Komödie der Worte
Komödie der Worte ist ein Dramenzyklus von Arthur Schnitzler aus dem Jahr 1915. Er besteht aus den drei Einaktern „Stunde des Erkennens“, „Große Szene“ und „Das Bacchusfest“; die gleichzeitige Uraufführung fand am 12. Oktober 1915 im Burgtheater<ref>Uraufführung von Komödie der Worte, 12.10.1915. In: Arthur Schnitzler: Kulturveranstaltungen. Konzert-, Theater-, Kinobesuche, Lesungen, Proben- und weitere Veranstaltungsteilnahmen. 1876–1931. Martin Anton Müller, Laura Untner, September 2025, abgerufen am 13. Februar 2026.</ref> und zeitgleich im Hoftheater Darmstadt<ref>Komoedie der Worte, Seite 156. In: Arthur Schnitzler: Archiv der Zeitungsausschnitte. 14. Oktober 1915, abgerufen am 13. Februar 2026.</ref> und im Neuen Theater Frankfurt am Main<ref>Komoedie der Worte, Seite 137. In: Arthur Schnitzler: Archiv der Zeitungsausschnitte. 14. Oktober 1915, abgerufen am 13. Februar 2026.</ref> statt. Gedruckt erschienen die Texte, die 1913 und 1914 entstanden waren, zur Uraufführung 1915 in einem Band bei S. Fischer in Berlin.<ref>Quelle, S. 600, letzter Eintrag</ref>
Stunde des Erkennens
Der Einakter erzählt das Gespräch eines Ehepaars Karl und Klara über die Beendigung der Ehe, nachdem die einzige Tochter Bettina geheiratet hat und ausgezogen ist. Zehn Jahre zuvor hatte Klara Eckold kurzzeitig eine außereheliche Beziehung. Der Gatte hatte das bemerkt, aber im Interesse des Kindes geschwiegen. Er irrt nur darin, dass er glaubte, der Hausfreund und berufliche erfolgreichere Ormin wäre der Affärpartner gewesen. Während Klara anfänglich versucht, die Ehe zu retten, verlässt sie zuletzt den Ehemann, ohne ihn aber über ihren tatsächlichen Liebhaber aufzuklären.
Große Szene
Sophie ist ihrem Gatten, dem gefeierten Hofschauspieler Konrad Herbot, davongelaufen, weil er sie mit Daisy betrogen hat. Weil die Ehefrau fort ist, kann der Star nun nicht mehr richtig spielen. Auf Betreiben des Theaterdirektors Falk kehrt Sophie zu ihrem Manne zurück. Sophie gibt Falk zu verstehen: „Glück kann es nie mehr werden.“
Der hintergangene Bräutigam Daisys reist an und stellt Herbot zur Rede. Der Schauspieler tischt dem Bräutigam einen Brei aus Wahrheit und Lüge auf. Sophie hört im Nebenzimmer mit und ist angewidert. Zu solch einem Manne ist sie zurückgekehrt! Ihr graut vor diesem Schauspieler. Sie hasst ihn und will noch am selben Abend fort. An ebendiesem Abend soll Herbot den Hamlet spielen. Seine Bedingung: Er wird erst auftreten, nachdem Sophie in ihrer Loge Platz genommen hat. Seine Königliche Hoheit der Kronprinz sitzt unter den Zuschauern. Einnahmen von 6500 Mark stehen auf dem Spiel. Sophie, bedrängt von Falk, gibt zum zweiten Mal nach.
Das Bacchusfest
Agnes Staufner liebt den Chemiker Dr. Guido Wernig. Das künftige Paar wartet auf die Begegnung mit dem Schriftsteller Felix Staufner. Das ist der Ehemann der verliebten Agnes. Guido und Agnes halten sich fest an den Händen und machen sich gegenseitig Mut: Immer und ewig wollen sie fortan einander gehören, wollen gemeinsam die Reise antreten – weg von dem ungeliebten Felix.
