Zum Inhalt springen

Claude Berri

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 7. Januar 2026 um 02:18 Uhr durch imported>SeptemberWoman (+ Bilder, Ausz., Zwischenüberschriften, Weblink, Kleinkram).
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Datei:Claude Berri 1993.jpg
Claude Berri (1993)

Claude Berri (* 1. Juli 1934 in Paris; † 12. Januar 2009 ebenda; eigentlich Claude Berel Langmann) war ein französischer Filmregisseur, Schauspieler, Filmproduzent und Drehbuchautor. Berri war einer der vielseitigsten und erfolgreichsten Regisseure und Produzenten Frankreichs. Sein Einfluss in der französischen Filmbranche war so bedeutend und vielfältig, dass er als der Pate („le parrain“), der Herrscher („l’empereur“), die Säule („le pilier“) und das Familienoberhaupt („le chef de famille“) des französischen Kinos bezeichnet wird.<ref>Jean-Luc Douin: Nécrologie. Claude Berri, homme-clé du cinéma français. In: Le Monde, 13. Januar 2009.</ref>

Leben und Werk

Herkunft und Familie

Berri entstammte einer aus Osteuropa eingewanderten jüdischen Kürschner-Familie in einem Pariser Arbeiter-Quartier im 10. Arrondissement. Sein Vater Hirsch Langmann war Kommunist<ref name="baron">Gérard Lefort, Didier Péron: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Berri, mort d’un baron du cinéma. (Memento vom 22. Januar 2009 im Internet Archive) In: Libération, 13. Januar 2009 (französisch).</ref> und kam aus Polen, seine Mutter Beila, geb. Bercu, war eine Arbeiterin aus Rumänien. Seine Kindheit und Jugendjahre verfilmte er 1970 in dem autobiographischen Spielfilm Papas Kino (Le cinéma de papa)<ref>Papas Kino. In: Lexikon des internationalen Films. Filmdienst, abgerufen am 4. April 2025.</ref> und etwas freier in der Komödie Die kleinen Französinnen – Das erste Mal (1976).<ref>Vorlage:TV Spielfilm</ref>

Anfänge und erste Regiearbeiten

Datei:ClaudeBerri-StudioHarcourt-1958.png
Berri (1958)

Zunächst arbeitete er bei seinem Vater, parallel dazu begann er mit dem Schauspiel am Theater und spielte in den Filmen bei Jacques Becker (Liebe im Kreise, 1952) und bei Jean Renoir (French Cancan, 1955) mit. Danach wandte er sich in den 1960er-Jahren der Regie zu. Mit seinem ersten Film, dem Kurzfilm Das Huhn (1962), gewann er einen Oscar. 1967 gründete er die Produktionsfirma Renn Productions, die er nach der Schauspielkollegin Katharina Renn benannte.

In Der alte Mann und das Kind (1967) schildert er seine Landverschickung während der deutschen Besatzung 1941 in die nichtbesetzte Zone nach Montauban. Er wurde als angeblich katholisches Kind bei einem alten Ehepaar untergebracht. Der alte Mann stellte sich als Antisemit und Pétain-Anhänger heraus, entwickelte jedoch zunehmend Sympathie für den ihm anvertrauten Jungen. Für diese Rolle konnte er den Charakterdarsteller Michel Simon gewinnen. François Truffaut hielt diesen Spielfilm für „den ersten wahrhaftigen Film über die Zeit der Besatzung“<ref>Zitiert nach Gerhard Midding: Claude Berri, Produzent (1934–2009). In: Die Welt, 13. Januar 2009. Truffauts Text über Berris Film ist wiederveröffentlicht in Die Filme meines Lebens – Aufsätze und Kritiken, herausgegeben von Robert Fischer, aus dem Französischen von Frieda Grafe und Enno Patalas, Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-88661-174-4.</ref> und nannte Berri einen neuen Jean Renoir.<ref name="baron" />

Erfolge mit verschiedenen Genres

Berri war einer der vielseitigsten Produzenten und Regisseure des französischen Films des 20. Jahrhunderts. Sein Spektrum umfasste viele unterschiedliche Filmgenres wie etwa Teenagerkomödien (Die kleinen Französinnen, 1976 und Aller Anfang macht Spaß, 1977), Literaturverfilmungen (Marcel Pagnols Roman Die Wasser der Hügel, Zolas Bergarbeiterroman Germinal) oder Komödien wie die Viagra-Komödie La Débandade (1999) und Willkommen bei den Sch’tis (2008), sein letzter und größter Publikumserfolg mit 20 Millionen Zuschauern.

