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Wieselburger Kultur

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
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Wieselburger Kultur (10) und Nachbarkulturen.

Die Wieselburger Kultur ist eine frühbronzezeitliche Kultur, die aus der Leithaprodersdorf-Gruppe hervorgegangen ist bzw. in ihren Anfängen möglicherweise auch parallel zur Leithaprodersdorf-Gruppe existierte.<ref name="neugebauer">Johannes-Wolfgang Neugebauer: Bronzezeit in Ostösterreich. 1994, S. 57.</ref><ref name="epöf">Ernst Probst: Die Wieselburger Kultur. 2011, S. 16.</ref> Die Namensgebung dieser Kulturgruppe geht zurück auf Oswald Menghin und bezieht sich auf das westungarische Komitat Moson (deutsch: Wieselburg).<ref>Ernst Probst: Die Wieselburger Kultur. 2011, S. 19.</ref> Das Ende der Wieselburger-Kultur ist mit ca. 1.600 v. Chr. in der Zeit vom Übergang der frühen Bronzezeit zur mittleren Bronzezeit / Hügelgräberzeit anzunehmen. Im Ungarischen wird sie als Gata-Kultur bezeichnet, nach dem Ort Gattendorf im Burgenland.

Verbreitungsgebiet

Das Kerngebiet der Wieselburger Kultur ist zwischen Wienerwald, Donau und Raab lokalisiert<ref name="neugebauer" /> sowie im Gebiet des Neusiedler Sees, des nördlichen Burgenlandes und der Südwestslowakei.<ref>Ernst Probst: Österreich in der Frühbronzezeit. 2011, S. 103.</ref> Zu den durch Keramikfunde belegten Siedlungen zählen: Fischamend, Mannersdorf am Leithagebirge, Schwechat, Sommerein (alle in Niederösterreich), Leithaprodersdorf, Parndorf und der Föllik im Burgenland. Die Siedlung am Föllik-Berg ist von besonderer Bedeutung, da es sich wohl um eine mit Wällen, Palisaden und Gräben befestigte Höhensiedlung handelt.<ref>Ernst Probst: Österreich in der Frühbronzezeit. 2011, S. 105.</ref> Außerhalb dieses Raumes gibt es Spuren der Wieselburger-Kultur in Stillfried (Aunjetitzer Kultur) am Buhuberg und in Mikulov (Věteřov-Kultur).<ref name="neugebauer" />

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Typisches Gefäß der Wieselburger Kultur (Leithaprodersdorf Kreuzäcker Grab 58 Gst. 6368, Foto V. Reiter).

Handwerk und Kulturtechnik

Die Träger der Wieselburger Kultur schmückten Kopf, Ohren, Hals, Brust und Arme mit Werkstücken aus Stein, Bernstein, Schneckengehäusen, Glas und Metallen (Silber, Gold, Kupfer, Bronze). Nadeln unterschiedlichster Formen aus Kupfer, Bronze oder Tierknochen hielten die Kleidung zusammen.<ref name="epöif109">Ernst Probst: Österreich in der Frühbronzezeit. 2011, S. 109 f.</ref> Grabfunde (Gefäße, die der Aunjetitzer Kultur, der Mad'arovce Kultur und der ungarischen Nordpannonischen Kultur zuzuordnen sind) in der Nekropole von Hainburg-Teichtal lassen vermuten, dass Vertreter der Wieselburger-Kultur schon (Tausch-)Handel mit benachbarten Kulturen pflegten.<ref name="JWN69">Johannes-Wolfgang Neugebauer: Bronzezeit in Ostösterreich. 1994, S. 69.</ref>

Als typische Tongefäße gelten Trichterhalstassen und Doppelhenkelkrüge. Letztere wurden mit plastischen Auflagen („W“-förmig, kreuz-, spinnen-, schlangenförmig) verziert. Auf anderen Tongefäßen findet sich vorzugsweise eingeritztes Dekor.<ref name="epöif106">Ernst Probst: Österreich in der Frühbronzezeit. 2011, S. 106.</ref>

Funde bronzener Dolche in Gattendorf, Oggau, Wulkaprodersdorf und Hainburg-Teichtal oder auch von Stabdolchen an manchen Fundorten belegen die Fähigkeit der Vertreter dieser Kultur in der Metallbearbeitung.<ref name="epöif109" /> Als Besonderheit, die dieser Kultur zuzuordnen ist, zählt ein Fund aus Silberschmuck in Hainburg-Teichtal, der für den mittleren Donauraum wohl als einzigartig anzusehen ist.<ref>Ernst Probst: Österreich in der Frühbronzezeit. 2011, S. 110.</ref>

Zu den eindeutig nachweisbaren Haustieren zählen Pferd und Hund, wenngleich auch Schafe, Ziegen, Schweine und Rinder, als Nutzvieh, zu vermuten sind.<ref name="epöif106" />

Bestattungsriten

Einzelgräber mit Körperbestattung in Höckerstellung waren üblich.<ref name="ep112">Ernst Probst: Österreich in der Frühbronzezeit. 2011, S. 112.</ref> Entgegen den relativ streng geschlechtsspezifischen Bestattungen zeitgleicher, benachbarter Kulturen (z. B.: Unterwölblinger Gruppe) oder der Vorläuferkultur (Leithaprodersdorf-Gruppe) mit Nord-Süd-Ausrichtung der Verstorbenen wurden die Toten nun in Süd-West-(=Kopf)/Nord-Ost-(=Füße)Richtung beerdigt. Männer zwar vorwiegend mit Blickrichtung Westen, Frauen mit Blickrichtung Osten, aber auch Männer mit Blickrichtung Osten, und Frauen mit dem Kopf nach Nord-Ost und Blickrichtung Westen.<ref>Johannes-Wolfgang Neugebauer: Bronzezeit in Ostösterreich. 1994, S. 60.</ref> In einigen Gräbern fanden sich auch Spuren, die auf die Verwendung von (Baum-)Särgen hindeuten.<ref name="JWN69" /> Als Grabbeigaben finden sich Tongefäße, die um den Oberkörper oder bei den Füßen platziert wurden.<ref name="ep112" /> In der spätesten Phase der Wieselburger-Kultur, an der Wende zur mittleren Bronzezeit, finden sich Gräber ohne Keramik, jedoch mit entsprechendem Bronzeinventar.<ref>Johannes-Wolfgang Neugebauer: Bronzezeit in Ostösterreich. 1994, S. 61.</ref>

Bedeutende Fundstellen

Literatur

  • Johannes-Wolfgang Neugebauer: Bronzezeit in Ostösterreich (= Wissenschaftliche Schriftenreihe Niederösterreich. 98/101). Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten/Wien 1994, ISBN 3-85326-004-7.
  • Ernst Probst: Österreich in der Frühbronzezeit. GRIN-Verlag, München 2011, ISBN 978-3-656-00128-7.
  • Ernst Probst: Die Wieselburger Kultur. Eine Kultur der Bronzezeit von etwa 2000 bis 1600 v. Chr. GRIN-Verlag, München 2011, ISBN 978-3-656-08136-4.
  • Violetta Reiter: Leithaprodersdorf, Flur Kreuzäcker. Gräber der Ragelsdorf-Oggau-Gruppe, der Leithaprodersdorf-Gruppe und der Wieselburg-Kultur. Fundberichte aus Österreich Beihefte 5, Wien 2026.
  • Nikolaus Franz, Judith Schwarzäugl und Astrid Tögel: Steinsichel und Bronzedolch. Urgeschichte in Weiden am See, archäologie aktuell 1, Horn 2017.

Einzelnachweise

<references />