Neurotizismus
Der Begriff Neurotizismus (abgeleitet von Neurose) beschreibt eine Persönlichkeitseigenschaft, die mit negativer Affektivität zusammenhängt. Der Begriff und das Konzept gehen auf den Psychologen Hans Jürgen Eysenck zurück.<ref>Hans Jürgen Eysenck: Dimensions of personality. Transaction Publishers, 1947 (google.de).</ref> Ein alternativer Begriff im Zusammenhang mit der Eysenckschen Theorie ist Emotionale Labilität.
Neurotizismus bildet zusammen mit Extraversion, Verträglichkeit, Offenheit und Gewissenhaftigkeit das Fünf-Faktoren-Modell, auch bekannt als Big Five.<ref>P. T. Costa, Jr., R. R. McCrae: The NEO Personality Inventory manual. Psychological Assessment Resources, Odessa, Florida 1985, OCLC 634727695.</ref>
Beschreibung
Neurotizismus korreliert mit der Häufigkeit und Intensität negativer Emotionen. Stark ausgeprägter Neurotizismus gilt in vielen sozialen Kontexten als eher unerwünscht. Allerdings kann die erhöhte emotionale Sensibilität – besonders wenn sie mit Feinfühligkeit verbunden ist – auch als faszinierend oder vielschichtig wahrgenommen werden. Ein niedriger Neurotizismus hingegen wird meist positiv bewertet, kann jedoch auch den Eindruck von mangelnder Sensibilität hervorrufen.<ref name=":0" details="Seite 144.">Franz J. Neyer, Jens Asendorpf: Psychologie der Persönlichkeit (= Springer-Lehrbuch). 6., vollständig überarbeitete Auflage, Online-Ausgabe. Springer, Berlin [Heidelberg] 2018, ISBN 978-3-662-54941-4.</ref> Neurotizismus spielt eine große Rolle bei dem, was alltagssprachlich als Schüchternheit bezeichnet wird.<ref name=":0" details="Seite 111." />
Facetten
Neurotizismus umfasst sechs Facetten:<ref name=":0" details="Seite 144." />
- Ängstlichkeit (angstfrei, unerschütterlich, unerschrocken vs. ängstlich, beunruhigt, nervös)
- Reizbarkeit (ausgeglichen, nicht schnell beleidigt, gelassen vs. empfindlich, gereizt, übellaunig)
- Depression (hoffnungsvoll, sorglos, zuversichtlich vs. bedrückt, entmutigt, schwermütig)
- Soziale Befangenheit (selbstsicher, unbefangen, ungezwungen vs. gehemmt, verlegen, schüchtern)
- Impulsivität (Frustrationstoleranz, kontrolliert, widersteht Versuchungen vs. genusssüchtig, leicht verführbar, unkontrolliert)
- Verletzlichkeit (stabil, stressresistent vs. sensibel, stressanfällig, verletzlich)
Theoretischer Hintergrund
Eysenck konstruierte seine Persönlichkeitsdimensionen mittels einer Faktorenanalyse. Allen Persönlichkeitsmerkmalen liegt laut Theorie zugrunde, dass sie relativ stabil, konsistent und zeitlich überdauernd sind. Der Faktor Neurotizismus lässt sich laut Eysenck in die Dimensionen Labilität-Stabilität aufteilen. Er weist faktorenanalytisch enge Zusammenhänge mit den damals verwendeten Begriffen „schlecht organisierte Persönlichkeit“, „abhängig“ oder „abnormal vor der Krankheit“ auf. Eysenck bezeichnete ihn auch als „Fehlen von Persönlichkeitsintegration“.
Eysenck sah den Ursprung in Unterschieden zwischen Individuen hinsichtlich der autonomen physiologischen Erregung. Demnach reagieren Persönlichkeiten mit hohen Neurotizismuswerten stärker auf angst- und stresserregende Situationen als emotional stabile Individuen. Zudem benötigen sie nach derartiger Erregung länger, um wieder in ihren Ursprungszustand zurückzukehren. Als Erklärung diente Eysenck das limbische System, das unter anderem für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist. Neurotizistisches Verhalten ist damit das Ergebnis einer starken Reaktion des limbischen Systems auf externe Reize. Damit kommt es bei Personen mit hohem Neurotizismuswert öfter zu Neurosen, weil externe Reize stärker emotional kodiert und damit konditioniert werden.
