Urgeschichte Bayerns
Die Urgeschichte Bayerns umfasst den Zeitraum vom frühesten Auftreten des Menschen im heutigen Freistaat Bayern während der Altsteinzeit bis zum Beginn der Frühgeschichte, die in Bayern mit dem Aufkommen schriftlicher Quellen während der Römischen Kaiserzeit beginnt. Während der urgeschichtlichen Epochen gab es bereits bevorzugte Siedlungsräume, die denen der jüngeren Geschichte Bayerns ähneln. Eine bedeutende Rolle spielte zu allen Zeiten das Donautal: zunächst als angenommene Route der Einwanderung des Cro-Magnon-Menschen, später (nach der Jungsteinzeit) zunehmend als Fernhandelsweg.<ref>Karl-Heinz Rieder et al. (Hrsg.): Steinzeitliche Kulturen an Donau und Altmühl. Begleitband zur Ausstellung im Stadtmuseum Ingolstadt. Ingolstadt, 1989 ISBN 3-932113-18-7</ref> Im Gegensatz dazu ist der Siedlungsausbau in den Mittelgebirgen oft erst in der vorrömischen Eisenzeit erfolgt.<ref>Bernd Mühldorfer (Hrsg.): Kulthöhlen. Funde-Deutungen-Fakten. Nürnberg, 2002.</ref>
Altsteinzeit
Altpaläolithikum
Siedlungsspuren aus dem Altpaläolithikum (ca. 600.000–300.000 vor heute) sind in Bayern bislang nicht eindeutig belegt.<ref>Miriam Noël Haidle, Alfred F. Pawlik: The earliest settlement of Germany: Is there anything out there? Quaternary International, Bd. 223–224, 2010, S. 143–153 doi:10.1016/j.quaint.2010.02.009</ref> Die Ursache dafür liegt überwiegend in der Tatsache begründet, dass Steingeräte dieser Zeitstellung oft nur über den Schichtzusammenhang zweifelsfrei datiert werden können, während Oberflächenfunde nur wenig diagnostische Kriterien zur Eingrenzung des Alters der Werkzeuge liefern. Sedimentabfolgen des gesamten Mittelpleistozäns konnten in der Lössgrube von Attenfeld (Lkr. Neuburg-Schrobenhausen) sowie in der Ziegeleigrube von Hagelstadt (Lkr. Regensburg) dokumentiert werden.<ref>Horst Strunk: Das Quartärprofil von Hagelstadt im Bayerischen Tertiärhügelland. Eiszeitalter u. Gegenwart 40, 1990, S. 85–96</ref> Leider wurden in Attenfeld nur umstrittene Steinwerkzeuge gefunden, wie der 1989 vom Profil abgesammelte „Proto-Faustkeil“ aus Quarzit.<ref>Karl-Heinz Rieder: Artefakte des Altpaläolithikums von Attenfeld. In: Das archäologische Jahr in Bayern 1989. Theiss, Stuttgart 1990, S. 24–25</ref> Der Schichtzusammenhang in der Lössabfolge stellt ihn zwar in die frühe Mindel-Kaltzeit,<ref>Klaus Eberhard Bleich: Gliederung und Untergrund der Lößabfolge von Attenfeld Lkr. Neuburg-Schrobenhausen. In: Karl-Heinz Rieder (Hrsg.): Steinzeitliche Kulturen an Donau und Altmühl. Begleitband zur Ausstellung im Stadtmuseum Ingolstadt, 1989</ref> dennoch wird das Stück heute von der Mehrheit der Prähistoriker als Geofakt angesehen.<ref name="Weißmüller 2002">Wolfgang Weißmüller: Alt- und Mittelsteinzeit am Bayerischen Donaulauf zwischen Lech und Inn – Ein Überblick. In: Karl Schmotz (Hrsg.): Vorträge des 20. Niederbayerischen Archäologentages. Verlag M. Leidorf, Rahden/Westf. 2002, S. 167</ref><ref name="Steguweit_2012">Leif Steguweit: Neue paläolithische Funde aus Bayern. In: Fines Transire, Band 20, 2011, S. 43–52 (PDF-Download)</ref>
Von Flussterrassen und ihren Schotterkörpern gibt es diverse Einzelfunde von Faustkeilen.<ref>Lothar Zotz: Wichtige alt- und mittelpaläolithische Neufunde aus Bayern. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 30, 1965, S. 9–25</ref><ref>Gisela Freund: Das Paläolithikum im Donaubogen südlich Regensburg. Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte, Band A 32. Kallmünz, 1977.</ref> Keiner dieser Funde ist jedoch in einem umgebenden Sediment gefunden worden, das eine eindeutige Datierung erlaubt. So schreibt Wolfgang Weißmüller im Jahre 2002: „Profile mit archäologischen Relikten stehen im bayerischen Donauraum erst für den Zeitraum nach der letzten Warmzeit...zur Verfügung.“<ref name="Weißmüller 2002" />
Eine Revision bezüglich der Objekte, die aus gesichert mittelpleistozänen Terrassen stammen und damit geologische Argumente ihrer Altersstellung liefern, grenzt ihre Zahl und damit die Beweise für die Anwesenheit von Homo heidelbergensis bzw. des frühen Neandertalers in Bayern stark ein.<ref name="Weißmüller 2002" /> Lediglich für den Faustkeil von Wörleschwang (Lkr. Augsburg) besteht aufgrund der Fundlage auf der risszeitlichen Hochfläche – 60 m über der heutigen Talsohle des Zusamtals gelegen – eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass dieser in das Mittelpleistozän zu stellen ist.<ref name="Steguweit_2012" /> Am Schweiklberg (Vilshofen an der Donau) ist neben einem Faustkeil auch ein Cleaver als typisches Werkzeug des Acheuléens belegt, während das andere Inventar aus Sicht der Ausgräber keine zeitlich eingrenzbaren Merkmale zeige.<ref name="Schweiklberg" />
Mittelpaläolithikum
- Einzelfunde aus Schotterkörpern
Faustkeile mit formenkundlichen Merkmalen, die dem Acheuléen (300.000 – 130.000 vor heute) zugeschrieben wurden, gibt es zum Beispiel aus den Gemarkungen Ried (Faustkeil von Ried)<ref>Lothar Zotz: Der Faustkeil von Ried. In Quartär 10/11, 1958/59, S. 189–199</ref><ref>Lothar Zotz: Zwei neue altpaläolithische Großgeräte aus Bayern. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 25, 1960, S. 203–207</ref><ref name="Freund 1963" />, Biburg (Lkr. Kelheim)<ref name="Freund, Biburg">Gisela Freund: Der Faustkeil von Biburg bei Abensberg, Lkr. Kelheim/Donau. In: Quartär 20, 1969, S. 163–174</ref>, Saal an der Donau<ref name="Burger">Ingrid Burger: Ein paläolithischer Faustkeil aus Saal an der Donau. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 1981. Theiss, Stuttgart 1982, S. 64–65</ref>, Schweiklberg<ref name="Schweiklberg">Brigitte Kaulich, Manfred Hilgart, Ludwig Reisch: Archäologische Untersuchungen im Bauerschließungsgebiet „Am Klosteracker“ in Schweiklberg. Stadt Vilshofen, Landkreis Passau, Niederbayern. Das Archäologische Jahr in Bayern 1995, Stuttgart, Theiss, 1996, S. 27–29.</ref> und Wörleschwang (Lkr. Augsburg).<ref>Leif Steguweit: Ein Faustkeil von Wörleschwang (Gde. Zusmarshausen, Lkr. Augsburg). In: Archäologie in Bayerisch-Schwaben 2, 2008, S. 18–22</ref> Typische Merkmale von Faustkeilen wurden gemäß François Bordes aus Umrissform und Proportionen abgeleitet, die dieser in den 1950er Jahren zur Unterscheidung von Faustkeilen der letzten und vorletzten Kaltzeit postuliert hatte.<ref name="Freund, Biburg" /> So seien die Faustkeile von Pösing, Biburg und Saal aufgrund ihrer gestreckt herz- bis mandelförmigen Umrissform einem mittleren bis oberen Acheuléen zuzuordnen, obwohl der Faustkeil von Saal stratigraphisch eindeutig aus Niederterrassenschottern der Würm-Kaltzeit stammt.<ref name="Burger" />
Neueren Arbeiten zufolge lässt sich eine zeitliche Obergrenze von Faustkeilformen des Jung-Acheuléen erst in der Mitte der letzten Kaltzeit ziehen.<ref>Andreas Pastoors: Die mittelpaläolithische Freilandstation von Salzgitter-Lebenstedt. Genese der Fundstelle und Systematik der Steinbearbeitung. Salzgitter-Forschungen 3. Salzgitter, 2001.</ref> Weil würmzeitliche Schotter weit häufiger aufgeschlossen sind als die der älteren Kaltzeiten, sind die meisten isoliert gefundenen Faustkeile daher wahrscheinlich in die frühe Würm-Kaltzeit (ca. 100.000–65.000 vor heute) zu datieren. Neben dem Faustkeil von Wörleschwang bildet der Faustkeil von Pösing (Lkr. Cham) hier eine weitere, jedoch ebenfalls nicht sicher belegte Ausnahme. Der Fund stammt aus Schottern des Regens in der Cham-Further Senke, die möglicherweise in die Riß-Kaltzeit (200.000 – 130.000 vor heute) zu datieren sind.<ref>Fred Angerer et al.: Ein Acheuléen-Faustkeil aus dem Regental. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 27, 1962, S. 1–33</ref> Damit wäre es der älteste bekannt gewordene archäologische Fund der Oberpfalz.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20110102220555
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}} (abgerufen am 5. November 2011)</ref> Von Interesse sind außerdem Faustkeile aus der Höhlenruine Beixenstein unterhalb der Abschnittsbefestigung Hünenring bei Ried (Landkreis Eichstätt), die aus qualitätvollen Jurahornsteinen bestehen.<ref>Karl-Heinz Rieder: Die mittelpaläolithische Station in der Höhlenruine Beixenstein im Wellheimer Trockental, Lkr. Eichstätt. In: Steinzeitliche Kulturen an Donau und Altmühl, S. 43–50</ref> Diese wurden an der Basis der Höhlenschichten gefunden, wobei der Archäologe Karl Heinz Rieder auch die Erhaltung vorwürmzeitlicher Sedimente in Betracht zieht.
