Hōchō

Hōchō (japanisch {{#invoke:Vorlage:lang|flat}}) ist die Sammelbezeichnung für japanische Küchenmesser. Der Begriff umfasst eine Reihe spezialisierter Messertypen, die für unterschiedliche Schneidtechniken und Zutaten konzipiert sind, etwa zum Filetieren von Fisch oder zum Schneiden von Gemüse.
Im Unterschied zu vielen europäischen Küchenmessern, die überwiegend aus rostfreien Stählen mit moderater Härte gefertigt werden, bestehen traditionelle Hōchō häufig aus hochgehärteten, nicht-rostfreien Kohlenstoffstählen. Diese werden in der Regel als Schneidlage mit weicheren Eisen- oder Edelstahlaußenlagen kombiniert. Die daraus resultierende laminierte Bauweise verringert die Bruchanfälligkeit des harten Kernstahls. Die Materialkombination ermöglicht geringe Schneidwinkel und eine vergleichsweise hohe Schnitthaltigkeit, erfordert jedoch eine sorgfältige Pflege zur Vermeidung von Rost. Darüber hinaus weisen bestimmte Hōchō, etwa das Usuba oder das Yanagiba, einen bei europäischen Küchenmessern unüblichen einseitigen Schliff auf. Dieser begünstigt eine präzise Schnittführung, setzt jedoch eine angepasste Handhabung sowie eine Ausführung für Rechts- oder Linkshänder voraus.
Die geschichtliche Entwicklung japanischer Küchenmesser ist eng mit der heimischen Metallverarbeitung und der traditionellen Schwertschmiedekunst verknüpft. Nach der Meiji-Restauration sowie nach dem Zweiten Weltkrieg führten Verbote des Schwerttragens dazu, dass Teile des Schmiedehandwerks zur Herstellung von Gebrauchsmessern übergingen. Heute gelten Standorte wie Echizen, Sakai und Sanjō als Zentren traditioneller Fertigung, während Seki ein bedeutender Standort der industriellen Produktion ist.
Seit der Meiji-Zeit lassen sich westliche Einflüsse in der japanischen Messerherstellung nachweisen, die zur Entwicklung von Formen wie dem Gyūtō führten. In der Gegenwart ist zudem ein wechselseitiger Technologietransfer zu beobachten. Während japanische Hersteller vermehrt rostfreie Stähle und westliche Griffformen einsetzen, verwenden westliche Produzenten japanische Hochleistungsstähle sowie industriell gefertigte Mehrlagenstähle, die häufig als Damastmesser vermarktet werden. Im Zuge dieser Entwicklung haben sich Hōchō sowie deren hybride Varianten – insbesondere das Santoku – über den japanischen Kulturraum hinaus in der internationalen Gastronomie sowie bei Hobbyköchen verbreitet.
Zentren der Messerherstellung in Japan
Wie in anderen Bereichen auch ist die Messerherstellung in Japan regional stark differenziert und durch historisch gewachsene Spezialisierungen geprägt. Die fünf großen Zentren der Messerherstellung in Japan sind Echizen, Sakai, Sanjō, Seki und Tosa, von denen jedes seine eigenen handwerklichen Traditionen, Fertigungstechniken und charakteristischen Stilmerkmale entwickelt hat. Allerdings sind Klingenformen und Oberflächen heute keinen starren Regeln mehr unterworfen, sondern werden ebenso durch Kundennachfrage, Entscheidungen der Hersteller und die generelle Entwicklung der Branche bestimmt.<ref>Helen Symonds / Tom Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife: The Ultimate Guide to the Culture and Craft, London 2025, S. 41.</ref>
Echizen
Die über 700 Jahre alte Schmiedetradition in Echizen geht auf Schwertschmiede aus Tokio zurück, die eine Region mit geeigneten Bedingungen für die Herstellung von Katana suchten. Mit dem Rückgang der Nachfrage nach Schwertern stellten die Schmiede in Echizen zwischen der Edo- und der Meiji-Zeit zunächst auf die Produktion von Sicheln für die Reisernte um, bevor sie sich im Zuge der Mechanisierung der Landwirtschaft zunehmend der Herstellung von Küchenmessern zuwandten.<ref name="Anatomy43">Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 43.</ref>
