Willi Lemke
Wilfried „Willi“ Lemke (* 19. August 1946 in Pönitz/Ostholstein; † 12. August 2024 in Bremen) war ein deutscher Politiker (SPD) und Sportfunktionär. Von 1981 bis 1999 war er Manager des Fußball-Bundesligisten SV Werder Bremen, als dessen Aufsichtsratsvorsitzender er später auch tätig war. Von 1999 bis 2007 war Lemke Senator für Bildung und Wissenschaft und von 2007 bis 2008 Senator für Inneres und Sport der Freien Hansestadt Bremen<ref>Ein Mann mit vielen Talenten – Willi Lemke ist gestorben - Pressestelle des Senats. Abgerufen am 29. Juli 2025.</ref>, danach fungierte er von 2008 bis 2016 als Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden.<ref>Originaltitel laut www.un.org: Special Adviser to the United Nations Secretary-General on Sport for Development and Peace</ref>
Biografie
Familie, Ausbildung und Beruf
Lemkes Eltern stammten aus Stettin. 1945 flüchtete die Mutter mit zwei Söhnen nach Neubrandenburg und dann weiter nach Pönitz.<ref> Kölner Stadtanzeiger, Interview mit Bruder Dietrich und Nichte Eveline 5./6. März 2016, S. 22</ref> Aufgewachsen ist er in Hamburg. 1965 wurde er mit der 4-mal-100-Meter-Staffel des Gymnasiums Oberalster deutscher Schülermeister.<ref>Jens Meyer-Odewald: Deutsche Staffelmeister immer noch fit wie ein Turnschuh. In: Hamburger Abendblatt. 28. Juni 2010, abgerufen am 19. September 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Nach dem Abitur begann Wilfried Lemke ein Lehramtsstudium der Erziehungs- und Sportwissenschaft an der Universität Hamburg, welches er mit dem ersten Staatsexamen beendete. Anschließend war er von 1971 bis 1974 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen tätig. Mit dem Umzug nach Bremen trat er in die SPD ein und engagierte sich beim AStA und den Jusos. Mitarbeiter des sowjetischen KGB sprachen ihn an und wollten ihn als Agenten verpflichten, der Interna aus der SPD liefern sollte. Nach späteren Einschätzungen nahm der KGB hingegen an, Lemke würde Karriere in der Partei machen und solle durch die Zusammenarbeit erpressbar gemacht werden. Lemke offenbarte den Kontakt dem Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg<ref>Willi Lemke: Ein Bolzplatz für Bouaké, München 2010, S. 38</ref> und traf sich in Absprache mit der Behörde zwölfmal zwischen 1971 und 1974 mit einem KGB-Mann. Er lieferte Kurzbiographien und Kontaktdaten von Politikern.<ref>Freddie Röckenhaus: Energiebündel mit vielen Talenten. In: Die Zeit, 18. Februar 1994</ref> Die Tätigkeit als Doppelagent wurde erst 1994 bekannt, als der ehemalige Präsident des Verfassungsschutzes in Hamburg, Hans Josef Horchem, den Vorgang ohne vorherige Absprache in einem Buch erwähnte.<ref>Doppelpaß mit dem KGB. In: FOCUS online. 13. November 2013, abgerufen am 14. August 2024.</ref> Horchem nannte dabei zwar nicht Lemkes Namen, aber Radio Bremen fand heraus, um wen es dabei ging.<ref>K.W: Willi Lemke war Doppelagent. In: Die Tageszeitung: taz. 11. Februar 1994, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 29. Juli 2025]).</ref>
1974 übernahm er die Geschäftsführung des SPD-Landesverbandes Bremen, bis er 1981 als Manager zum Fußballverein Werder Bremen wechselte.
Lemke war zwei Mal verheiratet und hatte vier Kinder. Eine Ehefrau war Senatorin Eva-Maria Lemke (SPD). Seine Nichte, die Grünen-Politikerin Eveline Lemke, war stellvertretende Ministerpräsidentin in Rheinland-Pfalz. Sein Bruder Dietrich Lemke ist Lehrer, war Vorsitzender der GEW in Hamburg und ist in der Arbeitsgemeinschaft SPD 60 plus aktiv.
