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Pica-Syndrom

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Klassifikation nach ICD-10
F98.3 Andere Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
Pica im Kindesalter
F50.8 Sonstige Essstörungen
Pica bei Erwachsenen
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Vorlage:Infobox International Classification of Diseases 11

Als Pica oder Pica-Syndrom (nach {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value) „Elster“) wird eine seltene Essstörung bezeichnet, bei der Menschen Dinge zu sich nehmen, die allgemein als ungenießbar oder auch ekelerregend angesehen werden. Die ebenfalls übliche Bezeichnung Picazismus bzw. Pikazismus wurde früher für ungewöhnliche Essgelüste Schwangerer verwendet. Auch der Ausdruck Allotriophagie (von griechisch allotrios ‚fremd‘ und phagein ‚essen‘) ist eine Bezeichnung für dieses Syndrom.<ref></ref>

Beim Pica-Syndrom handelt es sich im Gegensatz zu Anorexie und Bulimie um keine „quantitative“, sondern um eine „qualitative“ Essstörung.

Symptome und Beschwerden

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Geborgener Mageninhalt mit gegessenen Fremdkörpern wie Nägeln u. a.

Es werden Dinge gegessen, die nicht primär dem menschlichen Verzehr dienen, wie etwa Erde, Asche, Kalk, Lehm, Sand, Steine, Papier, Farbschnipsel oder Pflanzenteile. Die drei häufigsten Substanzen sind Erde, Stärke (sowohl Speisestärke als auch Wäschestärke) und (Wasser-)Eis.<ref>Sera L. Young: Craving Earth. Understanding pica. The urge to eat clay, starch, ice, and chalk. Columbia University Press, New York 2011, ISBN 978-0-231-51789-8, S. 5–13.</ref> Manchmal werden auch Dinge verzehrt, die im Allgemeinen als ekelerregend gelten, wie etwa Exkremente, Staub und Abfall. Der Schausteller und Rekordhalter Michel Lotito (* 15. Juni 1950 in Grenoble; † 17. April 2006) litt am Pica-Syndrom, ohne gesundheitlichen Schaden zu erleiden.<ref>Michel Lotito – The Man Who Ate An Airplane And Everything Else. Gabdig, 13. Oktober 2015, abgerufen am 1. September 2019.</ref>

Diagnostik

ICD-11

Die seit 2022 gültige ICD-11 ordnet die „Pica“ den „Fütter- und Essstörungen“ zu. Die Kriterien lauten:<ref>6B84 Pica. In: icd.who.int. Weltgesundheitsorganisation (WHO), Januar 2026, abgerufen am 22. Februar 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

  • Regelmäßiger Konsum von nicht-nahrhaften Substanzen, wie z. B. Nicht-Lebensmitteln und Materialien (z. B. Ton, Erde, Kreide, Gips, Kunststoff, Metall und Papier) oder rohen Lebensmittelzutaten (z. B. große Mengen Salz oder Maismehl).
  • Die Einnahme von nicht-nahrhaften Substanzen ist so hartnäckig oder schwerwiegend, dass eine klinische Behandlung erforderlich ist. Das heißt, das Verhalten verursacht aufgrund der Häufigkeit, Menge oder Art der aufgenommenen Substanzen oder Gegenstände Schäden oder erhebliche Gesundheitsrisiken oder Funktionsbeeinträchtigungen.
  • Aufgrund des Alters und des intellektuellen Entwicklungsstands wäre zu erwarten, dass die Person zwischen essbaren und nicht essbaren Substanzen unterscheiden kann. Bei einer typischen Entwicklung ist dies etwa im Alter von 2 Jahren der Fall.
  • Die Symptome oder Verhaltensweisen sind keine Manifestation einer anderen Erkrankung (z. B. eines Nährstoffmangels).

Nicht um eine Pica handelt es sich, wenn beispielsweise spitze oder andere Gegenstände von Gefangenen alleine zum Zweck geschluckt werden, eine Behandlung und damit die Verlegung aus einer Strafvollzugsanstalt zu erzwingen (siehe dazu Selbstverletzung und Suizid).