Mit dem Aufkommen preisgünstiger, industriell gefertigter Messer aus Edelstahl gerieten die Schmiedewerkstätten in Echizen erneut unter Druck. Als Reaktion gründete eine Gruppe von Messerschmieden in den 1970er Jahren das Takefu Knife Village, eine genossenschaftlich organisierte Arbeits- und Ausbildungsstätte, die darauf abzielte, traditionelles Handwerk zu bewahren, Wissen zwischen den Betrieben zu bündeln und zugleich durch Innovation und gemeinsames Marketing die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der industriellen Produktion zu stärken. Auf diese Weise konnte die handwerkliche Tradition der Messerherstellung in Echizen bewahrt werden.<ref name="Anatomy43" />
Die Küchenmesser aus Echizen zeichnen sich durch eine Verbindung traditioneller Schmiedetechniken mit moderner Formgebung, eine große Vielfalt an Oberflächenbearbeitungen sowie eine vergleichsweise experimentierfreudige Herangehensweise der Hersteller aus. Besonders verbreitet ist das Tsuchime-Finish, bei dem durch gezielte Hammerschläge eine unregelmäßige, gehämmerte Oberfläche auf der Klinge erzeugt wird, die sowohl dekorativen Zwecken dient als auch die Haftung von Schnittgut verringern kann. Eine weitere Besonderheit ist das als Nimai Hiroge (japanisch {{#invoke:Vorlage:lang|flat}}, wörtlich „Zwei-Blatt-Ausbreitung“) bekannte Schmiedeverfahren, bei der zwei grob vorgeformte Klingenrohlinge übereinandergelegt bearbeitet werden. Durch das Übereinanderlegen wird der Stahl wesentlich dünner ausgezogen, als es bei einer einzelnen Klinge möglich wäre, ohne dass das Metall zu schnell auskühlt oder instabil wird.<ref>Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 44.</ref>
Sakai
Die Messerherstellung im nahe Osaka gelegenen Sakai reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück, als mit der Einführung des portugiesischen Tabaks ein Bedarf an speziellen Schneidwerkzeugen entstand. Charakteristisch für Sakai ist bis heute die arbeitsteilige Organisation des Handwerks, bei der viele Betriebe in Wohngebieten angesiedelt sind und einzelne Arbeitsschritte wie Schmieden, Schleifen und Polieren von spezialisierten Werkstätten ausgeführt werden.<ref>Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 46.</ref> Eine zentrale Rolle spielen dabei die sogenannten Tonya (japanisch {{#invoke:Vorlage:lang|flat}}) die als Groß- oder Zwischenhändler die Produktion in Auftrag geben, die einzelnen Arbeitsschritte koordinieren und als Schnittstelle zwischen den Handwerksbetrieben und dem Markt fungieren. Ein Vorteil dieses Systems liegt in der Spezialisierung, bei der einzelne Werkstätten bestimmte Arbeitsschritte mit hoher Präzision ausführen und so eine gleichbleibend Qualität ermöglichen. Auf der anderen Seite ist es bisweilen schwierig herauszufinden, wer welchen Arbeitsschritt bei der Fertigung eines Messers aus Sakai durchgeführt hat.<ref>Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 49.</ref>
Messer aus Sakai sind häufig einseitig geschliffen und werden in der Regel aus hochgehärteten Kohlenstoffstählen geschmiedet, anstatt aus industriell gefertigten Stahlblechen gestanzt zu werden. Diese Herstellungsweise ermöglicht eine besonders feine Schneidgeometrie und ist eng mit der traditionellen, stark spezialisierten Fertigung in einzelnen Arbeitsschritten verbunden.<ref name="Anatomy47">Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 47.</ref>
Eine oft wiedergegebene Angabe des Sakai Tourism and Convention Bureau besagt, dass 98 Prozent der japanischen Profiköche Messer aus Sakai nutzen. Diese Zahl erklärt sich allerdings vor allem dadurch, dass Sakai der bedeutendste Hersteller einseitig geschliffener Klingen ist, die in der traditionellen japanischen Küche eine zentrale Rolle spielen.<ref name="Anatomy47" />
Sanjō
