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Carl Lutz

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Carl Lutz (1944)
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Schutzbrief aus dem Jahr 1944. Heute in der Sammlung des Jüdischen Museums der Schweiz.
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Gedenkstelle für Carl Lutz in Budapest

Carl Robert Lutz (* 30. März 1895 in Walzenhausen; † 12. Februar 1975 in Bern) war ein Schweizer Diplomat, der die grösste Rettung von Juden während des Zweiten Weltkriegs durchführte. Zusammen mit Widerstandskämpfern gelang es Carl Lutz, insgesamt 62'000 ungarische Juden zu retten.

Die Hälfte aller Überlebenden der jüdischen Bevölkerung von Budapest wurde dank seinen Anstrengungen gerettet und nicht in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten während des Holocausts deportiert. Dreimal wurde Lutz für den Friedensnobelpreis nominiert. Von Yad Vashem erhielt er den Ehrentitel Gerechter unter den Völkern.

Leben

Frühes Leben

Lutz wuchs als zweitjüngstes von zehn Kindern in Walzenhausen in einer frommen Familie auf, die die Methodistenkirche besuchte. Seine Mutter arbeitete als Lehrerin in der Sonntagsschule der Methodistengemeinde; sein frühverstorbener Vater betrieb einen Steinbruch.<ref name="Judenretter aus Walzenhausen">Marc Tribelhorn: Der Judenretter aus Walzenhausen – Als Diplomat in Budapest bewahrte Carl Lutz vor 80 Jahren 60 000 Menschen vor dem Holocaust – die Schweiz dankte es ihm mit Missachtung. In: Neue Zürcher Zeitung, 21. Mai 2024, S. 9.</ref> 1913 wanderte er in die Vereinigten Staaten aus. Er wollte Pfarrer werden, aufgrund seiner Schüchternheit gab er diesen Berufswunsch auf. Seit 1920 arbeitete er – anfänglich als Aushilfskraft – in der Schweizer Gesandtschaft in Washington, D.C.<ref name="Judenretter aus Walzenhausen" /> und später in den Konsulaten in Philadelphia und St. Louis.

Zusammen mit seiner Frau Gertrud Lutz-Fankhauser, der späteren UNICEF-Vizepräsidentin, die er in den USA während seiner Zeit am Schweizer Konsulat in St. Louis kennengelernt hatte, ging er 1935 an das Konsulat in Jaffa im Völkerbundsmandatsgebiet Palästina, wo er bis 1940 als Konsularbeamter arbeitete. Die Eheleute Lutz wurden Zeugen der dramatischen Unruhen zwischen arabischen und jüdischen Einwohnern Palästinas sowie zwischen Briten und Arabern.<ref name="Judenretter aus Walzenhausen" />

Das Konsulat übernahm im britischen Mandatsgebiet die Auslandsvertretung des deutschen Generalkonsulats in Jerusalem im Rahmen der Schutzmachttätigkeit der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Lutz oblag die Betreuung Deutscher in Palästina, bis er 1940 nach Bern abberufen wurde.<ref>Rolf Stücheli: Carl Lutz. In: Historisches Lexikon der Schweiz. Abgerufen am 11. April 2017.</ref>

Budapest 1942–1945

Nach einem kurzen Aufenthalt in Berlin wurde er 1942 unter dem Gesandten Maximilian Jaeger als Vizekonsul an die Botschaft nach Budapest versetzt. Bekannt wurde er durch seinen Einsatz für ungarische Juden, wodurch über 60'000 Menschen – rund die Hälfte aller überlebenden ungarischen Juden – vor der Deportation und dem Holocaust gerettet wurden.

Er erreichte dies in seiner Position als Leiter der Abteilung «Fremde Interessen» an der Schweizer Botschaft, indem er ab Mai 1944 für Juden, die nach Palästina auswandern wollten, Schutzpässe und Schutzbriefe ausstellte. Dies bewahrte sie vor der Deportation nach Auschwitz, denn die ungarische Gendarmerie und das Eichmann-Kommando respektierten diese Papiere, wobei Lutz’ frühere Tätigkeit in Palästina, die Wahrnehmung deutscher diplomatischer Interessen gegenüber Grossbritannien im Jahre 1940, eine Rolle spielte.

Der schwedische Diplomat Raoul Wallenberg, der im Juli 1944 nach Budapest kam, informierte sich über die Vorgehensweise des Schweizers und arbeitete mit ihm zur Rettung von Budapester Juden zusammen. Wallenbergs Tätigkeit wurde weltweit durch den Fall seines mysteriösen Verschwindens bekannt, dagegen blieb Lutz als quasi unordentlicher Beamter in der Schweiz lange ungewürdigt.<ref name="Carl">Agnes Hirschi: Carl Lutz und der jüdische Widerstand in Ungarn. In: Neue Zürcher Zeitung. 13. Mai 2005, abgerufen am 10. Januar 2015.</ref><ref>Bernhard Odehnal: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Carl Lutz rettete Tausende Juden vor dem Holocaust (Memento vom 5. September 2014 im Internet Archive) In: Tages-Anzeiger. 3. Mai 2012.</ref> Kurz vor Ankunft der Roten Armee verliess er Budapest, am 5. Mai 1945<ref name=":0">Paul-Émile Dentan: Impossible de se taire – Des protestants suisses face au nazisme. Éditions Labor et Fides, Genève 2000, ISBN 2-8309-0988-7, S. 93 f.</ref> war er in Genf.

