Louis Agassiz
Jean Louis Rodolphe Agassiz (* 28. Mai 1807 in Môtier, Kanton Freiburg, Schweiz; † 14. Dezember 1873 in Cambridge, Massachusetts, Vereinigte Staaten) war ein schweizerisch-amerikanischer Naturforscher.
Agassiz war einer der ersten international renommierten US-amerikanischen Wissenschaftler. Nachhaltig sind vor allem seine Leistungen als Zoologe, insbesondere in der Ichthyologie, und als Hochschullehrer und seine Untersuchung der Gletscher der Alpen. In neuerer Zeit werden Agassiz’ Ansichten über Rassen beim Menschen kritisch gesehen.
Biographie
Louis Agassiz wurde als Sohn eines protestantischen Pfarrers in Vully-le-Haut (heute: Haut-Vully) im Ortsteil Môtier in der Schweiz geboren. Sein jüngerer Bruder Auguste Agassiz war als Uhrmacher tätig und begründete das Vorgängerunternehmen von Longines.
Zuerst zu Hause erzogen, verbrachte Agassiz vier Jahre an höheren Schulen in Biel/Bienne und Lausanne. Mit der Zielrichtung, Mediziner zu werden, studierte er ab 1824 an der Universität Zürich, der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und der Ludwig-Maximilians-Universität München. In Heidelberg und München war er Mitglied des Corps Helvetia.<ref>Kösener Korpslisten 1910, 115/51; 172a/5</ref> In Heidelberg entwickelte sich auch ein Freundschaftsverhältnis mit dem Botaniker Karl Friedrich Schimper, das auch nach dem Wechsel nach München im Jahr 1828 weiter bestand, aber später auf verhängnisvolle Weise zerbrach. Durch Schimper wurde er angeregt, sich auch mit den Naturwissenschaften zu beschäftigen, bereits 1828 publizierte er die ersten Arbeiten über Fische. 1829 wurde er zum Doktor der Philosophie in Erlangen und 1830 zum Doktor der Medizin in München promoviert. Bei einem mehrmonatigen Aufenthalt in Paris wurden Alexander von Humboldt und Georges Cuvier seine Mentoren.
Auf Empfehlung von Alexander von Humboldt richtete der Fürst von Neuenburg, der König von Preussen (Friedrich Wilhelm III.), 1832 am Lyceum (ab 1838: Académie de Neuchâtel) eine Professorenstelle für Agassiz ein, die dieser bis zu seiner Auswanderung in die USA im Jahr 1846 innehatte. In dieser Zeit erstellte er mit grossem, für ihn charakteristischen Enthusiasmus und mit Hilfe der Mitarbeiter Édouard Desor, Amanz Gressly, Arnold Henri Guyot und Carl Vogt eine Vielzahl von Publikationen, insbesondere über rezente und fossile Fische und Stachelhäuter. Auf grösstmögliche Anerkennung bedacht publizierte er diese überall und meist unter seinem Namen, was seinen Mitarbeitern, z. B. Carl Vogt (1896: S. 196 ff.) nicht immer gefiel.
Nachdem er im Jahr 1837 eine eigene Hypothese über die Eiszeit aufgestellt hatte, konzentrierte er seine Tätigkeit zusammen mit seinen Mitarbeitern in den Jahren 1838 bis 1844 auf die Untersuchung der Gletscher. Dies machte er publikumswirksam weltweit bekannt und deshalb gilt er heute noch insbesondere im englischsprachigen Raum, in dem anderssprachige Literatur kaum beachtet wird, als Entdecker der Eiszeit, siehe dazu den Abschnitt weiter unten. Nebenbei publizierte er unermüdlich Arbeiten z. B. über Mollusken und den umfangreichen Nomenclator zoologicus.