Oft setzte er sich für Schwächere ein. Seit seinem 50. Geburtstag 1996 spendierte er viele Jahre lang in einem Bremer Armentreff ein Drei-Gänge-Geburtstagsmenü für Bedürftige. 2006 bat eine Mutter den damaligen Bildungssenator um Hilfe, weil ihr zwölfjähriger Sohn von seinem getrennt lebenden algerischen Vater in dessen Heimat entführt worden war. Nach vergeblichen Versuchen, auf offiziellen Wegen eine Lösung zu finden, flog Lemke selber als Privatmann nach Nordafrika und überzeugte den Algerier „von Vater zu Vater“ davon, gemeinsam mit dem Sohn nach Bremen zurückzukehren.<ref>Eckhard Stengel: (S+) Willi Lemke ist tot: Wilfried, der den Frieden wollte. In: Der Spiegel. 14. August 2024, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 29. Juli 2025]).</ref>
Lemke starb am 12. August 2024 im Alter von 77 Jahren infolge einer Hirnblutung.<ref>Mathias Sonnenberg: Ex-Werder-Manager und früherer Bremer Senator Willi Lemke ist tot. In: Weser-Kurier. 13. August 2024, abgerufen am 13. August 2024.</ref> Im Bremer Dom fand am 23. August die Trauerfeier statt, bei der Ex-Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) und Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald Hauptredner waren.
Werder Bremen
In seiner Zeit bei Werder Bremen prägte er gemeinsam mit Otto Rehhagel maßgeblich die „goldenen“ 1980er und 1990er Jahre (genauer von 1981 bis 1995) des Vereins, in denen Werder einmal den Europapokal der Pokalsieger gewinnen konnte, zweimal Deutscher Meister und dreimal DFB-Pokalsieger wurde.
Am 18. März 1989 kam es durch Lemke zu einem Novum in der Bundesliga-Geschichte, als er das Heimspiel des SV Werder Bremen gegen den damaligen Tabellenvorletzten SV Waldhof Mannheim an Citroën als Sponsor verkaufte.<ref name="deichstube_2020-03-18">deichstube.de: 18. März 1989: Werder-Manager Willi Lemke verkauft Bundesliga-Spiel, Wistorie, Wita, 18. März 2020</ref><ref name="zeit_2023-04-27">Die Zeit: Lob für Düsseldorfer Plan: Lemke verkaufte schon 1989 Spiel, Fußball, Niedersachsen, dpa, 27. April 2023</ref> Der Sponsor erwarb für 120.000 DM rund 30.000 Tageskarten und erhielt die exklusiven Werberechte an diesem Spieltag.<ref name="deichstube_2020-03-18" /><ref name="zeit_2023-04-27" /> Waren in den drei Spielzeiten zuvor jeweils weniger als 20.000 Zuschauer zu der Begegnung gegen Waldhof Mannheim erschienen, führte der reduzierte Eintrittspreis für Werder Bremen zu verdoppelten Einnahmen sowie einem ausverkauften Weserstadion mit 37.204 Zuschauern und bescherte dem Sponsor einen Bericht in den Tagesthemen.<ref name="deichstube_2020-03-18" /><ref name="zeit_2023-04-27" />
Ab der Ausgliederung profitorientierter und leistungssportlicher Abteilungen des Gesamtvereins zur Werder Bremen GmbH & Co KGaA im Mai 2003 gehörte Marathonläufer Lemke deren Aufsichtsrat an und war ab 2005 auch Vorsitzender dieses Gremiums. Im November 2012 wurde er in seinem Amt als Aufsichtsratsvorsitzender für weitere vier Jahre bestätigt.<ref>Aufsichtsrat: Lemke und Dr. Hess-Grunewald einstimmig bestätigt. Werder Bremen, 18. November 2012, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 12. Februar 2013; abgerufen am 14. August 2024.</ref> 2014 trat er als Vorsitzender zurück, blieb aber noch bis Jahresende 2016 Mitglied des Aufsichtsrates.<ref name="dw20161206">Deutsche Welle: Willi Lemke bows out as UN sports adviser, 6. Dezember 2016</ref>
Partei
