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Chloroquin

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Vorlage:Infobox Chemikalie

Chloroquin, Handelsname Resochin, ist eine medizinisch genutzte und synthetisch hergestellte Verbindung, die eine teilweise Strukturverwandtschaft zum Naturstoff Chinin besitzt. Chemisch handelt es sich um ein Gemisch zweier Enantiomere. Strukturell eng verwandt ist das Hydroxychloroquin.

Chloroquin und Hydroxychloroquin können als Arzneistoffe zur Therapie und Chemoprophylaxe der Malaria eingesetzt werden. Weit verbreitete Erregerresistenzen schränken die Anwendung für diese Indikationen jedoch stark ein.<ref name="DTG">Vorlage:Webarchiv Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Globale Gesundheit (DTG).</ref><ref>Vorlage:Webarchiv AWMF.</ref> Darüber hinaus findet Chloroquin als Mittel bei der Behandlung rheumatischer Erkrankungen wie Lupus erythematodes und der rheumatoiden Arthritis, der Porphyria cutanea tarda sowie bei der seltenen Form der extraintestinalen Amöbiasis Verwendung.

Geschichte

Datei:Andersag Resochin 17.7.1934.png
Notiz von Hans Andersag zur ersten Herstellung von Chloroquin im Juni 1934

Chloroquin wurde 1934 durch Hans Andersag bei der I.G. Farbenindustrie in Elberfeld synthetisiert. Dieses Resochin genannte Mittel hatte jedoch zuerst keine Bedeutung, da die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zur Malariaprophylaxe das nah verwandte, zur gleichen Zeit erfundene Sontochin<ref>Vorlage:Substanzinfo</ref> (methyliertes Chloroquin) einsetzte. Proben von Sontochin wurden bei deutschen Kriegsgefangenen in Nordafrika gefunden und in den USA analysiert. Dort wurden auch analoge Substanzen untersucht, dabei zeigte sich die überlegene Wirkung und Verträglichkeit von Chloroquin im Vergleich zu eingeführten Mitteln wie Atebrin, dem unter dem Namen Quinacrine dominierenden Malariamittel der Alliierten im Pazifikkrieg.<ref>W. Sneader: Drug Discovery. A History. Wiley, 2005, ISBN 0-471-89980-1.</ref> Nach dem Zweiten Weltkrieg war Chloroquin lange Zeit ein hochwirksames Mittel; in der Zwischenzeit haben viele Malariaparasiten eine Resistenz gegen den Arzneistoff entwickelt.

Im Juli 2019 stellte die Bayer AG den Vertrieb ihres Produkts Resochin ein. Es handelte sich dabei um das einzige in Deutschland erhältliche Produkt mit dem Wirkstoff Chloroquinphosphat. Laut Unternehmensangaben sei es nicht mehr möglich gewesen, das Arzneimittel in der erforderlichen Qualität herzustellen.<ref>Alexandra Negt: Bayer: Resochin geht außer Vertrieb. Apotheke Adhoc, 1. November 2019.</ref> Bayer vertrieb das Produkt allerdings weiter in Pakistan, wo im Zuge der COVID-19-Pandemie 2020 nach Unternehmensangaben auch die Produktion von Resochin „wieder hochgefahren“ wurde.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Für den Fall einer Wirksamkeit gegen COVID-19 hatte die deutsche Bundesregierung bei Bayer „größere Mengen“ des Medikaments reserviert.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Synthese

Im Jahr 1937 patentierte die I. G. Farben die Synthese von Chloroquin durch Umsetzung von 4,7-Dichlorchinolin mit 1-Diethylamino-4-aminopentan.<ref>Vorlage:Substanzinfo</ref><ref name="Patent683692">Vorlage:Patent</ref>

zentriert;

Eigenschaften

Chloroquin ist eine farblose bis gelbliche, geruchlose und nahezu wasserunlösliche Verbindung. Aufgrund der basischen Eigenschaften der Substanz löst sie sich gut in Säuren. Als Arzneistoff werden die wesentlich besser wasserlöslichen Salze Chloroquindiphosphat (50 g/l) und Chloroquinsulfat eingesetzt. Bei Kontakt mit Tageslicht und Luftsauerstoff zersetzt sich die freie Base; die Salze sind meist luftstabil.<ref name="hager" />

