Zum Inhalt springen

Projektive lineare Gruppe

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 7. August 2024 um 13:35 Uhr durch imported>Oyano Math (Die projektive lineare Gruppe PGl_2(K) ist isomorph zur Gruppe LF(K) der gebrochen linearen Transformationen, nicht die (kleinere) projektive, spezielle, lineare Gruppe PSl_2(K).).
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Die projektiven linearen Gruppen sind in der Mathematik untersuchte Gruppen, die aus der allgemeinen linearen Gruppe konstruiert werden. Ist der zugrunde liegende Körper endlich, so erhält man wichtige endliche Gruppen; ist der Körper <math>\R</math> oder <math>\Complex</math>, erhält man auf diese Weise Lie-Gruppen. Eng verwandt sind die speziellen projektiven Gruppen, die zu einer unendlichen Reihe einfacher Gruppen führen.

Definitionen

Es sei <math>V</math> ein Vektorraum über dem Körper <math>K</math>. Die allgemeine lineare Gruppe <math>\operatorname{GL}(V)</math> ist die Gruppe der linearen Automorphismen <math>V\to V</math>. Das Zentrum <math>\operatorname{Z}(\operatorname{GL}(V))</math> dieser Gruppe ist die Menge der von 0 verschiedenen skalaren Vielfachen der identischen Abbildung <math>\mathrm{id}_V</math>, das heißt

<math>\operatorname{Z}(\operatorname{GL}(V))=K^\times\cdot\mathrm{id}_V</math>.

Da das Zentrum ein Normalteiler ist, kann man die Faktorgruppe

<math>\operatorname{PGL}(V) := \operatorname{GL}(V)/\operatorname{Z}(\operatorname{GL}(V))</math>

bilden. Diese Gruppe heißt die projektive lineare Gruppe auf <math>V</math>.

Ist <math>V</math> ein n-dimensionaler Vektorraum über <math>K</math>, also <math>V\cong K^n</math>, so schreibt man

<math>\operatorname{PGL}_n(K)</math> oder <math>\operatorname{PGL}(n,K)</math> für <math>\operatorname{PGL}(K^n)</math>.

Ist <math>K</math> der bis auf Isomorphie eindeutig bestimmte endliche Körper mit <math>q=p^k</math>, <math>p</math> Primzahl, Elementen, so schreibt man

<math>\operatorname{PGL}_n(q)</math> oder <math>\operatorname{PGL}(n,q)</math> für <math>\operatorname{PGL}_n(K)</math>.

Im Falle endlichdimensionaler Vektorräume <math>V=K^n</math> ist die Determinantenfunktion ein Gruppenhomomorphismus

<math>\det\colon \operatorname{GL}_n(K)\rightarrow K^\times</math>.

Den Kern <math>\operatorname{SL}_n(K) := {\det}^{-1}(\{1\})</math> dieses Homomorphismus nennt man die spezielle lineare Gruppe. Schränkt man die oben beschriebene Konstruktion auf diese ein, so erhält man

<math>\operatorname{PSL}_n(K) := \operatorname{SL}_n(K)/\operatorname{Z}(\operatorname{SL}_n(K))</math>,

die sogenannte projektive spezielle lineare Gruppe, oder kürzer die projektive spezielle oder spezielle projektive Gruppe. Dabei ist das Zentrum

<math>\operatorname{Z}(\operatorname{SL}_n(K)) = \{\lambda \cdot\mathrm{id}_{K^n} \mid \lambda \in \mathrm{E}_n\}</math>,

wobei <math>\mathrm{E}_n\subset K^\times</math> die Menge der <math>n</math>-ten Einheitswurzeln von <math>K</math> ist. Ist <math>K</math> wieder der Körper mit <math>q=p^k</math> Elementen, so schreibt man

<math>\operatorname{PSL}_n(q)</math> oder <math>\operatorname{PSL}(n,q)</math> für <math>\operatorname{PSL}_n(K)</math>.

Namensherkunft

Es sei <math>K^n</math> der <math>n</math>-dimensionale Vektorraum über dem Körper <math>K</math>. Bekanntlich nennt man die Menge aller eindimensionalen Unterräume den projektiven Raum <math>KP^{n-1}</math>. Jede Matrix aus <math>\operatorname{GL}_n(K)</math> bildet eindimensionale Unterräume wieder auf solche ab, dabei ist diese Operation zweier Matrizen auf <math>KP^{n-1}</math> dieselbe, wenn sich die Matrizen nur um ein skalares Vielfaches, also um ein Element aus dem Zentrum <math>\operatorname{Z}(\operatorname{GL}_n(K))</math>, unterscheiden. Das gilt auch umgekehrt, denn wenn zwei Matrizen <math>A,B \in \operatorname{GL}_n(K)</math> die eindimensionalen Unterräume in gleicher Weise permutieren, so lässt <math>A^{-1}B</math> alle eindimensionalen Unterräume fest, das heißt, jeder Vektor ist ein Eigenvektor von <math>A^{-1}B</math>. Daher ist <math>K^n</math> der einzige Eigenraum zu einem Eigenwert <math>a</math> und man hat

<math>A^{-1}B = a\cdot \mathrm{id}_{K^n} \in \operatorname{Z}(\operatorname{GL}_n(K))</math>.

