Louis Nirenberg
Louis Nirenberg (* 28. Februar 1925 in Hamilton, Ontario; † 26. Januar 2020<ref>Tod von Louis Nirenberg</ref> in New York City<ref name="NYU">NYU Courant Mourns the Loss of Professor Louis Nirenberg. NYU Courant Institute of Mathematical Sciences, abgerufen am 31. Januar 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>) war ein kanadischer Mathematiker, der vor allem auf dem Gebiet der Partiellen Differentialgleichungen forschte.
Leben
Nirenberg besuchte die High School in Montreal und studierte zunächst an der McGill University (Bachelor-Abschluss 1945), dann an der New York University, wo er bei Richard Courant und Kurt Friedrichs studierte, 1947 seinen Master-Abschluss erhielt und 1949 bei James Stoker promoviert wurde (er löste darin das weylsche Einbettungsproblem der Differentialgeometrie<ref>Louis Nirenberg: The Weyl and Minkowski Problems in Differential Geometry in the Large. In: Comm. Pure Applied Math. Band 6, 1953, Seiten 337–394.</ref>). 1951/52 war er in Zürich bei Heinz Hopf und in Göttingen unter anderem bei Franz Rellich. Nirenberg wurde Professor am Courant Institute of Mathematical Sciences, wo er den Rest seiner Karriere bis zu seiner Emeritierung 1999 blieb und zeitweise dessen Direktor war. Nirenberg hat dort über 40 Doktoranden betreut. 1958 war er am Institute for Advanced Study.
Werk
Nirenberg gilt als einer der herausragenden Analytiker des 20. Jahrhunderts.<ref>Allyn Jackson, Notices AMS, April 2002</ref> Er lieferte fundamentale Beiträge zur Theorie linearer und nichtlinearer partieller Differentialgleichungen und ihren Anwendungen in Differentialgeometrie und komplexer Analysis.
Mit Fritz John begann er die Untersuchung von Funktionen im <math>\mathbb{R}^n</math> mit „bounded mean oscillation“ (BMO):
- <math>\frac {1}{\left| V_Q \right|} \int_Q \left| u - \hat u_Q \right| {\rm d}V \leq K</math>,
wobei Integration und Mittelwerte <math>\hat u_Q</math> in Würfeln <math>Q</math> mit Volumen <math>V_Q</math> betrachtet werden und <math>K</math> eine Konstante ist. Sie zeigten,<ref>Fritz John, Louis Nirenberg: On functions of bounded mean oscillation. In: Comm. Pure Applied Math. Band 14, 1961, Seiten 415–426.</ref> dass diese von „exponentieller Klasse“ sind (mit einer Konstanten <math>\lambda</math>):
- <math>\int \exp{(\lambda \left| u - \hat u_Q \right|)} {\rm d}V < \infty</math>.
Mit Luis Caffarelli und Robert V. Kohn untersuchte er die möglichen Singularitäten<ref>singuläre Mengen für schwache Lösungen der Navier-Stokes-Gleichungen; die Betrachtung schwacher Lösungen verfolgte zuerst Jean Leray, der in drei Dimensionen ihre Existenz bewies</ref> in den Navier-Stokes-Gleichungen (ein Problem, das noch weitgehend offen ist und in die Liste der Millennium-Probleme des Clay Mathematics Institutes aufgenommen wurde).<ref>Luis Caffarelli, Robert V. Kohn, Louis Nirenberg: Partial regularity of suitable weak solutions of the Navier-Stokes Equations. In: Comm. Pure Applied Math. Band 35, 1982, Seiten 771–831.</ref> Sie charakterisierten sie durch die Rate der Konzentration der Energiedichte um die möglichen singulären Punkte und zeigten, dass das 1-dimensionale Hausdorff-Maß der singulären Punkte in drei Raumdimensionen verschwindet. Dabei bauten sie auf den Arbeiten von Vladimir Scheffer ab Mitte der 1970er Jahre auf.<ref>Siehe die Darstellung von Fefferman <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Millennium Problem Navier-Stokes-Gleichungen, PDF-Datei ( vom 13. Juni 2010 im Internet Archive). Der Beweis des Satzes von Caffarelli, Kohn, Nirenberg ist von F.-H. Lin (A new proof of the Caffarelli-Kohn-Nirenberg Theorem. In: Comm. Pure and Applied Mathematics. Band 51, 1998, Seiten 241–257) vereinfacht worden.</ref>
