Zum Inhalt springen

Deutsche Aussprache des Lateinischen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Vorlage:Hinweisbaustein

Unter der deutschen Aussprache des Lateinischen versteht man die traditionelle, für lateinische Texte und Fremdwörter verwendete deutsche Aussprache, die bis heute die gewöhnliche Aussprache für lateinische Fremdwörter geblieben ist.

Sie stimmt nicht mit der wissenschaftlich rekonstruierten lateinischen Aussprache und inzwischen auch nicht mehr mit der heute in der Bundesrepublik und in der Schweiz üblichen Schulaussprache des Lateinischen überein, sondern beruht auf Ausspracheregeln des Deutschen. Es handelt sich daher in erster Linie um eine Traditionsaussprache. Charakteristisch ist die Aussprache des „c“ vor „e, i, ae, oe“ als [ts] statt als [k].

Die deutsche Aussprache stellte im deutschen und slawischen Sprachraum lange den alleinigen Standard dar. Bis in die 1970er Jahre wurde sie in Deutschland generell auch als Schulaussprache des Lateinischen verwandt. Die deutsche Aussprache wird heute – neben der italienischen Aussprache – insbesondere für geistliche Vokalmusik verwendet. Ebenso wird sie für die verbliebenen lateinischen Elemente der Liturgie der katholischen Kirche gebraucht. Im Lateinunterricht an Schulen und Universitäten hört man sie heute dagegen nur noch selten.

Vokale

Im Gegensatz zur klassischen lateinischen Aussprache gehorcht die Verteilung von langen und kurzen Vokalen keinen komplexen Regeln; es gibt lediglich Richtlinien. Diese lauten:

  • Lange Vokale können nur in betonten Silben stehen, sofern deren Vokal überhaupt lang ist. Beispiel: Romani (die Römer) = [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ʁo.ˈmaː.ni]; facere (tun, machen) = [<templatestyles src="IPA/styles.css" />'fa(ː).tsə.ʁə].
  • Wie im (Hoch-)deutschen wird ein Vokal, der vor einem Doppelkonsonanten steht, grundsätzlich kurz ausgesprochen. Beispiel: stella (Stern) = [<templatestyles src="IPA/styles.css" />'stɛla]
  • Vokale in offenen Silben werden stets gelängt. Beispiele:
    • lat. globus (Kugel) = [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ˈɡloːbʊs]
    • lat. rosa (Rose) = [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ˈʁoːza]
    • lat. Venus = [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ˈveːnʊs]

Wie im Deutschen herrscht Korrespondenz zwischen Vokalqualität (Vokalöffnung) und Vokalquantität (Länge):

Buchstabe Kurzer Vokal Langer Vokal
A / a [<templatestyles src="IPA/styles.css" />a] [<templatestyles src="IPA/styles.css" />]
E / e [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ɛ] / [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ə] [<templatestyles src="IPA/styles.css" />]
I / i [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ɪ] / [<templatestyles src="IPA/styles.css" />i] [<templatestyles src="IPA/styles.css" />]
O / o [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ɔ] [<templatestyles src="IPA/styles.css" />]
U / u [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ʊ] [<templatestyles src="IPA/styles.css" />]
Y / y [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ʏ] / [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ɪ] / [<templatestyles src="IPA/styles.css" />i] [<templatestyles src="IPA/styles.css" />] / [<templatestyles src="IPA/styles.css" />]

Anmerkungen hierzu:

  • Das kurze ⟨e⟩ wird in unbetonten Silben zum Schwa [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ə] abgeschwächt (z. B. facere [<templatestyles src="IPA/styles.css" />'fa(ː).tsə.ʁə], wie dt. „bitte“ = [<templatestyles src="IPA/styles.css" />bɪtə]). In der Bühnenaussprache wird es [<templatestyles src="IPA/styles.css" />e] ausgesprochen (z. B. facere [<templatestyles src="IPA/styles.css" />'faː.tse.re]).
  • Das kurze ⟨i⟩ (und eventuell auch y, siehe unten) wird am Wortende ebenfalls geschlossen artikuliert (z. B. Romani = [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ʁo.ˈmaː.ni], wie dt. „Willy“ = [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ʋɪli]). Vor Vokalen (außer ⟨i⟩) wird es wie ein deutsches ⟨j⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />j] ausgesprochen. Zwei ⟨i⟩ werden durch Glottisschlag getrennt (z. B. Iulii = [<templatestyles src="IPA/styles.css" />juːliʔi]).
  • Das ⟨y⟩, das im Lateinischen allenfalls zur Wiedergabe des Griechischen Ypsilon verwendet wurde, wurde meist als Ü-, seltener als I-Laut gesprochen, wobei Letzteres die ältere Variante ist. In diesem Falle gilt auch die oben genannte I-Regel für das Y.

