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Baureihe 72 der Wuppertaler Schwebebahn

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Baureihe 72
Datei:Wuppertaler Schwebebahn in Elberfeld.jpg
Hersteller: Wagenkasten: MAN
Elektrik: Siemens und Kiepe
Baujahr(e): 1–2: 1972
3–9: 1973
10–28: 1974<ref>tram-info.de</ref>
Ausmusterung: 2016 bis 2019
Länge: 24.060 mm
Breite: 2200 mm
Höhe: 2729 mm (ohne Fahrwerk)
Drehzapfenabstand: 7645 mm
Drehgestellachsstand: 1280 mm
Raddurchmesser: 800 mm
Leermasse: 22.175 kg
Dienstmasse: 35.500 kg
Höchstgeschwindigkeit: 60 km/h
Dauerleistung: 4× 50 kW
Beschleunigung: 1,1 m/s²
Bremsverzögerung: 1,2 m/s²
Stromsystem: 600 Volt =
Stromübertragung: Stromschiene
Fahrmotoren: 4
Kleinster Halbmesser: 9 m
Sitzplätze: vor Umbau: 48
nach Umbau: 43
Stehplätze: vor Umbau: 156
nach Umbau: 161

Die Baureihe 72 der Wuppertaler Schwebebahn ist eine Triebwagen-Generation der Wuppertaler Schwebebahn, ihre Typenbezeichnung leitet sich vom ersten Beschaffungsjahr ab, weshalb man auch von der Baureihe 1972, Bauart 1972 oder Bauart 72 spricht, abgekürzt entsprechend B72. Es handelt sich dabei um die ersten serienmäßig beschafften Gelenktriebwagen (GTW) der Schwebebahn, weshalb sie alternativ auch als GTW 72 bezeichnet werden. Die 28 dreiteiligen Doppelgelenkwagen wurden von MAN geliefert und von Klaus Flesche, dem Leiter des MAN-Design-Büros, sowie einem freischaffenden Architekten gestaltet.<ref name="85Jahre">Die Zeit von 1948–1985. In: Uwe E. Schoebler (Hrsg.): 85 Jahre Schwebebahn (= Bergische Blätter. Sonderausgabe). 1986, S. 24 (<templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />online [Memento vom 22. Oktober 2019 im Internet Archive]).</ref> Die elektrische Ausrüstung lieferten Siemens und Kiepe Electric zu. Sie gingen zwischen Juli 1972 und März 1975 in Betrieb, ihr Fensterband war Enzianblau (RAL-Farbe 5010) lackiert, Bauchbinde und Frontbereich waren in Pastellorange (RAL-Farbe 2003) gehalten.

Geschichte

Inbetriebnahme

Gegen Ende der 1960er Jahre waren die Fahrzeuge der Wuppertaler Schwebebahn in einem zunehmend schlechten Zustand: die zur Eröffnung beschafften Wagen der Baureihe 00/12 waren bereits fast 70 Jahre alt, die Wagen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit waren aus nicht besonders widerstandsfähigen Werkstoffen gebaut. Die Einwohnerzahl Wuppertals wuchs, während des Baus der Bergischen Universität Wuppertal wollte sich die Stadt als florierend und dynamisch darstellen. Passend zu diesem Zeitgeist wurde bei MAN eine neue Baureihe bestellt, die sämtliche Vorgänger ablösen sollte, das heißt neben den bereits genannten beiden Serien-Baureihen auch die zwei Prototypen der Baureihe 30. Nach Planungen des Jahres 1969 sollten dabei noch 29 Wagen bestellt werden.<ref name="Zeitungschronik">Zeitungschronik 1929–2008 auf wuppertal.de, abgerufen am 27. Oktober 2025</ref>