Analytik

Die zuverlässige qualitative und quantitative Bestimmung in verschiedenen Untersuchungsmaterialien gelingt nach angemessener Probenvorbereitung durch Kopplung der HPLC mit der Massenspektrometrie.<ref>Karnrawee Kaewkhao, Kesinee Chotivanich, Markus Winterberg, Nicholas PJ Day, Joel Tarning, Daniel Blessborn: High sensitivity methods to quantify chloroquine and its metabolite in human blood samples using LC–MS/MS, Bioanalysis. 2019 Mar; 11(5): 333–347, PMID 30873854</ref><ref>A. Daher, G. Aljayyoussi, D. Pereira, MVG. Lacerda, MAA. Alexandre, CT. Nascimento, JC. Alves, da LB. Fonseca, da DMD. Silva, DP. Pinto, DF. Rodrigues, ACR. Silvino, de TN. Sousa, de CFA. Brito, Ter FO. Kuile, DG. Lalloo: Pharmacokinetics/pharmacodynamics of chloroquine and artemisinin-based combination therapy with primaquine. In: Malar J., 2019 Sep 23, 18(1), S. 325; PMID 31547827</ref>

Wirkungsweise

Chloroquin hemmt die Kristallisierung von Hämozoin, einem Abbauprodukt des Häms. Hämozoin entsteht, wenn der Malariaerreger das Hämoglobin in infizierten roten Blutkörperchen abbaut, um daraus Proteine für seinen Stoffwechsel zu gewinnen. Kann das Hämozoin nicht mehr kristallisiert werden, führt dies zum Sterben des Parasiten.

Chloroquin besitzt eine blutschizontozide Wirkung, das heißt, es führt zu einer Hemmung im späteren erythrozytären Stadium des Erregers. Chloroquin war einstmals das weltweit am häufigsten verwendete Medikament zur Therapie und Vorbeugung gegen Malaria, es ist jedoch heutzutage aufgrund resistenter Erreger zunehmend unwirksam.

Medizinische Verwendung

Malaria

Therapieschema

Vorbeugend gegen Malaria beträgt die empfohlene (orale) Dosis für Erwachsene 500 mg Chloroquinphosphat wöchentlich, beginnend 1 bis 2 Wochen vor Abreise und fortzuführen bis vier Wochen nach Reiseende.<ref>Malariaprophylaxe nach dem Mefloquin (Lariam)-Rückzug. In: Arznei-Telegramm, 2016, Jg. 47, Nr. 6, S. 57–59.</ref> Aufgrund häufiger Resistenzen wurde Chloroquin in der Vergangenheit oft in Kombination mit anderen Wirkstoffen verwendet, vor allem mit Proguanil. Wirksamkeit und Verträglichkeit werden dabei überwiegend negativ bewertet. Die Kombination ist daher heute – auch aufgrund der Existenz von Alternativen mit einem besseren Nutzen-Risiko-Verhältnis – im deutschsprachigen Raum meist nicht mehr üblich.<ref>P. Schlagenhauf, A. Tschopp, R. Johnson, H. D. Nothdurft, B. Beck, E. Schwartz, M. Herold, B. Krebs, O. Veit, R. Allwinn, R. Steffen: Tolerability of malaria chemoprophylaxis in non-immune travellers to sub-Saharan Africa: multicentre, randomised, double blind, four arm study. In: BMJ, 327(7423), 8. Nov 2003, S. 1078. Vorlage:PMC.</ref><ref name="DTG" /> Ausnahmen davon werden bei Kindern und in der Schwangerschaft in Erwägung gezogen.<ref>Malaria – RKI Ratgeber, Robert Koch-Institut, Stand 2015, Abruf 21. April 2018.</ref> Chloroquin ist verschreibungspflichtig. Bei Chloroquin-Vergiftungen kann Diazepam i.v. als Antidot eingesetzt werden.<ref name="Antidotarium">Antidotarium der Roten Liste.</ref><ref>Vorlage:Webarchiv Toxinfo.org, Toxikologische Abteilung der II. Medizinischen Klinik der Technischen Universität München.</ref> Die biologische Halbwertszeit der Substanz steigt bei fortgesetzter Einnahme von anfänglich wenigen Tagen wegen erheblicher Kumulation im Gewebe deutlich an (auf bis zu 30–60 Tage;<ref>Hydroxychloroquine – Chloroquine nach: Goodman & Gilman’s: The Pharmacological Basis of Therapeutics. 9. Ausgabe, 1996.</ref><ref>Resochin Tabletten / Resochin junior Tabletten. (PDF; 149 kB) Fachinformation der Bayer AG, September 2004.</ref> nach anderen Quellen auf 40 bis 50 Tage<ref>Vorlage:Webarchiv universimed.com; abgerufen am 11. April 2013.</ref> oder zwei bis drei Wochen.<ref>A. Knobloch: Therapie der unkomplizierten Malaria tropica mit Chloroquin und Sulfadoxin-Pyrmethamin bei Kindern in Tamale, Ghana. (PDF; 559 kB) Dissertation, Universitätsmedizin Berlin, 2005.</ref>)

