Dorak-Affäre
Die Dorak-Affäre war ein archäologischer Skandal, in dessen Zentrum der britisch-niederländische Archäologe James Mellaart (1925–2012), stellvertretender Direktor am British Institute of Archaeology at Ankara (BIAA) von 1959 bis 1961, sowie von ihm behauptete Funde der Yortan-Kultur standen, die zur Zeit des Griechisch-Türkischen Krieges beim südlich des Marmarameers gelegenen Dorf Dorak entdeckt worden sein sollen. Ausgangspunkt der Affäre war, dass Mellaart Ende 1958 erklärte, ihm seien in Izmir außergewöhnliche Grabbeigaben gezeigt worden, die sich dort im Besitz einer griechischen Familie befunden hätten. Zeichnungen der angeblich dort vorgeführten Objekte veröffentlichte er 1959 in der Illustrated London News. Spätere Untersuchungen konnten Mellaarts Darstellungen allerdings nicht stützen, was Anfang der 1960er Jahre den Verdacht aufkommen ließ, er habe die Objekte ohne behördliche Genehmigung außer Landes geschafft. Es gilt als wahrscheinlich, dass der Schatz nie existiert hat und eine von zahlreichen Erfindungen Mellaarts war.
Ablauf
Im November 1958 wandte sich James Mellaart, zu dieser Zeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am BIAA, an seinen Kollegen David Stronach (1931–2020) sowie an seinen Vorgesetzten Seton Lloyd (1902–1996), um von einer bemerkenswerten archäologischen Entdeckung zu berichten, die er in Izmir gemacht haben wollte. Demnach sei ihm dort im Haus einer jungen Griechin ein Goldschatz aus der Zeit um 2500–2300 v. Chr. gezeigt worden. Die Versionen, die er den beiden unabhängig voneinander vortrug, wichen in entscheidenden Punkten teils erheblich voneinander ab. Auch in den folgenden Jahren und Jahrzehnten veränderte Mellaart die Geschichte wiederholt in zentralen Details.
Gegenüber Stronach erklärte er zunächst, die Begebenheit habe sich vor sieben Jahre – also 1951 – ereignet: Während einer Zugfahrt nach Izmir habe er an einer Mitreisenden ein goldenes, Troia-II-zeitliches Armband bemerkt. Im Verlauf des daraus resultierenden Gesprächs habe sie sich ihm als Griechin mit dem Namen Anna Papastrati vorgestellt.<ref>Zum Zeitpunkt des angeblichen Geschehens lebten nur noch sehr wenige Griechen in der Stadt; Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123, hier: S. 92.</ref> Schließlich habe sie ihn zu sich nach Hause eingeladen, wo sie ihm eine Sammlung archäologischer Objekte gezeigt habe, die sich bereits seit geraumer Zeit im Familienbesitz befunden hätten. Zwei ihrer Onkel hätten diese Stücke zwischen 1919 und 1922 während des Griechisch-Türkischen Krieges aus einem Grab in der Nähe des Dorfs Dorak am steilen Südufer des Uluabat-Sees, etwa vierzig Kilometer westlich von Bursa, geborgen.<ref>Zur Unmöglichkeit der Richtigkeit dieser Angaben vgl. Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123, hier: S. 93.</ref>
Im Zuge der Untersuchung der Artefakte habe er mehrere Tage in dem Haus zugebracht; zwar sei es ihm untersagt gewesen, die Objekte zu fotografieren, doch habe man ihm erlaubt, Zeichnungen derselben anzufertigen. Stronach erkannte rasch erhebliche Unstimmigkeiten in dieser Darstellung,<ref>David Stronach: One of Arechaelogys Greatest Mysteries – Dorak. A New Look at the Long-Lived Dorak Puzzle. In: James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, hrsg. v. Emma L. Baysal, Istanbul 2020, S. 437f.</ref> insbesondere im Vergleich mit der Version, die Mellaart gegenüber Lloyd vorgetragen hatte. Zwar schilderte er dort einen weitgehend identischen Ablauf, erklärte das Fehlen von Fotografien nun jedoch damit, dass er beim Betreten der Wohnung der jungen Frau keine Kamera bei sich geführt habe. Zudem sprach er hier davon, dass das Treffen „vor einigen Jahren“ stattgefunden habe, was einen deutlich kürzeren Zeitraum implizierte. Darüber hinaus zeigte er Lloyd mehrere Skizzen sowie eine Reihe neugriechischer Notizen, die den Funden beigelegen hätten.