Das Dilemma einer fehlenden Stratigraphie betrifft auch die etwa 100 oberflächig aufgelesenen Geröllgeräte aus Weißenbrunn (OT Hummendorf) und von der Wachtersmühle (beide Lkr. Kronach), die in der ur- und frühgeschichtlichen Sammlung der Universität Erlangen ausgestellt sind. Die Funde wurden aufgrund morphologischer Kriterien zunächst ins Altpaläolithikum,<ref name="Freund 1963">Gisela Freund: Die ältere und die mittlere Steinzeit in Bayern. In: Jahresbericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 4, 1963, S. 9–167</ref> später ins Mittelpaläolithikum gestellt.<ref>Lothar Zotz, Gisela Freund: Die mittelpaläolithische Geröllgeräteindustrie aus der Umgebung von Kronach in Oberfranken. In: Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte, Band 27, 1973. Kallmünz, Verlag Lassleben</ref> Die als Artefakte klassifizierten Objekte (Chopper und Chopping Tools) aus Schottern der Rodach sind mehrheitlich aus flachen Lyditgeschieben hergestellt worden. Die Lage auf der 25-m- bzw. 40-m-Terrasse der Rodach spreche, obwohl es sich um Oberflächenfunde handelt, für eine Einstufung am „Ende des Riss-Würm-Interglazials“.<ref>Gisela Freund: Der Übergang vom Alt- zum Mittelpaläolithikum in Süddeutschland. In: A. Ronen (Hrsg.): The transition from lower to middle palaeolithic and the origin of modern man. International symposium to commemorate the 50th anniversary of excavations in the Mount Carmel caves by D. A. E. Garrod; University of Haifa, 6.–14. Oktober 1980. Haifa, Applied Scientific Research, 1982</ref>
- Neandertaler-Fossilfunde
Aus der frühen Würm-Kaltzeit stammen die ältesten Menschenreste Bayerns: In der Schicht M2 der Sesselfelsgrotte bei Essing wurde das Fragment eines Milchbackenzahns (m2 sup. sin.) eines Neandertalers gefunden (Fossilbezeichnung Sesselfelsgrotte 2), das nach dem Schichtzusammenhang mindestens etwa 70.000 Jahre alt ist.<ref name="Rathgeber">Thomas Rathgeber: Fossile Menschenreste aus der Sesselfelsgrotte im unteren Altmühltal (Bayern, Bundesrepublik Deutschland). In: Quartär 53/54, 2006, S. 33–59 (hier speziell: Text und Fußnote 2 auf S. 36) {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}</ref> Aus derselben Höhle stammt ein weiterer Neandertaler-Milchbackenzahn (m2 inf. sin.) aus den G-Schichten, gemäß dieser Schichtzugehörigkeit etwa 50–40.000 Jahre alt (Fossilbezeichnung Sesselfelsgrotte 3).<ref name="Rathgeber" /> Hinzu kommt das teilweise erhaltene Skelett eines Neandertaler-Fötus, der offenbar in einer Grube innerhalb der G-Schichten deponiert worden war (Fossilbezeichnung Sesselfelsgrotte 1).<ref name="Rathgeber" /> In der schräg im Tal gegenüber liegenden Unteren Klausenhöhle fand Manfred Moser aus Regensburg ein stark s-förmig gekrümmtes Schlüsselbeinfragment, für das das Kürzel „Neuessing 3“ vorgeschlagen wurde und das möglicherweise von einem Neandertaler stammt.<ref name="Rathgeber" /> Ein heute verschollener Milchschneidezahn eines Neandertalers aus der Klausennische wurde 1936 von Wolfgang Abel publiziert.<ref>Wolfgang Abel: Ein menschlicher Milchschneidezahn aus der Klausenhöhle (Ndb.) – Mit einem Fundbericht von H. Obermaier. In: Zeitschrift für Ethnologie, Band 68, 1936, S. 256–259.</ref> Ein zunächst ebenfalls dem Neandertaler zugeschriebener Weisheitszahn (m3 inf. dex.) aus der Schicht F2 der Höhlenruine von Hunas (Hersbrucker Land)<ref>K. W. Alt et al.: The Neanderthalian molar from Hunas, Germany. HOMO – Journal of Comparative Human Biology Bd. 57, 2006, S. 187–200 {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}</ref> wurde in einer Neubestimmung hingegen als rezenter Homo sapiens klassifiziert.<ref>Kornelius Kupczik, Jean-Jacques Hublin: Mandibular molar root morphology in Neanderthals and Late Pleistocene and recent Homo sapiens. In: Journal of Human Evolution. Band 59, 2010, S. 525–541 {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}</ref>
- Grabungsinventare der frühen und mittleren Würm-Eiszeit
Das umfangreichste mittelpaläolithische Inventar Bayerns mit insgesamt etwa 400.000 Artefakten stammt von Ausgrabungen der 1960er und 1970er Jahre am Speckberg bei Meilenhofen (Fundverbleib in der Archäologischen Staatssammlung).<ref>Hansjürgen Müller-Beck: Der Speckberg bei Meilenhofen. Stratigrafie und Streuung des Mittelpaläolithikums. In: Karl-Heinz Rieder (Hrsg.): Steinzeitliche Kulturen an Donau und Altmühl. Begleitband zur Ausstellung im Stadtmuseum Ingolstadt. Ingolstadt, 1989</ref><ref>Karl-Heinz Rieder (Hrsg.): Der Speckberg: 50 Jahre Entdeckung, Ausgrabung und Forschung. Furth, 2011</ref> Auch Höhlen der Fränkischen Alb wurden von Neandertalern aufgesucht: Im Hohlen Fels bei Happurg<ref>Konrad Hörmann: Der hohle Fels bei Happurg. Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg, Band 20, 1913, S. 21–63</ref> und der Petershöhle bei Hartenstein (beide Landkreis Nürnberger Land) fand Konrad Hörmann, seinerzeit Kustos der NHG, schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mittelpaläolithische Artefakte und Reste eiszeitlicher Fauna. Auch das Kühloch bei Königstein (Lkr. Sulzbach-Rosenberg) enthielt Werkzeuge und Tierknochenreste aus der Neandertalerzeit.
Als Siedlungsraum weist das untere Altmühltal in Bayern die größte Fundstellendichte des würmzeitlichen Mittelpaläolithikums auf:
- Moustérien-Funde aus einer Grabung des Jahres 1915 sind aus dem Großen Schulerloch überliefert.<ref>Ferdinand Birkner: Die eiszeitliche Besiedlung des Schulerloches und des unteren Altmühltales. Abhandlungen der Königlich-Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Mathematisch-physikalische Klasse, Band XXVIII, 5. Abhandlung, München 1916</ref><ref>Marcus Beck: Die Steinartefakte aus dem Großen Schulerloch (Grabung Birkner 1915). Zur Rekonstruktion von Inventaren sowie zur Frage der kulturellen und chronologischen Einordnung eines alt gegrabenen Fundmaterials auf der Basis archäologischer Methoden. (Online-Dissertation, PDF 17 MB)</ref>
- Bei Ausgrabungen in der Sesselfelsgrotte von 1964 bis 1981<ref>Die Sesselfelsgrotte (Projektseite an der Universität Erlangen)</ref> wurden Siedlungsschichten mit Feuersteinartefakten des Moustérien<ref>Wolfgang Weißmüller: Die Silexartefakte der Unteren Schichten der Sesselfelsgrotte. Ein Beitrag zum Problem des Moustérien. Quartär-Bibliothek 6, 1995.</ref> und Micoquien<ref>Jürgen Richter: Der G-Schichten-Komplex der Sesselfelsgrotte. Zum Verständnis des Micoquien. Sesselfelsgrotte III. Quartär-Bibliothek, Band 7, 1997. Saarbrücken, Verlag SDV.</ref> gefunden.
- Die Klausennische (gegenüber Neuessing) diente Gerhard Bosinski zur Bezeichnung des Keilmesser-Typs „Schambach“, womit er zugleich einen Inventartyp des Micoquiens definierte.<ref name="Bosinski1967">Gerhard Bosinski: Die mittelpaläolithischen Funde im westlichen Mitteleuropa. Fundamenta A/4. Köln, Graz 1967.</ref> Einen anderen Inventartyp des Micoquiens stellt ihm zufolge der Hohle Stein bei Schambach dar.<ref name="Bosinski1967" />
- Spätmittelpaläolithische Blattspitzen
Den fundreichsten Platz der Blattspitzen-Gruppe (ca. 60–40.000 vor heute) in Bayern bilden die Weinberghöhlen bei Mauern (OT. von Rennertshofen) im Wellheimer Trockental. Hier wurden seit 1935 durch den Neuburger Heimatpfleger Michael Eckstein erste mittelpaläolithische Funde geborgen. Ausgrabungen wurden 1937 unter Leitung von Robert Rudolf Schmidt, 1937–1939 durch Assien Bohmers<ref>Assien Bohmers: Die Ausgrabungen in den Weinberghöhlen bei Mauern. In: Germanien 1, S. 151–156, mit 8 Abb.</ref><ref>Assien Bohmers: Die Ausgrabungen in den Weinberghöhlen bei Mauern. In: Forschungen und Fortschritte 15, S. 183–185</ref><ref>Assien Bohmers: Die Höhlen von Mauern. In: Palaeohistoria, Band 1, 1951, S. 3–107 (Online)</ref> und 1947–1949 unter Leitung von Lothar Zotz durchgeführt.<ref name="Zotz">Lothar Zotz (Hrsg.): Das Paläolithikum in den Weinberghöhlen bei Mauern. Bonn, Röhrscheid-Verlag, 1955</ref>
Fünf mittelpaläolithische Blattspitzen aus der Obernederhöhle<ref name="Obernederhöhle">Gisela Freund: Das Paläolithikum der Oberneder-Höhle (Ldkr. Kelheim/Donau). Quartär-Bibliothek, Band 5. Saarbrücken, Verlag SDV, 1987</ref><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20100109230056
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}}</ref> (nahe Essing) belegen Aufenthalte im späten Mittelpaläolithikum. Trotz des gestörten Schichtzusammenhangs beweisen zwei Jerzmanowice-Spitzen sowie eine massive Knochenspitze, dass diese Höhle auch nachfolgend im frühen Jungpaläolithikum besiedelt war. Spät-mittelpaläolithische Blattspitzen gibt es außerdem aus der Klausennische, aus Kösten (Ortsteil von Lichtenfels, Oberfranken)<ref>Lothar Zotz: Kösten, ein Werkplatz des Praesolutréen in Oberfranken. Quartär-Bibliothek, Band 3, 1959</ref> sowie aus Metten, Albersdorf (Ortsteil von Vilshofen an der Donau) und Flintsbach-Hardt (Ortsteil von Winzer) in Niederbayern.<ref>Wolfgang Weißmüller: Drei Fundstellen mit Blattformen aus dem südostbayerischen Donauraum. Ein Beitrag zur Kenntnis der Westausbreitung des Szeletien. Quartär, Band 45/46, 1995, S. 99–134 doi:10.7485/QU45 05</ref> Während Lothar Zotz und Gisela Freund für diesen Inventartyp des späten Mittelpaläolithikums den Begriff „Präsolutréen“ prägten, schrieb Wolfgang Weißmüller hier in Anknüpfung an das östliche Mitteleuropa vom Szeletien. Weißmüller nennt weiterhin folgende bayerische Fundplätze mit Blattspitzen: die Höhle „Steinerner Rosenkranz“ (Lkr. Eichstätt), Eitensheim (Flur „Windhöhe“), die Buchberghöhle bei Münster (Niederbayern) und Offenberg.<ref name="Weißmüller 2002" /> Hinzu kommt der Fundplatz Zeitlarn aus der Nähe von Regensburg.<ref>Werner Schönweiß u. Hans-Jürgen Werner: Ein Fundplatz des Szeletien in Zeitlarn bei Regensburg. Archäologisches Korrespondenzblatt 16, 1986, S. 7–12.</ref>
Jungpaläolithikum
- Aurignacien
Ein Fundplatz des älteren Aurignacien liegt bei Regensburg an der Fundstelle Keilberg-Kirche, der zugleich die früheste Besiedlung des bayerischen Donauraums durch den anatomisch modernen Menschen (Cro-Magnon-Mensch) belegt.<ref>Thorsten Uthmeier: Vom Sammelfund zum Werkzeugsatz – Rohmaterialeinheiten im Aurignacien der Freilandfundstelle Keilberg-Kirche, Stadt Regensburg (Bayern). In: Birgit Gehlen, Martin Heinen, Andreas Tillmann (Hrsg.): Zeit-Räume. Gedenkschrift für Wolfgang Taute (= Archäologische Berichte. Band 14). Bonn 2001, S. 77–101 (Digitalisat).</ref> Funde des Aurignacien gibt es außerdem in der Fischleitenhöhle bei Mühlbach (Gde. Dietfurt an der Altmühl), der Obernederhöhle (bei Essing)<ref name="Obernederhöhle" /> und vom Oberflächenfundplatz Vornbach (Lkr. Passau) auf einer Hochfläche oberhalb des Inns.<ref name="Steguweit_2012" />
- Gravettien
Bei den 1948/49 in den Weinberghöhlen bei Mauern durchgeführten Grabungen wurden neben mittelpaläolithischen Funden in den oberen Schichten Funde des Gravettien geborgen, darunter am 24. August 1948 die Venus von Mauern, eine 7,2 Zentimeter große, mit Rötel eingefärbte Kalksteinfigur (Fundlage am äußeren Hang zwischen Höhle 2 und 3).<ref name="Zotz" /> Finder dieser so genannten Venusfigurine war der Grabungsteilnehmer Christoff von Vojkffy.<ref name="Zotz" />
