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Apollonios von Tyana

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Datei:Apollonius of Tyana.jpg
Apollonios von Tyana auf einem spätantiken Kontorniaten

Apollonios von Tyana (Vorlage:GrcS, {{#invoke:Vorlage:lang|full|CODE=la |SCRIPTING=Latn |SERVICE=lateinisch}}; * um 40; † um 120 wohl in Ephesos; früher wurde als Lebenszeit vermutet: von ca. 3 v. Chr. bis ca. 97 n. Chr.) war ein antiker griechischer Philosoph. Er stammte aus der Stadt Tyana in Kappadokien und verbrachte sein Leben umherziehend und lehrend im Osten des Römischen Reichs. Da er sich zum Vorbild und zur Lehre des Pythagoras bekannte, wird er zu den Neupythagoreern gezählt.

Seine offenbar außergewöhnliche Persönlichkeit und seine als mustergültig betrachtete philosophische Lebensweise beeindruckten seine Zeitgenossen und hatten eine breite Nachwirkung. Um sein Leben und Wirken rankten sich zahlreiche Legenden. Die umfangreiche Apollonios-Biographie des Philostratos (in lateinischer Ausgabe Vita Apollonii), die einen großen Teil der Erzählungen versammelt und den Philosophen verherrlicht, bietet eine Fülle von legendenhaftem Material. Sie stellt zwar eine zentrale Quelle für die antike Apollonios-Rezeption dar, ist aber für die historische Gestalt weit weniger ergiebig. Nur ein kleiner Teil der überlieferten biographischen Angaben und Lehrinhalte kann als gesichert gelten.

Einen großen Teil der antiken Apollonioslegende machen die zahlreichen Berichte über Wundertaten aus, die der wandernde Weise vollbracht haben soll. Schon in der Antike wurden dabei Parallelen zu den Berichten über Jesus von Nazareth und dessen Wunder beobachtet und für polemische Vergleiche genutzt: Christen und Nichtchristen stellten ihren jeweiligen Helden als überlegen dar. Auch in der Frühen Neuzeit wurde Apollonios oft als pagane Gegenfigur oder Parallelgestalt und Alternative zu Jesus Christus wahrgenommen und unter diesem Gesichtspunkt beurteilt. Die moderne Forschung hat zum einen hinsichtlich der historischen Gestalt Quellenkritik betrieben, zum anderen die Legendenbildung und die Instrumentalisierung des Philosophen in religiösen Konflikten eingehend untersucht.

Der historische Apollonios

Quellen

Werke des Apollonios

Die Apollonios zugeschriebenen Werke sind teils nicht erhalten, teils in ihrer Echtheit umstritten oder sicher unecht. Zu den Schriften, die als möglicherweise authentisch in Betracht kommen, zählen in erster Linie Briefe, eine verlorene Biographie des Pythagoras und die wahrscheinlich echte oder zumindest im Umfeld des Apollonios entstandene Schrift Über die Opferbräuche, von der nur ein Bruchstück erhalten ist.<ref>Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 129–149; Gerd Petzke: Die Traditionen über Apollonius von Tyana und das Neue Testament, Leiden 1970, S. 36–45; Jaap-Jan Flinterman: Power, Paideia and Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 76–79.</ref>

Philostratos, Johannes Stobaios und eine separate Briefsammlung überliefern zahlreiche angeblich von Apollonios verfasste oder an ihn gerichtete Briefe. Manche davon sind vollständig wiedergegeben, andere nur auszugsweise oder als Paraphrase. Offenbar wurden bereits im 2. Jahrhundert Briefe gesammelt, die zum Teil fingiert waren. Inwieweit sich unter den erhaltenen Briefen echtes Material befindet, ist schwer zu beurteilen.<ref>Robert J. Penella (Hrsg.): The Letters of Apollonius of Tyana, Leiden 1979, S. 1–4, 23–29. Vgl. Graham Anderson: Philostratus, London 1986, S. 185–191.</ref> Vermutlich hat Philostratos einen erheblichen Teil der Briefe, die er anführt, selbst verfasst; bei anderen handelt es sich um ältere fiktive Schreiben, auf die er zurückgriff.<ref>Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 38f., 41–44, 54, 80f., 134f.; Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist, Heidelberg 2008, S. 25f.; Nikoletta Kanavou: Philostratos’ Life of Apollonius of Tyana and its Literary Context, München 2018, S. 17f. und Anm. 32.</ref>

Die Neuplatoniker Porphyrios und Iamblichos hatten anscheinend noch Zugang zu der heute verlorenen Pythagoras-Biographie; sie beriefen sich auf dieses Werk.<ref>Porphyrios, Vita Pythagorae 2; Iamblichos, De vita Pythagorica 254.</ref> In der Suda, einer mittelalterlichen byzantinischen Enzyklopädie, wird ein Leben des Pythagoras unter den Schriften des Apollonios von Tyana angeführt.<ref>Suda, Stichwort {{#if: Ἀπολλώνιος| {{#if:Apollonios|Apollonios ({{#invoke:Vorlage:lang|flat}})|{{#invoke:Vorlage:lang|flat}}}}|{{#if: Apollonios|Apollonios|Apollonios von Tyana}} }}, Adler-Nummer: alpha 3420, Suda-Online.</ref> Der von Porphyrios und Iamblichos erwähnte Apollonios wird traditionell mit dem Tyaneer gleichgesetzt, doch hat Peter Gorman 1985 dagegen Einwände erhoben,<ref>Peter Gorman: The ‚Apollonios‘ of the Neoplatonic Biographies of Pythagoras. In: Mnemosyne 38, 1985, S. 130–144.</ref> und seither mehren sich die Stimmen der Zweifler.<ref>Siehe dazu Constantinos Macris: Becoming divine by imitating Pythagoras? In: Mètis 4, 2006, S. 297–329, hier: S. 322 und Anm. 111; Jaap-Jan Flinterman: Power, Paideia and Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 77–79; Carl O’Brien: The Philosophy of Apollonius of Tyana: An Attempt at Reconstruction. In: Dionysius 27, 2009, S. 17–31, hier: 27f.</ref> Gregor Staab lehnt die Zuschreibung an den Tyaneer ab. Er führt den Suda-Eintrag auf eine Verwechslung zurück und vermutet, der Verfasser der Lebensbeschreibung sei der hellenistische Gelehrte Apollonios Molon.<ref>Gregor Staab: Der Gewährsmann ‘Apollonios’ in den neuplatonischen Pythagorasviten – Wundermann oder hellenistischer Literat? In: Michael Erler, Stefan Schorn (Hrsg.): Die griechische Biographie in hellenistischer Zeit, Berlin 2007, S. 195–217.</ref>

Sonstige Quellen

Die weitaus ausführlichste Quelle ist eine umfangreiche, acht Bücher umfassende Lebensbeschreibung des Apollonios (Ta es ton Tyanéa Apollṓnion, lateinisch Vita Apollonii), die der Sophist Flavius Philostratos in griechischer Sprache verfasste und im Zeitraum zwischen 217 und 238 abschloss.<ref>Zur Datierung siehe Jaap-Jan Flinterman: Power, Paideia and Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 25–27; Ewen Lyall Bowie: Apollonius of Tyana: Tradition and Reality. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Bd. II 16.2, Berlin 1978, S. 1652–1699, hier: 1669f.</ref> Philostratos schrieb im Auftrag der römischen Kaiserinwitwe Julia Domna († 217).<ref>Siehe dazu Nikoletta Kanavou: Philostratos’ Life of Apollonius of Tyana and its Literary Context, München 2018, S. 15–17.</ref> Er konnte ihr aber das Ergebnis seiner Bemühungen nicht vorlegen, da sie bereits verstorben war, als er seine Arbeit vollendete. Seine Schilderung hat das Bild des Apollonios bis in die Gegenwart geprägt. Er verwertete Material aus älteren, heute verlorenen Schriften und versuchte den Eindruck von Gewissenhaftigkeit, Zuverlässigkeit und großer Sachkenntnis zu erwecken. Sehr wichtig war ihm aber auch die literarische Gestaltung; er legte die Biographie romanhaft an<ref>Zu den romanhaften Aspekten und ihrer Umgestaltung in der Philosophenbiographie siehe Alain Billault: Les formes romanesques de l’héroïsation dans la Vie d’Apollonios de Tyane de Philostrate. In: Bulletin de l’Association Guillaume Budé 1991, S. 267–274.</ref> und schmückte sie mit einer Fülle von Wundergeschichten aus. Daher und wegen zahlreicher Unstimmigkeiten hat die moderne Quellenkritik seiner Darstellung in vielerlei Hinsicht die Glaubwürdigkeit abgesprochen.<ref>Siehe dazu Vroni Mumprecht (Hrsg.): Philostratos: Das Leben des Apollonios von Tyana, Berlin 2014, S. 990–1008.</ref> Seine Unzuverlässigkeit zeigt sich unter anderem bei falschen Angaben zur Chronologie.<ref>Siehe zur Chronologie Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 32–38.</ref>

Philostratos behauptete, seine Apollonios-Biographie sei in erster Linie eine Überarbeitung eines älteren Werks, der Aufzeichnungen (hypomnḗmata) des Damis. Damis sei ein Schüler des Apollonios gewesen, er habe seinen Lehrer auf dessen Reisen begleitet und als Augenzeuge die Ereignisse und die Äußerungen des Philosophen schriftlich festgehalten. Ein Verwandter des Damis habe Julia Domna die Aufzeichnungen des Philosophenschülers vorgelegt. Diese habe sich eine gefälligere Behandlung des Stoffs gewünscht, denn Damis sei zwar ein gewissenhafter Berichterstatter, aber kein guter Schriftsteller gewesen. Daher habe sie ihn, Philostratos, beauftragt, auf der Basis von Damis’ Angaben eine Biographie zu schreiben, die auch in stilistischer Hinsicht befriedigen könne.<ref>Philostratos, Vita Apollonii 1,3. Vgl. Thomas Schirren: Philosophos Bios. Die antike Philosophenbiographie als symbolische Form, Heidelberg 2005, S. 2.</ref>

Diese Ausführungen des Philostratos sind von der modernen Forschung einer fundamentalen Kritik unterzogen worden. Dabei hat sich herausgestellt, dass das „Tagebuch des Damis“ eine literarische Fiktion ist. Authentische Aufzeichnungen eines Apollonios-Schülers namens Damis hat es sicher nie gegeben. Entweder hat Philostratos das Tagebuch frei erfunden<ref>Dieser Ansicht sind Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 12f., 19–49, 141, Ewen Lyall Bowie: Apollonius of Tyana: Tradition and Reality. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Bd. II 16.2, Berlin 1978, S. 1652–1699, hier: 1653–1666, Erkki Koskenniemi: Der philostrateische Apollonios, Helsinki 1991, S. 9–15, 85f. und Thomas Schirren: Philosophos Bios. Die antike Philosophenbiographie als symbolische Form, Heidelberg 2005, S. 5f.</ref> oder es handelt sich um eine von ihm benutzte Schrift eines unbekannten Autors, der sich als Schüler des Apollonios ausgab.<ref>Jaap-Jan Flinterman: Power, Paideia and Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 79–88; Robert J. Penella (Hrsg.): The Letters of Apollonius of Tyana, Leiden 1979, S. 1 Anm. 3; Wolfgang Speyer: Zum Bild des Apollonios von Tyana bei Heiden und Christen. In: Jahrbuch für Antike und Christentum, Jg. 17, 1974, S. 47–63, hier: 49–53. Vgl. Graham Anderson: Philostratus, London 1986, S. 155–173.</ref> Zugunsten der letzteren Hypothese wird geltend gemacht, Philostratos habe es nicht wagen können, sich auf die Kaiserin zu berufen, um einer erfundenen Quelle Glaubwürdigkeit zu verleihen. Ein weiteres, gewichtigeres Argument lautet, es habe Philostratos Verlegenheit bereitet, dass die von ihm wiedergegebene Darstellung des Pseudo-Damis ein aus seiner Sicht unerwünschtes Bild seines Protagonisten zeichne. Dies sei unverständlich, wenn man annehme, dass er seine Quelle selbst erdichtet habe. Es könne sich zwar bei dieser Diskrepanz um eine raffinierte Finte zwecks Erhöhung der eigenen Glaubwürdigkeit handeln, doch sei ein solches Vorgehen in der antiken Literatur beispiellos.<ref>Jaap-Jan Flinterman: Power, paideia & Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 84f., 231f.</ref>

Zu den heute verlorenen älteren Hauptquellen zählt anscheinend ein Werk, das Maximos von Aigeai, ein Sekretär Kaiser Hadrians, in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts verfasste. Es behandelte, wie Philostratos mitteilt, die Taten des Apollonios in der Stadt Aigeai (Aigai) in Kilikien.<ref>Philostratos, Vita Apollonii 1,3 und 1,12.</ref> Ob es sich bei dieser Schrift um eine reale oder um eine von Philostratos erfundene Quelle handelt, ist in der Forschung umstritten. Heute wird überwiegend die Auffassung vertreten, dass Maximos tatsächlich unter Hadrian gelebt und das ihm zugeschriebene Werk geschrieben hat und dass Philostratos zu dieser Quelle Zugang hatte. Die Zweifel sind jedoch nicht völlig ausgeräumt.<ref>Eine Forschungsübersicht bietet Thomas Schirren: Philosophos Bios. Die antike Philosophenbiographie als symbolische Form, Heidelberg 2005, S. 2–5. Vgl. Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 34f.; Ewen Lyall Bowie: Apollonius of Tyana: Tradition and Reality. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Bd. II 16.2, Berlin 1978, S. 1652–1699, hier: 1684f.; Jaap-Jan Flinterman: Power, Paideia and Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 68f. Für die Historizität plädierte auch Fritz Graf: Maximos von Aigai. In: Jahrbuch für Antike und Christentum 27/28, 1984/1985, S. 65–73, wobei er aber von einer heute überholten Chronologie ausging.</ref>

Ebenfalls nicht erhalten sind die vier Bücher der Apollonios-Biographie des Moiragenes (Erinnerungen an den Magier und Philosophen Apollonios von Tyana), die sicher existiert hat, da sie außer bei Philostratos auch bei dem Kirchenschriftsteller Origenes bezeugt ist.<ref>Philostratos, Vita Apollonii 1,3 und 3,41; Origenes, Contra Celsum 6,41.</ref> Über diese Lebensbeschreibung äußerte sich Philostratos abfällig. Er meinte, Moiragenes sei nicht glaubwürdig, denn er sei schlecht informiert gewesen.<ref>Philostratos, Vita Apollonii 1,3. Zum Hintergrund von Philostratos’ Kritik an Moiragenes siehe Duncan H. Raynor: Moeragenes and Philostratus: two views of Apollonius of Tyana. In: The Classical Quarterly 34, 1984, S. 222–226; Ewen Lyall Bowie: Apollonius of Tyana: Tradition and Reality. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Bd. II 16.2, Berlin 1978, S. 1652–1699, hier: 1673–1679.</ref> Als sicher gilt in der Forschung, dass Moiragenes ein positives Bild von Apollonios und seinen Taten vermittelte. Vermutlich hat Philostratos den Unterschied zwischen Moiragenes und ihm selbst aus Konkurrenzgründen überzeichnet.<ref>Peter Grossardt: Ironische Strukturen in Flavius Philostrats Vita Apollonii. In: Würzburger Jahrbücher für die Altertumswissenschaft, Neue Folge 39, 2015, S. 93–135, hier: S. 93 f. und Anm. 4.</ref>