In dem sozialkritischen Kriminalfilm Am Rande der Nacht führte er den Schauspieler Coluche, der bis dahin nur humoristische Rollen gespielt hatte, zu seinem größten Erfolg. Dieser erhielt für seine Rolle eines vereinsamten Tankwarts 1984 den César für die beste Darstellung einer männlichen Hauptrolle. Sein Dank während der Preisverleihung („Je voudrais remercier Claude Berri“ / „Ich möchte Claude Berri danken“) sollte zu einer oft zitierten und belachten Redewendung während der nächsten Jahre bei den César-Verleihungen werden.<ref>Je voudrais remercier Claude Berri. In: La Voix du Nord, (Lille), 13. Januar 2009.</ref>

Herangehensweise als Filmemacher

Berri verstand sich nicht als Filmavantgardist, sondern als Schöpfer von anspruchsvollen oder zumindest intelligent gemachten Unterhaltungsfilmen. Es wurde ihm ein Gespür für populäre Filmsujets und ein ausgeprägter guter Geschmack zugesprochen. Damit gelang es Berri, Filmkritiker als auch das große Publikum für seine Filme zu gewinnen. Als linksorientierter Künstler war sein bevorzugtes Milieu bei der Wahl der Filmstoffe das Proletariat und das Leben der „kleinen Leute“. Von den Redakteuren der Filmzeitschrift Cahiers du Cinema wurde er dagegen als Vertreter des „Cinema de qualité“ kritisiert und nie akzeptiert. Dies hielt ihn jedoch nicht davon ab, sich an der Produktion von Filmen ehemaliger Redakteure wie André Téchiné, Jacques Rivette (Va Savoir, 2001) und Éric Rohmer (Meine Nacht bei Maud, 1969) zu beteiligen. Er wurde manchmal als impulsiv, herrisch und getrieben beschrieben,<ref name="IHT">Bruce Weber: Claude Berri, French Filmmaker of Sweep and Charm, Dies at 74. In: The New York Times, 13. Januar 2009.</ref> doch arbeitete er auch erfolgreich mit Starschauspielern zusammen. Bei der Verfilmung der Biographie (1997) der Widerstandskämpferin Lucie Aubrac, die ihm sehr wichtig war, ließ er die Ansichten der Hauptdarstellerin Juliette Binoche nicht gelten und entließ sie nach heftigen Diskussionen.<ref name="IHT" />

Er produzierte auch erfolgreiche Projekte für andere berühmte Regiekollegen wie etwa Roman Polański (Tess), Volker Schlöndorff (Der Unhold), Miloš Forman (Valmont), Patrice Chéreau (Die Bartholomäusnacht) oder Costa-Gavras (Der Stellvertreter). Mit dem Regisseur und Schauspieler Maurice Pialat verband ihn ein schwieriges und kompliziertes Verhältnis. Zwischen seiner Schwester Arlette und Pialat, der bei einigen Filmen auf die Familiengeschichte und die Mitarbeit Berris zurückgriff,<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Vorlage:Webarchiv/Wartung/TodayDer Wert des Parameters archive-today muss ein Datum der Form YYYYMMDD oder Zeitstempel der Form YYYY.MM.DD-hhmmss bzw. YYYYMMDDhhmmss sein. In: Süddeutsche Zeitung</ref> bestand eine Zeit lang eine Liebesbeziehung.<ref>Jean-Luc Douin: Claude Berri, homme-clé du cinéma français. In: Le Monde. 13. Januar 2009, abgerufen am 1. April 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Im Jahr 2001 fusionierte er seine Produktionsfirma Renn Productions mit Pathé zur Pathé Renn Productions, nach seinem Tod 2009 wurde die Firma in Pathé Films umbenannt.<ref>Pathé Films auf cineuropa.org, 2015 (englisch).</ref>

Weitere Aktivitäten

Die Moderne Kunst war ein weiteres kreatives Metier, das ihn interessierte. Er sammelte zeitgenössische Kunst von Robert Ryman, Richard Serra, Bruce Nauman, Dan Flavin und Paul McCarthy. Bereits in den 1990er Jahren hatte Berri in der Pariser Rue de Lille die Kunstgalerie „Renn Espace“ betrieben, deren Räumlichkeiten 1999 von Karl Lagerfeld übernommen wurden.<ref>„Renn Espace“ auf raussmueller.org, abgerufen am 16. April 2025.</ref> 2008 ließ er im Marais-Viertel ein Kunstzentrum mit einer Galerie vom Architekten Jean Nouvel gestalten, den „Espace Claude Berri“, der wenige Woche nach seinem Tod geschlossen wurde.<ref>„Espace Claude Berri“ auf kunstbulletin.ch, abgerufen am 16. April 2025.</ref>

