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Bálint-Syndrom

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Das Bálint-Syndrom ist ein seltenes neurologisches Syndrom. Es beschreibt eine schwere räumliche Aufmerksamkeits- und Orientierungsstörung<ref name="Bálint 1909">R. Bálint: Seelenlähmung des 'Schauens', optische Ataxie, räumliche Störung der Aufmerksamkeit. In: Monatsschriften für Psychiatrische Neurologie. 25, 1909, S. 51–81.</ref> und besteht aus

  • Optische Ataxie: Unfähigkeit zielgerichteter Hand- bzw. Greif-Bewegungen unter Kontrolle der Augen.
  • Okuläre Apraxie: Unfähigkeit zielgerichteter Blickbewegungen mit den Augen.
  • Simultanagnosie: Extreme Einengung der visuellen Aufmerksamkeit auf einzelne Teilaspekte komplexer Bilder, sodass diese nicht im Ganzen aufgefasst werden können.<ref name="Wolpert 1924">I. Wolpert: Die Simultanagnosie. In: Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatry. 93, 1924, S. 397–415.</ref>

Symptomatik

Beim Bálint-Syndrom ist jedes der folgenden Merkmale vorhanden:

  • Störungen der räumlichen Orientierung
  • Optische Ataxie
  • Simultanagnosie
  • Blickstörungen

Jedes der vier Symptome kann aber auch für sich alleine auftreten. Die eine Seite des Syndroms beschreibt eine visuelle Aufmerksamkeitsstörung. Die betroffenen Menschen nehmen die visuelle Welt fälschlicherweise als unzusammenhängende Menge an Einzelobjekten wahr.<ref name="Rizzo 2002">M. Rizzo, S. P. Vecera: Psychoanatomical substrate of Bálint's syndrome. In: Journal of Neurology Neurosurgery and Psychiatry. 72, 2002, S. 162–178.</ref> Komplexere Bilder oder Szenen können demnach nicht mehr im Ganzen erfasst werden. Diesen Teil des Syndroms bezeichnet man nach Wolpert auch als Simultanagnosie.<ref name="Wolpert 1924" /> Ein weiteres Aufmerksamkeitsdefizit besteht in dem sehr häufig mit dem Bálint-Syndrom assoziierten Hemineglect (Nicht-Beachtung einer Raumhälfte einschließlich einer der eigenen Körperseiten), so auch bei dem von Bálint selbst beschriebenen Patienten.<ref name="Husain 1988">M. Husain, J. Stein: Rezso Bálint and his most celebrated case. In: Archives of Neurology. 45(1), 1988, S. 89–93.</ref><ref name="Kerkhoff 1999">G. Kerkhoff, B. Heldmann: Bálint-Syndrom und assoziierte Störungen. In: Der Nervenarzt. 70, 1999, S. 859–869.</ref>

Die andere Seite des Syndroms beschreibt eine schwere räumliche Orientierungsstörung. Die durch die Augen erhaltene visuelle Information kann nicht mehr zur Koordination von Augenbewegungen (okuläre Apraxie) und Greifbewegungen (optische Ataxie) verwendet werden. Die betroffenen Menschen können daher ihren Blick nicht auf ein gewünschtes Objekt im Gesichtsfeld hinwenden. Ebenso wenig können sie nach Dingen im Gesichtsfeld greifen, oder ihre Hände mit den Augen kontrollieren. Meist entsteht daher auch die Unfähigkeit zu Lesen (Alexie) und zu Schreiben (Agraphie).<ref name="Neuropsychologie Kolb Whishaw">B. Kolb, I. Q. Whishaw: Neuropsychologie. Spektrum, 1996, ISBN 3-8274-0052-X.</ref> Die Störung betrifft auch die visuelle Vorstellungskraft.<ref name="Neuropsychologie Goldenberg">G. Goldenberg: Neuropsychologie. Elsevier, München 1996, ISBN 3-437-21172-2.</ref> Schließlich besteht noch, als Folge der räumlichen Orientierungsstörung, eine verminderte Tiefenwahrnehmung im Raum, sodass Entfernungen nicht abgeschätzt werden können.<ref name="Bálint 1909" /><ref name="Kerkhoff 1999" />

