Unter Wirtschaftswachstum wird allgemein in der Wirtschaft eine Zunahme der Wirtschaftsleistung (je Staat, Region oder weltweit) im Zeitablauf verstanden. Die gängigste Messgröße ist die prozentuale Veränderung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Zeitablauf als monatliche, vierteljährliche oder jährliche Wachstumsrate.<ref name="ftn27">Dudenredaktion (Hrsg.): Duden Wirtschaft von A bis Z, Grundlagenwissen für Schule und Studium, Beruf und Alltag. 5. Auflage. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2013. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2013.</ref> Diese prozentualen Wachstumsraten berechnen sich als Quotient aus der Änderung des Inlandsprodukts und dem Wert der Vorperiode.
Wirtschaftswachstum wird oftmals an der intertemporalen Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts gemessen. Das Bruttoinlandsprodukt misst den Gesamtwert der Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres in einer Volkswirtschaft erbracht werden.
Verschiedene Adjektive werden genutzt, um unterschiedliche Ausprägungen des Wirtschaftswachstums zu beschreiben:
nominal vs. real
Grundsätzlich wird zwischen nominalem und realem BIP-Wachstum unterschieden. Die beiden Methoden unterscheiden sich in der Bewertung der Wertschöpfung: Beim nominalen Wachstum wird die Wertschöpfung über die Marktpreise bewertet, sodass eventuelle Änderungen der Marktpreise durch Inflation oder Deflation zu einem Anstieg bzw. Rückgang des Wachstums führen. Das reale Wachstum wird hingegen um die Preisveränderungen im Rahmen von Inflation/Deflation bereinigt – gemessen wird nach diesem Konzept also die eigentliche reale Leistungsentwicklung der Gesamtwirtschaft (Preisbereinigung).
Absolutes Wachstum beschreibt die Veränderung des Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr. So betrug beispielsweise in Deutschland Mitte der 1950er Jahre das bereinigte Bruttoinlandsprodukt pro Kopf umgerechnet ca. 5000 Euro. Es steigerte sich pro Jahr um ca. 500 Euro pro Person. Relatives Wachstum beschreibt nun die Wachstumsrate, also etwa 10 Prozent. Anfang der neunziger Jahre war das BIP pro Kopf auf ca. 25.000 Euro angestiegen, die Wachstumsrate auf 2 % abgesunken. Dies entspricht einem absoluten Wachstum von unverändert 500 Euro pro Kopf. Die Wirtschaftsleistung stieg hier also nicht exponentiell (mit konstanter Wachstumsrate), sondern eher linear, wie auch in anderen industrialisierten Ländern.<ref>Sören Wibe, Ola Carlén: Is Post-War Economic Growth Exponential? In: Australian Economic Review. Band 39, Nr. 2, 2006, S. 147–156, doi:10.1111/j.1467-8462.2006.00406.x.</ref><ref name="LangePützKopp">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
extensiv vs. intensiv
Extensives Wachstum bezeichnet eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts eines Staates, aber nicht notwendigerweise eine Verbesserung der Güterversorgung pro Kopf der Bevölkerung, wenn das Bevölkerungswachstum größer als das Wirtschaftswachstum ist.<ref>Rick Szostak: The Causes of Economic Growth: Interdisciplinary Perspectives. Springer Science & Business Media, 2009, ISBN 978-3-540-92282-7, S. 24 (englisch)</ref> Intensives Wachstum liegt vor, wenn das Pro-Kopf-Einkommen steigt, also die Wachstumsrate des BIP jene der Bevölkerung übersteigt.<ref name="ftn1">Michael Frenkel, Hans-Rimbert-Hemmer: Grundlagen der Wachstumstheorie. 1. Auflage. Vahlen-Verlag, München 1993, ISBN 3-8006-2396-X.</ref> So kann bei einer schrumpfenden Bevölkerung mit wachsender Arbeitsproduktivität das Bruttoinlandsprodukt abnehmen, das Pro-Kopf-Einkommen (Wohlstand) jedoch zunehmen.<ref>Rick Szostak: The Causes of Economic Growth: Interdisciplinary Perspectives. Springer Science & Business Media, 2009, ISBN 978-3-540-92282-7, S. 24 (englisch)</ref> Dies kann durch Steigerung der Arbeitsproduktivität erreicht werden, aber auch durch eine erhöhte Arbeitszeit: So ist das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner der Vereinigten Staaten 26 % höher als in Deutschland, das Bruttoinlandsprodukt je Arbeitsstunde aber nur 6 % (Stand 2008).<ref>Rick Szostak: The Causes of Economic Growth: Interdisciplinary Perspectives. Springer Science & Business Media, 2009, ISBN 978-3-540-92282-7, S. 24 (englisch)</ref>
Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) wurde als ein wichtiger Indikator für die Konjunktur- und Geldpolitik konzipiert. Es misst die wirtschaftliche Leistung und damit die Fähigkeit eines Landes, materiellen Wohlstand zu schaffen. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf gilt als wichtiger Indikator für den Wohlstand und die Lebensqualität der Bevölkerung eines Landes.<ref>Wolfgang Cezanne: Allgemeine Volkswirtschaftslehre. Oldenburg Wissenschaftsverlag, 2005, ISBN 3-486-57770-0, S. 497 f.</ref>
Ökonomen wie Benjamin M. Friedman betonen, dass Wirtschaftswachstum insbesondere in Entwicklungsländern neben der Anhebung des Lebensstandards politische und soziale Reformen fördert, wirtschaftliche Mobilität, Fairness und Toleranz ermöglicht und die Substanz der Demokratie bildet. Beispielsweise seien in den USA in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation oder Schrumpfung (1880er-, 1890er-, 1920er-Jahre und nach der Ölkrise) vermehrt negative Einstellungen bezüglich Immigration sowie verstärkte rassistische und religiöse Vorurteile aufgetreten, während die Großzügigkeit gegenüber den Armen und die Stärke der Demokratie in diesen Zeiten abgenommen hätten. Friedman hält es für unzutreffend, zwischen moralischem und materiellem Fortschritt einen Zielkonflikt zu sehen.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20120403215240
Während über viele Jahrzehnte politisch Wirtschaftswachstum vor allem aus einer quantitativen Perspektive betrachtet wurde,<ref name="schmelzer_hegemony" /> wird inzwischen auch innerhalb der OECD ein stärkerer Fokus auf qualitatives Wachstum gesetzt, das eine Wohlstandsmehrung bei verringerter Belastung der Umwelt und geringerem Verbrauch begrenzter Rohstoffe ermöglichen soll.<ref name="oecd_green" /> Laut der UNESCO beziehungsweise der Vereinten Nationen sind für qualitatives Wachstum zusätzlich besonders Kulturgutschutz, hochwertige Bildung, kulturelle Vielfalt und sozialer Zusammenhalt in bewaffneten Konflikten notwendig.<ref>Jyot Hosagrahar „Culture: at the heart of SDGs“, UNESCO-Kurier, April-Juni 2017.</ref> Wachstum könne vom industriellen Sektor in den Dienstleistungs- und Informationsbereich verlagert werden (immaterielles Wachstum) sowie erschöpfliche Rohstoffe und Energieträger wie Erdöl durch erneuerbare Energien ersetzt werden.<ref>Helge Majer: Wirtschaftswachstum und nachhaltige Entwicklung. Oldenbourg, 1998, ISBN 3-486-24557-0.</ref> Aber auch durch umweltorientierten technischen Fortschritt, z. B. durch Recycling, Miniaturisierung oder innovative neue Produkte könne es „zu einer Entkopplung von Wachstum und der Nutzung natürlichen Kapitals bzw. der Natur als Senke kommen“.<ref>Michael von Hauff: Von der Sozialen zur Nachhaltigen Marktwirtschaft. In: Michael von Hauff (Hrsg.): Die Zukunftsfähigkeit der sozialen Marktwirtschaft. Metropolis-Verlag, 2007, ISBN 978-3-89518-594-6, S. 353.</ref> Wachstum müsse nicht zwangsläufig mit steigender Umweltverschmutzung einhergehen, denn das Wirtschaftswachstum in den fortgeschrittenen Industrienationen beruhe heutzutage eher auf einem Zuwachs an Dienstleistungen als einem Zuwachs an Waren und enthalte einen zunehmenden Anteil von Umwelttechnik. Es gäbe für Wirtschaftswachstum immer neue Ideen und Innovationen, die nie an ein Ende kommen würden.<ref>Diane Coyle: The Weightless World: Thriving in the Digital Age. 1997.</ref> Menschliche Kreativität sei die ultimative Ressource und sorge bei ökologischen Knappheiten für Substitute.
Die Studienlage zu solch einer Umgestaltung der Wirtschaft hin zu grünem Wachstum ist uneindeutig. So kommt etwa eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung zu dem Ergebnis, dass es einen signifikanten Trend zur Entkopplung von Wirtschaftswachstum, dem Verbrauch fossiler Energien und CO2-Emissionen im Energiesektor gibt. Ausgewertet wurden hierzu Daten von 34 Ländern über ein Vierteljahrhundert.<ref>Turning point: Decoupling Greenhouse Gas Emissions from Economic Growth</ref> Eine Meta-Studie des European Environmental Bureau kommt hingegen zu dem Ergebnis, dass es für eine Entkopplung von Umweltbelastung und Wirtschaftswachstum bislang keinen empirischen Beweis gebe. Die wenigen Untersuchungen, die eine Entkopplung zeigten, seien methodisch mangelhaft gewesen und hätten zudem lediglich eine temporär und räumlich begrenzte Entkopplung gezeigt, oder seien auf einige kurzlebige Schadstoffe begrenzt gewesen.