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Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Ägypten

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Geografische Lage von Ägypten
Datei:Mastaba of Niankhkhum and Khnumhotep embrace 2.jpg
Niankhkhum und Khnumhotep auf einem Wandrelief in ihrer Mastaba, ca. 2450–2410 v. Chr.

Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Ägypten ist in der ägyptischen Gesellschaft stark tabuisiert und wird staatlicherseits verfolgt.

Geschichte

Altes Ägypten

Über Homosexualität im Alten Ägypten ist wenig bekannt. Ein vereinzeltes Zeugnis, die Darstellungen in der gemeinsamen Grabanlage zweier Männer aus der 5. Dynastie (um 2450–2410 v. Chr.), zeigt sie in inniger Umarmung. Eine der möglichen Deutungen der Darstellung ist eine homosexuelle Beziehung der beiden.

Neuzeit

Bis in die 1940er Jahre gab es in der Oase Siwa eheähnliche Bündnisse zwischen Männern und männlichen Jugendlichen. Sie wurden 1928 von Fu'ād I. verboten.<ref>Barry D. Adam: Age, Structure, and Sexuality: Reflections on the Anthropological Evidence on Homosexual Relations. In: Evelyn Blackwood (Hrsg.): Anthropology and Homosexual Behavior. Routledge, 1986, ISBN 0-86656-328-8, S. 24.</ref><ref>Dan Richardson: The Rough guide to Egypt. Rough Guides, 2003, ISBN 1-84353-050-3, S. 562.</ref>

Während homosexuelle Handlungen früher üblich, aber ein Tabuthema waren, stoßen sie zunehmend gesellschaftlich auf Ablehnung. Homosexualität wird von 95 % der ägyptischen Bevölkerung abgelehnt.<ref>Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 6.</ref> Queer-Sein wird mit dem „dekadenten Westen“ in Verbindung gebracht.<ref>Gay Cultures in Cairo (Weblinks).</ref> Die Thematisierung dient so auch dazu, innerägyptische Konflikte auf einen „Sündenbock“ abzulenken.<ref>Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 2.</ref>

Im Mai 2001 verhaftete die Polizei in Kairo mehrere homosexuelle Männer während einer Bootsparty auf dem Nil. 23 der 52 Angeklagten wurden am Ende der Gerichtsverhandlungen zu Gefängnisstrafen verurteilt.<ref>Tom Musbach: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Egypt Sentences 23 of 52 Suspected Gays (Memento vom 19. Februar 2012 im Internet Archive), Sodomylaws.org, 14. November 2001 (englisch).</ref> Die Strafe wurde in den meisten Fällen von drei Jahren auf ein Jahr reduziert. Angefacht durch internationale Proteste, wurden am 19. Juli 2003 im Berufungsverfahren 11 Angeklagte aufgrund von Verfahrensfehlern freigesprochen.<ref>Thomas Kolb: @1@2Vorlage:Toter Link/www.queeramnesty.deHoffnungsschimmer für Ägypten? (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2018. Suche im Internet Archive )Vorlage:Toter Link/archivebot, Queeramnesty.</ref> Unter anderem forderten deutsche Politiker und der französische Präsident anlässlich dieses Vorfalls Ägypten auf, die Rechte Homosexueller zu beachten.<ref>Reuters: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />German MPs Want Egypt to End Trial of Homosexuals (Memento vom 17. Februar 2007 im Internet Archive), Sodomylaws.org, 5. September 2001 (englisch).</ref><ref>Gay.com: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />French President Worried About Fate Of Egyptian Gays (Memento vom 17. Februar 2007 im Internet Archive), Sodomylaws.org, 11. Februar 2002 (englisch).</ref>

Am 28. August 2003 wurde ein Treffpunkt schwuler Männer auf der Qasr-an-Nil-Brücke polizeilich nach Absperrung der beiden Brückenseiten durchsucht und 63 Männer verhaftet.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtete 2004 von mehreren hundert Festnahmen Homosexueller in Ägypten innerhalb von zwei Jahren.<ref>Human Rights Watch: Egypt: Crackdown on Homosexual Conduct Exposes Torture Crisis, 29. Februar 2004 (englisch)</ref> Die Dunkelziffer bei Festnahmen ohne Anklage sei hoch, mehrere hundert Menschen seien auch gefoltert worden, vermutet die Organisation.<ref>Queer.de: Ägypten foltert Schwule, 2. März 2004</ref><ref>BBC News: Egypt crackdown on homosexuals, 6. März 2002 (englisch).</ref>