Im Verlaufe des Dialogs kommen dem gewieften Zuschauer Zweifel an dem Gelingen der beabsichtigten Reise des „Paares“. Zum einen erzählt Agnes von ihrem Mann, dem Erfolgsautoren, der sie zwar höchstwahrscheinlich betrügt, den sie aber vergöttert. Zum anderen ist der Eigenbrötler Guido, ein unentschlossener Charakter, vermutlich zu dem beabsichtigten Parforceritt unfähig.
Genau so kommt es. Der Schriftsteller reist nach mehrwöchiger Abwesenheit an, ahnt die Absicht des „Paares“ und redet unablässig von seinem neuen Stück „Das Bacchusfest“, das er in der Sommerfrische verfasst hat. Zwar setzt Guido immer einmal zu seiner grundsätzlichen Erklärung an, doch er kommt einfach nicht zum Zuge. Agnes, erst so sehr entschlossen zum ehelichen Widerstand, ist auf einmal Felix hörig. Guido tritt nur noch höflich auf. Felix ist beiden in der Gesprächsführung so haushoch überlegen, dass Guido sich von dem Schriftsteller endlich widerspruchslos allein auf Reisen schicken lässt und Agnes den Gatten zwar hasst, aber weiter ertragen möchte.
Schnitzler lässt Felix erläutern: „Das Bacchusfest war ein eigentümlicher Brauch bei den alten Griechen.“<ref>Quelle, S. 580, 5. Z.v.o.</ref> Bacchusfeste wurden jedoch im antiken Rom gefeiert. Vorläufer waren die griechischen Dionysosfeste.
Rezeption
- Schnitzler notiert nach der Wiener Premiere in seinem Tagebuch: „… die Leute wußten nicht recht ob es ihnen gefiel.“<ref>Arthur Schnitzler: Tagebuch. Digitale Edition, Dienstag, 12. Oktober 1915, https://schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at/entry__1915-10-12.html (Stand 29. Januar 2026), PID: http://hdl.handle.net/21.11115/0000-000C-0608-5.</ref>
- über den Bühnenerfolg schrieb er an Georg Brandes: „Die Einakter werden viel gespielt und haben einen ansehnlichen Bühnenerfolg gehabt. Dagegen werde ich von einem gewissen Teil der Kritik in einer selbst nach meinen nicht unbedeutenden Erfahrungen auf diesem Gebiet fast emphatisch zu nennenden Weise angegriffen. Man hat nämlich bei uns (in Deutschland und Oesterreich) ein neues kritisches Mass für Kunstwerke entdeckt, den Weltkrieg. Und wie es den Herren gerade passt, wird man dafür zur Rechenschaft gezogen, dass das betreffende Werk irgendwie an den Krieg erinnert oder dass es das nicht tut.“<ref>Arthur Schnitzler an Georg Brandes, 9. Dezember 1915. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Martin Anton Müller mit Gerd-Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, 9. Dezember 1915, abgerufen am 13. Februar 2026.</ref>
- Stefan Zweig schrieb an Schnitzler: „Ich glaube, man kennt Sie nicht gut, wenn man Ihre Stücke nur im Theater und gerade bei Uns im Theater gesehen hat: irgend ein Geheimnisvolles schwebt da weg, eine Atmosphäre, die sie nicht ganz zu halten wissen: die menschliche Wärme strömt manchmal zwischen den Worten aus, statt sich mit ihnen chemisch zu binden.“<ref>Stefan Zweig an Arthur Schnitzler, 13. Oktober 1915. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Martin Anton Müller mit Gerd-Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, 13. Oktober 1915, abgerufen am 6. Februar 2026.</ref>
- Georg Brandes schrieb am 4. Dezember 1915 an Schnitzler: „Sie haben wieder einmal das Labyrinthische dargestellt der erotischen Neigungen und wie die Ehen die Herzen hemmen und fesseln. Tragisches und Possierliches ist nach Ihrer Gewohnheit gemischt. Mir war Alles lieb.“<ref>Georg Brandes an Arthur Schnitzler, 4. Dezember 1915. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Martin Anton Müller, Gerd-Hermann Susen, Laura Untner, 4. Dezember 1915, abgerufen am 7. März 2024.</ref>
- Perlmann<ref>Perlmann, S. 47 oben</ref> zählt Stunde des Erkennens zu den analytischen Einaktern Schnitzlers und weist auf das für den Autor charakteristische Phänomen der ziemlich unvollständigen Information hin. Demzufolge bleibe die Analyse unterwegs stecken. „Das Bacchusfest“ verweist Perlmann<ref>Perlmann, S. 52, 20. Z.v.o.</ref> in die Rubrik „Kunst und Leben“ und hebt ein bemerkenswertes Geschehnis hervor: Anna wendet sich in dem Stück ohne Worte erneut ihrem Gatten zu.
