Sauerland Event
Sauerland Event (offiziell Sauerland Event GmbH) war ein von Wilfried Sauerland gegründeter Boxstall in Berlin. Er gehört seit 2021 als Abteilung zum Unternehmen Wasserman Media Group aus den Vereinigten Staaten. Die Leitung der Boxabteilung des Unternehmens haben Kalle Sauerland sowie Nisse Sauerland inne.
Unternehmensgeschichte
Laut Angaben von Wilfried Sauerland traten 1978 Mitglieder der sambischen Regierung mit der Bitte an ihn heran, mit Hilfe seiner Kontakte einheimische Boxer nach Übersee zu vermitteln. So organisierte er in Sambias Hauptstadt Lusaka am 30. September 1978 seine ersten Boxveranstaltung.<ref>Wilfried Sauerland. In: International Boxing Hall of Fame. Abgerufen am 26. September 2019.</ref> Einer seiner ersten Boxer war Lottie Mwale, den er bis an die Spitze der WBC-Rangliste führte, der jedoch seinen WM-Titelkampf verlor. Seine erste Veranstaltung in Deutschland fand 1980 statt. Aufmerksamkeit erregte auch John Mugabi, Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele von Moskau. Seine sieben Kämpfe in Deutschland gewann er allesamt und trat auch in die USA an. 1986 fand sein erster WM-Titelkampf gegen Marvin Hagler statt, den er verlor; bis dahin hatte Mugabi eine Bilanz von 26 K.-o.-Erfolgen in 26 Kämpfen.<ref>John Mugabi. In: BoxRec. Abgerufen am 26. September 2019.</ref>
Ab 1980 betreute Sauerland René Weller,<ref>Alex Raack: Boxer René Weller wird 65: Goldjunge - wie der "schöne René" Weltmeister wurde. In: Der Spiegel. 21. November 2018, ISSN 2195-1349 (archive.org [abgerufen am 21. Juni 2023]).</ref> der im März 1984 Europameister im Leichtgewicht wurde.<ref>Weller neuer Europameister. In: Hamburger Abendblatt. 10. März 1984, abgerufen am 21. Juni 2023.</ref> Auch Manfred Jassmann (Halbschwer) aus Korbach gehörte zu Sauerlands Schützlingen. Als dieser im Juli 1983 in Frankfurt um den Europameistertitel kämpfte (und unterlag), hatten die öffentlich-rechtlichen Sender für die Übertragungsrechte lediglich 8000 DM geboten. Sauerland lehnte dieses Angebot ab.<ref>Bei Neun noch auf dem Hosenboden… In: Hamburger Abendblatt. 11. Juli 1983, abgerufen am 21. Juni 2023.</ref> Das Profiboxen in Deutschland dieser Zeit wurde als „ausgedünnte Szene“ beschrieben, Sauerland habe sich als Veranstalter bemüht, dieser Szene zum Überleben zu verhelfen.<ref name=":0">Bertram Job: Gebrauchsanweisung fürs Boxen. Piper Taschenbuch, 2015, ISBN 978-3-492-27668-9.</ref>
1990 nahm Sauerland, der kurz zuvor noch einen Ausstieg aus dem Boxgeschäft erwog,<ref name="nordkurier">Ost-Athleten zogen Boxen aus der Ritze. In: Nordkurier. 3. November 2014, abgerufen am 21. Juni 2023.</ref> Henry Maske und Trainer Manfred Wolke unter Vertrag und stach damit unter anderem seinen Konkurrenten Klaus-Peter Kohl aus, der ebenfalls mit dem DDR-Boxer und seinem Trainer in Verbindung stand.<ref>Boxer Henry Maske im Interview über seine ostdeutsche Herkunft. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 10. November 2014, ISSN 0174-4909 (archive.org [abgerufen am 21. Juni 2023]).</ref> Mit Axel Schulz holte Sauerland einen weiteren DDR-Spitzenboxer,<ref>Eckhard Klein, Malte Müller-Michaelis: Axel Schulz wird 50: "Kein schlechter Bengel". In: Der Spiegel. 9. November 2018, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 4. Dezember 2024]).</ref> auch die Brüder Torsten May und Rüdiger May stießen dazu. „Die Boxer aus dem Osten haben das Boxen in Deutschland gerettet“, äußerte Wilfried Sauerland später.