Zum Inhalt springen

Theißtalbrücke

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Datei:2010-05-22 Theisstalbruecke 01.jpg
Theißtalbrücke in Niedernhausen

Als Theißtalbrücke werden drei Talbrücken bei Niedernhausen im deutschen Mittelgebirge Taunus (Hessen) bezeichnet. Es handelt sich um zwei Autobahnbrücken und eine Eisenbahnbrücke.

Autobahnbrücke

Datei:Theißtalbrücke neu und alt.jpg
Die beiden Autobahnbrücken nebeneinander

Die erste und eigentliche Autobahnbrücke wurde 1937 bis 1939 im Zuge der A 3 zwischen Frankfurt am Main und Köln erbaut und überspannt mit einer maximalen Höhe von 46 m das enge Theißtal auf einer Gesamtlänge von 507 m. Die 16 Bögen mit gleichbleibender Spannweite ruhen auf 15 Pfeilern. Die Brücke geht vermutlich auf einen Entwurf von Paul Bonatz zurück, der für zahlreiche Verkehrsbauwerke dieser Zeit verantwortlich war. Die Brücke hat einen Stahlbetonkern und ist mit handwerklich bearbeitetem rötlichen Melaphyrstein aus der Pfalz verkleidet, der gleichzeitig als Schalung diente. Aufgrund ihrer markanten Form als Bogenbrücke ist die Theißtalbrücke das Wahrzeichen von Niedernhausen. Das Bauwerk steht unter Denkmalschutz.<ref>Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Theißtalbrücke. In: DenkXweb, Online-Ausgabe von Kulturdenkmäler in Hessen.</ref>

In den siebziger Jahren wurde die A 3 von zwei auf drei Richtungsfahrstreifen verbreitert. Da hierfür die alte Brücke zu schmal war, wurde 1974 bis 1976 neben dieser eine neue Balkenbrücke in Stahlbetonweise errichtet, welche die Pfeilerabstände und die Höhe der alten Brücke aufnahm, um deren Bild von Niedernhausen aus betrachtet nicht zu zerstören. Seitdem führt die Autobahn auf der alten Brücke Richtung Köln, auf der neuen nach Frankfurt.

2009 wurde der Belag auf beiden Fahrbahnen erneuert, die Entwässerung verbessert und die Lärmschutzwand auf der nach Niedernhausen zugewandten Seite erhöht.<ref>Werner Stoepler: Mehr Lärmschutz im Theißtal. Wiesbadener Kurier, 29. Mai 2009, ehemals im Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 22. Mai 2010.@1@2Vorlage:Toter Link/www.wiesbadener-kurier.de (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive )</ref><ref>Lärmschutzwand an A3 wird erhöht. Wiesbadener Tagblatt, 17. Juli 2009, ehemals im Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 22. Mai 2010.@1@2Vorlage:Toter Link/www.wiesbadener-tagblatt.de (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive )</ref>

Eisenbahnbrücke

Datei:2010-05-24 Theisstalbruecke 07.jpg
Die Theißtalbrücke der ICE-Strecke
Datei:2010-05-22 Theisstalbruecke 02.jpg
Alle drei Theißtalbrücken hintereinander

In den Jahren 1998 bis 2000 entstand die dritte Theißtalbrücke als eine von 18 großen Talbrücken der ICE-Schnellfahrstrecke Köln–Rhein/Main. Die 484 m lange und 50 m hohe Spannbeton-Balkenbrücke steht mit etwas Abstand westlich (taleinwärts) der Autobahnbrücken, ohne deren Form aufzugreifen, und bildet mit ihnen einen leichten Winkel: am südlichen Widerlager hat sie zur neuen Autobahnbrücke etwa 50 Meter lateralen Abstand, am nördlichen etwa 80 Meter, außerdem überragt sie diese um rund sechs Meter. Die Längsneigung der Eisenbahnbrücke liegt bei 6 Promille.<ref name="zt-2001-1-9">Mit Tempo 300 in 50 Metern Höhe über das Theißtal. In: Zum Thema, ZDB-ID 2115698-0, Ausgabe 1/2001, Februar 2001, S. 9–11.</ref><ref name="db-berlin-2002-6"/>

Mitte der 1990er Jahre sah die Planung vor, die Gradiente der Eisenbahnbrücke bis zu 8,5 m über dem Niveau der Fernstraßenbrücke zu führen.<ref name="db-1995-05">Deutsche Bahn AG, Geschäftsbereich Netz, NBS Köln–Rhein/Main, Projektleitung (Hrsg.): Neubaustrecke Köln–Rhein/Main: Bereich Hessen, Planungsabschnitt PA 32, Wallrabenstein – Wörsdorf – Idstein – Niedernhausen. Gefaltete Broschüre, sechs A4-Seiten, Frankfurt am Main, 1995</ref> Bereits Ende 1995 lag die geplante Länge des Bauwerks bei 484 m.<ref name="db-1995-11">Deutsche Bahn AG, Geschäftsbereich Netz, Projektleitung NBS Köln–Rhein/Main (Hrsg.): Streckenkarte Neubaustrecke Köln-Rhein/Main. Karte mit Stand von November 1995, Frankfurt 1995</ref> Unter anderem diese Höhenlage war umstritten.<ref name="fr-1995-93-28">Stephan Börnecke: Wie schnell und laut der ICE sein darf. In: Frankfurter Rundschau. Nr. 93, 15. März 1995, S. 28.</ref>