Nebenwirkungen und Kontraindikationen

Chloroquin kann diverse Nebenwirkungen haben, darunter eine Trübung der Hornhaut und eine Veränderung der Netzhaut im Auge,<ref>Heimann, Heinrich et al.: Atlas des Augenhintergrundes. Kapitel 7: Makulaerkrankungen, Abschnitt 7.7: Chloroquin- und Hydroxychloroquin-Retinopathie. Thieme, 2010; doi:10.1055/b-0034-40509.</ref><ref>Richard Bergholz: Chloroquin-Makulopathie: Risikofaktoren und Früherkennung. Medizinische Habilitationsschrift. Medizinische Fakultät Charité – Universitätsmedizin Berlin, November 2017. refubium.fu-berlin.de (PDF; 399 kB)</ref> Magen-Darm-Beschwerden, Schlafstörungen, neuropsychiatrische Symptome<ref>N. M. Maxwell, R. L. Nevin, S. Stahl, J. Block, S. Shugarts, A. H. Wu, S. Dominy, M. A. Solano-Blanco, S. Kappelman-Culver, C. Lee-Messer, J. Maldonado, A. J. Maxwell: Prolonged neuropsychiatric effects following management of chloroquine intoxication with psychotropic polypharmacy. In: Clinical case reports, Juni 2015, Band 3, Nummer 6, S. 379–387; doi:10.1002/ccr3.238. PMID 26185633, Vorlage:PMC.</ref><ref>R. L. Nevin, A. M. Croft: Psychiatric effects of malaria and anti-malarial drugs: historical and modern perspectives. In: Malaria journal, 2016, Band, 15, S. 332; doi:10.1186/s12936-016-1391-6. PMID 27335053, Vorlage:PMC (Review).</ref> und Hautrötungen. Chloroquin darf nicht bei Vorliegen schwerer Leber-Nierenschädigungen, bei Erkrankungen im Bereich des Auges und des blutbildenden Systems sowie bei Überempfindlichkeit gegen Chinin oder Mefloquin eingesetzt werden. Die Verabreichung soll auch nicht mit der Gabe leberschädigender Arzneimittel oder MAO-Hemmer (vgl. Monoaminooxidase-Hemmer) kombiniert werden.

Bei einigen Patienten kann Chloroquin zu einer dosisabhängigen Verlängerung des QT-Intervalls führen. Bei Patienten mit Herzvorerkrankungen, oder bei gleichzeitiger Anwendung von Substanzen die das QT-Intervall verlängern, ist das Risiko für Herzrhythmusstörungen – manchmal mit tödlichem Ausgang – erhöht.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref><ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Eine Überdosis des Medikaments wurde 2012 vom Verein SterbeHilfeDeutschland e. V. als Tötungsmittel im Rahmen der Sterbehilfe verwendet.<ref>Staatsanwaltschaft Hamburg erhebt Anklage gegen den ehemaligen Justizsenator Dr. Kusch. Presseportal, Staatsanwaltschaft Hamburg (2014) STA-HH.</ref>

Die wöchentliche Einnahme von Chloroquin ist für schwangere Frauen und stillende Mütter zwar erlaubt, sollte aber für eine Langzeitanwendung bei täglicher Einnahme (wie bei Therapie der rheumatoiden Arthritis) unterbleiben. Es besteht sonst die Gefahr von Augendefekten beim Ungeborenen bzw. beim Säugling. Chloroquin kann auch bei Kindern angewendet werden, die Langzeitbehandlung sollte allerdings nicht erfolgen.