Die Messerherstellung in Sanjō ist Teil der Tsubame-Sanjō-Region in der Präfektur Niigata, einem seit der Edo-Zeit bedeutenden Zentrum der Metallverarbeitung. Ihren Ursprung hat die lokale Produktion in der Herstellung traditioneller japanischer Nägel (Wakugi), die als alternative Erwerbsquelle in einer von häufigen Überschwemmungen geprägten Region eingeführt wurde und sich später auf Werkzeuge und schließlich auf Küchenmesser ausweitete. Heute verbindet die Region kleinbetriebliche Schmiedestrukturen mit einer stärker industrialisierten Fertigung im nahegelegenen Tsubame.<ref name="Anatomy51">Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 51.</ref>
Küchenmesser aus Sanjō zeichnen sich typischerweise durch eine vergleichsweise hohe Klingenform, einen kräftigeren Klingenrücken und eine sehr dünn ausgeschliffene Schneide aus. Charakteristisch ist zudem eine Verjüngung der Klingenstärke zur Messerspitze hin sowie eine Geometrie, die weitgehend durch Schmieden und nicht allein durch Schleifen erzeugt wird, wodurch eine feine Spitze und eine ausgewogene Gewichtsverteilung mit Schwerpunkt im hinteren Klingenbereich erreicht werden.<ref name="Anatomy51" />
Im Unterschied zu stark arbeitsteilig organisierten Zentren wie Sakai erfolgt die Messerherstellung in Sanjō häufig in kleineren Werkstätten, in denen mehrere oder alle Arbeitsschritte im eigenen Betrieb ausgeführt werden, was eine engere Kontrolle des gesamten Fertigungsprozesses ermöglicht. Dabei wird die Klingenform in größerem Maße bereits beim Schmieden angelegt und nicht erst durch Schleifen erzeugt, was zu einer materialsparenden Herstellung führt.<ref>Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 52.</ref>
Seki
Die Messerherstellung in Seki in der Präfektur Gifu geht auf eine bis ins 13. Jahrhundert zurückreichende Tradition der Schwertschmiedekunst zurück, die durch günstige Standortfaktoren wie hochwertige Holzkohle, Wasserressourcen und geeignete Lehmböden begünstigt wurde. Nach dem Ende der Schwertproduktion entwickelte sich Seki zu einem der wichtigsten Zentren der Messer- und Schneidwarenherstellung in Japan und wird häufig mit Sheffield in England verglichen.<ref name="Anatomy55">Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 55.</ref>
Im Unterschied zu stärker handwerklich geprägten Regionen ist die Produktion in Seki heute in weiten Teilen industrialisiert und auf Serienfertigung ausgerichtet. Viele Messer werden aus korrosionsbeständigen Stählen gefertigt und zeichnen sich durch eine auf Gebrauchstauglichkeit und Wartungsfreundlichkeit ausgelegte Konstruktion aus, wobei maschinelle Fertigungsverfahren eine zentrale Rolle spielen.<ref name="Anatomy55" />
Tosa
Die Messerherstellung in Tosa in der Präfektur Kōchi entwickelte sich aus der Produktion landwirtschaftlicher Werkzeuge und ist bis heute stark von einem ländlich geprägten, funktionalen Ansatz bestimmt. Im Gegensatz zu stärker spezialisierten oder industrialisierten Zentren erfolgt die Fertigung häufig in kleineren Schmieden, die Werkzeuge und Messer für den alltäglichen Gebrauch herstellen.<ref name="Anatomy56">Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 56.</ref>
Küchenmesser aus Tosa zeichnen sich durch eine robuste Bauweise und eine auf Praktikabilität ausgerichtete Gestaltung aus. Häufig weisen sie einfache Oberflächen wie das Kurouchi-Finish auf und sind weniger stark standardisiert, was zu funktional ausgerichteten, oft schlicht verarbeiteten Messern führt.<ref name="Anatomy56" />
Messertypen und Klingenformen (Auswahl)
| Name | Bild | Beschreibung |
|---|---|---|