<ref>Seton Lloyd: The Interval. A Life in Near Eastern Archaeology, Faringdon 1986, S. 163f. Auffällig scheint, dass Lloyd den Schatz in seinen akribischen Jahresberichten mit keinem Wort erwähnte; Enrico Giannichedda: Il tesoro di Dorak, Archeo inchiesta, Bari 2023, S. 26.</ref> Auf eine spätere Anfrage Lloyds nach Einsicht in die Originalskizzen erklärte Mellaart, diese entsorgt zu haben; bei der späteren Durchsicht seines Nachlasses traten die vermeintlich vernichteten Zeichnungen jedoch wieder zutage.<ref>Enrico Giannichedda: Il tesoro di Dorak, Archeo inchiesta, Bari 2023, S. 109, 123.</ref>
In einem im Juli 1966 geführten Gespräch mit den Journalisten Kenneth Pearson und Patricia Connor änderte Mellaart seine frühere Darstellung erneut ab und datierte die Zugfahrt nunmehr auf den Frühsommer 1958, nicht mehr auf das zuvor genannte Jahr 1951. Auch in dieser Fassung erklärte er das Fehlen von Fotografien damit, dass ihm das Anfertigen von Aufnahmen untersagt worden sei. Er habe zwar keine Kamera bei sich geführt, sei jedoch ebenso daran gehindert worden, eine dritte Person mit Foto-Ausrüstung zu der Wohnung zu bringen. Die junge Frau habe ihm indes in Aussicht gestellt, ihm zu einem späteren Zeitpunkt Fotografien des Schatzes zu übersenden. Er habe drei oder vier Nächte im Haus der jungen Frau zugebracht, ohne dieses während dieser Zeit zu verlassen. Neben der jungen Frau, deren Alter er auf etwa 20 oder 21 Jahre schätzte, hätten sich dort ein älterer Mann sowie möglicherweise eine ältere Frau aufgehalten. Die junge Griechin habe fließend Englisch mit amerikanischem Akzent gesprochen und ihm zudem zwei im Zusammenhang mit der Auffindung der Grabbeigaben entstandene Fotografien gezeigt, die Skelette dargestellt hätten. Ferner hätte sie ihm geholfen, die den Funden beiliegenden wissenschaftlichen Notizen in neugriechischer Sprache ins Englische zu übersetzten. Während seines Aufenthalts habe die Frau auf ihn einen verängstigten Eindruck gemacht. Die Adresse des Hauses gab Mellaart mit „217 Dirkik Straße“ an.<ref>Kenneth Pearson/Patricia Connor: The Dorak Affair, London 1967, S. 34–37.</ref> In einer anderen Version berichtete Mellaart, die Frau habe während der Zugfahrt zunächst keinen Goldschmuck getragen. Sie seien jedoch ins Gespräch über Archäologie gekommen, bei dem sie ihm anvertraut habe, im Besitz antiker Kunstobjekte zu sein.<ref>Michael Balter: The Goddess and the Bull – Çatalhöyük. An Archaeological Journey to the Dawn of Civilization, New York u. a. 2005, S. 45.</ref>
Später präsentierte Mellaart einen Brief, der im Oktober 1958 im BIAA eingegangen sein soll, an dem Mellaart zu diesem Zeitpunkt als stellvertretender Direktor tätig war. Der Inhalt lautete:<ref>Fotografie des Briefes in Kenneth Pearson/Patricia Connor: The Dorak Affair, London 1967, S. 160/161.</ref>
„Dear James, Here is the letter you want so much. As the owner, I authorise you to publish your drawings of the Dorak objects, which you drew in our house. You always were more interested in these old things than in me! Well, there it is. Good luck, and goodbye. Love, Anna Papastrati.“
Datiert war das Schreiben auf I8/I0/I958, der Absender lautete Miss Anna Papastrati, Kazim Direk Caddesi no. 2i7 Karşiyaka - Izmir.<ref>Vergleiche mit Mellaarts eigener Korrespondenz aus derselben Zeit, die von seiner Frau Arlette getippt wurde, zeigten auffällige stilistische Übereinstimmungen mit dem Papastrati-Brief, insbesondere in der Schreibweise der Zahlen („I“ statt „1“). Daraus ist geschlossen worden, dass Arlette Mellaart den Brief verfasst haben muss; Suzan Mazur: Getting To The Bottom Of The Dorak Affair, online auf coop.co.nz, 27. August 2005, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref>