Daraus folgt, dass <math>\operatorname{PGL}_n(K) = \operatorname{GL}_n(K)/\operatorname{Z}(\operatorname{GL}_n(K))</math> auf dem projektiven Raum treu operiert. Das legt die Bezeichnung projektive lineare Gruppe nahe.

Endliche Gruppen

Im Folgenden sei <math>K</math> ein Körper mit <math>q=p^k</math>, <math>p</math> Primzahl, Elementen. Bekanntlich gibt es bis auf Isomorphie nur einen solchen Körper und jeder endliche Körper ist von dieser Art. Aus der Endlichkeit des Körpers ergibt sich die Endlichkeit von <math>\operatorname{GL}_n(K)</math>, denn es gibt ja nur <math>q^{n^2}</math> Matrizen mit <math>n</math> Spalten und Zeilen über <math>K</math>, und damit folgt auch die Endlichkeit der projektiven linearen Gruppe <math>\operatorname{PGL}_n(q)</math> und der speziellen projektiven Gruppe <math>\operatorname{PSL}_n(q)</math>. Eine genauere Betrachtung zeigt:<ref>B. Huppert: Endliche Gruppen I. Springer-Verlag (1967), Kapitel II, Hilfssatz 6.2.</ref>

<math>\operatorname{PGL}_n(q)</math>   hat   <math>(q^n-1)\cdot (q^n-q)\cdot \ldots\cdot (q^n-q^{n-2})\cdot q^{n-1}</math>   Elemente.
<math>\operatorname{PSL}_n(q)</math>   hat   <math>(q^n-1)\cdot (q^n-q)\cdot \ldots\cdot (q^n-q^{n-2})\cdot q^{n-1}/\operatorname{ggT}(n,q-1)</math>   Elemente.

Beachte, dass man für den Körper <math>K</math> mit 2 Elementen nicht zwischen <math>\operatorname{PGL}_n(2)</math> und <math>\operatorname{PSL}_n(2)</math> unterscheiden muss, da die Determinante in diesem Fall der triviale Gruppenhomomorphismus ist. Auch das Zentrum <math>\operatorname{Z}(\operatorname{GL}_n(K))=K^\times\cdot \mathrm{id}_{K^n}</math> ist in diesem Fall nur einelementig, und man hat

<math> \operatorname{GL}_n(K) \cong \operatorname{PGL}_n(2) \cong \operatorname{PSL}_n(2)</math>.

Einfachheit

Die wichtigste Eigenschaft der speziellen projektiven Gruppen ist deren Einfachheit:

  • Mit Ausnahme von <math>\operatorname{PSL}_2(2)</math> und <math>\operatorname{PSL}_2(3)</math> sind die Gruppen <math>\operatorname{PSL}_n(q)</math> einfach.<ref>B. Huppert: Endliche Gruppen I. Springer-Verlag (1967), Kapitel II, Hauptsatz 6.13.</ref>

Die speziellen projektiven Gruppen bilden damit eine der Serien einfacher Gruppen aus dem Klassifikationssatz endlicher einfacher Gruppen. Genauer handelt es sich um die Serie einfacher Gruppen vom Lie-Typ An, es ist <math>\operatorname{PSL}(n,q) \cong A_{n-1}(q)</math>.<ref>Roger W. Carter: Simple Groups of Lie Type. John Wiley & Sons 1972, ISBN 0-471-13735-9, Theorem 11.3.2.(i).</ref>

Isomorphismen

Unter den kleinen speziellen projektiven Gruppen und den symmetrischen Gruppen <math>S_n</math> und alternierenden Gruppe <math>A_n</math> bestehen folgende Isomorphismen:

<math>\operatorname{PSL}_2(2) \cong \operatorname{SL}_2(2) \cong \operatorname{GL}_2(2) \cong S_3</math>   (siehe S3)
<math>\operatorname{PSL}_2(3) \cong A_4</math>   (siehe A4)
<math>\operatorname{PSL}_2(4) \cong \operatorname{PSL}_2(5) \cong A_5</math> (siehe A5)
<math>\operatorname{PSL}_2(7) \cong \operatorname{PSL}_3(2)</math>
<math>\operatorname{PSL}_4(2) \cong \operatorname{GL}_4(2) \cong A_8</math>
<math>\operatorname{PSL}_2(9) \cong A_6</math>

Weitere Isomorphismen zwischen den speziellen projektiven, symmetrischen und alternierenden Gruppen bestehen nicht.<ref>B. Huppert: Endliche Gruppen I. Springer-Verlag (1967), Kapitel II, Satz 6.14.</ref>

Die kleinste unter diesen einfachen Gruppen, die nicht alternierend ist, ist demnach die <math>\operatorname{PSL}_2(7)</math>, eine Gruppe mit 168 Elementen. Sie ist tatsächlich hinter <math>A_5</math> die zweitkleinste nichtabelsche einfache Gruppe.