Ein weiterer der in Bayern seltenen Fundplätze des Gravettiens ist das Abri im Dorf (auch „Abri 1“ oder „Abri Schmidt“, nach dem Grundbesitzer K. Schmidt) am Talrand von Essing (Lkr. Kelheim). Hier wurde 1959 durch Olaf H. Pruefer (Cleveland Museum of Natural History, USA) und den Erlanger Prähistoriker Lothar Zotz die bisher einzige Grabung durchgeführt.<ref>Olaf H. Pruefer, The Abri Schmidt, an important upper Palaeolithic site in Bavaria. In: The Journal of Science, Band 61/1, 1961, S. 45–59</ref><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20100107075452
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Ein nur teilweise untersuchter Gravettienfundplatz liegt bei Salching (Lkr. Straubing-Bogen), der vor allem durch den Fund einer so genannten Font-Rôbert-Spitze typologisch aussagefähig ist.<ref>Wolfgang Weißmüller: Eine Freilandfundstelle des mittleren Jungpaläolithikums (Périgrodien-Gravettien) am Südrand der Straubinger Senke bei Salching, Lkr. Straubing-Bogen. Quartär 37/38, 1987, S. 109–134 doi:10.7485/QU37 06</ref> In Spardorf bei Erlangen wurde in Löss-Ablagerungen ein Klingenkratzer gefunden, der ebenfalls dem Gravettien zugeschrieben wird.<ref>Wolfgang Weißmüller: Vorgeschichte im Erlanger Raum. Begleitheft zur Dauerausstellung. Hrsg. vom Stadtmuseum Erlangen, 2002.</ref>
- Zeit des letzten Kältemaximums der Würmeiszeit
Der Speckberg bei Meilenhofen enthielt neben dem umfangreichen Inventar des Mittelpaläolithikums auch Schichten des Jungpaläolithikums. Trotz des stratigraphisch oft unklaren Zusammenhangs lässt sich dieses Inventar sehr wahrscheinlich einem späten Jungpaläolithikum zuordnen, mit Anklängen an das Badegoulien.<ref>Hansjürgen Müller-Beck, Joachim Hahn: Der Speckberg bei Meilenhofen. Archäologie des Jungpaläolithikums. Laßleben, 1982 ISBN 978-3-7847-5120-7</ref> Aus demselben Zeithorizont (kurz nach dem Kältemaximum der Würmeiszeit) stammt die Bestattung aus der Mittleren Klausenhöhle bei Essing, zugleich die älteste erhaltene Bestattung in Deutschland. Aufgrund einer Blattspitze, die von den Ausgräbern als Grabbeigabe angesehen wurde, stellte Ferdinand Birkner das Grab in die Solutré-Stufe.<ref>Ferdinand Birkner: Ur- und Vorzeit Bayerns. Knorr & Hirth München, 1936</ref> Eine später in Oxford durchgeführte Radiokohlenstoffdatierung eines Knochens erbrachte 18.590 ± 260 BP (OxA-9856) (14C-Jahre).<ref name="Street">Martin Street, Thomas Terberger und Jörg Orschiedt: A critical review of the German Paleolithic hominin record. Journal of Human Evolution, Band 51 (6), 2006, S. 551–579, {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}; <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20140223121340
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}}</ref> Das radiometrische Alter bestätigt den Zeithorizont des späten Solutréens, dennoch wurde die Blattspitze später aufgrund typologischer Kriterien als spätmittelpaläolithisch und nicht dem Grab zugehörig bewertet.<ref>Gisela Freund: Die Blattspitzen des Paläolithikums in Europa. Quartär-Bibliothek, Band 1. Bonn, 1952.</ref>
- Magdalénien
Das Magdalénien ist in Bayern – von wenigen unsicheren Altfundstellen<ref name="Gumpert 1931">Carl Gumpert: Der madeleinezeitliche “Rennerfels” in der Fränkischen Schweiz. Prähistorische Zeitschrift 22, 1931, S. 56–77</ref> abgesehen – ausschließlich auf den Donauraum und deren Nebentäler (Unteres Altmühltal, Unteres Naabtal) beschränkt. Aus der Mittleren Klause mit Fundhorizonten des mittleren und späten Magdaléniens stammt ein verzierter Lochstab, der das frontale Gesicht eines Bisons („en face“) zeigt. Auch in der Oberen Klausenhöhle wurden in zwei Schichten des Magdaléniens eine Reihe von Artefakten gefunden. Das Magdalénien-Inventar der Kastlhänghöhle bei Prunn (OT Pillhausen) wurde bereits zwischen 1888 und 1907 bei unsystematischen Ausgrabungen geborgen.<ref>Joseph Fraunholz, Hugo Obermaler u. M. Schlosser: Die Kastlhänghöhle, eine Renntierjägerstation im bayerischen Altmühltale. Beiträge zur Anthrop. und Urgesch. Bayerns, Band 18, 1911, S. 119–164</ref> Eine Reihe von Magdalénien-Fundplätzen gibt es außerdem an den Talrändern von Donau und Naab in der Umgebung von Regensburg. Dazu gehören die Freilandstation Barbing<ref>Ludwig Reisch: Eine spätjungpaläolithische Freilandstation im Donautal bei Barbing, Ldkr. Regensburg. Quartär 25, 1974, S. 53–71 doi:10.7485/QU25 04</ref><ref>Werner Schönweiß: Die Magdalénien-Inventare von „Barbing 2“ und „Barbing 3“, Lkr. Regensburg. Beiträge zur Archäologie in der Oberpfalz und in Regensburg, Band 4, 2000, S. 17–42</ref> und die Tunnelhöhle bei Sinzing (beide Lkr. Regensburg).<ref>Leif Steguweit, Marc Händel: Ein neuer jungpaläolithischer Fundkomplex aus der Tunnelhöhle bei Sinzing. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 2009, S. 11–13</ref> Im Nördlinger Ries liegt der Fundplatz am Kaufertsberg bei Appetshofen (Lkr. Donau-Ries).<ref>Brigitte Kaulich: Das Paläolithikum des Kaufertsberges bei Lierheim (Gem. Appetshofen, Lkr. Donau-Ries). Quartär 33/34, 1983, S. 29–97 doi:10.7485/QU33 02</ref>
Eine gravierte Kalksteinplatte aus dem Hohlenstein (Gemeinde Ederheim, Lkr. Donau-Ries) zeigt einen Pferdekopf und drei schematische Frauensilhouetten vom Gönnersdorfer Typ (spätes Magdalénien).<ref>Gerhard Bosinski: Die Kunst der Eiszeit in Deutschland und in der Schweiz. Habelt, Bonn 1982, S. 37 und Tafel 39–42 ISBN 3-7749-1832-5</ref> Als magdalénienzeitliche Gravuren bezeichnete Linien an den Felswänden der Mäanderhöhle (Lkr. Bamberg) sind bislang unbestätigt.<ref>Gerhard Bosinski: Les figurines féminines de la fin des Temps glaciaires. In: Mille et une femmes de la fin des temps glaciaires. Verlag RMN, 2011 ISBN 978-2711858064</ref><ref>Gerhard Bosinski (Hrsg.): Femme sans tête. Une icône culturelle dans l’Europe de la fin de l’ère glaciaire. Collection Pierres tatouées, 2011, ISBN 9782877724593 (speziell S. 207–215)</ref>
Für das Magdalénien in Nordbayern wurde nur ein Fundplatz der Fränkischen Schweiz ins Feld geführt (Rennerfels, Schicht VI)<ref name="Gumpert 1931" />, was später jedoch revidiert wurde.<ref>Friedrich Naber: Der Rennerfels im Ailsbachtal bei Oberailsfeld/Ofr. – eine Fundstelle des Magdalénien? Bonner Hefte zur Vorgeschichte 8, 1974, S. 133–154</ref>
- Spätpaläolithikum
In der Amberger Senke, dem Oberpfälzischen Hügelland, dem Regnitztal, dem Donaumoos und Teilen Niederbayerns gibt es eine große Anzahl spätpaläolithischer Fundplätze, die in Bayern allgemein als „Rückenspitzen-Gruppen“ bezeichnet werden.<ref>Marcus Beck, Stefanie Beckert, Sven Feldmann, Brigitte Kaulich, Clemens Pasda: Das Spätpaläolithikum und Mesolithikum in Franken und der Oberpfalz. In: Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege, Band 50, 2009, S. 269–291</ref> Der Heimatforscher Werner Schönweiß führte im Jahre 1974 für Franken und die Oberpfalz den Begriff „Atzenhofer Gruppe“ ein.<ref>Werner Schönweiß: Fränkisches Epipaläolithikum – Die Atzenhofer Gruppe. In: Bonner Hefte 8, 1974, S. 80–84</ref> Der namengebende Fundplatz liegt auf einer Düne im heutigen Fürth, die gemäß Schönweiß an das Ende der Jüngeren Dryas zu datieren sei, was der späten Ahrensburger Kultur (Norddeutschland) entsprechen würde.<ref>Werner Schönweiß: Letzte Eiszeitjäger in der Oberpfalz: Zur Verbreitung der Atzenhofer Gruppe des Endpaläolithikums in Nordbayern. Pressath, Verlag E. Bodner, 1992, S. 7–13. ISBN 978-3-926817-16-7</ref> Der Prähistoriker Friedrich Naber ging später für Fürth-Atzenhof von einem „frühpostglaziales Alter“ der Düne aus, das heißt, er stellt das Rückenspitzen-Inventar der Hauptfundschicht ins Frühmesolithikum.<ref>Friedrich Naber: Der Versuch einer stratigraphischen Fixierung der Fundstelle Fürth-Atzenhof. Bonner Hefte 8, 1974, S. 121–132</ref> Demzufolge wäre der Begriff „Atzenhofer Gruppe“ ungeeignet zur Benennung der gesamten „Rückenspitzen-Gruppen“, da Inventare mit Rückenspitzen über einen weit längeren Zeitraum – etwa drei- bis viertausend Jahre – existierten. Naber schlug daher 1974 eine Gliederung in die „Colmberger Gruppe“ vor, die er mit dem Alleröd-Interstadial synchronisierte und synonym als Endpaläolithikum bezeichnete, dem die enger gefasste „Atzenhofer Gruppe“ des Epipaläolithikums folgte (hier im Sinne von Frühmesolithikum).<ref>Friedrich Naber: Fränkisches Epipaläolithikum: Gliederung und Chronologie. Bonner Hefte 8, 1974, S. 227–233</ref>
Unabhängig von lokalen Terminologie-Vorschlägen lassen sich die in Bayern das gesamte Postmagdalénien umfassenden „Rückenspitzen-Gruppen“ kaum mit dem überregional gebräuchlichen Begriff Federmesser-Gruppen in Einklang bringen, der ansonsten nur für Fundkomplexe des Alleröd-Interstadials gebräuchlich ist. In Nordbayern wird von einer Laufzeit der Rückenspitzen bis ins Frühmesolithikum ausgegangen.<ref name="Heinen">Martin Heinen: Sarching ’83 und ’89/90 – Untersuchungen zum Spätpaläolithikum und Frühmesolithikum in Südost-Deutschland. Verlag Welt und Erde, Kerpen-Loogh, 2005 ISBN 3-938078-01-4</ref> Dies zeigt sich am Fundplatz Sarching (Lkr. Regensburg), wo es sowohl einen spätpaläolithischen Fundhorizont als auch eine stratigraphisch darüberliegende frühmesolithische Fundschicht mit Rückenspitzen gibt. Im Vergleich ist lediglich der Trend zur Verkleinerung („Mikrolithisierung“) dieser Leitform festzustellen, es gibt aber keinen Unterschied in Form und Art der Retuschierung.<ref name="Heinen" />
Mittelsteinzeit
Frühmesolithikum
Per Definition beginnt das Frühmesolithikum mit dem Beginn des Holozäns, also nach dem Ende des letzten eiszeitlichen Kälteeinbruchs (Jüngere Dryaszeit). Im Werkzeugbestand gibt es auf dem Gebiet Bayerns jedoch keinen signifikanten Unterschied zwischen Spätpaläolithikum und Frühmesolithikum. Mehrere solcher frühmesolithischer Freilandfundplätze wurden seit den 1970er Jahren in Sanddünen der rechten Donauseite in den Gemarkungen Barbing und Sarching (Lkr. Regensburg) ausgegraben. In Sarching wird die frühmesolithische Fundschicht mit Rückenspitzen anhand von 14C-datierten Knochenkohlen auf etwa 8800 v. Chr. datiert. Demzufolge besteht für die bayerischen Rückenspitzen eine chronologische Laufzeit von etwa 4000 Jahren.<ref name="Heinen" />
Großflächige Ausgrabungen zum Frühmesolithikum wurden im Jahre 2005 nahe dem Hopfensee im Allgäu durchgeführt.<ref>Stefanie Berg-Hobohm, Carmen Liebermann: Eine mesolithische Freilandstation am Hopfensee, Gemeinde Hopferau, Landkreis Ostallgäu, Schwaben. In: Das archäologische Jahr in Bayern 2005, S. 13–15</ref> Der Fundplatz war bereits seit den 1980er Jahren durch verschiedene Sondagen bekannt<ref>Birgit Gehlen: Hopferau (Landkreis Ostallgäu). Fundchronik für das Jahr 1989, Alt- und Mittelsteinzeit. Bayerische Vorgeschichtsblätter, Beiheft 5, 1992, S. 1–7</ref>. Er ist Teil einer mesolithischen Siedlungslandschaft, zu der auch der Forggensee gehört.<ref>Birgit Gehlen: Mesolithische Siedlungsplätze im Landkreis Ostallgäu. Archäologische Informationen 11/2, 1988, S. 222–227 doi:10.11588/ai.1988.2.26909</ref><ref>Birgit Gehlen: Innovationen und Netzwerke. Das Spätmesolithikum vom Forggensee (Südbayern) im Kontext des ausgehenden Mesolithikums und des Altneolithikums in der Südhälfte Europas. 2 Bände. Edition Mesolithikum/Édition Mésolithique/Mesolithic Edition 2. Kerpen-Loogh 2010.</ref> Die Stufengliederung des südwestdeutschen Beuroniens für das Frühmesolithikum fand keinen Eingang in die bayerische Terminologie.
