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Schwebebahnunfall in Wuppertal 1999

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Datei:12. April 1999 - Ganz Wuppertal steht unter Schock.jpg
Die Unfallstelle am 12. April 1999

Der Schwebebahnunfall in Wuppertal ereignete sich am 12. April 1999 in der Nähe der Schwebebahnstation Robert-Daum-Platz. Bei der Entgleisung des Wagens 4 der Baureihe 72 kamen fünf Menschen ums Leben, 47 wurden schwer verletzt. Es war das schwerste Unglück in der Geschichte der Wuppertaler Schwebebahn und das bisher einzige mit Todesopfern unter den Fahrgästen. Nach dem Unfall vom 1. Mai 1917 bei Wupperfeld, der jedoch nur Verletzte verursachte, handelte es sich um den zweiten Absturz eines Schwebebahnwagens.

Unfallhergang

Im Stadtteil Elberfeld fuhr der Richtung Oberbarmen verkehrende Gelenktriebwagen beim Streckenkilometer 7, das heißt zwischen den Haltestellen Pestalozzistraße und Robert-Daum-Platz, um 5:46 Uhr, als erster Zug des Tages in dieser Richtung, mit einer Geschwindigkeit von rund 30 km/h in ein vorübergehend auf der Fahrschiene am Tragegerüst angebrachtes und 100 Kilogramm schweres stählernes Bauteil, eine sogenannte „Montagekralle“. Bei diesem Aufprall riss das erste von vier Drehgestellen vom Wagendach. Der Schwebebahnzug neigte sich darauf nach rechts, entgleiste und stürzte aus fast zehn Metern Höhe in die Wupper. Dabei fiel der vordere Teil des Zuges auf eine Fernwärmeleitungsbrücke, welche die Wupper an der Unglücksstelle überquert. Das abgerissene, zunächst am Traggerüst zurückgebliebene, Drehgestell stürzte unmittelbar darauf auf den in der Wupper liegenden Zug und durchschlug dessen Wagenkasten.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Schwebebahn stürzte in die Wupper (Memento vom 12. Mai 2013 im Internet Archive) Verkehrswirtschaft – Pressearchiv</ref>

Ablauf der Rettungsmaßnahmen

Datei:Schweb02012006-022.JPG
Die Unglücksstelle im Jahr 2005, zu sehen ist die Fernwärmeleitungsbrücke

Mitarbeiter der benachbarten Firma ELBA kletterten nach dem lauten Knall über ein Baugerüst in den Fluss und begannen mit der Rettung der Unfallopfer. Auch der verletzte Fahrer des Schwebebahnzugs half sofort bei der Rettung der Fahrgäste. Ein Anwohner, der über Notruf die Polizei informierte, erntete nach eigenen Angaben zunächst Gelächter, da ein Absturz eines Schwebebahnzugs als undenkbar galt.<ref>Marie Luise Oertel: Jahrhundertbauwerk Schwebebahn. 1. Auflage. Odenthal 2001, ISBN 3-00-008291-3, S. 13.</ref>

Schließlich waren mehr als 150 Helfer von Feuerwehren und Rettungsdiensten mit zwölf Notärzten im Einsatz, um die Verletzten an der nur schwer zugänglichen Stelle zu retten und medizinisch zu versorgen. Auch Pfarrer wurden als Notfallseelsorger zur Betreuung der unter Schock stehenden Menschen alarmiert. Die Verletzten wurden in zwei benachbarte Gebäude und ein Zelt gebracht, das die Feuerwehr in einer Unterführung aufgeschlagen hatte. Weitere Verletzten-Sammelstellen wurden in einer Fabrik und in einer schnell aufgebauten Zeltstadt auf einem Parkplatz eingerichtet. Aus Konferenzräumen im Erdgeschoss einer Bank wurde ein erstes Lazarett. Das nahe Ferdinand-Sauerbruch-Klinikum nahm die ersten Patienten auf. Der Robert-Daum-Platz, an dem sich die Bundesstraße 7 und die Landesstraße 427 kreuzen, wurde zum Landeplatz für drei Rettungshubschrauber.

