „Und als der Vaterersatz seine menschliche Gestalt wiedererhielt, konnte sich das Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln.“<ref>Sigmund Freud: Totem und Tabu. (1913) Nachdruck: Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8471-0021-8, S. 186</ref> Freud spielte hier vor allem auf die christliche Inkarnationslehre an, die er somit als Rückschritt gegenüber dem jüdischen Tieropferkult sah.

Wegen der verbreiteten Menschenopfermotive in Legenden und Mythen stellten einige Forscher einen realen Menschenopferbrauch an den Anfang einer angenommenen Entwicklung zu rationalem Denken und Zivilisation. René Girard (La violence et le sacré, 1972) ging von einem allen Kulturen zugrundeliegenden Gewaltmythos aus. Walter Burkert (Homo Necans, 1972) stellte die These des ursprünglich „tötenden Menschen“ auf, der die lebenserhaltende, aber als grausam empfundene Jagd durch Opfer ritualisiert und so Gemeinschaft und Kultur gebildet habe. Burkhard Gladigow (1986) erweiterte diese Theorie mit Blick auf das Töten von Menschen durch Krieg, Exekution und Mord. Hyam Maccoby (Sacred Executioner, 1982) deutete besonders biblische, jüdisch-christliche Opfermythen als Ausdruck eines alten Menschenopferbrauchs, der später an den „heiligen Henker“ delegiert worden sei: Diese ambivalente Figur führe das Menschenopfer durch und werde darum von der Gemeinschaft mit Dank, aber auch Abscheu betrachtet und ausgegrenzt. Man gebe dem Henker, nicht der eigenen Gemeinschaft die Schuld am Menschenopfer.<ref>Katja Triplett: Menschenopfer und Selbstopfer in den japanischen Legenden. Münster 2004, S. 20f.</ref>

Der Soziologe Gunnar Heinsohn erklärte den neuzeitlichen Antisemitismus als Reaktion auf jüdisches Verhalten: Weil das Judentum die Wirksamkeit von Menschenopfern geleugnet habe, habe es die zentrale christliche Botschaft der Erlösung durch den Opfertod Jesu Christi abgelehnt. Dem Vernichtungsantisemitismus liege der Trieb zugrunde, das Menschenopfer an seinen Leugnern zu vollstrecken.<ref>Gunnar Heinsohn: Was ist Antisemitismus? Der Ursprung von Monotheismus und Judenhass. Warum Antizionismus? Eichborn, Köln 1988, ISBN 3-8218-0418-1</ref>

Der Philosoph Christoph Türcke erklärte die ersten Menschenopfer als Versuch, das Trauma des archaischen Brudermords durch eine kollektive ritualisierte Wiederholung zu verarbeiten, etwa durch die Steinigung. Später habe man entdeckt, dass die Gottheiten sich durch sexuelle Kultpraktiken besänftigen ließen, und die Menschenopfer dadurch weiter verdrängt. In Viehzuchtgesellschaften habe man dann Tiere gezähmt und so anstelle von Menschen rituell schlachten können.<ref>Christoph Türcke: Philosophie des Traums. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57637-9, S. 66f., 96 und 175</ref>

Die Antisemitismusforschung und Geschichtswissenschaft haben psychoanalytische Erklärungsversuche kaum aufgegriffen, unter anderem weil sie das Übertragen individualpsychologischer Kategorien auf empirisch-historische Prozesse methodisch ablehnen.<ref>Thomas Gräfe: Antisemitismus in Deutschland 1815- 1918: Rezensionen – Forschungsüberblick – Bibliographie. 3. erweiterte und überarbeitete Auflage, Norderstedt 2016, ISBN 978-3-8370-0138-9, S. 71f.</ref>

Die empirisch-historische Forschung behandelte Menschenopfer bis Ende der 1990er Jahre vielfach als kurioses Randthema oder Fantasieprodukt. Abscheu verhinderte oft objektive Studien dazu: zum einen wegen der nachweislichen Tendenz in Europa, unterworfenen Völkern solche Praktiken nachzusagen, um ihre Kulturen zu entwerten, zum anderen wegen der Neigung, kolonialistisch verzerrte Sichtweisen zu korrigieren, indem man Beweise für Menschenopfer bestritt oder ignorierte. Diese wurden oft einer Sensationslust oder Diffamierungsabsicht zugeschrieben.<ref>Barbara Ehrenreich: Blood Rites. Origins and History of the Passions of War. Metropolitan Books, New York 1997, ISBN 0-8050-5077-9, S. 60f.</ref>

