Zum Inhalt springen

Saat-Platterbse

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 30. Juni 2025 um 07:25 Uhr durch imported>Seysi.
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

<templatestyles src="Vorlage:Taxobox/styles.css" />

Saat-Platterbse
Datei:Lathyrus sativus.png

Saat-Platterbse (Lathyrus sativus), Illustration

Systematik
Ordnung: Schmetterlingsblütenartige (Fabales)
Familie: Hülsenfrüchtler (Fabaceae)
Unterfamilie: Schmetterlingsblütler (Faboideae)
Tribus: Fabeae
Gattung: Platterbsen (Lathyrus)
Art: Saat-Platterbse
Wissenschaftlicher Name
Lathyrus sativus
L.

Die Saat-Platterbse (Lathyrus sativus) ist eine Pflanzenart aus der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae). Saat-Platterbsen finden Verwendung als Viehfutter, Mehl aus den Hülsenfrüchten dieser Pflanze wird jedoch auch in einigen Regionen für Lebensmittel verwendet. Wildvorkommen dieser alten Kulturpflanze sind nicht bekannt.

Platterbsen sind weniger anfällig für Trockenheit als die meisten andere Nutzpflanzen und wurden deshalb oft in Notzeiten gegessen, in denen anderen Feldfrüchte kaum Ertrag brachten. Dies führte dann oft zu Vergiftungen, weil die Pflanze geringe Mengen eines Gifts enthält.

Beschreibung

Datei:Lathyrus sativus 002.JPG
Zygomorphe Blüte
Datei:Lathyrus sativus 001.JPG
Habitus
Datei:Lathyrus sativus 004.JPG
Hülsenfrüchte
Datei:Ab food 16.jpg
Samen

Vegetative Merkmale

Die Saat-Platterbse ist eine einjährige Pflanze mit kräftiger Wurzel. Ihre Stängel sind niederliegend oder kletternd und werden 15 bis 60, selten 100 cm lang. Sie sind stark verzweigt, tragen 0,5 bis 1,5 mm breite Flügel und sind mit diesen 4 bis 6 mm breit. Die Blattstiele sind ebenfalls breit geflügelt (1 bis 2,5 mm). Alle Blätter besitzen ein Fiederpaar, die oberen Blätter einfache oder häufiger verzweigte Ranken. Die Fiederblättchen sind 2,5 bis 15 cm lang, 3 bis 7 mm breit, dabei mindestens 3-mal so lang wie breit. Ihre Form ist lineal-lanzettlich bis elliptisch, sie haben 5 bis 7 deutliche und mehrere dünne Längsnerven. Die Nebenblätter sind 10 bis 20 mm lang und 2 bis 5 mm breit und von lanzettlicher bis halbpfeilförmiger Gestalt.

Generative Merkmale

Die kurz gestielten Blüten stehen in meist einzeln in reduzierten, traubigen Blütenständen. Der Blütenstandsschaft ist 3 bis 6 cm lang, überragt den Blattstiel und läuft in einer kurzen Granne aus. Das Tragblatt ist schuppenförmig.

Die zwittrigen Blüten sind zygomorph und fünfzählig mit doppelter Blütenhülle. Der Kelch ist kahl. Die Kelchzähne sind lanzettlich, untereinander fast gleich lang und zwei- bis dreimal so lang wie die kurze Kelchröhre. Die Krone ist 12 bis 24 mm lang und verschiedenfarbig: meist ist sie weiß mit bläulicher Aderung, seltener rosa oder bläulich. Flügel, Schiffchen und Griffel sind nach links gedreht, wodurch die Blüte stark asymmetrisch wird.

Die Hülsenfrucht ist bei einer Länge von 25 bis 40 mm und einer Breite von 10 bis 18 mm eiförmig bis rhombisch, flach, kahl und netznervig. Ihre Farbe ist strohfarben, sie besitzt eine zweiflügelige Rückennaht und beinhaltet zwei bis fünf Samen. Die Samen sind 7 bis 10 (selten 15) mm lang, 5 bis 9 mm breit sowie 4 bis 6 mm hoch, sind kantig und haben die Form eines Beiles. Die Samenschale ist glatt und unterschiedlich gefärbt, oft haben sie braune Flecken. Der Nabel ist elliptisch, 1,5 bis 2 mm lang.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 14.