Die älteste überlieferte Bezeugung des Apollonios stammt aus dem späten 2. Jahrhundert; es ist eine Erwähnung bei Lukian von Samosata. Aus dessen Angaben wird erschlossen, dass Apollonios Gefährten und Schüler hatte, die nach seinem Tod die Tradition fortsetzten. Lukian berichtet von einem solchen Schüler, der seinerseits Unterricht erteilte.<ref>Lukian von Samosata, Alexander 5f. Vgl. Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 38; Patrick Robiano: Lucien, un témoignage-clé sur Apollonios de Tyane. In: Revue de philologie, de littérature et d’histoire anciennes 77, 2003, S. 259–273.</ref>

Leben

Nach heutigem Forschungsstand wurde Apollonios um 40 geboren und starb um 120. Diese Datierung löst die ältere ab, der zufolge Apollonios von ca. 3 v. Chr. bis ca. 97 n. Chr. lebte.<ref>Siehe zur Chronologie Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 30–38.</ref>

Philostratos schildert Apollonios als umherziehenden Prediger und Wundertäter, der in Italien, Spanien und Äthiopien tätig gewesen sei, in Rom dem Kaiser Domitian furchtlos entgegengetreten sei und bis nach Babylon, Arabien und Indien gekommen sei. Dass Apollonios ein Wanderphilosoph war, trifft zu, doch die Fernreisen sind erfunden.<ref>Zur Bedeutung der fiktiven Reisen im Kontext der Legendenbildung siehe John Elsner: Hagiographic geography: travel and allegory in the Life of Apollonius of Tyana. In: The Journal of Hellenic Studies 117, 1997, S. 22–37.</ref> Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Apollonios den Osten des Römischen Reiches nie verlassen. Die Städte, in denen er sich aufhielt, waren Ephesos, Aigeai, Antiocheia und seine Heimatstadt Tyana.<ref>Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 51–84.</ref> Vermutlich starb er in Ephesos.<ref>Peter Grossardt: Ironische Strukturen in Flavius Philostrats Vita Apollonii. In: Würzburger Jahrbücher für die Altertumswissenschaft, Neue Folge 39, 2015, S. 93–135, hier: 124 f.</ref>

Lehren

Von den legendenhaft ausgeschmückten Angaben der Quellen lässt sich nur Weniges plausibel mit der historischen Gestalt des Apollonios und seinen authentischen Lehren in Zusammenhang bringen. Sicher ist, dass er Pythagoras verehrte, sich zum neupythagoreischen Weisheitsideal bekannte und auf eine entsprechende Lebenspraxis großen Wert legte.<ref>Zur Nachahmung des Pythagoras siehe Constantinos Macris: Becoming divine by imitating Pythagoras? In: Mètis 4, 2006, S. 297–329, hier: 300f., 306–309, 311–316, 320–322.</ref> Glaubwürdig sind die Berichte, wonach er gemäß der pythagoreischen Tradition gegen Tieropfer auftrat und sich vegetarisch ernährte; er soll auch Kleidung aus tierischem Material abgelehnt haben.<ref>Karin Alt: Opferkult und Vegetarismus in der Auffassung griechischer Philosophen (4. Jahrh. v. Chr. bis 4. Jahrh. n. Chr.). In: Hyperboreus 14/2, 2008, S. 87–116, hier: 104f.; Johannes Haussleiter: Der Vegetarismus in der Antike, Berlin 1935, S. 299–312. Vgl. Jaap-Jan Flinterman: ‘The ancestor of my wisdom’: Pythagoras and Pythagoreanism in Life of Apollonius. In: Ewen Bowie, Jaś Elsner (Hrsg.): Philostratus, Cambridge 2009, S. 155–175, hier: 157–163.</ref> Einen Einblick in seine theologische Denkweise gewährt ein Fragment aus der verlorenen Schrift über Opferbräuche (Peri thysiōn), die wahrscheinlich von ihm oder in seinem Umfeld verfasst wurde und seine authentische Auffassung darlegte. Der Verfasser bezeichnet Gott als das schönste Wesen, das durch Gebete und Opfer nicht beeinflussbar und an Verehrung durch die Menschen nicht interessiert sei, aber auf geistigem Wege erreicht werden könne. Gott sei Nous (Geist, Intellekt) und daher dem menschlichen Geist zugänglich.<ref>Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 139–141; Bruce L. Taggart: Apollonius of Tyana: His Biographers and Critics, Ann Arbor 1972 (Dissertation, Tufts University), S. 90–98; deutsche Übersetzung des Fragments bei Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist, Heidelberg 2008, S. 23.</ref>

Weiteren Aufschluss bietet der 58. Brief, der vermutlich von dem historischen Apollonios oder aus seinem Umfeld stammt.<ref>Zur Echtheit siehe Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 33f., 143–145.</ref> Der Empfänger des Briefs ist ein Valerius, wahrscheinlich Decimus Valerius Asiaticus Saturninus, der Prokonsul der Provinz Asia war.<ref>Werner Eck: Zum neuen Fragment des sogenannten testamentum Dasumii. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 30, 1978, S. 277–295, hier: 292–295.</ref> Valerius ist nach dem Tod seines Sohnes in Verzweiflung verfallen. In dem stark von mittelplatonischem Gedankengut geprägten Trostbrief wird ihm erklärt, die Geburt sei nur ein Übergang aus dem Bereich des reinen Wesens (ousía) in den Bereich der Natur (phýsis), der Tod ein Übergang in umgekehrter Richtung. Nichts trete in die Existenz oder gehe zugrunde, sondern es gebe nur einen Wechsel von Sichtbarwerden und Unsichtbarwerden. Wenn etwas sei, so sei es unentstanden und unvergänglich. So werde auch ein Kind nicht von seinen Eltern erzeugt, sondern die Eltern seien nur ein Mittel, das erforderlich sei, damit es auf die Welt komme. Der Tod sei nur eine Änderung des Aufenthaltsorts. Daher solle er nicht beklagt, sondern geehrt werden. Nach einem Todesfall solle nicht das Verstreichen der Zeit, sondern die Vernunft bewirken, dass der Gemütszustand der Hinterbliebenen sich bessere. Es sei eines guten Menschen unwürdig, den Schmerz von der Zeit lindern zu lassen, denn auch das Leid der Schlechten vergehe mit der Zeit. Vielmehr komme es darauf an, dass man seine Einstellung zum Tod ändere. Wer als Amtsträger über Befehlsgewalt verfüge, solle zuerst lernen, sich selbst zu beherrschen. Wenn er dazu nicht in der Lage sei, könne er nicht einmal seinen eigenen Haushalt lenken, geschweige denn Städte und Provinzen.<ref>Robert J. Penella (Hrsg.): The Letters of Apollonius of Tyana, Leiden 1979, S. 66–71 (Text und englische Übersetzung).</ref>

Antike Ikonographie

Datei:Philosophe errant Apollonius-de-Tyane.jpg
Statue eines wandernden Philosophen, mutmaßlich Apollonios, 2. Jahrhundert, Archäologisches Museum, Heraklion

Philostratos erwähnt Bildnisse des Philosophen, die sich zu seiner Zeit in einem Apollonios-Heiligtum in Tyana befunden hätten.<ref>Philostratos, Vita Apollonii 8,29.</ref>

In Gortyn auf Kreta wurde eine gut erhaltene, im 2. Jahrhundert entstandene Statue eines asketischen Wanderphilosophen ausgegraben, die sich heute im Archäologischen Museum von Heraklion befindet. Früher glaubte man zu Unrecht, es handle sich um ein Bildnis des Vorsokratikers Heraklit. Eine genauere Untersuchung hat ergeben, dass der Dargestellte ein wandernder und lehrender Philosoph ist, und zwar kein ungebildeter und ungepflegter Kyniker, sondern – wie sein Bündel von Buchrollen zeigt – ein Gelehrter. Die Verbindung von Wanderleben – worauf der keulenartige Stock deutet –, Askese (er trägt kein Untergewand), gepflegtem Äußeren und Gelehrsamkeit passt gut zu Apollonios. Es ist daher anzunehmen, dass der Philosoph von Gortyn entweder Apollonios selbst oder ein charismatischer Wanderlehrer seiner Art ist.<ref>Paul Zanker: Die Maske des Sokrates. Das Bild des Intellektuellen in der antiken Kunst, München 1995, S. 250f.</ref>

Wohl im frühen 3. Jahrhundert ist eine Statue entstanden, deren oberer Teil erhalten ist. Der Beschriftung zufolge handelt es sich um Apollonios, daher galt dieser in der älteren Forschung als der Dargestellte. Das Stück befand sich 1972 in Mailand im Besitz eines Kunsthändlers.<ref>Salvatore Settis: Severo Alessandro e i suoi Lari. In: Athenaeum 50, 1972, S. 237–251, hier: 244f. (mit Abbildung).</ref> Da die Beschriftung aber von einem neuzeitlichen Gelehrten stammt, fällt die Begründung für die Identifizierung mit Apollonios weg.<ref>Andreas Alföldi, Elisabeth Alföldi: Die Kontorniat-Medaillons, Teil 2, Berlin 1990, S. 102f.</ref> Der Kopf eines anhand der Beschriftung bestimmbaren spätantiken Schildporträts des Apollonios aus Aphrodisias in Karien ist verloren, nur ein Teil des Gewandes ist erhalten geblieben.<ref>Roland R. R. Smith: Late Roman Philosopher Portraits from Aphrodisias. In: The Journal of Roman Studies 80, 1990, S. 127–155, hier: 141–144, Abbildung Tafel XI.</ref>

In der Spätantike wurden Kontorniaten (Medaillons) geprägt, auf denen berühmte Persönlichkeiten aus der griechischen und römischen Kulturgeschichte abgebildet sind. Diese in der damaligen Bildungselite geschätzten Prägungen wurden wohl im Milieu traditionsbewusster paganer Senatoren initiiert. Auf einem in großer Anzahl verbreiteten, um 395 geprägten Kontorniaten ist laut der lateinischen Umschrift Apollonios dargestellt. Er trägt einen Lorbeerkranz.<ref>Peter Franz Mittag: Alte Köpfe in neuen Händen, Bonn 1999, S. 115, 126, 159–162.</ref>

Der Verfasser der spätantiken Historia Augusta berichtet von einer Vision des Kaisers Aurelian, dem Apollonios im Jahr 272 erschienen sei „in der Gestalt, in der man ihn (auf Bildnissen) sieht“. Der Kaiser habe den Philosophen erkannt, da ihm dessen Gesichtszüge von Porträts in vielen Tempeln her vertraut gewesen seien. Daraus ist ersichtlich, dass zur Entstehungszeit dieser Quelle Bildnisse des Apollonios verbreitet waren und dass es einen allgemein bekannten ikonographischen Typus gab.<ref>Historia Augusta, Vita Aureliani 24,3–5. Vgl. Robert Turcan: Les monuments figurés dans l’Histoire Auguste. In: Giorgio Bonamente, Noël Duval (Hrsg.): Historiae Augustae Colloquium Parisinum, Macerata 1991, S. 287–309, hier: 295f.; François Paschoud (Hrsg.): Histoire Auguste, Band 5/1: Vies d’Aurélien, Tacite, Paris 1996, S. 141.</ref>

Rezeption

Zu seinen Lebzeiten scheint Apollonios außerhalb der Stätten seines Lebens und Wirkens wenig bekannt gewesen zu sein. Kein zeitgenössischer Geschichtsschreiber oder Philosoph erwähnt seinen Namen. Die literarische Beschäftigung mit ihm setzte – soweit erkennbar – in den Jahrzehnten nach seinem Tode ein, die volkstümliche Legendenbildung erreichte ihren Höhepunkt erst in der Spätantike.<ref>Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 9, 14f., 83f.</ref>

2. und 3. Jahrhundert

Wundergeschichten

Aus der Dauerhaftigkeit von Apollonios’ Ruhm als Wundertäter lässt sich schließen, dass er nicht nur zu seinen Lebzeiten, sondern auch in den Jahrzehnten nach seinem Tod an den Stätten seiner Tätigkeit eine erhebliche Anzahl von Bewunderern hatte, die ihm übermenschliche Qualitäten zuschrieben. Die Anfänge der legendenhaften Überlieferung liegen aber im Dunkeln.<ref>Siehe dazu Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 85–91, 186.</ref>

Zu den Wundern, die ihm zugeschrieben wurden, gehören die Wiederbelebung einer jungen, für tot gehaltenen Frau<ref>Philostratos, Vita Apollonii 4,45.</ref> und außersinnliche Wahrnehmungen. So soll er im Jahr 96 in Ephesos die zeitgleich in Rom geschehene Ermordung des Kaisers Domitian miterlebt und geschildert haben. Diese Episode wird von Cassius Dio und Philostratos mitgeteilt, wohl auf der Basis mündlicher Überlieferung. Beide berichten, dass der Philosoph die Tat als Tyrannenmord begrüßt habe.<ref>Cassius Dio 67,18; Philostratos, Vita Apollonii 8,26–27. Vgl. Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 30–32, 41.</ref>

Philostratos erzählt, Apollonios habe die Epheser von einer Pestepidemie befreit, indem er die Jugendlichen der Stadt dazu gebracht habe, einen Bettler beim Standbild des Herakles zu steinigen. Nach Philostratos’ Schilderung handelte es sich um den Pestdämon, der die Gestalt eines Bettlers angenommen hatte und sich bei der Steinigung in einen löwengroßen Hund verwandelte; anschließend erlosch die Epidemie.<ref>Philostratos, Vita Apollonii 4,10.</ref> Diese Episode ist in der Forschung als Beleg für ein pharmakós-Opfer, ein Menschenopfer im Rahmen eines Reinigungsrituals, herangezogen worden. Walter Burkert sieht darin ein spätes und „nahezu unritualisiert[es]“ Beispiel des pharmakós-Opfers.<ref>Walter Burkert: Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche, Stuttgart 1977, S. 140.</ref> Die Legende scheint an einen realen Opferbrauch anzuknüpfen. Ein Zusammenhang eines Menschenopfers mit dem historischen Apollonios ist allerdings auszuschließen, da dieser den Quellen zufolge in erster Linie Pythagoreer war und die strikte Ablehnung aller blutigen Opfer zu den wichtigsten Grundsätzen des kaiserzeitlichen Neupythagoreismus gehörte.<ref>Siehe dazu Jaap-Jan Flinterman: ‘The ancestor of my wisdom’: Pythagoras and Pythagoreanism in Life of Apollonius. In: Ewen Bowie, Jaś Elsner (Hrsg.): Philostratus, Cambridge 2009, S. 155–175, hier: 157–159.</ref>