Siehe auch

Literatur

Allgemein

  • Jan N. Bremmer (Hrsg.): The Strange World of Human Sacrifice. Peeters, Leuven 2007, ISBN 978-90-429-1843-6
  • Mark Pizzato: Theatres of Human Sacrifice. From Ancient Ritual to Screen Violence. State University of New York Press, New York 2004, ISBN 0-7914-6259-5.
  • Miranda Aldhouse Green: Menschenopfer – Ritualmord von der Eisenzeit bis zum Ende der Antike. Magnus, Essen 2003, ISBN 3-88400-009-8.
  • Michael Rind: Menschenopfer. Vom Kult der Grausamkeit. 2. Auflage, Universitätsverlag Regensburg, Regensburg 1998, ISBN 3-930480-64-6.
  • Garry Hogg: Cannibalism and Human Sacrifice. Robert Hale, London 1990, ISBN 0-7090-4243-4.
  • Nigel Davies: Human Sacrifice, in history and today. William Morrow, New York 1981, ISBN 0-688-03755-0.

Afrika

  • Lawrence Ezekiel Yona Mbogoni: Human Sacrifice and the Supernatural in African History. Mkuki na Nyota, Daressalam 2013, ISBN 978-9987-08-242-1.
  • Hans Bonnet: Menschenopfer. In: Hans Bonnet (Hrsg.): Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte. 3. Auflage, Nikol, Hamburg 2000, ISBN 3-937872-08-6, S. 452–455.
  • Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Menschenopfer. In: Kleines Lexikon der Ägyptologie. Harrassowitz, Wiesbaden 1999, ISBN 3-447-04027-0, S. 186f.

Amerika

  • Emma Stahl: Menschenopfer und politische Macht im Azteken-Reich: Ritual, Religion und Herrschaft im Herzen Mesoamerikas. epubli, 2026, ISBN 978-3-565-32923-6.
  • Linda Hansen, Rubén G. Mendoza: Ritual Human Sacrifice in Mesoamerica: Recent Findings and New Perspectives. Springer VS, New York 2024, ISBN 978-3-17-020029-6.
  • Thomas Besom: Inka Human Sacrifice and Mountain Worship: Strategies for Empire Unification. University of New Mexico Press, Albuquerque 2013, ISBN 978-0-8263-5308-5.
  • Leonardo López Luján, Guilhem Olivier: Sacrificio humano en la Tradición religiosa Mesoamericana. Instituto Nacional de Antropología e Historia, Mexico City 2010, ISBN 978-607-484-076-6 (spanisch)
  • George Franklin Feldman: Cannibalism, Headhunting and Human Sacrifice in North America: A History Forgotten. Alan C. Honda, 2008, ISBN 978-0-911469-33-2.
  • Andrea Cucina, Vera Tiesler: New Perspectives on Human Sacrifice and Ritual Body Treatments in Ancient Maya Society. Springer VS, New York 2007, ISBN 978-0-387-48871-4.
  • Patrick Tierney: Zu Ehren der Götter. Menschenopfer in den Anden. Droemer Knaur, München 1989, ISBN 3-426-26440-4.

Europa

  • Armin Lange, Dietmar Römheld, Karin Finsterbusch (Hrsg.): Human Sacrifice in Jewish and Christian Tradition. Brill, Leiden 2006, ISBN 978-90-474-0940-3.
  • Franz Wegener: Kelten, Hexen, Holocaust. Menschenopfer in Deutschland. Kulturförderverlag Ruhrgebiet, Gladbeck 2004, ISBN 3-931300-14-5.
  • Hyam Maccoby: Der Heilige Henker. Die Menschenopfer als Vermächtnis der Schuld. Thorbeke, Stuttgart 1999, ISBN 3-7995-0096-0.
  • Dirk Steuernagel: Menschenopfer und Mord am Altar. Griechische Mythen in etruskischen Gräbern. Ludwig-Reichert-Verlag, Wiesbaden 1998, ISBN 3-89500-051-5.
  • Walter Burkert: Homo necans: Interpretationen altgriechischer Opferriten und Mythen. 2. Auflage, De Gruyter, Berlin 1997, ISBN 3-11-015098-0.
  • Friedrich Schwenn: Die Menschenopfer bei den Griechen und Römern. (1915) Nachdruck: De Gruyter, Berlin 2020, ISBN 978-3-11-137294-5.

Weblinks

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