In der Hauptstadt Kairo wurden am 7. Dezember 2014 mindestens 26 Schwule bei einer Razzia in einem Badehaus verhaftet. Die Männer wurden wegen „homosexueller Ausschweifungen“ angeklagt, im Januar 2015 jedoch von einem Gericht freigesprochen.<ref>Homophobe Razzia in Ägypten: „Homosexuelle“ sind freigesprochen. In: taz.de. 12. Januar 2015, abgerufen am 18. Januar 2017.</ref>

Im September 2017 kam es nach einem Konzert der libanesischen Indie-Rock-Band Mashrou' Leila, deren Sänger Hamed Sinno offen schwul lebt, zu einer Welle von Verfolgungen homosexueller Männer. Einige Zuschauer hatten beim Konzert Regenbogenfahnen geschwenkt.<ref>Hamed Sinno, auf Süddeutsche.de; 5. Oktober 2017LGBT people in Egypt targeted in wave of arrests and violence, Guardian</ref> Als einzige Frau wurde auch die Aktivistin Sarah Hegazi inhaftiert. Sie erkrankte an Depressionen, floh nach Kanada und nahm sich dort am 14. Juni 2020 das Leben.<ref name="Flagge">Trauer um ägyptische LGBTQ-Aktivistin Sarah Hijazi. In: RedaktionsNetzwerk Deutschland. 15. Juni 2020, abgerufen am 16. Juni 2020.</ref><ref>Schäfer (Weblinks).</ref> In Folge der Vorfälle 2017 kam es zu einer Initiative von Parlamentariern, die einen Gesetzentwurf einbrachten, der Homosexualität, jegliche queere Symbole und jedwede Unterstützung queerer Organisationen ausdrücklich unter Strafe stellen sollte. Die Strafen sollten bis zu 5 Jahre Gefängnis betragen.<ref>Schäfer (Weblinks).</ref> Das wurde aber dann so doch nicht beschlossen. Allerdings wurde im Dezember 2017 vom Obersten Rat für Medienregulierung ein Dekret erlassen, das queeres Leben weitestgehend einschränkt.<ref>Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 9.</ref> (Siehe Abschnitt „Rechtliche Lage“)

Unter der Präsidentschaft von Abd al-Fattah as-Sisi (seit 2014 im Amt) kam es immer wieder zu Kampagnen des Innenministeriums, die ägyptische LGBTIQ-Personen oder deren Einrichtungen gezielt ins Visier nahmen.<ref>Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 2.</ref>

Rechtliche Lage

Die ägyptische Verfassung von 2019 gewährt nach Art. 9 zwar allen Bürgerinnen und Bürgern diskriminierungsfrei die gleichen Rechte und nach Art. 53 soll jede Form von Diskriminierung beseitigt werden. In der Praxis werden die Rechte queerer Personen und aller, die nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen, aber durch den Staat systematisch eingeschränkt. LGBTIQ-Personen sind in Ägypten Strafverfolgung und Gewalt durch staatliche Institutionen sowie durch Teile der ägyptischen Gesellschaft ausgesetzt.<ref>Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 1.</ref>

Homosexualität ist in Ägypten kein Straftatbestand, gleichwohl werden andere, allgemeinere Rechtsvorschriften herangezogen, um von der Heteronormativität abweichende, insbesondere homosexuelle Handlungen zu bestrafen. So stellt das ägyptische Strafgesetzbuch „Unzucht“ (debauchery) unter Strafe.<ref>LSVD: LSBTIQ*-Rechte weltweit; Auswärtiges Amt: Ägypten: Reise- und Sicherheitshinweise (Weblinks).</ref> Ein im Dezember 2017 vom Obersten Rat für Medienregulierung erlassenes Dekret verbietet es, Inhalte zu verbreiten und zu veröffentlichen, die sich positiv mit queeren Themen beschäftigen.<ref>Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 9.</ref>

Verfolgte Schwule, die aus Ägypten als Flüchtling nach Deutschland gelangen, wird die Flüchtlingseigenschaft nach § 3 AsylG in Deutschland zugestanden und sie unterliegen einem Abschiebungsverbot.<ref>LSVD: Rechtsprechung zu Herkunftsländern von LSBTI-Geflüchteten. Gerichtsurteile zur Anerkennung des Flüchtlingsstatus aufgrund der Verfolgung wegen der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität im Herkunftsland.</ref>

Aufgrund der gesellschaftlichen Ächtung existieren keine Gesetze zum Schutz homosexueller Menschen oder deren Beziehungen.