Bei Philostratos ist ein wesentlicher Aspekt der übermenschlichen Natur des Apollonios seine innere und äußere Freiheit von jedem Zwang. Vor seiner Geburt erscheint seiner schwangeren Mutter der ägyptische Gott Proteus und verkündet ihr, sie werde ihn selbst – das heißt einen zweiten Proteus – gebären. Dazu weist Philostratos auf eine charakteristische Eigenschaft des Proteus hin: Dieser Gott ist wendig und versteht es, seine Gestalt immer wieder zu wechseln und sich jedem Zugriff zu entziehen. Überlegenheit über jede Fixierung ist auch ein Merkmal des Apollonios. Im Gefängnis, wo er sich mit Damis befindet, demonstriert er dem Schüler seine Macht: Er zieht seinen Fuß aus der Fessel, um Damis einen Beweis seiner Freiheit zu geben. Dann schiebt er den Fuß wieder hinein und tut so, als ob er stets gefesselt gewesen wäre. Philostratos betont, dass das Wunder ohne vorheriges Gebet und Opfer geschah, also nicht durch das Eingreifen einer Gottheit, sondern durch Apollonios’ eigene Macht bewirkt wurde.<ref>Matthias Skeb: Der Gottmensch (θεῖος ἀνήρ). In: Römische Quartalschrift für Christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte 108, 2013, S. 153–170, hier: 160.</ref>

Parallelen zum christlichen Jesusbild

In der von Philostratos verfassten Biographie fällt eine Reihe von Ähnlichkeiten mit der Darstellung des Lebens Jesu in den Evangelien auf, besonders hinsichtlich der Wunder (Geburtsgeschichte, Dämonenaustreibung, Totenerweckung, Himmelfahrt, Epiphanie des Verstorbenen).<ref>Eine Übersicht über die markantesten Parallelen bietet Erkki Koskenniemi: Apollonios von Tyana in der neutestamentlichen Exegese, Tübingen 1994, S. 190–203.</ref> Ob das beabsichtigt war und somit von einem literarischen Abhängigkeitsverhältnis auszugehen ist, ist seit langer Zeit umstritten. In der neueren Forschung wird eine unmittelbare Beeinflussung überwiegend für unwahrscheinlich gehalten, doch sind gegenteilige Stimmen nicht verstummt.<ref>Eine knappe Forschungsübersicht bietet Marc Van Uytfanghe: La Vie d’Apollonius de Tyane et le discours hagiographique. In: Kristoffel Demoen, Danny Praet (Hrsg.): Theios Sophistes, Leiden 2009, S. 335–374, hier: 342–345.</ref> Falls ein direkter Zusammenhang besteht, waren die Parallelen ursprünglich wohl nicht im Sinne einer Rivalität mit dem Christentum gemeint.<ref>Erkki Koskenniemi: Der philostrateische Apollonios, Helsinki 1991, S. 70, 76f., 79.</ref>

Der Neutestamentler Rudolf Bultmann untersuchte in seiner Monographie Die Geschichte der synoptischen Tradition (1921) die Parallelen zwischen christlichen und paganen Wundererzählungen, wobei er unter anderem das Material aus der Vita Apollonii auswertete. Sein Anliegen war die Bestimmung des griechischen Einflusses auf die urchristlichen Wundergeschichten. Er kam zum Ergebnis, dass für die meisten neutestamentlichen Wundergeschichten ein griechischer Ursprung wahrscheinlich sei. Allerdings berücksichtigte er dabei kaum die späte Entstehung der Vita Apollonii und den unklaren Ursprung ihres Materials, dessen hohes Alter er als selbstverständlich voraussetzte. Die Datierungsfrage war für ihn nebensächlich, denn es ging ihm nicht um die Ermittlung bestimmter Abhängigkeitsverhältnisse, sondern um die Erfassung eines allgemeinen geistigen Milieus, das er als den Hintergrund der Hellenisierung des frühen Christentums herausarbeiten wollte.<ref>Eine Zusammenfassung und Kritik von Bultmanns Ergebnissen bietet Erkki Koskenniemi: Apollonios von Tyana in der neutestamentlichen Exegese, Tübingen 1994, S. 42–47.</ref>

Formgeschichtlich orientierte Forscher führen die Ähnlichkeiten der Apollonios-Legenden mit den Evangelien nicht auf ein direktes Abhängigkeitsverhältnis zurück, sondern auf ein bereits vorhandenes, von den Autoren gemeinsam genutztes Reservoir von Erzählmotiven. Solche Motive sind in unterschiedlichen literarischen, philosophischen, religiösen und volkstümlichen Überlieferungen fassbar.<ref>Siehe zur formgeschichtlichen Auseinandersetzung mit der Thematik Hans-Joachim Schütz: Beiträge zur Formgeschichte synoptischer Wundererzählungen, dargestellt an der vita Apollonii des Philostratus, Drossdorf 1953 (Dissertation, Universität Jena); Gerd Petzke: Die Traditionen über Apollonius von Tyana und das Neue Testament, Leiden 1970, S. 161–229; Dietmar Esser: Formgeschichtliche Studien zur hellenistischen und zur frühchristlichen Literatur unter besonderer Berücksichtigung der vita Apollonii des Philostrat und der Evangelien, Bonn 1969, S. 71–98, 112–139, 148–167; Graham Anderson: Philostratus, London 1986, S. 144–148; Erkki Koskenniemi: Apollonios von Tyana in der neutestamentlichen Exegese, Tübingen 1994, S. 29–63.</ref> Wenn die Erzählung außergewöhnlicher Begebenheiten der Verherrlichung einer Gestalt dient, die von Anfang an als heldenhafte Verkörperung eines bestimmten Idealtyps präsentiert wird, spricht Marc Van Uytfanghe von einem „hagiographischen Diskurs“. Zu den Merkmalen dieser idealisierenden Darstellungsweise gehört die Schilderung von Taten, welche die Überlegenheit der Leitfigur veranschaulichen und ihr Leben als rundum gelungene Verwirklichung des jeweiligen Ideals erscheinen lassen, womit zugleich die Glaubwürdigkeit ihrer Lehre untermauert wird. Typisch ist dabei die statische Auffassung vom musterhaften Menschen: Seine Tugenden sind ihm von vornherein gegeben, eine Entwicklung findet nicht oder nur als Perfektionierung statt. Der hagiographische Diskurs ist paganen, jüdischen und christlichen Autoren gemeinsam.<ref>Marc Van Uytfanghe: La Vie d’Apollonius de Tyane et le discours hagiographique. In: Kristoffel Demoen, Danny Praet (Hrsg.): Theios Sophistes, Leiden 2009, S. 335–374, hier: 346–374; Marc Van Uytfanghe: Heiligenverehrung II (Hagiographie). In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 14, Stuttgart 1988, Sp. 150–183, hier: 155–159.</ref> Van Uytfanghe weist darauf hin, dass „Motive und Erzählungen auch parallel zueinander […] an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Traditionen zirkulieren konnten“. Da nicht jede Übereinstimmung von Erzählmotiven ein Beweis für Imitation der einen Tradition durch die andere oder gar für ein literarisches Abhängigkeitsverhältnis ist, meint Van Uytfanghe, dass die Bedeutung der Prioritätsfrage überschätzt werde. Aus seiner Sicht kommt es nicht in erster Linie darauf an, wo ein bestimmtes Motiv erstmals belegt ist.<ref>Marc Van Uytfanghe: Biographie II (spirituelle). In: Reallexikon für Antike und Christentum, Supplement-Bd. 1, Stuttgart 2001, Sp. 1088–1364, hier: 1340.</ref>

Die ältere Forschung war von der Sichtweise von Richard Reitzenstein<ref>Richard Reitzenstein: Die hellenistischen Mysterienreligionen, 3. Auflage. Leipzig 1927 (Nachdruck Stuttgart 1973), S. 25–27.</ref> und vor allem von den Ergebnissen von Ludwig Bieler<ref>Ludwig Bieler: ΘΕΙΟΣ ΑΝΗΡ. Das Bild des „göttlichen Menschen“ in Spätantike und Frühchristentum, 2 Bände, Wien 1935 und 1936 (Nachdruck Darmstadt 1967).</ref> geprägt. Es etablierte sich die Auffassung, der Typus des „göttlichen Mannes“ (theíos anḗr) sei das allgemeingültige Konzept gewesen, das als gemeinsamer Bewusstseinsinhalt damaliger Menschen die Grundlage der Rezeption von Figuren wie Apollonios und Christus gebildet habe. Das Konzept habe die Erwartungen des Lesepublikums bestimmt. Unter einem göttlichen Mann habe man sich einen mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgerüsteten, weissagenden Wundertäter und Heilbringer vorgestellt. Der Ausdruck beziehe sich auf einen Wandermissionar, eine charismatische Leitfigur, die eine religiöse Botschaft verkündet und als Mittler zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Bereich fungiert habe. Das klassische Beispiel für diesen Typus sei Apollonios.<ref>Siehe die forschungsgeschichtliche Übersicht von David S. du Toit: Theios anthropos, Tübingen 1997, S. 5–24, 276f. Eine sehr ausführliche Forschungsübersicht bietet Erkki Koskenniemi: Apollonios von Tyana in der neutestamentlichen Exegese, Tübingen 1994, S. 64–164. Vgl. zu Apollonios als göttlichem Mann in diesem Sinne Marc Van Uytfanghe: Biographie II (spirituelle). In: Reallexikon für Antike und Christentum, Supplement-Bd. 1, Stuttgart 2001, Sp. 1088–1364, hier: 1098.</ref> In der neueren Forschung hat sich vor allem Hans Dieter Betz diesen Ansatz zu eigen gemacht. Er nimmt eine Gesamtkonzeption des göttlichen Menschen als seit dem Hellenismus vorgegebenes Schema an. Das Schema sei in der Kaiserzeit für christliche ebenso wie für pagane Autoren maßgeblich gewesen. Die Evangelisten hätten es auf Christus angewendet, um sein Leben auf eine auch für pagane Leser verständliche Weise zu deuten. Wesentlich sei das Idealbild des göttlichen Menschen als Muster gewesen. Sowohl den christlichen als auch den paganen Erzählern sei es auf die Schilderung einer vorbildlichen Umsetzung dieses Ideals angekommen, nicht auf die historischen Einzelheiten des individuellen Lebens. Die biographischen Fakten habe man beim Erzählen so dargestellt und nötigenfalls umgestaltet, dass der Eindruck einer vollendeten Verwirklichung des Ideals erweckt worden sei.<ref>Hans Dieter Betz: Lukian von Samosata und das Neue Testament, Berlin 1961, S. 100–143; Hans Dieter Betz: Jesus als göttlicher Mensch. In: Alfred Suhl (Hrsg.): Der Wunderbegriff im Neuen Testament, Darmstadt 1980, S. 416–434; Hans Dieter Betz: Gottmensch II. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 12, Stuttgart 1983, Sp. 234–312. Vgl. David S. du Toit: Theios anthropos, Tübingen 1997, S. 4, 24f., 35–38.</ref>

Die Ergebnisse dieser Forschungsrichtung sind jedoch fundamentaler Kritik unterworfen worden. Kritiker bestreiten die Existenz eines einheitlichen Konzepts vom göttlichen Menschen innerhalb der paganen Literatur und die Annahme einer gemeinsamen Basis paganer und christlicher Gottmensch-Vorstellungen. „Göttlicher Mensch“ sei kein feststehender Begriff zur Bezeichnung einer bestimmten Klasse von Menschen gewesen.<ref>Siehe die Übersichtsdarstellung bei David S. du Toit: Theios anthropos, Tübingen 1997, S. 2–5, 31–35. Vgl. Marc Van Uytfanghe: Biographie II (spirituelle). In: Reallexikon für Antike und Christentum, Supplement-Bd. 1, Stuttgart 2001, Sp. 1088–1364, hier: 1342.</ref>

Neueren Untersuchungen zufolge gab es zwar in der kaiserzeitlichen Literatur ein – wenngleich weder klar umrissenes noch einheitliches – Konzept des göttlichen Menschen, doch waren übermenschliche Fähigkeiten und Wundertaten kein Bestandteil dieses Konzepts. Auch wenn man an Wunder glaubte, machte man den Status des göttlichen Menschen nicht von ihnen abhängig. Philostratos bezeichnete Vorbilder wie Pythagoras und Apollonios wegen ihres Charakters und ihrer Lebensweise als „göttliche Menschen“, nicht wegen der wunderbaren Ereignisse in ihrem Leben. Somit trägt nach dieser Forschungsmeinung das Konzept des göttlichen Menschen zur Erklärung der auffälligen Übereinstimmungen zwischen der Vita Apollonii und den Evangelien nichts bei.<ref>David S. du Toit: Theios anthropos, Tübingen 1997, S. 276–320, 400–406; Marc Van Uytfanghe: La Vie d’Apollonius de Tyane et le discours hagiographique. In: Kristoffel Demoen, Danny Praet (Hrsg.): Theios Sophistes, Leiden 2009, S. 335–374, hier: 339–342.</ref>

Angebliche Indienreise

Philostratos erzählt ausführlich von einer Indienreise des Apollonios, deren Schilderung er zweieinhalb der acht Bücher seines Werks widmet.<ref>Philostratos, Vita Apollonii 1,19–3,58.</ref> Unterwegs soll Apollonios in Hierapolis Bambyke (nicht Ninive, wie fälschlich angenommen wurde) Damis begegnet sein, der sein Schüler und ständiger Begleiter wurde.<ref>Christopher P. Jones: Apollonius of Tyana’s Passage to India. In: Greek, Roman, and Byzantine Studies 42, 2001, S. 185–199, hier: 187–190.</ref> Ein Indienaufenthalt wurde seit der hellenistischen Zeit auch Pythagoras, dem Vorbild des Apollonios, unterstellt. Der Gedanke, dort Weisheitsquellen zu suchen, lag somit für einen Neupythagoreer wie Apollonios nahe. Allerdings wird der Bericht des Philostratos wegen der Unglaubwürdigkeit einer Reihe von Einzelheiten in der Forschung mit größter Skepsis beurteilt. Teils wird er als frei erfunden und die ganze Reise als fiktiv eingeschätzt, teils wird festgestellt, dass eine wirkliche Reise als historischer Kern der legendenhaften Erzählung nicht auszuschließen sei.<ref>Graham Anderson: Philostratus, London 1986, S. 199–215; Jaap-Jan Flinterman: Power, Paideia and Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 86f., 101–106.</ref>