Die Brücke zählte zu den umstrittensten Bauwerken der Neubaustrecke. Die Gemeinde Niedernhausen klagte gegen den Planfeststellungsbeschluss und nahm mehrere Sperrgrundstücke in Anspruch.<ref name="db-berlin-2002-6" /> Am 13. August 1997 erreichte die Gemeinde vor dem Verwaltungsgericht Wiesbaden in einem Eilverfahren aufgrund rechtswidriger Besitzeinweisungsverfahren einen Baustopp auf verschiedenen gemeindeeigenen Grundstücken, die für Baustraßen oder das eigentliche Vorhaben benötigt wurden. Das Gericht rügte dabei mehrfach das Verhalten der Enteignungsbehörde beim Regierungspräsidium Darmstadt.<ref name="fr-1997-08-14">Stephan Börnecke: Stolpersteine für den ICE. Gemeinde verscheucht Baufirmen vom eigenen Grund. In: Frankfurter Rundschau. 14. August 1997, S. 26.</ref> Eine Klage der Gemeinde vor dem Verwaltungsgerichtshof (VGH) wurde im Eilverfahren abgewiesen. Der Baubeginn verzögerte sich um neun Monate, die letzte Klage (vor dem Oberverwaltungsgericht) wurde, nach Fertigstellung der Brücke, im Oktober 2001 abgewiesen.<ref name="db-berlin-2002-6">Deutsche Bahn AG (Hrsg.): Sieben märchenhafte Geschichten rund um die DB-Neubaustrecke Köln–Rhein/Main. Broschüre, 36 Seiten, Berlin, ohne Jahr (ca. 2002), S. 6.</ref> Anfang April 2000 hatte der Verwaltungsgerichtshof Kassel den Planfeststellungsbeschluss im Bereich der Brücke zunächst aufgrund von Regelungslücken aufgehoben, ohne einen Baustopp zu verhängen. Zur Begründung führte das Gericht an, die DB habe offengelassen, ob die Brücke mit einem Schotterbett oder einer festen Fahrbahn (mit oder ohne Schallabsorbern) ausgerüstet würde. Nach Auffassung des Gerichts wären die geplanten zwei Meter hohen Lärmschutzwände bei einer Ausführung ohne Schallabsorber nicht ausreichend gewesen. Darüber hinaus machte das Gericht der DB AG zur Auflage, drei Monate bzw. zwei Jahre nach der Inbetriebnahme jeweils den Lärmpegel zu messen und den Lärmschutz ggf. nachzubessern. Geklagt hatten die Gemeinde Niedernhausen und mehrere Anlieger, die rund 300 m von der Brücke entfernt wohnten.<ref name="eri-2000-243">Meldung Planfeststellung aufgehoben. In: Eisenbahn-Revue International, Heft 6/2000, ISSN 1421-2811, S. 243.</ref> Die Gemeinde wollte im Rahmen des Rechtsstreits eine verschobene Trasse, eine geänderte Brückenkonstruktion sowie mehr Schallschutz erreichen.<ref name="fr-1997-08-14" />

Die elf Brückenfelder von je 44 m Spannweite wurden mittels einer 560 t schweren Vorschubrüstung erstellt. Insgesamt wurden 14.000 m³ Beton und 1500 t Beton- sowie 280 t Spannstahl verbaut. Ein Teil der Pfeiler wurde auf bis zu 30 m tiefen Großbohrpfählen von 1,5 m Durchmesser gegründet.<ref name="eisenbahn-journal-2002-3-34">Ohne Autor: Das Projekt Neubaustrecke Köln–Rhein/Main. In: Eisenbahn JOURNAL: Tempo 300 − Die Neubaustrecke Köln–Frankfurt. In: Eisenbahn Journal, Sonderausgabe 3/2002, ISBN 3-89610-095-5, S. 34–63</ref><ref name="tiefbau-2000-7"/> Bis Mitte 1999 waren zwei Drittel des Überbaus betoniert.<ref name="db-zt-1999-04-4">Planmäßiger Verlauf auf der längsten Baustelle Deutschlands. In: DBProjekt Köln–Rhein/Main (Hrsg.): Zum Thema, Heft 4/1999, Frankfurt am Main, August 1999, S. 4–7.</ref> Der Überbau wurde im November 1999 im Rohbau fertiggestellt.<ref name="zt-2001-1-9"/>