| Gyūtō | Datei:Gyūtō.svg | Das Gyūtō entstand in der Meiji-Ära, als sich die japanische Esskultur unter westlichem Einfluss veränderte und der Konsum von Fleisch zunahm. In dieser Phase übernahmen japanische Schmiede Formen europäischer Kochmesser und entwickelten daraus das Gyūtō als eigenständige Variante. Es gilt als Gegenstück zum europäischen Kochmesser und wird ähnlich vielseitig eingesetzt. Während dieser Messertyp zunächst lange vorwiegend in der professionellen Gastronomie Japans Verwendung fand, verbreitete er sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts zunehmend auch in Privathaushalten.<ref>Weiterführende Hinweise zum Gyūtō finden sich bei Kevin Kent, The Knifenerd Guide to Japanese Knives, Calgary 2018, S. 247, Tsukiyama Yoshitaka Cutlery, Handbook on Japanese Knives and Sharpening Techniques, Tokio 2017, S. 36–39, Tim Hayward, The Culture, Craft and Cult of the Cook’s Knife, London 2016, S. 110 sowie Chad Ward, An Edge in the Kitchen: The Ultimate Guide to Kitchen Knives, New York 2008, S. 50–53.</ref> |
| Santoku | Datei:Santoku.svg | Das Santoku (japanisch für „Drei Tugenden“) ist ein Allzweckmesser, dessen Name auf seine Eignung für Fleisch, Fisch und Gemüse verweist. Es entstand Mitte des 20. Jahrhunderts als Hybridform, um traditionelle japanische Klingenformen mit den Anforderungen der zunehmend westlich geprägten Küche zu kombinieren. Kennzeichnend ist die breite Klinge mit einer zum Rücken hin gewölbten Spitze und einer nahezu geraden Schneide. Aufgrund seiner universellen Einsatzmöglichkeiten hat sich das Santoku in modernen japanischen Haushalten als das am weitesten verbreitete Standardmesser etabliert.<ref>Zum Santoku vgl. Hayward, The Culture, Craft and Cult of the Cook’s Knife, S. 113, Josh Donald, Sharp: The Definitive Introduction to Knives, Sharpening, and Cutting Techniques, with Recipes from Great Chefs, San Francisco 2018, S. 100, Ward, An Edge in the Kitchen, S. 49–50, Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 143 sowie Thomas Kluske, Küchenmesser. Welche man braucht. Womit man schärft. Wie man schneidet, München 2023, S. 116–117.</ref> |
| Bunka | Datei:Bunka.svg | Das Bunka gilt als enger Verwandter des Santoku und zeichnet sich durch seine markante, schräg zulaufende Klingenspitze aus. Das Bunka wurde als Allzweckmesser konzipiert, um sowohl Fleisch, Fisch und Gemüse zu verarbeiten. Im Vergleich zum Santoku bietet die Spitze des Bunka Vorteile bei Präzisionsarbeiten, wie dem Einschneiden von Zwiebeln oder bei dekorativen Schnitttechniken.<ref>Zum Bunka vgl. Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 144–145.</ref> |
| Nakiri | Datei:Nakiri.svg | Das Nakiri stammt aus der Edo-Zeit und zählt zu den ältesten sowie bis heute gebräuchlichsten Messertypen Japans. Sein Name leitet sich von den Begriffen na (Gemüse) und kiri (Schneiden) ab, was auf die spezialisierte Konzeption für die Verarbeitung von Gemüse verweist. Kennzeichnend ist die rechteckige Klingenform mit einer fast vollständig geraden Schneide. Diese Bauweise ermöglicht den präzisen Zugschnitt oder den vertikalen Druckschnitt. Durch den flächigen Kontakt der Schneide mit dem Brett wird das Gemüse in einem einzigen Arbeitsgang sauber durchtrennt. Mit dem Usuba existiert eine einseitig geschliffene Variante für die professionelle japanische Küche.<ref>Zum Kakiri vgl. Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 146–147, Kent, The Knifenerd Guide to Japanese Knives, S. 254 sowie Donald: Sharp: The Definitive Introduction to Knives, S. 82.</ref> |
| Petty | Datei:Petty.svg | Das beidseitig geschliffene Petty (von französisch „petit“, klein) wird für Feinarbeiten, kleine Schneideaufgaben und Detailarbeit auf dem Schneidebrett eingesetzt. Die Klingenlänge liegt üblicherweise zwischen 95 und 160 mm, wobei die schmale, spitz zulaufende Klingenform sowohl das Schälen in der Hand als auch präzise Schnitte auf der Unterlage ermöglicht. Es entspricht funktional in etwa einem europäischen Officemesser, ist aber oft dünner ausgeschliffen und präziser in der Führung.<ref>Zum Petty vgl. Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 148–149, Kent, The Knifenerd Guide to Japanese Knives, S. 252, Donald: Sharp: The Definitive Introduction to Knives, S. 88 sowie Hayward: The Culture, Craft and Cult of the Cook’s Knife, S. 114.</ref> |