1943 hat Vidhushekhara Bhattacharya auf Sanskrit-Texte hingewiesen, in denen Apollonios als „Apalūnya“ belegt sei. Daraufhin haben klassische Philologen vermutet, dass diese indischen Quellen von Philostratos abhängen und somit dessen Werk ins Sanskrit übersetzt wurde; man hat sogar eine eigenständige indische Apollonios-Überlieferung in Betracht gezogen, die ein Beweis für eine historische Indienreise wäre.<ref>Pat E. Easterling, Bernard M. W. Knox (Hrsg.): The Cambridge History of Classical Literature, Bd. 1, Cambridge 1985, S. 657; Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 29; Graham Anderson: Philostratus, London 1986, S. 173; Jaap-Jan Flinterman: Power, Paideia and Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 80 Anm. 113.</ref> Erst 1995 wurde nachgewiesen, dass es sich bei den betreffenden Stellen in den indischen Werken um Einschübe eines modernen Fälschers handelt, der im späten 19. Jahrhundert tätig war.<ref>Simon Swain: Apollonius in Wonderland. In: Doreen Innes (Hrsg.): Ethics and Rhetoric, Oxford 1995, S. 251–254.</ref>

Streit um den Magievorwurf

Ein wichtiges Thema der antiken Beurteilung des Apollonios war die kontrovers erörterte Frage, ob er als Magier zu betrachten sei. Die Bezeichnung „Magier“ oder „Zauberer“ (góēs) war gewöhnlich negativ konnotiert und wurde in diesem Sinne von Kritikern des Apollonios verwendet. Daraus ergab sich für die Bewunderer des Tyaneers ein Problem: Einerseits hielten sie die ihm zugeschriebenen Wunder für echt, andererseits galt Zauberei als eines Philosophen unwürdig und das Vollbringen von Taten, die als Magie gedeutet werden konnten, war rechtfertigungsbedürftig.<ref>Graham Anderson: Philostratus, London 1986, S. 138–143; Jaap-Jan Flinterman: Power, Paideia and Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 60–66; James A. Francis: Subversive Virtue, University Park 1995, S. 90–97, 126–129; Bernd-Christian Otto: Magie. Rezeptions- und diskursgeschichtliche Analysen von der Antike bis zur Neuzeit, Berlin 2011, S. 290–299.</ref>

Im 2. Jahrhundert übte Lukian von Samosata scharfe Kritik an der neupythagoreisch orientierten Strömung, die sich auf Apollonios berief. Er verfasste nach 180<ref>Die Datierung ergibt sich aus dem Umstand, dass der 180 verstorbene Kaiser Mark Aurel bereits konsekriert war; Lukian von Samosata, Alexander 48.</ref> ein Pamphlet, in dem er sich abfällig über Apollonios äußerte und dessen Schüler als Magier und Scharlatane darstellte.<ref>Lukian von Samosata, Alexander 5f. Vgl. Patrick Robiano: Lucien, un témoignage-clé sur Apollonios de Tyane. In: Revue de philologie, de littérature et d’histoire anciennes 77, 2003, S. 259–273.</ref>

Gegen die von Kritikern wie Lukian vorgetragene Sichtweise wandte sich Philostratos. Er betonte, Apollonios werde zwar von einigen für einen Zauberer gehalten, doch handle es sich dabei um Verleumdung. Der Neupythagoreer habe zwar über eine Weissagungsgabe verfügt, doch sei solches Vorherwissen kein Grund, ihn zu den Magiern zu zählen. Im Gegensatz zu den Magiern, die versuchten, das Schicksal durch gewaltsame Maßnahmen zu verändern, habe er nur verkündet, was die Götter ihm über die Zukunft offenbart hätten. Auf Ritualpraktiken habe er verzichtet und am Erlernen magischer Fertigkeiten sei er nicht interessiert gewesen. Er habe auch niemals Geld verlangt, die Magier hingegen seien geldgierig.<ref>Philostratos, Vita Apollonii 1,2; 5,12; 8,7,3.</ref>

Der Geschichtsschreiber Cassius Dio bezeichnete Apollonios als Magier und Zauberer im abwertenden Sinne. Dabei war sein Anliegen, den ihm verhassten Kaiser Caracalla, der einen Apollonios-Kult betrieb, als Förderer von Scharlatanerie zu diskreditieren.<ref>Cassius Dio 78 (77),18,4. Bei der Angabe mancher Bücher von Cassius Dios Werk sind unterschiedliche Zählungen gebräuchlich; eine abweichende Buchzählung ist hier und im Folgenden jeweils in Klammern angegeben.</ref>

Apolloniosverehrung am Kaiserhof

Im Westen des Römischen Reiches war Apollonios bis zum frühen 3. Jahrhundert wenig bekannt. Erst Julia Domna, die selbst aus dem Osten stammte, brachte die legendenhafte Überlieferung in die Reichshauptstadt, indem sie Philostratos beauftragte, die Biographie zu schreiben, in der Apollonios als Weiser mit übernatürlichen Fähigkeiten verherrlicht wird.<ref>Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 83–85, 186–192.</ref> Julias Sohn Kaiser Caracalla (211–217) verehrte Apollonios kultisch und errichtete ihm ein Heiligtum.<ref>Cassius Dio 78 (77),18,4. Siehe dazu Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 56, 59f.</ref> Dieses ist vermutlich mit dem von Philostratos bezeugten Apollonios-Heiligtum in Tyana zu identifizieren; Caracalla hielt sich im Jahr 215 auf dem Durchzug in der Heimatstadt des Neupythagoreers auf.<ref>Dietrich Berges, Johannes Nollé: Tyana. Archäologisch-historische Untersuchungen zum südwestlichen Kappadokien, Teil 2, Bonn 2000, S. 414–416.</ref> Kaiser Severus Alexander (222–235), ein Großneffe Julia Domnas, soll in seinem Lararium ein Kultbild des Apollonios aufgestellt haben, doch ist die Glaubwürdigkeit dieser Nachricht einer spätantiken Quelle zweifelhaft.<ref>Historia Augusta, Vita Alexandri 29,2; zur Glaubwürdigkeit Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 174 (skeptisch); Ursula Weisser: Das „Buch über das Geheimnis der Schöpfung“ von Pseudo-Apollonios von Tyana, Berlin 1980, S. 16 (positiv).</ref>

Dem Kaiser Aurelian soll Apollonios im Jahr 272 in einer Vision erschienen sein, um ihn von der Zerstörung der Stadt Tyana abzuhalten.<ref>Historia Augusta, Vita Aureliani 24,2–9; 25,1.</ref>

Politisches und kulturelles Engagement

Ein wesentlicher Aspekt des von Philostratos propagierten Apolloniosbilds war das Eintreten des Weisen für seine politischen Überzeugungen. In den meisten philosophischen Traditionen der Antike, auch bei den Pythagoreern, galt politische Aktivität der Philosophen als erwünscht oder sogar als Erfüllung einer ethischen Pflicht. Man betrachtete die Beratung gutwilliger Herrscher als wichtige Aufgabe eines Philosophen. Zum Ideal des unerschrockenen, nur dem Gemeinwohl dienenden Philosophen gehörte auch das freimütige Auftreten gegenüber Tyrannen ungeachtet der damit verbundenen persönlichen Gefahr. Generell hatte ein Philosoph sein Wissen in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Dazu gehörte Konfliktschlichtung ebenso wie das Engagement für eine vernünftige Staats- und Gesellschaftsordnung und gegen Luxus und Verweichlichung. Diesen Erwartungen entsprach der Apollonios des Philostratos. Damit erwies er sich für das Lesepublikum als vorbildlicher Weiser im Sinne des herrschenden Weisheitsideals.<ref>Siehe zu dieser Thematik die ausführliche Untersuchung von Jaap-Jan Flinterman: Power, Paideia and Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 128–230 sowie James A. Francis: Subversive Virtue, University Park 1995, S. 8–10; Erkki Koskenniemi: Der philostrateische Apollonios, Helsinki 1991, S. 31–44.</ref>

Bei Philostratos ergreift Apollonios politisch mit Entschiedenheit Partei. Er ist ein Freund der Kaiser Vespasian und Titus, die ihn verehren, ein mutiger Kritiker Neros und ein Gegner Domitians, dem er als Angeklagter furchtlos mit einer offenherzigen Verteidigungsrede entgegentritt. Kaiser Nerva versucht ihn als Ratgeber zu gewinnen.<ref>Philostratos, Vita Apollonii 8,27.</ref>

Zu den Briefen, die Apollonios verfasst und erhalten haben soll, gehört auch eine – sicher frei erfundene – Korrespondenz mit Kaisern. Darin lobt Vespasian den Philosophen, wird aber von Apollonios heftig getadelt, da er die Griechen versklavt habe. Titus hingegen erhält wegen seiner Großmut das Lob des Apollonios. Zwei Briefe sind an Domitian gerichtet, der ermahnt wird, sich um Weisheit zu bemühen.<ref>Robert J. Penella (Hrsg.): The Letters of Apollonius of Tyana. Leiden 1979, S. 44f., 54f., 82f.</ref>

Kulturpolitisch soll sich Apollonios für die Pflege und Reinhaltung der griechischen Sprache und die Bewahrung der griechischen Sitten eingesetzt haben. Sowohl in der Vita Apollonii als auch in der von Philostratos unabhängigen Brieftradition erscheint er als Verteidiger des Griechentums. Bei Philostratos fordert er von den Römern Rücksicht auf die Belange der Griechen.<ref>Erkki Koskenniemi: Der philostrateische Apollonios, Helsinki 1991, S. 45–57.</ref> Er meint, man könne von einem römischen Statthalter in Griechenland erwarten, dass er die griechische Sprache beherrsche und die Mentalität der Griechen verstehe.<ref>Philostratos, Vita Apollonii 5,36. Siehe dazu James A. Francis: Subversive Virtue, University Park 1995, S. 114f.</ref> In einem der ihm zugeschriebenen Briefe wird die Sitte zeitgenössischer Griechen, römische Namen anzunehmen, als Verzicht auf die eigene ethnische Identität verurteilt.<ref>Brief 71, hrsg. von Robert J. Penella: The Letters of Apollonius of Tyana, Leiden 1979, S. 76. Vgl. Philostratos, Vita Apollonii 4,5. Siehe dazu Johannes Hahn: Weiser, göttlicher Mensch oder Scharlatan?. In: Barbara Aland u. a. (Hrsg.): Literarische Konstituierung von Identifikationsfiguren in der Antike, Tübingen 2003, S. 87–109, hier: 95f.</ref> Die Briefe fanden auch unter stilistischem Aspekt Beachtung. Im 3. Jahrhundert urteilte der Sophist Philostratos von Lemnos, Apollonios und Dion Chrysostomos seien als Briefschreiber abgesehen von den alten Klassikern die besten Stilisten unter den Philosophen.<ref>Christopher P. Jones (Hrsg.): Philostratus: Apollonius of Tyana. Letters of Apollonius, Ancient Testimonia, Eusebius’s Reply to Hierocles, Cambridge (Massachusetts) 2006, S. 4, 90f.; Robert J. Penella (Hrsg.): The Letters of Apollonius of Tyana, Leiden 1979, S. 2f.</ref>

Spätantike

Literarische Rezeption

Der aus Libyen oder Ägypten stammende Dichter Soterichos, der um 300 lebte, verfasste eine Lebensbeschreibung des Apollonios, die nur durch ihre Erwähnung in der Suda bekannt ist.<ref>Suda, Stichwort {{#if: Σωτήριχος| {{#if:Soterichos|Soterichos ({{#invoke:Vorlage:lang|flat}})|{{#invoke:Vorlage:lang|flat}}}}|{{#if: Soterichos|Soterichos|Apollonios von Tyana}} }}, Adler-Nummer: sigma 877, Suda-Online.</ref> Möglicherweise handelte es sich um eine Bearbeitung von Philostratos’ Werk in einem epischen Gedicht. Im Westen befasste sich im 4. Jahrhundert der gebildete Senator Virius Nicomachus Flavianus mit Philostratos; er hat die Apollonios-Vita aber wohl nicht, wie man früher glaubte, ins Lateinische übersetzt, sondern nur eine griechische Abschrift angefertigt. Erst im 5. Jahrhundert übersetzte Sidonius Apollinaris, ein christlicher Bewunderer des Apollonios, das Werk des Philostratos ins Lateinische.<ref>Sidonius Apollinaris, Epistulae 8,3; zur Deutung der Stelle André Loyen (Hrsg.): Sidoine Apollinaire, Bd. 3: Lettres (Livres VI–IX), Paris 1970, S. 196f. Einer abweichenden Forschungsmeinung zufolge handelte es sich nicht um eine Übersetzung, sondern nur um eine revidierte Abschrift; siehe Sigrid Mratschek: Identitätsstiftung aus der Vergangenheit. In: Therese Fuhrer (Hrsg.): Die christlich-philosophischen Diskurse der Spätantike: Texte, Personen, Institutionen, Stuttgart 2008, S. 363–380, hier: S. 371f. und Anm. 60.</ref> Dieser Übersetzung, die nicht erhalten ist, war keine erkennbare Nachwirkung beschieden.