Spätmesolithikum
Für das Spätmesolithikum wurde lange Zeit überregional der Begriff Tardenoisien verwendet<ref>Lothar Zotz: Kulturgruppen des Tardenoisien in Mitteleuropa. In: Praehistorische Zeitschrift, Band 23 (1–2), 1932, S. 19–44</ref><ref>Carl Gumpert: Der Tardenoisienmensch in der fränkischen Schweiz als Höhlen- und Abrisbewohner. Mannus 21, 1929</ref>, nur in Bayern ist dieser Begriff auch noch in jüngerer Zeit in Verwendung.<ref>Werner Schönweiß: Wachendorf-Süd, eine Freilandstation des Tardenoisien im Landkreis Fürth. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 30, 1965, S. 25–55</ref>
Bedeutend war zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Fund eines „Schädelnestes“ von 33 Kopfbestattungen in der Großen Ofnethöhle bei Nördlingen. Da diese Form prähistorischer Teilbestattungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur aus der Höhle von Mas d’Azil bekannt war, wurden die Funde zunächst dem Azilien (der ausgehenden Altsteinzeit) zugeschrieben.<ref>Robert Rudolf Schmidt: Die spätpaläolithischen Bestattungen der Ofnet. Mannus, 1. Ergänzungsband, 1910, S. 56–63</ref> Später wurden die Schädel mittels Radiokarbonmethode auf ca. 7700 v. Chr. und damit ins Spätmesolithikum datiert.<ref>Jörg Orschiedt: Ofnet. In: Manipulationen an menschlichen, Taphonomische Prozesse, Sekundärbestattungen oder Kannibalismus? Urgeschichtliche Materialhefte 13, 1999, Tübingen, S. 136–151</ref>
Der Bauingenieur und Hobby-Archäologe Carl Gumpert führte in den 1920er Jahren in Abris der Fränkischen Schweiz und des Unteren Altmühltals Ausgrabungen durch, auf deren Grundlage er die regionale Mittelsteinzeit gliederte.<ref>Carl Gumpert: Fränkisches Mesolithikum. Die steinzeitliche Besiedlung der Fränkischen Rezat und oberen Altmühl im Tardenoisien. Mannus-Bibliothek 40. Leipzig, 1927</ref> Der Prähistoriker Friedrich Naber unternahm in den Jahren 1963–1964 weitere Grabungen in Abris der Fränkischen Schweiz, von denen viele bereits durch unwissenschaftliche Grabungen im Schichtzusammenhang zerstört waren.<ref>Friedrich B. Naber: Untersuchungen an Industrien postglazialer Jägerkulturen. Epipaläolithikum und Mesolithikum in Mittel- und Oberfranken. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, Band 35, 1970, S. 1–68</ref> Eine intakte Stratigraphie wies der Abri Schräge Wand im Bärental auf, der neben typischen Mikrolithen auch Siedlungsspuren der Mittelsteinzeit enthielt.<ref>Friedrich B. Naber: Die „Schräge Wand“ im Bärental, eine altholozäne Abrifundstelle im nördlichen Oberfranken. In: Quartär, Band 19, 1968, S. 289–321</ref><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20110612124658
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Siedlungskammern des Mesolithikums gibt es außerdem im Haspelmoor<ref>Robert Graf: Kontinuität und Diskontinuität: Mesolithische Silextechnik und Rohstoffversorgung am Haspelmoor im oberbayerischen Alpenvorland. Edition Mesolithikum, Bd. 4, 2015, ISBN 978-3-938078-19-8.</ref>, am Rand der Münchner Schotterebene<ref>Thomas Richter: Germering-Nebel – Silextechnik und Landschaftsnutzung während des späten Mesolithikums im Alpenvorland. Edition Mesolithikum, Bd. 3, 2011, ISBN 978-3-938078-09-9.</ref> und dem Donaumoos.
Jungsteinzeit
Frühneolithikum
Einwanderer der frühneolithischen Kultur mit Linearbandkeramik (LBK) ließen sich kurz nach 5500 v. Chr. erstmals auf bayerischem Terrain nieder. Die Bevorzugung von auf Löss gewachsenen fruchtbaren Böden führte dazu, dass Pioniersiedlungen an den Talhängen der Flüsse Donau, Main, Isar und Altmühl gegründet wurden. Nach derzeitigem Forschungsstand lag die erste Siedlungskammer der ältesten Linearbandkeramik (äLBK) des Freistaats in Mainfranken, die frühesten 14C-Daten stammen aus Schwanfeld (Lkr. Schweinfurt).<ref>Jens Lüning (Hrsg.): Schwanfeldstudien zur Ältesten Bandkeramik. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie, Bd. 196. Bonn, Habelt, 2011</ref> Bis vor kurzem galt die Kontinuität in Teilen der materiellen Kultur (Feuersteinbearbeitung, Felsgesteingeräte) als Hinweis für die Bevölkerungskontinuität seit dem Spätmesolithikum.<ref>Detlef Gronenborn: Silexartefakte der ältestbandkeramischen Kultur. In: Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 37. Bonn, 1997.</ref><ref>Andreas Tillmann: Kontinuität oder Diskontinuität? Zur Frage einer bandkeramischen Landnahme im südlichen Mitteleuropa. In: Archäologische Informationen. Band 16, 1993, S. 157–187</ref><ref name="Fischer">Anna-Leena Fischer, Birgit Gehlen, Thomas Richter: Zum Stand der Neolithisierungsforschung im östlichen Bayern: Fragestellungen, Fundstellen, Perspektiven. In: Fines Transire, Band 18, 2009, S. 45–78</ref> Neue Vergleiche an der mitochondrialen DNA und dem Genom von Mesolithikern und frühen bäuerlichen Kulturen widersprechen jedoch einer Vermischung und sprechen für die Kolonisation durch Bandkeramiker inklusive mitgebrachter Rinder.<ref>Barbara Bramanti u. a.: Genetic Discontinuity Between Local Hunter-Gatherers and Central Europe’s First Farmers. Science Bd. 326, Nr. 5949, 2009, S. 137–140 doi:10.1126/science.1176869</ref><ref>Wolfgang Haak u. a.: Ancient DNA from European Early Neolithic Farmers Reveals Their Near Eastern Affinities. In: PLoS Biology. Band 8, Nr. 11, 2010, S. 1–16 DOI:10.1371/journal.pbio.1000536</ref>
Während der Bandkeramik gibt es drei größere Plateaus bei der Kalibrierung von 14C-Daten, und zwar von 5620 bis 5480 calBC (v. Chr.), 5470–5320 calBC und 5300–5060 calBC.<ref name="Pechtl_2009">Joachim Pechtl: Überlegungen zur Historie der ältesten Linienbandkeramik (ÄLBK) im südlichen Bayern. In: Fines Transire, Band 18, 2009, S. 79–115</ref><ref>Daniela Hofmann: Noch mehr Häuser fur die Bandkeramik: Neue Grabungen in Niederhummel und Wang. In: Fines Transire, Band 18, 2009, S. 181–194</ref> Etwa gleich alte 14C-Daten aus Bruchenbrücken (Wetterau) legen den Schluss einer Einwanderung an den Untermain aus dem Norden nahe. Die aufgrund von 14C-Daten und lithischen Rohmaterialien favorisierte Einwanderungsroute führte abwärts der Elbe von Böhmen nach Sachsen und Sachsen-Anhalt und von dort in die Wetterau. Pioniersiedlungen der ÄLBK wurden auch in den Gemarkungen der unterfränkischen Orte Buchbrunn (Lkr. Kitzingen) und der mittelfränkischen Orte Wallmersbach<ref>Martin Nadler: Landnahme im Mainfranken – Eine Siedlung der Ältesten Bandkeramik bei Wallmersbach. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 2010, Stuttgart (Theiss), 2011, S. 11–13</ref><ref>Martin Nadler: Der älteste Friedhof Nordbayerns – Eine Gräbergruppe der Ältesten Bandkeramik bei Wallmersbach. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 2010, Stuttgart (Theiss), 2011, S. 14–16</ref> und Dittenheim<ref>Martin Nadler: Landnahme im Albvorland – Eine Siedlung der Ältesten Linearbandkeramik bei Dittenheim. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 2011, Stuttgart (Theiss), 2012, S. 11–13</ref> ausgegraben. Die Pioniersiedlung in Dittenheim an der Altmühl befördert die Möglichkeit einer Kolonisation Mittel- und Unterfrankens von Südosten her, über Donau und Altmühl.<ref>Leif Steguweit: Neues von der ältesten Bandkeramik. Bayerische Archäologie Heft 3, 2021, S. 6</ref> Neben den bereits länger bekannten Siedlungen von Zilgendorf und Altenbanz<ref>Werner Schönweiß: Die bandkeramischen Siedlungen von Zilgendorf und Altenbanz. Kataloge der Prähistorischen Staatssammlung Nr. 18, 1976</ref> wurde 2010 auf dem Gemeindegebiet von Bad Staffelstein (Oberfranken) eine weitere große Siedlung der ältesten LBK untersucht.<ref>Friedrich Loré: Eine linienbandkeramische Siedlung auf der ICE-Trasse bei Stadel. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 2011, Stuttgart (Theiss), 2012, S. 18–21</ref> Die 14C-Daten der fränkischen Fundplätze deuten auf einen früheren Beginn ältestbandkeramischer Siedlungen als in den südbayerischen Siedlungskammern, die im südwestlichen Nördlinger Ries, dem Mündungsgebiet der Isar und dem Gäuboden liegen.<ref name="Pechtl_2009" />
Für die Älteste und Ältere LBK Bayerns bestanden überregionale Austauschbeziehungen, was unter anderem durch Silex-Netzwerke angezeigt wird.<ref name="Fischer" /> Siedlungen der jüngeren LBK (zum Beispiel in Bergheim, Lkr. Schrobenhausen) belegen dagegen die Verwendung lokaler Rohmaterialien, in diesem Falle aus anstehendem jurassischem Hornstein.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20100112103619
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}}</ref><ref>Frank D. Davis: Die Hornsteingeräte des älteren und mittleren Neolithikums im Donauraum zwischen Neuburg und Regensburg. Bonner Hefte 10, 1975</ref>
Die Linearbandkeramischen Gräberfelder in Bayern spiegeln im Gegensatz zum Spätmesolithikum erstmals in der Region die typischen Bestattungssitten sesshafter Kulturen wider.<ref>Norbert Nieszery: Linearbandkeramische Gräberfelder in Bayern. – Internationale Archäologie 16. Espelkamp (Leidorf), 1995</ref> Der tiefgreifende Wandel zeigt sich auch im Bau von Langhäusern und in neuen religiösen Vorstellungen. Letztere sind zum Beispiel in der Jungfernhöhle bei Tiefenellern fassbar, wo in der jüngeren Bandkeramik Sekundärbestattungen niedergelegt wurden.<ref>Jörg Orschiedt: Die Jungfernhöhle bei Tiefenellern. Eine Neuinterpretation. In: 133. Bericht des Historischen Vereines Bamberg, 1997, S. 185–198</ref>
Mittelneolithikum
Auf die Linearbandkeramik folgt um 4900 v. Chr. das Mittelneolithikum mit der Stichbandkeramik (StBK), die sich kontinuierlich aus der Vorgängerkultur entwickelte.<ref name="Eibl">Florian Eibl: Die Bayerische Gruppe der Stichbandkeramik und die Gruppe Oberlauterbach – zum Stand der Forschung. Fines Transire Jahrgang 20, 2011, S. 79–100. (PDF)</ref> Die während der Frühphase mit der LBK teils identischen Motive auf den Gefäßen wurden nun nicht mehr in den feuchten Ton geritzt, sondern mit Knochenahlen eingestochen. Ein bekannter Fundort aus dieser Zeit ist zum Beispiel Regensburg-Harting. Seit dem Mittelneolithikum wurden im bayerischen Donauraum Jurahornsteine in Schächten abgebaut.<ref>Alexander Binsteiner: Die Lagerstätten und der Abbau bayerischer Jurahornsteine sowie deren Distribution im Neolithikum Mittel- und Osteuropas. Jahrbuch RGZM 52, 2005, (Mainz 2006), S. 43–155</ref> Den eindrucksvollsten Fundplatz stellt das Feuersteinbergwerk von Abensberg-Arnhofen dar.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20110522025336
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}}</ref> Auch am Ortsrand von Flintsbach gab es Abbaustellen eines lithologisch typischen Vorkommens.<ref>Wolfgang Weißmüller: Der Silexabbau von Flintsbach-Hardt, Lkr. Deggendorf (D 27). In: Der Anschnitt 5–6, 1993, S. 170–178</ref><ref>Wolfgang Weißmüller: Der Silexabbau von Flintsbach-Hardt – eine bedeutende Rohmateriallagerstätte für die Steinzeit Südostbayerns. In: Vorträge des 9. Niederbayerischen Archäologentages, Buch am Erlbach, 1991, S. 11–39</ref>
In Niederbayern und Böhmen bis zum Pilsener Becken entstand etwas zeitversetzt zur Stichbandkeramik ab etwa 4800 v. Chr. die Keramik der Gruppe Oberlauterbach mit einer eigenständigen Gefäßverzierung (nach Oberlauterbach, Lkr. Landshut).<ref>Peter Bayerlein: Die Gruppe Oberlauterbach in Niederbayern (Materialhefte zur bayerischen Vorgeschichte/Reihe A; 53). Verlag Lassleben, Kallmünz 1985, ISBN 3-7847-5053-2 (zugl. Dissertation Heidelberg 1984)</ref> Eine fünfstufige Gliederung des keramischen Fundgutes vom Ende der Linienbandkeramik bis zum Beginn der Münchshöfener Kultur hatte zuerst Klaus Hautmann herausgearbeitet.<ref>Klaus Hautmann: Die Stichbandkeramik in Bayern und ihre Beziehung zu den landschaftlich-bodenkundlichen Gegebenheiten. Unpubl. Dissertation, Universität Köln, 1976</ref> Der keramische Stil führt von „echter“ böhmischer Stichbandkeramik zu einer bayerischen Variante (zum Teil zusammen mit einem Teil der Oberlauterbacher Entwicklung als mittleres Südostbayerisches Mittelneolithikum bezeichnet) zum Oberlauterbacher Stil im Sinne von Peter Bayerlein. Den Abschluss bildet Keramik in „Maginger Art“.<ref name="Eibl" /><ref>Karin Riedhammer: Mittelneolithikum – Eine neue Zeit mit alten Wurzeln. In: Archäologie in Bayern. Fenster zur Vergangenheit. Regensburg, S. 65–66; 68–74.</ref>
Im Jahr 2011 waren aus dem bayerischen Mittelneolithikum 28 Fundplätze mit Gräbern bekannt.<ref name="Eibl" /> Bedeutende Siedlungen der Gruppe Oberlauterbach sind Kothingeichendorf, Künzing-Unternberg, Geiselhöring und Hienheim (Lkr. Kelheim). Gemäß Florian Eibl seien die Kreisgrabenanlagen von Kothingeichendorf und Künzing in der Stichbandkeramik errichtet worden, da Scherben der Gruppe Oberlauterbach jeweils nur im oberen Teil der Grabenverfüllungen zu finden sind.<ref name="Eibl" /> Die Scherben datieren damit lediglich die Verfüllung der Gräben, nicht jedoch die Nutzungsphase der Anlagen. Dasselbe gilt für die Kreisgrabenanlage von Stephansposching, Lkr. Deggendorf.<ref>Florian Eibl et al.: Die mittelneolithische Kreisgrabenanlage von Stephansposching, Lkr. Deggendorf zum Kenntnisstand nach den archäologischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen der Jahre 2008 und 2009. In: K. Schmotz (Hrsg.): Vorträge des 28. Niederbayerischen Archäologentages. Rahden/Westf. 2010, S. 165–201. (PDF)</ref>
Aus Siedlungen des Mittelneolithikums, zum Beispiel Eggendorf am Walde, Oberpöring, Ergolding-Siechenhausäcker, Straubing-Lerchenhaid oder Essenbach-Unterwattenbach, sind Fragmente anthropomorpher und zoomorpher Plastik bekannt geworden.<ref>Florian Eibl: Zur anthropomorphen und zoomorphen Plastik der Bayerischen Gruppe der Stichbandkeramik und der Gruppe Oberlauterbach. In: Zeiten – Kulturen – Systeme. Gedenkschrift für Jan Lichardus (Langenweißbach 2009) S. 81–101. (PDF)</ref>
In Unterfranken, besonders dem Main-Gebiet, folgte auf die Linearbandkeramik die mittelneolithische Großgartacher Kultur.
