Tiergift
Tiergifte oder Tierische Gifte sind Toxine von Tieren, also diejenigen Gifte, die von Tieren synthetisiert oder sequestriert (von anderen Quellen angereichert) werden.<ref name="Edstrom">Anders Edstrom: Venomous and poisonous animals. Krieger Publishing Company, 1992, ISBN 0-89464-627-3.</ref> Tiergifte können zur Überwindung von Beutetieren oder zur Abwehr von Mikroorganismen, Parasiten oder Prädatoren dienen.
Einige der Tiere enthalten Toxine in Körperteilen, welche im Kontakt passiv übertragen werden ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)), etwa durch Berühren oder Aufnahme als Nahrung; andere können ihre Toxine aktiv übertragen ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)), etwa durch Biss (Giftzahn) oder Stachel (Giftstachel).<ref name="Edstrom" />
Inhaltsstoffe
Viele Gifte sind eine komplexe Mixtur verschiedener organisch chemischer Stoffklassen. Die Hauptwirkstoffe von aktiv abgegebenen Insektengiften sind Peptide und Proteine. Daneben enthalten sie Alkaloide, Terpene, Polysaccharide, biogene Amine (wie Histamine), organische Säuren (wie Ameisensäure), und Aminosäuren.<ref>W. L. Meyer: Most toxic insect venom. (PDF) In: Book of Insect Records.Chapter 23, Gainesville Florida 1. Mai 1996. Abgerufen am 6. Juli 2015.</ref><ref>M. S. Blum: Chemical defenses in arthropods. Academic Press, New York 1981, S. 562.</ref><ref name="de Lima">P. R. de Lima, M. R. Brochetto-Braga: Hymenoptera venom review focusing on Apis mellifera. In: J. Venom. Anim. Toxins incl. Trop. Dis. Band 9, Nr. 2 Botucatu 2003.</ref>
Biologische Wirkungen
Aufgrund der Vielzahl an Giften besteht eine Vielzahl an Wirkmechanismen. Das Wirkspektrum ist umfangreich, kann aber für aktiv abgegebene Insektengifte grob eingeteilt werden in neurotoxische, hämolytische, verdauende, hämorrhagische und algogenische (Schmerz verursachende) Effekte.<ref>J. O. Schmidt: Chemistry, pharmacology and chemical ecology of ant venoms. In: T. Piek (Hrsg.): Venoms of the hymenoptera. Academic Press, London 1986, S. 425–508.</ref><ref>M. S. Blum: Chemical defenses in arthropods. 'Academic Press. New York 1981, S. 562.</ref> Möglicherweise dominieren Nervengifte unter den besonders potenten Giften. Andere verändern als Chaperone die Tertiärstruktur von Proteinen und damit deren Funktionen.<ref>Naofumi u. a.: Protein function: chaperonin turned insect toxin. In: Nature. 411, Nr. 6833, 2001, S. 44–44, doi:10.1038/35075148.</ref>
Gifttiere
Innerhalb der Tiere finden sich jeweils mehrere Gifttiere unter den Taxa der Schwämme (Porifera), Blumentiere (Anthozoa), Hydrozoen, Schirmquallen (Scyphozoa), Vielborster (Polychaeta), Schnecken (Gastropoda), Kopffüßer (Cephalopoda), Insekten (Insektengift), Spinnentiere (Spinnentoxine, Giftspinnen), Fische (Giftfisch), Amphibien (Amphibiengifte,<ref>John W. Daly: The chemistry of poisons in amphibian skin. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 92, Nummer 1, Januar 1995, S. 9–13, doi:10.1073/pnas.92.1.9, PMID 7816854, PMC 42808 (freier Volltext).</ref> besonders bekannt die Pfeilgiftfrösche und der Feuersalamander<ref>Tim Lüddecke, Stefan Schulz, Sebastian Steinfartz, Miguel Vences: A salamander’s toxic arsenal: review of skin poison diversity and function in true salamanders, genus Salamandra. In: The Science of Nature. Band 105, Nr. 9–10, Oktober 2018, ISSN 0028-1042, S. 56, doi:10.1007/s00114-018-1579-4 (springer.com [abgerufen am 26. Januar 2021]).</ref>), Reptilien und Säugetiere (Mammalia, giftige Säugetiere).<ref name="Edstrom" /> Unter den Vögeln sind wenige Giftvögel wie die Sporngans (Plectropterus gambensis) bekannt. In den 1990er-Jahren stellte sich heraus, dass in der Haut und den Federn des in Neuguinea lebenden Zweifarbenpitohuis (Pitohui dichrous) Batrachotoxin enthalten ist.<ref name="Tidwell" /> Auch Pitohui ferrugineus und Mohrenpitohui (Pitohui nigrescens) sowie der Blaukappenflöter (Ifrita kowaldi) aus Neuguinea tragen das Gift in ihren Federn.<ref name="Tidwell">John Tidwell: The intoxicating birds of New Guinea. (PDF) Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 9. Juli 2015; abgerufen am 16. Juli 2015. In: ZooGoer. Band 30, Nr. 2., 2001.</ref>
Gifttiere in Deutschland
In Deutschland können unter den Gift tragenden Tieren für Menschen gesundheitsgefährdend sein:
- Quallen
- in Nord- und Ostsee wie Gelbe Haarqualle und Feuerqualle
- Spinnentiere
- Dornfingerspinne
- Insekten
- viele Hautflügler wie Bienen, Wespen, Hummeln;
- Amphibien
- Feuersalamander, Rotbauchunke, Gelbbauchunke;
- Reptilien
- Aspisviper, Kreuzotter.
