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James Mellaart

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Datei:James Mellaart at Çatalhöyük.png
James Mellaart an der neolithischen Stätte Çatalhöyük Ende der 50er oder Anfang der 60er Jahre

James Mellaart (* 14. November 1925 in London; † 29. Juli 2012 in Islington, London) war ein britisch-niederländischer Prähistoriker und Archäologe. Von 1959 bis 1961 amtierte er als stellvertretender Direktor des British Institute of Archaeology at Ankara (BIAA); anschließend wirkte er bis 1963 als Dozent für Prähistorische Archäologie an der Universität Istanbul. 1964 wurde er Dozent für Anatolische Archäologie am Institute of Archaeology des University College in London, wo er bis zu seiner Emeritierung 1991 tätig war. Mellaart erweiterte durch die Entdeckungen von Hacılar, Beycesultan und Çatalhöyük den Kenntnisstand über die neolithischen Gesellschaften Anatoliens erheblich und prägte die Perspektiven der Prähistorischen Archäologie nachhaltig.

Im Verlauf seiner Karriere entwickelte Mellaart allerdings auch ein umfassendes System von Fälschungen, um seine oft spekulativen Deutungen zu stützen. Dabei gebrauchte er sein großes wissenschaftliches Ansehen gezielt, um diesen Konstruktionen den Anschein von Glaubwürdigkeit zu verleihen, wodurch in der Rückschau auch seine tatsächlichen Leistungen entwertet werden. Zwar führten seine Manipulationen unter Fachkollegen zu Misstrauen und behinderten punktuell auch seinen weiteren Karriereverlauf, doch wurde das volle Ausmaß seines Vorgehens bis zu seinem Tod – nicht zuletzt aufgrund systematischer institutioneller Verschleierung – nicht publik.

Biographie

Herkunft, Ausbildung und frühe Prägungen

James Mellaart wurde am 14. November 1925 in London geboren.<ref>Charles Burney: James Mellaart (1925–2012). In: Paléorient 38/1–2 (2012), S. 11–12, hier: S. 11. Da Mellaart in London geboren war, besaß er, wie auch seine Schwester, eine doppelte Staatsbürgerschaft; Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 45.</ref> Sein Vater, Jacob Herman Jan Mellaart (1895–1972), Kunstspezialist niederländischer Herkunft, war kurz vor der Geburt seines Sohnes nach England übergesiedelt. Die Mutter, Apollonia Dingena (genannt Linn) geb. van der Beek (1886 oder 1899–1933), stammte aus Nordirland, verfügte jedoch ebenfalls über niederländische Wurzeln.<ref>Charles Burney: James Mellaart (1925–2012). In: Paléorient 38/1–2 (2012), S. 11–12, hier: S. 11.</ref> Mellaart hatte eine jüngere Schwester, die 1929 ebenfalls in London geboren wurde.<ref>Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 33.</ref> Später behauptete Mellaart, seine Familie stamme ursprünglich aus Schottland und sei mit dem MacDonald-Clan, genauer der Linie MacLarty, verbunden. Im späten 17. Jahrhundert sei die Familie nach Holland gelangt und habe ihren Namen in die niederländisch klingende Form Mellaart geändert.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 411; Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–182, hier: S. 130.</ref> Diese Behauptung stieß nicht überall auf Glauben.<ref>Charles Burney: James Mellaart (1925–2012). In: Paléorient 38/1–2 (2012), S. 11–12, hier: S. 11.</ref> Der Vater sicherte der Familie ein gutes Einkommen, indem er Sammler beim Erwerb von Kunstwerken beriet, sodass sie ein komfortables Haus im Londoner Stadtteil Chelsea beziehen konnte. Mit der Wirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre brach der Kunstmarkt jedoch ein, sodass die Familie 1932 aus finanziellen Gründen nach Amsterdam zurückkehrte.<ref>Michael Balter: The Goddess and the Bull, New York u. a. 2005, S. 12.</ref> Nach dem frühen Tod der Mutter 1933<ref>Die Mutter starb an einer Gasvergiftung in der gemeinsamen Wohnung; Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 37.</ref> heiratete der Vater das Kindermädchen und zeugte mit ihr vier weitere Söhne.<ref>Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 37.</ref> James und seine Schwester hegten eine starke Abneigung gegen die Stiefmutter, was möglicherweise dazu beitrug, dass Mellaart seine Jugendzeit in den Niederlanden später weitgehend verdrängte und sich weigerte, mit niederländischen Kollegen Niederländisch zu sprechen. Zeit seines Lebens begriff er sich als Schotte und leugnete seine niederländische Abstammung.<ref>Charles Burney: James Mellaart (1925–2012). In: Paléorient 38/1–2 (2012), S. 11–12, hier: S. 11; Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–182, hier: S. 130.</ref>

