James Schwarzenbach
James Eduard Schwarzenbach<ref>Who’s Who in Switzerland, including the Principality of Liechtenstein. 14. Ausgabe (1984–1985), S. 491.</ref> (* 5. August 1911 in Rüschlikon, Zürich; † 27. Oktober 1994 in St. Moritz, Graubünden) war ein zuerst rechtsextremer, später rechtspopulistischer Schweizer Publizist und Politiker (Republikanische Bewegung bzw. Nationale Aktion). Vom 4. Dezember 1967 bis zum 1. März 1979 vertrat er den Kanton Zürich im Nationalrat.<ref>Ratsmitglied ansehen. Abgerufen am 10. Juni 2020.</ref>
Herkunft und Beruf
James Schwarzenbach entstammte einer protestantischen Textilindustriellenfamilie aus dem Kanton Zürich. Die antifaschistische Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach war seine Cousine, ihre Mutter Renée Schwarzenbach-Wille seine Tante. 1933 konvertierte er unter dem Einfluss des rechtskonservativen Freiburger Intellektuellen Gonzague de Reynold zum Katholizismus<ref>Carl Holenstein. Mit dem Rücken zur Zukunft. 1971, S. 9</ref>. Eine wichtige Rolle dabei dürfte auch der Zürcher Jesuitenpater Richard Gutzwiller gespielt haben, der als Studentenseelsorger in Zürich arbeitete<ref>Carl Doka: In Memoriam P.Richard Gutzwiller. In: Orientierung. Katholische Blätter für weltanschauliche Information. Nr. 11. Zürich 15. Juni 1958, S. 121–124 (orientierung.ch [PDF]).</ref>. Schwarzenbach erwähnt ihn namentlich in seinen Tagebüchern.<ref>Stefan Keller: Die Lust. Der Antichrist. In: Die Wochenzeitung WOZ. Zürich 4. November 1994, S. 40.</ref>
1947 übernahm er den katholisch ausgerichteten Thomas-Verlag in Zürich, der auch antisemitische Schriften vertrieb.<ref name=":0">Susanne Peter-Kubli: Schwarzenbach, James. In: Historisches Lexikon der Schweiz.</ref><ref name="Jikhareva">Anna Jikhareva: Schwarzenbachs langer Schatten. Die Wochenzeitung, 4. Juni 2020, abgerufen am 4. Juni 2020.</ref> Mit den Enthüllungen "Ich wählte die Freiheit" des abgesprungenen Sowjetbeamten Wiktor Andrejewitsch Krawtschenko gelang Schwarzenbach 1947 ein Bestseller. Der Erfolg veranlasste ihn zu Vortragsreisen, auf denen er seinen Ruf als Antikommunist festigte. 1957 bis 1961 arbeitete er als Chefredaktor der "Zürcher Woche". 1963 bis 1964 leitete er die Zeitung "Republikaner". Gleichzeitig war er als aussenpolitischer Redaktor am "Rhein. Merkur" und als Verlagsleiter tätig. Schwarzenbach verfasste die politischen Schriften "Die Stunde des Bürgertums" (1953), "Dolch oder Degen" (1964) und "Die Überfremdung der Schweiz - wie ich sie sehe" (1974) sowie die Heimatromane "Regimentsarzt" (1965) und "Belle Epoque" (1967).<ref name=":0" />
1949 ehelichte er Alice Bühler, die Tochter des FDP-Kantonsrats Adolf Bühler und Schwester des FDP-Nationalrats René Bühler.<ref>Susanne Peter-Kubli: James Schwarzenbach. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 24. Oktober 2012, abgerufen am 7. November 2023.</ref>
Politik
In seiner Jugend war Schwarzenbach Mitglied der Nationalen Front, welche die nationalsozialistische Ideologie verherrlichte.<ref>Walter Wolf: Nationale Front. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 7. September 2010.</ref> Aktenkundig ist ein Vorfall vom 16. November 1934 in Zürich, als Schwarzenbach mit einer Gruppe von Frontisten eine Vorführung des Cabarets Pfeffermühle störte. Es sei Zeit zu zeigen, dass für Emigranten und Juden, die das Gastrecht missbrauchten, in der Schweiz kein Platz sei.<ref name="tobler">Andreas Tobler: 50 Jahre Überfremdungsinitiative – Er erfand den Schweizer Rechtspopulismus. In: Tages-Anzeiger. 6. Juni 2020, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 6. Juni 2020. (Archiv-Dokumente (PDF))</ref> Zudem war er ein Verehrer des spanischen Diktators Franco.<ref name="Jikhareva" /> Dies brachte er auch nach Aussagen von Familienmitgliedern zum Ausdruck.<ref>Marc Tribelhorn: Wie James Schwarzenbach die Angst vor Überfremdung schürte. In: Neue Zürcher Zeitung. 4. Juni 2020, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 24. Juni 2024]).</ref> In einem undatierten Fernsehinterview sagte Schwarzenbach sinngemäss: In der Schweiz bin ich Demokrat. Würde ich in Spanien leben, so wäre ich Faschist.<ref>DOK - Gegen das Fremde – Der lange Schatten des James Schwarzenbach - Play SRF. Schweizer Fernsehen SRF, 16. Oktober 2014, abgerufen am 24. Juni 2024.</ref> Später wurde er Parteichef der Nationalen Aktion. Von den Wahlen 1967 bis 1979 gehörte er dem Nationalrat an und war 1971 bis 1974 Fraktionspräsident.<ref>Fraktionspräsidien seit 1917. In: parlament.ch. Abgerufen am 23. Mai 2020.</ref> 1971 gründete er die Republikanische Partei der Schweiz.<ref>«James war ein Meister der Demagogie, ein Superpopulist» – ein Gespräch mit François Schwarzenbach über seinen Onkel und dessen Initiative, die die Schweiz spaltete In: Neue Zürcher Zeitung vom 5. Juni 2020</ref>