Im Städtischen Klinikum Barmen wurden alle Routine-Operationen verschoben und alle verfügbaren Ärzte zur Notversorgung bereitgehalten. Drei Stunden nach dem Unglück waren bereits alle 47 Verletzten mit Knochenbrüchen, Prellungen und Schnittverletzungen in Krankenhäusern in Wuppertal, Remscheid und Solingen untergebracht.

Zwei Männer konnten nur noch tot aus dem Wrack geborgen werden; die Leiche einer Frau wurde von der Wupper weggeschwemmt und erst Stunden nach dem Unfall gefunden. Zwei weitere Personen erlagen später ihren Verletzungen.<ref>Schwebebahn-Unglück: Ein schwarzer Tag für Wuppertal Rheinische Post vom 2. April 2004.</ref><ref>Frank Jansen: Gespenstische Stille nach dem Unglück. In: Tagesspiegel. 12. April 1999 (Online).</ref> In allen fünf Fällen trat der Tod als Folge der schweren und durch den Absturz des Schwebebahnzugs erlittenen Verletzungen ein.<ref>Az. 21 KLs 411 Js 533/99 - 2/00. In: Landgericht Wuppertal.</ref>

Ablauf der Bergungsmaßnahmen

Die betroffenen Gerüstteile und das Zugwrack wurden auf Anordnung der Staatsanwaltschaft zunächst beschlagnahmt. Die Bergung des abgestürzten Schwebebahnzuges wurde am 13. April 1999 vorbereitet und gestaltete sich sehr schwierig. So konnte der bisherige Rettungsweg neben einem Büro- und Wohnhaus nicht als Standort für den erforderlichen 300-Tonnen-Kran genutzt werden, da eine Tiefgarage statische Probleme aufwarf. Am anderen Ufer der Wupper bot sich der Hof der Firma ELBA an, obwohl der direkte Zugang zur Unglücksstelle durch ein Produktionsgebäude versperrt war. Der Kran wurde dort im Laufe des Tages in Position gebracht und ein Bagger in die Wupper gelassen. In Vorbereitung der eigentlichen Bergung musste dann die Stahlkonstruktion der Fernwärmeleitung, auf die der Schwebebahnzug geprallt war, abgetrennt werden. Zwischenzeitlich wurden mehrere Halogen-Scheinwerfer am Schwebebahngerüst montiert und ein Lichtmastwagen der Polizei in Position gebracht. Bei einsetzender Dunkelheit wurde der Unfallort hell beleuchtet.

Die Arbeiten wurden in der Nacht zum 14. April 1999 weitergeführt. Von dem 22 Tonnen schweren Gelenkzug wurden zunächst drei Drehgestelle mit einem Gewicht von je ca. 3,5 Tonnen abgeschraubt. Diese Teile wurden im Tagesverlauf von dem Kran über die Werkshallen der Firma ELBA auf einen in der gesperrten Ernststraße abgestellten Sattelschlepper gehoben. Das vierte Drehgestell, welches bei dem Unglück abgerissen und in den Wagenkasten des Schwebebahnwagens gestürzt war, musste später geborgen werden. Jetzt konnte das erste große hintere Teil des Gelenkzuges gelöst und aus dem Wupperbett gehoben werden. Bis zum Abend wurde auf diese Art und Weise der Schwebebahnzug in drei Teile zerlegt und in eine Halle der Generaloberst-Hoepner-Kaserne auf Lichtscheid transportiert. Das Schienenstück des Schwebebahngerüstes, an dem die verhängnisvolle Kralle befestigt war, wurde am Freitag, 16. April 1999 entfernt und sichergestellt.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Aus dem Polizeibericht (Memento des Vorlage:IconExternal vom 4. März 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/home.wtal.de www.home.wtal.de 15. April 2000</ref>