Mit seinem Doktoranden August Newlander charakterisierte er komplexe Strukturen unter fast komplexen Strukturen im <math>\mathbb{R}^{2n}</math> (Satz von Newlander-Nirenberg).<ref>A. Newlander, Louis Nirenberg: Complex analytic coordinates in almost complex manifolds. In: Annals of Mathematics. Band 65, 1957, Seiten 391–404.</ref> Sie zeigten, dass Integrabilitätsbedingungen, die die Cauchy-Riemann-Gleichungen im Fall <math>n=1</math> verallgemeinern, nicht nur notwendig, sondern auch hinreichend sind. Wie sich Nirenberg erinnert, wurde er zu diesem Problem von André Weil und Shiing-Shen Chern inspiriert – insbesondere Weil forderte die sich mit partiellen Differentialgleichungen beschäftigenden Analytiker dazu heraus, auch einmal in seiner Sicht wirklich fundamentale Probleme, in diesem Fall ein lange offenes Problem aus der komplexen Analysis, in Angriff zu nehmen. Mit dem Satz von Newlander-Nirenberg bewies er mit Kodaira und Donald Spencer Existenzsätze über die Deformation komplexer Strukturen.<ref>Kunihiko Kodaira, Donald Spencer, Louis Nirenberg: On the existence of deformations of complex analytic structures. In: Annals of Mathematics. Band 68, 1958, Seiten 450–459.</ref>
In einer Arbeit von 1965 mit Joseph Kohn führte er Pseudodifferentialoperatoren ein.<ref>Kohn, Nirenberg An algebra of pseudodifferential operators, J. Pure Applied Mathematics, Band 18, 1965, S. 269–305</ref> Nach eigenen Aussagen<ref>Interview Notices AMS 2002</ref> war dies ein Nebenprodukt ihrer Arbeit über das <math>\overline{\partial}</math>-Neumannproblem, das bis dahin nicht veröffentlichte Ergebnisse über die Algebra singulärer Integraloperatoren verlangte.
Kennzeichen der Arbeiten von Nirenberg ist (wie schon bei seinem Lehrer Kurt Friedrichs, den Nirenberg in einem Interview 2002 als den Mathematiker bezeichnete, der ihn am meisten beeinflusste<ref>Interview, Notices AMS 2002, Nr. 4, S. 442. His view of mathematics very much formed my view... He was a great lover of inequalities, and that affected me very much.</ref>) häufig eine kunstvolle Anwendung von Ungleichungen, beispielsweise in der Arbeit mit Avron Douglis und Schmuel Agmon über Abschätzungen bei Randwertproblemen elliptischer partieller Differentialgleichungen,<ref>Agmon, Douglis, Nirenberg „Estimates near the boundary of solutions of elliptic partial differential equations under general boundary conditions“, Comm.Pure Applied Math., Bd. 12, 1959, S. 623–727</ref> in der sie auf Arbeiten von Juliusz Schauder aufbauten. Er selbst sah sich nicht als Begründer von Theorie-Gebäuden, sondern als Problem-Löser.<ref>Interview Notices AMS 2002, loc.cit.</ref>
Ehrungen und Mitgliedschaften
Er wurde mit zahlreichen Ehrungen und Preisen ausgezeichnet, zunächst 1959 mit dem Bôcher Memorial Prize der AMS für „herausragende Leistungen in der mathematischen Analysis“. 1962 hielt er einen Plenarvortrag auf dem Internationalen Mathematikerkongress in Stockholm (Some Aspects of linear and nonlinear partial differential equations). Er war Guggenheim Fellow (1966) und Sloan Fellow und erhielt den „Award of Excellence in Science and Technology“ der Stadt New York. 1982 erhielt er als erster Preisträger (gemeinsam mit Vladimir I. Arnold) den schwedischen Crafoord-Preis, 1994 den Leroy P. Steele Prize der American Mathematical Society, 1995 die National Medal of Science sowie im Jahre 2010 die erste Chern-Medaille der IMU. Für 2014 wurde ihm der Leroy P. Steele Prize zugesprochen für seine Arbeit mit Robert V. Kohn und Caffarelli von 1982.<ref>Caffarelli, Kohn, Nirenberg Partial regularity of suitable weak solutions of the Navier-Stokes equations, Communications Pure and Applied Mathematics, Band 35, 1982, S. 771–831</ref> 2015 erhielt er mit dem Abelpreis einen der wichtigsten Mathematikpreise überhaupt.