| Yanagiba | Datei:Yanagiba.svg | Das einseitig geschliffene Yanagiba ist mit seiner langen, schmalen Klinge für das Schneiden von Sashimi konzipiert. Während die Variante aus Osaka ein spitzes Ende aufweist, findet in Tokio traditionell das rechteckige Takohiki Verwendung. Die Klingenlänge ermöglicht einen ziehenden Schnitt in einer einzigen Bewegung, wodurch Sägebewegungen vermieden werden. Dies schont die Zellstruktur des Gewebes; der einseitige Schliff erzeugt zudem eine glatte Schnittfläche, was Textur und Glanz der Fischstücke bewahrt.<ref>Zum Yanagiba vgl. Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 162–163, Kent, The Knifenerd Guide to Japanese Knives, S. 264–265, zur Herstellung eines Yanagiba Rudolf Dick, Japanische Schmiedekunst: Werkzeuge, Messer, Schwerter, Bad Aibling 2018, S. 62–77 sowie (mit ausführlichen Angaben zu Schnitttechniken) Hiromitsu Nozaki, Japanese Kitchen Knives. Essential Techniques and Recipes, New York 2009, S. 100–121.</ref> |
| Usuba | Datei:Usuba.svg | Das einseitig geschliffene Usuba ist für das Schneiden von Gemüse ausgelegt und wird vor allem von Profiköchen verwendet. Während das aus der Region Tokio stammende Kantō-Usuba eine rechteckige Form aufweist, besitzt das aus der Region Osaka stammende Kansai-Usuba (Abbildung) einen bogenförmigen Klingenrücken, der nach unten zur Schneide hin ausläuft. Der einseitige Schliff ermöglicht extrem feine Schnittführungen und reduziert durch die Geometrie des Keilwinkels das Ankleben des Schnittguts an der Klinge, was die Ausführung spezialisierter Techniken wie das Katsuramuki (das Schälen von Gemüse zu dünnen Bändern) begünstigt.<ref>Zu den allgemeinen Charakteristika der beiden Usuba-Varianten vgl. Nozaki, Japanese Kitchen Knives, S. 22–25; zu den Schnitttechniken ders., S. 26–51.</ref> |
| Deba | Datei:Deba (knife).svg | Das einseitig geschliffene Deba ist ein vergleichsweise schweres Messer, das primär für das Zerlegen und Filetieren von Fisch konzipiert wurde. Durch seinen massiven Klingenrücken und das hohe Eigengewicht ist es für gröbere Arbeiten ausgelegt, etwa um den Kopf eines Fisches sauber abzutrennen oder starke Mittelgräten zu durchtrennen. Die spezifische Geometrie mit einer feinen Spitze erlaubt dennoch das präzise Auslösen von Filets direkt am Skelett. Aufgrund der hohen Stahlhärte ist es jedoch nicht zum Hacken von Tierknochen oder Gefriergut geeignet.<ref>Zum Deba vgl. Kent, The Knifenerd Guide to Japanese Knives, S. 266–267, sowie (mit ausführlichen Angaben zu Schnitttechniken) Nozaki, Japanese Kitchen Knives, S. 52–99.</ref> |
Stahl
Stahl, Schliff und Schneidengeometrie (der Querschnitt der Klinge) bestimmen den Schneidcharakter eines japanischen Küchenmessers und damit das Verhältnis von Schärfe, Schnitthaltigkeit und Schneidgefühl. Dem Stahl kommt dabei eine besondere Rolle zu, da er Eigenschaften wie Härte, Zähigkeit, Korrosionsbeständigkeit und Schärfbarkeit festlegt. Jeder einzelne japanische Messerstahl weist spezifische Eigenschaften auf, die je nach Verwendungszweck unterschiedliche Vor- und Nachteile mit sich bringen. Dabei sind es die Legierungselemente sowie deren Zusammensetzung und die Wärmebehandlung, die die jeweiligen Eigenschaften eines Stahls bestimmen. Kohlenstoff ist dabei das zentrale Element zur Erhöhung von Härte und Verschleißfestigkeit und ermöglicht erst die Ausbildung einer scharfen Schneide. Chrom erhöht die Korrosionsbeständigkeit und trägt zugleich zur Bildung harter Karbide bei. Wolfram und Molybdän steigern die Warmfestigkeit und Verschleißfestigkeit und stabilisieren die Gefügestruktur. Vanadium fördert die Bildung sehr harter, feiner Karbide und verbessert die Schnitthaltigkeit. Kobalt erhöht die Härtbarkeit und kann die erreichbare Härte steigern.<ref>Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 68–69 sowie S. 72–73.</ref>