In den Jahren nach der Rückkehr in die Niederlande zog die Familie mehrfach um, zunächst von Amsterdam nach Rotterdam, später nach Den Haag, während der deutschen Besatzung nach Maastricht. Um dem Arbeitsdienst zu entgehen, nahm Mellaart eine Stelle am niederländischen Nationalmuseum für Archäologie in Leiden an, vermittelt durch einen Freund seines Vaters. Ein von ihm verfasster Brief, der zahlreiche Museumsmitarbeiter und Archäologen nannte, beeindruckte den Museumsdirektor so sehr, dass er eine Position für den 18-jährigen ungeübten Bewerber schuf. Spätere Behauptungen Mellaarts, der Schweizer Konsul habe die Anstellung vermittelt, lassen sich nicht belegen. Anfang September 1944 kehrte er in das Elternhaus im Süden der Niederlande zurück; zehn Tage bevor die Amerikaner in Maastricht einrückten. Nach der Befreiung nahm er sein Studium der Ägyptologie und Klassischen Altertumswissenschaften in Leiden auf und stimmte der Beendigung seines Museumsvertrags zum 1. Oktober 1944 zu. Sechs Monate später versuchte er jedoch vergeblich, die Vereinbarung rückgängig zu machen und Gehaltszahlungen bis Mai 1945 über ein Komitee geltend zu machen, das Probleme infolge der Besatzung regelte. Dies führte zu Irritation im Museum und könnte seine studentische Laufbahn beeinträchtigt haben, da das Personal eng mit der Ägyptologie- und Klassikabteilung der Universität verbunden war. Bereits während seiner Tätigkeit im Museum soll er sich Kenntnisse zum Lesen ägyptischer Hieroglyphen angeeignet haben. Am Gymnasium hatte er Sprachkenntnisse in Deutsch, Englisch, Französisch, Latein und Altgriechisch erworben; von einem Onkel väterlicherseits erlernte er zudem das Gälische.<ref>Michael Balter: The Goddess and the Bull, New York u. a. 2005, S. 12f.; Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 411; Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123, hier: S. 90f.; Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 43.</ref>

Ab 1947 studierte er in London, wo er am University College ein Grundstudium der Archäologie aufnahm.<ref>Michael Balter: The Goddess and the Bull, New York u. a. 2005, S. 13.</ref> Während dieser Zeit wirkte er auch an Ausgrabungen mit – unter anderem unter der Leitung von Kathleen Kenyon in Sutton Walls – und entwickelte ein frühes Forschungsinteresse an den Seevölkern und ihrer Rolle im Zusammenbruch des bronzezeitlichen Mächtesystems im 12. Jahrhundert v. Chr. sowie an der Ausbreitung frühbronzezeitlicher Kulturen im östlichen Mittelmeerraum.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 411.</ref>

Wissenschaftliche Anfänge

Nach seinem Abschluss 1951 erhielt Mellaart ein zweijähriges Stipendium beim British Institute of Archaeology at Ankara (BIAA). 1959 wurde Mellaart stellvertretender Direktor des BIAA unter Seton Lloyd, ein Amt, das er bis 1961 innehatte. Anschließend war er von 1961 bis 1963 Dozent für Prähistorische Archäologie an der Universität Istanbul. 1964 wurde er zum Dozent für Anatolische Archäologie am Institute of Archaeology des University College London, wo er bis zu seiner Emeritierung 1991 tätig war. Während seiner Zeit am BIAA kartierte er zahlreiche prähistorische Fundplätze in Südwestanatolien – meist zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln, da er über keinen Führerschein verfügte – und entwickelte sich zu einem herausragenden „Site-Spotter“, der in der Lage war, aus kleinen Erhebungen die unter der Erde liegenden prähistorischen Siedlungen zu erkennen. Während seiner Tätigkeit am BIAA entdeckte er Hunderte vorklassischer Fundplätze, darunter das bedeutende chalkolithische und bronzezeitliche Siedlungsareal Beycesultan.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 411–13; ders.: Mellaart, James. In: Oxford Dictionary of National Biography Online, 2016; David Stronach: Working with Jimmy and Arlette Mellaart, 1955 to 1958. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 271–275, hier: S. 271f.</ref>