Aktuellere Persönlichkeitsforschung legt nahe, Neurotizismus in die Teilaspekte „Rückzug“ und „Flüchtigkeit“ aufzuteilen, um ein Modell mit höherer Trennschärfe als die Big Five zu erhalten.<ref>Colin G. DeYoung, Lena C. Quilty, Jordan B. Peterson: Between facets and domains-10 aspects of the Big Five. In: researchgate.net. Abgerufen am 20. Februar 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Messung
Der Neurotizismuswert wird meist zusammen mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen durch psychologische Fragebogenverfahren (Tests) erfasst. Solche umfassenderen Tests sind z. B. der 566 Fragen umfassende MMPI-Persönlichkeitsfragebogen (Minnesota Multiphasic Personality Inventory) oder der NEO-FFI.
Zusammenhang mit psychischen Störungen
Neurotizismus unterliegt, wie auch andere Persönlichkeitsmerkmale, mäßigen bis substanziellen Einflüssen durch Vererbung.<ref>Thomas J. Bouchard, Jr., Matt McGue: Genetic and environmental influences on human psychological differences. In: Journal of Neurobiology. Band 54, 2003, S. 4–45, doi:10.1002/neu.10160.</ref> Zwillingsstudien haben gezeigt, dass sowohl die Neurotizismus-Werte als auch unipolare Depression (major depressive disorder) in einem ähnlichen Umfang wie viele Persönlichkeitseigenschaften erblich sind, nämlich zu 40 bis 50 Prozent.
Neurotizismus ist ein Risikofaktor für Dysphorie, Angststörungen und Angespanntheit. Es konnte gezeigt werden, dass sehr hohe prämorbide Neurotizismus-Werte das spätere Eintreten einer Depression zuverlässig voraussagen. Daher wird vermutet, dass Neurotizismus und Depression zumindest teilweise durch gemeinsame Genvarianten verursacht werden.<ref>Douglas F. Levinson: The Genetics of Depression: A Review. In: Biological Psychiatry. 2006, doi:10.1016/j.biopsych.2005.08.024, PMID 16300747.</ref>
Nach ICD-11 kann ein sehr hoher Neurotizismuswert durch das Merkmal 6D11.0 Negative Affektivität erfasst werden, falls die Voraussetzungen für die Diagnose Persönlichkeitsstörung vorliegen. Neurotizismus ist bei Persönlichkeitsstörungen generell erhöht, spielt allerdings eine besondere Rolle für die paranoide und die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung. Das Persönlichkeitsmerkmal ist ebenfalls bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung und der schizotypen Störung stark erhöht.<ref>Douglas B. Samuel, Thomas A. Widiger: A meta-analytic review of the relationships between the five-factor model and DSM-IV-TR personality disorders: A facet level analysis. In: Clinical Psychology Review. Band 28, Nr. 8, 1. Dezember 2008, ISSN 0272-7358, S. 1326–1342, doi:10.1016/j.cpr.2008.07.002.</ref> Es wird außerdem in Verbindung mit niedriger Verträglichkeit (Antagonismus) mit den vulnerablen Anteilen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung assoziiert.<ref>Joshua D. Miller, Donald R. Lynam, Colin Vize, Michael Crowe, Chelsea Sleep, Jessica L. Maples‐Keller, Lauren R. Few, W. Keith Campbell: Vulnerable Narcissism Is (Mostly) a Disorder of Neuroticism. In: Journal of Personality. Band 86, Nr. 2, April 2018, ISSN 0022-3506, S. 186–199, doi:10.1111/jopy.12303.</ref>
Literatur
- M. Amelang, D. Bartussek: Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung. Kohlhammer, Stuttgart 2001, ISBN 3-17-016641-7.
- J. Asendorpf: Psychologie der Persönlichkeit. Springer, Berlin 2012, ISBN 978-3-642-30263-3.
- L. Pervin et al.: Persönlichkeitstheorien. UTB, 2005, ISBN 3-8252-8035-7.
Einzelnachweise
<references></references>