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Vaterland

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{{#if: behandelt das Vaterland als Konzept im Sinne von Heimat. Zu anderen, meist davon abgeleiteten, Bedeutungen siehe Vaterland (Begriffsklärung).

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„Vaterland, nur dir!“ Losung der Schweizer Turnerbewegung auf einem Sockel an der Zürcher Seepromenade

Vaterland ist ein Land, aus dem man stammt, dessen Volk oder Nation man sich zugehörig fühlt. Synonyme sind Geburtsland, Heimat bzw. Heimatland. Seit dem späten 18. Jahrhundert wurde der Begriff sakralisiert. Von Männern wurde verlangt, in seinem Namen notfalls ihr Leben zu opfern. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird dem Vaterland immer seltener eine identitätsstiftende Wirkung zugeschrieben.

Etymologie

Das mittelhochdeutsche Wort vaterlant ist zum ersten Mal gegen Ende des 11. Jahrhunderts im Summarium Henrici, einer verkürzten Version des Etymologiae belegt. Es handelt sich um eine Übersetzung des lateinischen Wortes patria.<ref>Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 7. Auflage, bearbeitet von Walther Mitzka. Walter de Gruyter, Berlin 1957, ISBN 978-3-11-154374-1, S. 812 (abgerufen über De Gruyter Online).</ref> Die Grundbedeutung war „(väterliches) Grundstück“.<ref name="Grimm">vaterland, n. patria. In: Deutsches Wörterbuch online, Zugriff am 19. Dezember 2019.</ref> Den heutigen Bedeutungsgehalt erhielt das Wort erst im Humanismus.<ref>Duden Etymologie. Bibliographisches Institut, Mannheim/Wien/Zürich 1963, S. 735.</ref> Die Bezeichnung „Mutterland“ ist kein Antonym zur Bezeichnung „Vaterland“.

Ideologie

Die „Erfindung der Nation“

Einen nicht nur geographischen, sondern eminent politischen Sinn erhielt das Wort erst mit der „Erfindung der Nation“ (Benedict Anderson) seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.<ref>Christian Jansen mit Henning Borggräfe: Nation – Nationalität – Nationalismus. Campus, Frankfurt am Main 2007, S. 92–98 u. ö.</ref> Vorher konnte es auch das ewige Leben im Himmel bedeuten, wie etwa in Friedrich Spees Adventslied O Heiland, reiß die Himmel auf aus dem Jahr 1622, in dessen sechster Strophe Jesus Christus gebeten wird: „Ach komm, führ uns mit starker Hand / vom Elend zu dem Vaterland“.<ref>Ähnlich hatte schon Martin Opitz (1597–1639) über Christus gedichtet, „der unsre seelen führet / hin in das vaterland, / da er an gottes hand / sitzt, herrschet und regieret“ (vaterland, n. patria. In: Deutsches Wörterbuch online, Zugriff am 19. Dezember 2019), und Paul Gerhardt (1607–1676) reimte: „Ich bin ein Gast auf Erden / Und hab hier keinen Stand / Der Himmel soll mir werden / Da ist mein Vaterland“ (Reinhard Mawick (Hrsg.): Paul Gerhard. Geh aus, mein Herz. Sämtliche deutsche Lieder. Faber und Faber, Leipzig 2006, ISBN 3-936618-77-1, S. 110).</ref> Friedrich Schiller ließ 1784 in Kabale und Liebe noch seinen Protagonisten Ferdinand ausrufen: „Mein Vaterland ist, wo mich Luise liebt!“<ref>Zitiert nach Peter Zudeick: Heimat. Volk. Vaterland.: Eine Kampfansage an Rechts. Westend Verlag, Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-86489-109-0, S. 179, Anm. 1.</ref>

Dass die Definition des Vaterlands durchaus nicht selbstverständlich war, zeigt etwa Ernst Moritz Arndts Gedicht Des Deutschen Vaterland aus dem Jahr 1813. Darin wird immer wieder gefragt, was „des Deutschen Vaterland“ denn nun eigentlich sei, bis in der siebten Strophe endlich die Antwort gegeben wird: Des Deutschen Vaterland wird im Sinne der Kulturnation gleichgesetzt mit dem deutschen Sprachraum: „So weit die deutsche Zunge klingt / und Gott im Himmel Lieder singt, / das soll es sein!“.<ref>Juliane Fiedler: Konstruktion und Fiktion der Nation: Literatur aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. J.B. Metzler, Stuttgart 2017, S. 18.</ref>