1959 brachte Seton Lloyd die von James Mellaart erstellten Skizzen nach London, um sie von Fachkollegen prüfen zu lassen Die Gutachter bewerteten das Material als authentisch und befürworteten eine Veröffentlichung. Da jedoch nach wie vor keine Fotografien der Funde existierten, schloss Lloyd eine wissenschaftliche Publikation aus und entschied sich stattdessen für einen ausführlichen, reich bebilderten Artikel in der Illustrated London News, die archäologische Entdeckungen einem breiten Publikum zugänglich machte. Der vierseitige Beitrag erschien im November 1959, die Illustrationen stammten von Lloyds Ehefrau. Die im Artikel gezeigten Grabbeigaben umfassten ein außergewöhnlich reiches Ensemble aus Bronze- und Edelmetallwaffen, Gold- und Silbergefäßen sowie umfangreichem Schmuck. Hinzu kamen fünf weibliche Statuetten, Textilreste, zwei hölzerne Tische und ein vor der Bestattung zerlegter, vergoldeter Thron. Zum Inventar gehörten ferner eine eiserne Klinge sowie vier Streitäxte aus Nephrit, Lapislazuli, Obsidian und Bernstein. Die Goldbleche des Thrones trugen einen sonst nicht belegten Titel des Pharaos Sahure (Mitte 3. Jt. v. Chr.). Da Mellaarts Entdeckung in der Folgezeit nicht verifiziert werden konnte, blieb die wissenschaftliche Resonanz verhalten.<ref>Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–82, hier: S. 133; Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 202f.</ref> Die Veröffentlichung, die eine Welle von Ereignissen auslöste, sollte sich langfristig nachteilig auf Mellaarts wissenschaftlichen Ruf und seine berufliche Laufbahn auswirken.<ref>Enrico Giannichedda: Il tesoro di Dorak, Archeo inchiesta, Bari 2023, S. 28, 210f.</ref>
Im Mai 1962 startete die Milliyet, mit einer Auflage von 200.000 Exemplaren die zweitgrößte Tageszeitung der Türkei, eine dreitägige Pressekampagne gegen Mellaart. Den Anfang machte ein Leitartikel, der ihm vorwarf, Kunstwerke im geschätzten Wert von einer Milliarde Türkischer Lira außer Landes geschafft zu haben. Zur Untermauerung dieser Anschuldigung wurden Aussagen angeblicher Augenzeugen zitiert, welche berichteten, einen korpulenten Ausländer in Begleitung einer Frau in der Nähe archäologischer Stätten unweit des Dorfes Dorak gesehen zu haben. Einer der Zeugen habe Mellaart sogar eindeutig identifizieren können.<ref>Kenneth Pearson/Patricia Connor: The Dorak Affair, London 1967, 37f., 52.</ref> Die mediale „Aufarbeitung“ der Vorfälle nahm derart bizarre Ausmaße an, dass der Sunday Times-Redakteur Kenneth Pearson gemeinsam mit der Archäologin und BBC-Journalistin Patricia Connor umfassende Nachforschungen zu dem Vorfall anstellte. Die Ergebnisse ihrer Recherchen wurden 1967 in dem Buch The Dorak Affair veröffentlicht. Das Werk behandelte Mellaarts Darstellung der Ereignisse überwiegend wohlwollend; kritische Nachfragen seitens der Journalisten blieben größtenteils aus oder wurden, falls sie gestellt worden waren, nicht in das Buch aufgenommen.<ref>Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123, hier: S. 92.</ref>
Nachforschungen der beiden Journalisten ergaben, dass die angegebene Adresse in der Kazim Direk Caddesi zu einem Geschäftsviertel ohne Wohnhäuser gehörte.<ref>Einschränkend sei jedoch erwähnt, dass in Izmir zeitweise mehrere gleichnamige Straßen bestanden, die zudem mehrfach umbenannt worden waren, sodass die angegebene Adresse faktisch nicht zweifelsfrei nachvollziehbar war; Kenneth Pearson/Patricia Connor: The Dorak Affair, London 1967, S. 96–102. Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123, hier: S. 93.</ref> Es ist außerdem anzunehmen, dass die Behörden frühzeitig von einer Erfindung Mellaarts ausgingen.<ref>Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123, hier: S. 93f.</ref> Die von Mellaart beschriebenen Stücke tauchten zu keinem Zeitpunkt in Sammlungen oder auf dem Kunstmarkt auf.<ref>David Stronach: One of Arechaelogys Greatest Mysteries – Dorak. A New Look at the Long-Lived Dorak Puzzle. In: James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, hrsg. v. Emma L. Baysal, Istanbul 2020, S. 437–43, hier: S. 440.</ref>