Nachkriegszeit und Tod

Nach dem Krieg wurde sein Verhalten in einer Überprüfung der gesamten Botschaftstätigkeit zwar als korrekt beurteilt, aber die Bezeichnung der rechtmässig ausgegebenen Schutzpapiere als «Schweizerpässe» wurde seitens der Polizeiabteilung des Eidgenössischen Politischen Departements als «Kompetenzüberschreitung» gewertet, ohne dass es zu einer formellen Rüge kam. Nach seiner Scheidung 1946 von Gertrud Lutz-Fankhauser heiratete Lutz 1949 die ungarische Jüdin Maria Magdalena Grausz, die er 1944 in Budapest als Schutzsuchende mit ihrer Tochter kennengelernt und als Angestellte beschäftigt hatte.

1952 vertrat Lutz die meist australischen und deutschen Angehörigen der auf dem Friedhof Sarona Bestatteten,<ref name="Friedhöfe Haifa und Jerusalem 1974" details="1seq.">Denen, die uns vorangegangen sind, zum Gedenken: Deutsche Friedhöfe Haifa und Jerusalem / In memory of those who have gone before us: German cemeteries in Haifa and Jerusalem. Bentleigh, Vic.: Tempelgesellschaft, 1974, Seite wie hinter der Fußnotenzahl angegeben. Keine ISBN.</ref> als deren sterbliche Überreste samt Grabsteinen im Zuge der Stadterweiterung Tel Avivs nach Jerusalem umgebettet wurden.<ref name="Friedhöfe Haifa und Jerusalem 1974" details="44 "/><ref>Ejal Jakob Eisler ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) und Ulrich Gräf, Der historische Friedhof der Tempelgesellschaft in Jerusalem / The historic cemetery of the Temple Society in Jerusalem, Landeskirchliches Archiv Stuttgart der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Verein für württembergische Kirchengeschichte (Hrsgg.), Stuttgart: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, 2023, S. 21. ISBN 978-3-944051-23-9.</ref>

Von 1945 bis 1954 war er in Bern und Zürich für das Eidgenössische Politische Departement (Sektion für fremde Interessen) stationiert. Von 1954 bis 1961 war er schliesslich als schweizerischer Generalkonsul in Bregenz tätig. Aus dem Jahr 1958 ist ein Schreiben<ref>Schweizerisches Bundesarchiv BAR, #E2003 A#1971/44#297* (o.191.068), dodis.ch/50641.</ref> von ihm überliefert, das «eindrückliche und tiefe Blicke in die Mentalität des Menschen Carl Lutz und seiner Zeit» bietet.<ref>Sacha Zala: Die Konjunkturzyklen des Carl Lutz: Vom Gerechten unter den Völkern zum Feindbild der #BlackLivesMatter-Bewegung? In: Lisia Bürgi und Eva Keller (Hrsg.): Ausgeschlossen einflussreich. Handlungsspielräume an den Rändern etablierter Machtstrukturen. Festschrift für Brigitte Studer zum 65. Geburtstag. Basel 2020, S. 267–277.</ref> Lutz nimmt darin dezidiert Stellung gegen die Gleichstellung der «primitiven Naturvölker» mit den «weissen Europäern», die im Zitat gipfelt: «Was Gott getrennt hat, soll der Mensch nicht zusammenfügen», geäussert vom Theologen und Premierminister der Südafrikanischen Union Daniel François Malan.<ref> Schweizerisches Bundesarchiv BAR, #E2003 A#1971/44#297* (o.191.068), dodis.ch/50641.</ref>

Lutz kämpfte sein Leben lang um die staatliche Anerkennung seiner aussergewöhnlichen Leistungen, die ihm jedoch versagt blieb. 1975 starb er vereinsamt und verbittert mit knapp 80 Jahren. Er ist auf dem Berner Bremgartenfriedhof begraben, sein Grab liegt bei den Familiengräbern auf dem Feld 3106.<ref>Carl Lutz in der Datenbank Find a GraveVorlage:AbrufdatumVorlage:Findagrave/Wartung/Verschiedene Kenner im Quelltext und in WikidataVorlage:Findagrave/Wartung/Name ungleich Wikidata-Bezeichnung (Robert Savary, 24. Januar 2016, englisch, abgerufen am 26. April 2026)</ref><ref>Anita Schmid: Carl Lutz: Späte Ehren. Interview mit Agnes Hirschi. In: Amnesty – Magazin für Menschenrechte. März 2014, abgerufen am 8. Mai 2017.</ref><ref>Meret Baumann (Autorenkürzel: bam): Unbekannte Aufnahmen von Carl Lutz. In: Neue Zürcher Zeitung. 22. Juni 2014, abgerufen am 8. Mai 2017.</ref><ref>Carl Lutz führte die Nazi-Hierarchie hinters Licht. In: SRF, DOK. 31. August 2014, abgerufen am 8. Mai 2017 (Interview mit Daniel von Aarburg).</ref>