Zuvor waren andere politische Gebilde als Vaterland (bzw. lat. patria) bezeichnet worden: In der Frühen Neuzeit nannte man zunächst die eigene Stadtgemeinde, die Heimatregion, die einzelnen deutschen Territorialstaaten, in Zeiten äußerer Bedrohung und inneren Streits wie während der Türkenkriege oder im Dreißigjährigen Krieg auch das ganze Heilige Römische Reich oder die lateinische Christenheit.<ref>Alexander Schmidt: Ein Vaterland ohne Patrioten? Die Krise des Reichspatriotismus im 18. Jahrhundert. in: Georg Schmidt (Hrsg.): Die deutsche Nation im frühneuzeitlichen Europa. Politische Ordnung und kulturelle Identität? Oldenbourg, München 2010, ISBN 978-3-486-59740-0, S. 35–63, hier S. 37 (abgerufen über De Gruyter Online).</ref> 1644 etwa hatte es Kaiser Friedrich III. in einem Zirkular „unser geliebtes Vaterland deutscher Nation“ genannt.<ref>Reinhart Koselleck und Karl Ferdinand Werner: Volk, Nation, Nationalismus, Masse. In: Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 7, Klett-Cotta, Stuttgart 1992, S. 150 und 297.</ref> Die Aufklärer hatten den Begriff in den Kosmopolitismus integriert: Die Zeitschrift Der Patriot definierte 1724 einen Patrioten als jemanden, der „die gantze Welt als sein Vaterland, ja als eine eintzige Stadt“ begreife.<ref>Holger Böning: Das „Volk“ im Patriotismus der deutschen Aufklärung. In: Otto Dann, Miroslav Hroch und Johannes Koll (Hrsg.): Patriotismus und Nationsbildung am Ende des Heiligen Römischen Reiches. SH-Verlag, Köln 2003, S. 63–98, hier zitiert nach der [www.goethezeitportal.de/db/wiss/epoche/boening_volk.pdf online-Fassung auf goethezeitportal.de], S. 4, Zugriff am 10. Juli 2020</ref>

1761 bezeichnete der Philosoph Thomas Abbt dagegen Preußen als sein Vaterland.<ref>Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen, Bd. 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik. C.H. Beck, München 2000, S. 47 f.</ref> 1813 wurde dort das Landwehrkreuz gestiftet, dessen Devise lautete: „Mit Gott für König und Vaterland“. Auch hier war nicht, wie bei Arndt, das ganze Deutschland gemeint, sondern Preußen. Die Vorstellung, dass die Muttersprache das Vaterland schaffe und Preußen somit kein Nationalstaat sei, setzte sich in Deutschland erst mit der Revolution von 1848 gänzlich durch.<ref>Christian Jansen mit Henning Borggräfe: Nation – Nationalität – Nationalismus. Campus, Frankfurt am Main 2007, S. 58 f.</ref> Die Vorstellung eines gemeinsamen deutschen Vaterlandes überwölbte die von verschiedenen Vaterländern in den einzelnen Territorien, verdrängte sie aber nicht.<ref>Reinhart Koselleck: Volk, Nation, Nationalismus, Masse. In: derselbe, Otto Brunner und Werner Conze (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band 7, Klett-Cotta, Stuttgart 1992, S. 150.</ref>