In diese forschungsintensive Frühphase am BIAA fiel auch sein Kennenlernen der Türkin Arlette Meryem Cenani<ref>Biographie: Alan Mellaart: Arlette Mellaart. A Journey to Archaeology. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 103–120.</ref> (1924–2013). Arlette, 1924 in eine wohlhabende Istanbuler Familie mit historischen Verbindungen zur osmanischen Oberschicht geboren, war nach dem frühen Tod ihres rumänischen Vaters von Mutter und Stiefvater Kadri Cenani, einem einflussreichen Politiker, aufgezogen worden.<ref>Zu ihrem Stammbaum vgl. Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 14f.</ref> Seit 1939 lebte die Familie im Savfet-Pascha-Yalı in Kanlıca am Bosporus, in dem zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Gesellschaft ein und aus gingen. Anfang der 1950er Jahre hörte Arlette an der Universität Istanbul Vorlesungen über die Hethiter bei Kurt Bittel und nahm 1952 an dessen Grabungen in Fikirtepe teil, wo sie Mellaart begegnete. Sie spielte fortan eine prägende Rolle als Übersetzerin, Fotografin und Camp-Managerin in seinen Feldkampagnen. Das Paar heiratete 1954 und bekam 1955 einen gemeinsamen Sohn.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 411f.; ders.: Mellaart, James. In: Oxford Dictionary of National Biography Online, Oxford 2016.</ref>

In seiner Zeit am BIAA leitete Mellaart eigene Ausgrabungen, so führte er eine Geländeerhebung im Jordantal durch und schloss sich 1952–1954 den Ausgrabungen Kathleen Kenyons in Jericho an. In Kenyons zeitweiliger Abwesenheit grub er weiter nach unten, um zu demonstrieren, dass die Basis des Hügels tiefer lag als bisher angenommen.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 412; ders.: Mellaart, James. In: Oxford Dictionary of National Biography Online, 2016.</ref> Von 1954 bis 1959 arbeitete er mit Seton Lloyd in Beycesultan im oberen Einzugsgebiet des Menderes in Südwestanatolien, das Mellaart als bedeutenden und lang genutzten Siedlungsplatz erkannte. 1956 entdeckte Mellaart mit Hacılar, 15 km nördlich von Burdur in der Südwesttürkei, einen weiteren bedeutenden prähistorischen Fundplatz, den er 1957–1960 ergrub.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 412f.; ders.: Mellaart, James. In: Oxford Dictionary of National Biography Online, 2016; Maime N. Brami: James Mellaart and Hacılar. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 277–291.</ref> Bereits in dieser Frühphase fertigte Mellaart erste Fälschungen an.<ref>Diether Schürr: Mellaarts erste Erfindung. Ein Hieroglyphen-Luwisches Siegel. In: Talanta 50 (2018), S. 83–85; John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127, hier: S. 113.</ref>

Çatalhöyük und wachsende Anerkennung in der Fachwelt

Entscheidend für Mellaarts weitere Forschung war allerdings letztlich nicht die Bronzezeit, sondern ein neolithischer Fundplatz. Im November 1958 entdeckte er gemeinsam mit David French und Alan Hall die neolithische Schichtung des großen Siedlungshügels von Çatalhöyük in der Konya-Ebene. Den Ort hatte Mellaart bereits Anfang der 1950er Jahre aus der Ferne erblickt, war jedoch durch Krankheit am Betreten gehindert worden. Ursprünglich auf der Suche nach Spuren aus der Bronzezeit, richtete sich sein Interesse nach der Entdeckung der Stätte zugleich auf die Neolithisierung Anatoliens, um die bislang vorherrschende Auffassung zu überprüfen, dass die wichtigsten neolithischen Entwicklungen im Levante- und Fruchtbaren-Halbmond-Raum stattgefunden hätten.<ref>Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–182, hier: S. 131; Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 413f.</ref>

Ab 1961 nahm Mellaart die Ausgrabungen auf und setzte sie 1962, 1963 und 1965 fort. Dabei erfasste er eine Vielzahl aufwendig ausgestatteter Bauten, die durch plastische Reliefs, Stierhorninstallationen und qualitätvolle Wandmalereien hervorstachen. Die künstlerische Ausführung dieser Funde überraschte die Fachwelt, da Vergleichbares im Vorderen Orient bislang nicht nachgewiesen war. Die Niederlassung, eine der frühesten agrarisch geprägten Gemeinschaften Anatoliens, existierte rund 1100 Jahre und zeichnete sich durch eng miteinander verbundene Raumeinheiten aus, die ausschließlich über Dachöffnungen betreten wurden und durchgehend sorgfältig verputzte Wandflächen besaßen.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 414.</ref>

Die Untersuchungen offenbarten 19 m mächtige Kulturschichten, die mindestens dreizehn Besiedlungsschichten dokumentierten. Über die vier Grabungskampagnen legte Mellaart mehr als 150 Gebäude frei und exhumierte 480 Skelette. Seine Rekonstruktionen der Bauten sowie Berichte in der Illustrated London News ermöglichten eine breitere Wahrnehmung des Fundplatzes jenseits wissenschaftlicher Fachpublikationen und trugen zu dessen internationaler Bekanntheit bei.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 414.</ref>