DSM-5-TR

Das 2022 veröffentlichte DSM-5-TR, welches die „Pica“ ebenfalls den „Fütter- und Essstörungen“ zuordnet, verwendet folgende Kriterien:<ref>American Psychiatric Association: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. DSM-5-TR Auflage. American Psychiatric Association Publishing, 2022, ISBN 978-0-89042-575-6, doi:10.1176/appi.books.9780890425787 (psychiatryonline.org [abgerufen am 3. November 2025]).</ref>

A. Anhaltendes Essen von nicht nahrhaften Substanzen über mindestens einen Monat.
B. Das Essen von nicht nahrhaften, nicht essbaren Substanzen ist für den Entwicklungsstand der Person unangemessen.
C. Das Essverhalten ist nicht Teil einer kulturell akzeptierten oder sozial normativen Praxis.
D. Wenn das Essverhalten im Zusammenhang mit einer anderen psychischen Störung oder einer medizinischen Erkrankung (einschließlich Schwangerschaft) auftritt, ist es so schwerwiegend, dass zusätzliche klinische Aufmerksamkeit erforderlich ist.

Für die Diagnose einer Pica wird nach DSM-5-TR ein Mindestalter von 2 Jahren empfohlen, um das entwicklungsbedingte normale In-den-Mund-Nehmen von Gegenständen durch Kleinkinder, das zur Verschluckung führt, auszuschließen.

Ursachen

Als Ursache für das Pica-Syndrom wird eine neuropathologische Grundlage vermutet.<ref>Jon E. Grant, Brian L. Odlaug: Clinical characteristics of trichotillomania with trichophagia. In: Comprehensive Psychiatry. Band 49, Nr. 6, 1. November 2008, ISSN 0010-440X, S. 579–584, doi:10.1016/j.comppsych.2008.05.002, PMID 18970906, PMC 2605948 (freier Volltext) – (sciencedirect.com [abgerufen am 3. November 2025]).</ref><ref name="Geriatric">Noel I. Dumaguing, Indra Singh, Mohammad Sethi, D. P. Devanand: Pica in the Geriatric Mentally Ill: Unrelenting and Potentially Fatal. In: Journal of Geriatric Psychiatry and Neurology. Band 16, Nr. 3, 29. Juni 2016, S. 189–191, doi:10.1177/0891988703256049 (Online [abgerufen am 31. Juli 2017]).</ref> Es betrifft relativ häufig geistig behinderte Menschen, Schizophrene, Schwangere und ansonsten gesunde Kinder.<ref>Rainer Tölle, Klaus Windgassen, Reinhart Lempp & Reinmar Du Bois: Psychiatrie. 13. aktualisierte Auflage. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 2003, ISBN 3-540-43444-5, S. 108.</ref> Demente,<ref name="Geriatric" /> Autisten, Menschen mit anderen psychischen Erkrankungen und Verwahrloste leiden ebenfalls überdurchschnittlich oft unter dieser Essstörung.

Auch ein Mangelzustand kann im Extremfall zu einer Pica führen, zum Beispiel ein ausgeprägter Eisenmangel<ref>Wolfgang Behnisch, Martina Muckenthaler und Andreas Kulozik: AWMF-Leitlinie Eisenmangelanämie. (awmf.org [PDF; abgerufen am 28. Oktober 2022]).</ref><ref name="Role">Sunit Singhi, Pratibha Singhi, Gul B. Adwani: Role of Psychosocial Stress in the Cause of Pica. In: Clinical Pediatrics. Band 20, Nr. 12, 2. Juli 2016, S. 783–785, doi:10.1177/000992288102001205.</ref> oder ein Mineralstoffmangel.<ref name="Geriatric" /> Die Pica ist somit keine Erkrankung, die zweifelsfrei rein psychisch begründet ist, sondern kann auch somatische Ursachen haben.

Bereits in den 1980er Jahren wurden verschiedene psychosoziale Risikofaktoren für die Entstehung von Pica bei Kindern identifiziert. Dazu gehören Stressoren wie die Trennung der Eltern, Misshandlung (Schlagen) und verschiedene Formen von Vernachlässigung.<ref name="Role" />

Folgen und Komplikationen

Pikazismus kann schwerwiegende Folgen haben, zum Beispiel Verstopfung, Beschwerden des Verdauungstrakts (Ileus und andere Erkrankungen) und Vergiftungen durch giftige Pflanzen bzw. Pflanzenteile. Selbst der Verzehr von relativ „harmlosen“ Dingen wie Erde, Lehm oder Asche kann zu Infektionen führen. Lang anhaltender Pikazismus gilt als Fehlernährung und kann durch Unterernährung (etwa beim Erdeessen durch Bindung von Mineralstoffen) zu Eisenmangel und Vitaminmangel führen; dies ist besonders bei Schwangeren und Kindern schwerwiegend.