Weil MAN damals auch die ersten Wagen für die 1971 eröffnete U-Bahn München herstellte, die aufgrund der dortigen Olympischen Sommerspiele 1972 Vorrang hatten, verzögerte sich das Projekt. Das erste Exemplar der Baureihe 72 erreichte Wuppertal somit erst am 13. Juli 1972. Der Transport erfolgte per Eisenbahn bis zum Güterbahnhof Vohwinkel, die drei Wagenteile waren auf drei Flachwagen festgezurrt. Das kurze Teilstück von Bahnhof bis zur Betriebswerkstatt in Vohwinkel wurde mit einem Schwertransport zurückgelegt. Die Einführung der neuen Baureihe erregte keine größere Aufmerksamkeit, lediglich das sachliche Design, die vergrößerte Kapazität und die Kunststoffsitze fielen auf. Die erste Testfahrt erfolgte am 7. August 1972, am 8. November 1972 durften Journalisten und Stadträte ihn testen.<ref name="Zeitungschronik">Zeitungschronik 1929–2008 auf wuppertal.de, abgerufen am 27. Oktober 2025</ref> Die offizielle Jungfernfahrt fand am 23. November 1972 im Beisein von Johannes Rau, damals Wissenschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen, und Bürgermeister Gottfried Gurland statt. Am 22. April 1975 wurde Wagen 28 als letzter, ebenfalls per Güterzug, ausgeliefert.<ref>Andreas Boller: Nach 43 Jahren kommt wieder eine neue Schwebebahn. In: Westdeutsche Zeitung. Abgerufen am 15. November 2015.</ref> Die drei zuletzt gelieferten Wagen 26, 27 und 28 besaßen dabei eine zusätzliche Fahrschuleinrichtung.<ref>die-schwebebahn.de</ref>

Ausmusterung

Wagen 4 wurde nach dem Unfall von 1999 verschrottet. Der beim Unfall des Jahres 2008 beschädigte Wagen 24 wurde in der Werkstatt Vohwinkel wieder instand gesetzt und war ab Dezember 2009 wieder im Einsatz. Wagen 19 und 21 wurden am 11. Juni und 4. Juli 2012 wegen ihres schlechten Allgemeinzustandes von der Hauptuntersuchung zurückgestellt. Wagen 21 wurde öffentlich nicht zugänglich auf einem Abstellplatz für Dienstfahrzeuge des Wuppertaler Zoos aufgestellt und wurde mittlerweile weiterveräußert<ref>Vom Zoo zu Vorwerk: Die Schwebebahn hält jetzt in Laaken Wuppertaler Rundschau vom 20. März 2023</ref>. Wagen 19 wurde zum Busdepot in Nächstebreck verbracht.<ref>Im Zoo ist Endstation für den Schwebebahnzug Nummer 21 wz-newsline.de vom 5. Juli 2012</ref>

Die Baureihe 72 wurde ab 2016 von der Baureihe 14 abgelöst, eine Umrüstung auf das European Train Control System erfolgte bei ihnen nicht mehr.<ref name="etr-schwebebahn" /> Aus diesem Grund blieb auch keiner als betriebsfähiges Museumsfahrzeug erhalten.<ref name="njuuz">Das heimliche Ende einer Schwebebahn oder ein Fehler wiederholt sich. auf njuuz.de, abgerufen am 15. November 2014.</ref>

Im August 2015 gaben die Wuppertaler Stadtwerke bekannt, die Fahrzeuge der Baureihe 72 nicht zu verschrotten, sondern 21 zum Verkauf anzubieten und drei kostenlos abzugeben, sofern diese im Stadtgebiet verbleiben.<ref name="rp-verkauf">Wuppertal verschenkt und verkauft Schwebebahn-Wagen. Website der Rheinischen Post, 13. August 2015, abgerufen am 5. September 2015.</ref><ref name="telekom-verkauf">Wuppertal verschenkt drei Schwebebahnen: Rest ist zu kaufen auf t-online.de, 13. August 2015, abgerufen am 5. September 2015.</ref> Hierzu wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben.<ref name="solingen-verkauf">Schnäppchen: Schwebebahn ist von Ludwigshafen bis Bad Oeynhausen gefragt. Website des Solinger Tagblatts, 25. August 2015, abgerufen am 5. September 2015.</ref><ref>Abstimmung Teilnehmer – WSW Wettbewerb: Drei Schwebebahnen für Wuppertal. In: neue-schwebebahn.de. Abgerufen am 15. November 2015.</ref> Ein Fahrzeug soll bei den Wuppertaler Stadtwerken verbleiben; ob eine Aufarbeitung und die Ausrüstung mit der neuen Zugsicherungstechnik erfolgt, ist noch offen.<ref name="rp-verkauf" /> Für die zu verkaufenden Fahrzeuge setzte WSW mobil einen Preis von 4000 bis 5000 Euro je Stück an; dies sei der Schrottwert der im Fahrzeug enthaltenen Materialien. Darüber hinaus fielen für den Käufer zusätzliche Kosten für Transport per Tieflader, Errichtung eines Fundaments am Aufstellort und eine dafür notwendige Baugenehmigung an. Wird der Zug stehend, nicht hängend aufgestellt, müssen die Drehgestelle samt Fahrmotoren entfernt werden, da der Wagenkasten für die entsprechende Druckbelastung nicht ausgelegt ist.<ref name="waz-verkauf">Artur vom Stein: Wer braucht noch eine Schwebebahn? In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Funke Mediengruppe, 12. August 2015, abgerufen am 1. Mai 2025.</ref> Bis Ende August meldeten sich nach Aussagen der Stadtwerke 70 Interessenten, von denen 35 bereit wären, Transport und Aufstellung zu finanzieren.<ref name="solingen-verkauf" /> Die endgültigen Verkaufsentscheidungen werden bis November 2015 gefällt.<ref name="rp-verkauf" />