Vokal-Digraphen

Im klassischen Lateinischen gab es vier Diphthonge, die auf Deutsch unterschiedlich realisiert werden:

  • Das lateinische ⟨ui⟩ wird als [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ui] realisiert, also als Folge von ⟨u⟩ und ⟨i⟩.
  • Das lateinische ⟨eu⟩ wird als [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ɔɪ] realisiert, wie in dt. „euch“ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ɔɪç].
  • Das lateinische ⟨oe⟩ wird wie ein deutsches ⟨ö⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />øː] ausgesprochen und ist meist lang, nur selten kurz.
  • Das lateinische ⟨ae⟩ wird wie ein deutsches ⟨ä⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ɛː] (oder auch [<templatestyles src="IPA/styles.css" />]) ausgesprochen und ist immer lang.

Konsonanten

Für fast alle Konsonanten gilt eine eindeutige Phonem-Graphem-Korrespondenz (dies ist immer die gleiche wie im Deutschen):

Buchstabe Aussprache
⟨b⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />b]
⟨d⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />d]
⟨f⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />f]
⟨g⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />g]
⟨h⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />h]
⟨l⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />l]
⟨m⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />m]
⟨n⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />n]
⟨p⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />]
⟨qu⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />]
⟨t⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />]
⟨x⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />k(ʰ)s]
⟨z⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ts]

Wie man sieht, werden das ⟨p⟩ und das ⟨t⟩ wie im Deutschen behaucht ausgesprochen.<ref>Lautlehre: Unbehauchte Konsonanten: – c – p – t. In: E-Learning › Historisierende Aussprache des Lateinischen und Altgriechischen › Viva Vox › Grundlagen. Propylaeum – Fachinformationsdienst Altertumswissenschaften der Universitätsbibliothek Heidelberg und der Bayerischen Staatsbibliothek München. Auf Propylaeum.de, abgerufen am 22. November 2025.</ref> Einem mit Vokalbuchstaben beginnendem Wort wird, wie im Deutschen, ein Glottisschlag vorangestellt. Bei folgenden Konsonanten gibt es mehrere Möglichkeiten:

  • ⟨c⟩ wird vor ⟨a⟩, ⟨o⟩ (außer in den Verbindungen ⟨ae⟩ und ⟨oe⟩) und ⟨u⟩ wie ein deutsches ⟨k⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />] und vor ⟨ae⟩, ⟨e⟩, ⟨i⟩, ⟨oe⟩; und ⟨y⟩; wie ein deutsches ⟨z⟩; [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ts] ausgesprochen.
  • ⟨r⟩ wird je nach regionaler Varietät des Deutschen entweder [<templatestyles src="IPA/styles.css" />r], [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ʀ] oder [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ʁ] ausgesprochen.
  • ⟨s⟩ ist wie im Deutschen vor Vokal vor allem in Norddeutschland stimmhaft [<templatestyles src="IPA/styles.css" />z], als Doppelbuchstabe wird es jedoch immer stimmlos [<templatestyles src="IPA/styles.css" />s] ausgesprochen.
  • ⟨t⟩ wird normalerweise wie ein deutsches ⟨t⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />], vor ⟨i⟩ mit drauf folgendem anderem Vokal jedoch wie ein deutsches ⟨z⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ts] ausgesprochen.
  • ⟨v⟩ wird meist wie ein deutsches ⟨w⟩ [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ʋ] ausgesprochen, in seltenen Fällen – etwa in Wörtern wie ‚Eva‘ – als ⟨f⟩; [<templatestyles src="IPA/styles.css" />f].
  • Die in griechischen Fremd- und Lehnwörtern auftretenden Digraphen ⟨th⟩, ⟨ph⟩ und ⟨ch⟩ werden wie im Deutschen [<templatestyles src="IPA/styles.css" />], [<templatestyles src="IPA/styles.css" />f] und [<templatestyles src="IPA/styles.css" />ç] (nach ⟨ae⟩, ⟨e⟩, ⟨i⟩ und ⟨y⟩ und am Wortanfang) bzw. [<templatestyles src="IPA/styles.css" />x] (nach ⟨a⟩, ⟨o⟩ und ⟨u⟩) ausgesprochen.
  • ⟨b⟩, ⟨d⟩ und ⟨g⟩ unterliegen wie im Deutschen der Auslautverhärtung, wobei jedoch ⟨d⟩ selten, ⟨b⟩ nur in Präpositionen wie ab und sub und ⟨g⟩ im Auslaut so gut wie gar nicht vorkommt.

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

<references />