<ref name="nordkurier" /> Mit Maske als Zugpferd erlebte das Profiboxen in Deutschland einen erheblichen Aufschwung, zu dem auch Sauerlands Zusammenarbeit mit dem Fernsehsender RTL in hohem Maße beitrug. RTL betrieb eine „gezielte Heroisierung“ der Boxer, übertrug die Kämpfe mit großem Aufwand und Spektakel<ref name=":2">Prügeln im privaten Kreis. In: Tagesspiegel. Abgerufen am 26. September 2019.</ref> und sorgte gemeinsam mit Sauerland maßgeblich dafür, „den Sport aus dem Rotlicht-Milieu herauszuziehen und ihm von seinem bisherigen Schmuddel- und Kneipen-Image zu lösen“.<ref>Der Fernsehfriedhof: Am Zenit des Privatfernsehens. In: Quotenmeter. Abgerufen am 26. September 2019.</ref> Sauerland und der Boxstall Universum seines Konkurrenten Kohl beherrschten in den 1990er und 2000er Jahren das Boxgeschäft in Deutschland.<ref>Von der Nische ins Rampenlicht. In: Die Welt. 16. November 2011, abgerufen am 21. Juni 2023.</ref>
Zu den großen Kämpfen von Sauerland-Boxern in der Hochzeit des deutschen Profiboxens gehörten der erste WM-Kampf von Maske 1993,<ref name=":1">Henry Maske, der Champion. In: Hamburger Abendblatt. 22. März 1993, abgerufen am 21. Juni 2023.</ref> die beiden Duelle zwischen Maske und Graciano Rocchigiani im Jahr 1995<ref>Kratzer am Image des Gentleman. In: Hamburger Abendblatt. 29. Mai 1995, abgerufen am 21. Juni 2023.</ref><ref name=":1" /> die umstrittene Niederlage Schulz’ gegen George Foreman 1995<ref name=":5">Das Faustrecht des Weltmeisters. In: Hamburger Abendblatt. 24. April 1995, abgerufen am 21. Juni 2023.</ref> sowie Schulz’ weitere WM-Kämpfe gegen Francois Botha (Dezember 1995)<ref name=":5" /> und Michael Moorer.<ref>Michael Moorer vs Axel Schulz. In: Aufzeichnung auf youtube.com. Abgerufen am 21. Juni 2023.</ref>
Nach den Olympischen Sommerspielen 1996 verpflichtete der Sauerland-Boxstall Ulli Wegner als Trainer, der in den folgenden Jahren Sven Ottke, Markus Beyer, Marco Huck und Arthur Abraham zu Weltmeistern machte.<ref name=":3" /> Vor seinem Wechsel aus dem Amateurlager zu Sauerland hatte Wegner auch Kontakt zum Konkurrenten Universum gehabt.<ref name=":7">Uli Wegner über seine Anfänge als Trainer, Sauerland, Sven Ottke, Markus Beyer, Arthur Abraham. In: Gesprächsaufzeichnung auf youtube.com. Abgerufen am 26. September 2019.</ref> Ottke wurde im März 2003 der zweite Deutsche, der WM-Titel von zwei Verbänden hielt,<ref>Doppel-Weltmeister Sven Ottke lebt seinen Traum. In: Hamburger Abendblatt. 17. März 2003, abgerufen am 26. September 2019.</ref> im März 2004 trat der Supermittelgewichtler aus Berlin zurück und beendete somit seine Profikarriere ohne Niederlage.<ref>Hans-Joachim Leyenberg: Boxen: Ein starker Abgang. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 28. März 2004, ISSN 0174-4909 (archive.org [abgerufen am 21. Juni 2023]).</ref> Als wichtiger Mitarbeiter Sauerlands galt Jean-Marcel Nartz als technischer Leiter, der als „der eigentliche Motor“ von Sauerlands Boxgeschäft bezeichnet wurde.<ref name=":0" /> Nartz wechselte 2002 von Sauerland zu Universum.<ref>Seitenwechsel am Boxring. In: Tagesspiegel. 19. Juli 2002, abgerufen am 26. September 2019.</ref> Zu Jahresbeginn 2004 trat der Sauerland-Boxstall aus dem Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) aus und trat dem österreichischen Verband bei. Sauerland kritisierte den BDB, dieser habe sich nicht ausreichend vom Vizepräsidenten Hans Högner distanziert, dem rassistische und antisemitische Äußerungen vorgeworfen worden waren. Sauerland befürchtete „einen dauernden Imageschaden für unseren Sport“, welchen man nicht mittragen werde.<ref>Konsequenter Sauerland. In: N-TV. 14. Januar 2004, abgerufen am 4. Dezember 2024.</ref> Im Dezember 2005 wurde mit dem Russen Nikolai Walujew<ref>WM im Schwergewicht: Walujew nimmt Ruiz den Gürtel ab. In: Der Spiegel. 18. Dezember 2005, ISSN 2195-1349 (archive.org [abgerufen am 21. Juni 2023]).</ref> erstmals ein Boxer aus dem Sauerland-Stall Schwergewichtsweltmeister.<ref>Die drei größten Highlights von Wilfried Sauerland. In: Gesprächsaufzeichnung auf youtube.com. Abgerufen am 27. September 2019.</ref>