Jungneolithikum
Den Beginn des Jungneolithikums markiert in Bayern die Münchshöfener Kultur, die mit der ostmitteleuropäischen Lengyel-Kultur verwandt ist. Aufgrund erster Schmuckobjekte aus Kupfer wird diese Kultur alternativ auch der frühen Kupfersteinzeit Mitteleuropas zugeordnet. Namengebend ist der Fundort Münchshöfen bei Straubing. Typisch für die oft flächig ritzlinienverzierte Keramik sind große Fußschalen und so genannte Pilzschultergefäße. Kupferfunde aus dieser Zeit sind äußerst selten, der älteste Fund in Bayern ist ein Ohrring in der Doppelbestattung vom Straubinger Wasserwerk.<ref>K. Böhm, R. Pielmeier: Der älteste Metallfund Altbayerns in einem Doppelgrab der Münchshöfener Gruppe aus Straubing. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 1993, Stuttgart, 1994, S. 40 ff.</ref> Am Mitterberg bei Mühlbach am Hochkönig gibt es aus dieser Zeit erste Hinweise auf Kupferbergbau. Gräber sind bislang relativ wenige bekannt. Der jüngste Abschnitt der Münchshöfener Kultur („Spät-Münchshöfen“) war hauptsächlich in Niederbayern verbreitet und gleichzeitig mit der westlich angrenzenden Pollinger Gruppe. Beide Gruppen markieren den Übergang vom frühen zum späten Jungneolithikum, was mit einer Verzierungslosigkeit der Keramik und einiger neuer Gefäßformen einhergeht, wie zum Beispiel Tassen und Krüge.
Auf die späte Münchshöfener Kultur folgt um etwa 3800 v. Chr. die Altheimer Gruppe, benannt nach dem 1914 ausgegrabenen Erdwerk von Altheim-Essenbach (Lkr. Landshut).<ref>Paul Reinecke: Altheim (Niederbayern). Befestigte jungneolithische Siedlung. 1915</ref> Weitere Erdwerke dieser Zeitstellung befinden sich in Altdorf (Lkr. Landshut)<ref>Bernd Engelhardt: Ein Erdwerk der Altheimer Kultur von Altdorf, Landkreis Landshut, Niederbayern. In: Das archäologische Jahr in Bayern 1996, 1997, S. 34–36.</ref> und Kothingeichendorf (Lkr. Dingolfing-Landau).<ref>Helmut Becker: Magnetische Prospektion der Grabenwerke von Kothingeichendorf und Altheim. In: Das archäologische Jahr in Bayern 1987, 1988, S. 39–42.</ref> Die Keramik der Altheimer Gruppe ist vor allem durch so genannte Arkadenränder und Verzierungslosigkeit der Feinkeramik gekennzeichnet. Mit dieser Kultur sind die ältesten Feuchtbodensiedlungen (Pfahlbauten) Bayerns verbunden. Die bedeutendste Pfahlbausiedlung der Altheimer Kultur ist die Prähistorische Siedlung Pestenacker,<ref>Guntram Schönfeld: Die altheimzeitliche Feuchtbodensiedlung von Pestenacker. In: Bericht der bayerischen Bodendenkmalpflege, 50, 2009. München 2009, S. 137–156</ref> einer der drei im UNESCO-Welterbe Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen gelisteten bayerischen Fundplätze.<ref>unesco-weltkulturerbe-pfahlbauten.de</ref> Weitere Fundplätze der Altheimer Kultur mit Feuchtbodenerhaltung liegen auf der Roseninsel im Starnberger See (UNESCO-Welterbe) und bei Unfriedshausen, in der vermoorten Talaue des Loosbaches in der Nähe von Landsberg am Lech. 1986 wurde der Fundplatz Unfriedshausen-West entdeckt, der zwischen 1994 und 1999 nahezu vollständig durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege ausgegraben wurde. Bei Sondagen in den Jahren 1999 bis 2002 fand man einige Meter südöstlich des bekannten Dorfes eine Schwestersiedlung. Diese erhielt den Namen Unfriedshausen-Ost und liegt als Forschungsreserve dauerhaft konserviert im Grundwasser. Der Fundplatz ist die dritte der bayerischen Pfahlbau-Siedlungen im UNESCO-Welterbe. Sekundär verbaute Althölzer des 38. und 37. Jh. v. Chr. aus der frühesten Siedlungsphase von Unfriedshausen-Ost belegen, dass im Umfeld der Fundstelle noch ältere Häuser der Altheimer Kultur bestanden haben müssen. Neben Feuchtbodensiedlungen gibt es im bayerischen Jungneolithikum auch Siedlungen auf Mineralböden. Gräber aus dieser Zeit sind so gut wie unbekannt.
Spät- und Endneolithikum
Auf das Jungneolithikum folgt um 3400/3300 v. Chr. das Spätneolithikum mit der Chamer Kultur. Diese wird in Bayern traditionell schon dem Endneolithikum zugerechnet. Der Siedlungsschwerpunkt der Chamer Kultur liegt im bayerischen Donauraum, flussabwärts von Ingolstadt und umfasst erstmals auch die Randhöhen des Bayerischen Waldes. Die mittlere Oberpfalz bildet die Nordgrenze der Verbreitung der Chamer Kultur.
In Nordbayern sind im frühen 3. Jahrtausend v. Chr. hingegen deutliche Einflüsse der mitteldeutschen Bernburger Kultur zu verzeichnen. In Großeibstadt wurden drei Totenhäuser ausgegraben, in denen eindeutigen Grabbeigaben der Bernburger Kultur enthalten waren, zum Beispiel eine typische Bernburger Tontrommel. Den Einfluss von Elementen der westeuropäischen Megalithkultur zeigen auch die „Erlanger Zeichensteine“. Es handelt sich dabei um mehrere Dutzend Sandsteinplatten mit eingeritzten Zeichen, die sekundär als urnenfelderzeitliche Grabeinfassungen verwendet wurden.<ref>Hilke Hennig: Die Grab- und Hortfunde der Urnenfelderkultur aus Ober- und Mittelfranken. Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte 23, Kallmünz/Opf., 1970.</ref><ref>Christian Züchner: Die Erlanger Zeichensteine. Eine besondere Grabform der späten Bronzezeit. In: Vorgeschichte im Erlanger Raum. Begleitheft zur Dauerausstellung. Hrsg. vom Stadtmuseum Erlangen, Erlangen 2002, S. 70–71.</ref> Die Verzierungen der Steinplatten können aber eindeutig dem megalithischen Formenkreis des Spät- bzw. Endneolithikums zugewiesen werden, dazu gehören Sonnensymbole und stilisierte Wagendarstellungen.<ref>Martin Nadler: Spätneolithische Stelen und Petroglyphen? Zu einer Neubewertung der sog. Zeichensteingräber im mittleren Regnitztal. In: Hans-Jürgen Beier, Ralph Einicke, Eric Biermann (Hrsg.): Varia Neolithica VII: Dechsel, Axt, Beil & Co. – Werkzeug, Waffe, Kultgegenstand? – Aktuelles aus der Neolithforschung. Beiträge der Tagung der Arbeitsgemeinschaft Werkzeuge und Waffen im Archäologischen Zentrum Hitzacker 2010. Langenweißbach 2011, S. 171–182</ref> Ähnlichkeiten mit spätneolithischen Menhiren des Mittelelb-Saale-Gebietes (heutiges Sachsen-Anhalt) weist auch der so genannte „Ebracher Götze“ auf, wie die tief liegenden, kreisförmigen Augen und ein schweres im Relief herausgearbeitetes Halsband (vgl. Megalithik in Sachsen-Anhalt).<ref>Lothar Bauer: Der Fundort des so genannten „Ebracher Götzen“. Eine Klarstellung. Fundberichte 8, 1956, S. 49</ref> Für den Statuenmenhir von Gallmersgarten werden ebenfalls Stilelemente des Endneolithikums geltend gemacht.<ref>Martin Nadler: Prähistorische Stele im Kanal In: Archäologie in Deutschland, Heft 2, 2015 S. 37</ref> Im Gegensatz dazu wird den so genannten Bamberger Götzen überwiegend nur ein vorromanisches Alter attestiert.<ref>Cornelia Lohwasser: Götzen, Becher, Zehnerla: Flussfunde aus Regnitz und Main. In: Regina Hanemann (Hrsg.): Im Fluss der Geschichte. Bambergs Lebensader Regnitz. Bamberg, 2009, S. 182–190</ref> Die Einstufung dieser 1858 in Gaustadt bei Bamberg im Schwemmsand der Regnitz gefundenen Skulpturen wird nach wie vor kontrovers diskutiert, da eine radiometrische Altersbestimmung am Gestein selbst nicht möglich ist.
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}}</ref> Der Siedlungsschwerpunkt der Schnurkeramik lag an der Donau. Die südbayerische Schnurkeramik umfasst etwa 120 gesicherte Grabensembles, darunter fünf Doppel-, zwei Dreifach- und zwei Vierfachbestattungen.<ref>Bernd Engelhardt: Der südbayerische Raum im 3. Jahrtausend v. Chr. - Forschungsfortschritte der letzten 20 Jahre. In: Fines Transire, Band 20, 2011, S. 149–186</ref> Während der Schnurkeramik wurde auch die Fränkische Schweiz besiedelt, wie die Siedlung am Motzenstein bei Wattendorf (Lkr. Bamberg) zeigt.<ref>Johannes Müller, Timo Seregély (Hrsg.): Wattendorf-Motzenstein – eine schnurkeramische Siedlung auf der Nördlichen Frankenalb. Naturwissenschaftliche Ergebnisse und die Rekonstruktion des schnurkeramischen Siedlungswesens in Mitteleuropa. Endneolithische Siedlungsstrukturen in Oberfranken II. Bonn, 2008.</ref>
Die Glockenbecherkultur ist die jüngste neolithische Kultur an der Schwelle zur Frühen Bronzezeit.<ref>Paul Reinecke: Die Stufe der spätneolithischen Glockenbecher in Bayern. Bayer. Vorgeschichtsfreund 9, 1930, S. 16–29</ref><ref>Bernd Engelhardt: Beiträge zur Kenntnis der Glockenbecherkultur. – In: Karl Schmotz (Hrsg.): Vorträge des 9. Niederbayerischen Archäologentages. Deggendorf, 1991, S. 65–136</ref> Die Glockenbecherkultur ist in Franken mit etwa 30 Fundplätzen vertreten, in Südbayern (südlich der Donau) gibt es mehr als 130 Fundstellen. Ein Siedlungsschwerpunkt liegt im Donautal zwischen Regensburg und Künzing, ein anderer im Isartal und in der Münchner Schotterebene.