Mit Unterstützung durch den König von Preußen (Friedrich Wilhelm IV.) reiste er im Herbst 1846 in die USA, um dort die Naturgeschichte und die Geologie der Vereinigten Staaten zu studieren und auf Einladung von John Amory Lowell Vorlesungen über Zoologie in Boston, Massachusetts, zu halten. Die angebotenen finanziellen Möglichkeiten bewogen ihn, sich in den USA niederzulassen und von 1847 an als Professor für Zoologie und Geologie an der Harvard University zu lehren. Nach dem Tod seiner ersten Frau Cecile im Jahr 1848 heiratete Agassiz 1850 die Schriftstellerin Elisabeth Cabot Cary aus Boston, die sich besonders als Verfechterin der Frauenbildung einen Namen machte. 1852 folgte eine Professur für vergleichende Anatomie in Charlestown (Massachusetts), die er jedoch zwei Jahre später wieder aufgab.
Nach der Übersiedlung in die USA nahm die Zeit, die Agassiz für wissenschaftliche Studien aufwandte, zwar ab, aber er setzte seine zahlreichen Veröffentlichungen fort, darunter die beiden vierbändigen Werke Natural History of the United States und Bibliographia Zoologiae et Geologiae. Aufgrund seiner Lehrtätigkeit übte er einen grossen Einfluss auf die Entwicklung der Geologie und Zoologie in den USA aus: Agassiz entwickelte eine neue Lehrmethode, indem er die Verbindung der Studenten zur Natur herstellte, damit diese die benötigten Kenntnisse aus eigener Anschauung gewinnen konnten, anstatt nur Buchwissen zu lernen. Als Wissenschaftler wurde er von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen und zählte zu den bekanntesten und angesehensten Lehrern seiner Zeit. Der Dichter Henry Wadsworth Longfellow schrieb anlässlich seines 50. Geburtstages ihm zu Ehren ein Gedicht mit dem Titel «The fiftieth birthday of Agassiz».
Zu Agassiz’ Studenten zählten unter anderem David Starr Jordan, Joel Asaph Allen, Joseph LeConte, Nathaniel Shaler, Alpheus Spring Packard sowie sein eigener Sohn Alexander Agassiz, die sich später alle als Wissenschaftler und Lehrer einen Namen machten.
Auf Agassiz’ Geschick in der Beschaffung von Spenden und Fördermitteln geht auch die Errichtung des Naturkundemuseums in Cambridge zurück, das 1859 eröffnet wurde. Er war einer der Ersten, die sich mit den Auswirkungen der letzten Eiszeit in Nordamerika beschäftigten. 1865 bis 1866 unternahm er eine Forschungsexpedition nach Brasilien, von der er zahlreiche Exponate für das von ihm gegründete Museum mitbrachte. 1871 bis 1872 begann er ausserdem, sich mit Tiefwasser-Untersuchungen zu beschäftigen.
In den letzten Jahren seines Lebens setzte er sich zum Ziel, eine Institution einzurichten, an der zoologische Studien an lebenden Objekten durchgeführt werden können. Der Philanthrop John Anderson überliess Agassiz 1873 eine vor der Küste von Massachusetts gelegene Insel sowie 50.000 $, um dort eine Station für die Erforschung des Meereslebens zu errichten. Diese Station überdauerte den Tod von Agassiz nicht sehr lange, sie wird jedoch als Vorläufer der Woods Hole Oceanographic Institution betrachtet, die heute in der Nähe der alten Forschungsstation existiert.
Louis Agassiz starb 1873 in Cambridge. Sein Grabmal ist ein Felsbrocken aus der Moräne des Unteraargletschers, auf dem einstmals seine Forschungshütte stand.
Agassiz, der Ichthyologe
Die Bearbeitung der bei einer Forschungsreise nach Brasilien in den Jahren 1819 bis 1820 von Johann Baptist von Spix und Carl Friedrich Philipp von Martius gesammelten Süsswasserfische der brasilianischen Flüsse, vor allem des Amazonas, war nach dem frühen Tod von Spix nicht begonnen worden. Die Beauftragung durch Martius verhalf Agassiz zum Einstieg in die Ichthyologie. Nach dem Abschluss der Arbeit und der Publikation im Jahre 1829 beschäftigte sich Agassiz wissenschaftlich mit den Fischen des Genfersees. Diese Arbeit dehnte er schon 1830 auf alle Süsswasserfische von Mitteleuropa aus.