<ref name="eeb1" details="31">{{#if:|{{#iferror: {{#iferror:{{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}|Vorlage:FormatDate/Wartung/Error}}| |}}}}{{#if:|{{{autor}}}: }}{{#if:|{{#if:Decoupling debunked – Evidence and arguments against green growth as a sole strategy for sustainability|[{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|archivURL|1={{#invoke:URLutil|getNormalized|1={{{archiv-url}}}}}}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel=Decoupling debunked – Evidence and arguments against green growth as a sole strategy for sustainability}}]{{#if:| ({{{format}}})}}{{#if:| {{{titelerg}}}{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|Endpunkt|titel={{{titelerg}}}}}}}}}|{{#if:https://eeb.org/library/decoupling-debunked/%7C{{#if:{{#invoke:TemplUtl%7Cfaculty%7C}}%7C{{#invoke:Vorlage:Internetquelle%7CTitelFormat%7Ctitel={{#invoke:WLink%7CgetEscapedTitle%7C1=Decoupling debunked – Evidence and arguments against green growth as a sole strategy for sustainability}}}}|[{{#invoke:URLutil|getNormalized|1=https://eeb.org/library/decoupling-debunked/}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel={{#invoke:WLink|getEscapedTitle|1=Decoupling debunked – Evidence and arguments against green growth as a sole strategy for sustainability}}}}]}}{{#if:| ({{{format}}}{{#if:EEB - The European Environmental Bureau{{#if: 2020-03-29 | {{#if:{{#invoke:TemplUtl|faculty|}}||1}}}}
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Wirtschaftswachstum wird von den meisten Ökonomen als notwendig angesehen, um eine Erhöhung der Arbeitslosenquote zu vermeiden oder diese zu verringern. Einige Autoren bezeichnen diese Abhängigkeit sogar als politischen Wachstumszwang.<ref name="richters_contested" /><ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Dies wird vor allem im Zusammenhang mit der sogenannten Beschäftigungsschwelle diskutiert, die anzugeben versuche, ab welchem Wirtschaftswachstum neue Arbeitsplätze entstünden. Ursache für die Existenz einer solchen Beschäftigungsschwelle sind zum Beispiel fortlaufende Rationalisierungsprozesse, durch die Arbeitskräfte freigesetzt werden. Um diesen permanenten Abbau auszugleichen, muss (bei gleich bleibendem Arbeitsangebot) die Wirtschaft wachsen. Diese Annahmen beruhen auf dem Okunschen Gesetz, das weiterhin impliziert, dass auch bei starkem Wachstum aufgrund der Verbesserung der Kapazitätsauslastung mit einem proportional geringeren Anstieg der Nachfrage nach Arbeitskräften gerechnet werden muss. Arthur Melvin Okun untersuchte empirisch den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit. Wirtschaftliche Erholungsphasen führten zu einem in den 1990er Jahren als „Beschäftigungsfreies Wachstum“ (englisch: jobless recovery oder jobless growth) bezeichneten Effekt: Erholung und Wachstum ohne Schaffung neuer Arbeitsplätze. Erklärungsversuche beziehen Faktoren ein wie Automatisierung, Steigerung der Produktivität der Arbeitnehmer aufgrund des Okunschen Gesetzes und Verlängerungen der tatsächlichen Arbeitszeiten. Die Beschäftigungsschwelle lag in Deutschland seit 1990 längere Zeit bei etwa 2 %. In der Folge sank sie 2005 auf 1 %. Durch die sogenannten Hartz-Reformen wurde von den meisten Ökonomen ein Absinken der Beschäftigungsschwelle erwartet, weil auch unattraktive Arbeit im Niedriglohnsektor und prekäre Arbeit angenommen würden.
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Hohe Korrelation mit dem Index der menschlichen Entwicklung
Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf gilt als Indikator für den Wohlstand und die Lebensqualität der Bevölkerung eines Landes.<ref>Wolfgang Cezanne: Allgemeine Volkswirtschaftslehre. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2005, ISBN 3-486-57770-0, S. 497f.</ref> Die Rangkorrelation zwischen BIP und dem Index der menschlichen Entwicklung (HDI), der zusätzlich zum Einkommen Indikatoren der Lebenserwartung und der Bildung erfasst, ist sehr hoch. Zwischen den im HDI festgehaltenen Indikatoren der Lebenserwartung und der Bildung besteht jeweils eine Korrelation um 0,8 mit der realen Kaufkraft je Einwohner. Tendenziell sind die Lebensbedingungen in einem Land umso besser, je größer die Wirtschaftskraft eines Landes ist. Bis zu einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von etwa 20.000 US-Dollar gibt es eine starke Korrelation zwischen der Zufriedenheit der Bevölkerung verschiedener Länder und ihrem durchschnittlichen Einkommen.<ref>Richard Layard: Die glückliche Gesellschaft. Kurswechsel für Politik und Wirtschaft. Campus-Verlag, Frankfurt / New York 2005, ISBN 3-593-37663-6, S. 43 ff.</ref>
Entkopplung von Wachstum und Lebensqualität?