Bronzezeit
Die chronologische Gliederung der süddeutschen Bronzezeit geht auf Arbeiten von Paul Reinecke zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück, in denen er die Stufen Bz A bis Bz D definierte.<ref>Paul Reinecke: Beiträge zur Kenntnis der frühen Bronzezeit Mitteleuropas. In: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft Wien 32, 1902, S. 104 ff.</ref>
Frühe Bronzezeit
Die Frühe Bronzezeit (ca. 2200–1600 v. Chr.) des südlichen Bayerns lässt sich in einen frühen, entwickelten und späten Abschnitt gliedern.<ref>Walter Ruckdeschel: Die frühbronzezeitlichen Gräber Südbayerns. Ein Beitrag zur Kenntnis der Straubinger Kultur (= Antiquitas. Reihe 2: Abhandlungen aus dem Gebiete der Vor- und Frühgeschichte. Bd. 11). Habelt, Bonn 1978, ISBN 3-7749-1241-6 (Zugleich: Heidelberg, Universität, Dissertation, 1969).</ref> Die Straubinger Gruppe beginnt im frühen Abschnitt (Bz A1a, ca. 2200–2000 v. Chr.), repräsentiert jedoch vor allem die entwickelte Frühe Bronzezeit (Bz A1b, ca. 2000–1800 v. Chr.), was im mittleren Donauraum mit der Unterwölblinger Gruppe und der klassischen Aunjetitzer Kultur zu parallelisieren ist. Kennzeichnend sind reich mit Trachtenschmuck ausgestattete Frauengräber, wie aus Parkstetten-Thurasdorf (Lkr. Straubing-Bogen) sowie Kriegergräber, zum Beispiel aus Alteglofsheim (Lkr. Regensburg). Das Ende der entwickelten Frühen Bronzezeit (Bz A2a) ist durch das Belegungsende der großen Flachgräberfelder mit ihren Hockergräbern sowie großer Siedlungen (zum Beispiel Burgweinting und Viecht) markiert.<ref>Stefan Möslein: Die Straubinger Gruppe – Zur Frühbronzezeit in Südbayern. In: Beat Eberschweiler, Joachim Köninger, Helmut Schlichtherle, Christian Strahm (Hrsg.): Aktuelles zur Frühbronzezeit und frühen Mittelbronzezeit im nördlichen Alpenvorland. Rundgespräch Hemmenhofen, 6. Mai 2000. (Edward Sangmeister gewidmet zum 85. Geburtstag) (= Hemmenhofener Skripte. Bd. 2, {{#invoke:URIutil|{{#ifeq:1|1|linkISSN|targetISSN}}|1437-8620|0}}{{#ifeq:1|0|[!] }}{{#ifeq:0|1
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}}). Janus-Verlag, Freiburg (Breisgau) 2001, S. 17–30.</ref>
Die späte Frühbronzezeit (Bz A2b, Bz A2c, Bz B-älter, ca. 1700–1550 v. Chr.) ist durch relativ wenige Gräber repräsentiert, vielmehr durch Depots und Siedlungen mit Keramik der Stilgruppen Sengkofen/Jellenkofen und Landsberg/Arbon. Das Ende der bayerischen Frühen Bronzezeit (während der Stufe Bz B) ist durch die Aufgabe der Höhensiedlungen und das Ende der Deponierungen in Horten gekennzeichnet.
Mittlere Bronzezeit
Es folgt die mittlere Bronzezeit (1550–1300 v. Chr.) mit den typischen Hügelgräbern, die in der frühen Mittelbronzezeit (Stufe Bz B-jünger, ca. 1550–1500 v. Chr.) aufkommen und dann massenhaft in Stufe Bz C angelegt werden. Dabei wird Stufe Bz C1 (1500–1400 v. Chr.) als entwickelte Mittelbronzezeit bezeichnet, Stufe Bz C2 (1400–1300 v. Chr.) als späte Mittelbronzezeit mit den Leitformen des „Lochhamer Formenkreises“. Kostbare Bernsteinkolliers aus Asenkofen (Ortsteil der Gemeinde Langenbach, Lkr. Freising)<ref>Alix Hochstetter: Die Hügelgräber-Bronzezeit in Niederbayern. Bayer. Landesamt für Denkmalpflege, Abt. für Vor- und Frühgeschichte, Bd. 41, 1980. ISBN 3-7847-5041-9</ref> und Ingolstadt<ref>Stadt Ingolstadt (Hrsg.): Das Geheimnis des Bernstein-Colliers. Ausstellung 1998/1999 im Stadtmuseum Ingolstadt ISBN 3-932113-27-6</ref> sind Beispiele für den Bernsteinhandel während der Hügelgräberbronzezeit. Tauschhandel erfolgte offenbar mit ostalpinem Kupfer (Fahlerzkupfer), das nach Norden verhandelt wurde. Vollgriffschwerter mit achtkantigem Griff haben ihren Ursprung in Südbayern und verbreiteten sich bis Südskandinavien.
Weitläufige Handelsbeziehungen ließen in der Frühen Bronzezeit Höhensiedlungen entstehen, wie auf dem Freisinger Domberg. Diese bestanden bis zum Beginn der mittleren Bronzezeit, anschließend traten Befestigungen in den Vordergrund. Die Befestigung bei Bernstorf (Gemeinde Kranzberg, Landkreis Freising) datiert in das 14. Jahrhundert v. Chr.<ref name="Bähr_2012">Vanessa Bähr, Rüdiger Krause, Rupert Gebhard: Neue Forschungen zu den Befestigungen auf dem Bernstorfer Berg bei Kranzberg, Landkreis Freising, Oberbayern. in: Bayerische Vorgeschichtsblätter Bd. 77, München 2012, S. 5–41</ref> Dendrodaten gemäß wurde die Anlage am Ende der Mittelbronzezeit errichtet. Das Fälldatum der Bauhölzer der Befestigung lag demnach im Zeitraum zwischen 1339 und 1326 v. Chr.<ref name="Bähr_2012" /> Oberflächennahe Funde von insgesamt elf Gegenständen aus Goldblech (Diadem, Brustschmuck, Gürtel, Nadel aus gerolltem Goldblech) sowie zwei innerhalb der Anlage aus der Humusschicht aufgelesene Bernsteinobjekte wurden 1998 und 2000 von Amateuren gemeldet<ref>Manfred Moosauer, Traudl Bachmaier: Bernstorf, Das Geheimnis der Bronzezeit. Verlag Theiss, August 2005 (2. erweiterte Auflage), ISBN 3-8062-1968-0</ref> und nach Echtheitsprüfungen von der Archäologischen Staatssammlung angekauft. Im Jahre 2014 wurden die metallurgisch hochreinen Goldfunde aufgrund neuer Analysen als moderne Fälschung entlarvt,<ref name="tagung">Ernst Pernicka: Zur Frage der Echtheit der Bernstorfer Goldfunde. In: Harald Meller, Roberto Risch und Ernst Pernicka (Hrsg.): „Metalle der Macht – Frühes Gold und Silber.“ 6. Mitteldeutscher Archäologentag vom 17. bis 19. Oktober 2013 in Halle (Saale). Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle, Band 11, 2014, S. 247–256, ISBN 978-3-944507-13-2</ref> was mit einem weiteren externen Gutachten bestätigt wurde.<ref name="RadtkeReinholz2017">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}{{#if:
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Späte Bronzezeit/Urnenfelderzeit
Die Späte Bronzezeit als überregionale Bezeichnung wird in der jüngeren bayerischen Archäologie mit der Urnenfelderkultur gleichgesetzt.<ref>Walter Torbrügge: Die Bronzezeit in Bayern. Berichte RGK 40, 1959, 1 ff.</ref><ref name="A_Beck">Adelheid Beck: Beiträge zur frühen und älteren Urnenfelderkultur im nordwestlichen Alpenvorland. PBF XX,2. München 1980.</ref><ref>Alix Hänsel: Die Funde der Bronzezeit aus Bayern. Museum für Vor- und Frühgeschichte. Staatliche Museen zu Berlin. Bestandskatalog 5, 1997.</ref> Sie entspricht den Stufen Bz D bis Ha B2/3 (ca. 1300–800 v. Chr.).<ref>Della Casa et al.: Argumente für einen Beginn der Spätbronzezeit (Reinecke Bz D) im 14. Jahrhundert v. Chr. Prähistorische Zeitschrift 72, 1997, S. 195–233.</ref> Der Terminus Späte Bronzezeit wird in Bayern nur noch vereinzelt verwendet, wie zum Beispiel bei einem 2011 bei Weihenstephan (Lkr. Landshut) entdeckten Grab einer Frau mit reichem Goldschmuck, das in das 14.–13. Jahrhundert v. Chr. datiert.<ref>Stefanie Berg-Hobohm: Die Bestattung einer „vornehmen“ Frau der späten Bronzezeit auf dem Einsiedelfeld bei Weihenstephan, Gemeinde Hohenthann, Lkr. Landshut. In: K. Schmotz (Hrsg.): Vorträge des 31. Niederbayerischen Archäologentages. Rahden/Westf. 2013, S. 95–111</ref>
Innerhalb des Chronologieschemas der Bronzezeit A–D von Paul Reinecke wurde der letzten Stufe D ein eigenständiger Charakter attestiert und diese von ihm selbst gelegentlich als „endbronzezeitliche Urnenfelderstufe“ bezeichnet. Die Stellung von Bz D war zwischenzeitlich nicht unumstritten,<ref>Friedrich Holste: Die Bronzezeit in Süd- und Westdeutschland. Berlin, 1953.</ref> heute wird jedoch wieder die Ansicht Reineckes vertreten und Bz D (zum Teil nur Bz D2) als „frühe Urnenfelderzeit“ bezeichnet.<ref name="A_Beck" /> Die Urnenfelderkultur umfasst damit zuzüglich der Stufen Hallstatt A und B – in der von Hermann Müller-Karpe und Lothar Sperber ausgebauten Gliederung – einen Zeitraum von etwa 500 Jahren, von 1300–800 v. Chr.<ref>Hermann Müller-Karpe: Beiträge zur Chronologie der Urnenfelderzeit nördlich und südlich der Alpen. Römisch-Germanische Forschungen, Band 22. Berlin 1959</ref><ref>Lothar Sperber: Untersuchungen zur Chronologie der Urnenfelderkultur im nördlichen Alpenvorland von der Schweiz bis Oberösterreich. Antiquitas, Reihe 3, Abhandlungen zur Vor- und Frühgeschichte, zur klassischen und provinzial-römischen Archäologie und zur Geschichte des Altertums. Band 29. Habelt, Bonn 1987, ISBN 3-7749-1700-0</ref> Unter Beibehaltung der auf dem Inventar beruhenden Stufengliederung von Müller-Karpe hat sich lediglich die Datierung vom Ende der Stufe Ha A2 einschließlich Ha B2/3 und der Übergang zur Hallstattzeit zum älteren verschoben. Demnach wird die Gliederung heute wie folgt unterteilt und datiert: Stufe Bz D (1300–1200 v. Chr.) wird als frühe, Ha A1 (1200–1100 v. Chr.) als ältere, Ha A2 (1100–1050/1020 v. Chr.) als mittlere, Ha B1 (1050/1020–950/920 v. Chr.) als jüngere und Ha B2/3 (950/920–850/800 v. Chr.) als späte Urnenfelderzeit bezeichnet.
Ein großer Teil des Fundstoffs der Stufe Bz D stammt aus dem Gebiet des Riegsees („Riegseegruppe“)<ref name="Koschik_1981">Harald Koschik: Die Bronzezeit im südwestlichen Oberbayern. Laßleben, Kallmünz, 1981</ref> und der Münchner Schotterebene. Herausragend für diese Zeit ist außerdem das Gräberfeld von Zuchering-Ost (Stadt Ingolstadt) mit 520 Bestattungen, das eine Belegung von Bz D bis Ha B3 aufweist. Die Überhügelung der ältesten Gräber von Zuchering steht noch in der Tradition der Bronzezeit. Auch in Franken wird für Bz D eine kulturelle Kontinuität zur mittleren Bronzezeit verzeichnet.<ref>Hilke Hennig: Die Grab- und Hortfunde der Urnenfelderkultur aus Ober- und Mittelfranken. Materialhefte zur bayerischen Vorgeschichte 23, Kallmünz/Opf. 1970, S. 33 ff.; 41 ff.</ref><ref>O. M. Wilbertz: Die Urnenfelderkultur in Unterfranken. Materialhefte zur bayerischen Vorgeschichte 49, Kallmünz/Opf., 1982, S. 92 ff.</ref> Im Gäuboden und dem niederbayerischen Donautal fand in Bz D und Ha A1 hingegen eine merkliche Entvölkerung statt.<ref>Karl Schmotz: Die vorgeschichtliche Besiedlung im Isarmündungsgebiet. Materialhefte zur bayerischen Vorgeschichte 58. Kallmünz 1989, S. 99.</ref>
Für die Feingliederung der Stufen Ha A und Ha B sind die fundreiche Münchner Schotterebene und der Raum Kelheim maßgeblich. Das Gräberfeld von Kelheim enthielt allein 263 Urnen.<ref>Hermann Müller-Karpe: Das Urnenfeld von Kelheim. Materialhefte zur bayerischen Vorgeschichte 1, Kallmünz, 1952.</ref>
- Siedlungen
Auf dem Gebiet des Freistaates gibt es eine Reihe befestigter Höhensiedlungen der Urnenfelderzeit, die zum Teil während der Hallstattzeit und frühen Latènezeit erneut befestigt wurden.<ref>E. J. Greipl, C. S. Sommer (Hrsg.): Befestigungsanlagen in der Urnenfelderzeit und ihr Umfeld. Kolloquium Bad Staffelstein 2006. Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 47/48, 2006/07, 2007.</ref> Die Befestigung nutzt in den meisten Fällen Spornlagen geeigneter Berge aus, wie auf der Ehrenbürg bei Forchheim, dem Donaubogen bei Regensburg, dem Frauen-, Wurz- und Arzberg bei Weltenburg,<ref>Michael M. Rind: Der Frauenberg oberhalb Kloster Weltenburg. Regensburger Beiträge zur Prähistorischen Archäologie, Band 6 (2 Bände), 1999 ISBN 978-3-930480-25-8</ref> dem Schloss-, Kirchen- und Hirmesberg oberhalb Kallmünz, dem Bogenberg bei Bogen, dem Freisinger Domberg<ref>Mark Bankus: Der Freisinger Domberg und sein Umland: Untersuchungen zur prähistorischen Besiedlung. Freisinger Archäologische Forschungen, Bd. 1, 2004. ISBN 978-3-89646-891-8</ref> und auf der Reisensburg bei Günzburg. Die Heunischenburg bei Kronach war seit dem 10. Jahrhundert v. Chr. (späte Urnenfelderzeit) zunächst eine hölzerne Befestigung. Die steinerne Ummauerung aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. ist die älteste erhaltene Anlage mit einer massiven Steinmauer nördlich der Alpen.