1967 erschien Mellaarts Monographie Çatal Hüyük. A Neolithic Town in Anatolia. Darin legte er dar, dass die zentralen Entwicklungen der sogenannten Neolithischen Revolution – Landwirtschaft und Viehzucht, das Leben in Dorfgemeinschaften sowie die Metallverarbeitung – ihren wesentlichen Ursprung in Anatolien hatten und sich über einen mehr als tausendjährigen, „schmerzhaft langsamen“ Prozess vollzogen. Seine Ergebnisse beleben bis heute die wissenschaftliche Debatte über frühe Siedlungsdichte und die soziale Organisation der ersten Dorfgemeinschaften und fanden auch interdisziplinär eine breite Rezeption – von Architektur über Kunst und Stadtforschung bis hin zur Anthropologie.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 414.; Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–182, hier: S. 132.</ref>

Die Dorak-Affäre und ihre Folgen

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Die erste und folgenreichste Kontroverse in Mellaarts Laufbahn war die sogenannte Dorak-Affäre.<ref>Zu Dorak vgl. insbes.: Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123; David Stronach: One of Arechaelogys Greatest Mysteries – Dorak. A New Look at the Long-Lived Dorak Puzzle. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 437–43; Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216.</ref> 1959 veröffentlichte er in der Illustrated London News eine populärwissenschaftliche Darstellung eines angeblich von ihm unter dubiosen Umständen in Karşıyaka in Augenschein genommenen königlichen Grabschatzes aus dem 3. Jahrtausend v. Chr., der während des Griechisch-Türkischen Krieges beim Dorf Dorak ausgegraben worden sei. Gemäß seiner Schilderung gegenüber Kollegen und Journalisten habe er 1951 oder 58 auf einer Zugfahrt nach Izmir eine junge Griechin mit dem Namen Anna Papastrati kennengelernt, die ihn anschließend zu sich nach Hause eingeladen habe, um ihm wertvolle archäologische Fundstücke aus ihrem Familienbesitz zu zeigen. Dort, so Mellaart, habe er ein langes Wochenende verbracht, um die prähistorischen Objekte zu dokumentieren; es hätten ihnen umfangreiche Notizen in neugriechischer Sprache beigelegen. Die publizierten Zeichnungen zeigten angeblich Stücke mit Hinweisen auf weitreichende bronzezeitliche Kontakte, darunter Elemente mit ägyptischen Hieroglyphen, und stellten damit etablierte Datierungen der trojanischen Frühbronzezeit in Frage.<ref>David Stronach: A New Look at the Long-Lived Dorak Puzzle. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 437–443.</ref> Auffällig im Hinblick auf Mellaarts spätere Erfindungen ist insbesondere der schlecht erhaltene, zugleich aber überaus farbprächtige wollene Kelim, auf dem der König bei der Öffnung des Grabes gelegen haben soll. Mellaart fertigte eine farbige Rekonstruktion des ihm angeblich gezeigten Kelims an und leitete aus ihm eine anatolische Kelim-Tradition bis ins 3. Jahrtausend v. u. Z. ab. Fachkollegen wiesen rasch darauf hin, dass ein derart altes Gewebe unmöglich Muster und Farben bewahrt haben könne. In einer Publikation von 1989 präsentierte Mellaart eine farblose Zeichnung des Kelim, in der das Verhältnis von Erhaltenem und Ergänztem im Gegensatz zur Publikation von 1959 verräterischer Weise vertauscht ist.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 204.</ref>

Bei Nachforschungen zeigte sich, dass weder die beschriebenen Objekte noch die junge Frau oder die angegebene Wohnadresse ausfindig zu machen waren. In der türkischen Presse wurde im Mai 1962 der Vorwurf erhoben, Mellaart sei in kriminelle Aktivitäten verwickelt und habe archäologische Schätze im Wert von einer Milliarde türkischer Lira illegal außer Landes geschmuggelt.<ref>Kenneth Pearson/Patricia Connor: Die Dorak-Affäre. Schätze, Schmuggler, Journalisten, Wien/Hamburg 1968, S. 49f., 54 und 142.</ref> Dementgegen gingen die türkischen Behörden offenbar früh von einer Erfindung Mellaarts aus.<ref>Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123, hier: S. 93f.</ref> Angesichts der Tatsache, dass in Izmir zu jener Zeit nur eine Hand voll Griechen lebte, die zudem unter ständiger behördlicher Beobachtung standen, ist es unwahrscheinlich, dass eine Person namens Anna Papastrati existiert haben könnte, ohne ausfindig gemacht werden zu können.<ref>Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123, hier: S. 92.</ref>