Ob Wirtschaftswachstum oberhalb einer Schwelle noch hilfreich ist, um die Lebensqualität zu verbessern, ist umstritten. Bereits in den 1970er Jahren diskutierte Fred Hirsch die sozialen Grenzen des Wachstums,<ref>Fred Hirsch: Social limits to growth. Harvard University Press, Cambridge, Mass. 1976.</ref> Tibor Scitovsky kritisierte die stagnierende Zufriedenheit bei steigendem Konsum als joyless economy (freudlose Wirtschaft),<ref>Tibor Scitovsky: The Joyless Economy: The Psychology of Human Satisfaction. Oxford University Press, Oxford 1976/1992, ISBN 0-19-507347-9; deutsch übersetzt von Gerti von Rabenau: Psychologie des Wohlstands: Die Bedürfnisse des Menschen und der Bedarf des Verbrauchers. Campus, Frankfurt am Main / New York, NY 1977, ISBN 3-593-32210-2 / 1989, ISBN 3-593-34202-2.</ref> und Richard Easterlin veröffentlichte zum Easterlin-Paradox, wonach das Glücksempfinden nicht weiter zunimmt, wenn die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse erfüllt sind.<ref>Richard Easterlin: Does Economic Growth Improve the Human Lot? Some Empirical Evidence. In: Paul A. David, Melvin W. Reder (Hrsg.): Nations and Households in Economic Growth: Essays in Honor of Moses Abramovitz. Academic Press, New York 1974, S. 89–125. doi:10.1016/B978-0-12-205050-3.50008-7.</ref><ref name="Clark Frijters Shields 2008 pp. 95–144">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Demnach gäbe es also zumindest in den Industrieländern nur einen geringen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Glücksempfinden, denn das relative Einkommen (also der Vergleich zu Bewohnern desselben Landes) habe den größten Einfluss auf das Glücksempfinden. Wolfers und Stevenson widersprachen dieser These 2008 in einem Artikel, in dem sie Daten zu Glück und Einkommen zwischen reich und arm innerhalb einer Gesellschaft, zwischen armen und reichen Ländern und intertemporal verglichen und nur geringe Unterschiede feststellten. In Ländern wie Japan oder Europas wuchs die subjektive Zufriedenheit zusammen mit dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen. Auch war der Zuwachs von Glück größer, wenn das Einkommenswachstum größer war.<ref>B. Stevenson, J. Wolfers: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20080422012459
Daher werden das Bruttoinlandsprodukt als alleiniger Wohlstandsindikator und Wachstum als angemessenen politisches Ziel angezweifelt.<ref name="kubiszewski">I. Kubiszewski, R. Costanza, C. Franco, P. Lawn, J. Talberth, T. Jackson, C. Aylmer: Beyond GDP: Measuring and achieving global genuine progress. In: Ecological Economics. Band 93, September 2013, S. 57–68, doi:10.1016/j.ecolecon.2013.04.019.</ref><ref>OECD: Statistics, Knowledge and Policy: Measuring and Fostering the Progress of Societies. Paris 2007, ISBN 978-92-64-04324-4, doi:10.1787/9789264043244-en.</ref> Es messe weder die Einkommensverteilung in einem Land (wenn wenige Reiche reicher würden und viele Arme arm blieben oder sogar ärmer würden, könnte dennoch die Wirtschaft ein Wachstum verzeichnen) noch die Gewichtung des privaten Verbrauchs, die Hausarbeit, ehrenamtliche Tätigkeiten, die Zugangsmöglichkeiten und Qualität des Gesundheits- und des Bildungswesens, die Kriminalitätsrate, Suchterkrankungen, Umweltbelastungen und deren mögliche Folgekosten usw.<ref>Hans Diefenbacher, Roland Zieschank: Wohlfahrtsmessung in Deutschland: Ein Vorschlag für einen neuen Wohlfahrtsindex. Heidelberg/Berlin 2008. (PDF-Datei; 2,3 MB)</ref> Daher wurden eine Vielzahl von alternativen/ergänzenden Wohlstandsindikatoren entwickelt, beispielsweise die W3-Indikatoren der von 2011 bis 2013 tagenden Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität des Deutschen Bundestags. Die Vereinten Nationen nutzen den Index der menschlichen Entwicklung zur Messung des qualitativen Wachstums. Hierbei wird nicht nur das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, sondern auch die Lebenserwartung und die Dauer der Ausbildung betrachtet.<ref>Rick Szostak: The Causes of Economic Growth: Interdisciplinary Perspectives. Springer Science & Business Media, 2009, ISBN 978-3-540-92282-7, S. 25.</ref>
Spätestens seit dem Bericht Die Grenzen des Wachstums an den Club of Rome wird diskutiert, ob unbegrenztes Wirtschaftswachstum möglich und sinnvoll ist. Im Wesentlichen gibt es hier zwei Positionen. Die eine Position behauptet die Existenz prinzipieller ökologischer Grenzen des Wachstums. Die natürlichen Ressourcen (Rohstoffe und Energiequellen) des „Raumschiffs Erde“ und die Aufnahmefähigkeit der Ökosysteme („planetare Grenzen“) seien beschränkt und daher sei eine Verringerung des Wachstums bis hin zu einer stationären Wirtschaft oder sogar Schrumpfung nötig. Quantitatives Wachstum sei ohnehin nicht beliebig möglich, aber auch grünes Wachstum müsse an ein Ende kommen, weil sich die ökologische Belastung und der Rohstoffverbrauch nicht ausreichend von der wirtschaftlichen Aktivität entkoppeln ließe. Die sozialen Probleme müssten daher anders als mit Wirtschaftswachstum gelöst werden. In einigen insbesondere europäischen Ländern hat sich ausgehend von Frankreich eine wachstumskritische Bewegung als soziale Bewegung etabliert.<ref name="steurer2010">Reinhard Steurer: Die Wachstumskontroverse als Endlosschleife: Themen und Paradigmen im Rückblick. In: Wirtschaftspolitische Blätter. 4/2010. Schwerpunkt Nachhaltigkeit: Die Wachstumskontroverse, S. 423–435.</ref>