Erst in der Stufe Ha B2/3 werden dörfliche Siedlungen in ackerbaulich genutzten Gunsträumen typisch, die einen Übergang zu den späteren „Herrenhöfen“ der Hallstattzeit zeigen. Ein- oder mehrschiffige Pfostenhäuser mit 4 bis 16 Stützen des Dachbodens sind zum Beispiel aus Plankstetten (Lkr. Neumarkt) belegt. Pfahlreihen nahe der Roseninsel im Starnberger See zeigen wassernahe Uferrandsiedlungen.
- Gräber
Die Brandbestattung ist keine exklusiv neue Bestattungsform der Späten Bronzezeit, jedoch ist sie in der Mittelbronzezeit vergleichsweise selten. In der frühen Urnenfelderzeit (Bz D2) weist die südbayerische „Riegseegruppe“ eine Sonderstellung auf, da hier Urnen in körperlangen Gruben bestattet und die Beigaben an den anatomisch einem Körpergrab entsprechenden Stellen der Gruben deponiert wurden.<ref name="Koschik_1981" /> Neu sind in Bayern ab Stufe Ha A1 Urnenbestattungen, die nahe der zugehörigen Siedlungen in großen Friedhöfen angelegt wurden. Ein Beispiel ist der etwa 400 Urnengräber umfassende Friedhof von Burgweinting (Stadt Regensburg), der etwa 25–50 Meter von der Ha A1-zeitlichen Siedlung entfernt lag und über Wege mit dieser verbunden war. Weitere große Friedhöfe der Urnenfelderzeit wurden in Zuchering (900 Gräber), Künzing (650 Gräber), Hurlach (500 Gräber) und Kelheim (300 Gräber) ausgegraben.
Daneben gibt es – fortlaufend seit der Hügelgräberbronzezeit – im Obermainland bis in die Stufe Ha A2 noch Körperbestattungen in Hügelgräbern, zum Teil mit reicher Grabausstattung. Beispiele hierfür sind die Kopfhauben mit Bronzeblechen und anderen Schmuckelementen aus Grundfeld und Schönbrunn (beide Lkr. Lichtenfels), die hier in insgesamt vier Gräbern nachgewiesen sind. Von Bz D bis Ha B2/B3 gab es auf dem Gebiet des heutigen Freistaates auch Körpergräber ohne Hügel. Seltener und Ausdruck einer exponierten sozialen Stellung sind Steinkistengräber, wie das Grab von Acholshausen (Lkr. Würzburg), dass neben 36 Tongefäßen und zwei Bronzenadeln der Stufe Ha A2-B1 einen bronzenen Miniaturkesselwagen enthielt. Das Kammergrab von Eggolsheim (Lkr. Forchheim), das mit einem Hügel von 32 Metern Durchmesser überschüttet wurde, zeugt von der Macht der Eliten. Während Vollgriffschwerter zur typischen Ausstattung gehobener Gräber gehörten, wurden andere Schutzwaffen (Helme, Schilde, Beinschienen) nicht den Toten beigegeben, sondern in Horten niedergelegt. In zwei Gräbern Bayerns (Hart an der Alz, Lkr. Altötting und Poing, Lkr. Ebersberg) treten erstmals vierrädrige Zeremonialwagen auf. In beiden Fällen kamen die Wagen vollständig verbrannt ins Grab, zusätzlich wurden Schwert, Pfeil und Bogen sowie reichhaltige Geschirrsätze beigegeben.
Außerdem ist während der Urnenfelderzeit ein Höhepunkt der Deponierung von Verstorbenen in Schachthöhlen der Fränkischen Alb zu verzeichnen, wobei die Interpretationen von Opferplatz bis zu regulären Bestattungen reichen. Als Opferplatz wurden die Befunde der „Schellnecker Wänd“ bei Essing bezeichnet.<ref>Sabine Müller: Die „Schellnecker Wänd“ – Ein urnenfelderzeitlicher Opferplatz bei Altessing, Lkr. Kelheim, Niederbayern. In: Erwin Keller, Peter Schauer (Hrsg.): Beiträge zu Kult und Religion der Bronze- und Urnenfelderzeit. Regensburg, 2003, S. 107–312</ref> Ein weiteres, als regulärer Bestattungsort interpretiertes Beispiel bietet das Peterloch bei Woppental (Gde. Birgland, Landkreis Sulzbach-Rosenberg).<ref>Norbert und Renate Graf, Kerstin Pasda: Das Peterloch bei Woppental. Beiträge zur Vorgeschichte Nordostbayerns, Band 6, 2008.</ref> Daneben gibt es zweifellos Tierbrandopfer, wie auf dem Weiherberg bei Christgarten (Lkr. Donau-Ries) mit Tausenden verbrannter Schädel- und Fußknochen sowie ca. 6400 urnenfelderzeitlichen Scherben von zerschlagenen Gefäßen.
- Depotfunde
In der Urnenfelderzeit nimmt die Deponierung von Wertgegenständen stark zu, was mit den überregional unruhigen Zeiten im Einklang steht.<ref>Frank Falkenstein: Zur Struktur und Deutung älterurnenfelderzeitlicher Hortfunde im nordalpinen Raum. In: A. Jockenhövel/U. Dietz (Hrsg.): Bronzen im Spannungsfeld zwischen praktischer Nutzung und symbolischer Bedeutung. Beiträge zum internationalen Kolloquium Münster 2008. PBF XX,13, Stuttgart, 2011, S. 71–105.</ref> Ein bedeutender Fundplatz mit insgesamt 12 Depotfunden – überwiegend aus der Urnenfelderkultur – ist der Bullenheimer Berg bei Ippesheim, an der heutigen Grenze zwischen Mittel- und Unterfranken gelegen. Der größte Roherzhort stammt von der Rachelburg (Flintsbach am Inn, Lkr. Rosenheim), die eine strategisch wichtige Lage oberhalb des Inntals und damit des Weges von den Nordtiroler Kupferrevieren einnahm.
In die Urnenfelderzeit (Stufe Ha A2/B1) ist auch der Goldhut von Ezelsdorf/Buch (Landkreis Nürnberger Land) zu datieren, einer der vier heute bekannten Goldhüte. Es handelt sich bei dem 1953 gemachten Zufallsfund um einen Depotfund ohne weitere Beifunde.
Vorrömische Eisenzeit
Hallstattzeit
Der Wechsel von der Urnenfelderzeit zur älteren Eisenzeit (Hallstattzeit, 800–450 v. Chr.) wird heute vor allem durch die Dendrochronologie gestützt. Für den Beginn von Ha C liefern Hölzer aus dem Wagengrab von Wehringen (Lkr. Augsburg) ein wesentliches Eckdatum, mit 778 ± 5 v. Chr. (Grabhügel 8). Dieses enthielt in der Grabausstattung sowohl urnenfelderzeitliche als auch hallstattzeitliche Stilelemente, so dass der Beginn der Hallstattzeit auf 800 v. Chr. anzusetzen ist.
- Siedlungen
Die Siedlungslandschaft Bayerns liegt im Grenzgebiet des östlichen und westlichen Hallstattkreises. Es werden vier Regionalgruppen der Hallstattkultur unterschieden: die unterfränkische, oberfränkische und Oberpfälzer Gruppe sowie die ins heutige Baden-Württemberg reichende Ostalbgruppe. Im 6. Jahrhundert v. Chr. werden markante Höhensiedlungen auf dem Ipf bei Bopfingen (Ostalbkreis) und dem Marienberg in Würzburg errichtet. Schon seit dem Neolithikum bis in die späte Eisenzeit ist der Staffelberg (Gde. Bad Staffelstein, Oberfranken) bedeutend. Davon zeugen heute noch die Reste der Wehranlagen, die die Kelten seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. erbaut und mehrfach erneuert haben.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20100508201700
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}} – Online-Ausstellung des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Erlangen</ref> Ein seit dem Neolithikum (Michelsberger Kultur, Schnurkeramische Kultur) besiedelter Tafelberg im südlichen Oberfranken ist auch die Ehrenbürg bei Forchheim. Aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. ist eine Ummauerung des gesamten Plateaus nachgewiesen, mit einer Gesamtlänge der Befestigung von 3,5 km.<ref name="Abels, Ehrenbürg">Björn-Uwe Abels: Die Ehrenbürg – ein bronzezeitliches und frühkeltisches Machtzentrum. In: Die Ehrenbürg. Geologie – Archäologie – Volkskunde. Hrsg. vom Förderkreis Kaiserpfalz e. V. und vom Kulturamt des Landkreises Forchheim, 2009, ISBN 978-3-9811274-5-4, S. 46–67.</ref> Im Zuge der Keltenwanderungen des 4. Jahrhunderts v. Chr. wurde die Anlage aufgegeben. Eine ähnliche Zeitstellung (Späthallstatt- bis Frühlatènezeit) ist auch für den noch weitgehend erhaltenen Ringwall auf der Houbirg bei Happurg (Lkr. Nürnberger Land) anzunehmen.<ref>Tobias Springer: Happurg: Die Houbirg. In: Alfried Wieczorek (Hrsg.): Ausflüge zu Archäologie, Geschichte und Kultur in Deutschland, Band 52: Nürnberg und Nürnberger Land – Ausflugsziele zwischen Pegnitz und Fränkischer Alb. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2368-2, S. 153–156.</ref> Dieses insgesamt 88 Hektar große Plateau war erstmals in der Urnenfelderzeit befestigt, was aus älteren Wallschüttungen mit Scherben aus dieser Zeit ersichtlich ist.
Erst in den vergangenen Jahrzehnten sind neben den auffälligen Höhensiedlungen auch Flachlandsiedlungen ausgegraben worden. In Marktbreit (Lkr. Kitzingen) wurde eine Gehöftgruppe mit acht Häusern untersucht, die sich um einen freien Platz gruppieren. Weitere Beispiele sind Grafenrheinfeld (Lkr. Schweinfurt) und Eching-Moosinning (Lkr. Erding). Besonders im Donauraum wurden so genannte Rechteckhöfe („Herrenhöfe“) gebaut, wie in Oberstimm (Lkr. Pfaffenhofen) oder Natternberg (Lkr. Deggendorf). Es sind 177 solcher Anlagen mit rechteckigen Palisaden- und Grabenumfriedungen bekannt, von denen etwa 40 archäologisch untersucht wurden. Die jüngsten Herrenhöfe reichen bis in die Frühlatènezeit.
- Gräber
Während der Hallstattkultur prägten zum Teil sehr reich mit Beigaben ausgestattete Grabhügel die Landschaft. Ebenerdig errichtete hölzerne Grabkammern wurden oft von einer massiven Steinpackung überdeckt und anschließend mit Erde überhügelt. Die Hügelschüttung wurde meist durch einen randlichen Steinkranz vor Erosion geschützt. In der Anordnung der Grabhügel unterscheiden sich Nord- und Südbayern: Während im Norden die Grabhügel meist auf „Tuchfühlung“ nebeneinander liegen, sind im Süden größere Abstände üblich. Überall gibt es jedoch neben den Hügelgräbern auch Brandbestattungen in Gruben (Brandgrubengräber) bzw. seltener auch Brandschüttungsgräber (mit Urnen), die in den Freiräumen zwischen den Hügeln oder am Rande derselben niedergebracht werden.
In der frühen Hallstattzeit (Ha C) Nordbayerns dominiert in Fortsetzung der urnenfelderzeitlichen Tradition noch die Brandbestattung, wobei der Leichenbrand meist in der westlichen Hälfte der Grabkammer hölzernen deponiert wurde. Ein archäologisch untersuchter und anschließend rekonstruierter Grabhügel der frühen Hallstattkultur (Ha C) liegt im Geisberger Forst bei Naisa (Lkr. Bamberg). Auch in Landersdorf (Lkr. Roth) wurden mehrere Grabhügel nach der Ausgrabung wieder aufgeschüttet. Im Umkreis des Würzburger Marienberges liegen mehrere Großgrabhügel mit bis zu 90 Metern Durchmesser. Ausgrabungen fanden im etwas entfernter gelegenen Fuchsenbühl, einem frühkeltischen, 1981 wieder in seine ursprüngliche Form gebrachten, Großgrabhügel<ref>Ludwig Wamser: Wagengräber der Hallstattzeit in Franken. In: Frankenland. Zeitschrift für Fränkische Landeskunde und Kulturpflege. Neue Folge, Band 33, 1981, S. 225–260, hier: S. 244 f.</ref> bei Riedenheim statt, wo eine hölzerne Grabkammer von einst 5 mal 4,5 Metern Größe freigelegt wurde.