Schwarzenbach-Initiative gegen Überfremdung
Mit der Nationalen Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat<ref>Cenk Akdoganbulut: Von «guten» und «schlechten» Ausländern. In: Saiten. 16. Februar 2017, abgerufen am 23. Dezember 2018.</ref> lancierte er 1968 die sogenannte «Schwarzenbach-Initiative».<ref>swissvotes: Initiative «Gegen die Überfremdung». Abgerufen am 24. Juni 2024.</ref> Er wollte die Schweiz vor «Überfremdung» schützen, indem der Anteil ausländischer Bevölkerung in jedem einzelnen Kanton die 10-Prozent-Hürde nicht hätte überschreiten dürfen. Genf wäre die einzige Ausnahme gewesen, wo ein Anteil von 25 Prozent Ausländern erlaubt gewesen wäre. Der Abstimmungskampf 1970 verlief sehr emotional und riss zum Teil tiefe Gräben auf. Wäre die Initiative angenommen worden, hätten 300'000 bis 400'000 Menschen ausgewiesen werden müssen.<ref>Die Schweiz und die «Überfremdung». In: Saiten. 20. März 2017, abgerufen am 23. Dezember 2018.</ref>
Schwarzenbach galt als hervorragender Redner und erster Schweizer Politiker, der die Strategie des Rechtspopulismus auszuspielen verstand. Er präsentierte sich gern als Einzelkämpfer. An den meisten Podiumsdiskussionen zu seiner Initiative trat er als einziger Befürworter auf. Das Begehren wurde am 7. Juni 1970 mit 54 Prozent Nein- zu 46 Prozent Ja-Stimmen abgelehnt,<ref>Jens Renner: Schweizerangst. In der: WOZ. 8. Juli 2004.</ref> wobei es in 7 Ständen (6 Kantone und 2 Halbkantone) eine Ja-Mehrheit gab.<ref>Nämlich in Bern, Freiburg, Luzern, Nidwalden, Obwalden, Schwyz, Solothurn und Uri.</ref>
Rezeption und Einflüsse
Die Familie Schwarzenbach ist auch Gegenstand eines dokumentarischen Romans der Schweizer Autorin Eveline Hasler aus dem Jahr 2015: Stürmische Jahre: Die Manns, die Riesers, die Schwarzenbachs.<ref>Verlag Nagel & Kimche AG Zürich.: Stürmische Jahre Die Manns, die Riesers, die Schwarzenbachs. Nagel & Kimche, Zürich 2015, ISBN 978-3-312-00668-7.</ref>
Im Zusammenhang mit der Initiative "Gegen Masseneinwanderung"<ref>Initiative «Gegen Masseneinwanderung». Abgerufen am 24. Juni 2024.</ref> entstand der Dokumentarfilm "Gegen das Fremde – Der lange Schatten des James Schwarzenbach" der im SRF 1 (2014) ausgestrahlt wurde.
Nachlass
James Schwarzenbach hat 1984 dem Schweizerischen Sozialarchiv seine persönlichen Unterlagen aus der Zeit der Überfremdungsinitiative überlassen. Der neun Laufmeter umfassende Bestand beinhaltet die umfangreiche Korrespondenz Schwarzenbachs aus der Zeit seiner aktiven politischen Karriere, Zeitungsartikel und Propagandamaterial zur Schwarzenbach-Initiative, Akten zu Schwarzenbachs parteipolitischer und parlamentarischer Tätigkeit, Vorträge, Reden und Rezensionen sowie Unterlagen zu mehreren Gerichtsprozessen, in die Schwarzenbach verwickelt war. 1986 wurde der Bestand ergänzt durch die Akten der Republikanischen Bewegung, die Schwarzenbachs Sekretär und spätere SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer ablieferte.<ref>Vor 50 Jahren: Die Schwarzenbach-Initiative. Abgerufen am 6. Juni 2020.</ref> Diese umfangreichen Unterlagen sind öffentlich und können vor Ort eingesehen werden.<ref>Ar 108 Schwarzenbach, James (1911–1994). Abgerufen am 6. Juni 2020.</ref> Seit 2020 ist auch das Tagebuch von James Schwarzenbach vor 1945 zugänglich. Es befindet sich im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich. Es enthält private Notizen und war zunächst gesperrt. Dokumente und Akten finden sich auch im Schweizerischen Bundesarchiv in Bern sowie im Stadtarchiv Zürich. Mehrere dieser Dokumente sind in einem Artikel des Tages-Anzeigers vom 6. Juni 2020 abgedruckt.<ref name="tobler" />
Werke
- Der Dichter zwiespältigen Lebens François Mauriac. Benziger Verlag, Einsiedeln 1938.