Wachstum als Ziel überwinden
Die politische Fokussierung auf Wirtschaftswachstum wird manchmal auch als Fetisch,<ref>Clive Hamilton: Growth fetish. Allen & Unwin, Crows Nest 2003.</ref> Heiliger Gral,<ref>Jeff Rubin: The end of growth. Random House Canada, Toronto 2012, S. 13.</ref> Ideologie<ref name="maier" details="48"/> oder Wachstumsmanie ({{#invoke:Vorlage:lang|full|CODE=en|SCRIPTING=Latn|SERVICE=englisch}})<ref name="daly">Herman E. Daly: Toward a steady-state economy W. H. Freeman, San Francisco 1973, S. 149.</ref> bezeichnet.<ref name="richters_contested" details="3"/> Die kritiklos positive Einstellung gegenüber Wachstum und Fortschritt wird u. a. auf die calvinistischePrädestinationslehre zurückgeführt, die den wirtschaftlichen Erfolg als Weg zu Gottes Liebe deklariert. In der frühmodernen Wirtschaftstheorie des Merkantilismus erkannte man das Wirtschaftswachstum als Ausdruck für politische Macht: Technik und Gewerbe wurden gefördert und gewannen an sozialer Achtung. In der anschließenden Epoche der Industrialisierung sei so eine moderne Ideologie entstanden: unbegrenztes Wirtschaftswachstum als zentrales Ziel aller Wirtschaftspolitik.<ref>Luitpold Uhlmann: Technikkritik und Wirtschaft. (= Schriftenreihe des IFO-Instituts für Wirtschaftsforschung. Band 124). Duncker & Humblot, Berlin / München 1989, ISBN 3-428-06628-6, S. 24.</ref> Stattdessen wird eine politische Neuorientierung zu mehr Genügsamkeit gefordert.<ref>Meinhard Miegel: Exit. Wohlstand ohne Wachstum. Propyläen Verlag, Berlin 2010.</ref><ref name="schneidewind">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref><ref name="vorwaerts">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
Überwindung der Wachstumszwänge moderner Gesellschaften
Die These des Wachstumszwangs besteht darin, dass moderne Gesellschaften nur mit Wirtschaftswachstum stabilisiert werden könnten. Die Alternative zu Wachstum sei keine stabile stationäre Wirtschaft, sondern unkontrollierte Schrumpfung oder ein inakzeptabler Anstieg der Arbeitslosigkeit. Daher wird untersucht, wie diese Zwänge überwunden werden können.<ref name="richters_contested" /><ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref><ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref><ref name="paech_jena">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref><ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Die genaue Umsetzung ist innerhalb der wissenschaftlichen Auseinandersetzung der Wachstumskritik und der wachstumskritischen Bewegung umstritten – sie reicht von konservativerKulturkritik über sozialreformerischen und ökologischenLinksliberalismus, Forderungen nach individueller Genügsamkeit (Suffizienz) und Selbstversorgung bis hin zu scharfer Kapitalismuskritik.<ref name="schmelzer_spielarten">Matthias Schmelzer: Spielarten der Wachstumskritik. Degrowth, Klimagerechtigkeit, Subsistenz – eine Einführung in die Begriffe und Ansätze der Postwachstumsbewegung. In: Atlas der Globalisierung. Weniger wird mehr. Le Monde diplomatique/taz Verlag, Berlin 2015, S. 116–121.</ref><ref>Dennis Eversberg, Matthias Schmelzer: The Degrowth Spectrum: Convergence and Divergence Within a Diverse and Conflictual Alliance. In: Environmental Values. Heft 27, 2018, S. 245–267. doi:10.3197/096327118X15217309300822.</ref><ref name="richters_konfliktlinien">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
Kritikpunkte an der Messmethode des Bruttoinlandsprodukts
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Soweit Wirtschaftswachstum als Wachstum des Bruttoinlandsprodukts verstanden wird, übertragen sich die Kritikpunkte am Bruttoinlandsprodukt auch auf das Wachstum: So gehen nur die am Markt erzielten Umsätze ein. Die BIP-Metrik passt sich daher nicht an soziotechnologische Veränderungen an. Beispielsweise bildet es nicht den Wert der Produktion kostenfreier Informationen und Entertainment im Internet ab.<ref>{{#if:|{{#iferror: {{#iferror:{{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}|Vorlage:FormatDate/Wartung/Error}}| |}}}}{{#if:Amit Kapoor, Bibek Debroy|Amit Kapoor, Bibek Debroy: }}{{#if:|{{#if:GDP Is Not a Measure of Human Well-Being|[{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|archivURL|1={{#invoke:URLutil|getNormalized|1={{{archiv-url}}}}}}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel=GDP Is Not a Measure of Human Well-Being}}]{{#if:| ({{{format}}})}}{{#if:| {{{titelerg}}}{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|Endpunkt|titel={{{titelerg}}}}}}}}}|{{#if:https://hbr.org/2019/10/gdp-is-not-a-measure-of-human-well-being%7C{{#if:{{#invoke:TemplUtl%7Cfaculty%7C}}%7C{{#invoke:Vorlage:Internetquelle%7CTitelFormat%7Ctitel={{#invoke:WLink%7CgetEscapedTitle%7C1=GDP Is Not a Measure of Human Well-Being}}}}|[{{#invoke:URLutil|getNormalized|1=https://hbr.org/2019/10/gdp-is-not-a-measure-of-human-well-being}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel={{#invoke:WLink|getEscapedTitle|1=GDP Is Not a Measure of Human Well-Being}}}}]}}{{#if:| ({{{format}}}{{#if:Harvard Business Review2019-10-04{{#if: 2020-09-20 | {{#if:{{#invoke:TemplUtl|faculty|}}||1}}}}