Gedenken

Carl Lutz Gesellschaft

Am 16. August 2018 wurde in Bern die Carl Lutz Gesellschaft als Verein nach Schweizer Recht gegründet.<ref>Nico Menzato: Der vergessene Schweizer Holocaust-Held. In: Blick. 16., aktualisiert am 23. August 2018.</ref><ref>Website der Carl Lutz Gesellschaft.</ref>

Carl Lutz-Memorial im «Schweizerwald» bei Tiberias/IL

Im «Schweizerwald» südlich von Tiberias am See Genezareth besteht ein Aussichtspunkt<ref>Ehrung für Carl Lutz: Ein Held zur richtigen Zeit. In: Israel Zwischenzeilen. 29. November 2017.</ref> zu Ehren von Carl Lutz. Das Memorial erinnert an Carl Lutz und will gleichzeitig die Bedeutung von Zivilcourage für unsere Gesellschaft stärken. Die Einweihung<ref>Eröffnungszeremonie 23. November 2017: Videoplaylist von Les Glassman.</ref> am 23. November 2017 begleiteten auch mehrere Personen, die durch einen Schutzbrief von Carl Lutz überlebt hatten, sowie der Schweizer Botschafter in Israel. Das Memorial wurde von den schweizerischen B’nai-B’rith-Logen und dem Jüdischen Nationalfonds Schweiz auf Initiative der Augustin Keller-Loge Zürich<ref>Carl Lutz-Memorial. Augustin Keller-Loge.</ref> errichtet.

Carl Lutz Foundation

Die Carl-Lutz-Stiftung wurde in Budapest 2004 u. a. von Georg Vámos gegründet. Sie will das Andenken an die Rettungsaktion von Carl Lutz sowie an die zionistische Jugend-Widerstandsbewegung der Chalutzim, welche die Bemühungen von Lutz um die Rettung jüdischer Leben unterstützt hat, bewahren. Die Stiftung unterstützt Forschungsarbeiten und die Herausgabe von Publikationen. Sie hat neben der dortigen permanenten Ausstellung auch verschiedensprachige Fassungen von Informationstafeln als Wanderausstellung weltweit präsentiert.<ref name="Carl" /><ref>Michael Genova: Vom Beamten zum Judenretter. In: St. Galler Tagblatt. 22. August 2013.</ref>

Auszeichnung

Ausstellungen

Siehe auch

Angehörige der

Literatur

  • Heidi Eisenhut: Im Leben etwas Grosses vollbringen. Carl Lutz rettete mehrere Zehntausend ungarische Jüdinnen und Juden. In: Appenzellische Jahrbücher. Band 140 (2013), S. 44–65. doi:10.5169/seals-513295
  • Alexander Grossman: Nur das Gewissen. Carl Lutz und seine Budapester Aktion. Geschichte und Porträt. Verlag im Waldgut, Wald 1986, ISBN 3-7294-0026-6.
  • Agnes Hirschi, Charlotte Schallié (Hrsg.): Under Swiss Protection – Jewish Eyewitness Accounts from Wartime in Budapest. Interviews mit Juden, welche Carl Lutz während des Zweiten Weltkriegs in Budapest gerettet hatte. Verlag ibidem, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-8382-1089-6.
  • Agnes Hirschi und Charlotte Schallié (Hrsg.): Unter Schweizer Schutz. Die Rettungsaktion von Carl Lutz während des Zweiten Weltkriegs in Budapest. Zeitzeugen berichten. Limmat Verlag, Zürich 2020, ISBN 978-3-03926-000-3.
  • Erika Rosenberg: Das Glashaus. Carl Lutz und die Rettung ungarischer Juden vor dem Holocaust. Herbig, München 2016, ISBN 978-3-7766-2787-9.
  • Iván Sándor: Spurensuche. Eine Nachforschung. Roman. Aus dem Ungarischen von Katalin Fischer. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2009, ISBN 978-3-423-24722-1.
  • Theo Tschuy: Carl Lutz und die Juden von Budapest. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1995, ISBN 3-85823-551-2.
  • György Vámos: Carl Lutz (1895–1975). Schweizer Diplomat in Budapest 1944. Ein Gerechter unter den Völkern. Éditions de Penthes, Genf 2013.
  • Sacha Zala: Die Konjunkturzyklen des Carl Lutz: Vom Gerechten unter den Völkern zum Feindbild der #BlackLivesMatter-Bewegung? In: Lisia Bürgi und Eva Keller (Hrsg.): Ausgeschlossen einflussreich. Handlungsspielräume an den Rändern etablierter Machtstrukturen. Festschrift für Brigitte Studer zum 65. Geburtstag. Schwabe Verlag, Basel 2020, S. 267–277.

Filme

Spielfilm

Dokumentarfilme

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

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