In Neuenburg begann er sich mit den fossilen Fischen zu beschäftigen, die z. B. in den Schieferschichten des Schweizer Kantons Glarus und im Kalkstein des Monte Bolca reichlich zu finden waren. Diese Arbeit legte später die Basis für seinen weltweiten Ruhm. Die fünf Bände sowie Atlanten seiner Recherches sur les poissons fossiles erschienen in Abständen im Zeitraum von 1833 bis 1843. Sie wurden vor allem durch Joseph Dinkel illustriert.<ref>Josef Dinkel en:Joseph Dinkel</ref> Im Rahmen seiner Recherchen besuchte Agassiz die wesentlichen Museen in Europa und wurde von Georges Cuvier und Alexander von Humboldt zur Fortsetzung seiner Arbeit ermutigt. Als offensichtlich wurde, dass die Fortsetzung der Arbeiten durch finanzielle Engpässe eingeschränkt wurde, erhielt er Unterstützung durch die British Association sowie durch Lord Francis Egerton, der ihm 1290 Zeichnungen abkaufte, um sie der Geological Society of London zu übergeben.
Da bei den Fossilien häufig nur Zähne, Schuppen und Knochenteile der Fische erhalten sind, entwarf er ein Klassifikationssystem, das nur vier Gruppen enthält. Seine Klassifikation ist zwar heute überholt, bildet jedoch eine Basis der heutigen Systematik.
Agassiz und die Entdeckung der Eiszeit
Frühgeschichte der Entdeckung der Eiszeit
Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beschäftigten sich Naturforscher mit der Frage, wie die in der Norddeutschen Tiefebene und im Alpenvorland häufig zu findenden ortsfremden (erratischen) und z. T. riesigen Findlinge an ihren Ort gelangt sind. Die dazu aufgestellten vielfältigen Theorien (→ Quartärforschung) reichten von vulkanischen Ereignissen, bei denen die Findlinge als vulkanische Bomben über riesige Entfernungen geschleudert sein müssten, über gewaltige Fluten oder nebulöse Stösse, bis zum Transport durch Eisberge auf einem grossen diluvialen Meer. Noch 1832 liess Goethe seinen Mephisto in Faust II. spotten:
- Noch starrt das Land von fremden Zentnermassen
- Wer gibt Erklärung solcher Schleudermacht?
- Der Philosoph, er weiß es nicht zu fassen,
- Da liegt der Fels, man muß ihn liegen lassen,
- Zuschanden haben wir uns schon gedacht.
Aber noch im gleichen Jahr war das Problem durch die Hypothese von Albrecht Reinhard Bernhardi gelöst, dass nur ein vom Norden bis nach Mitteldeutschland reichender riesiger Gletscher für den Transport der Steine infrage kommt.<ref>Albrecht Bernhardi: Wie kamen die aus dem Norden stammenden Felsbruchstücke und Geschiebe, welche man in Norddeutschland und den benachbarten Ländern findet, an ihre gegenwärtigen Fundorte?, In: Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie, Geologie und Petrefaktenkunde. 3. Jahrgang. Heidelberg 1832. S. 257–267.</ref> Diese fundamentale Erkenntnis blieb aber, obwohl in einer renommierten Fachzeitschrift publiziert, völlig unbeachtet.