Apollonios als umstrittene pagane Leitfigur

Zu Beginn des 4. Jahrhunderts wurde die Apollonios-Verehrung im Rahmen der damaligen staatlichen Bekämpfung des Christentums direkt für christenfeindliche Zwecke eingesetzt. 302/303 schrieb der Statthalter Sossianus Hierokles, der in der Christenverfolgung ab 303 eine maßgebliche Rolle spielte, ein Pamphlet, in dem er versuchte, Apollonios als eine Christus überlegene Persönlichkeit zu erweisen. Damit wollte er den Philosophen zur Leitgestalt für die Gegner der Christen machen, wobei er vom Apolloniosbild des Philostratos ausging. Er argumentierte unter anderem, es sei zwar angebracht, einen Wundertäter wie Apollonios für einen von den Göttern geliebten Menschen zu halten, doch sei es leichtfertig und unangemessen, den Menschen Christus als Gott zu bezeichnen, nur weil er Wunder vollbracht habe. Außerdem seien die Taten des Apollonios besser bezeugt als diejenigen Christi, denn seine Biographen seien im Gegensatz zu den unwissenden Aposteln gebildete, wahrheitsliebende Männer gewesen.<ref>Zitat aus der nur fragmentarisch erhaltenen Schrift des Hierokles bei Eusebius von Caesarea, Gegen Hierokles 2.</ref> Die antichristliche Kampfschrift führte zu heftigen Reaktionen der Kirchenväter Eusebius von Caesarea und Lactantius.<ref>Eusebius von Caesarea, Gegen Hierokles; Lactantius, Divinae institutiones 5,2–3.</ref> Eusebius verfasste eine Gegenschrift, in der er Philostratos als Erfinder von Lügen angriff. Der historische Apollonios sei zwar möglicherweise ein weiser Mann gewesen, doch dürfe man ihn nicht legendenhaft überhöhen, sonst mache man aus einem Philosophen einen Zauberer, einen Esel im Löwenfell. Wenn man der Darstellung des Philostratos folge, könne man Apollonios nicht einmal für einen respektablen Philosophen halten.<ref>Eusebius von Caesarea, Gegen Hierokles 4–5. Siehe dazu Thomas Schirren: Irony versus Eulogy. The Vita Apollonii as Metabiographical Fiction. In: Kristoffel Demoen, Danny Praet (Hrsg.): Theios Sophistes. Leiden 2009, S. 161–186, hier: 177–186.</ref> Die Initiative des Sossianus Hierokles führte zu einem starken Anstieg des Interesses an Apollonios im Rahmen des schweren, anhaltenden Konflikts um das Christentum.<ref>Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 15, 96–103, 153–157, 162; Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist, Heidelberg 2008, S. 1. Zweifel an der Authentizität der Gegenschrift des Eusebius scheinen unbegründet zu sein; siehe dazu Christopher P. Jones: Apollonius of Tyana in Late Antiquity. In: Scott Fitzgerald Johnson (Hrsg.): Greek Literature in Late Antiquity, Aldershot 2006, S. 49–64, hier: 49–52.</ref>

Erst 1978 wurde ein Apollonios verherrlichendes Epigramm veröffentlicht. Es handelt sich um eine schwer datierbare, wohl am Ende des 3. oder im frühen 4. Jahrhundert angefertigte Inschrift auf einem marmornen Architravblock, der sich im Museum von Adana befindet. Der Block stammt wohl von einem Apollonios-Heiligtum. Hervorgehoben wird die Rolle des Apollonios als Heiler, dem eine himmlische Macht die Fähigkeit, die Menschen von Leiden zu erlösen, verliehen habe.<ref>Abbildung der Inschrift online. Siehe dazu Dietrich Berges, Johannes Nollé: Tyana. Archäologisch-historische Untersuchungen zum südwestlichen Kappadokien, Teil 2, Bonn 2000, S. 420–422; Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 64–73; Christopher P. Jones: An Epigram on Apollonius of Tyana. In: The Journal of Hellenic Studies 100, 1980, S. 190–194.</ref>

Das überschwängliche Lob, das der unbekannte Autor der Historia Augusta Apollonios spendete, lässt erkennen, wie wichtig der Neupythagoreer in den Kreisen dieses paganen Geschichtsschreibers als Vorbild nichtchristlicher Frömmigkeit war. In der Historia Augusta wird Apollonios als Weiser vorgestellt, der höchstes Ansehen genieße. Er sei nicht nur ein wahrer Freund der Götter, sondern auch selbst als göttliches Wesen zu verehren. Unter den Menschen sei niemand heiliger, verehrungswürdiger und göttlicher als er.<ref>Historia Augusta, Vita Aureliani 24,3–8.</ref> Die letztere Behauptung war eine offene Herausforderung an die Christen. Der Geschichtsschreiber fügte hinzu, er beabsichtige selbst eine Darstellung der Taten des Apollonios zu verfassen, damit sie überall bekannt würden.<ref>Historia Augusta, Vita Aureliani 24,9.</ref> Damit meinte er eine lateinische Schrift für das des Griechischen unkundige Lesepublikum im Westen des Reichs.

Der Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus meinte, Apollonios habe ebenso wie die berühmten Philosophen Pythagoras, Sokrates und Plotin sowie bedeutende Staatsmänner unter der Leitung eines Genius, eines persönlichen Schutzgeistes, gestanden und von ihm Belehrung empfangen. Jeder Mensch sei zu seinem Schutz mit einem solchen Genius verbunden, aber nur wenige besonders tugendhafte Persönlichkeiten seien dank der Reinheit ihrer Seelen in der Lage, ihre Genien wahrzunehmen und von ihnen unterwiesen zu werden.<ref>Ammianus Marcellinus, Res gestae 21,14.</ref>

Der Neuplatoniker Eunapios von Sardes († nach 414) hielt Apollonios für übermenschlich, er beschrieb ihn in seiner Sammlung von Philosophenbiographien als mittleres Wesen zwischen Gott und Mensch.<ref>Eunapios, Vitae sophistarum 2,1,3–4.</ref> In der „Tübinger Theosophie“, einem Auszug aus einer von einem spätantiken Christen angefertigten Sammlung paganer Texte, nennt das Orakel des Gottes Apollon drei Menschen, denen dank ihrer überragenden Lebenspraxis besondere Nähe zur Gottheit zuteilgeworden sei: Hermes Trismegistos, Moses und Apollonios.<ref>Tübinger Theosophie 44. Text und Übersetzung bei Dietrich Berges, Johannes Nollé: Tyana. Archäologisch-historische Untersuchungen zum südwestlichen Kappadokien. Teil 2, Bonn 2000, S. 417 f.</ref>

Die Rolle des Apollonios als pagane Leitfigur führte zu teils heftiger Ablehnung seiner Person bei den Christen. Unter den christlichen Autoren war die Auffassung verbreitet, seine Wundertaten seien, soweit es sich nicht um reine Erfindungen handle, das Werk von Dämonen.<ref>Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist, Heidelberg 2008, S. 45–55; Wolfgang Speyer: Zum Bild des Apollonios von Tyana bei Heiden und Christen. In: Jahrbuch für Antike und Christentum, Jg. 17, 1974, S. 47–63, hier: 59.</ref> Der Kirchenvater Augustinus argumentierte, es fehle an glaubwürdigen Zeugen für die Wunder.<ref>Augustinus, Epistulae 102,32.</ref> Der einflussreiche Prediger Johannes Chrysostomos stellte Apollonios als Schwindler dar, dessen Einfluss nur von regionaler Bedeutung gewesen sei und sich als vergänglich erwiesen habe. Im Gegensatz zu Christus habe Apollonios keine Kirche und keine Gläubigen hinterlassen.<ref>Johannes Chrysostomos, De laudibus sancti Pauli apostoli homiliae 4,8 und Adversus Iudaeos orationes 5,3.</ref> Der Kirchenvater Hieronymus äußerte sich zwar verächtlich über die Magie, die man nicht mit den Wundern Gottes vergleichen dürfe, brachte aber auch seinen Respekt vor dem Wissensdrang des „außergewöhnlichen Philosophen“ zum Ausdruck: Apollonios habe überall Gelegenheiten gefunden und genutzt, etwas Förderliches zu lernen und sich zu verbessern.<ref>Belege bei Christopher P. Jones (Hrsg.): Philostratus: Apollonius of Tyana. Letters of Apollonius, Ancient Testimonia, Eusebius’s Reply to Hierocles, Cambridge (Massachusetts) 2006, S. 122–125. Vgl. Wolfgang Speyer: Zum Bild des Apollonios von Tyana bei Heiden und Christen. In: Jahrbuch für Antike und Christentum, Jg. 17, 1974, S. 47–63, hier: 54f.; Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist, Heidelberg 2008, S. 48f.</ref>

Talismane

In der Spätantike waren im Osten des Reichs Talismane, die angeblich Apollonios angefertigt hatte, als Schutzmittel gegen Naturgewalten, Krankheiten und Ungeziefer wie Stechmücken, Skorpione und Mäuse beliebt. Meist waren es steinerne oder metallene Tierfiguren oder Säulen, denen man eine starke apotropäische Wirkung zuschrieb. Wann die Verwendung solcher Talismane einsetzte, ist unbekannt. Auffällig ist, dass keine vor der Spätantike entstandene Quelle sie erwähnt; die früheste Erwähnung findet sich in der Kampfschrift des Eusebius von Caesarea gegen Hierokles.<ref>Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History. Rom 1986, S. 99–127; Ursula Weisser: Das „Buch über das Geheimnis der Schöpfung“ von Pseudo-Apollonios von Tyana. Berlin 1980, S. 15f.; Gerd Petzke: Die Traditionen über Apollonius von Tyana und das Neue Testament. Leiden 1970, S. 24–27; Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist. Heidelberg 2008, S. 44f., 47f.</ref>

Auch nach der vollständigen Christianisierung des Römischen Reichs blieb im Osten der Volksglaube an die helfende Macht der Talismane ungebrochen. Aus theologischer Sicht war dies ein ernstes Problem. Für kirchliche Autoren stellte sich die Frage, wie Gott es zulassen konnte, dass die Talismane des Heiden Apollonios eine wundertätige, heilsame Wirkung entfalteten und dadurch eine Verführung zum Heidentum darstellten. Verbreitet war die einfache Antwort, es handle sich um trügerische Zauberei, um verruchte und gottlose Hervorbringungen, deren Wirksamkeit auf der Macht von Dämonen beruhe. Diese Erklärung befriedigte aber nicht alle beunruhigten Gemüter. Im 5. Jahrhundert gab ein theologischer Schriftsteller – „Pseudo-Justin“, vermutlich Bischof Theodoret von Kyrrhos – in dem Werk Quaestiones et responsiones ad orthodoxos („Fragen und Antworten an die Rechtgläubigen“) eine differenziertere Erklärung. Er räumte ein, dass die Talismane tatsächlich die ihnen zugeschriebene Wirkkraft besäßen. Den Unterschied zwischen den Wundern Christi und denen des Apollonios sah er darin, dass Christus aufgrund seiner göttlichen Vollmacht als unumschränkter Herr der Schöpfung gehandelt habe, während Apollonios seine Taten nur dank seiner Kenntnis der Naturkräfte habe vollbringen können. Der Kirchenschriftsteller unterschied also zwischen einer übernatürlichen Wundertätigkeit Christi und einer nur im Rahmen von Naturgesetzen wirkenden Macht, über die Apollonios als Kenner der natürlichen Eigenschaften seiner Materialien verfügt habe. Es seien keine übermenschlichen Fähigkeiten des Apollonios, sondern nur besondere Eigenschaften der verwendeten Stoffe, die den Talismanen Wirksamkeit verliehen. Gott lasse dies zu, da es im Rahmen der Naturgesetze legitim sei und die Auswirkungen nur den Körper, nicht die Seele beträfen. Zu den Christen, welche die Talisman-Magie unbedenklich fanden, zählten auch Johannes Malalas und Hesychios von Milet.<ref>Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist, Heidelberg 2008, S. 52–55; Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 101–103, 111f.; Walter L. Dulière: Protection permanente contre des animaux nuisibles assurée par Apollonius de Tyane dans Byzance et Antioche. Evolution de son mythe. In: Byzantinische Zeitschrift 63, 1970, S. 247–277, hier: 247–249, 253–255. Vgl. Wolfgang Speyer: Zum Bild des Apollonios von Tyana bei Heiden und Christen. In: Jahrbuch für Antike und Christentum, Jg. 17, 1974, S. 47–63, hier: 55f.; Christopher P. Jones: Apollonius of Tyana in Late Antiquity. In: Scott Fitzgerald Johnson (Hrsg.): Greek Literature in Late Antiquity, Aldershot 2006, S. 49–64, hier: 54f.</ref> Der heute als „Pseudo-Nonnos“ bezeichnete unbekannte christliche Schriftsteller, der im frühen 6. Jahrhundert tätig war, hielt Apollonios zugute, er habe sich in guter Absicht an wohltätige Geister gewandt und die Talismane zu einem guten Zweck errichtet.<ref>Beleg bei Christopher P. Jones (Hrsg.): Philostratus: Apollonius of Tyana. Letters of Apollonius, Ancient Testimonia, Eusebius’s Reply to Hierocles, Cambridge (Massachusetts) 2006, S. 134f. Vgl. Wolfgang Speyer: Zum Bild des Apollonios von Tyana bei Heiden und Christen. In: Jahrbuch für Antike und Christentum, Jg. 17, 1974, S. 47–63, hier: 55; Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist. Heidelberg 2008, S. 51f.</ref>

Einen anderen Gedankengang trug der spätantike Mönch und Kirchenvater Neilos (Nilus) von Ankyra in einem Brief vor. Er hielt die Frage nach der Wirksamkeit der Talismane für belanglos, da sie jedenfalls keinen himmlischen Segen enthielten und der Seele keinen Gewinn brächten. Für einen Menschen, der nach unvergänglichen Gütern trachte, sei das, was mittels der Talismane erlangt werden könne, nicht wertvoller als eine Handvoll Gerste.<ref>Neilos von Ankyra, Epistulae 2, 148.</ref>

Vermutlich in Kreisen spätantiker christlicher Gnostiker entstand das angeblich von Apollonios verfasste „Buch der Weisheit und des Verständnisses der Wirkungen“, das unter anderem Anweisungen zum Aufstellen von Talismanen enthält. Diese synkretistische Schrift verbindet paganes, jüdisches und christliches Gedankengut. Hier erscheint Apollonios als Kenner verborgener Naturkräfte und kosmischer Gesetze und als Wohltäter, der nach dem Willen Gottes für die Bedürfnisse der Menschen Talismane anfertigt. Ferner sagt er die Geburt Christi voraus; daraus ist ersichtlich, dass die Legenden teilweise in einem Milieu fortentwickelt wurden, in dem man keine klare Vorstellung von der zeitlichen Einordnung seines Lebens hatte.<ref>Gerd Petzke: Die Traditionen über Apollonius von Tyana und das Neue Testament, Leiden 1970, S. 34; Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 103–106. Christopher P. Jones: Apollonius of Tyana in Late Antiquity. In: Scott Fitzgerald Johnson (Hrsg.): Greek Literature in Late Antiquity, Aldershot 2006, S. 49–64, hier: 57f. plädiert für Spätdatierung (800–1200).</ref>

Mittelalter

Byzanz

Im Byzantinischen Reich blieb die Erinnerung an den Tyaneer lebendig. Im 9. Jahrhundert kritisierte Patriarch Photios I. von Konstantinopel, ein bedeutender Gelehrter und Kenner antiker Literatur, die Darstellung des Philostratos, dem er vorwarf, eine Sammlung von Unsinn angelegt zu haben.<ref>Photios, Bibliothek 44.</ref> Man wusste noch von den Talismanen, und der Glaube an ihre wohltätige Wirkung dauerte fort. Bis ins 15. Jahrhundert befassten sich byzantinische Autoren mit der Apollonios zugeschriebenen Talisman-Magie. Für manche von ihnen waren die Talismane Teufelswerk, andere werteten sie positiv. Auch die Gegner zweifelten nicht an der Wirksamkeit. Nicht alle Talismane waren im Mittelalter verschwunden; einige, darunter ein bronzener Adler im Hippodrom von Konstantinopel, der eine Schlange in seinen Fängen hielt, waren noch zu Beginn des 13. Jahrhunderts vorhanden. Der Adler wurde von den Kreuzfahrern des Vierten Kreuzzugs, die 1204 Konstantinopel einnahmen, zerstört.<ref>Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 103–112, 125f.; Gerd Petzke: Die Traditionen über Apollonius von Tyana und das Neue Testament, Leiden 1970, S. 25–27; Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist, Heidelberg 2008, S. 52–57; Wolfgang Speyer: Zum Bild des Apollonios von Tyana bei Heiden und Christen. In: Jahrbuch für Antike und Christentum, Jg. 17, 1974, S. 47–63, hier: 55f., 60–62; Walter L. Dulière: Protection permanente contre des animaux nuisibles assurée par Apollonius de Tyane dans Byzance et Antioche. Evolution de son mythe. In: Byzantinische Zeitschrift 63, 1970, S. 247–277, hier: 256–267.</ref>

