Lingonen
Die Lingonen (lateinisch Lingones) waren ein keltisches Volk in Gallien und siedelten an der oberen Seine, Marne und Saône, zwischen den Senonen und den Sequanern.
Geschichte
Die Lingonen unterstützten Gaius Iulius Caesar bei der römischen Eroberung Galliens von 58 bis 51 v. Chr. und waren mit Rom durch einen förmlichen Vertrag verbunden (foederati).<ref>Plinius der Ältere, naturalis historia 4, 106.</ref> Das Gebiet der Lingonen lag im Norden der römischen Provinz Lugdunensis an der Grenze zur Belgica. Später war es der westlichste Teil der Provinz Germania superior.
Im Jahr 9 v. Chr. soll Drusus bei den Lingonen einen Tempel für den Kult des Augustus errichtet haben.<ref>Drusus Nero et L. Quintius. His conss. apud Lingonum gentem templum Caesari Drusus dedicavit. In: Chronica Casiodori senatoris. Theodor Mommsen (Hrsg.): Auctores antiquissimi 11: Chronica minora saec. IV. V. VI. VII. (II). Berlin 1894, S. 135 (Monumenta Germaniae Historica, Digitalisat) Einen Augustuskult bei den Lingonen belegt wohl auch die Inschrift CIL 13, 5688.</ref> Laut Tacitus<ref>Tacitus, Historien 1, 78: Lingonibus universis civitatem Romanam ... dedit. Die handschriftliche Überlieferung des Namens wurde allerdings in der Forschung mitunter angezweifelt, zumal Tacitus die Lingonen kurz zuvor (1, 64) als Anhänger des Vitellius bezeichnet.</ref> erhielten alle Lingonen 69 n. Chr. von Otho das römische Bürgerrecht. Kurz darauf schlossen sie sich allerdings unter Führung des Iulius Sabinus dem Bataveraufstand gegen Rom an,<ref>Tacitus, Historien 4, 55.</ref> wurden nach dessen Scheitern aber begnadigt.<ref>Sextus Iulius Frontinus, Strategemata 4, 3.</ref> Ein Klientenstamm der Lingonen waren die Tricassen an der oberen Seine und Aube.
Hauptort der civitas der Lingonen war Andematunnum (Langres), das bereits in augusteischer Zeit auch Civitas Lingonum oder Lingonae genannt wurde. Ein Teil des Volkes, der zu Beginn des 4. Jahrhunderts v. Chr. nach Italien gezogen war, wohnte in Gallia cisalpina an der Mündung des Po.
Kulte
Das Stammesheiligtum der Lingonen mit Tempeln und Kulttheater befand sich bei der Stadt Mediolanum (heute: Mâlain; Département Côte-d’Or), wo vor allem der Stammesgott Cicollus (Cicollos) zusammen mit der Göttin Litavis verehrt wurde,<ref>CIL 13, 5597, CIL 13, 5604 (Mars Cicollus); CIL 13, 5598 (Mars Cicollus und Bellona); CIL 13, 5599, CIL 13, 5601 (Mars Cicollus und Litavis); CIL 13, 5600, CIL 13, 5602 ([Mars Cicollus?] und Litavis).</ref> aber auch Epona, Sucellus<ref>AE 1990, 768 a und b.</ref> und der gallische Apollo<ref>CIL 13, 4706.</ref> mit Thirona<ref>Yann Le Bohec (Hrsg.): Inscriptions de la cité des Lingons, M 2 (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2019. Suche im Internet Archive )Vorlage:Toter Link/archivebot: Thiron(a) et Apollo.</ref> wurden angerufen, wie Inschriften vom Ort zeigen. Das letztere Götterpaar wurde unter den Namen Apollo Borvo und Damona im Heilbad und Quellheiligtum von Bourbonne-les-Bains (Département Haute-Marne) verehrt.<ref>CIL 13, 5911.</ref> Ein drittes größeres lingonisches Heiligtum wurde bei der Stadt Vertillum (heute: Vertault; Département Côte-d’Or) ausgegraben. Im britannischen Ilkley im Westen von Yorkshire wurde ein Altar gefunden, den ein Präfekt der II. Lingonenkohorte der Göttin Verbeia geweiht hatte.<ref>CIL 7, 208 = Roman inscriptions of Britain 1, 635.</ref>
Römische Auxiliareinheiten
Fünf cohortes Lingonum sind als Bestandteil der römischen Auxiliartruppen in den Provinzen Britannien und Dakien nachgewiesen.<ref>D. J. Knight: The movements of the auxilia from Augustus to Hadrian. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 85 (1991) S. 189–208 (online, PDF).</ref>
Lingonentestament
Als „Lingonentestament“ (französisch „Testament du Lingon“) wird in der Forschung eine (nur handschriftlich überlieferte) Grabinschrift<ref>CIL 13, 5708.</ref> aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. bezeichnet, in dem ein Angehöriger der lokalen Oberschicht Regelungen für sein Nachleben traf.
Literatur
- Georges Drioux: Les Lingons. Textes et inscriptions antiques. Répertoire. Les Belles Lettres, Paris 1934.
- Yann Le Bohec (Hrsg.): Le Testament du Lingon. Actes de la Journée d'étude du 16 mai 1990 organisée au Centre d'études romaines et gallo-romaines de l'Université Lyon III. Centre d'études romaines et gallo-romaines, Lyon 1991, ISBN 2-904974-08-3.
- Yann Le Bohec (Hrsg.): Inscriptions de la cité des Lingons. Inscriptions sur pierre (= Inscriptions de la Gaule Belgique. Band 1). Comité des Travaux Historiques et Scientifiques, Paris 2003, ISBN 2-7355-0515-4.
- Yann Le Bohec: Inscriptions concernant les Lingons et trouvées hors de leurs frontières. In: Wolfgang Spickermann, Krešimir Matijević, Heinz Hermann Steenken (Hrsg.): Rom, Germanien und das Reich. Festschrift zu Ehren von Rainer Wiegels anlässlich seines 65. Geburtstages (= Pharos. Studien zur griechisch-römischen Antike. Band 18). Scripta Mercaturae Verlag, St. Katharinen 2005, ISBN 3-89590-159-8, S. 288–299.
Weblinks
- Jona Lendering: Lingones. In: Livius.org (englisch)
Anmerkungen
<references/>