1988 gründete er die Association des auteurs, réalisateurs, producteurs (ARP), um so besser die Interessen der französischen Filmschaffenden gegen die US-amerikanische Hegemonie bei den GATT-Verhandlungen durchsetzen zu können. Von September 2003 bis Juni 2007 amtierte Claude Berri als Präsident der Cinémathèque française. In dieser Zeit förderte er den Umzug der Cinémathèque in das ehemalige American Center in Bercy.<ref>Gerhard Midding: Machtwechsel in der Pariser Cinémathèque. In: Die Welt, 21. Juni 2007.</ref>

Privates

Datei:Claude Berri tombe.jpg
Grab der Familie Langmann auf dem Cimetière parisien de Bagneux

In seiner Autobiographie bedauerte Berri den Wechsel seines Nachnamens von Langmann zu seinem leicht veränderten Zweitnamen Berel. Seine Rückbesinnung auf seine jüdischen Wurzeln setzte mit dem Beginn der Niederschrift seiner Autobiographie 1983 ein und vertiefte er in Gesprächen mit Psychiatern und Analytikern während zweier Lebenskrisen.<ref name="segal">Jérôme Segal: Von Claude Langmann zu Claude Berri … und zurück!. (PDF; 119 kB, S. 1)</ref> Berri, der 2006 einen Schlaganfall erlitten hatte, starb am 12. Januar 2009 im Pariser Krankenhaus Salpêtrière an den Folgen einer Hirnblutung.

Er war von 1967 bis 1987 mit der im Libanon geborenen Anne-Marie Rassam<ref>Anne-Marie Rassam bei IMDb, abgerufen am 7. April 2025.</ref> verheiratet und der Vater des Schauspielers und Filmproduzenten Thomas Langmann (* 1972) und des Filmschauspielers Julien Rassam (* 1968),<ref>Julien Rassam bei IMDb, abgerufen am 17. April 2025.</ref> der nach einem Fenstersturz gelähmt war und 2002 verstarb. Seinen dritten Sohn Darius Langmann (* 1986) hatte er mit der Kostümbildnerin Sylvie Gautrelet.<ref>Marie-France Etchegoin: Enquête : Le combat de Thomas Langmann pour l’héritage de Claude Berri. In: Vanity Fair. 20. Mai 2021, abgerufen am 4. April 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)): „Darius Langmann … est né en 1986, « hors mariage », comme on disait encore alors. Son père n’épousera sa mère, la costumière Sylvie Gautrelet – rencontrée sur le tournage de Tchao Pantin – qu’en 1994, …“</ref> Die Schriftstellerin und Filmproduzentin Nathalie Rheims, eine Schwester der Fotografin Bettina Rheims, war ab 1998 seine Lebensgefährtin.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Vorlage:Webarchiv/Wartung/TodayDer Wert des Parameters archive-today muss ein Datum der Form YYYYMMDD oder Zeitstempel der Form YYYY.MM.DD-hhmmss bzw. YYYYMMDDhhmmss sein. voici.fr (französisch).</ref><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Vorlage:Webarchiv/Wartung/TodayDer Wert des Parameters archive-today muss ein Datum der Form YYYYMMDD oder Zeitstempel der Form YYYY.MM.DD-hhmmss bzw. YYYYMMDDhhmmss sein. purepeople.com, 11. Januar 2009 (französisch).</ref> Am 15. Januar 2009 wurde Berri auf dem im Département Hauts-de-Seine gelegenen Cimetière parisien de Bagneux in Anwesenheit von 800 Menschen beigesetzt, darunter zahlreiche Prominente aus Kultur und Politik.<ref>Le monde du cinéma rend hommage au producteur Claude Berri. In: 20min.ch, 15. Januar 2009; Fotos: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Tchao Berri. (Memento vom 16. Januar 2009 im Internet Archive) In: Le Point.</ref>