Kohlenstoffstähle
Japanische Messerschmiede sind für ihre Verwendung hochgehärteter Kohlenstoffstähle bekannt. Diese ermöglichen aufgrund ihres hohen Kohlenstoffgehalts und der feinen Gefügestruktur sehr hohe Härten, eine ausgeprägte Schärfe sowie eine gute Schärfbarkeit. Dem stehen jedoch eine geringe Korrosionsbeständigkeit und eine erhöhte Anfälligkeit für Patina- und Rostbildung gegenüber, was eine sorgfältige Pflege erfordert. Zudem kann die vergleichsweise geringere Zähigkeit bei hoher Härte zu einer erhöhten Ausbruchgefahr bei unsachgemäßer Verwendung führen.<ref>Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 74.</ref>
Zu den verbreitetsten japanischen Kohlenstoffstählen zählen die unter der Bezeichnung „Papierstähle“ bekannten Sorten der Firma Proterial (bis 2023 Hitachi Metals). Die Bezeichnung geht auf die farbcodierten Papieretiketten zurück, mit denen die einzelnen Stahlsorten im Handel gekennzeichnet werden, etwa weißes Papier für die Weißpapierstähle (japanisch {{#invoke:Vorlage:lang|flat}}, shirogami) und blaues Papier für die Blaupapierstähle (japanisch {{#invoke:Vorlage:lang|flat}}, aogami).<ref name="Kohlenstoffstähle">Zu den japanischen Kohlenstoffstählen vgl. Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 75 sowie Kent, The Knifenerd Guide to Japanese Knives, S. 230.</ref>
Die Reihe der Weißpapierstähle zeichnet sich durch eine besonders hohe Reinheit und einen weitgehenden Verzicht auf Legierungselemente aus. Shirogami #1 weist einen höheren Kohlenstoffgehalt auf als Shirogami #2 und ermöglicht entsprechend höhere Härten, ist jedoch spröder und anspruchsvoller in der Wärmebehandlung. Shirogami #2 gilt als ausgewogener und wird häufiger eingesetzt. Die Blaupapierstähle enthalten zusätzlich Legierungselemente wie Chrom, Wolfram und teilweise Vanadium, wodurch sich Verschleißfestigkeit und Schnitthaltigkeit erhöhen. Aogami #1 ist kohlenstoffreicher und erreicht höhere Härten als Aogami #2, das als robuster und weniger spröde gilt. Aogami Super enthält zusätzlich Vanadium und zeichnet sich durch eine besonders hohe Schnitthaltigkeit aus, ist jedoch in der Bearbeitung und beim Schärfen anspruchsvoller.<ref name="Kohlenstoffstähle" />
| Kohlenstoff (C) | Silizium (Si) | Mangan (Mn) | Phosphor (P) | Schwefel (S) | Chrom (Cr) | Wolfram (W) | Vanadium (V) | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Shirogami #1<ref>Alle Angaben dieser Tabelle nach Kent, The Knifenerd Guide to Japanese Knives, S. 231.</ref> | 1,25–1,30 | 0,1–0,2 | 0,2–0,3 | 0,025 | 0,004 | |||
| Shirogami #2 | 1,05–1,10 | 0,1–0,2 | 0,2–0,3 | 0,025 | 0,004 | |||
| Aogami #1 | 1,25–1,30 | 0,1–0,2 | 0,2–0,3 | 0,025 | 0,004 | 0,3–0,5 | 1,5–2,0 | |
| Aogami #2 | 1,05–1,10 | 0,1–0,2 | 0,2–0,3 | 0,025 | 0,004 | 0,2–0,5 | 1,0–1,5 | |
| Aogami Super | 1,40–1,50 | 0,1–0,2 | 0,2–0,3 | 0,025 | 0,004 | 0,3–0,5 | 1,5–2,0 | 0,3–0,5 |
Rostträge Stähle
Zu den rostträgen Stählen für japanische Küchenmesser zählen sowohl klassische Chromstähle als auch moderne pulvermetallurgische Varianten. Rostträge Stähle enthalten in der Regel einen erhöhten Anteil an Chrom, wodurch sich eine deutlich verbesserte Korrosionsbeständigkeit ergibt. Im Vergleich zu Kohlenstoffstählen sind sie weniger pflegeintensiv, erreichen jedoch je nach Zusammensetzung und Wärmebehandlung unterschiedliche Kombinationen aus Härte, Zähigkeit und Schärfbarkeit.<ref name="Rostträge">Zu japanischen rostträgen Messerstählen vgl. Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 76–79 sowie Kent, The Knifenerd Guide to Japanese Knives, S. 232–233.</ref>