Viele andere wie Schuppenameisen, Marienkäfer oder Kartoffelkäfer enthalten Toxine, die für den Menschen in der Regel nicht gesundheitsgefährdend sind.
Gifttiere in USA
In USA treten an Gifttieren auf: Giftschlangen, Schuppenkriechtiere (Gila-Krustenechse), Kröten, Spinnen, Skorpione, Hundertfüßer, Tausendfüßer, Insektenraupen, Hautflügler. An den Meeresküsten auch Quallen, Stechrochen, Cottoidea, Nesseltiere, Schwämme, Ringelwürmer, Stachelhäuter, Weichtiere und andere.<ref>Henry M. Parrish: Analysis of 460 fatalities from venomous animals in the United States. In: The American journal of the Medical Sciences. Band 245, Nr. 2, 1963, S. 35–47.</ref>
Behandlungsmöglichkeiten
Das Antidot bildet ein (stoffliches) Gegenmittel zu Toxinen oder anderen Substanzen, die auf einen Organismus Einfluss nehmen.
Akute Vergiftung
Unbehandelte akute Gewebevergiftungen durch potente Tiergifte (etwa durch Giftfische, Skorpionstich oder Schlangenbiss) können bleibende Schäden hinterlassen und lebensbedrohlich verlaufen. Zur wirksamen Behandlung wird möglichst ein spezifisches Antiserum eingesetzt. Dabei handelt es sich um eine passive Impfung mit einem Immunserum, welches Antikörper gegen die Toxine enthält. Diese Toxine werden von dazu gezüchteten Gifttieren (z. B. in Schlangenfarmen) gewonnen. Das erhaltene Gift wird für bessere Lagerfähigkeit meist tiefgefroren und gefriergetrocknet. Hoch verdünnt aufgelöst werden damit Haustiere – häufig Pferde, Schafe oder Kaninchen – geimpft. Aufgereinigte Teile ihres Blutserums ergeben das Antiserum. Dieses wird für maximale Haltbarkeit gefriergetrocknet und portioniert in Brech-Glasampullen eingeschmolzen. Wird das Antiserum bald nach dem Gifteintritt verabreicht und ist das Antiserum spezifisch wirksam, ist die Prognose in aller Regel gut.
Allergisierung
Bei gleicher Giftdosis zeigt sich manchmal eine unterschiedliche Wirkung auf verschiedene Menschen. Dies kann oft auf unterschiedlich starke Allergisierungen zurückgeführt werden und wird als Allergie bezeichnet.<ref>David B. K. Golden, David G. Marsh, Anne Kagey-Sobotka, Linda Freidhoff, Moyses Szklo, Martin D. Valentine, Lawrence M. Lichtenstein: Epidemiology of insect venom sensitivity. In: JAMA. 262, Nr. 2, 1989, S. 240–244, doi:10.1001/jama.1989.03430020082033.</ref> Gerade nach Stichen durch Honigbienen (Apis mellifera), Wespen (insbesondere Vespula vulgaris, Vespula germanica), seltener auch Hornissen (Vespa crabro) und Hummeln (Bombus spp.) können Insektengiftallergien vermehrt auftreten, die Reaktionsbreite kann sich zwischen 'harmlos' bis zum anaphylaktischen Schock erstrecken. Im Notfall können intravenös Elektrolytlösungen verabreicht oder in besonders schweren Fällen Adrenalin injiziert werden.
Zur Therapie von Giftallergien besonders gegen Hautflügler können die auslösenden Insektengifte niedrig dosiert verabreicht werden, dies wird als Hyposensibilisierung bezeichnet.<ref>Martin D. Valentine u. a.: The value of immunotherapy with venom in children with allergy to insect stings. (PDF) In: New England Journal of Medicine. 323, Nr. 23, 1990, S. 1601–1603.</ref><ref>Iris Bellinghausen, Gudrun Metz, Alexander H. Enk, Steffen Christmann, Jürgen Knop, Joachim Saloga: Insect venom immunotherapy induces interleukin‐10 production and a Th2‐to‐Th1 shift, and changes surface marker expression in venom‐allergic subjects. In: European Journal of Immunology. 27, Nr. 5, 1997, S. 1131–1139, doi:10.1002/eji.1830270513.</ref>
Literatur
Fachartikel
- Tim Lüddecke, Björn M. Von Reumont: Tiergifte als Quelle neuartiger Bioressourcen. In: BIOspektrum. Band 26, Nr. 7, November 2020, S. 724–727, doi:10.1007/s12268-020-1482-3.
- Philipp Teichfischer: Tiergifte als Heilmittel – ein Beitrag zur Geschichte der antiken Medizin / Venom as a cure – some notes on ancient medicine. In: Medizinhistorisches Journal. Band 50, Nr. 4, 2015, S. 319–356.
Fachbücher
- Gerhard G. Habermehl: Gift-Tiere und ihre Waffen. Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 1994, ISBN 978-3-642-63404-8, doi:10.1007/978-3-642-57925-7.
- Günter Schmidt: Giftige und gefährliche Spinnentiere: humanpathogene Skorpione (Scorpionida), Milben (Acarina) und Spinnen (Araneida) (= Die Neue Brehm-Bücherei. Band 608). Westarp Wissenschaften, Magdeburg, Essen 1993, ISBN 978-3-89432-405-6.
- Herbert L. Stahnke: The Treatment of Venomous Bites and Stings. Arizona State University, Tempe, AZ 1966 (archive.org).
- Gerhard Venzmer: Tierische Gifte und giftige Tiere. Kosmos, Stuttgart 1932.
Einzelnachweise
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