Eine Überdosierung führt zu Pigmentstörungen, die Haare erbleichen lassen.<ref>Vorlage:Webarchiv Science (englisch).</ref>

Nach einer Studie aus dem Jahr 2008 wird Chloroquin auch mit der Induzierung einer Antibiotikumsresistenz (gegen Fluorchinolone) in Verbindung gebracht.<ref>Vorlage:Literatur</ref>

Als schwere Nebenwirkungen werden auch das Stevens-Johnson-Syndrom und das Lyell-Syndrom beschrieben.<ref>Pharmaceutical Newsletter, No. 6/2019. WHO.</ref>

Eine im November 2020 vorgelegte Überprüfung sieht einen Zusammenhang zwischen der Verwendung chloroquin- oder hydroxychloroquinhaltiger Arzneimittel und dem Risiko für psychiatrische Störungen und suizidalem Verhalten.<ref name="bfarm-2020-11-27">Vorlage:Internetquelle</ref>

Rheumatischer Formenkreis

Chloroquin wird ebenfalls für die Therapie der rheumatoiden Arthritis eingesetzt. Schwere Verläufe von Porphyria cutanea tarda werden mit niedrig dosiertem Chloroquin bzw. Hydroxychloroquin (beispielsweise 200 mg zweimal wöchentlich) behandelt.<ref name="PMID6849826">T. Cainelli, C. Di Padova u. a.: Hydroxychloroquine versus phlebotomy in the treatment of porphyria cutanea tarda. In: British Journal of Dermatology, Mai 1983, Band 108, Nummer 5, S. 593–600. PMID 6849826.</ref>

COVID-19

Vorlage:Siehe auch

Nachdem Chloroquin bei einer In-vitro-Studie in Zellkultur bereits Wirksamkeit gegen das erste SARS-Coronavirus gezeigt hatte,<ref>Vorlage:Literatur</ref> wurde es zur Behandlung von COVID-19 in Betracht gezogen. Auch hier zeigten sich in Zellkultur Erfolg versprechende Ergebnisse bei einer mittleren effektiven Konzentration im mikromolaren Bereich sowohl für Chloroquin<ref>Vorlage:Literatur</ref> als auch für Hydroxychloroquin.<ref>Vorlage:Literatur</ref><ref>Vorlage:Literatur</ref>

Eine Übersichtsarbeit vom 10. März 2020 kam zu dem Schluss, dass hochwertige klinische Daten aus verschiedenen geografischen Regionen dringend erforderlich seien.<ref>Vorlage:Literatur</ref> Das Institut für Tropenmedizin am Universitätsklinikum Tübingen hatte für den 18. März 2020 einen Genehmigungsantrag für eine klinische Studie angekündigt. Dies wurde vom Paul-Ehrlich-Institut und vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) befürwortet.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Die Studie, an der auch das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin beteiligt war,<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> sollte placebokontrolliert stattfinden und am 23. März 2020 beginnen.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Weitere klinische Studien wurden von der University of Oxford<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> sowie der University of Queensland<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> angekündigt. Am 20. März 2020 startete die Weltgesundheitsorganisation die Studie SOLIDARITY, in deren Rahmen Chloroquin und andere Wirkstoffe an tausenden Patienten weltweit evaluiert werden sollten.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Ein wissenschaftlicher Kurzartikel aus China berichtete von guten Erfahrungen bei der Behandlung von COVID-19-Patienten mit Chloroquin, quantifizierte diese Ergebnisse jedoch nicht.<ref>Vorlage:Literatur</ref> Keinen Vorteil für Hydroxychloroquin gegenüber einer konventionellen Behandlung konnte hingegen eine in Shanghai durchgeführte klinische Pilotstudie feststellen.<ref>Vorlage:Literatur</ref> Das BfArM sah anhand einiger Daten einen möglichen Nutzen von Chloroquin, insbesondere wenn es früh eingesetzt wird.<ref name="ga-2020-04-13">Vorlage:Internetquelle</ref>

Chloroquin beziehungsweise Hydroxychloroquin werden in den vorläufigen belgischen Behandlungsrichtlinien<ref>Vorlage:Literatur</ref> sowie den südkoreanischen Richtlinien<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> für COVID-19-Patienten empfohlen.

