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Maddalena Casulana Mezari

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Maddalena Casulana Mezari (* unsicher: um 1544 in der Provinz Siena, Italien; † unbekannt)<ref>nach Grove Women 1996.</ref> war eine italienische Komponistin der Spätrenaissance. Sie war zugleich Sängerin, Lautenistin und Kompositionslehrerin. In den Jahren 1566 bis 1586 veröffentlichte sie mehrere Bände 3–5-stimmiger Madrigale, die hauptsächlich in Venedig erschienen.<ref>nach Pendle Women 1991, S. 48 auch in Ferrara (fünfstimmige Madrigale), nach Grove Women 1996 auch in Brescia (Wiederauflage 1583 von Band I).</ref> Diese gelten als die frühesten Musikdrucke einer Komponistin.

Leben, Reisen, Wirken

Die exakten Lebensdaten von Maddalena Casulana sind bisher unbekannt. Sie lebte und unterrichtete als Komponistin und konzertierte als Sängerin und Lautenistin an verschiedenen Orten. Die Auswertung alter und neuerer Quellen über ihre Auftritte in den Städten Vicenza, Venedig, Siena, München, Verona, Perugia, Brescia, Innsbruck, Florenz, Wien, Ferrara, Mailand (Aufzählung der erwähnten Orte)<ref>nach New Grove 2001, Grove Women; Eitner (der nach dem Titel von 1583 folgert, sie sei in Vicenza geboren und habe, nach dem Titel von 1582, in Venedig gelebt); Linda Maria Koldau: Wien S. 159 u. Anm. 186 sowie Innsbruck S. 113; MGG 1 und 2; Karin Pendle.</ref> sowie über ihre eventuelle Mitwirkung bei der Accademia Vicentina ist nicht abgeschlossen und ergibt bisher kein einheitliches Bild. Maddalena Casulana gilt als die erste Frau, die ihren Status als Komponistin öffentlich machte, indem sie ihre Werke durch den Druck vervielfältigte. Die 1591 als späteste unter ihrem Namen angezeigten zwei Bände 4-stimmiger Madrigali Spirituali sind verschollen und deshalb offenbar nicht klar zu autorisieren.<ref>New Grove. 2001, Bd. 5. S. 274, Werke.</ref> Das ihr zugeschriebene Porträt, das (erst) um 1650 innerhalb von 44 Musikerdarstellungen in der neu eingerichteten Instrumentenkammer der Innsbrucker Hofburg angebracht wurde, ist noch nicht bestätigt.<ref>dazu: Koldau 2005, S. 113.</ref> Aufgrund ihres zweiten Namens „Mezari“, der ab den 1580er Jahren zusätzlich erscheint, nachdem die Komponistin vorher allein unter „Casulana“ veröffentlicht hatte, wird angenommen, dass sie zwischenzeitlich geheiratet hat; jedoch wurden weder Hochzeitsdatum noch Vornamen ihres Mannes bekannt. Ihr Doppelname wird als „Signora Maddalena Casulana di Mezari“ oder „Maddalena Mezari detta Casulana Vicentina“ angegeben, letzterer auf dem Titel ihres 3. Bandes Madrigale.<ref>Pendle: Women. S. 48.</ref> Gelegentlich wird sie nur unter ihrem 2. Namen Mezari verzeichnet.<ref>So in Eitner 1959 und MGG 1.</ref>

Ihre Werke – alles Ensemble-Gesänge – wurden fast ausschließlich in Venedig gedruckt, die frühesten gehören zu der Sammlung „Il Desiderio“ 1566 und 1567, 1. und 3. Band,<ref>Pendle: Women. 1991, S. 47.</ref> zusammen mit Werken berühmter zeitgenössischer Komponisten wie Cipriano de Rore und Orlando di Lasso; Maddalena Casulana war als Komponistin also bereits über die Grenzen Italiens bekannt. Sie unterrichtete einen prominenten Schüler, den Schauspieler, Dichter und Musiker Antonio Molino (etwa 1496–1571), der sie 1568 in seinem Druckwerk I dilettevoli madrigali (Venedig 1568) explizit als seine Kompositionslehrerin bezeichnet.<ref>Vorwort dazu, MGG 2, Bd. 5, 2000, Sp. 432.</ref>