- Sprengel<ref>Sprengel, S. 500/501</ref> fasst die drei Stücke kurz zusammen: Allesamt Berichte aus der „Ehehölle“.<ref>Sprengel, S. 501, 13. Z.v.u.</ref>
- Unter der Überschrift „Der unaufhaltsame Niedergang des Patriarchats“ bespricht Le Rider unter anderem auch das Stück Stunde des Erkennens: Mit grundloser Eifersucht habe Karl Eckold seine Ehe „verpfuscht“.<ref>Le Rider, S. 109, 16. Z.v.u. bis S. 110 Mitte</ref>
- Am 15. Mai 1923 – an seinem 61. Geburtstag – besucht Schnitzler im Königlichen Theater Kopenhagen eine Aufführung der Großen Szene. Nach der Vorstellung huldigt das Publikum dem Autor mit langem Beifall.<ref>Aufführung von Große Szene und Napoli, 15. Mai 1923. In: Arthur Schnitzler: Kulturveranstaltungen. Konzert-, Theater-, Kinobesuche, Lesungen, Proben- und weitere Veranstaltungsteilnahmen. 1876–1931. Martin Anton Müller, Laura Untner, September 2025, abgerufen am 13. Februar 2026.</ref><ref>Dienstag, 15. Mai 1923. Abgerufen am 12. März 2024.</ref>
Verfilmungen
- Das Bacchusfest. Regie: Gustav Burmester. ARD, NWDR 1953. Mit Helmuth Rudolph, Änn Hölling und Hermann Lenschau.
- Bacchusfesten. Regie: Håkan Ersgård. Übersetzung: Nils Beyer. Sveriges Radio 1962. Mit Georg Årlin, Anita Björk und Birger Malmsten.
- Die große Szene. Regie: Wolfgang Liebeneiner. ARD, WDR 1962. Mit Peter Arens, Jochen Brockmann, Viktor de Kowa, Dany Sigel und Antje Weisgerber.
- Die große Szene. Regie: Jochen Bauer. ORF 1981. Mit Gertraud Jesserer, Wolfgang Gasser, Klaus Behrendt, Peter Hofer und Brigitta Furgler.
Hörspiele
In: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Hörspiele ( vom 5. Dezember 2008 im Internet Archive)
Einträge 82 bis 84
- „Stunde des Erkennens“. Erstsendung am 30. September 1949. Regie: Gerda von Uslar. NWDR Hamburg. Mit Albert Bassermann als Dr. Karl Eckold und Else Bassermann als Klara.
- „Stunde des Erkennens“. Erstsendung am 20. April 1965, ORF. Regie: Hans Krendlesberger. Mit Peter Schratt als Dr. Karl Eckold und Liesl Kienast als Klara.
- „Stunde des Erkennens“. Erstsendung am 1. Januar 1977, ORF-Studio Salzburg und SFB. Regie: Klaus Gmeiner. Mit Romuald Pekny als Dr. Karl Eckold und Aglaja Schmid als Klara.
Einträge 31 bis 34
- „Große Szene“. Erstsendung am 20. Februar 1946. ORF-Studio Wien.
- „Große Szene“. Erstsendung am 3. Januar 1947. Mit Albert Bassermann als Konrad Herbot.
- „Große Szene“. Erstsendung am 25. April 1947. Regie: Hans Dolf. ORF-Studio Steiermark.