Die Brücke ist beidseitig mit zwei Meter hohen Lärmschutzwänden versehen. An einer Wand der Widerlager wurden Hangplätze als Winterquartier für Fledermäuse vorgesehen.<ref name="tiefbau-2000-7">G. Blaasch: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Die Neubaustrecke zwischen Köln und Frankfurt (Memento vom 29. November 2015 im Internet Archive). In: Tiefbau, 2000, Heft 7, S. 403.</ref>

Die Betonarbeiten wurden im Juni 2000 abgeschlossen. Anfang 2001 lief der Einbau der festen Fahrbahn.<ref name="zt-2001-1-9"/>

Anschlagsversuch

Am Morgen des 20. März 2020 bemerkte ein Triebfahrzeugführer eines ICE einen unruhigen Lauf seines Zuges bei der Fahrt über die Brücke. Bei einer daraufhin durchgeführten Untersuchung stellten Bahnmitarbeiter fest, dass 123 Schwellenhalter<ref name="spiegel-2020-03-23">Jörg Diehl, Matthias Gebauer, Sven Röbel, Gerald Traufetter: Sabotierte ICE-Trasse Täter lockerte mehr als 100 Schwellen. In: spiegel.de. 20. März 2020, abgerufen am 30. März 2020.</ref> auf einer Länge von rund 80 Metern mutwillig gelöst worden waren. Das Landeskriminalamt Hessen übernahm die Ermittlungen.<ref name="spiegel-2020-03-20">Bahnverkehr: Anschlagsversuch auf ICE-Strecke in Hessen. In: spiegel.de. 20. März 2020, abgerufen am 21. März 2020.</ref> Die Sabotage war bereits Mitte März erfolgt.<ref name="hna-2021-03-29" /> Mehr als 400 Züge passierten die Stelle, bevor zwei Triebfahrzeugführer am 20. März ein verändertes Fahrverhalten und Schläge bemerkten.<ref name="fr-2021-03-17">Angeklagter war fit genug für Tat. In: Frankfurter Rundschau. 17. März 2021, S. 16.</ref> Laut einem Sachverständigen wäre es bei 5 bis 30 weiteren Überfahrten zu einer Entgleisung gekommen.<ref name="hna-2021-03-29" /> Die Strecke wurde um 8:13 Uhr für den Zugverkehr gesperrt.<ref name="spon-2020-03-21" />

In der Nacht zum 21. März wurde ein Tatverdächtiger festgenommen, nachdem ein Bekennerschreiben eingegangen war. Gegen den Beschuldigten wurde wegen versuchten Mordes und gefährlichen Eingriffs in den Schienenverkehr ermittelt.<ref name="spon-2020-03-21">Matthias Bartsch, Matthias Gebauer, Sven Röbel: Schienenschrauben auf Brücke gelöst: Festnahme nach versuchtem Anschlag auf ICE-Strecke. In: spiegel.de. 21. März 2020, abgerufen am 21. März 2020.</ref> Der Prozess wurde am 20. Januar 2021 vor dem Landgericht Wiesbaden eröffnet.<ref name="rz-2021-01-21">Sabine Maurer: Sabotage auf ICE-Strecke: Angeklagter schweigt. In: Rhein-Zeitung. 21. Januar 2021, S. 27.</ref> Am 29. März 2021 wurde der Täter zu neun Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt.<ref name="hna-2021-03-29">Isabel Wetzel, Jakob Maurer: Sabotage an ICE-Strecke nach Frankfurt: Mann löst mehr als 250 Schrauben an den Schienen. In: hna.de. 29. März 2021, abgerufen am 30. März 2021.</ref> Die Staatsanwaltschaft hatte für den vielfach vorbestraften Mann 13 Jahre Haft gefordert, die Verteidigung einen Freispruch. Der Mann hatte behauptet, eine islamistische Terrorzelle bereite Anschläge auf den Bahnverkehr vor, die nur er verhindern könne.<ref name="fs-2021-03-23">Schienenschrauben gelöst. In: Frankfurter Rundschau. 23. März 2021, S. F16.</ref> Der Bundesgerichtshof verwarf mit Beschluss vom 24. November 2021 eine Revision gegen das Urteil.<ref>Verurteilung wegen versuchten Mordes nach Manipulationen an Schienen einer ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecke rechtskräftig. Presseinformation 232/2021. In: bundesgerichtshof.de. Bundesgerichtshof, 28. Dezember 2021, abgerufen am 28. Dezember 2021.</ref>

Weblinks

Commons: Theißtalbrücke – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references/>

Koordinaten: 50° 9′ 25″ N, 8° 18′ 22″ O

 {{#coordinates:50,156944444444|8,3061111111111|primary
   |dim=
   |globe=
   |name=
   |region=DE-HE
   |type=landmark
  }}