Blütenökologie

Blütenökologisch handelt es sich um Schmetterlingsblumen mit Bürstenmechanismus. Es überwiegt die Selbstbestäubung. Fremdbestäubung erfolgt nur, wenn sich ein geeigneter Blütenbesucher mitten auf die Blüte setzt. Aufgrund der Drehung des Schiffchens können Blütenbesucher auch an der rechten Seite Nektar saugen.

Vorkommen

Die Heimat der Saat-Platterbse liegt vermutlich im Mittelmeerraum und in Vorderasien. Wildvorkommen sind nicht bekannt.<ref name="gießen"/> Sie ist eine alte Kulturpflanze und weit über ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet hinaus eingebürgert. Kislev nimmt an, dass sie im frühen Neolithikum im östlichen Balkanraum domestiziert wurde, wo archäologische Funde besonders häufig sind<ref>Mordechai E. Kislev 1989. Origins of the Cultivation of Lathyrus sativus and L. cicera (Fabaceae). Economic Botany 43/2, 265. Stable URL: Modul:JSTOR * Modul:JSTOR:170: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)</ref>. Nach POWO ist die Heimat Bulgarien und das frühere Jugoslawien.<ref name="POWO" /> In Frankreich wurde sie bereits im Mesolithikum genutzt (Balma Abeurador)<ref>Mordechai E. Kislev 1989. Origins of the Cultivation of Lathyrus sativus and L. cicera (Fabaceae). Economic Botany 43/2, Tafel 1. Stable URL: Modul:JSTOR * Modul:JSTOR:170: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)</ref>. Im vorderen Orient ist sie aus Jarmo, Çayönü, Tell Ramad und Tel Qasile bekannt<ref>Mordechai E. Kislev 1989. Origins of the Cultivation of Lathyrus sativus and L. cicera (Fabaceae). Economic Botany 43/2, Tabelle 1. Stable URL: Modul:JSTOR * Modul:JSTOR:170: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)</ref>. In Griechenland ist sie seit dem Neolithikum nachgewiesen (Alepotrypa Höhle auf dem südlichen Peloponnes)<ref>Evi Margaritis 2018, The plant remains from Alepotrypa Cave: The plant remains from Alepotrypa Cave: use, discard and structured deposition. In: A. Papathanasiou, W. A. Parkinson, D. J. Pullen, M. L. Galaty, P. Karkanas (Hrsg.), Neolithic Alepotrypa Cave in the Mani, Greece. Oxford, Oxbow Books, 316–326, doi:10.2307/j.ctvh1dk9q</ref>. Dort wurde sie auch in der Bronzezeit genutzt<ref>Cappers, R. T. L., Mulder, S. A. 2002. Early Helladic grass pea (Lathyrus sativus L.) in Geraki. Pharos 10, 25–33</ref>. Auch auf Sardinien ist sie seit der Bronzezeit nachgewiesen, zum Beispiel in der Höhle Monte Meana<ref>Mariano Ucchesu, Leonor Peña-Chocarro, Diego Sabato, Giuseppa Tanda 2015. Bronze Age subsistence in Sardinia, Italy: cultivated plants and wild resources. Vegetation History and Archaeobotany 24/2, 347. Stable URL: Modul:JSTOR * Modul:JSTOR:170: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)</ref>. In Ägypten wurde sie als Beigabe in Königsgräbern des Alten Reiches verwendet<ref>Fernand Lambein, Silvia Travella, Yu‑Haey Kuo, Marc Van Montagu, Marc Heijde 2019. Grass pea (Lathyrus sativus L.): orphan crop, nutraceutical or just plain food? Planta 250, 821. doi:10.1007/s00425-018-03084-0</ref>.