Eine von der BIAA eingesetzte Untersuchungskommission von 1968 stellte sich später hinter Mellaarts Darstellung; trotzdem blieb die Kontroverse um die Affäre in der Fachwelt lebhaft. Der Vorfall markierte einen entscheidenden Einschnitt in seiner akademischen Karriere: 1964 wurde Mellaart zunächst eine Grabungserlaubnis für Çatalhöyük verweigert, und die BIAA entschied 1966, ihre Schirmherrschaft über seine Projekte zu beenden.<ref>Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–82, hier: S. 133f.</ref>

Schon in diesen frühen Kontroversen zeigt sich ein Muster, das später wieder auftauchen sollte: Mellaart präsentierte spektakuläre Funde, an die er über dubiose Wege gelangt sei, sich jedoch einer Überprüfung entzogen.<ref>Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123, hier insbes. S. 97f., 118–120.</ref>

Weitere Fälschungen und wissenschaftliches Fehlverhalten

Die deutliche Ablehnung, die Mellaart im Zuge der Dorak-Affäre entgegengeschlagen war, hinderte ihn allerdings nicht daran, in den folgenden Jahrzehnten erneut gefälschtes Material in die Fachöffentlichkeit einzubringen.

Der zweite große Täuschungskomplex Mellaarts in den 1980er Jahren verband angeblich von ihm entdeckte Kelim-ähnliche Wandmalereien mit der Idee einer uralten Tradition einer „Großen Göttin“. Bereits in seinem Buch von 1967 hatte er geometrische Wandmalereien aus Çatalhüyük als „Kelim-Muster“ interpretiert und die Hypothese aufgestellt, dass in Anatolien bereits seit dem späten 7. Jahrtausend v. u. Z. Kelims gewoben worden seien. Dieser anfangs vorsichtigen Hypothese erklärte er später zu einer Gewissheit. Der eigentliche Coup erfolgte 1983 bei einer Londoner Teppichkonferenz. Dort präsentierte Mellaart zahlreiche Wandmalereimotive aus Çatalhüyük, die frappierend modernen Kelims ähnelten. Nur eines der vorgestellten Motive war tatsächlich dokumentiert; die übrigen erklärte er als Fragmente, die zwar „mühsam aufgezeichnet“, aber nicht gerettet worden seien. Besonders grotesk war ein dort vorgestelltes Motiv einer angeblichen Göttin mit zwei Vögeln, die er als frühesten Prototyp eines modernen Kelimmusters deutete. Schon hier verband Mellaart die Idee einer 8000-jährigen Kelimtradition mit der Vorstellung einer ebenso alten ikonographischen Kontinuität einer „Großen Göttin“.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 204f.</ref> Die in der Konferenzschrift veröffentlichten monochromen Zeichnungen wurden in späteren Arbeiten weiterentwickelt: In The Goddess from Anatolia von 1989 steigerte sich diese Linie schließlich zu farbgesättigten, bisweilen fast karikaturesken Darstellungen hockender, schneemannähnlicher Göttinnen mit dicken Gesäßen. Flankiert wurden die Figuren nun von neuen, in ihrer Deutlichkeit frappierenden Motiven: übergroßen Vulven sowie davor arrangierte geflügelte Phalli, die in einer penetrierenden Bewegung auf jene zustreben.<ref>John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127, hier S. 109f.; Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 207; Abb. ebd.</ref>

Damit war Mellaart zu weit gegangen. Kelim-Experten wiesen auf die technische Unmöglichkeit der von ihm als Kelim-Imitationen interpretierten Wandmalereien mit der damals verfügbaren Webtechnik hin, bemängelten fehlende Dokumentation und Widersprüche zu den Grabungsberichten. Besonders unglaubwürdig erschienen die angeblichen Kelim-Imitationen dort, wo Parallelen zu existierenden Kelim-Motiven bestanden: Die Motive waren um 90° gedreht, was ihre technische Umsetzung ausschloss.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 208.</ref> Spätere Ausgrabungen brachten keinerlei vergleichbare Malereien zutage.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 415f.</ref>

