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Mildred Harnack-Fish

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Datei:Harnak Mildred.jpg
Mildred Harnack-Fish

Mildred Harnack-Fish (<phonos file="GT Mildred Harnack-Fish.ogg">Anhören</phonos>/?) (* 16. September 1902 in Milwaukee, Wisconsin, als Mildred Elizabeth Fish; † 16. Februar 1943 in Berlin-Plötzensee) war eine amerikanisch-deutsche Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin und Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus.

Leben

Datei:Mildred Harnack-Fich Graffiti.jpg
Memorialgraffiti für Mildred Harnack-Fish

Mildred war das jüngste Kind von William Cook Fish und dessen Frau Georgina (geb. Hesketh) nach Harriet, Marion Hesketh und Marbeau Davenport Fish. 1918 starb ihr Vater und sie übersiedelte mit ihrer Mutter nach Washington.<ref name="Schad">Martha Schad: Frauen gegen Hitler – Schicksale im Nationalsozialismus. Wilhelm Heine, 2001, ISBN 978-3-453-86138-1, S. 221–237.</ref><ref name="Schad" details="S. 224." /> 1919 machte sie ihren Abschluss an der Western High School in Georgetown. Sie begann 1921 ein Studium an der University of Wisconsin in englischer Philologie und Literaturgeschichte. 1926 arbeitete sie als Dozentin für deutsche Literatur an der University of Wisconsin-Madison, wo sie den Juristen und Rockefeller-Stipendiaten Arvid Harnack kennenlernte und heiratete. Mit Harnack zog sie 1929 nach Berlin, finanzielle Unterstützung erhielt sie durch ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Bis 1931 studierte sie an den Universitäten in Jena und Gießen. Danach nahm sie ein Studium in Berlin auf, von da an war sie auch als Lektorin für amerikanische Literaturgeschichten an einer Berliner Universität tätig.<ref name="Schad" details="S. 225." /> Ab 1933 wurden immer mehr Frauen aus den Universitäten gedrängt, so war auch Fish-Harnack gezwungen ihre Arbeit zu verlassen. Anschließend war sie bis 1936 an einem Berliner Abendgymnasium tätig, dort unterrichtete sie wiederum englische Literatur und Literaturgeschichte. Ab 1938 arbeitete sie bei einem Verlag in Potsdam als Verlagslektorin für amerikanische Romandichtung. Sie war außerdem regelmäßig zu Gast in der amerikanischen Botschaft. Durch die Kontakte, die sie dort knüpfte, konnte sie Informationen beschaffen und diese später an Gleichgesinnte weitergeben.<ref name="Schad" details="S. 225." />

Fish-Harnack promovierte 1941 an der Ludwigs-Universität Gießen und arbeitete als Lehrbeauftragte und Übersetzerin an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Universität Berlin. Dort sammelte sich ab 1939/40 ein reger Kreis widerständiger Dozenten und Studenten, darunter auch Harro Schulze-Boysen und Horst Heilmann.

Ab 1933 baute sie zusammen mit ihrem Mann Arvid Harnack sowie dem Schriftsteller Adam Kuckhoff und dessen Frau Greta Kuckhoff einen Diskussionszirkel auf, der politische Perspektiven nach dem erwarteten Sturz des Naziregimes erörterte.<ref>Stefan Heinz: Online-Biografie: Harnack, Arvid. Aus: Neue Deutsche Biographie; 4. November 2022.</ref> 1939 entstand daraus das Widerstandsnetz, das später als Rote Kapelle bekannt wurde. Bis zum Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg war sie Vorsitzende des Frauen-Clubs an der US-Botschaft in Berlin und eng befreundet mit Martha Dodd, der Tochter des Botschafters William Edward Dodd. Später waren die Harnacks eng mit Botschaftsrat Donald R. Heath und dessen Frau Louise befreundet.<ref>Johannes Tuchel: »Weihnachten müsst Ihr richtig feiern«. Aus: Die Zeit, 13. Dezember 2007 Nr. 51.</ref> Donald Heath jr. schrieb später : „Mildred war ein Typ wie Julie Christie in Doktor Schiwago, wirklich höchst interessant. Ich fühlte mich zu ihr hingezogen. Sie wirkte sehr nordisch und trug altmodische Kleidung. Sie zog die Blicke der Leute auf sich. Sie entging einem selbst in einem überfüllten Raum nicht. Sie wirkte auf Männer. Sehr auffallend. Eine totale Präsenz, ihre Stimme, ihr Anblick, ihr Denken.“

