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Hesychios von Milet

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Hesychios von Milet war ein spätantiker Geschichtsschreiber, der im 6. Jahrhundert wirkte; er starb wohl um 530.

Leben

Unsere Kenntnisse zu seiner Person und seinem Werk stammen von dem byzantinischen Gelehrten Photios (810/820–893)<ref>Photius, Bibliothek cod. 69 ed. René Henry: Photius: Bibliothèque. Band 1. Les Belles Lettres, Paris 1959, S. 101–102 (mit französischer Übersetzung; Digitalisat).</ref> und aus dem Lexikon Suda (10. Jahrhundert).<ref>Suda H 611 s.v. Hesychios Milesios, ed. Ada Adler: Suidae lexicon. Band 2: Δ–Θ. Teubner, Leipzig 1931, S. 594; siehe Suda online.</ref>

Hesychios stammte aus Milet in Kleinasien, sein Vater hieß ebenfalls Hesychios, seine Mutter Philosophia. Es ist unklar, ob Hesychios Christ war oder nicht; in der Forschung sind beide Annahmen anzutreffen.<ref>Anthony Kaldellis plädierte dafür, Hesychios – und eine ganze Reihe weiterer Intellektueller justinianischer Zeit – als heimliche Heiden zu betrachten, siehe Kaldellis 2005, S. 392ff. Dagegen ist unter anderem Warren Treadgold 2007, S. 270, der die communis opinio vertritt.</ref> Hesychios, der den hohen Rangtitel eines vir illustris trug und demnach zur senatorischen Reichselite Ostroms zählte, war literarisch recht aktiv; seine drei Werke waren in altgriechischer Sprache abgefasst und sind nur fragmentarisch erhalten.

In der Suda wurde Hesychios wahrscheinlich öfters als Quelle herangezogen,<ref>Zu dieser Frage vgl. die Diskussion bei Kaldellis 2005, S. 385–388.</ref> allerdings wohl in Form einer Epitome.<ref>Schultz 1913, Sp. 1323f.</ref> Eventuell benutzte Hesychios als eine Quelle die verlorene Chronik des Helikonios von Byzanz.

Werke

Weltgeschichte

Hesychios schilderte in seiner Weltgeschichte – der Titel wird von der Suda (Χρονικὴ ἱστορία, „Chronologische Geschichte“) und Photios (Ιστορία Ρωμαϊκή τε καὶ παντοδαπή, „Römische Geschichte und Universalgeschichte“) unterschiedlich angegeben – in sechs Abschnitten die Zeit vom sagenhaften assyrischen König Belos bis zum Tode des Kaisers Anastasios 518. Das erste Buch endete mit dem Fall Trojas, das zweite mit der Gründung Roms. Ab dem dritten Buch scheint sich Hesychios auf die römische Geschichte konzentriert zu haben. So schilderte Buch 3 die römische Königszeit, Buch 4 die Zeit der Republik bis Caesar, Buch 5 die Kaiserzeit bis zur Gründung von Konstantinopel 330 und Buch 6 schließlich die Zeit von Konstantin bis Anastasios. Die Darstellung muss sehr knapp gewesen sein. Photios, dem die Werke des Hesychios noch vorlagen, bemerkte, dass Diodor wesentlich ausführlicher sei, lobte aber den Stil des Hesychios. Die Idee einer Weltherrschaft, die von den Assyrern über Troja bis Rom und zuletzt nach Konstantinopel kam, wurde hier konsequent ausgeführt.<ref>Albrecht Berger: Untersuchungen zu den Patria Konstantinupoleos (= Poikila Byzantina. Band 8). Habelt, Bonn 1988, ISBN 3-7749-2357-4, S. 38 (Digitalisat).</ref>

Erhalten haben sich nur wenige Fragmente: drei aus dem 5. Buch und zwei aus dem 6. Buch.<ref>Fragmenta historicorum Graecorum (FHG). Band 4. Paris 1851, S. 143–177; Fragmente aus Buch 5 S. 145f.; aus Buch 6 S. 154f. (Digitalisat).</ref> Ferner hat sich in einer wohl im 10. Jahrhundert entstandenen Neufassung ein Exkurs erhalten, der dem 6. Buch vorgeschaltet war, die Lokalchronik von Byzantion/Konstantinopel, die unter dem Titel Patria Konstantinoupoleos (Πάτρια Κονσταντινουπόλεως κατὰ Ήσύχιον Ίλλούστριον) überliefert ist.<ref>Theodor Preger: Scriptores originum Constantinopolitanarum. Band 1, Teubner, Leipzig 1901 S. 1–18 (Digitalisat). Die Fragmente der griechischen Historiker (FGrHist) Teil 3 Geschichte von Staedten und Voelkern (Horographie und Ethnographie). B. Autoren ueber einzelne Staedte (Laender) [Nr. 297–607]. Brill, Leiden 1954, S. 286–272 Nr. 390 (Digitalisat); dazu Teil 3 Geschichte von Staedten und Voelkern (Horographie und Ethnographie). B, Kommentar zu Nr. 297–607. Brill, Leiden 1955, S. 121–122 Nr. 390 (Digitalisat). Siehe auch Brill’s New Jacoby Nr. 390 (dort mit englischer Übersetzung und Kommentar von Anthony Kaldellis).</ref>

Fortsetzung des Geschichtswerks

Hesychios schrieb auch ein zeitgeschichtliches Werk, das die Herrschaft des Kaisers Justin und die ersten Jahre Justinians umfasste, uns aber nur durch kurze Auszüge bei Photios bekannt ist. Nach dessen Aussage war es eher knapp, aber elegant abgefasst.

Onomatologos

Schließlich verfasste Hesychios ein umfassendes literaturgeschichtliches Werk (Ονοματολόγος, Onomatologos, Onomatologos ē pinax tōn en paideia onomastōn, „Namennenner oder Verzeichnis der auf kulturellem Gebiet namhaften Personen“), das Kurzbiographien griechischer Schriftsteller enthielt und nach Literaturgattungen geordnet war. Es wurde später von einem Bearbeiter gekürzt und umgearbeitet.<ref>Johannes Flach: Hesychii Milesii Onomatologi quae supersunt. Teubner, Leipzig 1882 (Digitalisat). Die Ausgabe ist jedoch vom Ansatz her verfehlt, siehe Kaldellis 2005, S. 386.</ref>

Literatur

Anmerkungen

<references />

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