Mit dem Beginn der späten Hallstattzeit (Ha D1) überwiegt die Körperbestattung, die von Ha D2 bis in die Frühlatènezeit dann die Regel darstellt. Die Toten wurden in gestreckter Rückenlage Süd-Nord gerichtet (Kopf im Süden) beigesetzt, meist in der Westhälfte der Grabkammer. Zur Rechten des Toten werden an der östlichen Seite der Grabkammer die Beigaben aufgereiht.
- Grabausstattung
Neben der Schmuck- und Waffenausstattung der ursprünglich vollständig eingekleideten Toten sind umfangreiche Geschirrsätze typische Grabbeigaben. Die Sitte der Schwertbeigabe ist in Nordbayern bis Stufe Ha D1 nachgewiesen, danach kommen in Oberbayern und Schwaben zunehmend Dolche auf.
Die auffälligsten Bestattungen der späten Hallstattzeit sind Wagengräber, die derzeit in Bayern 15 mal belegt sind. Sofern der vierrädrige „Zeremonialwagen“ vollständig beigegeben wurde, platzierte man diesen meist auf der Westseite der Grabkammer. In einigen Fällen (zum Beispiel Demmelsdorf, Lkr. Bamberg oder Großeibstadt, Lkr. Rhön-Grabfeld) wurden nur die vier Räder des Wagens um den Wagenkasten gestellt, die Grabkammer war dann zum Teil nur wenig größer als die Wagenbestattung. Der Achsabstand der Räder betrug zwischen 1,20 m und 1,50 m. In Untereggersberg (Landkreis Kelheim) wurden unter anderem Deichselbeschläge gefunden, so dass von der vollständigen Beigabe des Wagens ausgegangen wird.<ref>F. Mahler: Zwei Wagengräber der Hallstattzeit aus Untereggersberg. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 1989. 1990, S. 95–96.</ref> Der bzw. die Tote wurde stets auf dem Wagenkasten niedergelegt. Das Pferdegeschirr liegt an der Stelle, an der bei einem realen Gespann die Pferde positioniert wären. Tatsächlich sind Pferde jedoch nur in zwei Fundorten in Bayerisch-Schwaben als Mitbestattung nachgewiesen, und zwar in Aislingen (Lkr. Dillingen an der Donau) und Unterfahlheim (Lkr. Neu-Ulm). Im Jahre 2011 wurde das Wagengrab von Otzing (Lkr. Deggendorf) als Block geborgen und unter Laborbedingungen frei präpariert.<ref>Erich Claßen, Stefan Gussmann, Gabriele von Looz: Regulär und doch aussergewöhnlich – Eine hallstattzeitliche Bestattung mit Zuggeschirr von Otzing, Lkr. Deggendorf. – Vorträge des 31. Niederbayerischen Archäologentages. Rahden/W., VML Verlag, 2013, S. 191–214</ref>
Eine weitere Bestattungssitte der späten Hallstattzeit zeigen die Schachthöhlen (so genannte „Opferhöhlen“) der Fränkischen Alb, in denen entsprechend alte Skelette gefunden werden. Die Deponierung in Schächten und Felsspalten greift eine regionale Tradition der Urnenfelderzeit auf, ohne dass es einen direkten Zusammenhang gibt. Ein Beispiel ist die Dietersberghöhle bei Egloffstein (Lkr. Forchheim).<ref>Josef Richard Erl: Die Dietersberghöhle bei Egloffstein. Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg, Bd. 26, Heft 5, 1953.</ref>
- Spezielle Befunde
In Grabhügel 9 eines hallstattzeitlichen Gräberfeldes bei Kosbach nahe Erlangen wurden Funde der älteren Urnenfelderzeit (Ha A, 12.–11. Jahrhundert v. Chr.), der Hallstattzeit (Ha C-D, 8.–5. Jahrhundert v. Chr.) sowie der Latènezeit (Lt A, 5. Jahrhundert v. Chr.) gemacht.<ref>Rudolf Herold: Die Grabung bei Kosbach im August 1913. Der Kosbacher Altar. Sitzungsberichte der Physikalisch-Medizinischen Sozietät in Erlangen, Band 45, 1913, S. 55–92</ref><ref>Martin Nadler, Brigitte Kaulich: Ein Grabhügel im Mönau-Forst bei Erlangen-Kosbach. In: Konrad Spindler (Hrsg.): Vorzeit zwischen Main und Donau. Neue archäologische Forschungen und Funde aus Franken und Altbayern. Erlanger Forschungen Reihe A, Band 26, 1980, S. 173–205</ref> Vor Beginn der Ausgrabung im Jahre 1913 hatte der Grabhügel noch eine Höhe von ca. 1,55 m und einen Durchmesser von rund 19 m. Am Fuß des Hügels wurde in der jüngeren Hallstattzeit der sogenannte „Kosbacher Altar“ errichtet, eine quadratische Steinsetzung von 2 × 2 Metern mit vier größeren Ecksteinen und einem figürlichen Pfeiler in der Mitte. Die Rekonstruktion dieses singulären Befundes kann vor Ort besichtigt werden.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20100107005520
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Während der späten Hallstattzeit waren Mehrfachbestattungen (zum Beispiel in Niedererlbach, Lkr. Landshut)<ref>Hubert Koch, Hans-Georg Kohnke: Neue Ausgrabungen in Niedererlbach, Lkr. Landshut. Ein Vorbericht. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 53, 1988, S. 47–75.</ref><ref>Hubert Koch: Eine hallstattzeitliche Doppelbestattung mit reichem Trachtzubehör aus Niedererlbach. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 1988, 1989, S. 75–77</ref> wie auch Nachbestattungen (Schirndorf, Gde. Kallmünz, Lkr. Regensburg) üblich. In der Stufe Ha D2 wurden diese Nachbestattungen oft in einer zweiten hölzernen Kammer niedergelegt, wie in der Nachbestattung mit Wagen von Weinsfeld (Lkr. Roth) und Demmelsdorf (Lkr. Bamberg). Grabkammern der späten Hallstattzeit konnten in Wehringen (Lkr. Augsburg) und Niedererlbach auf wenige Jahre genau datiert werden, da die Hölzer im Feuchtbodenmilieu noch erhalten waren und mittels Dendrochronologie bestimmbar waren. Organische Artefakte dieser Zeit werden nur bei völligem Fehlen anderer – zum Beispiel stilistischer – Merkmale mit der Radiokarbonmethode datiert, da infolge des so genannten Hallstatt-Plateaus zwischen etwa 750 und 400 v. Chr. in diesem Zeitbereich keine zeitlich auflösbaren Messwerte erzielt werden.<ref>A.R. Millard: {{#switch:
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Eine berittene Tonfigur, das Speikerner Reiterlein, wurde als Grabbeigabe im Grabhügelfeld „Schallerholz“ bei Speikern gefunden, einem heutigen Ortsteil der Gemeinde Neunkirchen am Sand (Landkreis Nürnberger Land).
Latènezeit
Der Übergang zur Latènezeit stellt weder in Nord- noch in Südbayern einen abrupten Wechsel dar. Siedlungen und Gräberfelder der Späthallstattzeit werden fortgesetzt, wobei der Trend der Latènekultur sich in Bayern von Süden nach Norden ausbreitet. Die Höhensiedlungen der Hallstattzeit werden in der Frühlatènezeit fortgeführt. Einzelne mediterrane Luxusgüter zeigen weitläufige Handelsbeziehungen an, zum Beispiel auf der Ehrenbürg bei Forchheim. Hier wurde eine bunte Glasscherbe eines ostgriechischen Parfümfläschchens gefunden (Fundverbleib: Archäologiemuseum Oberfranken).<ref name="Abels, Ehrenbürg" />
Folgenschwere Umbrüche sind erst um etwa 410 v. Chr. zu verzeichnen, die zur Aufgabe vieler Siedlungen und Gräberfelder führen. Diese Unruhezeit (410–320 v. Chr.) wird mit den historisch belegten Keltenwanderungen in Verbindung gebracht. An die Stelle der Nachbestattungen in hallstattzeitlichen Grabhügeln treten nun Schachtgräber an neuen Plätzen. War die Totenlage zuvor in Fortsetzung der Hallstatt-Tradition süd-nördlich (Kopf im Süden), so werden die Toten jetzt entgegengesetzt mit dem Kopf nach Norden bestattet. Meist handelt es sich nun um Einzelgräber. Der eklatante Bruch mit den Traditionen wird als sozial-religiöse Umwälzung und gleichzeitige starke Entvölkerung des Landes interpretiert.
Erst mit der Phase Latène B2 (320–260 v. Chr.) nimmt die Zahl der Siedlungen und Gräberfelder wieder zu. Rechteckige oder annähernd quadratische Erdwerke, die so genannten Viereckschanzen, sind in Süddeutschland weit verbreitet (vgl. Liste von Viereckschanzen in Bayern). Ab dieser Zeit kommt es auch zum Bau von befestigten Großsiedlungen, den Oppida. Das prominenteste Beispiel ist das Oppidum von Manching. Einzelne Orte der Spätlatènezeit sind durch schriftliche Quellen der Griechen und Römer überliefert. So sind wahrscheinlich die von Claudius Ptolemäus erwähnten Städte Alcimoennis mit dem Oppidum auf dem Kelheimer Michelsberg und Menosgada mit dem Oppidum auf dem Staffelberg gleichzusetzen. Auch der erstmals im 8. Jahrhundert belegte Name „Radaspona“ für Regensburg geht wahrscheinlich auf eine keltische Bezeichnung der vorchristlichen Zeit zurück. Das Ende der keltischen Besiedlung Bayerns datiert in die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr., was sich auch mit dem Ende des Manchinger Oppidums manifestiert. Um 60 v. Chr. drangen die Sueben und andere Germanen in das Gebiet zwischen Main und Alpen ein und zerstörten und plünderten alle Siedlungen der Kelten. Der Großteil der Überlebenden wanderte ab. Nachdem die Invasoren wieder nach Westen abgezogen waren, lebten nur noch kleine Dorfgemeinschaften in der Region.<ref>Irmgard Köhler, Josef Blasi: Markt Schwaben – Ortsgeschichte eingebunden in die bayerische Geschichte, S. 15, 2002.</ref> Es folgt die Endlatènezeit (Latène D2), die westlich des Inns durch eine bemerkenswerte Armut an archäologischen Hinterlassenschaften gekennzeichnet ist. Mit den Augusteischen Alpenfeldzügen, die im Jahre 15 v. Chr. bayerisches Territorium erreichten, und der anschließenden römischen Besiedlung Südbayerns beginnt die über Schriftquellen definierte Frühgeschichte auf dem Gebiet des heutigen Freistaates.
Siehe auch
Literatur
- Ferdinand Birkner: Der Eiszeitmensch in Bayern. In: Beiträge zur Anthropologie und Urgeschichte Bayerns. Band 19, 1915.
- Ferdinand Birkner: Ur- und Vorzeit Bayerns. Verlag Knorr & Hirth, München, 1936
- Hansjürgen Müller-Beck: Das obere Altpaläolithikum in Süddeutschland. Teil 1: Text. Habelt in Kommission, Bonn 1957.
- C. Sebastian Sommer (Hrsg.): Archäologie in Bayern – Fenster zur Vergangenheit. Pustet, Regensburg, 2006, ISBN 3-7917-2002-3.
- Walter Torbrügge, Hans Peter Uenze: Bilder zur Vorgeschichte Bayerns. Thorbecke, Konstanz/Lindau/Stuttgart 1968.
- Thorsten Uthmeier: Micoquien, Aurignacien und Gravettien in Bayern (= Archäologische Berichte. Band 18). Rudolf Habelt, Bonn 2004 (Digitalisat).
- Thorsten Uthmeier, Doris Mischka (Hrsg.), unter Mitarbeit von Christoph Mayr, Carsten Mischka, Martin Nadler und Andreas Pastoors: Steinzeit in Bayern. Das Handbuch in 2 Bänden. wbg Theiss, Stuttgart 2023, ISBN 978-3-8062-4449-6.
- Wolfgang Weißmüller: Alt- und Mittelsteinzeit am Bayerischen Donaulauf zwischen Lech und Inn – Ein Überblick. In: Karl Schmotz (Hrsg.): Vorträge des 20. Niederbayerischen Archäologentages. Verlag M. Leidorf, Rahden/Westf. 2002, S. 165–201 {{#invoke:URIutil|{{#ifeq:1|1|linkISSN|targetISSN}}|1438-2040|0}}{{#ifeq:1|0|[!]
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Weblinks
Einzelnachweise
<references />
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Webarchiv
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Webarchiv/Archiv-URL
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:URL
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:Linktext
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Webarchiv/Linktext fehlt
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:ISSN
- Wikipedia:Weblink offline fix-attempted
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Toter Link
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Toter Link/URL fehlt
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:Datum
- Urgeschichte Bayerns
- Ur- und Frühgeschichte (Deutschland)
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