In den Vereinigten Staaten richtete sich eine große öffentliche Aufmerksamkeit auf das Medikament, nachdem Präsident Donald Trump auf einer Pressekonferenz und in einem Tweet hohe Erwartungen an die Wirksamkeit geäußert hatte.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Stephen Hahn, Leiter der Food and Drug Administration (FDA), warnte daraufhin, dass das Medikament möglicherweise mehr schade als nutze.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> In Frankreich starben Menschen nach unkontrollierter Eigenanwendung in Folge schwerwiegender Interaktionen mit anderen Arzneimitteln.<ref name="ga-2020-04-13" /> Wie das US-Gesundheitsministerium am 30. März 2020 mitteilte, hatte die FDA eine Notzulassung (Emergency Use Authorization, EUA) erteilt, die die Abgabe oder Verschreibung von Chloroquin und Hydroxychloroquin in Notfällen „durch Ärzte an im Krankenhaus liegende jugendliche und erwachsene Patienten mit Covid-19“ ermöglichte.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref><ref>Vorlage:Internetquelle Verfügbar unter: Vorlage:Internetquelle</ref> Im Juni 2020 widerrief die FDA ihre Genehmigung mit der Begründung, eine Überprüfung einiger Studien habe gezeigt, dass der potenzielle Nutzen der Medikamente bei der Behandlung von COVID-19 die Risiken nicht überwiege.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref><ref>Katie Thomas: F.D.A. Revokes Emergency Approval of Malaria Drugs Promoted by Trump. New York Times, 15. Juni 2020.</ref> Die WHO stoppte zur gleichen Zeit ihre Studien mit Hydroxychloroquin. Die Entscheidung beruhte auf Daten aus der SOLIDARITY-Studie, der britischen Recovery-Studie und eines Cochrane-Review zu Hydroxychloroquin. Diese sollen gezeigt haben, dass Hydroxychloroquin im Vergleich zur Standardbehandlung die Mortalität von hospitalisierten COVID-19-Patienten nicht senke.<ref>WHO stoppt den Hydroxychloroquin-Arm der COVID-19-Studie. In: Deutsche Apothekerzeitung, 23. Juni 2020.</ref><ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Die Europäische Arzneimittelagentur betonte am 1. April 2020, dass Patienten und medizinisches Fachpersonal Chloroquin und Hydroxychloroquin nur für ihre zugelassenen Anwendungen verwenden dürfen, oder aber maximal im Rahmen von klinischen Studien oder nationalen Notfallprogrammen zur Behandlung von COVID-19 eingesetzt werden dürfte.<ref name="ema-2020-04-01">Vorlage:Internetquelle</ref>

In Brasilien wurde am 23. März 2020 eine klinische Studie in einem Krankenhaus in Manaus begonnen. In der doppelblinden, randomisierten, adaptiven, zweiarmigen Phase-IIb-Studie bekam eine Gruppe von Covid-19-Patienten zweimal täglich 600 mg Chloroquin über zehn Tage (hohe Dosis) und die andere Gruppe einmal täglich 450 mg über fünf Tage, mit einer Doppeldosis an Tag 1. Insgesamt sollten 440 Personen in die Studie aufgenommen werden. Nach der Registrierung von 81 Patienten wurde der Hochdosis-Arm der Studie jedoch gestoppt, nachdem es bei mehreren dieser Patienten zu tödlichen Arrhythmien oder zu Herzmuskelschäden gekommen war.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref><ref>Vorlage:Internetquelle</ref><ref>Vorlage:Internetquelle</ref><ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Die FDA warnte am 24. April 2020 mit einer Drug Safety Communication vor Komplikationen, die mit der Anwendung von Chloroquin und Hydroxychloroquin einhergehen können. Es seien Berichte über ernste Herzrhythmusprobleme bei mit diesen Substanzen behandelten Covid-19-Patienten bekannt. Dabei seien die Betroffenen oft auch in Kombination mit Azithromycin oder anderen QT-verlängernden Medikamenten behandelt worden. Sie empfahl bei der Verwendung von Hydroxychloroquin oder Chloroquin im Rahmen von Notfallprogrammen oder klinischen Studien eine initiale Bewertung und Überwachung der Therapie mit beispielsweise EKG, Elektrolyte, sowie Nierenfunktions- und Lebertests.<ref>FDA cautions against use of hydroxychloroquine or chloroquine for COVID-19 outside of the hospital setting or a clinical trial due to risk of heart rhythm problems. FDA, 24. April 2020.</ref>