Der Historiker Heinrich Luden ethnisierte 1814 den Vaterlands-Begriff: Für ihn mussten die Grenzen des Volks und des Staats zusammenfallen, sonst könne man nicht von einem Vaterland sprechen. Als Gegenbeispiel nannte er die, wie ihm schien, vaterlandslosen Juden, die er als bemitleidenswert stigmatisierte.<ref>Christian Jansen mit Henning Borggräfe: Nation – Nationalität – Nationalismus. Campus, Frankfurt am Main 2007, S. 45 f.</ref> Die Behauptung, Juden hätten kein Vaterland, wurde im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu der Verschwörungstheorie einer „jüdischen Internationale“ ausgebaut. Diese Bezeichnung, mit der die abwertenden Merkmale „undeutsch“, „vaterlandslos“ und „subversiv“ assoziiert wurden, fand später Eingang in die NS-Propaganda.<ref>Svetlana Burmistr: Jüdische Internationale. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 3: Begriffe, Ideologien, Theorien. De Gruyter Saur, Berlin 2008, ISBN 978-3-598-24074-4, S. 164 f. (abgerufen über De Gruyter Online).</ref> Der antisemitische Publizist Paul de Lagarde schließlich hielt das Vaterland weder für eine kulturelle noch für eine politische noch für eine ethnische Angelegenheit. Er definierte es 1875 moralisch als „die Gesammtheit aller deutsch empfindenden, deutsch denkenden, deutsch wollenden Deutschen“. Es sei Pflicht jedes Einzelnen sich „für die Existenz, das Glück, die Zukunft des Vaterlandes jeden Augenblick seines Lebens persönlich verantwortlich“ zu fühlen. Ein so verstandenes Vaterland liege nachgerade „auf dem Wege zum ewigen Leben“.<ref>Ina Ulrike Paul: Paul Anton de Lagarde. In: Uwe Puschner, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871–1918. Κ. G. Saur, München/New Providence/London/Paris 1996, ISBN 978-3-11-096424-0, S. 45–93, hier S. 59 (abgerufen über De Gruyter Online).</ref>

Wann diese Aufwertung des Vaterlandes erfolgte, ist in der Forschung umstritten. Gegen die häufige These, dies sei erst während der Befreiungskriege geschehen, vertritt die Historikerin Ute Planert die Ansicht, dass bereits seit der Zeit des Siebenjährigen Krieges 1756–1763 das Vaterland als „exklusive und homogene Gemeinschaft“ konstruiert worden sei, die den Anspruch erheben konnte, gegenüber anderen Gemeinschaften wie Religion oder Familie höherrangig zu sein und die fortan als oberste Legitimationsinstanz galt.<ref>Ute Planert: Wann beginnt der „moderne“ deutsche Nationalismus? Plädoyer für eine nationale Sattelzeit. In: Jörg Echternkamp und Oliver Müller: (Hrsg.): Die Politik der Nation. Deutscher Nationalismus in Krieg und Krisen 1760 bis 1960. Oldenbourg, München 2002, ISBN 3-486-56652-0, S. 25–60, das Zitat S. 51 (abgerufen über De Gruyter Online)</ref>

Französische Revolution

Datei:SermentLouisXVI1790.JPG
Nicolas-Guy Brenet: Ludwig XVI. schwört Treue zur Verfassung am Altar des Vaterlands. Gemälde um 1790