Nirenberg war Mitglied der National Academy of Sciences der USA, der American Academy of Arts and Sciences (1965), der American Philosophical Society, der Norwegischen Akademie der Wissenschaften, der Académie royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgique (2009), der ukrainischen und lombardischen Akademie der Wissenschaften, der Pariser Académie des Sciences, der italienischen Accademia dei Lincei und der Royal Society of Canada (2011). Er war Fellow der American Mathematical Society. Die McGill University (1986), die Universität Pisa (1990), die Universität Paris-Dauphine (1990), die McMaster University (2000) und die University of British Columbia (2010) verliehen ihm die Ehrendoktorwürde.<ref name="NYU" />
Schriften
- Lectures on linear partial differential equations. In: Conference Board of the Mathematical Sciences of the AMS. American Mathematical Society, Providence (Rhode Island) 1973.
- Functional Analysis. Courant Institute 1961.
- Topics in Nonlinear Functional Analysis. Courant Institute 1974.
- Partial differential equations in the first half of the century, in Jean-Paul Pier Development of mathematics 1900-1950, Birkhäuser 1994
Literatur
- Brit Shields, Michael J. Baranyi: Obituary: Louis Nirenberg (1925-2020), Nature, Band 578, 17. Februar 2020, S. 359, Online
- Robert V. Kohn, Yanyan Li (Herausgeber): Louis Nirenberg (1925-2020), Notices AMS, Juni/Juli 2021, Band 68, S. 959–979
Weblinks
- John J. O’Connor, Edmund F. Robertson: Louis Nirenberg. In: {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value) (englisch).
- Louis Nirenberg im Mathematics Genealogy Project (englisch)
- Interview with Louis Nirenberg in Notices of the AMS 2002 (PDF; 655 kB)
- National Medal of Science für Nirenberg, Notices AMS – mit Würdigung seiner Arbeiten durch Luis Caffarelli und Joseph Kohn (PDF; 180 kB)
- Nirenberg zu seiner Arbeit mit Caffarelli und Kohn über die Navier-Stokes-Gleichungen, 1981
- Tristan Riviere: Exploring the Unknown: The Work of Louis Nirenberg on Partial Differential Equations, Notices AMS, Februar 2016 (sowie Interview mit Nirenberg)
- Videos von und über Louis Nirenberg im AV-Portal der Technischen Informationsbibliothek
- Louis Nirenberg in der Datenbank zbMATH
Einzelnachweise
<references />
Vorlage:Klappleiste/Anfang 2003: Jean-Pierre Serre | 2004: Michael Francis Atiyah, Isadore M. Singer | 2005: Peter Lax | 2006: Lennart Carleson | 2007: S. R. Srinivasa Varadhan | 2008: John Griggs Thompson, Jacques Tits | 2009: Michail Gromow | 2010: John T. Tate | 2011: John Milnor | 2012: Endre Szemerédi | 2013: Pierre Deligne | 2014: Jakow Grigorjewitsch Sinai | 2015: John Nash, Louis Nirenberg | 2016: Andrew Wiles | 2017: Yves Meyer | 2018: Robert Langlands | 2019: Karen Uhlenbeck | 2020: Hillel Furstenberg, Grigori Margulis | 2021: László Lovász, Avi Wigderson | 2022: Dennis Sullivan | 2023: Luis Caffarelli | 2024: Michel Talagrand | 2025: Masaki Kashiwara | 2026: Gerd Faltings Vorlage:Klappleiste/Ende
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Nirenberg, Louis |
| KURZBESCHREIBUNG | kanadischer Mathematiker |
| GEBURTSDATUM | 28. Februar 1925 |
| GEBURTSORT | Hamilton, Ontario |
| STERBEDATUM | 26. Januar 2020 |
| STERBEORT | New York City |
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- Mathematischer Analytiker (20. Jahrhundert)
- Hochschullehrer (New York University)
- Ehrendoktor der McGill University
- Ehrendoktor der McMaster University
- Ehrendoktor der Université Paris-Dauphine
- Ehrendoktor der University of British Columbia
- Ehrendoktor einer Universität in Italien
- Mitglied der Académie des sciences
- Mitglied der Accademia dei Lincei
- Mitglied der American Academy of Arts and Sciences
- Fellow der American Mathematical Society
- Mitglied der American Philosophical Society
- Mitglied der National Academy of Sciences
- Mitglied der Norwegischen Akademie der Wissenschaften
- Mitglied der Royal Society of Canada
- Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine
- Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften und Schönen Künste von Belgien
- Träger der National Medal of Science
- Träger des Abelpreises
- Kanadischer Emigrant in den Vereinigten Staaten
- Kanadier
- Geboren 1925
- Gestorben 2020
- Mann