Parallel dazu erfand Mellaart weiteres Material. 1989 publizierte er eine angebliche neolithische „Chronik“ aus 200 Punktreihen, die 4000 Jahre Geschichte darstellen sollten, beginnend mit der Geburt der „Çatal people“ durch die Große Göttin 11.000 v. Chr. Diese Chronik war weder im Grabungsbericht erwähnt noch je zuvor gezeigt worden. 1990 präsentierte er auf einer Tagung angebliche paläolithische Kiesel vom Strand von Beldibi, einige mit Figurendarstellungen und andere mit „frühen Göttinnenmotiven“. Er illustrierte zudem nie publizierte Funde aus einer Sondage von 1963 – Tonfiguren, Mergel- und Knochenobjekte sowie zahlreiche Schieferplatten, mit „Luftaufnahmen“ von Landschaften, Vulkanausbrüchen und Götterszenen. Einige dieser Schieferplatten und Kiesel wurden in seinem Londoner Arbeitszimmer gefunden; es ist offensichtlich, dass es sich hierbei um Fälschungen handelt.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 208f.</ref>

Als Zweifel und Kritik zunahmen, lieferte Mellaart ab 1991 immer neue Ausflüchte: wichtige Zeichnungen und Fotos seien 1976 in der Villa seines Schwiegervaters<ref>Es handelte sich um eines der ältesten Herrenhäuser am Bosporus, um 1750 von einem unbekannten venezianischen Handwerksmeister vollständig aus Holz errichtet. Das gesamte Mobiliar, die Bibliothek, die Gemälde und die persönlichen Erinnerungsstücke wurden 1976 ein Raub der Flammen; Seton Lloyd: Old Waterside Houses on the Bosphorus – Safvet Paşa Yalisi at Kanlica. In: Anatolian Studies 7 (1957), S. 163–170; Arlette Mellaart: Bohemia on the Bosphorus [2002]. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 123–141.</ref> verbrannt, die Rekonstruktionen deshalb zwangsläufig unvollständig.<ref>Dass dies tatsächlich zutraf, ist unwahrscheinlich; Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 210f.; John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127, hier: S. 107f.</ref> Zugleich behauptete er laut Ian Hodder um diese Zeit sogar, früheste Schrifttafeln in Çatalhüyük gefunden zu haben.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 415.</ref> 1993 setzte er seine Erfindungen schließlich mit dramatischen Vulkanlandschaften fort, die er französischen Amateurvulkanologen vorlegte. Diese Szenen – ausbrechende Vulkane, zerstörte Rundhüttensiedlungen, ergänzt durch identifizierbare anatolische Landmarken – knüpften an seine frühere Fehlinterpretation eines echten Wandgemäldes an. Auch sonst zeigten die neuen „Plaquettes“ und Wandbilder immer phantastischere und unwahrscheinliche Darstellungen, die offenkundig ausschließlich Mellaarts Imagination entsprangen.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 210–212.</ref>

Tod Mellaarts und Aufarbeitung seines Fälschungskorpus

Mellaart starb am 29. Juli 2012 im Whittington Hospital in Islington an den Folgen eines Schlaganfalls und einer Lungenentzündung; die Trauerfeier fand am 13. August im Islington Crematorium in East Finchley statt. Nach seinem Tod wurde auf dem Gipfel des Hügels von Çatalhöyük eine Gedenkveranstaltung abgehalten, an der die 140 Mitglieder des Grabungsteams teilnahmen.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 418f.</ref> Im Jahr darauf, am 17. November 2013 verstarb auch seine Frau Arlette.<ref>Alan Mellaart: Arlette Mellaart. A Journey to Archaeology. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 103–120, hier: S. 120.</ref>