Nach der Ankündigung von Henning Scherf, im September 2005 als Regierungschef des Bundeslandes Bremen zurückzutreten, kandidierte Lemke in einer SPD-Mitgliederbefragung neben Jens Böhrnsen für Scherfs Nachfolge. Böhrnsen erhielt 1924 Stimmen, Lemke scheiterte mit 721 Stimmen.<ref>Lemke macht weiter: Böhrnsen kündigt Sparkurs für Bremen an. In: Handelsblatt. 7. März 2016, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 7. März 2016; abgerufen am 14. August 2024.</ref>
Öffentliche Ämter
Nach der Bürgerschaftswahl 1999 wurde Lemke am 7. Juli desselben Jahres als Senator für Bildung und Wissenschaft in den von Scherf geleiteten Senat der Freien Hansestadt Bremen gewählt. In der Zeit geriet er 2003 durch seine geforderten Anstandsregeln in die Schlagzeilen.<ref>Bremens Bildungssenator "Bei den Sexbomben möchte ich nicht Junglehrer sein", Der Spiegel 14. Juli 2003</ref><ref>Willi Lemke legt nach Bremens Bildungssenator plädiert für Schuluniformen, Der Spiegel 18. Juli 2003</ref><ref>Katharina Rutschky: Meinung: Benimmunterricht im Fernsehen. In: FAZ. 14. September 2003, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 19. November 2011; abgerufen am 14. August 2024.</ref><ref>Kult-Manager verstorben - Wie Willi Lemke bei Werder Bremen Geschichte schrieb, N-tv 13. August 2024</ref> Vom 12. Oktober bis zum 2. November 2006 war er zudem kommissarisch Senator für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales, nachdem die Amtsinhaberin Karin Röpke im Zuge des Falls Kevin zurückgetreten war.
Nach der Wahl 2007 übernahm Lemke in der neuen rot-grünen Koalition am 29. Juni 2007 das Amt des Senators für Inneres und Sport.
Ende 2007 wurde Lemke von der Bundesregierung für das Amt des UN-Sonderberaters für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden vorgeschlagen. Nachdem der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages zugesichert hatte, die Finanzierung dieses Amtes in Höhe von jährlich 450.000 Euro zu übernehmen, wurde Lemke am 18. März 2008 von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon als Nachfolger von Adolf Ogi berufen.<ref>Lemke wird UN-Sonderberater für Sport. In: netzeitung.de. 19. März 2008, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 19. März 2008; abgerufen am 14. August 2024.</ref><ref>Teurer Sonderberater. In: Der Spiegel. Nr. 10, 2008 (online – 3. März 2008).</ref> Lemke trat deshalb am 6. April 2008 als Innensenator zurück.
Während seiner Amtszeit als UN-Sonderberater bis Ende 2016 bereiste er auch mehrere Elendsviertel und Flüchtlingslager. Diese Erfahrungen änderten seine Weltsicht: Nicht mehr Fußball war seitdem das Wichtigste in seinem Leben, sondern der Weltfrieden.<ref>Eckhard Stengel: (S+) Willi Lemke ist tot: Wilfried, der den Frieden wollte. In: Der Spiegel. 14. August 2024, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 29. Juli 2025]).</ref>
Ab September 2010 war Lemke Honorarprofessor an der Western Cape Universität (UWC) in Südafrika.
Lemke war Kuratoriumsmitglied der Egidius-Braun-Stiftung.<ref>Gremien der DFB-Stiftung Egidius Braun. Abgerufen am 5. September 2023.</ref>
Auszeichnungen
- Der Deutsche Fußball-Bund zeichnete Lemke 2016 für sein Engagement mit dem DFB- und Mercedes Benz Integrationspreis aus.<ref>Willi Lemke erhält Integrationspreis. In: DFB – Deutscher Fußball-Bund e. V. Abgerufen am 18. April 2016.</ref>
- Für sein Engagement im Behindertensport wurde Lemke vom Deutschen Behindertensportverband mit dem Ehrenpreis 2014 ausgezeichnet.<ref>Behindertensportler des Jahres 2014 in Köln geehrt. Deutscher Behindertensportverband, 29. November 2014, abgerufen am 14. August 2024.</ref>
- Für seinen Einsatz als UN-Sportbotschafter wurde er mit dem Berliner-Friedensuhr-Preis 2011 ausgezeichnet.