Am 7. Juli 2016 verließ Wagen 8 Wuppertal und wurde am Sternpunkt Vohwinkels Kindertisch aufgestellt. Dann folgte Wagen 2 nach Lindlar. Am 12. Januar 2017 wurde auch Wagen 5 ausgemustert und im Fördertechnik Museum in Sinsheim aufgestellt. Am 26. Januar folgte dann die Ausmusterung des Wagens 10. Die Sparkassen-Werbung erhielt er dabei. Dieser wurde beim SC Breite Burschen Barmen 1996 aufgestellt. Anschließend wurde am 8. Februar 2017 auch Wagen 3 ausgemustert. Nach Wagen 3 wurde am 23. Februar 2017 der Wagen 11 an die Firma „Schaeffler“ ausgemustert, direkt danach am 9. März 2017 der Wagen 12. Dieser wurde vorübergehend nach Ronsdorf ausgeliefert, wenn aber 2022 das Klinikum Barmen fertig ist, wird er dorthin transportiert. Wagen 14 wurde am 27. April 2017 ausgemustert – er ging zum CVJM-Westbund. Als bisher letzter Wagen wurde Wagen 6 am 11. Mai 2017 nach Gütersloh abtransportiert. Da der neue Wagen 10 am 19. Mai 2017 das Gerüst berührte, wurde die Anlieferung der neuen Wagen und Ausmusterung der alten Fahrzeuge pausiert, bis das Problem ermittelt und im August 2018 eine Lösung dafür gefunden wurde. Da die Baureihe 72 allmählich hauptuntersuchungsfällig wurde, wurden die Wagen 7 (4. Juli 2018), 9 (4. August 2018) und 18 (um den 20. Juli 2018 herum) abgestellt. Wagen 13 war seit etwa November 2017 abgestellt, erhielt aber am 27. Juli 2018 noch eine kleine Hauptuntersuchung. Wagen 15 erhielt ebenfalls eine Hauptuntersuchung und kehrte Ende August 2018 in den Liniendienst zurück.

Letzter planmäßiger Einsatztag der Baureihe 72 war schließlich – unvorhergesehenerweise – der 18. November 2018, der Tag der vorübergehenden Betriebseinstellung wegen Abriss einer Stromschiene. Am Nachmittag des 29. Juni 2019 erfolgte jedoch noch eine offizielle Abschiedsfahrt mit Wagen 28, der hierfür – ohne Fahrgäste – ein letztes Mal von Vohwinkel nach Oberbarmen und zurück fuhr. Die erneute Aufnahme des regulären Fahrgastbetriebs am 1. August 2019 fand entsprechend ohne die Baureihe 72 statt.<ref>Die Wuppertaler Schwebebahn: GTW72. Abgerufen am 2. August 2019.</ref> Aus historischen Gründen behielten die Wuppertaler Stadtwerke den Wagen Nummer 15, der inklusive zahlreicher Ersatzteile sowie mit seiner letzten Ganzreklame für den Wuppertaler Zoo, eingelagert wurde. Nach Klärung der Finanzierung soll er künftig als Sonderwagen analog zum Kaiserwagen eingesetzt werden.<ref>FAQs. Abgerufen am 29. Juli 2021.</ref>