Eine 2003 veröffentlichte Fallstudie aus Schottland beschrieb ein Bálint-Syndrom bei einem 10-jährigen Kind, das im dritten Lebensjahr eine Endokarditis erlitten hatte, in dessen Folge es zu Blutungen im Gehirn gekommen war. Das Kind wurde den Kinderärzten von den Eltern vorgestellt, da es in der Schule große Probleme hatte. So konnte es nicht richtig lesen und schreiben, da es Wörter und Buchstaben verwechselte.<ref name="Gillen 2003">J. A. Gillen, G. N. Dutton: Bálint's syndrome in a 10-year-old male. In: Developmental Medicine & Child Neurology. 45, 2003, S. 349–332.</ref> Neben diesen als Simultanagnosie gedeuteten Symptomen sei es laut den Autoren auch zu allen anderen Symptomen gekommen, die zu einem Bálint-Syndrom gehören.

Anatomisches

Ursächlich für das Vollbild des Bálint-Syndroms sind bilaterale (beide Gehirnhälften sind betroffen) parietale oder parieto-okzipitale Hirnschädigungen.<ref name="Bálint 1909" /> Die Läsion schließt dabei beidseits die am Übergang von Scheitel-, Schläfen- und Hinterhauptlappen liegenden Hirnwindungen Gyrus angularis und Gyrus supramarginalis mit ein. Nicht betroffen ist die Sehrinde. Es können jedoch auch andere Hirnläsionen ähnliche Symptome verursachen, beispielsweise diffuse Schäden bei Demenz oder Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, sowie funktionelle Störungen, etwa bei Psychosen.<ref name="Rizzo 2002" /> Ebenfalls beschrieben sind bilaterale Stammganglienläsionen mit isolierten Fixationsstörungen,<ref name="Johnston JL 1992">J. L. Johnston, J. A. Sharpe, M. J. Morrow: Spasm of fixation: a quantitative study. In: Journal of Neurological Science. 107, 1992, S. 166–171.</ref><ref name="Kerkhoff 1999" /> bilaterale frontale Läsionen,<ref name="Hausser 1980">C. O. Hausser, F. Robert, N. Giard: Balint's syndrome. In: Canadian Journal of Neurological Science. 7, 1980, S. 157–161.</ref><ref name="Kerkhoff 1999" /> sowie bösartige Hirntumoren mit Wachstum über den Balken auf die gegenüberliegende Hirnhälfte.<ref name="Rafal 1997">R. D. Rafal: Balint syndrome. In: T. E. Feinberg, M. J. Farah: Behavioral neurology and neuropsychology. McGraw-Hill, Boston 1997, S. 337–356.</ref> Für die Verlagerung der Aufmerksamkeit zwischen zwei Objekten im Gesichtsfeld ist offenbar die Hirnrinde des linken Scheitellappens zuständig, wohingegen die Aufmerksamkeitsverlagerung zwischen unterschiedlichen Raumpositionen vom gegenüberliegenden rechten Scheitellappen übernommen wird.<ref name="Egly 1994">R. Egly, J. Driver, R. D. Rafal: Shifting visual attention between objects and logations: evidence from normal and parietal lesion subjects. In: Journal of Experimental Psychology. 123, 1994, S. 127–161.</ref><ref name="Kerkhoff 1999" />

Die Simultanagnosie kann auch alleine auftreten und ist dann Läsionen temporo-okzipitaler Regionen anzulasten.<ref name="Levine 1978">D. N. Levine, R. Calvanio: A study of the visual defect in verbal alexia-simultan-agnosia. In: Brain. 101, 1978, S. 65–81.</ref><ref name="Kerkhoff 1999" /> Auch die optische Ataxie mit räumlich-visuellen Störungen wie der verschlechterten Einschätzung von Entfernungen kann isoliert auftreten und ist dann Folge der einseitigen Schädigung des oberen Scheitelläppchens.<ref name="Perenin 1988">M. T. Perenin, A. Vighetto: Optic ataxia: a specific disruption in visuomotor mechanisms. I Different aspects of the deficit in reaching for objects. In: Brain. 111, 1988, S. 643–674.</ref><ref name="Kerkhoff 1999" /> Die beidseitige Läsion frontaler Regionen oder der Basalganglien kann eine okuläre Apraxie verursachen.<ref name="Allen 1962">I. M. Allen: Exaggeration of fixation of gaze. In: New Zealand Medical Journal. 61, 1962, S. 101–107.</ref><ref name="Coslett 1991">H. B. Coslett, E. Saffran: Simultanagnosia. In: Brain. 114, 1991, S. 1532–1545.</ref><ref name="Kerkhoff 1999" />

