Zum Inhalt springen

Hersfelder Zehntverzeichnis

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Datei:Hersfeld zehntverzeichniss.jpg
Hersfelder Zehntverzeichnis in einer Abschrift aus dem 11. Jahrhundert

Das Hersfelder Zehntverzeichnis (auch: Verzeichnis Hersfelder Zehnten im Friesenfeld, an Hersfeld zehntender Burgen sowie Hersfelder, vom Kaiser und vom Herzog Otto besessener Ortschaften) ist eine Auflistung der Orte und Burgen im Gau Friesenfeld und im Hassegau, aus denen die Reichsabtei Hersfeld den Kirchenzehnt erhielt. Die originale Aufzeichnung entstand zwischen 881 und 887 oder zwischen 896 und 899, sie ist aber nicht mehr erhalten. Die Liste ist in einer Abschrift aus dem ausgehenden 11. Jahrhundert im Hessischen Staatsarchiv Marburg überliefert.

Für zahlreiche Orte im südlichen Sachsen-Anhalt und im nördlichen Thüringen ist die Nennung zugleich die erste Erwähnung in den schriftlichen Quellen. Ein vergleichbares Verzeichnis der Reichsabtei Hersfeld ist für den direkt anschließenden Bereich südlich der Unstrut mit dem deutlich früher entstandenen Breviarium sancti Lulli erhalten, das aber nicht nur die Orte, sondern auch konkreten Güterbesitz in diesen benennt.

Das Hersfelder Zehntverzeichnis unterteilt sich in vier Abschnitte. Viele Ortsnamen sind darin doppelt und dreifach vorhanden, da sie damals noch nicht mit Bestimmungswörtern unterschieden wurden. So finden sich etwa Osterhausen (später Klein- und Groß-Osterhausen), Lauchstädt (später Bad Lauchstädt und Kleinlauchstädt) oder Wünsch (später Ober- und Unterwünsch) zweimal im Hersfelder Zehntverzeichnis. Röblingen ist viermal enthalten (später Nieder- und Oberröblingen an der Helme bzw. Ober- und Unterröblingen am See), Brunesdorpf fünfmal (verschiedene, teils wüst gefallene Dörfer).

In anderen Fällen waren es später mehr Orte dieses Namens als heute: Einzingen wird zweimal genannt, zeitweise gab es drei Orte dieses Namens (Einzingen, Mittel-Einzingen und Wenigen-Einzingen), Farnstädt taucht einmal auf, später sind es Ober-, Berg- und Unterfarnstädt, Obhausen wird einmal genannt, zeitweise gab es drei Orte dieses Namens als eigenständige Gemeinden (Obhausen Johannis, Obhausen Nikolai, Obhausen Petri), ebenso verhält es sich mit Langeneichstädt (einmal genannt, zeitweise Nieder-, Mark- und Obereichstädt). Werben wird dreimal genannt, bis heute gibt es Burg-, Mark-, Tage- und Reichardtswerben. In einigen Fällen ist die ungewöhnlich hohe Zahl von identischen Ortsnamennennungen vermutlich mit später wüstgefallenen Orten zu erklären (etwa Schafstädt, Zidamacha oder Blösien), in anderen Fällen auf die spätere Verschmelzung zu einem Ort (etwa Teutschenthal).

Der 1. Teil wurde zwischen 830 und 850 zusammengestellt, nennt in 239 Nummern eine große Zahl von Ortschaften zwischen Saale, Unstrut, Helme, Sachsgraben (Tal bei Sangerhausen), Williamsweg, Wipper, Willerbach (heute Teil der Bösen Sieben), dem Süßen See und der Salza. Der 2. Teil und die übrigen Teile entstanden während der Amtszeit von Abt Harderat zwischen 880/889 und wurden dabei mit dem ersten Teil zusammengefügt und nennen 18 Namen, deren jeder auf -burg endet. Im 3. Teil werden 13 Ortschaften und im 4. Teil fünf Marken und sieben Orte aufgelistet.<ref>Zur Datierung der Teile: Edward Schröder: Urkundenstudien eines Germanisten. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. Nr. 18. Wien 1897, S. 1–52 (mgh-bibliothek.de [PDF]). – Die Grenzflüsse ergeben sich aus der Urkunde von 979, in der der Zehnt im Friesenfeld und Hassegau von Hersfeld an Memleben übertragen wird. Dort werden diese in der Grenzbeschreibung genannt.</ref>