{{#invoke:Vorlage:Anker|f |errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Anker |errHide=1}} Der Einstieg von Agassiz in die Quartärforschung
Als Karl Friedrich Schimper vom Dezember 1836 bis Mai 1837 bei seinem Freund Louis Agassiz aus Münchener Tagen in Neuenburg weilte, beschäftigte sich der vielseitig interessierte Naturforscher auch mit den seit langem diskutierten Fragen zur Vergletscherung der Alpen und den auf dem Jura-Gebirge liegenden erratischen Blöcken aus ortsfremdem Gestein. Auf ausgedehnten Wanderungen entdeckte er wohl durch Zufall bei Le Landeron am Bielersee und auch in der Nähe von Olten Felsoberflächen mit Gletscherschliff. Sie waren bisher der Beobachtung entgangen, da sie nur in mit Lockersedimenten (damals «Dammerde» genannt) bedeckten Bereichen vor der Verwitterung geschützt erhalten geblieben waren.
Schimper interpretierte die Beobachtungen als untrügliche Zeichen, dass das gesamte Schweizer Mittelland bis auf die Höhen des Juras ehemals durch Eis gefüllt war. In der ihm eigenen poetischen Art – ein Schwerpunkt seines Schaffens waren Gedichte – verfasste er über diese Erkenntnis die Ode «Eiszeit» und verteilte diese am 15. Februar 1837. Zur Bekanntgabe auf der 22. Jahresversammlung der Allgemeinen Schweizerischen Gesellschaft für die Gesammten Naturwissenschaften im Juli 1837 in Neuenburg, an der er nicht teilnehmen konnte, schickte er arglos einen umfangreichen Brief über die Entdeckung an Louis Agassiz. Dieser erkannte die Tragweite der Entdeckung und nahm sich der Sache an. Als Präsident der Gesellschaft trug er nur einen später auch publizierten Ausschnitt vor.<ref>Karl Friedrich Schimper: Ueber die Eiszeit (Auszug aus einem Brief an L. Agassiz). In: Actes de la Société Helvétique des Sciences Naturelles. 22. Session. Neuchâtel 1837. S. 38–51.</ref> Im Eröffnungsvortrag stellte Agassiz eine eigene, offensichtlich in grosser Eile entworfene Hypothese vor und erwähnte Schimper nur beiläufig.<ref name="Agassiz_1837">Louis Agassiz: Discours prononcé a l’ouverture des séanes de la Société Helvétique des Sciences Naturelles, a Neuchatel le 24 Juillet 1837, par L. Agassiz, president. In: Actes de la Société Helvétique des Sciences Naturelles. 22. Session. Neuchâtel 1837. S. V–XXXII.</ref> Da seine Hypothese aber zu sehr von der schon etwas aus der Mode gekommenen Kataklysmentheorie geprägt war, fand sie zunächst trotz seiner grossen Reputation wenig Anklang. Sein alter Gönner Alexander von Humboldt empfahl ihm in einem Brief noch im selben Jahr, seine Arbeiten an fossilen Fischen wieder aufzunehmen: {{
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}}<ref>Reinke-Kunze, S. 112</ref>
Nach seiner Hypothese, die er 1840 in seinen Études sur Les Glaciers (1841: Untersuchungen über die Gletscher) näher erläutert hat, soll fast die gesamte nördliche Halbkugel, in Europa von der Polarregion über das Mittelmeer bis zum Atlasgebirge, durch eine ungeheure «Eiskruste» bedeckt gewesen sein. Die aufsteigenden Alpen sollen das Eis durchstossen haben und die auf das Eis fallenden Felsblöcke wären gleitend auf das Jura-Gebirge gelangt. Im Sinne des von ihm vertretenen Katastrophismus soll die «Vereisung» das primäre Ereignis gewesen sein und erst fortfolgend sollen sich die Gletscher auf die heutige Ausdehnung zurückgezogen haben.<ref name="Agassiz_1841">Louis Agassiz: Genus Trigonia und Gletschertheorie. In: Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie, Geologie und Petrefaktenkunde. Jahrgang 1841. Stuttgart (Schweizerbart) 1841. S. 356–366.</ref> Agassiz hat seine Hypothese mit so viel Nachdruck und propagandistischem Geschick verbreitet, dass er lange Zeit als Begründer der Eiszeittheorie gefeiert wurde. Obwohl sich seine Hypothese durch die jüngeren Forschungen in allen Annahmen als falsch erwiesen hat, wird er z. B. in den USA auch heute noch als Begründer der Eiszeittheorie bezeichnet.