- „Große Szene“. Erstsendung am 6. Februar 1972. Regie: Fritz Zecha. ORF. Mit Otto David als Konrad Herbot, Herta Heger als Sophie und Hannes Schütz als Direktor Falk.
Einträge 16 und 17
- „Das Bacchusfest“. Erstsendung am 1. Juni 1952. Regie: Herbert Spalke. ORF-Studio Steiermark.
- „Das Bacchusfest“. Erstsendung am 30. April 1977. Regie: Klaus Gmeiner. ORF-Studio Salzburg und SFB. Mit Helmuth Lohner als Felix Staufner, Aglaja Schmid als Agnes Staufner und Michael Heltau als Dr. Guido Wernig.
Literatur
- Ausgaben
- Erstausgabe: Arthur Schnitzler: Komödie der Worte. Drei Einakter. S. Fischer Berlin 1915. Leinen Kopfgoldschnitt. 193 Seiten
- Arthur Schnitzler: Komödie der Worte. Drei Einakter. S. 477 bis 583 in Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Arthur Schnitzler: Reigen. Die Einakter. Mit einem Nachwort von Hermann Korte. S. Fischer, Frankfurt am Main 1961 (Ausgabe 2000). 602 Seiten, ISBN 3-10-073557-9
- Sekundärliteratur
- Ingo Irsigler: Komödie der Worte. Drei Einakter (1915). In: Christoph Jürgensen, Wolfgang Lukas, Michael Scheffel (Hrsg.): Schnitzler-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Metzler, Heidelberg 2022, ISBN 978-3-476-05918-5.
- Cristina Fossaluzza: O du mein Österreich. Kritik an der Kulturkritik in Schnitzlers Projekt einer Komödien-Trilogie. In: Kulturkritik der Wiener Moderne (1890–1938). Herausgegeben von Barbara Beßlich, Cristina Fossaluzza; unter Mitarbeit von Tillmann Heise, Bernhard Walcher. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, S. 143–160.
- Achim Aurnhammer: Subjektivierung der Filmsprache. „Die große Szene“ als Filmsujet. In: Arthur Schnitzler und der Film. Würzburg, Ergon 2010, S. 79–93 (Akten des Arthur-Schnitzler-Archivs der Universität Freiburg / Klassische Moderne)
- Michaela L. Perlmann: Arthur Schnitzler. Sammlung Metzler, Bd. 239. Stuttgart 1987. 195 Seiten, ISBN 3-476-10239-4
- Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900–1918. München 2004. 924 Seiten, ISBN 3-406-52178-9
- Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur. Deutsche Autoren A – Z. S. 555, 2. Spalte, 23. Z.v.u. Stuttgart 2004. 698 Seiten, ISBN 3-520-83704-8
- Jacques Le Rider: Arthur Schnitzler oder Die Wiener Belle Époque. Aus dem Französischen von Christian Winterhalter. Passagen Verlag Wien 2007. 242 Seiten, ISBN 978-3-85165-767-8
Einzelnachweise
<references />
Romane
Frau Bertha Garlan |
Der Weg ins Freie |
Therese. Chronik eines Frauenlebens |
Roman-Fragment (Theaterroman)
Erzählungen
Welch eine Melodie |
Er wartet auf den vazierenden Gott |
Amerika |
Erbschaft |
Der Fürst ist im Hause |
Mein Freund Ypsilon |
Der Andere |
Reichtum |
Die drei Elixire |
Die Braut |
Sterben |
Der Sohn |
Die Komödiantinnen |
Die kleine Komödie |
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Blumen |
Später Ruhm |
Der Witwer |
Der Empfindsame |
Der Andere. Aus dem Tagebuch eines Hinterbliebenen |
Ein Abschied |
Die Frau des Weisen |
Der Ehrentag |
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Die Nächste |
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Ein Erfolg |
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Der blinde Geronimo und sein Bruder |
Wohltaten, still und rein gegeben |
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Lebendige Stunden (Einakterzyklus):
Lebendige Stunden (Einakter),
Die Frau mit dem Dolche,
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