- Die Bundesvereinigung Lebenshilfe würdigte sein Engagement zugunsten behinderter Sportler mit dem Bobby Medienpreis 2010.
Siehe auch
- Liste der Bildungssenatoren von Bremen, Liste der Wissenschaftssenatoren von Bremen
- Senat Scherf II
- Senat Scherf III
- Senat Böhrnsen I
- Senat Böhrnsen II
Weblinks
- Literatur von und über Willi Lemke im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Einzelnachweise
<references />
<templatestyles src="BoxenVerschmelzen/styles.css" />
Christian Paulmann | Willy Dehnkamp | Moritz Thape | Horst von Hassel | Horst Werner Franke | Henning Scherf | Bringfriede Kahrs | Willi Lemke | Renate Jürgens-Pieper | Eva Quante-Brandt | Claudia Bogedan | Sascha Karolin Aulepp | Mark Rackles
Vorlage:Klappleiste/EndeVorlage:Navigationsleiste Bremer InnensenatorenVorlage:Navigationsleiste Bremer ArbeitssenatorenVorlage:Navigationsleiste Bremer GesundheitssenatorenVorlage:Navigationsleiste Bremer SozialsenatorenVorlage:Klappleiste/Anfang Theodor Bäuerle | Erwin Stein | Albert Sauer | Adolf Grimme | Alois Hundhammer | Adolf Süsterhenn | Alois Hundhammer | Heinrich Landahl | Albert Sauer | Richard Voigt | Christine Teusch | Willy Dehnkamp | Wilhelm Simpfendörfer | Arno Hennig | Eduard Orth | Edo Osterloh | Joachim Tiburtius | Theodor Maunz | Heinrich Landahl | Richard Voigt | Willy Dehnkamp | Paul Mikat | Wilhelm Hahn | Ernst Schütte | Claus-Joachim von Heydebreck | Werner Scherer | Carl-Heinz Evers | Bernhard Vogel | Hans Maier | Reinhard Philipp | Moritz Thape | Jürgen Girgensohn | Joist Grolle | Wilhelm Hahn | Hans Krollmann | Walter Braun | Josef Jochem | Peter Glotz | Hanna-Renate Laurien | Georg Gölter | Hans Maier | Joist Grolle | Georg-Berndt Oschatz | Hans Schwier | Horst Werner Franke | Helmut Engler | Wolfgang Gerhardt | Georg Gölter | Eva Rühmkorf | Marianne Tidick | Manfred Erhardt | Diether Breitenbach | Steffie Schnoor | Hans Zehetmair | Rosemarie Raab | Karl-Heinz Reck | Rolf Wernstedt | Anke Brunn | Gabriele Behler | Hans Joachim Meyer | Willi Lemke | Annette Schavan | Dagmar Schipanski | Karin Wolff | Doris Ahnen | Johanna Wanka | Ute Erdsiek-Rave | Jürgen Zöllner | Annegret Kramp-Karrenbauer | Henry Tesch | Ludwig Spaenle | Bernd Althusmann | Ties Rabe | Stephan Dorgerloh | Sylvia Löhrmann | Brunhild Kurth | Claudia Bogedan | Susanne Eisenmann | Helmut Holter | Ralph Alexander Lorz | Stefanie Hubig | Britta Ernst | Karin Prien | Astrid-Sabine Busse | Katharina Günther-Wünsch | Christine Streichert-Clivot Vorlage:Klappleiste/Ende
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Lemke, Willi |
| ALTERNATIVNAMEN | Lemke, Wilfried |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Politiker (SPD) und Fußball-Funktionär |
| GEBURTSDATUM | 19. August 1946 |
| GEBURTSORT | Pönitz, Ostholstein |
| STERBEDATUM | 12. August 2024 |
| STERBEORT | Bremen |
- Seiten mit Skriptfehlern
- Wikipedia:Defekter Dateilink
- Senator (Freie Hansestadt Bremen)
- Mitglied der Bremischen Bürgerschaft (ab 1945)
- SPD-Mitglied
- Fußballfunktionär (Werder Bremen)
- Funktionär der Vereinten Nationen
- UN-Sonderberater
- Absolvent der Universität Hamburg
- Hochschullehrer (Universität des Westkaps)
- Deutscher
- Geboren 1946
- Gestorben 2024
- Mann