In Daskyleion wurden verkohlte Samen der Saat-Platterbse sowohl in archaischen als auch in mittelalterlichen Schichten gefunden<ref>Emel Oybak Dönmez, Ali Akın Akyol, Recep Karadağ, Emine Torgan, Kaan İren, Ancient plant remains with special reference to buckthorn, Frangula alnus Mill., pyrenes from Dascyleum, Balıkesir, NW Turkey. Acta Societatis Botanicorum Poloniae 86/1, 2017, Tab. 3. DOI:10.5586/asbp.3520</ref>. Auch in römischer Zeit war die Saat-Platterbse Nahrungsbestandteil<ref>Heinrich Frits, Annette M. Hansen. Pulses. In: Paul Erdkamp, Claire Holleran (Hrsg.), The Routledge Handbook of Diet and Nutrition in the Roman World. London, Routledge 2018, tab. 10.1. https://www.routledgehandbooks.com/doi/10.4324/9781351107334-10</ref>. Nördlich der Alpen ist die Platterbse erst seit dem 16. Jahrhundert belegt.<ref name="gießen"/>

Sie wächst bevorzugt auf frischen, nährstoff- und kalkreichen Lehmböden und ist auf die colline Höhenstufe beschränkt. Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 3w (mäßig feucht aber mäßig wechselnd), Lichtzahl L = 3 (halbschattig), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 4+ (warm-kollin), Nährstoffzahl N = 3 (mäßig nährstoffarm bis mäßig nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 3 (subozeanisch bis subkontinental).<ref name="InfoFlora" />

Taxonomie

Die Saat-Platterbse wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum Band 2, Seite 730 als Lathyrus sativus erstbeschrieben.

Nutzung

Die Samen haben einen hohen Proteingehalt, zudem fixiert die Pflanze Stickstoff in höherem Maße als andere Hülsenfrüchte<ref name="agriculture1">Gresta, Fabio, Rocco, Concetta, Lombardo, Grazia, Avola, Giovanni, Ruberto, Giuseppe, Agronomic Characterization and alpha- and beta-ODAP Determination through the Adoption of new analytical Strategies (HPLC-ELSD and NMR) of ten Sicilian Accessions of Grass Pea. Journal of agricultural and food Chemistry 62/11, 2014, 2436. DOI:10.1021/jf500149n</ref>.

Die Rolle der Saat-Platterbsen in der menschlichen Ernährung ist heute gering. Zu den europäischen Ländern, in denen das Mehl aus den Hülsenfrüchten gegessen wird, zählen Spanien, Portugal und Italien. In Italien wird die Saat-Platterbse zwischen der südlichen Toskana und Sizilien angebaut, meist auf kleinen Flächen zwischen 0,1 bis 0,4 ha. Die Pflanze kann auf ackerbaulich marginalem, trockenem und unfruchtbaren Land kultiviert werden und benötigt keine Herbizide oder synthetischen Stickstoff<ref name="agriculture1" />. Sie wird hier hauptsächlich als Bestandteil von Suppen gegessen. Die Platterbsen aus Giarratana im Südwesten Siziliens werden inzwischen mit geschützter Herkunftsbezeichnung als Spezialität vermarktet. Auch auf den Kanaren, in Äthiopien, Indien, Zentralasien<ref>Mordechai E. Kislev 1989. Origins of the Cultivation of Lathyrus sativus and L. cicera (Fabaceae). Economic Botany 43/2, 265. Stable URL: Modul:JSTOR * Modul:JSTOR:170: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)</ref>, Bangladesh, Kaschmir, Nepal und Ostafrika<ref>Fernand Lambein, Silvia Travella, Yu‑Haey Kuo, Marc van Montagu, Marc Heijde 2019. Grass pea (Lathyrus sativus L.): orphan crop, nutraceutical or just plain food? Planta 250, 822. doi:10.1007/s00425-018-03084-0</ref> wird sie angebaut. In Äthiopien werden ganze Körner oder grüne Hülsen als Zwischenmahlzeit geschätzt<ref>Fikre, A., van Moorhem, M., Ahmed, S., Lambein, F., Gheysen, G. 2011. Studies on neurolathyrism in Ethiopia: dietary habits, perception of risks and prevention. Food Chemistry and Toxicology 49, 678–684</ref>. Einige Bedeutung hat die Saat-Platterbse mit mehreren Kultursorten in Indien, Bangladesch und Äthiopien.