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Die Wachstumstheorie ist der Zweig der Volkswirtschaftslehre, der sich mit der Erklärung der Ursachen von Wirtschaftswachstum bzw. des Pro-Kopf-Einkommens befasst. Zu diesem Zweck haben die unterschiedlichen ökonomischen Schulen verschiedene mathematische Modelle und Konzepte entwickelt. Zu den bekanntesten frühen Modellen gehören das 1939 bzw. 1946 veröffentlichte, KeynesianischesHarrod-Domar-Modell,<ref>Roy F. Harrod: An Essay in Dynamic Theory. In: The Economic Journal. Band 49, Nummer 193, 1939, S. 14–33, doi:10.2307/2225181.</ref><ref>Evsey Domar: Capital Expansion, Rate of Growth, and Employment. In: Econometrica. Band 14, Nummer 2, 1946, S. 137–147, doi:10.2307/1905364 (englisch)</ref> das 1956 veröffentlichte, neoklassischeSolow-Swan-Modell<ref name="solow">Robert Merton Solow: A Contribution to the Theory of Economic Growth. In: Quarterly Journal of Economics. Band 70, 1956, S. 65–94 (doi:10.2307/1884513) (englisch)</ref> und das 1965 etablierte neoklassische Ramsey–Cass–Koopmans Modell, dessen Grundideen bereits 1928 veröffentlicht wurden.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref><ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref><ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Seit Mitte der 1980er Jahre wurden Endogene Wachstumsmodelle wie das AK-Modell entwickelt.<ref>Philippe Aghion, Peter Howitt: Endogenous Growth Theory. MIT Press, 1997 (englisch)</ref>
Produktionsfaktoren und Wachstumsbuchhaltung
Die neoklassische Wachstumstheorie erklärt Wirtschaftswachstum aus der Zunahme von Produktionsfaktoren – die Berechnung des Beitrags der einzelnen Faktoren zum Wachstum wird als Wachstumsbuchhaltung bezeichnet. Die klassische Nationalökonomie betrachtete die Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Boden meist zum Kapital gerechnet und nur von zwei Produktionsfaktoren ausgegangen. Kapital umfasst die produzierten Vermögensgüter, die in der Produktion eingesetzt werden (z. B. Maschinen, Bürogebäude oder Humankapital).<ref>O. Blanchard, G. Illing: Makroökonomie. 5., aktualisierte und erweiterte Auflage. 2009, S. 324.</ref> Kapital kann als Kapitalstockakkumuliert werden und das Produktionspotenzial erhöhen. Wie groß der Beitrag der einzelnen Produktionsfaktoren zum Wachstum tatsächlich ist, hängt dabei von der Produktionselastizität ab. Die Wachstumsanteile, die nicht der Zunahme der Produktionsfaktoren zugeschrieben werden können, werden als totale Faktorproduktivität bezeichnet und zumeist dem technischen Fortschritt zugeschrieben.<ref name="solow" /><ref>Paul Krugman: The Myth of Asia’s Miracle. In: Foreign Affairs. 73 (6), S. 68.</ref> Andere Ökonomen betonen die Bedeutung von Natur und Rohstoffen.<ref name="kümmel11">Reiner Kümmel: The Second Law of Economics: Energy, Entropy, and the Origins of Wealth. Springer, New York / Dordrecht / Heidelberg / London 2011.</ref><ref>Robert U. Ayres, Benjamin Warr: Accounting for growth: the role of physical work. In: Structural Change and Economic Dynamics. Band 16, Nummer 2, Juni 2005, S. 181–209, doi:10.1016/j.strueco.2003.10.003.</ref>
Die Länder, die in den Jahren 1960–1965 ein durchschnittlich höheres Niveau bei der Produktivität erreicht haben, hatten im Jahr 1990 auch das größte Pro-Kopf-Einkommen.<ref name="ftn4">Elahanan Helpman: The Mystery of Economic Growth. Belknap Press, 2004, ISBN 0-674-01572-X, S. 24.</ref> Die Steigerung der Produktivität wurde zum expliziten Ziel der Wirtschaftspolitik.<ref name="schmelzer_growth" /><ref name="maier">C. S. Maier: The politics of productivity: foundations of American international economic policy after World War II. In: International Organization. Band 31, Nummer 4, 1977, S. 607–633, doi:10.1017/S0020818300018634.</ref> Die USA, Frankreich, Deutschland, Japan und Großbritannien – fünf der reichsten Länder – geben für Forschung und Entwicklung 2 bis 3 Prozent ihres BIP aus. Auf diese Weise erhöhen sie ihre Chance, neue, bessere Produkte zu entwickeln und dadurch die Produktivität der Beschäftigten zu steigern.<ref name="ftn5">Illing Blanchard: Makroökonomie – Handbuch für Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. 3. Auflage. Pearson Studium, 2004, ISBN 3-8273-7051-5, Kapitel 12.</ref>
Institutionelle Rahmenbedingungen
Im Ländervergleich des Nachkriegswachstums zeigte sich ein sehr großer Einfluss des politischen, institutionellen und sozialen Rahmens auf das längerfristige Wirtschaftswachstum.<ref>Rick Szostak: The Causes of Economic Growth: Interdisciplinary Perspectives. Springer Science & Business Media, 2009, ISBN 978-3-540-92282-7, S. 21–22.</ref> Ökonomen wie Douglass North betonen, dass die historische Entwicklung verschiedener Volkswirtschaften stark von Institutionen abhängig sind.<ref>vgl. Jürgen Stark: Zur Bedeutung von Institutionen in der wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklung. öffentl. Antrittsvorlesung an der Eberhard Karls Universität zu Tübingen am 1. Juni 2005 unter Verweis auf Douglas North (1991), S. 5.</ref> Dieser institutionelle Rahmen beeinflusst die Spar- und Investitionsquote (Kapital). Im Vergleich von Volkswirtschaften stellen sich dabei die Fragen:<ref>Rick Szostak: The Causes of Economic Growth: Interdisciplinary Perspectives. Springer Science & Business Media, 2009, ISBN 978-3-540-92282-7, S. 21.</ref>
Warum sind Arbeiter in manchen Ländern besser qualifiziert als in anderen?