Filmografie

<templatestyles src="column-multiple/styles.css" />

Regie

  • 1962: Das Huhn (Le poulet) (Kurzfilm, + Produzent)
  • 1964: Les baisers (Episode Baiser de 16 ans)
  • 1964: Schräger Charme und tolle Chancen (La chance) (Regie und Drehbuch der 1. Episode)
  • 1967: Der alte Mann und das Kind (Le vieil homme et l’enfant) (+ Drehbuchautor)
  • 1969: Die Hochzeit (Mazel Tov ou Le mariage) (+ Drehbuchautor, Schauspieler, Produzent)
  • 1970: Le pistonné (+ Drehbuchautor, Produzent)
  • 1970: Papas Kino (Le cinéma de papa) (+ Drehbuchautor, Schauspieler)
  • 1972: Sex-Shop (+ Drehbuchautor, Schauspieler)
  • 1975: Le mâle du siècle (+ Drehbuchautor, Schauspieler, Produzent)
  • 1976: Die kleinen Französinnen – Das erste Mal (La première fois) (+ Drehbuchautor)
  • 1977: Aller Anfang macht Spaß (Un moment d’égarement) (+ Drehbuchautor)
  • 1980: Die Männer, die ich liebte (Je vous aime) (+ Drehbuchautor)
  • 1981: Le maître d’école (+ Drehbuchautor)
  • 1983: Am Rande der Nacht (Tchao Pantin) (+ Drehbuchautor)
  • 1986: Jean de Florette (Jean Florette)
  • 1986: Manons Rache (Manon des sources)
  • 1990: Uranus (+ Drehbuchautor)
  • 1993: Germinal (+ Drehbuchautor, Produzent)
  • 1997: Lucie Aubrac (+ Drehbuchautor)
  • 1999: La Débandade (+ Drehbuchautor, Schauspieler)
  • 2001: Laura wirbelt Staub auf (Une femme de ménage) (+ Drehbuchautor, Produzent)
  • 2004: L’un reste, l’autre part (+ Drehbuchautor, Produzent)
  • 2007: Zusammen ist man weniger allein (Ensemble, c’est tout) (+ Drehbuchautor, Produzent)
  • 2009: Der kleine Haustyrann (Trésor) (+ Drehbuchautor, Produzent)

Drehbuch oder Adaptation

  • 1961: Janine, von Maurice Pialat (Drehbuchautor, Dialoge + Schauspieler)
  • 1972: L’œuf (Adaptateur)
  • 1985: Le fou de guerre (französische Adaption + Produzent)

Dokumentarfilme

Schauspieler

Produzent

Auszeichnungen (Auswahl)

Datei:Claude berry handprint.jpg
Berris Handabdruck in Cannes

César

  • 1984: Nominierung in der Kategorie Bester Film für Am Rande der Nacht
  • 1984: Nominierung in der Kategorie Beste Regie für Am Rande der Nacht
  • 1984: Nominierung in der Kategorie Bestes adaptiertes Drehbuch für Am Rande der Nacht
  • 1987: Nominierung in der Kategorie Bester Film für Jean Florette
  • 1987: Nominierung in der Kategorie Beste Regie für Jean Florette
  • 1987: Nominierung in der Kategorie Bestes Drehbuch (zusammen mit Gérard Brach) für Jean Florette
  • 1991: Nominierung in der Kategorie Bester Film für Uranus
  • 1991: Nominierung in der Kategorie Beste Regie für Uranus
  • 1994: Nominierung in der Kategorie Bester Film für Germinal
  • 1994: Nominierung in der Kategorie Beste Regie für Germinal
  • 1994: Nominierung in der Kategorie Bestes Drehbuch (zusammen mit Arlette Langmann) für Germinal
  • 2008: Nominierung in der Kategorie Bestes adaptiertes Drehbuch für Zusammen ist man weniger allein
  • 2008: Bester Film (zusammen mit Abdellatif Kechiche) für Couscous mit Fisch

Oscar

British Academy Film Award

Weitere

  • 1967: Interfilm Award bei den 17. Internationalen Filmfestspielen Berlin für Der alte Mann und das Kind
  • 1989: Nominierung für den David di Donatello in der Kategorie Bester ausländischer Produzent für Der Bär
  • 2007: Prix Raimu in der Kategorie Beste Filmkomödie für Zusammen ist man weniger allein

Literatur

  • Claude Berri: Autoportrait. Scheer, Paris 2003, 362 S., ISBN 2-914172-68-0, Autobiographie. (Besprechung:<ref name="segal" />)
  • Claude Berri: Le vieil homme et l’enfant. J. Martineau, Paris 1967, 200 S.
  • Nathalie Rheims: Claude. Éditions Léo Scheer, Paris 2009, 124 S., ISBN 978-2-7561-0210-8.

Weblinks

Einzelnachweise

<references responsive />

Vorlage:Hinweisbaustein