Ein häufig verwendeter rostträger Stahl ist Ginsan (auch „Gin3“), der sich durch eine feinkörnige Struktur, gute Schärfbarkeit und ausgewogene Eigenschaften auszeichnet und oft als rostträge Alternative zu einfachen Kohlenstoffstählen betrachtet wird. VG-10 ist ein legierter rostträger Stahl mit Anteilen unter anderem von Kobalt und Vanadium, der eine hohe Härte und gute Schnitthaltigkeit bei gleichzeitig ausreichender Korrosionsbeständigkeit bietet und daher in vielen Serienmessern Verwendung findet. Pulvermetallurgische Stähle wie SG2 (auch „R2“) zeichnen sich durch eine besonders feine und gleichmäßige Karbidverteilung aus, was eine hohe Verschleißfestigkeit und lange Schnitthaltigkeit ermöglicht, jedoch mit einem erhöhten Aufwand beim Schärfen einhergeht. SLD ist ursprünglich ein Werkzeugstahl, der aufgrund seiner Zusammensetzung eine erhöhte Korrosionsbeständigkeit gegenüber klassischen Kohlenstoffstählen aufweist und in der Messerherstellung als semirostfrei eingeordnet wird. Er verbindet eine hohe Verschleißfestigkeit mit vergleichsweise guter Zähigkeit, ist jedoch weniger korrosionsbeständig als vollständig rostfreie Stähle.<ref name="Rostträge" />
| Kohlenstoff (C) | Silizium (Si) | Mangan (Mn) | Phosphor (P) | Schwefel (S) | Chrom (Cr) | Vanadium (V) | Kobalt (Co) | Molybdän (Mo) | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Ginsan<ref>Alle Angaben dieser Tabelle nach Kent, The Knifenerd Guide to Japanese Knives, S. 233.</ref> | 0,95–1,10 | 0,35> | 0,6–1,0 | 0,03> | 0,02> | 13,0–14,5 | |||
| VG-10 | 0,95–1,05 | 14,5–15,5 | 0,25–0,35 | 1,3–1,8 | 0,8–1,2 | ||||
| SG2 | 1,25–1,45 | 0,50 | 0,4 | 0,03 | 0,03 | 14,0–16,0 | 1,80–2,20 | 2,3–3,3 | |
| SLD | 1,50 | 0,30 | 0,4 | 12,0 | 0,30 | 0,9 |
Aufbau
Der Aufbau eines traditionellen japanischen Küchenmessers, wie etwa des gezeigten Bunka-Typs, gliedert sich wie folgt: Den oberen Bereich der Klinge bildet das Klingenblatt oder die Flanke, die häufig ein charakteristisches Oberflächenfinish aus dem Schmiedeprozess aufweist. Ein zentrales Merkmal ist die Grat- oder Shinogi-Linie, die den Übergang von der Flanke zum Anschliff markiert. Dieser Bereich beeinflusst maßgeblich Schneidverhalten und Spaltwirkung im Schnittgut. Bei vielen hochwertigen Klingen in Laminatbauweise ist im unteren Bereich die Laminatlinie sichtbar. Sie zeigt die Verbindung zwischen dem zähen Mantelstahl (japanisch {{#invoke:Vorlage:lang|flat}}, jigane) und dem harten Kernstahl (japanisch {{#invoke:Vorlage:lang|flat}}, hagane) an. Letzterer bildet die eigentliche Schneide (auch: Wate). Der obere Abschluss der Klinge wird als Klingenrücken bezeichnet, während die Schneide zur fein ausgeschliffenen Klingenspitze ausläuft. Die Verbindung zum Griff erfolgt über die Zwinge, die den Griff stabilisiert und den darin sitzenden Erl (den in den Griff reichenden Fortsatz der Klinge) fasst.<ref>Schemazeichnungen mit japanischen und englischen Bezeichnungen finden sich bei Symonds / Saunders, The Anatomy of a Japanese Knife, S. 136–137 sowie bei Nozaki, Japanese Kitchen Knives, S. 17.</ref>
Verwendung
Handhabung
Hōchō werden gewöhnlich mit ziehendem Schnitt auf einem Schneidbrett aus Kunststoff oder Holz verwendet. Werden klebrige Lebensmittel (wie z. B. Sushi) geschnitten, sollte das Messer vor jedem Schnitt mit Wasser angefeuchtet werden. Bei empfindlichen Klingen sollte der Kontakt mit harten Objekten (z. B. Knochen) vermieden werden.
- Für präzise Schnitte, z. B. für dünne Scheiben, soll das Blatt an Fingerknöcheln der freien Hand anliegen („Vor der Kralle schneiden“).
- Für Schälschnitte, z. B. beim Aufschneiden eines Rettichs oder einer Gurke, wird das Lebensmittel nahe an der Schneide geführt und gedreht.
- Für Zierschnitte wird die Klinge nahe an der Spitze geführt.
- Die hintere Schneidekante dient dem Entfernen von Augen bei Obst und Gemüse. Das Lebensmittel wird dabei gedreht.
- Messerführung beim Filieren und bei Sashimi mit ziehendem Schnitt. Der Anschliff liegt unten.