Islamische Welt und Christentum im Orient

Im arabischsprachigen Raum war die Gestalt des Apollonios im Mittelalter bekannt. Arabische Autoren nannten ihn Balīnūs oder auch Balīnās oder Abulūniyūs. Sie sahen in ihm den „Herrn der Talismane“ (ṣāḥib aṭ-ṭilasmāt) und schrieben ihm die Errichtung von Standbildern zu, die Städte magisch vor Unheil bewahrt hätten. In der arabischen okkultistischen Literatur spielte er als angeblicher Meister der Alchemie und Quelle von verborgenem Wissen eine wichtige Rolle. Er galt als Verfasser okkulter Schriften oder, wenn man diesen Schriften einen geheimnisvollen Ursprung zuschrieb, als deren Entdecker, Empfänger, Übermittler oder Übersetzer. Darunter waren Das große Buch der Talismane und Über die Mondtalismane. Ferner wurden in arabischen Aphorismensammlungen auch Apollonios zugeschriebene Weisheitssprüche überliefert. Die bekannteste und umfangreichste unter seinem Namen verbreitete Schrift war das im frühen 9. Jahrhundert verfasste Buch über das Geheimnis der Schöpfung (kitāb sirr al-ḫalīqa), eine umfassende naturphilosophische Erklärung der Beschaffenheit des Universums. Der damit verknüpften Legende zufolge hatte Balinus dieses Buch in Tyana in einer Höhle entdeckt.<ref>Ursula Weisser: Das „Buch über das Geheimnis der Schöpfung“ von Pseudo-Apollonios von Tyana. Berlin 1980, S. 1–8 und 22–41; Martin Plessner: Balinus. In: The Encyclopaedia of Islam, Bd. 1, Leiden 1960, S. 994 f.; Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History. Rom 1986, S. 112–123; Gerd Petzke: Die Traditionen über Apollonius von Tyana und das Neue Testament. Leiden 1970, S. 28–35; Matthias Dall’Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist. Heidelberg 2008, S. 60–65.</ref>

Im Prolog des Buchs über das Geheimnis der Schöpfung wird Balinus als armes Waisenkind aus Tyana beschrieben, im Gegensatz zur Darstellung des Philostratos, der zufolge Apollonios aus einer Oberschichtfamilie stammte. In dieser arabischen Überlieferung ist der Tyaneer nicht wie in der antiken Tradition der Erbe der Weisheit des Pythagoras, sondern Besitzer hermetischen Wissens. Als Hermetiker erscheint Balinus auch bei zwei weiteren Autoren des 9. Jahrhunderts: Der Philosoph al-Kindī bezeichnete ihn als Schüler des Hermes Trismegistos, des mythischen Urhebers der Hermetik, und der persische Gelehrte Abū Maʿšar setzte ihn mit Asklepios gleich, der nach der antiken Tradition ein Sohn des Hermes Trismegistos war.<ref>Jean-Marc Mandosio: Les vies légendaires d’Apollonius de Tyane, mage et philosophe. In: Micrologus, Bd. 21, 2013, S. 115–143, hier: 132–135.</ref>

Balīnūs als Pseudo-Apollonios<ref>Vgl. Ursula Weisser: Das „Buch über das Geheimnis der Schöpfung“ von Pseudo-Apollonius von Tyana. Berlin/New York 1980 (= Ars medica, III. Abteilung, Band 2).</ref> ist möglicherweise mit (Johannes) Paulinus (bzw. Pseudo-Johannes Paulinus) gleichzusetzen, der als Autor einer vor 1300 aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzten Abhandlung über Wunderdrogen, die lateinisch den Titel Salus vitae erhielt, genannt wird. Das Werk wurde 1338 auch ins Hebräische übersetzt. Auf der Grundlage der lateinischen Version<ref>Herausgegeben von John William Schibby Johnsson: Les «Experimenta duodecim Johannis Paulini». In: Bulletin de la Société Française d’Histoire de la Médecine et de ses Filiales 12, 1913, S. 257–267, hier: 258–262.</ref> entstanden im 14. und 15. Jahrhundert mehrere deutsche Fassungen, für welche die Bezeichnungen Schlangenhauttraktat<ref>Vgl. etwa Gundolf Keil: Randnotizen zum „Stockholmer Arzneibuch“. In: Studia neophilologica. Band 44, Nr. 2, 1972, S. 238–262, hier: S. 249.</ref> und Natternhemdtraktat geläufig sind. In deutscher Sprache war das Werk bis zum 17. Jahrhundert als medizinische Fachschrift verbreitet.<ref>Erhart Kahle, Gundolf Keil: Paulinus, Johannes. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 7. Berlin 1989, Sp. 382–386; Gundolf Keil: Der anatomei-Begriff in der Paracelsischen Krankheitslehre. Mit einem wirkungsgeschichtlichen Ausblick auf Samuel Hahnemann. In: Hartmut Boockmann, Bernd Moeller, Karl Stackmann (Hrsg.): Lebenslehren und Weltentwürfe im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Politik – Bildung – Naturkunde – Theologie. Bericht über Kolloquien der Kommission zur Erforschung der Kultur des Spätmittelalters 1983 bis 1987 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen: philologisch-historische Klasse. Folge III, Nr. 179). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, ISBN 3-525-82463-7, S. 336–351, hier: S. 339 und 341.</ref>

In der Syrisch-Orthodoxen Kirche herrschte die Auffassung, dass die Talismane Teufelswerk seien. Dieser Meinung war beispielsweise der namhafte Gelehrte Bar Hebraeus († 1286), der Apollonios als Rivalen Christi darstellte.<ref>Ursula Weisser: Das „Buch über das Geheimnis der Schöpfung“ von Pseudo-Apollonios von Tyana, Berlin 1980, S. 22f.; Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 118.</ref> In syrischer Sprache ist eine Apollonios zugeschriebene Rede über die Weisheit überliefert.<ref>Ursula Weisser: Das „Buch über das Geheimnis der Schöpfung“ von Pseudo-Apollonios von Tyana, Berlin 1980, S. 22.</ref>

West- und Mitteleuropa

In West- und Mitteleuropa war im Mittelalter kaum Wissen über Apollonios vorhanden. Soweit man von ihm Kenntnis nahm, wurde er als Besitzer von Geheimwissen wahrgenommen. Die Rezeption beschränkte sich weitgehend auf okkultes und naturphilosophisches Schrifttum, das unter seinem Namen kursierte, aber nicht von dem historischen Apollonios stammt. Zu den okkulten Schriften gehören das Buch des Apollonius über die Hauptursachen der Dinge (Liber Apollonii de principalibus rerum causis) und die Goldenen Blüten des Apollonius (Apollonii flores aurei).<ref>Lynn Thorndike: A History of Magic and Experimental Science, Bd. 1, New York 1923, S. 267; Bd. 2, New York 1923, S. 282f.</ref>

Das Werk Über die Geheimnisse der Natur (De secretis naturae) ist eine lateinische Übersetzung des arabischen Buchs über das Geheimnis der Schöpfung, die Hugo von Santalla im 12. Jahrhundert anfertigte.<ref>Pinella Travaglia: Note sulla dottrina degli elementi nel „De Secretis naturae“. In: Studi medievali, serie terza Jg. 39, 1998, S. 121–157.</ref> Hugo, ein vorzüglicher Kenner der antiken Literatur, erkannte, dass es sich bei der im arabischen Text als „Balinus der Weise, Herr der Talismane und Wundertäter“ bezeichneten Person um Apollonios von Tyana handelt.<ref>Jean-Marc Mandosio: Les vies légendaires d’Apollonius de Tyane, mage et philosophe. In: Micrologus, Bd. 21, 2013, S. 115–143, hier: 132–136.</ref>

Verschiedentlich wurde der Name Balinus in lateinischen okkultistischen Texten des Mittelalters verballhornt, wenn die Identität des Namensträgers mit Apollonios unbekannt war. Aus dem arabischen Balīnūs al-Ḥākim (Balinus der Weise) wurde lateinisch Galienus Alfachimus, und in der alchemistischen Schrift Turba philosophorum erscheint Balinus als Bonellus, Bonilis und Bodillus.<ref>Jean-Marc Mandosio: Les vies légendaires d’Apollonius de Tyane, mage et philosophe. In: Micrologus, Bd. 21, 2013, S. 115–143, hier: 137.</ref>

Frühe Neuzeit

Humanistische Quellenrezeption

Im frühen 15. Jahrhundert gelangte Philostratos’ Werk in der griechischen Originalfassung erneut in den Westen. Es stieß auf großes Interesse und wurde 1473 von dem florentinischen Humanisten Alamanno Rinuccini ins Lateinische übersetzt. Schon zu Rinuccinis Lebzeiten waren viele Handschriften seiner Übersetzung verbreitet; nach seinem Tod kam 1501 in Bologna der erste Druck heraus. Es folgten elf weitere Drucke, der letzte erschien 1608. Der griechische Text wurde erstmals 1501 von Aldo Manuzio herausgegeben; der Edition war Rinuccinis Übersetzung beigefügt. Manuzio fügte seiner Ausgabe den Text von Eusebios’ Philostratos-Kritik hinzu, denn er betrachtete die Vita Apollonii, wie er im Widmungsbrief ausführte, als Gift, zu dem man ein Gegengift bereitstellen müsse. Spätere Herausgeber folgten seinem Vorbild. Drei italienische Übersetzungen wurden 1549 publiziert, eine französische 1599.<ref>Siehe zu den Übersetzungen Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist, Heidelberg 2008, S. 249–261.</ref>

Die erste Ausgabe der Apollonios zugeschriebenen Briefe erschien 1498 in Venedig; der Herausgeber war Bartolomeo Pelusio (Bartholomaeus Iustinopolitanus). Marcus Musurus, der im folgenden Jahr die Briefe in einer Aldine herausbrachte, übernahm Bartolomeos Text.<ref>Zu den frühen Editionen der Briefe siehe Robert J. Penella (Hrsg.): The Letters of Apollonius of Tyana, Leiden 1979, S. 21.</ref>

Weltanschauliche Meinungsverschiedenheiten

Die Humanisten Marsilio Ficino (1433–1499) und Johannes Reuchlin (1455–1522) schätzten Apollonios. Reuchlin stellte ihn neben Sokrates und verglich seinen eigenen Kampf gegen Verleumder mit dem von Philostratos geschilderten unnachgiebigen Eintreten des antiken Philosophen für die Wahrheit. Gianfrancesco Pico della Mirandola († 1533) hingegen, der Neffe des berühmten Humanisten Giovanni Pico della Mirandola, kritisierte ihn scharf und ausführlich, da er in der Apollonios-Verehrung eine Bedrohung des alleinigen Wahrheitsanspruchs des christlichen Glaubens sah.<ref>Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist, Heidelberg 2008, S. 87–145, 181–219, 307–327.</ref>

Generell dominierte vor dem Zeitalter der Aufklärung ein von der apolloniosfeindlichen christlichen Tradition geprägtes Bild, das auch noch im 18. Jahrhundert und bis in die Moderne zahlreiche eifrige Verfechter hatte. Vertreter dieser Einschätzung des antiken Philosophen waren beispielsweise Johannes Trithemius (1462–1516),<ref>Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist, Heidelberg 2008, S. 160–180, 339–345.</ref> Jean Bodin († 1596)<ref>Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist, Heidelberg 2008, S. 242–246.</ref> und Cesare Baronio (1538–1607).<ref>Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist, Heidelberg 2008, S. 7f., 270.</ref> Die Kritiker pflegten die Wunder entweder als Betrug oder als Beweis für Kollaboration mit dem Teufel darzustellen.<ref>Beispiele bei Gerd Petzke: Die Traditionen über Apollonius von Tyana und das Neue Testament, Leiden 1970, S. 12f. Vgl. Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 197–204.</ref> 1646 veröffentlichte der Theologe Bartolomeo Tortoletti eine Schrift unter dem Titel Academia Tyanaea, in der er die christliche Apollonioskritik, wonach es sich um teuflischen Götzendienst handelte, mit der üblichen Heftigkeit breit darlegte.<ref>Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist, Heidelberg 2008, S. 274–294.</ref> Der Bischof Antoine Godeau beschrieb Apollonios in seiner Kirchengeschichte, die ab 1653 in mehreren Auflagen erschien, als den größten Feind des Christentums in der gesamten Geschichte. Er identifizierte ihn mit dem in der Offenbarung des Johannes erwähnten „Engel des Abgrunds“, einer unheilvollen Gestalt, die der Offenbarung zufolge hebräisch Abaddon, griechisch „Apollyon“ („Verderber“) genannt wurde.<ref>Offenbarung des Johannes 9,11. Siehe zu Godeaus Auffassung Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 200–202.</ref> Der Historiker Louis-Sébastien Le Nain de Tillemont schloss sich in seiner ab 1690 in mehreren Auflagen erschienenen Geschichte der Kaiser und anderen Fürsten der Auffassung Godeaus an.<ref>Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 202.</ref>

Nicht nur aus kirchlicher Sicht, sondern auch aus kirchenkritischer Perspektive wurden wie schon in der Spätantike wiederum polemische Vergleiche mit Christus angestellt. Der Verteufelung des Tyaneers durch kirchlich orientierte Autoren traten ab dem späten 17. Jahrhundert Deisten und Aufklärer entgegen. Den Anfang machte der Deist Charles Blount. Er brachte 1680 eine kommentierte englische Übersetzung der ersten beiden Bücher von Philostratos’ Apollonios-Biographie heraus. Für Blount war Apollonios ein Repräsentant der natürlichen Religiosität und ihrer ethischen Grundsätze, die er dem Exklusivitätsanspruch der Offenbarungsreligionen entgegenstellte. Seine Philostratos-Übersetzung wurde 1693 von der Church of England scharf verurteilt.<ref>Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 204f.</ref>