Behandlung

Chirurgische Entfernung von Objekten

Die operative Entfernung von verschluckten Objekten kann notwendig sein, da diese zu Schäden im Verdauungstrakt führen können. Wie häufig solche Eingriffe insgesamt sind, ist unklar. Ein forensischer Bericht verweist auf eine Studie von Decker (1993), in der eine Stichprobe von Menschen mit Entwicklungsverzögerung und Pica betrachtet wurde. Drei Viertel der Pica-Episoden machten in dieser speziellen Personengruppe chirurgische Eingriffe erforderlich, 11 % der Betroffenen starben an den Folgen.<ref>Roger W. Byard: A Review of the Forensic Implications of Pica. In: Journal of Forensic Sciences. Band 59, Nr. 5, 1. September 2014, ISSN 1556-4029, S. 1413–1416, doi:10.1111/1556-4029.12520 (Online [abgerufen am 15. August 2017]).</ref>

Verhaltenstherapie

Die Verhaltenstherapie stellt bei Pica eine im Allgemeinen wirksame Behandlungsmöglichkeit dar, wobei verschiedene behaviorale Verfahren zum Einsatz kommen können.<ref name="Pediatric">Nichole R. Kelly, Lisa M. Shank, Jennifer L. Bakalar, Marian Tanofsky-Kraff: Pediatric Feeding and Eating Disorders: Current State of Diagnosis and Treatment. In: Current Psychiatry Reports. Band 16, Nr. 5, 1. Mai 2014, ISSN 1523-3812, S. 446, doi:10.1007/s11920-014-0446-z (Online [abgerufen am 15. August 2017]).</ref><ref>Kenneth E. Bell, David M. Stein: Behavioral treatments for pica: A review of empirical studies. In: International Journal of Eating Disorders. Band 11, Nr. 4, 1. Mai 1992, ISSN 1098-108X, S. 377–389, doi:10.1002/1098-108x(199205)11:4<377::aid-eat2260110412>3.0.co;2-i.</ref>

Pharmakologische Behandlung

Erfolge mit Psychopharmaka beruhen lediglich auf Einzelfallstudien, systematische Untersuchungen fehlen.<ref name="Pediatric" /> Eine Einzelfallstudie berichtet beispielsweise von der Behandlung eines jugendlichen Autisten mit Pica-Syndrom mithilfe von Aripiprazol, einem atypischen Antipsychotikum.<ref>Arzu Hergüner, Sabri Hergüner: Pica in an Adolescent with Autism Spectrum Disorder Responsive to Aripiprazole. In: Journal of Child and Adolescent Psychopharmacology. Band 26, Nr. 1, 18. Januar 2016, ISSN 1044-5463, S. 80–81, doi:10.1089/cap.2015.0184 (Online [abgerufen am 15. August 2017]).</ref> Pica bessert sich bei psychotischen Menschen bei entsprechender Behandlung oft gemeinsam mit den psychotischen Symptomen.<ref>SujitaKumar Kar, Rajesh Kumar, Abhilove Kamboj: Pica and psychosis - clinical attributes and correlations: A case report. In: Journal of Family Medicine and Primary Care. Band 4, Nr. 1, 1. Januar 2015, doi:10.4103/2249-4863.152277 (Online [abgerufen am 15. August 2017]).</ref> Allerdings wurden auch Fälle berichtet, in denen Pica erst nach der Einnahme von Antipsychotika (hier: Risperidon und Olanzapin) auftrat oder sich durch sie verschlechterte.<ref>Nishtha Chawla, Deepak Charan, Saurabh Kumar, Raman Deep Pattanayak: Pica associated with initiation of atypical antipsychotic drugs: Report of two cases. In: Psychiatry and Clinical Neurosciences. Band 70, Nr. 8, 1. August 2016, ISSN 1440-1819, S. 363–364, doi:10.1111/pcn.12408.</ref> Ebenfalls auf Einzelfallstudien beruhen Erfolge mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, ADHS-Medikamenten und Baclofen.<ref name="Pediatric" />

Sonstige Behandlung und Beaufsichtigung

Andere psychotherapeutische Maßnahmen können ebenfalls erwogen werden. Diese setzen zum Teil jedoch eine ausreichende Reflexionsfähigkeit des Betroffenen voraus. In einigen Fällen ist die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln wie Eisenpräparaten indiziert.<ref name="Pediatric" /> Ansonsten ist eine entsprechende Beaufsichtigung, bei Gefahr für das eigene Leben eine Unterbringung, notwendig.

Siehe auch

Literatur

Leitlinien der AWMF

Sachbücher, Aufsätze

  • T. Knecht: Pica – eine qualitative Appetitstörung. (PDF; 86 kB) In: Schweiz Med Wochenschr., 1999, 129, S. 1287–1292.
  • E. P. Lacey: Broadening the perspective of pica: literature review. In: Public Health Rep., Januar–Februar 1990, 105(1), S. 29–35. Review. PMID 2106702.

Film

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

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