Untersuchungen

Seit November 1997 wurde im Zuge der kompletten Erneuerung des Fahrgerüsts jeweils an Wochenenden die gesamte Tragkonstruktion komplett ausgetauscht. Die an der Fahrschiene montierten Stahlkrallen dienten der Stabilität des Gerüstes während dieser Arbeiten. In der Nacht vor dem Unfall wurden Bauarbeiten beendet, bei denen Teile des Gerüstes wenige Pfeiler von der Unglücksstelle entfernt ausgetauscht wurden. Bei den Arbeiten war man so in Verzug geraten, dass erst zehn Minuten vor dem Start des ersten Zuges aus Richtung Vohwinkel die Baustelle geräumt wurde. Dabei war das Bauteil auf der Schiene vergessen worden.

Der TÜV Rheinland/Berlin-Brandenburg wurde beauftragt, die gesamten Abläufe des Umbaus im Streckenabschnitt PestalozzistraßeOhligsmühle vom 9. bis 12. April 1999 vom Beginn bis zur Streckenfreigabe und deren Dokumentation<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />WSW-Presse-Info Nr. 2/99 (Memento des Vorlage:IconExternal vom 16. August 2021 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/home.wtal.de www.home.wtal.de 15. April 1999</ref> sowie die bestehende Organisation zur Gewährleistung eines sicheren Schwebebahnbetriebs nach Abwicklung wiederkehrender Baumaßnahmen zum abschnittsweisen Austausch des Schwebebahngerüstes zu untersuchen und zu begutachten.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />WSW: TÜV-Gutachten liegt vor – Experten zum Schwebebahnunglück vom 12. April 1999 (Memento des Vorlage:IconExternal vom 4. März 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/home.wtal.de www.home.wtal.de 10. Juni 1999</ref>

Im nachfolgenden Prozess wurde deutlich, dass der Absturz nicht durch einen technischen Defekt oder einen Systemfehler, sondern allein aufgrund nachlässiger Abbauarbeiten zum Ende der Bauarbeiten jener Nacht und mangelnder Kontrolle dieser Arbeiten geschehen war. Eine den Unfall verhindernde Probefahrt war weder vorgesehen noch gesetzlich vorgeschrieben.

Juristische Konsequenzen

In seinem Urteil vom 31. Januar 2002 (4 StR 289/01) wurden die Revisionen der verurteilten Angeklagten vom Bundesgerichtshof im Revisionsverfahren als unbegründet verworfen. Die Freisprüche durch das Landgericht Wuppertal des für das Sicherheitskonzept zuständigen Betriebsleiters teils aus Rechtsgründen, teils aus tatsächlichen Gründen von dem Vorwurf der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung wurden aufgehoben. Die Angeklagten, die für die bahntechnische Aufsicht bzw. für die Bauüberwachung zuständig waren, ihre Kontrollpflichten jedoch nicht ordnungsgemäß ausübten, wurden vom Landgericht jeweils wegen fahrlässiger Tötung in fünf rechtlich zusammentreffenden Fällen in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung in 37 rechtlich zusammentreffenden Fällen zu Bewährungsstrafen verurteilt.<ref>Unfall der Wuppertaler Schwebebahn – Freisprüche von vier Monteuren aufgehoben Bundesgerichtshof, Pressestelle des Bundesgerichtshofes 31. Januar 2002</ref> Die Sache wurde bezüglich der freigesprochenen Angeklagten an eine andere Kammer des Landgerichts Wuppertal zurückverwiesen. In diesem Verfahren wurde einer der Arbeiter zu einer Bewährungsstrafe von 4 Monaten verurteilt, das Verfahren gegen die 3 anderen Arbeiter gegen eine Geldbuße von 500 Euro eingestellt.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Vorlage:Webarchiv/Wartung/TodayDer Wert des Parameters archive-today muss ein Datum der Form YYYYMMDD oder Zeitstempel der Form YYYY.MM.DD-hhmmss bzw. YYYYMMDDhhmmss sein.</ref>