Warum ist die Produktivität in manchen Ländern höher?
Bei der Betrachtung der Kolonialgeschichte deutet eine große empirische Evidenz auf die überragende Bedeutung robuster Eigentumsrechte hin. Die Beschränkung des Zugriffs von Politikern und gesellschaftlichen Eliten auf das Eigentum und ein glaubwürdiger Schutz vor Enteignung korrelieren mit einer deutlich höheren Spar- und Investitionsquote sowie einem deutlich höheren Wirtschaftswachstum.<ref>Daron Acemoglu: Introduction to Modern Economic Growth. Princeton University Press, 2008, ISBN 978-1-4008-3577-5, S. 121, 136–137.</ref> Als entscheidend haben sich außerdem institutionelle langandauernde kontinuierliche Rahmenbedingungen wie Rechtssicherheit (unabhängige und effektive Gerichte bzw. Verwaltung, Verhinderung von Korruption und Geldwäsche, Vertrags- bzw. Registersicherheit), öffentliche Sicherheit und Forschung herausgestellt.<ref>vgl. William Easterly: National policies and economic growth: A reappraisal. In: Philippe Aghion, Steven Durlauf (Hrsg.): Handbook of Economic Growth. Elsevier, 2005, ch. 15.</ref> Als programmatische Schwerpunkte für Wirtschaftswachstum und positive langanhaltende Entwicklung von Gemeinwesen gelten Währungs- und Finanzstabilität, solider Rechtsrahmen (Sicherung der Eigentumsrechte, Vertrags- und Registersicherheit, Gläubigerschutz), umsichtige Deregulierung und Liberalisierung des Finanzsektor, Kapitalverkehrsliberalisierung mit Wechselkursflexibilität, robuste Banken, zielgenaue Finanzpolitik (Wertpapiermärkte, staatliches Schuldenmanagement), stabile und effiziente Zahlungsverkehrs- und Settlementsysteme und die Implementierung von Standards und Kodizes.<ref>vgl. Jürgen Stark: Zur Bedeutung von Institutionen in der wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklung. öffentl. Antrittsvorlesung an der Eberhard Karls Universität zu Tübingen am 1. Juni 2005, S. 13.</ref> Politische Stabilität, Rechtssicherheit und Schutz geistigen Eigentums werden international gerade bei innovativen Unternehmen, beim E-Business, bei IT-Unternehmen und diesbezüglichen Start-up-Unternehmen als maßgebliche Rahmenbedingungen des Unternehmenswachstums wahrgenommen.<ref>dazu Christoph Ludewig, Dirk Buschmann, Nicolai Herbrand: Silicon Valley – Made in Germany. 2000, S. 275; zum Beispiel auch Wolfgang Rössler, Margaret Childs: Wien als Sprungbrett für Südosteuropa. In: Die Presse. 20. September 2014; Sebastian Buckup: Ein Schlüssel zu mehr Produktivität. In: Die Zeit. 3. September 2015.</ref> Laut der UNESCO beziehungsweise der UNO sind auch grundsätzlich für nachhaltiges Wirtschaftswachstum besonders Kulturgutschutz wie auch die Erhaltung der gewachsenen kulturellen Vielfalt notwendig.<ref>Jyot Hosagrahar: Culture: at the heart of SDGs. UNESCO-Kurier, April–Juni 2017.</ref><ref>Rick Szostak: The Causes of Economic Growth: Interdisciplinary Perspectives. Springer Science & Business Media, 2009, ISBN 978-3-540-92282-7.</ref>
Wirtschaftswachstum aus systemtheoretischer Sicht
Datei:Wheat harvest.jpgIndustrielle Agrarsysteme, die mit enormem Aufwand betrieben werden, eignen sich zur Erforschung des Wirtschaftswachstums aus systemtheoretischer Sicht.
Laut der Systemtheorie unterliegt die Wirtschaft als funktionales Gebilde aus agierenden und reagierenden Elementen mit zwischen ihnen ablaufenden Vorgängen gewissen Gesetzmäßigkeiten, wie sie bei natürlichen Systemen zu beobachten sind.<ref>Systemtheorie. In: Springer Gabler Verlag (Hrsg.): Gabler Wirtschaftslexikon online. Abgerufen am 2. Januar 2017.</ref><ref>Philipp Herder-Dorneich, Karl-Ernst Schenk, Dieter Schmidtchen (Hrsg.): Von der Theorie der Wirtschaftssysteme zur ökonomischen Systemtheorie. In: Jahrbuch für Neue Politische Ökonomie. 14. Band, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1995, ISBN 3-16-146507-5, S. 1–11.</ref> Systemtheoretiker wie Talcott Parsons und Niklas Luhmann haben sich damit befasst, dieses Wissen auf Wirtschaftssysteme zu übertragen.