Wie <math>\operatorname{PSL}_4(2)</math> hat auch <math>\operatorname{PSL}_3(4)</math> <math>\textstyle 20160 = 8!/2</math> Elemente, ist aber nicht isomorph zu <math>A_8</math>.<ref>D. J. S. Robinson: A Course in the Theory of Groups. Springer-Verlag 1996, ISBN 978-1-4612-6443-9, Seite 78.</ref>

Gebrochen lineare Transformationen

Im zweidimensionalen Fall <math>\operatorname{PGL}_2(K)</math> kann man die Elemente der Gruppe als gebrochen lineare Transformationen auffassen. Ist

<math>\begin{pmatrix} a & b \\ c & d \end{pmatrix} \in \operatorname{GL}_2(K)</math>   mit Determinante   <math>ad-bc = 1</math>,

so betrachte man dazu die gebrochen lineare Transformation

<math>x\mapsto \frac{ax+b}{cx+d}</math>.

Die Menge der gebrochen linearen Transformationen bildet bzgl. der Hintereinanderausführung als Verknüpfung eine Gruppe und obige Zuordnung

<math>\begin{pmatrix} a & b \\ c & d \end{pmatrix} \quad \mapsto \quad \left( x\mapsto \frac{ax+b}{cx+d} \right)</math>

ist ein Homomorphismus von <math>\operatorname{SL}_2(K)</math> auf die Gruppe der gebrochen linearen Transformationen, dessen Kern das Zentrum ist. Daher kann die Gruppe <math>\operatorname{PGL}_2(K)</math> alternativ als Gruppe gebrochen linearer Transformationen angesehen werden.

Die Determinantenbedingung <math>ad-bc = 1</math> kann dahingehend abgeschwächt werden, dass <math>ad-bc</math> ein Quadrat ist, was im Körper <math>\Complex</math> stets der Fall ist. Ist nämlich <math>ad-bc = r^2</math>, so ist <math>r\not=0</math>, denn es handelt sich ja um die Determinante einer invertierbaren Matrix, und <math>(ar^{-1})(dr^{-1})-(br^{-1})(cr^{-1}) = 1</math>. Die Matrix <math>\begin{pmatrix} ar^{-1} & br^{-1} \\ cr^{-1} & dr^{-1} \end{pmatrix}</math> wird offenbar auf dieselbe gebrochen lineare Transformation abgebildet.

Erweitert man <math>K</math> durch <math>\infty</math> zur projektiven Geraden <math>KP^1</math>, deren Elemente die eindimensionalen Unterräume <math>K\cdot (1,a) \leftrightarrow a\in K</math> und <math>K \cdot (0,1) \leftrightarrow \infty</math> sind, und definiert man bei den gebrochen linearen Transformationen wie üblich eine Division durch 0 als <math>\infty</math> und eine Division durch <math>\infty</math> als 0, so entspricht die Operation der <math>\operatorname{PGL}_2(K)</math> auf <math>KP^1</math> der Operation der gebrochen linearen Transformationen auf <math>KP^1</math>.<ref>B. Huppert: Endliche Gruppen I. Springer-Verlag (1967), Kapitel II, Hilfssatz 8.1.</ref>

Lie-Gruppen

Ist <math>K=\R</math> oder <math>K=\Complex</math>, so erhält man Lie-Gruppen <math>\operatorname{PGL}_n(\R)</math> bzw. <math>\operatorname{PGL}_n(\Complex)</math> und die speziellen Gruppen <math>\operatorname{PSL}_n(\R)</math> bzw. <math>\operatorname{PSL}_n(\Complex)</math>. Letztere sind für <math>n\ge 2</math> die Lie-Gruppen zur Lie-Algebra vom Typ An-1.<ref>P. Anglès: Conformal Groups in Geometry and Spin Structures. Springer-Verlag 2007, ISBN 978-0-8176-3512-1, Kap. 1.1: Classical Groups.</ref> Die Beschreibung als gebrochen lineare Transformation nennt man auch Möbiustransformation.

Einzelnachweise

<references />