Ihren Ausgang hatte diese Aufwertung des Vaterlands im revolutionären Frankreich genommen. 1748 hatte der Aufklärer Charles de Montesquieu in seinem Esprit des lois die Liebe zum Vaterland noch als Tugend der Selbstverleugnung allein für eine Republik beschrieben. Treibende moralpsychologische Kraft in Monarchien sei dagegen die Ehre.<ref>Alexander Schmidt: Ein Vaterland ohne Patrioten? Die Krise des Reichspatriotismus im 18. Jahrhundert. In: Georg Schmidt (Hrsg.): Die deutsche Nation im frühneuzeitlichen Europa. Politische Ordnung und kulturelle Identität? Oldenbourg, München 2010, S. 35–63, hier S. 41 (abgerufen über De Gruyter Online).</ref> Noch vor deren Abschaffung wurde {{#invoke:Vorlage:lang|full|CODE=fr|SCRIPTING=Latn|SERVICE=französisch}} aber bereits zentraler Anker der Identität. Seit 1789 erhob sie höhere Ansprüche an den Einzelnen als Dorfgemeinschaft, ständisches Bewusstsein, kirchliche, regionale oder dynastische Verwurzelungen. Dies zeigt sich etwa beim Föderationsfest zum Jahrestag des Sturms auf die Bastille, als Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord am 14. Juli 1790 vor Hunderttausenden Zuschauern eine Heilige Messe am Altar des Vaterlands zelebrierte und König Ludwig XVI. auf die Verfassung schwören musste.<ref>Albert Soboul: Die Große Französische Revolution. Ein Abriß ihrer Geschichte (1789–1799). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983, S. 227.</ref> Nach Ausbruch des Ersten Koalitionskrieges verabschiedete die Gesetzgebende Nationalversammlung am 11. Juli 1792 die Erklärung La Patrie en danger („Das Vaterland ist in Gefahr“), in der sie die Bürger aufrief, sich freiwillig zu melden. 15.000 Franzosen folgten diesem Aufruf.<ref>Hans-Ulrich Thamer: Die Französische Revolution. C.H. Beck, München 2004, S. 58.</ref> In der Marseillaise, einem Kriegslied aus dem Jahr 1792, das 1795 zur französischen Nationalhymne erklärt wurde, werden die Franzosen als „enfants de la Patrie“ („Kinder des Vaterlandes“) angesprochen, die Liebe zu ihm wird als „heilig“ bezeichnet („amour sacré de la Patrie“). Im Prozess gegen Ludwig XVI. führte der jakobinische Politiker Maximilien de Robespierre das Vaterland als übergeordnete Begründungsinstanz ein, hinter dem alles andere, auch seine grundsätzliche Ablehnung der Todesstrafe, zurückzutreten habe: «Louis doit mourir, parce qu’il faut que la patrie vive» – „Ludwig muß sterben, weil das Vaterland leben muß.“<ref>Procès du roi – discours de Robespierre auf der Website der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne, Zugriff am 8. März 2021; zitiert bei Max Gallo: Robespierre. Klett-Cotta, Stuttgart 2007, S. 167.</ref> Anders als in Deutschland wurde das Vaterland aber nicht kulturell oder ethnisch definiert, sondern republikanisch als Staatsnation, in der die Bürger ihre gemeinsame Freiheit verteidigen.<ref>Michel Vovelle: Die Marseillaise. Krieg oder Frieden. In: Pierre Nora (Hrsg.): Erinnerungsorte Frankreichs. C.H. Beck, München 2005, S. 63–112.</ref>

Sterben für das Vaterland

Datei:Kriegerdenkmal in Hammerstedt 3.JPG
„Mit Gott für Fürst und Vaterland“. Kriegerdenkmal für die Gefallenen beider Weltkriege in Hammerstedt, Thüringen

Im Nationalismus, der sich im 19. Jahrhundert entfaltete, spielte das Vaterland eine zentrale Rolle. Es galt als einer der höchsten Werte überhaupt und konnte sogar den Anspruch erheben, das eigene Leben dafür hinzugeben.<ref>Christian Jansen mit Henning Borggräfe: Nation – Nationalität – Nationalismus. Campus, Frankfurt am Main 2007, S. 92–98 u. ö.</ref> Eine erste Formulierung dieses Anspruchs hatte Thomas Abbt während des Siebenjährigen Krieges mit seiner Schrift Vom Tode für das Vaterland geliefert, ja die Bereitschaft dazu als entscheidende Bedingung der Zugehörigkeit zu einem Staat bezeichnet, ob man in ihm nun geboren sei oder sich erst später dazu entschlossen hätte: „Alsdann nenne ich diesen Staat mein Vaterland“.<ref>Bernd Schönemann: Volk, Nation, Nationalismus, Masse. In: Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 7, Klett-Cotta, Stuttgart 1992, S. 311 f.</ref> 1800 feierte Friedrich Hölderlin in einer Ode den Tod fürs Vaterland. Häufig wurde dieser Anspruch etwa mit einer Umdeutung der Ode Angustam amice des römischen Dichters Horaz begründet, das die berühmte Zeile enthält: Dulce et decorum est pro patria mori (deutsch: „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.“) Die Militarisierung des Vaterlandsbegriffs zeigte sich auch in Max Schneckenburgers Die Wacht am Rhein von 1840: Dass das „lieb Vaterland“ des Refrains „ruhig sein“ mochte, war darin dem Militär zu danken, das Wacht hielt.<ref>Peter Zudeick: Heimat. Volk. Vaterland.: Eine Kampfansage an Rechts. Westend Verlag, Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-86489-109-0, S. 78.</ref> Im Gesang der Girondisten, der während der Zweiten Französischen Republik die französische Nationalhymne war, heißt es im Refrain: „Mourir pour la Patrie / C’est le sort le plus beau, le plus digne d’envie“ – „Sterben für das Vaterland ist das schönste, das beneidenswerteste Los“.