Im Laufe der Jahre richtete der Sauerland-Boxstall, der zunächst seine Geschäfte von Köln und London aus betrieb<ref>Geschichte und Zukunft. In: Boxen.com. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 26. September 2019; abgerufen am 26. September 2019. Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.</ref> und 2003 nach Berlin wechselte,<ref name=":2" /> Zweigstellen in Hamburg, Kopenhagen, Stockholm und New York ein. Das Unternehmen wurden „zu einem der größten und erfolgreichsten Boxställe Europas“.<ref name=":3">Boxen: Sauerland schließt Gym in Berlin - so geht es für Ulli Wegner weiter. In: Sport1. 2. August 2019, abgerufen am 26. September 2019.</ref>
Ab Dezember 2001 wurden Kämpfe von Sauerland-Boxern regelmäßig von der ARD übertragen, nachdem der Vertrag nicht verlängert worden war, wurde im Oktober 2014 der Privatsender Sat.1 neuer Fernsehpartner des Boxstalls.<ref name=":2" /> Wilfried Sauerland übergab die Geschäfte zusehends an seine Söhne Kalle und Nisse<ref name=":4">Björn Jensen: Trainer Wegner: „Für Mittelmaß stehe ich nicht zur Verfügung“. In: Berliner Morgenpost. 28. Juni 2018, abgerufen am 26. September 2019.</ref> und war insbesondere ab 2013 kaum noch handelnd tätig.<ref name="welt">Boxen: Wie Deutschlands letzter großer Boxstall Sauerland ums Überleben kämpft. In: Die Welt. 14. Juli 2018, abgerufen am 21. Juni 2023.</ref> Im Jahr 2015 äußerte Wilfried Sauerland, dass man mittlerweile in Skandinavien genauso viele Boxveranstaltungen austrage wie in Deutschland.<ref>Boxen Wilfried Sauerland über seine Söhne. In: Gesprächsaufzeichnung auf youtube.com. Abgerufen am 22. Oktober 2019.</ref> Kalle Sauerland widmete sich ab Herbst 2017 vor allem der Turnierserie „World Boxing Super Series“ und war fortan nicht mehr ins Deutschland-Geschäft des Boxstalls eingebunden.<ref name=":4" /> Sein Bruder Nisse kümmert sich vornehmlich um die Geschäfte in Skandinavien und England. Kalle Sauerland betonte im März 2017 zwar die deutschen Wurzeln des Unternehmens, kündigte gleichzeitig aber Veränderungen an und ebenfalls, sich als Boxstall verstärkt international auszurichten. „Wir stehen für Resultate. Und wenn es nicht so läuft, dann musst du Sachen ändern. Es gibt Änderungen bei uns: Kündigungen, Leute gehen, neue kommen, neue Wege. Wir suchen den Weg vorwärts [...] Wir müssen uns wieder aufbauen langsam. Und da sind wir gut aufgestellt, wir sind noch nicht am Ende. Wir werden noch mehr Änderungen bei uns machen, wir werden uns mehr international anpassen“, sagte er.<ref>Zukunft Boxen in Deutschland: Kommentar Kalle Sauerland. In: Gesprächsaufzeichnung auf youtube.com. Abgerufen am 26. September 2019.</ref>