Jean Castillon (Giovanni Salvemini da Castiglione), ein in Preußen lebender italienischer Mathematiker und Philosoph, veröffentlichte 1774 in Berlin eine französische Philostratos-Übersetzung samt dem Kommentar von Blounts englischer Übersetzung. Eine Einleitung dazu in Form eines ironischen Widmungsbriefs an Papst Clemens XIV. verfasste der preußische König Friedrich der Große unter dem Pseudonym Philalethes („Wahrheitsfreund“). Die Absicht des Königs entsprach seiner antiklerikalen Gesinnung; er rief zum Kampf gegen den Teufel und gegen den Glauben an die Wunder des Apollonios auf, um die katholische Apollonios-Kritik lächerlich zu machen, wobei er auf Tillemonts Stellungnahme Bezug nahm.<ref>Vie d’Apollonius de Tyane par Philostrate, Berlin 1774 (online). Vgl. Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 207.</ref>

Voltaire äußerte sich mit Bewunderung über Apollonios, den er für einen bescheidenen, gerechten Philosophen und weisen Ratgeber hielt. Die Wunder seien ihm von enthusiastischen Schülern angedichtet worden.<ref>Voltaire: Essai sur les mœurs et l’esprit des nations, hrsg. von René Pomeau, Bd. 1, Paris 1990, S. 118f.</ref>

Christoph Martin Wieland verarbeitete den Apollonios-Stoff in seiner novellenartigen Erzählung Agathodämon, die 1799 erschien. Eine Rahmenhandlung umgibt fiktive Dialoge des Apollonios, der als Greis einem Besucher sein Leben erzählt und seine Philosophie erklärt. Wielands Apollonios ist der „Agathodämon“ (gute Geist), ein menschenfreundlicher, idealistisch gesinnter Philosoph. Früher hat er eine intensive gesellschaftspolitische Aktivität entfaltet, um die Sitten im Römischen Reich zu verbessern, nun verbringt er seinen Lebensabend auf Kreta. Er ist kein Wundertäter, wird aber als solcher verehrt, da er sich gelegentlich als Magier inszeniert hat, um Einfluss auf das einfache Volk zu gewinnen. Er hat den Wunderglauben als erzieherisches Mittel nutzbar gemacht, von der Überlegung ausgehend, man solle nicht versuchen, den „großen Haufen“, der vernünftigen Erklärungen unzugänglich sei, voreilig aufzuklären. Vielmehr solle man die Liebe der Menschen zum Wunderbaren „zum Vorteil der guten Sache“ benutzen. Fiktion hält er für erlaubt, wenn sie dazu dient, unverständige Menschen zu ihrem eigenen Glück zu überlisten und sie zu belehren und zu bessern. Gleichwohl beurteilt Wielands Apollonios den Hang zum Glauben sehr negativ. Er sieht darin eine „allgemeine Schwachheit der Menschen“ und die Wurzel zahlreicher Übel, da der Glaube Vernunft und Sittlichkeit verdunkle und die menschliche Freiheit beeinträchtige.<ref>Siehe dazu Andreas Seidler: Erzählen, Lust und Langeweile in Wielands späten Romanen Agathodämon und Aristipp und einige seiner Zeitgenossen. In: Walter Erhart, Lothar van Laak (Hrsg.): Wissen – Erzählen – Tradition. Wielands Spätwerk, Berlin 2010, S. 189–202, hier: 190–192.</ref>

Bildende Kunst

Der flämische Maler und Zeichner Jan van der Straet (1523–1605) fertigte zwölf Federzeichnungen zur Vita Apollonii an.<ref>Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist, Heidelberg 2008, S. 262–265; Abbildungen S. 356–361.</ref>

Im Jahr 1560 wurde im Kloster Agios Nikolaos auf der Insel des Sees von Ioannina in Epirus ein Wandfresko gemalt, das Apollonios in einer Gruppe von bedeutenden antiken Persönlichkeiten zeigt. Er trägt einen Turban, wohl wegen seiner legendären Verbindung mit dem Orient.<ref>Salvatore Settis: Severo Alessandro e i suoi Lari. In: Athenaeum 50, 1972, S. 237–251, hier: S. 245 und Anm. 20 sowie Abb. 3.</ref>

Im 17. Jahrhundert malte Pietro Liberi († 1687) eine Szene aus dem von Philostratos überlieferten Indienaufenthalt des Apollonios: Der griechische Philosoph begegnet dem weisen Brahmanen Iarchas. Das große, üppige Ölgemälde befindet sich heute im Schloss Weißenstein in Pommersfelden bei Bamberg.<ref>Erich Herzog: Zwei philostratische Bildthemen der venezianischen Malerei. In: Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz 8, 1958, S. 112–123, hier: 118–123.</ref>

Moderne

Altertumswissenschaftliche und religionswissenschaftliche Forschung

Die moderne kulturhistorische und religionswissenschaftliche Forschung hat sich insbesondere mit der Legendenbildung und mit den Parallelen und Vergleichen zwischen Apollonios und Christus auseinandergesetzt. Ein Hauptthema sind die Merkmale der Idealgestalt des vorbildlichen „göttlichen Menschen“ in der literarischen Überlieferung. Zugleich hat eine intensive quellenkritische Auseinandersetzung mit der Darstellung des Philostratos stattgefunden.

Die Untersuchung des Verhältnisses der Apollonios-Legenden zum Neuen Testament erhielt einen wichtigen Impuls durch eine 1832 publizierte Abhandlung des Kirchenhistorikers und Neutestamentlers Ferdinand Christian Baur.<ref>Ferdinand Christian Baur: Apollonius von Tyana und Christus, oder das Verhältniß des Pythagoreismus zum Christenthum, Tübingen 1832.</ref> Baur nahm an, dass Philostratos das Christusbild der Evangelien gekannt habe und dass er seinen Helden als Alternative zu Christus habe präsentieren wollen. Diese Hypothese fand zeitweilig Anklang.<ref>Erkki Koskenniemi: Apollonios von Tyana in der neutestamentlichen Exegese, Tübingen 1994, S. 18–20, 27.</ref> Sie wurde aber später von einer anderen Sichtweise abgelöst, der zufolge bei Texten dieser Art der Schluss von inhaltlichen Parallelen auf literarische Abhängigkeit voreilig ist. Allerdings plädierte Heinz-Günther Nesselrath 2016 dafür, die „Möglichkeit noch einmal aufzugreifen“, dass Philostratos beabsichtigte, auf Überlieferungen zu Christus zu reagieren.<ref>Balbina Bäbler, Heinz-Günther Nesselrath: Philostrats Apollonios und seine Welt, Berlin 2016, S. 16f.</ref> Eine detaillierte Begründung für diese Forderung gab Nesselrath im folgenden Jahr.<ref>Heinz Günther Nesselrath: Eine religiös-philosophische Leitfigur zwischen Vergangenheit und Zukunft: Philostrats Apollonios. In: Armin Eich u. a. (Hrsg.): Das dritte Jahrhundert, Stuttgart 2017, S. 155–169, hier: 163–168.</ref>

Großes Aufsehen erregte die 1913 von dem klassischen Philologen Eduard Norden vorgetragene Hypothese, eine Stelle in der Apostelgeschichte des Lukas im Neuen Testament, wo von einem Altar für den „unbekannten Gott“ in Athen die Rede ist,<ref>Apostelgeschichte 17,23 {{#switch: {{{4}}} | NA ={{{4}}} | OT | BHS ={{{4}}} | LXX ={{{4}}} | VUL ={{{4}}} | #default =EU}}.</ref> sei von der Apollonios-Tradition abhängig.<ref>Eduard Norden: Agnostos theos, Berlin 1913, S. 41–56.</ref> In der Vita Apollonii nimmt Apollonios auf solche Altäre in Athen Bezug.<ref>Philostratos, Vita Apollonii 6,3.</ref> Nordens Hypothese wurde intensiv diskutiert und schließlich verworfen.<ref>Zur Geschichte der Kontroverse siehe Erkki Koskenniemi: Apollonios von Tyana in der neutestamentlichen Exegese, Tübingen 1994, S. 20–27.</ref>

Ein Meilenstein der Quellenkritik war die 1917 veröffentlichte Untersuchung von Eduard Meyer über den Quellenwert von Philostratos’ Darstellung, den Meyer niedrig veranschlagte.<ref>Eduard Meyer: Apollonios von Tyana und die Biographie des Philostratos. In: Hermes 52, 1917, S. 371–424.</ref> Meyer, der sich einer schon 1832 von Ferdinand Christian Baur<ref>Ferdinand Christian Baur: Apollonios von Tyana und Christus. In: Baur: Drei Abhandlungen zur Geschichte der alten Philosophie und ihres Verhältnisses zum Christentum, Leipzig 1876, S. 1–227, hier: 111–113 (Erstveröffentlichung 1832).</ref> und 1896 von Eduard Schwartz<ref>Eduard Schwartz: Fünf Vorträge über den griechischen Roman, Berlin 1896, S. 126; dieser Meinung war auch Julius Miller: Die Damispapiere in Philostratos Apolloniosbiographie. In: Philologus 66, 1907, S. 511–525.</ref> geäußerten Meinung anschloss, hielt Damis für eine von Philostratos frei erfundene Gestalt. Er betrachtete Apollonios als bloßen Magier ohne philosophische Kompetenz. Es folgten zahlreiche Arbeiten, die von der Frage nach dem historischen Apollonios ausgingen und auf die Unterscheidung von Legenden und Tatsachen abzielten.<ref>Siehe zu diesen Debatten James A. Francis: Truthful Fiction: New Questions to Old Answers on Philostratus’ Life of Apollonius. In: American Journal of Philology 119, 1998, S. 419–441. Vgl. die neuere Erörterung bei Nikoletta Kanavou: Philostratos’ Life of Apollonius of Tyana and its Literary Context, München 2018, S. 12–26.</ref>

Versuche, die Geschichtlichkeit des angeblichen Apollonios-Schülers Damis zu retten, unternahmen Fulvio Grosso,<ref>Fulvio Grosso: La „Vita di Apollonio di Tiana“ come fonte storica. In: Acme 7, 1954, S. 331–532.</ref> Ferdinando Lo Cascio,<ref>Ferdinando Lo Cascio: La forma letteraria della Vita di Apollonio Tianeo, Palermo 1974, S. 30–34, 45.</ref> Bruce L. Taggart<ref>Bruce L. Taggart: Apollonius of Tyana: His Biographers and Critics, Ann Arbor 1972 (Dissertation, Tufts University), S. 68–77.</ref> und – zurückhaltend – Graham Anderson.<ref>Graham Anderson: Philostratus, London 1986, S. 166–169.</ref> Ihre Auffassung wird aber in der heutigen Forschung fast einhellig abgelehnt.<ref>Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 12f., 19–49; Jaap-Jan Flinterman: Power, Paideia and Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 79–81.</ref>

In neuerer Zeit findet Meyers Ansicht viel Zustimmung. Nach einer verbreiteten Forschungsmeinung sind die angeblichen Aufzeichnungen des Damis als Fiktion zu betrachten, als literarisches Hilfsmittel des Philostratos. Dabei wird auf eine gängige Darstellungspraxis hingewiesen, bei der sich Biographie, Geschichtsschreibung und Fiktion vermischen.<ref>Nikoletta Kanavou: Philostratos’ Life of Apollonius of Tyana and its Literary Context, München 2018, S. 14f.; Ewen Bowie: Philostratus: Writer of fiction. In: John Robert Morgan, Richard Stoneman (Hrsg.): Greek Fiction: The Greek Novel in Context, London 1994, S. 181–199, hier: 189–196; Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 19f.; Tim J. G. Whitmarsh: Philostratus. In: Irene de Jong u. a. (Hrsg.): Narrators, narratees, and narratives in ancient Greek literature, Leiden 2004, S. 423–439, hier: 426–435.</ref> Für plausibel halten manche Forscher auch die Annahme Meyers, Philostratos habe den Kennern literarischer Technik unter seinen Lesern die Fiktionalität des „Tagebuchs des Damis“ signalisiert. Diese Deutung vertreten Ewen Bowie,<ref>Ewen Bowie: Philostratus: Writer of fiction. In: John Robert Morgan, Richard Stoneman (Hrsg.): Greek Fiction: The Greek Novel in Context, London 1994, S. 181–199. hier: 189, 196.</ref> Thomas Schirren<ref>Thomas Schirren: Philosophos Bios, Heidelberg 2005, S. 5.</ref> und Verity Platt.<ref>Verity Platt: Virtual visions: Phantasia and the perception of the divine in The Life of Apollonius of Tyana. In: Ewen Bowie, Jaś Elsner (Hrsg.): Philostratus, Cambridge 2009, S. 131–154, hier: 140.</ref>

Aus philologischer Sicht ist die literarische Gestalt und die Zielsetzung von Philostratos’ Werk sowie dessen Verhältnis zur griechischen Romanliteratur untersucht worden.<ref>Siehe zur philologischen Perspektive Patrick Robiano: Un discours encomiastique: En l’honneur d’Apollonios de Tyane. In: Revue des Études grecques 114, 2001, S. 637–646 sowie die dort genannte ältere Literatur.</ref>

Weltanschauliche Auseinandersetzungen

Wie schon in der Antike haben auch in der Moderne die Analogien zwischen Apollonios und Christus Stoff zu weltanschaulichen Konflikten geliefert. Gegner des Christentums nutzen die Übereinstimmungen zwischen den Berichten über die beiden antiken Lebenslehrer für ihre Bibelkritik, christliche Apologeten stellen die Unterschiede heraus.<ref>Zur christlichen Apollonioskritik im 19. und 20. Jahrhundert siehe Gerd Petzke: Die Traditionen über Apollonius von Tyana und das Neue Testament, Leiden 1970, S. 13.</ref>

Aus christentumskritischer Sicht wird auch in der Moderne, wie schon in der Frühen Neuzeit, die Einzigartigkeit Christi und die Glaubwürdigkeit der Schilderungen seiner Taten in den Evangelien bestritten. Dabei wird unter anderem auf die Apollonios-Legenden verwiesen. Die Argumentation lautet, die Wundererzählungen im Neuen Testament stammten aus einem allgemein verbreiteten Materialfundus, aus dem auch die Bewunderer des Apollonios geschöpft hätten, um ihren Helden zu verherrlichen. Analoge Erwartungen der jeweiligen Anhänger seien mit verblüffend ähnlichen Legenden bedient worden. So argumentiert beispielsweise Karlheinz Deschner.<ref>Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums, Bd. 3, Reinbek 1990, S. 238f., 297f.</ref>

Die Herausforderung durch die Apollonios-Überlieferung und deren christentumskritische Instrumentalisierung bewog den jungen John Henry Newman, den späteren Kardinal, zu einer heftigen Reaktion. Im Jahr 1826 veröffentlichte er einen polemischen Essay, in dem er sich mit den Apollonios zugeschriebenen Wundern auseinandersetzte und die ausschließliche Echtheit der vom biblischen Gott gewirkten Wunder verteidigte.<ref>Jaś Elsner: Beyond Compare: Pagan Saint and Christian God in Late Antiquity. In: Critical Inquiry 35, 2008/2009, S. 655–683, hier: 659–669.</ref>

An die traditionelle christliche Apollonios-Kritik knüpfte am Ende des 20. Jahrhunderts der katholische Philosoph René Girard an. Er versuchte einen markanten Gegensatz zwischen Apollonios und Christus herauszuarbeiten. Den Ausgangspunkt seiner Überlegungen bildete seine neuartige Deutung der von Philostratos mitgeteilten Erzählung über die Seuche, von der Apollonios die Stadt Ephesos befreit haben soll. Nach Philostratos’ Darstellung wies der Philosoph die Ephesier an, den als Bettler getarnten dämonischen Urheber der Pest, ein Gespenst (phásma), zu beseitigen. Obwohl im Text der Quelle nur von einer in Ephesos grassierenden Krankheit (nósos) die Rede ist, fasste Girard die „Pest“ nicht als bakterielle Epidemie, sondern als soziale Krise auf. Er behauptete, Apollonios habe das archaische opferkultische Wissen eingesetzt, um die sozialen Spannungen in der Stadt durch einen einmütigen Lynchmord aufzulösen. Die dabei gezeigte Unmenschlichkeit des Pythagoreers kontrastiere mit der humanen Gesinnung Christi.<ref>René Girard: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums, München 2002, S. 69–103 (französische Originalfassung 1999).</ref> Auf die mangelnde Glaubwürdigkeit des Philostratos hinsichtlich der historischen Gestalt des Apollonios ging Girard nicht ein.