Die Wuppertaler Stadtwerke AG zahlte als Betreiberin der Schwebebahn rund 1,3 Millionen Deutsche Mark Schadensersatz, Schmerzensgeld, Heilbehandlungs- und Beerdigungskosten sowie Kosten für psychotraumatologische Hilfe durch Fachärzte an die Hinterbliebenen und Betroffenen. Die Gesamtkosten, die dem Unternehmen durch das Unglück entstanden, beliefen sich auf weit über acht Millionen Deutsche Mark.<ref name="Gedenktafel"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Gedenktafel für Schwebebahnopfer enthüllt. WSW gedenkt des schwersten Schwebebahnunfalls genau vor einem Jahr (Memento des Vorlage:IconExternal vom 4. März 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/home.wtal.de www.home.wtal.de 12. April 2000</ref>

Technische Konsequenzen

Den von den Mitarbeitern der Schwebebahnwerkstatt der Wuppertaler Stadtwerke AG durchgeführten Reparaturarbeiten waren umfangreiche statische Berechnungen zur Aufstellung von Stützgerüsten und den Auswirkungen des Unfalls auf das Gerüst von externen Ingenieurbüros und Sachverständigen vorausgegangen. Zahlreiche Sicherheitsprüfungen wurden durchgeführt, darunter eine spezielle Inspektion des gesamten Gerüstes einschließlich Stützen und Messfahrten mit den fünf in der Zwischenzeit haupt- und zwischenuntersuchten Gelenkzügen. Umfangreiche Rangierarbeiten in den Endstationen Vohwinkel und Oberbarmen waren erforderlich, um die Züge wieder in Ausfahrtstellung zu bringen.<ref name="Probefahrt"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Wuppertaler Schwebebahn fährt wieder – Probe- und Testfahrten erfolgreich gelaufen (Memento des Vorlage:IconExternal vom 4. März 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/home.wtal.de www.home.wtal.de 8. Juni 1999</ref>

Die vorbereitenden Arbeiten zur Reparatur der beschädigten Gerüstteile an der Unfallstelle begannen am 31. Mai 1999, nachdem einige Tage zuvor der für den Austausch der Gerüstteile erforderliche Kran auf dem Gelände der Firma ELBA aufgestellt wurde. Die eigentlichen Reparaturarbeiten mit dem Austausch von rund fünf Metern Schienenträger, Fahrschiene und Stromschiene begannen am Mittag des 2. Juni 1999. Es ist seither gängige Praxis, nach solchen Arbeiten Probefahrten durchzuführen, auch wenn diese weiterhin nicht gesetzlich vorgeschrieben sind. Der reguläre Schwebebahnbetrieb wurde am 8. Juni 1999, rund acht Wochen nach dem Unglück, wieder aufgenommen.<ref name="Probefahrt" /> Der verunglückte Wagen 4 wurde nach Beendigung der Ermittlungen verschrottet und erst in den 2010er Jahren durch einen Wagen der Baureihe 14 ersetzt.<ref>12. April 1999 Wuppertaler Schwebebahn: Nähe Robert-Daum-Platz Bahnen im Bergischen</ref>

Sonstiges

Datei:Schwebebahnstation Robert-Daum-Platz 13 ies.jpg
Gedenktafel in der Station Robert-Daum-Platz
Datei:Wuppertal 2016 Wupperweg 056.jpg
Gedenktafel am Unfallort

Am 12. April 2000 enthüllten Wuppertals Oberbürgermeister Hans Kremendahl und der Vorstandsvorsitzende der Wuppertaler Stadtwerke AG Rolf Krumsiek in der Nähe der Unfallstelle gelegenen Schwebebahnstation Robert-Daum-Platz eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Opfer.<ref name="Gedenktafel" /> Eine zweite Gedenktafel befindet sich direkt am Unfallort.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

Koordinaten: 51° 15′ 6,5″ N, 7° 7′ 57,7″ O

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