- Schultheiss von Steiger. Ein historisches Schauspiel in fünf Akten. Sauerländer, Aarau 1943(?).
- Die Stunde des Bürgertums. Thomas-Verlag, Zürich 1953.
- Dolch oder Degen. Ein Kaleidoskop unserer Zeit. Zürich 1964.
- Der Regimentsarzt. Roman aus dem Engadin. Thomas-Verlag, Zürich 1965.
- Die Überfremdung der Schweiz, wie ich sie sehe. Verlag der Republikaner, Zürich 1974.
- Im Rücken das Volk. Thomas-Verlag, Zürich 1980.
Literatur
- Carl Holenstein: Mit dem Rücken zur Zukunft. Die geistige Welt des James Schwarzenbach. Flamberg, Zürich 1971, ISBN 3-7179-2087-1.
- Thomas Buomberger: Kampf gegen unerwünschte Fremde. Von James Schwarzenbach bis Christoph Blocher. Orell Füssli, Zürich 2004, ISBN 3-280-06017-6.
- Isabel Drews: «Schweizer erwache!» Der Rechtspopulist James Schwarzenbach (1967–1978) (= Studien zur Zeitgeschichte. Band 7). Huber, Frauenfeld 2005, ISBN 3-7193-1380-8.
- Angelo Maiolino: Als die Italiener noch Tschinggen waren. Der Widerstand gegen die Schwarzenbach-Initiative. Rotpunkt, Zürich 2011, ISBN 978-3-85869-463-8.
- Moisés Prieto López (Oxford): Entre retórica profranquista y xenofobia suiza: el populista James Schwarzenbach. In: Ayer 97 (2015), ISSN 1134-2277, S. 195–223 (online)
- Concetto Vecchio: Jagt sie weg! Die Schwarzenbach-Initiative und die italienischen Migranten. Verlag Orell Füssli. Zürich 2020, ISBN 978-3-280-05055-2.
- Susanne Peter-Kubli: James Schwarzenbach. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
- James Schwarzenbach in der Datenbank Dodis der Diplomatischen Dokumente der Schweiz
Dokumentarfilme
- Thomas Buomberger: Ausländer raus – James Schwarzenbach und die Überfremdung. Schweizer Fernsehen, 2005. <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Der Wert des Parameters
archive-todaymuss ein Datum der Form YYYYMMDD oder Zeitstempel der Form YYYY.MM.DD-hhmmss bzw. YYYYMMDDhhmmss sein.. - Beat Bieri: Gegen das Fremde – Der lange Schatten des James Schwarzenbach. DOK, SRF 1 vom 16. Oktober 2014 (YouTube)
Weblinks
- Wortlaut und Resultat der Schwarzenbach-Initiative
- Pirmin Meier: Politiker und Publizist Schwarzenbach: Kritische Würdigung, Textatelier Hess von Biberstein, 7. Juni 2014
- Publikationen von und über James Schwarzenbach im Katalog Helveticat der Schweizerischen Nationalbibliothek
- Christian Koller: Vor 50 Jahren: Die Schwarzenbach-Initiative. Schweizerisches Sozialarchiv 5. Mai 2020
- Bestand: James Schwarzenbach in den Findmitteln des Schweizerischen Sozialarchivs
- Die Wende in der Schweizer Migrationspolitik In: Zeitblende von Schweizer Radio und Fernsehen vom 8. November 2014 (Audio)
- Dominik Landwehr: Die Schwarzenbach-Initiative Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 5. Juni 2020
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Schwarzenbach, James |
| ALTERNATIVNAMEN | Schwarzenbach, James Eduard |
| KURZBESCHREIBUNG | Schweizer Politiker |
| GEBURTSDATUM | 5. August 1911 |
| GEBURTSORT | Rüschlikon |
| STERBEDATUM | 27. Oktober 1994 |
| STERBEORT | St. Moritz |
- Seiten mit Skriptfehlern
- Wikipedia:Defekter Dateilink
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Webarchiv
- Nationalrat (Zürich)
- Parteipräsident (Schweiz)
- Mitglied der Republikanischen Bewegung
- SD-Mitglied
- Person des Frontismus
- Publizist
- Sachbuchautor
- Autobiografie
- Literatur (Schweiz)
- Literatur (Deutsch)
- Literatur (20. Jahrhundert)
- Schweizer
- Geboren 1911
- Gestorben 1994
- Mann