Die frühen Nachrufe betonten seine wissenschaftlichen Leistungen und erwähnten die seit Jahrzehnten kursierenden Fälschungsvorwürfe nicht oder nur am Rande.<ref>Vgl. Charles Burney: James Mellaart (1925–2012). In: Paléorient 38/1–2 (2012), S. 11–12; ders.: James Mellaart, Anatolische Studien 62 (2012), S. iii; Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420.</ref> Eine kritischere Auseinandersetzung setzte erst ab 2017 ein, angestoßen durch die publizistischen Aktivitäten des Geoarchäologen Eberhard Zangger. Dieser legte auf einer internationalen Konferenz in Izmir im Frühjahr 2017 gemeinsam mit Fred Woudhuizen zwei Schreiben Mellaarts aus den 1990er Jahren vor. Darin behauptete Mellaart, über Übersetzungen keilschriftlicher Bronzetafeln zu verfügen, die Ende des 19. Jahrhunderts in einem Dorf in der der Provinz Ayfon gefunden worden seien und deren Inhalt die Geschichte Kleinasiens am Übergang zur Eisenzeit grundlegend revidieren würde.<ref>Für eine Zusammenfassung des Inhalts der Briefe siehe Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–182, hier: S. 146–151.</ref> Allein auf Basis dieser Briefe erklärten Zangger und Woudhuizen die Tafeln für authentisch und kündigten weitere Nachforschungen an.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 197.</ref> Im Sommer desselben Jahres erhielt Zangger Zugang zu einer 67-seitigen Übersetzung der angeblichen Tafeln aus Mellaarts Nachlass<ref>Der Nachlass Mellaarts lagert größtenteils in Kisten in seiner ehemaligen Wohnung in London. Die Materialien, die Zangger 2017 an sich genommen hatte, befinden sich hingegen in den Räumen seiner Science Communications GmbH in Zürich, die von seiner Luwian Studies Foundation mitgenutzt werden; Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg. Eine Entdeckungsgeschichte, Zürich 2017, S. 309. Eine größere Zahl von Stücken aus Mellaarts Nachlass wurde 2020 in der Gedenkschrift The Journey to Çatalhöyük veröffentlicht – allerdings ausschließlich unproblematisches Material.</ref> sowie zu Zeichnungen hieroglyphenluwischer Blöcke, die Mellaart seit den 1980er Jahren vorgelegt hatte und die in der Fachwelt als Fälschungen galten.<ref>Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg, Zürich 2017, S. 213ff.; Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 197. John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127.</ref> Dementgegen deutete Zangger das Material jedoch als genuin und publizierte es im Oktober 2017 in seinem Werk Die Luwier und der Trojanische Krieg, begleitet von erheblicher medialer Inszenierung.<ref>Frank Thadeusz: Die Rache des Sonnyboys. In: Der Spiegel 41 (2017), S. 130–132.</ref> Inkonsistenzen interpretierte er in bemerkenswert naiver Weise<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 197.</ref> als Authentizitätsindizien<ref>Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg. Eine Entdeckungsgeschichte, Zürich 2017, S. 224, 310f.</ref> und erklärte Mellaarts Zurückhaltung bei der Veröffentlichung der Inschriften mit dessen Furcht vor erneuten Fälschungsvorwürfen.<ref>Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg. Eine Entdeckungsgeschichte, Zürich 2017, S. 301.</ref>

Mit der angekündigten Publikation der Inschrift in der Zeitschrift Talanta rückte das Thema in den Blick einer breiteren Fachöffentlichkeit. Mehrere Fachkollegen wiesen darauf hin, dass ihnen die Inschriften bereits bekannt seien und es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um Fälschungen handele. In ihrer 2017 online veröffentlichten Edition griffen Zangger und Woudhuizen diese Einwände auf, verteidigten Mellaart gegen den Vorwurf der Fälschung und betonten, dass ihm eine solche niemals eindeutig nachgewiesen werden konnte.<ref>Eberhard Zangger/Fred Woudhuizen: Rediscovered Luwian Hieroglyphic Inscriptions from Western Asia Minor. In: Talanta 50 (2018), S. 9–56 [bereits im Dezember 2017 online erschienen].</ref>

Zugleich verfolgte Zangger die Absicht, Mellaarts Nachlass über einen Zeitraum von fünf Jahren systematisch zu analysieren; der Stiftungsrat der von ihm geleiteten Stiftung hatte die hierfür erforderlichen Mittel bereits bewilligt. Während eines Aufenthalts in London Anfang 2018 zeigte sich Zangger jedoch, was Fachkollegen seit Langem angenommen hatten: Mellaarts Büro stellte sich als eine regelrechte Fälscherwerkstatt heraus.<ref>Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–82.</ref> Auch diese „Enthüllung“ bereitete Zangger mit deutlicher medialer Dramatisierung auf.<ref>Eberhard Zangger: Der Nachlass von James Mellaart offenbart dessen Archäophantasien, auf Archäologie Online, August 2019 [Zugriff am 14. April 2026].</ref> In der Folge dieser Erkenntnis distanzierten sich sowohl Zangger als auch Woudhuizen von der zuvor behaupteten Echtheit der keilschriftlichen Tafeln, hielten jedoch mit teils abstrusen Argumenten weiterhin an der Authentizität der hieroglyphischen Inschrift Beyköy 2 fest.<ref>Fred Woudhuizen/Eberhard Zangger: Arguments for the Authenticity of the Luwian Hieroglyphic Texts from the Mellaart Files. In: Talanta 50 (2018), S. 183–212.</ref> Dieses pseudowissenschaftliche Agieren stieß in der Fachwelt auf Irritationen und scharfe Kritik.<ref>Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessary True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), S. 87–124, hier: S. 88–90, 100, 118f.; John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127; Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 197–199.</ref> Im Talanta-Themenband des Jahres 2018 wurden die unterschiedlichen Fälschungen Mellaarts erstmals systematisch erschlossen.<ref>Michael Bányai: Der Beylöy Text: Eine Fälschung? In: Talanta 50 (2018), S. 57–82; Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessary True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: ebd., S. 87–124; Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: ebd., S. 125–182.</ref> In den darauffolgenden Jahren folgten weitere Untersuchungen zu seinem umfangreichen Fälschungskorpus.<ref>John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127; Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216.</ref>