Fish-Harnack unterstützte ihren Mann, der ab 1935 für den sowjetischen Nachrichtendienst arbeitete, und half ihm beim Zusammenstellen politischer, militärischer und wirtschaftlicher Informationen.<ref>Neues Deutschland, 23. Dezember 1969, S. 4. Online</ref> 1937 bekam sie Heimweh und verließ Deutschland um wieder in den Vereinigten Staaten zu leben. Doch einleben konnte sie sich dort nicht mehr, die alten Freunde waren zurückhaltend ihr gegenüber geworden, so kehrte sie nach Deutschland zurück. In dieser Zeit ging es ihr gut, hinzu kam eine Fehlgeburt, die sie erlitten hatte.<ref name="Schad" details="S. 228." />

Bis Ende Juni 1941 hatte die Gruppe um Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen Kontakt mit Angehörigen der sowjetischen Botschaft und versuchte, vor dem bevorstehenden deutschen Überfall auf die Sowjetunion zu warnen. Im August 1942 wurde ein Funkverkehr der belgischen Gruppe mit den Adressen von Adam Kuckhoff, Harro Schulze-Boysen und Ilse Stöbe dechiffriert.

Am 7. September 1942 wurden Arvid und Mildred Harnack während eines Urlaubs auf der Kurischen Nehrung in Ostpreußen von der SS verhaftet.<ref>Kümmels Anzeiger Nr. 02/09, heimatmuseum-erkner.de; vgl. auch die Darstellung bei Egmont Zechlin, Erinnerungen an Arvid und Mildred Harnack, in: „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht“, 33/1982, S. 395–404.</ref> Beide wurden in das Gefängnis des Reichssicherheitshauptamtes in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße gebracht. Aus Verzweiflung unternahm Fish-Harnack einen Selbstmordversuch, sie ahnte, was auf sie zukommt. Nachdem Suizidversuch und dem Austausch von Kassiber mit Libertas Schulze-Boysen verschärften sich ihre Haftbedingungen, sie durfte keine Besuche und keine Post mehr empfangen.<ref name="Schad" details="S. 230." />

Am 19. Dezember fällte das Reichskriegsgericht sein Urteil, Arvid Harnack bekam das Todesurteil. Der Verteidiger von Fish-Harnack konnte darstellen, dass sie nur die Instruktionen ihres Manns ausgeführt hatte. Der Richter zeigte sich dementsprechend milde, sie wurde zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Bereits drei Tage später wurde das Urteil gegen ihren Mann vollstreckt.<ref name="Schad" details="S. 231." />

Hitler ordnete jedoch eine neue Hauptverhandlung an, hierbei wurde Fish-Harnack ganz anders dargestellt. Es wurde ihr vorgeworfen sie habe ihren Mann benutzt und junge Offiziere verführt. Die Verhandlung endete am 16. Januar 1943 mit der Verurteilung zum Tode.<ref name="Schad" details="S. 233." /> Um sich während ihrer Haftzeit abzulenken übersetzte sie mehrere Goethe-Gedichte ins Englische, das letzte konnte sie nicht mehr fertigstellen.

Am 16. Februar 1943 wurde Mildred Harnack im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee mit der Guillotine hingerichtet.<ref>Brigitte Oleschinski: Gedenkstätte Plötzensee, (PDF) S. 28.</ref> Ihre letzten Worte waren: „Und ich habe Deutschland so geliebt.“<ref name="Schad" details="S. 235." /> Harnack-Fish ist die einzige US-amerikanische Zivilperson, die wegen Widerstands gegen das Naziregime hingerichtet wurde.