Agassiz und die Gletscherforschung
Um neue Argumente zur Begründung der Hypothese zu finden, begann Agassiz 1837 mit einer Untersuchung von Gletschern im Berner Oberland, in einer ersten Etappe zunächst ohne grossen technischen Aufwand. In der Nachfolge des in den 1820er Jahren tätigen Alpenforschers Franz Joseph Hugi bereiste er vorwiegend mit seinem Mitarbeiter Desor das vergletscherte Gebiet in der Umgebung des Grimselpasses. In den Untersuchungen über die Gletscher von 1841 erfolgte ausgehend vom Kenntnisstand aus der Fachliteratur eine ausführliche Beschreibung der Gletscher und ihrer Wirkung. Einen Schwerpunkt bildet die eingehende Beschreibung der bisher unbeachteten Gletscherschliffmale und ihrer weiten Verbreitung, die bei Le Landeron hat er aber nicht erwähnt. Nach der Angabe im «Historischen Überblick» und noch einmal ausführlicher ab Seite 269 hat er im Dezember 1836 als erster diese Schliffmale im Schweizer Mittelland entdeckt. Er müsste das aber vor Schimper geheim gehalten haben, denn dieser beschreibt im Rudiment von Ueber die Eiszeit die zur Besichtigung vorgeschlagenen Gletscherschliffe bei Le Landeron, die offensichtlich auf der Exkursion während der Tagung auch gezeigt wurden.<ref name="Agassiz_1838">Louis Agassiz: Theorie der erratischen Blöcke in den Alpen. In: Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie, Geologie und Petrefaktenkunde. Jahrgang 1838. Stuttgart (Schweizerbart) 1838. S. 304–305.</ref> Den dadurch ausgelösten heftigen Streit um die Priorität hat Schimper damals nicht gewonnen.
Im Jahr 1840 reiste Agassiz nach England und warb auch vor der British Association for the Advancement of Science für seine Eiszeittheorie. Er überzeugte nicht nur den führenden englischen Paläontologen William Buckland von der grossen Rolle, die die Gletscher für die Landschaftsformung von Schottland, Irland und Wales hatten.<ref name="Agassiz_1842a">Louis Agassiz: A paper was read on Glaciers, and the evidence of their having once existed in Scotland, Ireland, and England. In: Proceedings of the Geological Society of London. Volume 3, Teil 2, Nr. 72. London (Taylor) 1842. S. 327–348.</ref> Letztendlich hat sich aber auch im englischsprachigen Raum der führende englische Geologe Charles Lyell mit seiner Drifttheorie (→Quartärforschung) durchgesetzt und damit für 30 Jahre die Forschung behindert.
Mit Unterstützung durch den König von Preussen (Friedrich Wilhelm IV.) konnte Agassiz 1842 die Untersuchung der Gletscher fortsetzen und wesentlich erweitern.<ref name="Agassiz_1842b">Louis Agassiz: Reise nach dem Aar-Gletscher. In: Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie, Geologie und Petrefaktenkunde. Jahrgang 1842. Stuttgart (Schweizerbart) 1842. S. 313–317.</ref>
Er lud interessierte Fachkollegen zur Teilnahme ein, heute würde man das als eine Art Workshop bezeichnen, und liess eigens dafür eine Hütte auf dem Unteraargletscher als Forschungsstation errichten. Zur Erforschung der Struktur und Bewegung des Gletschers trieb er mit seinen Mitarbeitern u. a. eine Reihe von Pfählen quer zur Fliessrichtung ins Eis und markierte ihre Positionen an den seitlichen Felswänden. Anhand des Versuchsfeldes konnte gezeigt werden, dass die Reibung des Eises am Fels dessen Bewegung verlangsamt und dass in Fliessrichtung eines Gletschers unterschiedliche Geschwindigkeiten auftreten. Zum Ergebnis dieser Untersuchungsetappe liegen aber nur einige relativ kurze Publikationen vor.