Schneideunterlage
Schneideunterlagen (japan. Manaita) bestehen aus Holz oder Kunststoff. In Japan werden Schneidunterlagen oft aus weichen Hölzern wie Ginkgo oder Zypresse gefertigt. Bambus ist dicht und hart, enthält aber Silizium, welches das Messer abstumpfen lassen kann.
Schneidbretter aus harzhaltigem Nadelholz wie Kiefer sowie Hölzer mit bestimmten Inhaltsstoffen können unter Umständen Aromen auf das Schneidegut übertragen.
Inhaltsstoffe von Hölzern können eine antibakterielle Wirkung haben. In der Gastronomie und für Verkaufsstellen für Lebensmittel wird teilweise jedoch die Verwendung von (spülmaschinengeeigneten) Kunststoffunterlagen gefordert.
Schärfen
Anders als bei europäischen Messern ist von der Verwendung eines Wetzstahles abzuraten. Die Schneidlage eines Hōchō kann eine Härte 60–65 HRC erreichen und ist damit deutlich empfindlicher als europäische Messer; das Wetzen kann daher leicht zu Ausbrüchen an der Schneide führen.
Hōchō werden auf japanischen Wassersteinen geschärft (Körnung 400–1500) und abgezogen (Körnung 3000 und feiner).<ref>{{#invoke:Vorlage:lang|flat}}. Verlag {{#invoke:Vorlage:lang|flat}}, 12. Auflage, 2007, ISBN 4-388-05843-2, Seite 41.</ref> Es kommen sowohl künstliche als auch natürliche Steine zur Anwendung. Keinesfalls sollten ungekühlte, trockenlaufende Schleifmaschinen verwendet werden, da durch die Reibung punktuell hohe Temperaturen entstehen können, welche das Stahlgefüge verändern, wodurch Härte und Schnitthaltigkeit verloren gehen.
Aufbewahrung
Hōchō sollten in eine Messerscheide gesteckt oder in einem Holzetui bzw. Messerblock aufbewahrt werden. Japanische Köche wickeln ihre Messer einzeln in Tücher.
Reinigung und Pflege
Aufgrund der empfindlichen Schneiden und des nicht rostfreien Stahls sollten Hōchō nicht in der Spülmaschine gereinigt werden. Auch Holzgriffe werden in der Spülmaschine geschädigt. Stattdessen werden Hōchō mit warmem Wasser und Geschirrreiniger abgespült. Danach wird das Hōchō mit einem Tuch abgetrocknet.
Bestimmte Lebensmittel (z. B. Zwiebeln, Früchte) können Verfärbungen der Klingen hervorrufen. Sie sind gesundheitlich unbedenklich und können als Patina belassen werden. Traditionell werden zur Entfernung japanische Polierpulver (Kogosa, Uchiko) eingesetzt, ein Reiniger für Kochplatten oder Edelstahlflächen ist gleichermaßen geeignet.
Bei längerer Lagerung, besonders in feuchter Luft, wie sie in einer Küche vorhanden sein kann, ist es ratsam, die Klingen mit einem lebensmittelverträglichen Öl (z. B. Kamelienöl, „Tsubaki abura“) hauchdünn einzureiben. Traditionell wird dazu Reispapier verwendet, ein unparfümiertes Papiertaschentuch hat sich ebenfalls sehr bewährt.
Holzgriffe und hölzerne Schneideunterlagen können ebenfalls mit Öl behandelt werden. Geeignet sind viele Pflanzenöle. Walnussöl dunkelt das Holz nur wenig ab, ist relativ geruchs- und geschmacksneutral und härtet mit der Zeit aus. Ballistol ist lebensmittelecht und für Stahl und Holz gut geeignet. Spezialöl H1 ist eine geruchslose und auch lebensmittelechte Variante von Ballistol.
Literatur
- Helen Symonds / Tom Saunders: The Anatomy of a Japanese Knife: The Ultimate Guide to the Culture and Craft, Quadrille, London 2025, ISBN 978-1837834143.
- Kevin Kent: The Knifenerd Guide to Japanese Knives. Long Ladder Media, Calgary 2018, ISBN 978-1-9993906-0-0.
- Tsukiyama Yoshitaka Cutlery: Handbook on Japanese Knives and Sharpening Techniques. Seibundo Shinkosha, Tokio 2017, ISBN 978-4-416-61573-7 (zweisprachige Ausgabe: japanisch und englisch).
- Hiromitsu Nozaki: Japanese Kitchen Knives. Essential Techniques and Recipes. Kodansha, New York 2009, ISBN 978-1568364902
Weblinks
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Anmerkungen
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