Historisches

Das Bálint-Syndrom wurde nach Rezsö Bálint (1874–1929), einem ungarisch-österreichischen Neurologen aus Budapest benannt.<ref name="Bálint 1909" /> Er gilt als Erstbeschreiber des Syndroms. Von Inouye stammen zeitgleich ähnliche Fallberichte von Patienten mit Schussverletzungen.<ref name="Inouye 1909">T. Inouye: Die Sehstörungen bei Schussverletzungen der kortikalen Sehsphäre. Engelmann-Verlag, Leipzig 1909.</ref> Weitere ausführliche Beschreibungen des Bálint-Syndroms bei Menschen mit Schussverletzungen stammen von Holmes.<ref name="Holmes 1919a">G. Holmes: Disturbances of visual space perception. In: British Medical Journal. 2, 1919, S. 230–233.</ref><ref name="Holmes 1919b">G. Holmes, G. Horax: Disturbances of spatial orientation and visual attention, with loss of stereoscopic vision. In: Archives of Neurology and Psychiatry. 1, 1919, S. 385–407.</ref>

Der von Bálint beschriebene Patient hatte beidseitige Läsionen des Gehirnes nach Hirninfarkten am Übergang von Scheitel-, Schläfen- und Hinterhauptlappen. Auf der linken Gehirnhälfte war zudem die Gehirnrinde betroffen, die für Körperbewegung (Motorcortex) und Körperwahrnehmung (Somatosensorischer Cortex) zuständig ist. Bálint betont, dass die Schädigungen beidseits den Gyrus angularis mit einschließen, jedoch nicht die Sehrinde. Die Untersuchung des Gehirnes erfolgte nach dem Tod des Patienten. Dieser hatte 1894 mehrere Schlaganfälle erlitten, und in deren Folge die von Bálint beschriebenen Symptome ausgeprägt. Bálint untersuchte den Patienten ab 1903 bis zu dessen Versterben 1906.

Der Patient konnte sehen, er konnte Farben und Formen erkennen. Es war ihm möglich, die Augen in alle Richtungen zu bewegen, obwohl sein Blick aufgrund des entstandenen Hemineglectes stets 35° am Objekt vorbeiging. Hatte der Patient ein Objekt im Gesichtsfeld ins Auge gefasst, so konnte er nur dieses und kein anderes mehr wahrnehmen. Diese Einengung der Aufmerksamkeit betraf dabei Objekte jeder Größe. Eine komplexe Szene konnte nicht mehr überblickt werden. Ein Text wurde als unzusammenhängende Anordnung einzelner Buchstaben wahrgenommen, wodurch der Patient nicht mehr lesen konnte. Wollte der Patient nach etwas greifen, das ihn interessierte, gelang ihm das nicht, sodass er im Alltag vollkommen hilflos war. Bálint beschreibt beispielhaft die misslungenen Versuche des Patienten, sich eine Zigarre anzuzünden. Schließlich konnte der Patient auch keine Entfernung abschätzen und räumliche Tiefe wahrnehmen.<ref name="Bálint 1909" /><ref name="Neuropsychologie Kolb Whishaw" /><ref name="Rizzo 2002" />

Die von Holmes beschriebenen Patienten litten vor allem an okulärer Apraxie. Sie konnten ihren Blick auf kein Objekt im Gesichtsfeld mehr richten, egal ob sie dies selbst wollten, darauf aufmerksam gemacht wurden oder es ihnen vorgehalten wurde. Hatten sie ein Objekt einmal fixiert, so konnten sie dieses zwar erkennen, aber nur schwer im Auge behalten. Ebenso wie Bálints Patient war ihre räumliche Tiefenwahrnehmung schwer gestört. Sie liefen gegen Gegenstände, konnten nicht mehr lesen und komplexe Situationen nicht mehr erfassen.<ref name="Holmes 1919a" /><ref name="Holmes 1919b" /><ref name="Neuropsychologie Kolb Whishaw" />

Siehe auch

Einzelnachweise

<references />

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