Agassiz und die Evolutionstheorie
Trotz seiner intensiven Studien der Anatomie und Systematik an rezenten und fossilen Fischen, durch die er mit den abgestuften morphologischen Ähnlichkeiten und möglichen Entwicklungslinien vertraut war, blieb Agassiz bis zu seinem Tod ein Anhänger des von Georges Cuvier begründeten Katastrophismus und als solcher ein entschiedener Gegner der Evolutionstheorie, die von Charles Darwin entwickelt wurde. Er argumentierte, dass die gewöhnlichen Umstände, die von Darwin für seine Theorie herangezogen wurden, wie Variabilität und erbliche Veränderung der Arten, Klimawechsel, geologische Umbrüche und selbst Eiszeiten, immer nur zum Aussterben von Arten führen könnten, aber niemals zur Entstehung neuer Arten. Die Entwicklung von einfacheren zu komplexeren Organismen, wie sie in der Abfolge der Fossilien zu Tage trat, führte er in neuplatonischer Art als «Gedankenassoziationen im göttlichen Geist» zurück. Er war damit einer der letzten Paläontologen, der die Artenvielfalt metaphysisch begründete, indem er sie auf einen schöpferischen Gott zurückführte. Als solcher unterstellte er eine Konstanz der Arten und versuchte, die Fakten der Zoogeographie durch Zentren der Schöpfung zu ersetzen (siehe dazu Geschichte der Geologie). Dazu passt auch die von ihm stammende Wortwendung, dass Gletscher «die grosse Pflugschar Gottes» seien.
Seine enthusiastische, emotional gefärbte Sicht auf die Natur geht auf den Einfluss der romantischen Naturphilosophie, besonders Friedrich Schellings, zurück – schliesslich waren Heidelberg und München, wo Agassiz einst studierte, Zentren der deutschen Hochromantik gewesen.
Agassiz und die Rassentheorie
In seiner Schweizer Zeit war Agassiz noch Anhänger der Monogenese-Theorie, die heute allgemein anerkannt ist. Sie besagt, dass alle Menschen aus einem gemeinsamen Ursprung hervorgegangen sind. Während seiner Jahre in den USA wurde er aber zum Anhänger des damals konkurrierenden Polygenismus dem zufolge sich die Menschen in verschiedenen Teilen der Welt unabhängig voneinander aus unterschiedlichen Ursprüngen entwickelt hätten. Zu dieser Meinungsänderung trugen seine Begegnungen mit schwarzen Sklaven bei, die damals in den USA nur geringe Entfaltungsmöglichkeiten hatten. Agassiz hatte einen äußerst ungünstigen Eindruck von ihnen, wie er in einem Brief an seine Mutter beschrieb.