Arvids Bruder Falk Harnack, ebenfalls Widerstandskämpfer, konnte fliehen und überlebte den Zweiten Weltkrieg als Partisan der ELAS in Griechenland.

Als ihre Freundin und Studienkollegin Clara Leiser von der Enthauptung erfuhr, schrieb sie zum Gedenken das Gedicht To and From the Guillotine.<ref>Clara Leiser: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />To and From the Guillotine (Memento vom 14. August 2011 im Internet Archive), 1943. (pdf)</ref>

Mildred Harnack ist die Urgroßtante der US-amerikanischen Autorin Rebecca Donner.<ref>Rebecca Donner: Ich möchte, dass die Leser mit Mildred durch Berlin gehen, Berliner Zeitung, 4. Oktober 2022</ref>

Ehrungen

Datei:Stamps of Germany (DDR) 1964, MiNr 1019.jpg
40+10 Pfennig-Sondermarke der DDR-Post 1964 mit Mildred und Arvid Harnack

Übersetzungen

  • Irving Stone: Lust for Life. (Vincent van Gogh. Ein Leben in Leidenschaft.) Berlin 1936, Universitas.
  • Walter D. Edmonds: Drums along the Mohawk. (Pfauenfeder und Kokarde.) Berlin 1938, Universitas.

Schriften

  • Mildred Harnack: Die Entwicklung der amerikanischen Literatur der Gegenwart in einigen Hauptvertretern des Romans und der Kurzgeschichte. (Maschinenschriftliche Dissertation), Philosophische Fakultät der Ludwigs-Universität zu Gießen, Gießen 1941.
  • Mildred Harnack-Fish: Variationen über das Thema Amerika. Studien zur Literatur der USA. Herausgegeben von Eberhard Brüning. Aufbau-Verlag, Berlin u. a. 1988, ISBN 3-351-01022-2.

Literatur

  • Rebecca Donner: All the Frequent Troubles of Our Days: The True Story of the American Woman at the Heart of the German Resistance to Hitler. Little, Brown and Company, New York 2021, ISBN 978-0-316-56169-3.
    • Rebecca Donner: Mildred. Die Geschichte der Mildred Harnack und ihres leidenschaftlichen Widerstands gegen Hitler. Kanon, Berlin 2022, ISBN 978-3-98568-047-4.
  • Ingo Juchler (Hrsg.): Mildred Harnack und die Rote Kapelle in Berlin. Universitätsverlag Potsdam, 2017, ISBN 978-3-86956-407-4. (PDF; 12,1 MB).
  • Sabine Friedrich: Wer wir sind : Roman. - München : Dt. Taschenbuchverl., 2012, ISBN 978-3-423-28003-7.
  • Martha Dodd: Meine Jahre in Deutschland 1933–1937. Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-8218-0762-1.
  • Stefan Roloff: Die Rote Kapelle. Ullstein, 2002, ISBN 3-548-36669-4.
  • Shareen B. Brysac: Resisting Hitler. Mildred Harnack and the Red Orchestra. Oxford University Press, Oxford 2000, ISBN 978-0-19-515240-1 (archive.org). Auszüge
    • deutsch: Mildred Harnack und die „Rote Kapelle“. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau und einer Widerstandsbewegung. Übersetzt von Klaus Kochmann. Scherz, Bern 2003, ISBN 3-502-18090-3.<ref>Silke Kettelhake: Rezension in HaGalil, ursprünglich in Jungle World, 18. Februar 2004.</ref>
  • Gert Rosiejka: Die Rote Kapelle. „Landesverrat“ als antifaschistischer Widerstand. Ergebnisse, Hamburg 1986, ISBN 3-925622-16-0.
  • Ingo Juchler (Hrsg.): Mildred Harnack und die Rote Kapelle in Berlin. 2., verbesserte Auflage. Universitätsverlag Potsdam, Potsdam 2021, ISBN 978-3-86956-500-2 (uni-potsdam.de [PDF]).

Weblinks

Commons: Mildred Harnack – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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