Am 22. Februar 1568 führte der Münchner Hofkapellmeister Orlando di Lasso mit seiner Kapelle anlässlich der Hochzeit des Herzogs Wilhelm V. von Bayern mit Renata von Lothringen neben vielen anderen Kompositionen Werke zweier Komponistinnen auf, diese waren Catarina Willaert, die Tochter des berühmten venezianischen Markusdom-Kapellmeisters Adrian Willaert und Maddalena Casulana. Laut Zeugnis des Hofmusikers Massimo Troiano, der die „prachtvolle musikalische Gestaltung“ des Festes als Sänger miterlebte und akribisch genau aufzeichnete,<ref>Er war von 1568 bis 1570 Kapellaltist des Hauses Wittelsbach in München und Landshut, s. Horst Leuchtmann: Massimo Troiano S. 429 (darin Massimo Troiano: Dialoge, Venedig 1568). Nach Koldau 2005, S. 159. MGG 1.</ref> war sie eine „›virtuosissima‹ auf der Lauten“. Nach seinem Zeugnis erklangen als Tafelmusik lateinische Motetten der beiden Komponistinnen,<ref>Koldau 2005, S. 159, Anmerkung 186.</ref> darunter Casulanas 5-stimmiges Werk Nil mage iucundum, von dem sich nur der Text von Nicolò Stopio erhalten hat.<ref>Horst Leuchtmann: Massimo Troiano S. 124 (263). GroveWomen. S. 110; MGG 2.</ref>

Nach Casulanas Namenszusatz „Vicentina“ war diese Stadt möglicherweise ihr Geburts-<ref>Horst Leuchtmann: Massimao Troiano S. 482.</ref> oder hauptsächlicher Wirkungsort. Dieser Name begegnet erstmals 1569, wonach sie offenbar Ehrenbürgerin von Vicenza war.<ref>Komponistinnen von A-Z, S. 82; Grove Women, S. 109; MGG 2.</ref> Ab etwa 1570 wird Casulana als Sängerin und Komponistin in der Kammermusik des römisch-deutschen Kaisers Maximilian II. in Wien genannt.<ref>Robert Lindell in: Koldau 2005, S. 568.</ref> Näheres darüber wurde aber nicht bekannt. Hier dürfte es sich um eine bisher unbekannte Spur zu Casulanas „unbekanntem“ Jahrzehnt ab 1570 handeln, dessen Informationslücke die Sekundärliteratur übereinstimmend anführt.

Giambattista Crispolti überliefert ihren Auftritt bei einem Bankett in Perugia 1582. Im August desselben Jahres wird ihr eine von Angelo Gardano verlegte Edition mit 3-stimmigen Madrigalen Philippe de Montes gewidmet.<ref>Grove Woman. S. 110.</ref> Die Dreistimmigkeit war damals aufgrund des berühmten Concerto delle Donne di Ferrara besonders aktuell.

In Deutschland findet sich der Name der Komponistin 160 Jahre später mit der Anzeige ihres ersten Bandes Madrigale im Musicalischen Lexicon des Weimarer Kapellmeisters, Organisten und Musikwissenschaftlers Johann Gottfried Walther (Leipzig 1732) mit folgender Eintragung:

„Casulana (Maddalena) von ihrer Composition sind an. 1568 zu Venedig vierstimmige Madrigalien bey Hieron.[imo] Scoto gedruckt worden. s. Draudi Bibl.Class.p. 1628.

Akademische Aktivitäten

Casulanas Betätigung an der Accademia Olimpica (= Accademia Vicentina), die mit dem berühmten Namen Andrea Palladios verbunden ist und das berühmte Teatro Olimpico in Vicenza initiierte, wird von Gabriele Nogalski „spätestens seit den 1580er Jahren erwogen“.<ref>MGG 2, Bd. 5, 2000.</ref> Eine weitere akademische Verbindung scheint zur „Accademia Filarmonica“ von Verona bestanden zu haben, wo sie 1582/83 (?) konzertierte und deren „patron“ Mario Bevilaqua ihren dritten Madrigalband widmete.<ref>Vergleiche New Grove, 2001.</ref> Am 18. Januar 1583 musizierte Casulana bei einem Konzert in der Accademia Vicentina. Der Anlass ist unbekannt. Die Wahrscheinlichkeit einer Verbindung Casulanas zur Akademie in Vicenza wird erhärtet durch deren Besitz – zumindest zeitweise – eines Porträts der Künstlerin.<ref>New Grove. 2001.</ref>