Die Glorifizierung des Soldatentods für das Vaterland wirkte angesichts des millionenfachen Sterbens im Ersten Weltkrieg nicht mehr glaubhaft: Der britische Dichter Wilfred Owen, der selber 1918 fiel, bezeichnete sie in seinem Dulce et Decorum est, einem 1917 verfassten Gedicht über einen Giftgasangriff, rundheraus als eine „alte Lüge“. Gleichwohl wurde Horaz’ Diktum auch weiterhin auf Totenfeiern und Gedenktafeln verwendet.<ref>Joachim Dingel: Dulce et decorum est pro patria mori. Gewandelte Moral als Provokation der Philologie. In: Gerhard Lohse (Hrsg.): Aktualisierung von Antike und Epochenbewusstsein. Erstes Bruno Snell-Symposion. Κ. G. Saur, München/Leipzig 2003, ISBN 3-598-77807-4, S. 389–401, hier S. 391 (abgerufen über De Gruyter Online).</ref>

In Portugal endet die Nationalhymne A Portuguesa (1890) mit den Worten: „pela Patria lutar, contra os canhões marchar, marchar!“ („fürs Vaterland kämpfen, gegen die Kanonen marschieren, marschieren!“)

Arbeiterbewegung

Aus einer anderen Perspektive kritisierten Karl Marx und Friedrich Engels die Vaterlands-Ideologie des 19. Jahrhunderts. In ihrem Manifest der Kommunistischen Partei aus dem Jahr 1848 stipulierten sie: „Die Arbeiter haben kein Vaterland“. Staaten waren für sie keine gegebenen Schicksalsgemeinschaften, sondern Instrumente einer Klasse zur Ausbeutung einer anderen. Insofern müsse die Solidarität der Ausgebeuteten nicht ihren Ausbeutern gelten, die zufällig der eigenen Nation angehörten, sondern den anderen Ausgebeuteten, ob nun in ihrem Land oder in einem anderen.<ref>Bernd Schönemann: Volk, Nation, Nationalismus, Masse. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band 7, Klett-Cotta, Stuttgart 1992, S. 363 f.</ref> Dies trug dazu bei, dass die Sozialdemokraten im deutschen Kaiserreich als vaterlandslose Gesellen galten.<ref>Christian Jansen mit Henning Borggräfe: Nation – Nationalität – Nationalismus. Campus, Frankfurt am Main 2007, S. 67.</ref> Um sich gegen diesen Vorwurf zu wehren, stimmte die SPD-Fraktion im Deutschen Reichstag zu Beginn des Ersten Weltkriegs den Kriegskrediten zu: „Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich“.<ref>Bernd Schönemann: Volk, Nation, Nationalismus, Masse. In: Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 7, Klett-Cotta, Stuttgart 1992, S. 380.</ref> Nach der Oktoberrevolution erklärte sich die Sowjetunion zum „Vaterland aller Werktätigen“.<ref>Raina Zimmering: Mythen in der Politik der DDR. Ein Beitrag zur Erforschung politischer Mythen. Leske + Budrich, Opladen 2000, S. 175.</ref>

Nationalsozialismus

In der Zeit des Nationalsozialismus diente der Begriff dazu, propagandistisch den Herrschaftsanspruch der NSDAP und ihre Blut-und-Boden-Ideologie zu untermauern. BDM-Mädchen wurden dazu erzogen, „Dienst zu leisten an Volk und Vaterland“. Dadurch würden sie von ihrer „Ichgebundenheit […] losgelöst und dem Gesetz verpflichtet, das ihnen die Zugehörigkeit zu diesem deutschen Blut und Boden auferlegt“. Im Schulunterricht wurde den Kindern „das Gesetz von Blut und Boden“ eingeschärft, das alle Naturgesetze umfasse und „den Einzelmenschen unzertrennlich an sein Volk und Vaterland“ binde.<ref>Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2007, ISBN 978-3-11-092864-8, S. 88 und 112 (abgerufen über De Gruyter Online).</ref> In Wahrheit gingen die völkischen Rassephantasien weit über die hergebrachte Vorstellung eines einigen Vaterlands hinaus. Adolf Hitler erklärte in einer seiner letzten Reden, „Vaterland“ sei „ein leerer Begriff“ geworden.<ref>Bernd Schönemann: Volk, Nation, Nationalismus, Masse. In: Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 7, Klett-Cotta, Stuttgart 1992, S. 402.</ref>

Nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte die Vorstellung eines Vaterlands eine geringere Rolle. Die DDR verzichtete ab 1970 auf den Anspruch, ganz Deutschland zu repräsentieren. Bei ihrer Gründung hatte Ministerpräsident Otto Grotewohl zwar noch erklärt, sich „mit der Spaltung unseres Vaterlandes“ nicht abfinden zu wollen.<ref>Bernd Schönemann: Volk, Nation, Nationalismus, Masse. In: Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 7, Klett-Cotta, Stuttgart 1992, S. 426.</ref> Auch in der Nationalhymne der DDR Auferstanden aus Ruinen war von „Deutschland, einig Vaterland“ die Rede gewesen. Ihr Text wurde ab 1972 aber nicht mehr gesungen. In der Bundesrepublik hielt man am Wiedervereinigungsgebot des Grundgesetzes fest und sang die deutsche Nationalhymne, die dem „deutschen Vaterland“ eine Blüte wünscht. Doch allgemein wurde eine gewisse „vaterländische Blutleere“ beklagt: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung etwa verwies 1992 auf das jahrzehntelange „Fehlen jedes Patriotismus“, wie es sich im nüchtern-distanzierten Diktum des späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann zeigte, er liebe keine Staaten, er liebe seine Frau. Bei seinem Amtsantritt hatte er am 1. Juli 1969 Deutschland als „schwieriges Vaterland“ bezeichnet, aber weil man hier lebe, wolle man seinen „Beitrag für die eine Menschheit mit diesem und durch dieses unser Land leisten“.<ref>Sylvia und Martin Greiffenhagen: Ein schwieriges Vaterland. Zur politischen Kultur im vereinigten Deutschland. List, München/Leipzig 1993, S. 18 f.</ref> Eine Ausnahme machte Bundeskanzler Helmut Kohl, der seine jährlichen Neujahrsansprachen mit dem Satz beendete: „Gott segne unser deutsches Vaterland!“<ref>Peter Zudeick: Heimat. Volk. Vaterland. Eine Kampfansage an Rechts. Westend Verlag, Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-86489-109-0, S. 69.</ref> Der deutsche Literaturwissenschaftler Silvio Vietta glaubt, die aktuell verbreitete Ablehnung Deutschlands als Vaterland, der „Negativnationalismus“, sei eine Gefahr „nicht nur für Deutschland, sondern auch für Europa“, da Deutschland deswegen eine andere Zuwanderungspolitik betreibe als alle anderen EU-Mitglieder.<ref>Silvio Vietta: Europas Werte. Geschichte – Konflikte – Perspektiven. Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2019, ISBN 978-3-495-49076-1, S. 346 ff.</ref>

Ganz allgemein hatten Organisationen wie die NATO und ab den 1990er Jahren die zunehmende Globalisierung die emotionale Bindung an die eigene Nation im Westen zunehmend obsolet erscheinen lassen. Einen Versuch, diesen Prozess aufzuhalten, stellte der Aufruf des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle aus dem Jahr 1962 auf, ein Europa der Vaterländer zu schaffen: Die Zusammenarbeit auf dem Kontinent sollte also nicht supranational erfolgen, sondern intergouvernemental, ohne die Souveränitätsrechte der Mitgliedsstaaten anzutasten. Dieses Leitbild fand außerhalb Frankreichs wenig Anhänger.<ref>Hagen Schulze: Europa: Nation und Nationalstaat im Wandel. In: Werner Weidenfeld (Hrsg.): Europa-Handbuch. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2002, S. 41–65, hier S. 60.</ref>

Heute wird es von den Parteien der extremen Rechten propagiert.<ref>Fabian Virchow: Gegen den Zivilismus. Internationale Beziehungen und Militär in den politischen Konzeptionen der extremen Rechten. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, S. 122 f.</ref> Auch die Alternative für Deutschland tritt für ein Europa der Vaterländer ein.<ref>Hubert Kleinert: Die AfD und ihre Mitglieder. Eine Analyse mit Auswertung einer exemplarischen Mitgliederbefragung hessischer Kreisverbände. Springer VS, Wiesbaden 2018, S. 37.</ref>

Weblinks

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Einzelnachweise

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