Niklas Luhmann sieht im Wirtschaftswachstum eine Wunschvorstellung, welche die „unsichtbare Hand“ bereits im 18. Jahrhundert als Fortschrittsgarantie zur „Invisibilisierung“ des Knappheitsparadoxons einsetzte: Wirtschaft gibt es nach Luhmann nicht damit Menschen Zugriff auf knappe Güter haben, sondern sie erschafft sich aus sich selbst heraus, indem sie laufend Bedürfnisse erzeugt und befriedigt, die sie in Gang halten. Die Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums als „Bedingung gesellschaftlicher Stabilität“ betrachtet Luhmann als eine Suggestion für Politiker und die Öffentlichkeit. Die Suggestion funktioniere, da hier „mit zeitlicher Asymmetrie spekuliert“ werde,<ref>Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft. 1988, ISBN 3-518-28752-4, S. 99 f., Kapitel 3.IV.</ref> d. h., es werden Ressourcen in der Gegenwart genutzt, für die kommende Generationen in der Zukunft zahlen müssen. Wenn das nicht mehr möglich sei, müsse man sich mit den externen Kosten und ökologischen Folgen auseinandersetzen. Wirtschaftswachstum, das absehbar nur kurzfristig stattfinde und die Lebensressourcen der nachfolgenden Generationen übermäßig verknappe, könne die gesellschaftliche Stabilität beeinträchtigen. Dies könne bereits in der Gegenwart zu größeren Generationenkonflikten und zukünftig zu existentiellen Problemen führen.<ref>Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft. 1988, ISBN 3-518-28752-4, S. 99 ff. Kapitel 3.IV Wachstum, S. 169 Kapitel 5.V Lebensressourcen und S. 177ff Kapitel 6 Knappheit.</ref>
Auffällig ist in diesem Zusammenhang das Phänomen des exponentiellen Wirtschaftswachstums.<ref>Karl Farmer: Beiträge zur wirtschaftstheoretischen Fundierung ökologischer und sozialer Ordnungspolitik. LIT-Verlag, Wien 2005, ISBN 3-8258-8444-9, S. 37–40, 94–96.</ref> Frederic Vester hat sich intensiv damit befasst. Zuerst definierte er „normales Wachstum“ in lebenden Systemen: Es erfolge immer nur in einer kurzen Phase, die durch negative Rückkopplungsmechanismen begrenzt wird. Im darauffolgenden, stationären Zustand könnten Umstrukturierungen erfolgen, bevor ggf. erneutes Wachstum ohne schädliche Folgen für das System ermöglicht werde. Vester weist an Beispielen nach, dass dieses Verhalten auch für komplexe Systeme gilt, in denen menschliches Handeln ein wesentlicher Faktor ist, also z. B. für Landnutzungs-Systeme. Wird hierbei jedoch durch menschliches Fehlverhalten die vorgenannte Wachstumsregulierung außer Kraft gesetzt, kann zwar noch weiteres exponentielles Wachstum erzwungen werden, das aber bei ungebremster Weiterentwicklung abrupt abbrechen und zum Zusammenbruch des Systems führen könnte. Jeder Eingriff an einer Komponente könne vielfältige Wirkungen auslösen, die nicht beabsichtigt und schwer vorhersehbar seien und zu irreversiblen Entwicklungen führe. Dies sei oft der Fall, wenn gleichzeitig zu hohe Anforderungen und zu abrupte Maßnahmen zur Ertragssteigerung an moderne agrarische Systeme gestellt würden. Traditionelle Agrarsysteme haben sich hingegen über lange Zeiträume hin kontinuierlich entwickelt. Da ihre Betreiber auf deren Überlebensfähigkeit bedacht sind, dürften sie einen systemgerechten Umgang mit einem „natürlichen Wachstum“ beherrschen.<ref name="Rothe">Franz Rothe: Kulturhistorische und kulturökologische Grundlagen der Intensivierungs- und Bewässerungstechniken traditioneller Agrarkulturen in Ostafrika: Ihr Entwicklungshintergrund und ihre Überlebensfähigkeit. Philosophischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau, 2004, S. 71–78.</ref>
Douglas E. Booth: Hooked on Growth. 2004, ISBN 0-7425-2718-2.
Herman E. Daly: Beyond Growth – The Economics of Sustainable Development. 1997, ISBN 0-8070-4709-0.
Elhanan Helpman: The Mystery of Economic Growth. 2004, ISBN 0-674-01572-X.
Mats Larsson: The Limits of Business Development and Economic Growth. 2005, ISBN 1-4039-4239-0.
Mancur Olson: Aufstieg und Niedergang von Nationen: ökonomisches Wachstum, Stagflation und soziale Starrheit. (engl. Originaltitel: The Rise and Decline of Nations. 1982). Mohr, Tübingen 1985, ISBN 3-16-944810-2.
Robert J. Barro: Determinants of Economic Growth: A Cross-Country Empirical Study. MIT Press, Cambridge, MA 1997.
Robert J. Barro, Xavier Sala-i-Martin: Economic Growth. 2. Auflage. 2003.
Georg Erber, Harald Hagemann: Growth, Structural Change, and Employment. In: Klaus F. Zimmermann (Hrsg.): Frontiers of Economics. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York, 2002, S. 269–310.
Duncan K. Foley: Growth and Distribution. Harvard University Press, Cambridge, MA 1999.
Oded Galor: From Stagnation to Growth: Unified Growth Theory. Handbook of Economic Growth, Elsevier, 2005.
Clemens Fuest, Susanne Wildgruber, Steuerpolitik und Wirtschaftswachstum, Wirtschaftsdienst / 2017 / Heft 13 / Steuerpolitik und Wirtschaftswachstum, S. 4–8.
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