Komponistin

Maddalena Casulana wird in der Literatur mehrfach als selbstbewusste, professionelle Komponistin beschrieben, auch damit, dass sie offenbar als erste Frau von der Möglichkeit, durch den Druck bekannt zu werden, Gebrauch machte. Ihre Zusammenarbeit mit dem venezianischen Dichter und Schauspieler Antonio Molino, sowie eigene von ihr verfasste Texte, von denen Molino drei vertonte,<ref>Dilettevoli madrigali a quattro, libro primo.</ref> zeigen, dass sie sich mitten im Diskurs um die Zusammenführung von Text und Musik auf dem Weg zur „Monodie“ befand. Darüber dürfte weiteres Material beispielsweise in den Widmungen an sie zu finden sein.<ref>Siehe Grove Women. S. 110 und die angegebene Sekundärliteratur.</ref> Ihre überlieferten, für sie gesicherten Kompositionen sind nahezu ausschließlich 3–5-stimmige weltliche Madrigale und wurden fast alle in Venedig, der Stadt des frühen Notendrucks, veröffentlicht. Das anonyme Porträt (?) stellt sie mit einem zum Himmel gerichteten Blick eher als religiöse Künstlerin dar.

Madrigale, die den Stile moderno und gleichzeitig die „Monodie“, den ausdrucksvollen Einzelgesang vorantrieben, waren damals die musikalisch höchste weltliche Kunstform. Ob Casulanas solistische Gesangsvorträge, die sie selbst mit der Laute begleitete, Bearbeitungen ihrer eigenen Madrigale waren, oder eventuell heute verschollene Solokompositionen, ist nicht bekannt. Ein solcher Vortrag der „Casolana famosa“ bei einem Banquet in Perugia im Jahre 1582 wird in einer alten Quelle von Giambattista Crispoldi als „cantò al liuto di musica divinamente“ (s. o.) beschrieben.

Am 20. August 1582<ref>nach Eitner.</ref> dedicierte ihr der Verleger Angelo Gardano einen Verlagsband mit Madrigali a tre (3-stimmig) Philippe de Montes und verband damit die Bitte, sie möge ebenfalls 3-stimmige Madrigale komponieren. Die 3-Stimmigkeit machte etwa 10 Jahre später durch die drei Sängerinnen des berühmten Concerti delle Donne von Ferrara Schule.

Dass Casulana als Komponistin in der Männerwelt nicht nur willkommen war, ist bereits in ihrer Widmung von 1568 zu lesen, denn sie begründet die Zueignung ihres ersten selbständigen Bandes an Isabella de’ Medici Orsina Il primo libro di madrigali a quattro voci folgendermaßen (Ausschnitt):

„[…] um (wenigstens in der Form, wie es mir im Beruf der Musikerin vergönnt ist) der Welt den närrischen Irrtum der Männer aufzuzeigen, die von sich selbst großmütig glauben, dass sie allein die Meister hoher intellektueller Fähigkeiten seien. Und sie meinen, dass diese Fähigkeiten bei den Frauen nicht in gleichem Maß vorhanden sein können.“<ref>Übersetzung aus dem Italienischen von Marc-Joachim Wasmer, in: Wasmer: Primadonna der Violine. S. 84, Anmerkung 16.</ref>

Hieraus lässt sich folgern, dass sie als Komponistin Schwierigkeiten kannte, die mit ihrem Komponieren als Frau zusammenhingen. Dennoch folgten ein zweiter Band Madrigale 1570 und ein dritter 1583 Il primo libro di madrigali a cinque voci, jener Band, auf dessen Titel sie als „Maddalena Mezari detta Casulana Vicentina“ genannt ist, woraus man schließt, dass sie inzwischen verheiratet war. Insgesamt wurden damit über 65 Madrigale von ihr veröffentlicht.

Ihre Werke erfuhren auch Neuauflagen, so Il primo libro di madrigali a quattro voci, das 1586 eine zweite Auflage erlebt, ebenso wie ein 3-stimmiges Madrigal, das nur in seiner 2. Auflage von 1586 bekannt ist.

Die Münchner Hochzeit

Dieses 14-tägige glanzvolle Fest des bayerischen Erbherzogs Wilhelm V. mit Renata von Lothringen im Februar 1568 behandelt Horst Leuchtmann in seinem Buch Die Münchener Fürstenhochzeit von 1568 (1980). Das Originalzitat von 1568 lautet:

„Am selben Abend dann, beim üppigen Abendessen, ließ der hochberühmte Orlando di Lasso neben anderer Unterhaltung und herrlicher Musik zum Konfekt eine fünfstimmige Komposition der Signora Maddalena Casulana vortragen, die mit allergrößter Aufmerksamkeit angehört wurde. Den Klang dieser großartigen Musik kann ich euch nicht hören lassen; […] [wie] diese hochbegabte Frau ihn [den Text] in Musik gesetzt hat, deren hohe Kunst, Charakter und Gesittung allen edlen Geistern unseres glücklichen Zeitalters bekannt ist.<ref>Massimo Troiano (1568) in: Horst Leuchtmann: Massimo Troiano S. 124 (263). Aus dem Italienischen von H. Leuchtmann.</ref>“

