Wighart von Koenigswald
Vorlage:Hinweisbaustein Wighart von Koenigswald (* 11. September 1941 in Potsdam) ist ein deutscher Wirbeltierpaläontologe, der sich mit fossilen Säugetieren des Känozoikums befasst. In seiner Forschung widmet er sich dem Aufbau, der Funktion und der Struktur von Säugetierzähnen. Dabei gilt sein besonderes Augenmerk dem Aufbau des Zahnschmelzes. Darüber hinaus hat er sich intensiv mit dem Vorkommen pleistozäner Säugetiere sowie der Biomechanik von Säugetieren aus dem Eozän der Grube Messel befasst.
Leben
Wighart von Koenigswald ist der Sohn des Schriftstellers Harald von Koenigswald (1906–1971) und der Marie Helene Freiin von Falkenhausen (1900–1987) sowie der Neffe des Paläoanthropologen Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald (1902–1982).
Er wuchs in der Eifel auf und kam dort schon sehr früh mit Fossilien in Berührung. Nach seinem Militärdienst studierte er Paläontologie in Bonn und München und wurde 1966 bei Richard Dehm promoviert. Von 1970 bis 1977 arbeitete er im Sonderforschungsbereich 53 (Paläontologie – Dolf Seilacher und Hansjürgen Müller-Beck) zusammen mit Archäologen in Tübingen. 1977 wechselte er zum Hessischen Landesmuseum Darmstadt, wo er sich der Säugetierfauna aus Grube Messel und den pleistozänen Säugern der Rheinschotter widmen konnte. 1980 habilitierte er sich an der Universität Frankfurt mit einem Thema zur Mikrostruktur des Zahnschmelzes. 1986 wurde er zum Honorarprofessor ernannt. 1985 erhielt er den Ruf auf den Lehrstuhl für Paläontologie an der Universität Wien, den er ablehnte, sowie 1987 den Ruf auf die C4-Professur für Paläontologie an der Universität Bonn. Diese hatte er von 1987 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2006 inne. Danach leitete er die DFG-Forschergruppe 771 „Function and Performance Enhancement of Mammalian Teeth“ bis 2011, die anschließend sein Nachfolger Thomas Martin übernahm.
Forschungsschwerpunkte
Paläogene Säugetiere
Die Arbeit am Hessischen Landesmuseum bot die Gelegenheit, neben den Grabungen in der Grube Messel mehrere neue Säugetiere aus dieser Fundstelle zu beschreiben (5). Dazu gehört das erste Teilskelett eines Primaten (9). Bei anderen Säugetieren konnte die Lebensweise rekonstruiert werden, beispielsweise die des arborikolen Kopidodon (10). Die hervorragend erhaltenen Skelette der Apatemyiden (12) zeigen eine Spezialisierung auf holzbohrende Insekten als Nahrungsquelle. Buxolestes erwies sich als aufgrund des erhaltenen Mageninhaltes als Fischräuber. Verwandte Formen aus Wyoming (13), die zum Vergleich herangezogen wurden, bestätigten diese Einnischung. Die zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen waren ein wichtiger Beitrag dazu, dass die Grube Messel zum Weltnaturerbe erklärt wurde und nicht zur Mülldeponie wurde. Mit bislang unbearbeiteten Funden neogener Proboscidea aus Deutschland und dem Westen der USA konnten neue Einblicke in die Evolution der seltenen Mammutidae gewonnen werden (15, 16).
Neogene Säugetiere
Die intensive Zusammenarbeit mit Archäologen im Sonderforschungsbereich 53 in Tübingen (Prof. Müller-Beck) richtete das langjährige Interesse auf die pleistozäne Fauna (1, 3, 4, 7). Um einen aktuellen Einblick in eine Umgebung während der Kaltzeit zu gewinnen, nahm er an zwei Grabungs-Expeditionen in die kanadische Hocharktis teil (14). In Darmstadt boten die zahlreichen Knochenfunde aus den Rheinschottern die Gelegenheit, neue Erkenntnisse zur pleistozänen Fauna zu gewinnen. Ein wichtiges Ergebnis waren die sicheren Nachweise von Bubalus und Hippopotamus für das letzte Interglazial sowie den pleistozänen Faunenaustausch (17). Dabei war die Zusammenarbeit mit Privatsammlern von großer Hilfe.