Ausländische Touristen sind strafrechtlich bisher nicht verfolgt worden, jedoch kam es schon zu Verhaftungen mit anschließender Abschiebung.<ref>Auswärtiges Amt: Ägypten: Reise- und Sicherheitshinweise (Weblinks).</ref>

Gesellschaftliche Lage

Homosexuelle Handlungen werden in Ägypten als unmoralisch betrachtet. Bei schwuler Homosexualität wird deutlich zwischen der aktiven und der passiven Rolle unterschieden und grundsätzlich Analverkehr unterstellt. Dabei wird Homosexualität meist nur dem passiven Sexualpartner zugeschrieben, der Aktive aber nicht zwingend als homosexuell eingestuft.<ref>Gay Cultures in Cairo (Weblinks).</ref>

Wird in den staatlichen Medien über queere Personen und Themen berichtet, so geschieht dies auf ablehnende, beleidigende und herabwürdigende Weise.<ref>Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 7.</ref> Ein Fernsehmoderator, der entgegen dieser Linie einen homosexuellen Mann interviewt hatte, wurde Anstiftung zu Ausschweifung und die Missachtung der Religion vorgeworfen. Er wurde zu einer einjährigen Haftstrafe und Geldbuße verurteilt.<ref>Egypt TV host Mohamed al-Ghiety jailed for interviewing gay man. BBC vom 21. Januar 2019; abgerufen am 3. April 2026.</ref>

Queere Organisationen arbeiten aufgrund der prekären Lage zumeist geheim, anonym oder aus dem Exil heraus. Ein fragiles Unterstützungsnetzwerk innerhalb der LGBTIQ-Gemeinschaft Ägyptens soll jedoch bestehen.<ref>Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 9.</ref>

Religion und geschlechtliche Vielfalt

Religionsübergreifend wird sowohl seitens der islamischen wie der christlichen (koptischen) Autoritäten Homosexualität als Sünde oder Krankheit abgelehnt.<ref>Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 6.</ref> Analverkehr ist nach mehrheitlicher Auslegung des Koran untersagt, während es zu anderen Spielarten von Sexualität hier keine Aussagen gibt.

Transpersonen

Nach dem Ethikkodex des bei der ägyptischen Ärztekammer seit 2003 arbeitenden Ausschusses, der Anträge prüft und Geschlechtsumwandlungen und -angleichungen genehmigt, ist eine solche Operation in der Regel nur intersexuellen Personen erlaubt.<ref>Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 5.</ref> Im Anschluss an eine Geschlechtsangleichung stellt sich für die Betroffenen die Herausforderung, dass es keine Gesetze zur rechtlichen Anerkennung der Geschlechtsumwandlung gibt. Die Behörden entscheiden völlig willkürlich.<ref>Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 6.</ref>

Transgender-Personen berichteten von Schwierigkeiten bei der Einreise bis hin zu deren Verweigerung, insbesondere, wenn Name oder Foto im Reisepass nicht der seitens der ägyptischen Behörden erwarteten Geschlechtsidentität entsprachen.<ref>Auswärtiges Amt: Ägypten: Reise- und Sicherheitshinweise (Weblinks).</ref>

Siehe auch

Literatur

  • Michael Bochow und Rainer Marbach: Homosexualität und Islam. Koran – Islamische Länder – Situation in Deutschland. MännerschwarmSkript, Hamburg 2003. ISBN 978-3-935596-24-4
  • Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten. SOGI (Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität): Situation von LGBTIQ-Personen – Stand: 09/2024. ISSN 2943-7938 Digitalisat

Weblinks

Einzelnachweise

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