Nachfolgend eine Auswahl von Orten und Burgen:

Orte

„Haec est Decimatio quae pertinet ad sanctum Wigberthvm in Frisonoveld“ (Dies ist der Zehnte, der im Friesenfeld dem heiligen Wigbert gehört)

  1. [Al]bundeslebaAlvensleben (Wüstung)
  2. RurbachRohrbach
  3. RebiningiOberröblingen
  4. Seobach – vermutlich Seebach (Mühlhausen)
  5. EnzingaEinzingen (Allstedt)
  6. RebiningiNiederröblingen (Helme)
  7. GisilhusKieselhausen
  8. SangerhusSangerhausen
  9. [R]eotstatRiestedt
  10. BurcdorpfBurgsdorf
  11. Niustat – vermutlich Nienstedt, Nienstedt (Wüstung) oder Neustädt
  12. SuderhusaSotterhausen
  13. Niunburc[Beyer-]Naumburg
  14. GrabanesdorpfGrabesdorf
  15. LiobolvesdorpfLobesdorf
  16. HoldestediHoldenstedt
  17. SineswinidunSchweinswende
  18. HildiburgorodKlosterrode
  19. Liudolvesdorpf
  20. BrunistatBornstedt (bei Eisleben)
  21. SidichenbechiuSittichenbach
  22. UuinidodorpfWenthdorf
  23. OsterhusaGroß-Osterhausen
  24. EinesdorpfEinsdorf
  25. MidelhusaMittelhausen (Allstedt)
  26. WinchillaWinkel (Helme)
  27. UuolfheresstediWolferstedt
  28. Brallidesdorpf
  29. Hornum
  30. NigendorpfKlosternaundorf
  31. OsterhusaKlein-Osterhausen
  32. Scrinbechiu[Rothen-]Schirmbach
  33. HornbercHornburg (Mansfelder Land)
  34. BisgofesdorpfBischofrode
  35. HardabrunnoErdeborn
  36. Dachendorpf – vermutlich Neckendorf, hierbei könnte es sich um einen Abschreibefehler handeln Nachendorpf
  37. HelpideHelfta
  38. LuzilendorpfLüttchendorf
  39. ScidingeBurgscheidungen
  40. LeobedigasdorpfLipsdorf
  41. BudinendorpfBündorf (Wüstung)
  42. ZiuuinidumWenden
  43. Rozwalesdorpf – vermutlich Rulsdorf – vermutlich aber auch mit hoher Wahrscheinlichkeit wüst Schwötzschdorf
  44. SeoburcSeeburg (Mansfelder Land)
  45. RostenlebaRoßleben
  46. AlberestatAlberstedt
  47. GuministiKunisch
  48. RebiningiUnterröblingen
  49. Budinendorpf – vermutlich Bindorf
  50. AltstediAllstedt
  51. Meginrichesdorpf – vermutlich Memleben oder Weningenmemleben
  52. StediStedten (Mansfelder Land)
  53. BudilendorpfBottendorf (Roßleben-Wiehe)
  54. BablideMönchpfiffel
  55. MimilebaMemleben oder Weningenmemleben
  56. OsperestatEsperstedt (Obhausen)
  57. Miscawe – vermutlich Meuschau
  58. Eindorf – vielleicht Einsdorf
  59. OdesfurtOßfurt
  60. ScrabanlochSchraplau
  61. GerburgoburcKorbesberg
  62. Wangen[Klein-]Wangen
  63. Wodina
  64. Dachendorpf
  65. HeiendorpfHayndorf
  66. FizinburcVitzenburg
  67. ScidingaKirchscheidungen
  68. ScmonSchmon
  69. HubhusaObhausen<ref>Peter Ettel, Enrico Paust: Die Mittelalterliche Anlage auf dem Kranzberg bei Esperstadt, Saalekreis, in Markus Cottin, Lisa Merkel (beide Hrsg.): Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte. Michael Imhof Verlag GmbH & Co. KG, Petersberg/Calbe 2018, ISBN 978-3-7319-0745-9. S. 454</ref>

Burgen

„Haec sunt urbes que cum viculis suis et omnibus locis ad se perti[nentibus] decimationes dare debent ad sanctum Wigberhdym ad Herolvesfeld“ (Dies sind die Burgorte, die mit ihren Hofstätten und allen zugehörigen Ortschaften den Zehnten an den heiligen Wigbert im Herolfsfeld geben müssen)