Esoterische Strömungen

In der modernen Theosophie fand Apollonios als Weisheitslehrer Wertschätzung. Die führende Theosophin Helena Petrovna Blavatsky äußerte sich in ihren Werken „Isis entschleiert“ (Isis unveiled, 1877) und „Die Geheimlehre“ (The Secret Doctrine, 1888) über seine Rolle. Sie meinte, er habe seinen Zeitgenossen „dieselbe Höhe moralischer Wahrheiten“ wie Christus eingeprägt, aber den großen Fehler begangen, „sich zu eng mit den höheren Klassen der Gesellschaft zu verbinden“, statt sich wie Christus den Armen zuzuwenden.<ref>Helena Petrowna Blavatsky: Isis entschleiert, Bd. 2, Hannover 2000, S. 355f. (Weiteres im Register S. 699). Vgl. Helena Petrowna Blavatsky: Die Geheimlehre, Bd. 3, Den Haag o. J. (um 1970), S. 129–142. Dort schreibt Blavatsky S. 131, über die Gründe, aus denen sich Apollonios mit den Mächtigen verbündet habe, könne man „unmöglich so spät darnach urteilen“.</ref> Der Theosoph George Robert Stowe Mead publizierte 1901 eine Monographie über Apollonios. Nach seiner Darstellung praktizierte und verkündete der antike Philosoph eine universale, auf Wissen über verborgene Zusammenhänge beruhende Religiosität. Diese sei den einzelnen historischen Religionen und Konfessionen übergeordnet.<ref>George Robert Stowe Mead: Apollonius of Tyana, London 1901 (Nachdruck Chicago 1980), S. 61–64, 92, 110f.</ref>

Auch Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, setzte sich mit Apollonios auseinander. 1921 stellte er in einem Vortrag fest, es bestünden bei Christus und Apollonios „eine größere Anzahl von Äußerlichkeiten im biographischen Element […], die eine Ähnlichkeit zeigen“. Dies sei aber nicht wesentlich, vielmehr seien „Apollonius von Tyana und der Christus Jesus die größten Gegensätze“. Apollonios habe nach einer ortsgebundenen irdischen Weisheit gesucht, Christus hingegen „ganz nur aus dem Überirdischen heraus“ gesprochen.<ref>Rudolf Steiner: Vortrag vom 28. März 1921, abgedruckt in dem Band Die Verantwortung des Menschen für die Weltentwickelung (= Rudolf Steiner Gesamtausgabe Nr. 203), Dornach 1978, S. 291, 294, 298.</ref>

Belletristik und Musik

Gustave Flaubert ließ in seinem Roman Die Versuchung des heiligen Antonius (La Tentation de saint Antoine), dessen letzte Fassung er 1874 veröffentlichte, Apollonios und Damis unter den Gestalten auftreten, die den Eremiten Antonius in Versuchung führten.<ref>Siehe zu Flauberts Apollonios-Rezeption Jean Seznec: „Le Christ du paganisme“. Apollonius de Tyane et Flaubert. In: Henri M. Peyre (Hrsg.): Essays in honor of Albert Feuillerat, New Haven 1943, S. 231–247.</ref>

Der tschechische Komponist Karel Boleslav Jirák schuf 1912/1913 die Oper Apollonius z Tyany (Apollonius von Tyana), die 1928 in Brünn uraufgeführt wurde. Das Libretto schrieb der Schriftsteller und Dichter Jiří Karásek ze Lvovic.

Der griechische Lyriker Konstantinos Kavafis schrieb über Apollonios, den er bewunderte, die Gedichte Falls er tatsächlich tot ist (1920 veröffentlicht) und Apollonios von Tyana auf Rhodos (1925 veröffentlicht).<ref>Robert Elsie (Hrsg.): Konstantinos Kavafis: Das Gesamtwerk, Zürich 1997, S. 176–179, 214f. (griechischer Text und deutsche Übersetzung). Vgl. Glen Bowersock: Cavafy and Apollonios. In: Grand Street, Bd. 2, Nr. 3, 1983, S. 180–189.</ref>

Der US-amerikanische Dichter und Essayist Charles Olson schuf 1951 das „Tanzspiel“ Apollonius of Tyana.

In der esoterischen Belletristik wurde Apollonios 1948 zum Titelhelden eines Romans von Maria Schneider.<ref>Maria Schneider: Apollonius von Tyana, 6. Auflage. Hammelburg 1997 (1. Auflage unter dem Titel Der Wanderer durch den Sternkreis, Berlin 1948).</ref>

Ausgaben und Übersetzungen von Quellen

  • Christopher P. Jones (Hrsg.): Philostratus: Apollonius of Tyana. Letters of Apollonius, Ancient Testimonia, Eusebius’s Reply to Hierocles (= Loeb Classical Library 458). Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts) 2006, ISBN 0-674-99617-8 (griechische Texte mit englischen Übersetzungen; Rezension)
  • Vroni Mumprecht (Hrsg.): Philostratos: Das Leben des Apollonios von Tyana. De Gruyter, Berlin 2014 (Erstveröffentlichung 1983), ISBN 978-3-11-036115-5 (griechischer Text mit deutscher Übersetzung)
  • Robert J. Penella (Hrsg.): The Letters of Apollonius of Tyana. A Critical Text with Prolegomena, Translation and Commentary. Brill, Leiden 1979, ISBN 90-04-05972-5.

Literatur

Übersichtsdarstellung

| Suppl. 1 = Walter Eder, Johannes Renger (Hrsg.): Herrscherchronologien der antiken Welt. Namen, Daten, Dynastien | Suppl. 2 = Manfred Landfester (Hrsg.): Geschichte der antiken Texte. Autoren- und Werklexikon | Suppl. 3 = Anne-Maria Wittke, Eckart Olshausen, Richard Szydlak (Hrsg.): Historischer Atlas der antiken Welt | Suppl. 4 = Manfred Landfester, Brigitte Egger (Hrsg.): Register zur Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte. Register zu den Bänden 13–15/3 des Neuen Pauly | Suppl. 5 = Maria Moog-Grünewald (Hrsg.): Mythenrezeption. Die antike Mythologie in Literatur, Musik und Kunst von den Anfängen bis zur Gegenwart | Suppl. 6 = Peter Kuhlmann, Helmuth Schneider (Hrsg.): Geschichte der Altertumswissenschaften. Biographisches Lexikon | Suppl. 7 = Christine Walde (Hrsg.): Die Rezeption der antiken Literatur. Kulturhistorisches Werklexikon | Suppl. 8 = Peter von Möllendorff, Annette Simonis, Linda Simonis (Hrsg.): Historische Gestalten der Antike. Rezeption in Literatur, Kunst und Musik | Suppl. 9 = Manfred Landfester (Hrsg.): Renaissance-Humanismus. Lexikon zur Antikerezeption | Suppl. 10 = Anne-Maria Wittke (Hrsg.): Frühgeschichte der Mittelmeerkulturen. Historisch-archäologisches Handbuch | Suppl. 11 = Falko Daim (Hrsg.): Byzanz. Historisch-kulturwissenschaftliches Handbuch | Suppl. 12 = Leonhard Burckhardt, Michael A. Speidel (Hrsg.): Militärgeschichte der griechisch-römischen Antike. Lexikon | Suppl. 13 = Joachim Jacob, Johannes Süßmann (Hrsg.): Das 18. Jahrhundert. Lexikon zur Antikerezeption in Aufklärung und Klassizismus | Suppl. 14 = Konrad Vössing, Matthias Becher, Jan Bemmann (Hrsg.): Die Germanen und das Römische Reich. Historisch-archäologisches Lexikon }} (= Der Neue Pauly. Supplemente. Band {{#invoke:Str|cropleft|1|7}}). Metzler, Stuttgart/Weimar|Der Neue Pauly (DNP). {{#if:1|Band 1,|}} Metzler, Stuttgart}} {{#switch: 1 | 1 = 1996 | 2 = 1997 | 3 = 1997 | 4 = 1998 | 5 = 1998 | 6 = 1999 | 7 = 1999 | 8 = 2000 | 9 = 2000 | 10 = 2001 | 11 = 2001 | 12/1 = 2002 | 12/2 = 2002 | 13 = 1999 | 14 = 2000 | 15/1 = 2001 | 15/2 = 2002 | 15/3 = 2003 | 16 = 2003 | Suppl. 1 = 2004 | Suppl. 2 = 2007 | Suppl. 3 = 2007 | Suppl. 4 = 2005 | Suppl. 5 = 2008 | Suppl. 6 = 2012 | Suppl. 7 = 2010 | Suppl. 8 = 2013 | Suppl. 9 = 2014 | Suppl. 10 = 2015 | Suppl. 11 = 2016 | Suppl. 12 = 2022 | Suppl. 13 = 2018 | Suppl. 14 = 2023 | #default = 1996–2023 }}, ISBN {{#switch: 1 | 1 = 3-476-01471-1 | 2 = 3-476-01472-X | 3 = 3-476-01473-8 | 4 = 3-476-01474-6 | 5 = 3-476-01475-4 | 6 = 3-476-01476-2 | 7 = 3-476-01477-0 | 8 = 3-476-01478-9 | 9 = 3-476-01479-7 | 10 = 3-476-01480-0 | 11 = 3-476-01481-9 | 12/1 = 3-476-01482-7 | 12/2 = 3-476-01487-8 | 13 = 3-476-01483-5 | 14 = 3-476-01484-3 | 15/1 = 3-476-01485-1 | 15/2 = 3-476-01488-6 | 15/3 = 3-476-01489-4 | 16 = 3-476-01486-X | Suppl. 1 = 3-476-01912-8 | Suppl. 2 = 978-3-476-02030-7 | Suppl. 3 = 978-3-476-02031-4 | Suppl. 4 = 3-476-02051-7 | Suppl. 5 = 978-3-476-02032-1 | Suppl. 6 = 978-3-476-02033-8 | Suppl. 7 = 978-3-476-02034-5 | Suppl. 8 = 978-3-476-02468-8 | Suppl. 9 = 978-3-476-02469-5 | Suppl. 10 = 978-3-476-02470-1 | Suppl. 11 = 978-3-476-02422-0 | Suppl. 12 = 978-3-476-02471-8 | Suppl. 13 = 978-3-476-02472-5 | Suppl. 14 = 978-3-476-02473-2 | #default = 3-476-01470-3 }}{{#if:887|, {{#switch: 1 | 16 | Suppl. 1 | Suppl. 2 | Suppl. 3 | Suppl. 4 | Suppl. 5 = S.  | #default = Sp.  }}887{{#if:|{{#ifexpr: 887 <> |–|}}|}}|}}{{#if:|, {{{Fundstelle}}}}}{{#if:| ()}}.{{#invoke:TemplatePar|match |template=Vorlage:DNP |cat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:DNP |format=@@@ |1=1=* |2=2=n |3=3=n |4=4=* |5=5=* |6=6=* |7=Fundstelle=*}}{{#if: 1|{{#switch: 1 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12/1 | 12/2 | 13 | 14 | 15/1 | 15/2 | 15/3 | 16 | Suppl. 1 | Suppl. 2 | Suppl. 3 | Suppl. 4 | Suppl. 5 | Suppl. 6 | Suppl. 7 | Suppl. 8 | Suppl. 9 | Suppl. 10 | Suppl. 11 | Suppl. 12 | Suppl. 13 | Suppl. 14 = | #default = Vorlage:DNP: Ungültige Bandnummer. }}|}}

Gesamtdarstellungen

  • Ewen Lyall Bowie: Apollonius of Tyana: Tradition and Reality. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Bd. II 16.2. De Gruyter, Berlin 1978, ISBN 3-11-007612-8, S. 1652–1699.
  • Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History (= Problemi e ricerche di storia antica 10). „L’Erma“ di Bretschneider, Rom 1986, ISBN 88-7062-599-0.
  • Gerd Petzke: Die Traditionen über Apollonius von Tyana und das Neue Testament (= Studia ad Corpus Hellenisticum Novi Testamenti, Bd. 1). Brill, Leiden 1970 (Dissertation)
  • Cerqueiro Daniel: El Taumaturgo (Apollonius of Tyana doxography), Buenos Aires 2005, ISBN 987-9239-15-6.

Rezeption

  • Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist. Zur Rezeption von Philostrats Vita Apollonii in der Renaissance (= Kalliope Bd. 8). Winter, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-8253-5412-1 (Dissertation)
  • Johannes Hahn: Weiser, göttlicher Mensch oder Scharlatan? Das Bild des Apollonius von Tyana bei Heiden und Christen. In: Barbara Aland u. a. (Hrsg.): Literarische Konstituierung von Identifikationsfiguren in der Antike. Mohr Siebeck, Tübingen 2003, ISBN 3-16-147982-3, S. 87–109.
  • Christopher P. Jones: Apollonius of Tyana in Late Antiquity. In: Scott Fitzgerald Johnson (Hrsg.): Greek Literature in Late Antiquity. Ashgate, Aldershot 2006, ISBN 0-7546-5683-7, S. 49–64
  • Jean-Marc Mandosio: Les vies légendaires d’Apollonius de Tyane, mage et philosophe. In: Micrologus, Bd. 21, 2013, S. 115–143
  • Wolfgang Speyer: Zum Bild des Apollonios von Tyana bei Heiden und Christen. In: Jahrbuch für Antike und Christentum, Jg. 17, 1974, S. 47–63.

Weblinks

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