Agassiz äusserte sich zwar in Fachpublikationen nicht zu diesem Thema, aber von ihm stammt sicher der 1850 in der christlichen Zeitschrift Christian Examiner mit der Autor-Angabe L.A. erschienene Artikel The diversity of origin of the human races, der von Charles Darwin 1871 in seinem Buch Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl zitiert wurde. Auch in manchen Briefen äusserte sich Agassiz nach Zitaten in Stephen Jay Gould (1988) dazu. Auf Einladung des Kaisers Pedro II reiste Agassiz an dessen Hof. Agassiz sah die einzige Lösung für die rassischen Probleme Brasiliens in der Immigration von Weißen, die den Portugiesen rassisch überlegen seien und die «sich nicht herablassen würden auf das soziale Niveau des Indios, wie es die Portugiesen gemacht haben.»<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
Aufgrund dieser Haltung Agassiz’ wollte 2007 der Schweizer Parlamentarier Carlo Sommaruga das nach dem Forscher benannte Agassizhorn umbenennen lassen. Der Schweizer Bundesrat verurteilte zwar rassistische Ansichten Agassiz’, sah darin jedoch keinen Grund für eine Umbenennung des Berggipfels.<ref>{{#if:|{{#iferror: {{#iferror:{{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}|}}| |}}}}{{#if:Carlo Sommaruga|Carlo Sommaruga: }}{{#if:|{{#if:07.3486 Interpellation. Louis Agassiz vom Sockel holen und dem Sklaven Renty die Würde zurückgeben|[{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|archivURL|1={{#invoke:URLutil|getNormalized|1={{{archiv-url}}}}}}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel=07.3486 Interpellation. Louis Agassiz vom Sockel holen und dem Sklaven Renty die Würde zurückgeben}}]{{#if:| ({{{format}}})}}{{#if:| {{{titelerg}}}{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|Endpunkt|titel={{{titelerg}}}}}}}}}|{{#if:https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20073486%7C{{#if:{{#invoke:TemplUtl%7Cfaculty%7C}}%7C{{#invoke:Vorlage:Internetquelle%7CTitelFormat%7Ctitel={{#invoke:WLink%7CgetEscapedTitle%7C1=07.3486 Interpellation. Louis Agassiz vom Sockel holen und dem Sklaven Renty die Würde zurückgeben}}}}|[{{#invoke:URLutil|getNormalized|1=https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20073486}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel={{#invoke:WLink|getEscapedTitle|1=07.3486 Interpellation. Louis Agassiz vom Sockel holen und dem Sklaven Renty die Würde zurückgeben}}}}]}}{{#if:| ({{{format}}}{{#if:parlament.ch{{#if: 2022-02-11 | {{#if:{{#invoke:TemplUtl|faculty|}}||1}}}}
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- Bilder und Texte aus Excursions et séjours dans les glaciers et les hautes régions des Alpes und aus Nouvelles études et expériences sur les glaciers actuels von Louis Agassiz sind im Portal VIATIMAGES zu finden.
- Digitale Version des Bandes 3 von RECHERCHES SUR LES POISSONS FOSSILES (fossile Haie, Rochen und Chimären)
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Einzelnachweise
<references> <ref name="Burkhardt2018"> Lotte Burkhardt: Verzeichnis eponymischer Pflanzennamen – Erweiterte Edition. Teil I und II. Botanic Garden and Botanical Museum Berlin, Freie Universität Berlin, Berlin 2018, ISBN 978-3-946292-26-5 doi:10.3372/epolist2018. </ref> </references>
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- Louis Agassiz
- Paläontologe
- Geologe (19. Jahrhundert)
- Limnologe
- Klimatologe
- Glaziologe
- Ichthyologe
- Rassentheoretiker
- Hochschullehrer (Harvard University)
- Hochschullehrer (Neuenburg)
- Präsident der American Association for the Advancement of Science
- Mitglied der American Academy of Arts and Sciences
- Mitglied der American Philosophical Society
- Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften
- Mitglied der Leopoldina (19. Jahrhundert)
- Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften
- Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften und Schönen Künste von Belgien
- Korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften
- Mitglied der National Academy of Sciences
- Mitglied der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
- Mitglied der Académie des sciences
- Auswärtiges Mitglied der Royal Society
- Mitglied der Royal Society of Edinburgh
- Mitglied der Königlich Dänischen Akademie der Wissenschaften
- Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften
- Träger der Copley-Medaille
- Träger des Pour le Mérite (Friedensklasse)
- Person als Namensgeber für einen Marskrater
- Person als Namensgeber für einen Asteroiden
- Person (Louis Agassiz Museum of Comparative Zoology)
- Absolvent der Ludwig-Maximilians-Universität München
- Corpsstudent (19. Jahrhundert)
- Schweizer Emigrant in den Vereinigten Staaten
- Schweizer
- US-Amerikaner
- Geboren 1807
- Gestorben 1873
- Mann