Forschungsbedarf

  • Die von ihr vertonten Dichtertexte und ihre eigenen bedürfen der Untersuchung.
  • Ebenso Casulanas Tätigkeiten an den Akademien von Vicenza und Verona.
  • Die Widmungstexte an die Komponistin und ihre eigenen bergen offenbar weitere Einzelheiten zu ihren Aufenthaltsorten und anderen Lebensumständen.
  • Die bekannten Personen ihres Umgangs und deren Verbindung zu ihr sollten untersucht werden.
  • Über die Verlagsorte und die Zahl der Auflagen dürften noch mehr Informationen zu finden sein.
  • Das Porträt der Casulana muss noch bestätigt werden.

Werke

Gedruckt
Verschollen
  • 5-teilige lateinische Motette „Nil mage iucundum“, im Februar 1568 als Tafelmusik bei der Münchener Hochzeit aufgeführt.
Verschollen und unsichere Zuschreibung
  • Madrigali spirituali, 4-stimmig, 2 Bände, Katalogeintrag 1591, zitiert in Michiati, Bd. II, IV, V (nach Grove 2001 und Pendle).
Moderne Ausgabe
  • Beatrice Pescerelli (Hrsg.): I Madrigali di Maddalena Casulana. Leo S. Olschki, Florenz 1979. Mit biographischem Text.


Literatur

  • Robert Eitner: Biographisch-bibliographisches Quellen-Lexikon der Musiker und Musikgelehrten der christlichen Zeitrechnung bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Band 5, Graz 1959.
  • Beatrice Pescerelli: I Madrigali di Maddalena Casulana. Leo S. Olschki, Florence 1979. [mit biographischem Vorwort]
  • Horst Leuchtmann: Die Münchner Fürstenhochzeit von 1568. Massimo Troiano, Dialoge. italienisch/deutsch. Verlag Emil Katzbichler, München-Salzburg 1980, ISBN 3-87397-503-3.
  • Artikel „Mezari“. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik, hg. v. Friedrich Blume.
  • James R. Briscoe (Hrsg.): Maddalena Casulana. Historical Anthology of Music by Women. Indiana University Press, Bloomington, Indiana, 1986 ISBN 0-253-21296-0.
  • Antje Olivier, Karin Weingartz-Perschel (Hrsg.): Komponistinnen von A–Z. Toccata Verlag für Frauenforschung, Düsseldorf 1988, ISBN 3-9801603-0-0.
  • Karin Pendle (Hrsg.): Women & Music, a History. Indiana University Press, Bloomington & Indianapolis, 1991, ISBN 0-253-34321-6.
  • Julie Anna Sadie, Rhian Samuel (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Women Composers. The Macmillan Press Limited, London u. a. 1994, reprinted 1995, 1996, ISBN 0-333-51598-6 und ISBN 0-393-03487-9.
  • Marc-Joachim Wasmer: Maddalena Laura Lombardini Sirmen (1745–1818), Primadonna der Violine. In: Annäherung VIII – an sieben Komponistinnen. hrsg. von Clara Mayer, Furore Verlag 890, Kassel 1997, ISBN 3-927327-39-5.
  • Artikel „Casulana“. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik, begr. v. Friedrich Blume, 2., neubearb. Ausg., hrsg. v. Ludwig Finscher, Personenteil 1999 ff.
  • The New Grove Dictionary of Music and Musicians. 2. Auflage, London 2001, Band 5. [Wie Grove Women, mit ausführlichen (mitunter abweichenden) Angaben zu alter und neuerer Literatur]
  • Johann Gottfried Walther: Musicalisches Lexicon oder Musicalische Bibliothec. Neusatz hg. von Friederike Ramm, Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 3-7618-1509-3, S. 137.
  • Linda Maria Koldau: Frauen – Musik – Kultur, ein Handbuch zum deutschen Sprachgebiet der Frühen Neuzeit. Böhlau Verlag, Köln 2005, ISBN 3-412-24505-4.
  • Joseph Willimann: ‘Indi non più desio’: Vom Verzichten und Begehren. Die Madrigale von Maddalena Casulana. In: Musik & Ästhetik 10 (2006) 37 (Jan.), S. 71–97, ISSN 1432-9425.
  • Vittorio Bolcato: Mezari (De Mezari), Maddalena (Maddalena Casulana). In: Mario Caravale (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 74: Messi–Miraglia. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2010, S. 54–56.

Anmerkungen und Quellen

<references />

Weblinks

Accademia Olimpica [1]

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