Im Juli 2018 kündigte Wilfried Sauerland an, sich wieder vermehrt in die Belange des Deutschland-Geschäfts einzubringen,<ref>Björn Jensen: Wilfried Sauerland kehrt zurück und führt Box-Geschäfte. In: Berliner Morgenpost. 11. Juli 2018, abgerufen am 26. September 2019.</ref> das durch die verstärkt internationale Ausrichtung gelitten hatte. Der Unternehmensgründer überredete Trainer Wegner zum Weitermachen, nachdem dessen Vertrag ausgelaufen war. Zu diesem Zeitpunkt verfügte der Boxstall mit dem Supermittelgewichtler Tyron Zeuge nur noch über einen Weltmeister. Sauerlands Boximperium sei ins Wanken geraten, schrieb die Zeitung Die Welt im Juli 2018.<ref name="welt" /> 2018 ging das Unternehmen nach dem Auslaufen des Sat1-Vertrages eine Zusammenarbeit mit Sport1 ein, Wilfried Sauerland räumte im August 2018 verspätete Zahlungen ein,<ref name="warmbrunn">Benedikt Warmbrunn: Boxen: Wilfried Sauerland kämpft um sein Lebenswerk. In: Süddeutsche Zeitung. 7. August 2018, abgerufen am 26. September 2019.</ref> die Süddeutsche Zeitung berichtete unter der Überschrift „Die fetten Jahre bei Sauerland sind vorbei“ über den Boxstall, „der unter großen Schwierigkeiten in der Gegenwart ankommt“.<ref name="warmbrunn" /> Im Sommer 2019 gab der Boxstall bekannt, zum Jahresende 2019 seine Trainingshalle nahe dem Berliner Olympiastadion zu schließen, da die Auslastung bei Jahreskosten im sechsstelligen Bereich<ref name=":6">Björn Jensen: „Sauerland ist noch immer die Nummer eins“. In: Hamburger Abendblatt. 13. November 2019, abgerufen am 22. November 2019.</ref> nicht mehr gegeben sei.<ref>Sauerland-Boxstall schließt Trainingszentrum. In: Süddeutsche Zeitung. 1. August 2019, abgerufen am 26. September 2019.</ref> Kalle Sauerland zufolge wurde damit auch der Entwicklung Rechnung getragen, dass Boxer mittlerweile „individuell trainieren, sie haben ihr eigenes Team um sich herum und wählen den Ort ihrer Trainingsstätte selbst“.<ref name=":6" /> Ende September 2019 wurde Trainer Wegner die schriftliche Kündigung zum 31. Dezember 2019 zugestellt. Das Angebot, die Boxer auf freiberuflicher Basis mit einem Zuschuss Sauerlands zu betreuen, hatte Wegner abgelehnt. Wilfried Sauerland betonte laut Bild-Zeitung: „Aber wir hatten mit Ulli Wegner die Sache schon lange vorher besprochen.“ Als Grund für die Kündigung nannte Sauerland finanzielle Gründe („Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, für so wenige Boxer so viel Geld für den Trainer auszugeben“).<ref>Coach kassiert Kündigung: Sauerland kündigt Kult-Trainer Wegner. In: Bild. 5. Oktober 2019, abgerufen am 21. Oktober 2019.</ref> Wegner selbst hatte einige Wochen vor dem Erhalt der Kündigung gesagt, er habe Angst „im Bösen auseinanderzugehen“, weil sich das allmählich anbahne.<ref name=":7" /> Den Ablauf der Kündigung kritisierte der Trainer dann deutlich.<ref>Karin Bühler: Hintergrund zur Kündigung von Ulli Wegner: Boxstall Sauerland vor dem Aus bei Sport1. In: Berliner Zeitung. 11. Oktober 2019, abgerufen am 21. Oktober 2019.</ref> Im November 2019 betonte Kalle Sauerland, der Boxstall werde nicht mehr mit fest angestellten, sondern mit freiberuflich beschäftigten Trainer zusammenarbeiten.<ref name=":6" /> Meldungen eines baldigen Endes des Boxstalls wies er im selben Monat zurück und betonte, man wolle bald wieder große Veranstaltungen durchführen.<ref>Boxen - Kalle Sauerland sieht Boxstall gut aufgestellt: „Wollen bald wieder große Events machen“. In: Ran.de. 22. Oktober 2019, abgerufen am 23. November 2019.</ref>
2021 verkaufte der Firmengründer Wilfried Sauerland den Boxstall an das Unternehmen Wasserman Media Group aus den Vereinigten Staaten. Seine Söhne Kalle und Nisse wurden Leiter der Boxabteilung des Unternehmens.<ref>Wilfried Sauerland (81) verkauft Box-Stall nach Hollywood. In: BZ. 31. März 2021, abgerufen am 12. Juli 2021.</ref>
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