Bewertung und Vermächtnis

Obgleich Vertraute und Kollegen bereits früh die Fälschungen Mellaarts durchschauten und er sogar versuchte, seine Freunde in seine Lügenkonstrukte zu verwickeln,<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 209.</ref> wurde sein Treiben lange unter den Tisch gekehrt.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 213.</ref> Seine zunehmend umfangreiche und phantastische Produktionen stießen teils auf deutliche Ablehnung und blieben letztlich sämtlich ohne nachhaltige Wirkung. Auf tatsächliche Plausibilität seiner Fälschungen legte er offenbar wenig Wert; andernfalls hätte er weder so fragile Erklärungen vorgebracht noch eine derart große Zahl angeblicher Belege produziert.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 213.</ref>

Zwischen 1959 und 1983 sowie nach 1999 lassen sich keine Erfindungen Mellaarts nachweisen.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 214.</ref> In welchem Umfang er in anderen Publikationen – wie bereits 1954 im Fall des Siegelabdrucks aus Ortakaraviran Hüyük II südlich von Seydişehir<ref>Diether Schürr: Mellaarts erste Erfindung. Ein Hieroglyphen-Luwisches Siegel. In: Talanta 50 (2018), S. 83–85.</ref> – erfundene Elemente einfließen ließ, bleibt offen. Dabei ergibt sich auch eine Grauzone zwischen weit interpretierenden Deutungen und klaren Erfindungen; mehrere spätere Konstruktionen entwickelten sich aus überzogenen Interpretationen realer Funde, während andere – etwa Dorak oder die Keilschrift- und Hieroglyphentexte – fehlende archäologische Belege ersetzen sollten.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 214.</ref>

Allen Erfindungen liegt zugrunde, dass sie der Absicherung bereits fragwürdiger Annahmen dienten. Ein durchgehendes Motiv ist die von Mellaart behauptete Kontinuität über lange Zeiträume – von Arzawa- zu lydischen Dynastien, von neolithischen zu modernen Kelims oder von einer „Großen Göttin“ des Paläolithikums bis in die Neuzeit. Dabei setzte Mellaart sein wissenschaftliches Ansehen gezielt ein, um frei erfundene Konstruktionen als reale Befunde erscheinen zu lassen, womit, so Diether Schürr, letztlich auch seine Leistungen restlos entwertet werden.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 214.</ref>

Werke in Auswahl

Mellaart hat im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere eine hohe zweistellige Zahl an Aufsätzen publiziert. Es folgt eine Auswahl wichtiger Arbeiten.<ref>Für eine vollständige Übersicht vgl. Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 468–473.</ref>

  • Anatolian Chronology in the Early and Middle Bronze Age. In: Anatolian Studies 7 (1957), S. 55–88.
  • (mit Seton Lloyd): Beycesultan, Bde. 1–2, London 1962/65.
  • Early Cultures of the South Anatolian Plateau II. The Late Chalcolithic and Early Bronze Ages in the Konya Plain. In: Anatolian Studies 13 (1963), S. 199–236.
  • Earliest civilizations of the Near East, London 1965.
  • The Chalcolithic and Early Bronze Ages in the Near East and Anatolia, Beirut 1966.
  • Çatal Hüyük. A Neolithic Town in Anatolia, London 1967.
  • Excavations at Hacılar, 2 Bde., Edinburgh 1970.
  • Western Anatolia, Beycesultan and the Hittites, Ankara 1974.
  • The Neolithic of the Near East, London 1975.
  • The Archaeology of Ancient Turkey. Rowman and Littlefield, Totowa NJ 1978.
  • (mit Udo Hirsch/Belkıs Balpınar): The Goddess from Anatolia, 4 Bde., Mailand 1989.
  • (mit Ann Murray): Beycesultan, Bd. 3/2, Late Bronze Age and Phrygian Pottery and Middle and Late Bronze Age Small Objects, London 1995.

Literatur

  • Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420 (PDF-Version).
  • Ian Hodder: Mellaart, James. In: Oxford Dictionary of National Biography Online, 2016.
  • Jan Stronk/Maarten de Weerd (Hrsg.): Talanta 50 (2018) [Themenband als Reaktion auf die Entdeckungen und Thesen von Zangger und Woudhuizen].
  • Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020 [Gedenkband; einige der Beiträge weisen stark verharmlosende Tendenzen auf].
  • John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127.
  • Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216 (PDF-Version).

Weblinks

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Anmerkungen

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