Der öffentliche Druck erreichte 1964 ein derartiges Ausmaß, dass die türkischen Behörden Mellaart vorübergehend von den archäologischen Ausgrabungen in Çatalhöyük ausschlossen. Im Folgejahr wurde ihm die Einreise in die Türkei nur noch unter der Auflage gestattet, ausschließlich als Assistent an den Grabungen teilzunehmen. Auch das BIAA wurde immer mehr in die Affäre hineingezogen. Ein 1968 vom BIAA eingesetzter Untersuchungsausschuss kam in seinem Abschlussbericht zu dem Ergebnis, dass Mellaarts Darstellung der Ereignisse der Wahrheit entspreche, seine vorgelegten Zeichnungen auf authentischen Artefakten basierten und er zu keiner Zeit in illegale Aktivitäten verwickelt gewesen sei. Ferner sei anzumerken, dass bereits 1960 eine Generalamnestie erlassen worden war, sodass Mellaart selbst im hypothetischen Fall einer Schmuggelbeteiligung keiner strafrechtlichen Verfolgung ausgesetzt gewesen wäre.<ref>Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–82, hier: S. 133f.; Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 202f.</ref>
Zur Frage um die Hintergründe der Affäre
Die Hintergründe der Affäre sind Gegenstand umfangreicher Debatten gewesen; sie wurden in einer Vielzahl von Büchern, Aufsätzen und journalistischen Beiträgen wiederholt aufgegriffen und unterschiedlich interpretiert.
In türkischen Medien wurde Mellaart Anfang der 60er-Jahre der Zugehörigkeit zu einem Schmugglerring verdächtigt, der für die illegale Ausgrabung sowie den Abtransport der 1959 in der Illustrated London News publizierten Objekte verantwortlich gewesen sein soll. Demgegenüber vertreten Pearson, Connor und später auch Mellaart selbst die Auffassung, der Archäologe sei gezielt von kriminellen Akteuren abgepasst und instrumentalisiert worden. Eine inszenierte Liebesbeziehung zu einer attraktiven Frau war demnach ein Köder, um sich seiner Reputation als ausgewiesener Fachmann für die Authentifizierung illegal ergrabener Artefakte zu bedienen. Beide Interpretationen werden jedoch durch den Umstand relativiert, dass niemals Teile des umfangreichen Schatzes auf dem internationalen Kunstmarkt in Erscheinung getreten sind.<ref>David Stronach: One of Arechaelogys Greatest Mysteries – Dorak. A New Look at the Long-Lived Dorak Puzzle. In: James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, hrsg. v. Emma L. Baysal, Istanbul 2020, S. 437–43, hier: S. 440.</ref>
Es erscheint kaum verwunderlich, dass Mellaart dieser Theorie gegenüber alternativen Deutungen der Affäre den Vorzug gab, handelte es sich doch um die einzige Möglichkeit, sein wissenschaftliches Ansehen im Angesicht wachsender Zweifel zu wahren.<ref>David Stronach: One of Arechaelogys Greatest Mysteries – Dorak. A New Look at the Long-Lived Dorak Puzzle. In: James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, hrsg. v. Emma L. Baysal, Istanbul 2020, S. 437–43.</ref> Schon kurz nach der Publikation der Zeichnungen wurde darauf hingewiesen, dass die Artefakte kaum sämtlich als authentisch gelten können.<ref>Fritz Schachermeyr: Die Königsgräber von Dorak. In: Archiv für Orientforschung 19 (1959/60) In: S. 229–32.