Chloroquin- und hydroxychloroquinhaltige Arzneimittel gehörten zu einer Reihe von Medikamenten, von denen das deutsche Bundesgesundheitsministerium ab April 2020 Millionen von Packungen beschaffte, um hilfsweise bei schweren Verläufen gegen Covid-19 eingesetzt zu werden.<ref name="spiegel-2020-04-02">Vorlage:Internetquelle</ref>

Ein Cochrane-Report von Anfang 2021 sah nach Auswertung verschiedener klinischer Prüfungen bei der Behandlung von Covid-19-Erkrankter mit Chloroquin oder Hydroxychloroquin keinen oder einen sehr geringen Effekt auf das Überleben. Dagegen hat sich das Auftreten von Nebenwirkungen im Vergleich zu Placebo verdreifacht, auch wenn sehr wenige schwerwiegende unerwünschte Ereignisse beobachtet wurden. Aufgrund der Ergebnisse raten die Autoren davon ab, weitere klinische Prüfungen mit Chloroquin oder Hydroxychloroquin durchzuführen.<ref>Vorlage:Literatur</ref>

Biochemische Verwendung und Bedeutung

Chloroquin wird auch in der Zellkultur bei Transfektionen eingesetzt, um die Effizienz der Transfektion zu erhöhen. Es hemmt die lysosomalen DNasen, indem es den pH-Wert innerhalb der Vesikel neutralisiert. Chloroquin inhibiert außerdem die Endozytose.<ref name="PMID27916837">R. Delvecchio, L. M. Higa u. a.: Chloroquine, an Endocytosis Blocking Agent, Inhibits Zika Virus Infection in Different Cell Models. In: Viruses, November 2016, Band 8, Nummer 12; doi:10.3390/v8120322, PMID 27916837, Vorlage:PMC.</ref> Da es zudem die Autophagie hemmt, wird es als potenzielles Chemotherapeutikum diskutiert.<ref name="PMID25734693">Y. Zhang, Z. Liao u. a.: The utility of chloroquine in cancer therapy. In: Current medical research and opinion, Mai 2015, Band 31, Nummer 5, S. 1009–1013; doi:10.1185/03007995.2015.1025731, PMID 25734693 (Review).</ref><ref name="PMID19836374">V. R. Solomon, H. Lee: Chloroquine and its analogs: a new promise of an old drug for effective and safe cancer therapies. In: European journal of pharmacology, Dezember 2009, Band 625, Nummer 1–3, S. 220–233; doi:10.1016/j.ejphar.2009.06.063, PMID 19836374 (Review).</ref><ref name="PMID28751651">J. M. Levy, C. G. Towers, A. Thorburn: Targeting autophagy in cancer. In: Nature Reviews Cancer, September 2017, Band 17, Nummer 9, S. 528–542; doi:10.1038/nrc.2017.53, PMID 28751651 (Review).</ref> Weltweit werden klinische Studien mit Chloroquin in Kombination mit klassischen Chemotherapeutika durchgeführt.<ref name="PMID28029600">C. G. Towers, A. Thorburn: Therapeutic Targeting of Autophagy. In: EBioMedicine, Dezember 2016, Band 14, S. 15–23; doi:10.1016/j.ebiom.2016.10.034, PMID 28029600, Vorlage:PMC (Review).</ref>

Verwendung in der Aquaristik

Außerhalb der Humanmedizin wird Chloroquinphosphat zur Bekämpfung bestimmter Parasiten bei Aquarienfischen empfohlen.<ref>Vorlage:Literatur</ref> Die FDA warnte kürzlich vor der humanmedizinischen Anwendung dieser Produkte, nachdem in den USA ein schwerer Krankheits- und ein Todesfall bekannt geworden waren.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Handelsnamen

Monopräparate
Chlorochin (CH), Nivaquine (CH), Resochin (D, A), Weimer quin (D)

Weblinks

Vorlage:Wiktionary

Einzelnachweise

<references responsive />

Vorlage:Gesundheitshinweis