In Mitteleuropa wird die Saat-Platterbse nur noch selten als Futterpflanze (Grün- oder als Körnerfutterpflanze) angebaut. Einige Verbreitung hat sie wieder als Gründüngerpflanze gefunden.<ref name="Fischer2008" /> Sie ist als Körnerfrucht mit maximalen Erträgen von 2 bis 3 Tonnen pro Hektar in Europa nicht konkurrenzfähig.<ref name="gießen"/>

Giftigkeit

Datei:Goya-Guerra (51).jpg
Gracias a la Almorta ("Dank der Platterbse") von Francisco Goya

Besonders die Samen sind giftig.<ref name="Roth2012" /> Hauptwirkstoffe sind 1,5–2,5 % Allantoin, etwa 1,74 % Arbutin sowie das Neurotoxin β-N-Oxalyl-L-α,β-diaminopropionsäure (ODAP).<ref name="Roth2012" />

Vergiftungen, der sogenannte Lathyrismus, mit angebauten Lathyrus-Arten kamen früher häufig bei Pferden und Rindern vor.<ref name="Roth2012" /> Symptome bei Pferden sind Kehlkopfpfeifen, Schreckhaftigkeit, Aufregung, spinale Lähmung, besonders der Hinterextremität. Diese Erscheinungen zeigen sich besonders bei bewegten Tieren, während ruhende Tiere einen gesunden Eindruck machen. Der Krankheitsverlauf geht über mehrere Tage und Wochen.<ref name="Roth2012" /> Bei Rindern wurden Skelettveränderungen festgestellt.<ref name="Roth2012" />

Lathyrismus tritt auch beim Menschen auf, wenn er sich in überwiegend vom Mehl der Saat-Platterbsen ernährt. Werden Saat-Platterbsen dagegen zusammen mit Getreide gegessen, das reich an Schwefel-Aminosäuren ist, wird die toxische Wirkung der ODAP stark reduziert und Vergiftungen sind selten<ref name="agriculture1" />.

Klinisch manifestiert sich Lathyrismus-Neurotoxizität in Muskelspasmen, Krämpfen der Extremitätenmuskulatur und progressiver spastischer Lähmung (Parese) der Beinmuskulatur. Typisch ist der Gang, bei dem die Betroffenen faktisch von einem Bein aufs andere fallen. Gefühls- und Blasenfunktionsstörungen können ebenfalls auftreten. Gelegentlich wird ein grobschlägiger Tremor der Arme beobachtet.

Ein verheerender Ausbruch dieser Erkrankung wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Spanien beobachtet. Viele Spanier ernährten sich während der Kriege gegen Napoleon in hohem Maße von Platterbsen. Francisco Goya (1746–1828) hat die Folgen dieser Erkrankung unter anderem in seiner Radierung Gracias a la Almorta („Dank der Platterbse“) festgehalten.<ref> Amy Stewart: Gemeine Gewächse. Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-8270-7441-6, S. 62 </ref> Lathyrismus tritt heute noch in Dürregebieten auf, wenn andere Lebensmittel rar werden. Ausbrüche in der jüngeren Vergangenheit sind unter anderem für China, Indien, Bangladesch und Äthiopien beschrieben.

Quellen

Einzelnachweise

<references> <ref name="Fischer2008"> </ref> <ref name="Roth2012"> Lutz Roth, Max Daunderer, Kurt Kormann: Giftpflanzen – Pflanzengifte. Vorkommen, Wirkung, Therapie, allergische und phototoxische Reaktionen. Mit Sonderteil über Gifttiere. 6., überarbeitete Auflage, Sonderausgabe. Nikol, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86820-009-6.</ref> <ref name="gießen"> Artbeschreibung von der Uni Gießen, abgerufen am 1. August 2008.</ref> <ref name="InfoFlora"> Lathyrus sativus L. In: Info Flora, dem nationalen Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora. Abgerufen am Vorlage:FormatDateSimple. </ref> <ref name="POWO">Lathyrus sativus. In: POWO = Plants of the World Online von Board of Trustees of the Royal Botanic Gardens, Kew: Kew ScienceVorlage:Abrufdatum</ref> </references>

Weblinks