  1. HelphideburcHelfta
  2. NiuuenburgBeyernaumburg
  3. AltstediburgAllstedt, Burg
  4. MerseburgMerseburg
  5. ScrabenlebaburgSchraplau
  6. Bru[nstedibur]gBornstedt, Schweinsburg
  7. SeoburgSeeburg
  8. GerburgoburgKorbesberg
  9. VizenburgSchloss Vitzenburg
  10. CurnfurdeburgBurg Querfurt
  11. ScidingeburgSchloss Burgscheidungen
  12. UuirbineburgBurgwerben
  13. MuchileburgMücheln
  14. GozzesburgGoseck
  15. Cucunburg – auf der anderen Seite der Weida, östlich von Kuckenburg - dieses wohl das zugehörige Burgdorf, gelegen
  16. LiudineburgLettin, Stadtteil von Halle (Saale)
  17. H[unlebab]urgHolleben
  18. Vuirbinaburg – eventuell Markwerben
  19. Suemeburg – eventuell Schanze bei Korbetha-Wengelsdorf oder eine unbenannte Anlage bei Kraßlau/Leina

Literatur

Abdrucke:

  • Georg Landau: Beitrag zur Beschreibung der Gaue Friesenfeld und Hassegau, In: Allgemeines Archiv für die Geschichtskunde des preußischen Staates, 1833, Band 20, S. 213–235
  • Hermann Größler: Die Wüstungen des Friesenfeldes und Hassegaues, In: Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Alterthumskunde. Band 11, 1878, S. 119–231.
  • Hermann Größler: Die Bedeutung des Hersfelder Zehntverzeichnisses für die Ortskunde und Geschichte der Gaue Friesenfeld und Hassegaues, In: Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Alterthumskunde, Band 7, 1874, S. 85–130.
  • Hermann Größler: Die Abfassungszeit des Hersfelder Zehntverzeichnis, In: Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Alterthumskunde, Band 8, 1875 S. 302–310
  • Otto Dobenecker: Regesta diplomatica necnon epistolaria historiae Thuringiae. Band 2 (1152–1227). Fischer, Jena 1900, S. 441 f. (Band 1, S. 64–67 ist damit überholt).
  • Hans Weirich: Urkundenbuch der Reichsabtei Hersfeld, Band 19, Teil 1, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck, Verlag N.G. Elwert, 1936, S. 65–67
  • Ernst Eichler: Slavische Ortsnamen im Hersfelder Zehntverzeichnis. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität Leipzig, Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe. Band 5, Heft 3, 1955/56, S. 305–309. Wiederabdruck in: Beiträge zur deutsch-slawischen Namenforschung. Leipzig 1985, S. 159–167.
  • Heiner Lück: Das Hersfelder Zehntverzeichnis – eine wichtige Quelle für die frühmittelalterliche Geschichte des Saalkreises und seiner Umgebung. In: Heimat-Jahrbuch Saalekreis. Band 11, 2005, S. 12–18.
  • Georg Waitz: Die Abfassungszeit des Hersfelder Zehntverzeichnisses. In: Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Alterthumskunde. Band 8, 1875, S. 302 f.
  • Siegmund A. Wolf: Zur Erklärung der Ortsnamen des Hersfelder Zehntverzeichnisses. In: Beiträge zur Namenforschung. Band 6, 1955, S. 292–314 (Nachträge Wolf, Beiträge 1957, 194 Anm. 3).
  • Siegmund A. Wolf: Beiträge zur Auswertung des Hersfelder Zehntverzeichnisses. In: Leipziger Studien. Theodor Frings zum 70. Geburtstag (Deutsch-slawische Forschungen zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte 5). Halle/Saale 1957, S. 192–235.
  • Eberhard Eigendorf: Zur Siedlungskunde des Raumes Eisleben
  • Erich Neuß: Besiedlungsgeschichte des Saalkreises und des Mansfelder Landes
  • Christian Zschieschang: Das Hersfelder Zehntverzeichnis und die frühmittelalterliche Grenzsituation an der mittleren Saale. Eine namenkundliche Studie. (= Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, Bd. 52) Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-412-50721-3 (PDF)

Einzelnachweise

<references />

Vorlage:Hinweisbaustein