Technik

Datei:Skizze Baureihe 72.jpg
Skizze mit ursprünglicher Sitzanordnung

Die tragende Konstruktion des Wagenkastens, der aus zwei Endwagen und einem kurzen Mittelstück besteht, wird aus geschweißten Aluminium-Leichtprofilen gebildet. Damit gelang es, das vor Beschaffung geforderte Maximalgewicht von 36,0 Tonnen zu unterschreiten. Die Drehgestellrahmen und die Aufhängebügel sind aus Stahlblechen (St 52-3) zusammengeschweißt. Der Triebwerksblock ist mit dem Drehgestellrahmen gelenkig verbunden. Die Kraftübertragung erfolgt durch geräuscharme Schneckengetriebe.<ref>Rainer Gruenter: Schwebebahn und Wupperbrücken. In: Broschüre zur Ausstellung in der Gesamthochschulbibliothek Wuppertal anläßlich des fünfzigjährigen Jubiläums der Stadt Wuppertal. Gesamthochschule Wuppertal, Fachbereich 11 Bautechnik – Fachgebiet Stahlbau, Juni 1979, abgerufen am 4. Juli 2025.</ref>

Die Kapazität betrug ursprünglich, ohne den Fahrersitz, 48 Sitzplätze und 156 Stehplätze. Die Sitzschalen waren dabei, außer zwei Einzelsitzen im Mittelteil, alle in Fahrtrichtung angeordnet. Nach Umbau des Innenraums waren es nur noch 43 Sitzplätze aber dafür 161 Stehplätze. Jedes Fahrzeug verfügt über vier Gleichstrom-Halbspannungsmotoren mit Thyristorsteuerung und ist mit Allradantrieb ausgerüstet, die vier Elektromotoren leisten jeweils 50 Kilowatt. Antrieb und Betriebsbremse werden für ein ruckfreies Anfahren und Bremsen über einen Gleichstromsteller respektive Vierquadrantensteller angesteuert. Die Schwebebahn war damals die erste Gleichstrombahn in Mitteleuropa überhaupt, die serienmäßig Gleichstromsteller für die Traktion einsetzte.<ref name="85Jahre" /> Die maximale Beschleunigung liegt bei 1,1 m/s², die zulässige Verzögerung bei 1,2 m/s², die Höchstgeschwindigkeit beträgt 60 km/h.

An Bremseinrichtungen stehen, neben der eigenerregten elektrischen Widerstandsbremse, eine zweistufige Federspeicherbremsanlage zur Verfügung. Ein Rangierfahrschalter befindet sich im Wagenheck, darüber hinaus ist eine Notfahreinrichtung für unvorhersehbare Unterbrechungen der elektronischen Steuerung vorhanden. Die Baureihe 72 wurde von Beginn an für den Ein-Mann-Betrieb ohne Zugbegleiter konzipiert, hierfür verfügen sie über eine Funkeinrichtung sowie Monitore zur Überwachung des Fahrgastwechsels, geliefert von AEG-Telefunken. Die 24,06 Meter langen und 22.175 Kilogramm schweren Triebwagen besitzen vier 1,3 Meter breite Doppeltüren. Das zulässige Wagengesamtgewicht beträgt 35.500 Kilogramm.

Regelmäßig fanden Prüfungen der Schweißkonstruktion des Wagenkastens statt, bei denen auch Teile der Inneneinrichtung ausgebaut wurden.<ref name="etr-schwebebahn">Dipl.-Ing. Joachim Ebmeyer, Dipl.-Ing. Christoph Deiss: Schweizer Drehgestell-Knowhow für neue Schwebebahnwagen für die Wuppertaler Stadtwerke. In: Eisenbahntechnische Rundschau 9/2014, S. 177–181.</ref> Ein Großteil der Wagen trug zuletzt Ganzreklame.

Galerie

Trivia

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Emoji von Twitter
  • Die Baureihe kann im Computerspiel Schwebebahn-Simulator 2013 gefahren werden.
  • Das Emoji 1f69f suspension railway von Twitter, Inc. ist von Form und Farbgebung der Baureihe 72 nachempfunden.
  • Anfang 2026 wurde das Fahrzeug Nummer 27 der Baureihe 14 anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Schwebebahn in den traditionellen Farben eines GTW 72 foliert.

Weblinks

Commons: WSW GTW 72 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references />

Vorlage:Navigationsleiste Baureihen der Wuppertaler Schwebebahn