Mikrostruktur des Zahnschmelzes
In den pleistozänen Faunen spielen Arvicolinen (Wühlmäuse) eine wichtige stratigraphische und paläökologische Rolle. Fast zufällig kam es zur Entdeckung der großen Vielfalt in der Mikrostruktur des Zahnschmelzes (18, 19), die in vielfacher Abwandlung auch bei anderen fossilen und rezenten Säugetieren festgestellt wurde (20, 21, 22, 23). Unterschiedliche Schmelztypen bauen jeden Zahn auf, und ihre Anordnung – als „Schmelzmuster“ bezeichnet – ist biomechanisch weitgehend begründet. Die Schmelzmuster unterscheiden sich sowohl funktionsbedingt innerhalb der verschiedenen Zähne eines Gebisses als auch zwischen den verschiedenen Säugetiergruppen. Die Vielfalt der Schmelzstrukturen war der Anstoß, gemeinsam mit Thomas Martin und mehreren Doktorandinnen und Doktoranden die DFG-Forschergruppe 771 zu gründen. Daraus ergaben sich umfassende Studien zur Funktion, Architektur und Ontogenie der Zähne (24). Dabei konnte der Bau der vielfach auftretenden hochkronigen Zähne als Heterechronie in der Ontogenese verstanden werden (27, 28). Der Kauprozess im Backenzahnbereich besteht in der Regel aus zwei Phasen, die sich in Neigung und Richtung unterscheiden. Es wurden grafische Schemata entwickelt, mit denen sich die Funktion der Säugetiergebisse charakterisieren lässt (25). Die Vordergebisse der Säugetiere zeigen auffallende Konvergenzen in nicht verwandten Gruppen. Eine umfassende Darstellung dieses Phänomens (29) soll die Grundlage für die Frage bilden, inwieweit diese Gebissformen funktionsbedingt sind.
Bücher (Autor und/oder Mitherausgeber)
- mit Hansjürgen Müller-Beck und Emma Pressmar (1974): Archäologie und Paläontologie in den Weinberghöhlen von Mauern (Bayern) Grabungen 1937-1967. - Archäologica Venatoria 3; Tübingen.
- (1980): Schmelzstruktur und Morphologie in den Molaren der Arvicolidae (Rodentia). - Abh. Senckenberg. Naturforsch. Ges. 539: 129 S., 136 Abb.; Frankfurt a. Main.
- (als Hrsg.) Zur Paläoklimatologie des letzten Interglazials im Nordteil der Oberrheinebene. Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz Fischer, Stuttgart New York, 1988. ISBN 3-437-30543-3
- (als Hrsg.) (1995): Eiszeitliche Tierfährten aus Bottrop Welheim. - Münchner Geowiss. Abh.27, 80 S.; München.
- Wighart v. Koenigswald, Gerhard Storch und Jörg Habersetzer (Hrsg.): Messel – Ein Pompeji der Paläontologie. – Thorbecke, Stuttgart 1998. ISBN 3-7995-9083-8
- mit Wilhelm Meyer (Hrsg.): Erdgeschichte im Rheinland - Fossilien und Gesteine aus 400 Millionen Jahren. – Friedrich Pfeil München, 1994. ISBN 3-923871-80-5
- Lebendige Eiszeit - Klima und Tierwelt im Wandel. – Wissenschaftliche Buchgemeinschaft 2002.
- mit Klaus-Frank Simon (Hrsg.): Georalley - Spurensuche zur Erdgeschichte Bonn und Eifel. – Bouvier, Bonn, 2007. ISBN 978-3-416-03196-7
- mit Thomas Martin (Hrsg.): Mammalian Teeth – Form and Function, Friedrich Pfeil, München, 2020. ISBN 978-3-89937-266-3
Ausgewählte Einzelbeiträge als Autor oder Mitautor
Paläogene Säugetiere
- (1979): Ein Lemurenrest aus dem eozänen Ölschiefer der Grube Messel bei Darmstadt. -Paläont. Z. 53: 63-76, 5 Abb.; Stuttgart
- (1983): Skelettfunde von Kopidodon (Condylarthra, Mammalia) aus dem mitteleozänen Ölschiefer von Messel bei Darmstadt. - N. Jb. Geol. Paläont. Abh. 167: 1-39.
- (1990): Die Paläobiologie der Apatemyiden (Insectivora s.l.) und die Ausdeutung der Skelettfunde von Heterohyus nanus aus dem Mitteleozän von Messel bei Darmstadt. - Palaeontographica A 210:41-77. Stuttgart
- mit K. D. Rose (2005): An exceptionally complete skeleton of Palaeosinopa (Mammalia, Cimolesta, Pantolestidae) from the Green River Formation, and other postcranial elements of the Pantolestidae from the Eocene of Wyoming. - Palaeontographica A 273: 55-96, Stuttgart.
Neogene Säugetiere
- (1979): The fauna material from Umingmak. - 72-81 in Müller-Beck, H. [Hrsg.]: Excavations at Umingmak on Bank Island N.W.T., 1970 und 1973. Preliminary Report. - Urgeschichtliche Materialhefte 1; Tübingen.
- mit Göhlich, Werneburg, Brezina (2021). A partial skeleton of Zygolophodon borsoni from Kaltensundheim (Rhön, Germany) and the Zygolophodon-Mammut problem. Palaeontologia electronica Article number: 25.1.a10, DOI:10.26879/1188
- mit C. Widga und U. B. Göhlich (2023): New mammutids (Proboscidea) from the Clarendonian and Hemphillian of Oregon – a survey of Mio-Pliocene mammutids from North America. – University of Oregon Museum Bulletin 30: 1-64
- (2007): Mammalian Faunas from the interglacial periods in Central Europe and their stratigraphic correlation. 445 – 454 in: Sirocko, F., Claussen, M., Sanchez Goñi, M.F., Litt, T. (Eds.): The climate of past interglacials. Amsterdam (Elsevier).