</ref> Der Umstand, dass Seton Lloyd, dessen Frau mit der Anfertigung der Zeichnungen der Artefakte betraut war, Mellaarts Dorak-Berichte bereits 1961 weitgehend unkritisch rezipierte und zahlreiche Originalzeichnungen veröffentlichte – darunter bislang unveröffentlichte Schwarzweißabbildungen der beiden Gräber aus dem Jahr 1959 –, ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert. Selbst 1967 widmete er der Affäre noch ein eigenes Kapitel und reproduzierte die Zeichnungen der angeblichen Funde erneut ohne kritische Kommentierung, was die institutionelle Dimension der Affäre deutlich werden lässt. Eine von Mellaart vorbereitete, umfassende Publikation, deren Manuskript bereits vorlag, wurde vom Verwaltungsrat des BIAA allerdings abgelehnt. Eine systematische, kritische Untersuchung der Affäre hat zu Mellaarts Lebzeiten nicht stattgefunden; die Vorgänge wurden vielmehr schlicht beiseitegeschoben.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 202–204.</ref>
Die Publikation von Kenneth Pearson und Patricia Connor ließ trotz der insgesamt wohlwollenden Darstellung zwischen den Zeilen deutlich erkennen, dass die tatsächlichen Hintergründe der Affäre kaum mit Mellaarts eigenen Darstellungen in Einklang zu bringen waren. In Verbindung mit den zahlreichen Fälschungen, die Mellaart seit den 80er-Jahren in rascher Folge veröffentlichte, setzte sich in der Fachwelt daher zunehmend die Erkenntnis durch, dass es sich bei den betreffenden Artefakten um reine Produkte seiner Fantasie handeln müsse.<ref>John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaert. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–27</ref> Nach dem Tod Mellaarts wurden in dessen Arbeitszimmer umfangreiche Manuskripte entdeckt, darunter ein über 60.000 Worte umfassendes Manuskript zum Dorak-Schatz.<ref>Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta, Bd. 50 (2018), S. 125–82, hier: S. 135. Es handelte sich offenbar um die Aufzeichnungen, die Mellaart schon früher seinen Kollegen vorgestellt hatte; Suzan Mazur: The Dorak Affair’s Final Chapter, online auf scoop.co.nz, 10. Oktober 2005, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref>
Es bleibt die Frage, was Mellaart überhaupt dazu veranlasste, eine derartige Fälschung zu konstruieren. Teilweise ist angenommen worden, er habe den Schatz aus reiner Lust am Scherz frei erfunden. Stronach weist diese Deutung zurück und stellt einen Zusammenhang mit der Grabungssaison 1958 her, die äußerst enttäuschend verlaufen war und in deren Folge Lloyd Mellaart für die Wahl wenig ergiebiger Grabungsorte verantwortlich gemacht habe. In diesem Zusammenhang habe Lloyd nicht nur Mellaarts Entscheidungen kritisiert, sondern darüber hinaus auch den generellen Forschungswert der anatolischen Frühkulturen infrage gestellt. Aus dieser Kränkung heraus und mit dem Ziel, die Bedeutung der bronzezeitlichen westanatolischen Kultur zu „beweisen“ und so die weitere Forschungsrichtung des Instituts zu steuern, habe Mellaart, so Stronach, den Schatz erfunden, um die Existenz eines bislang unbeachteten, mächtigen westanatolischen Reiches zur Zeit Troias zu suggerieren. Die wirre Geschichte von der Zugfahrt mit der jungen Griechin habe ihm demnach lediglich als Kulisse gedient, um die Provenienz des Fundes zumindest oberflächlich plausibel erscheinen zu lassen.<ref>David Stronach: One of Arechaelogys Greatest Mysteries – Dorak. A New Look at the Long-Lived Dorak Puzzle. In: James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, hrsg. v. Emma L. Baysal, Istanbul 2020, S. 437–43.</ref>
Literatur
- Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–82 (PDF-Version).
- Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123 (PDF-Version).
- David Stronach: One of Arechaelogys Greatest Mysteries – Dorak. A New Look at the Long-Lived Dorak Puzzle. In: James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, hrsg. v. Emma L. Baysal, Istanbul 2020, S. 437–43.
- Enrico Giannichedda: Il tesoro di Dorak, Archeo inchiesta, Bari 2023.
- Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216 (PDF-Version).
Anmerkungen
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