Mikrostrukturen im Zahnschmelz
- (1977): Mimomys cf. reidi aus der villafranchischen Spaltenfüllung Schambach bei Treuchtlingen. - Mitt. Bayer. Staatssamml. Paläont. hist. Geol. 17: 197-212, München.
- mit W. A. Clemens (1992): Levels of complexity in the microstructure of mammalian enamel and their application in studies of systematics. - Scanning Microscopy 6/1: 195-218, 25 fig.; Chicago.
- (2000): Two different strategies in enamel differentiation: Marsupialia versus Placentalia. - 107-118 in: Teaford, M., Furguson & Smith, P.: Development, Function and Evolution of teeth. - New York (Cambridge University Press).
- (2004): The three basic types of schmelzmuster in rodent molars and their occurrence in the various rodent clades. – Palaeontographica 270: 95-132; Stuttgart.
- mit J. Reumer (2020): The enamel microstructure of fossil and extant shrews (Soricidae and Heterosoricidae, Mammalia) and its taxonomical significance. – Palaeontographica A 316: 79-163. DOI 101127/pala/2020/0095
- mit T. Martin und G. Billet (2015): Enamel microstructure and mastication in Pyrotheria (Mammalia). - Paläontologische Zeitschrift 89/3: 593-609 DOI 10.1007/s12542-014-0241-
Biomechanik der Säugetiergebisse
- (2011): Diversity of hypsodont teeth in mammalian dentitions - Construction and classification. – Palaeontographica A 294: 63-94.
- mit U. Anders, S. Engels, J. A. Schultz und O. Kullmer (2013): Jaw movement in fossil mammals: analysis, description and visualization.- Paläontologische Zeitschrift 87:141-159
- (2016): The diversity of the mastication patters in the Neogene and Quaternary Proboscideans. – Palaeontographica 307: 1-41.
- (2016): Specialized wear facets and late ontogeny in mammalian dentitions. – Historical Biology 30: 7-29 doi.org/10.1080/08912963.2016.1256399
- (2020): Construction and wear of mammalian teeth in terms of heterochrony. –pp 171-186 in Martin T. & Koenigswald Wv.: Mammalina Teeth, Form and Function, Pfeil Verlag München.
- (2026): Diversity and function of the anterior dentitions in fossil and extant mammals. - Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments.
Schriften
- als Autor
- Peratherium (Marsupialia) im Ober-Oligozän und Miozän von Europa. Abhandl. Bayr. Akad. Wiss., Math.-Naturwiss. Klasse, Neue Folge, Band 144, 1970
- Mittelpleistozäne Kleinsäugerfauna aus der Spaltenfüllung Petersbuch bei Eichstätt. In: Mitt. Bayer. Staatssammlung, Paläontol. hist. Geol., 10, 1970, S. 407–432
- mit Joachim Hahn: Jagdtiere und Jäger der Eiszeit. Stuttgart 1981
- Lebendige Eiszeit. Klima und Tierwelt im Wandel. Primus Verlag, 2002
- Das Quartär: Klima und Tierwelt im Eiszeitalter Mitteleuropas, Biologie in unserer Zeit, Band 34, 2004, S. 151–158
- als Herausgeber
- Zur Paläoklimatologie des letzten Interglazials im Nordteil der Oberrheinebene. G. Fischer, 1988 (Paläoklimaforschung, Band 4)
- mit Wilhelm Meyer (Hrsg.): Erdgeschichte im Rheinland -Fossilien und Gesteine aus 400 Millionen Jahren. Pfeil Verlag, 1994
- Eiszeitliche Tierfährten aus Bottrop-Welheim. Pfeil Verlag, 1995 (Münchner Geowiss. Abh., A, Band 27)
- Fossillagerstätte Rott bei Hennef im Siebengebirge: Das Leben an einem subtropischen See vor 25 Millionen Jahren. Rheinlandia Verlag, Siegburg 1996
- mit Gerhard Storch (Hrsg.): Messel – Ein Pompeji der Archäologie. Thorbecke, 1998
- mit Klaus-Frank Simon (Hrsg.): GeoRallye – Spurensuche zur Erdgeschichte. Eifel, Bonn und Umgebung. Bouvier, 2007
- mit Thomas Martin, Gudrun Radtke und Jes Rust (Hrsg.): Paläontologie. 100 Jahre Paläontologische Gesellschaft. Pfeil, München 2012
Weblinks
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Koenigswald, Wighart von |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Paläontologe |
| GEBURTSDATUM | 11. September 1941 |
| GEBURTSORT | Potsdam |