Seligsprechung spanischer Bürgerkriegsopfer (2007)
Die Seligsprechung von Opfern des Spanischen Bürgerkriegs am 28. Oktober 2007 ist eine politisch umstrittene Seligsprechung 498 spanischer Katholiken, die dem Spanischen Bürgerkrieg zum Opfer gefallen sind, durch Papst Benedikt XVI.
Vorgeschichte
Zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs führten beide Bürgerkriegsparteien in den von ihnen kontrollierten Gebieten Repressionskampagnen gegen Kriegsgefangene und Teile der Zivilbevölkerung durch, denen insgesamt mehrere Zehntausend, möglicherweise sogar gegen zweihunderttausend Personen zum Opfer fielen.
Während die Verfolgungen in der franquistischen Zone sich gegen Gewerkschafter und Anhänger der demokratisch gewählten Volksfront-Regierung richteten und nach Angaben der Historiker weit mehr Opfer forderten als die Verfolgungen im republikanischen Gebiet (Bernecker spricht von 140.000 gegenüber 50.000 Todesopfern),<ref>Walther L. Bernecker, Sören Brinkmann: Kampf der Erinnerungen. Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936–2006. Münster, 2. Aufl. 2006, S. 104.</ref> zielten Letztere gegen Anhänger von Rechtsparteien und namentlich auch gegen Geistliche, Ordensleute und katholische Laien. Diese Gewaltakte geschahen vor allem in den Anfangstagen des Krieges und erreichten einen Höhepunkt, nachdem alle spanischen Bischöfe bis auf zwei den Krieg zum „Kreuzzug“ gegen die republikanische Regierung erklärt hatten.
Auch im franquistisch kontrollierten Gebiet gerieten Geistliche ins Visier politischer Repressionskampagnen, etwa dann, wenn ihnen Beteiligung am Unabhängigkeitskampf der baskischen Separatisten vorgeworfen wurde. Nach Auskunft des Historikers und Benediktinermönchs Hilari Raguer (1928–2020) aus dem katalanischen Nationalkloster Montserrat beschäftigte die Angelegenheit auch den Vatikan. Dokumente im Vatikanischen Geheimarchiv belegten Berichte des von Papst Pius XI. zum Schutz des Klerus ins Baskenland entsandten Ildebrando Antoniutti, wonach „in Francos Spanien die Priester ebenso erschossen werden wie in der republikanischen Zone“.<ref>Reportaje: Beatificación de víctimas de la Guerra Civil. "¿Nosotros somos nadie o qué?" El Pais, 27. Oktober 2007.</ref>
Seit den 1980er-Jahren wurden 471 Märtyrer des Bürgerkriegs seliggesprochen, nämlich 4 Bischöfe, 43 Weltpriester, 379 Ordensleute und 45 Laien. Dabei handelte es sich jedoch ausschließlich um Opfer der republikanischen Repression. Während dies weithin als Fortsetzung der vehementen Parteinahme der Kirche für die Diktatur Francos gewertet wurde, argumentierte die Kirche zum Teil damit, dass für die Seligsprechung als „Märtyrer“ des Bürgerkriegs nur Personen in Frage kämen, die aufgrund ihrer Religion und nicht etwa anderer, z. B. politischer Aktivitäten, verfolgt worden seien.
Seligsprechung 2007
In der zahlenmäßig größten Seligsprechung der Geschichte wurden unter Leitung des Präfekts der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, des portugiesischen Kardinals José Saraiva Martins, nach zehnjähriger Vorbereitung am 28. Oktober 2007 in einer Zeremonie auf dem Petersplatz in Rom 498 weitere spanische Katholiken als Märtyrer seliggesprochen.<ref>Katholische Kirche stellt sich hinter Franquisten Telepolis, 28. Oktober 2007.</ref> 491 der Seliggesprochenen waren Kleriker oder Ordensleute (467 Ordensleute, darunter auch zahlreiche Ordensschwestern, und 24 Weltgeistliche), sieben waren keinem Orden angehörende Laien (davon zwei Frauen). Zwei der Geistlichen waren im Oktober 1934 ermordet worden, und zwar als Rache für die brutale Niederschlagung des sozialistischen Aufstands in Asturien durch die von General Eduardo López Ochoa kommandierten Truppen. Die übrigen wurden während des Spanischen Bürgerkriegs (1936–1939) im Rahmen antiklerikaler Repressionskampagnen ermordet; die meisten davon in den ersten Wochen.
Kritik
Kritiker bezeichnen die Auswahl der berücksichtigten Bürgerkriegsopfer als willkürlich. Katholische Geistliche, die von den Milizen Francisco Francos wegen ihres Widerstands gegen die Anweisungen der Amtskirche, die das Vorgehen der Faschisten als „Kreuzzug“ legitimierte, ermordet wurden, seien nicht seliggesprochen worden. Dabei falle auch der enge thematische und zeitliche Zusammenhang mit dem Erlass des spanischen Erinnerungsgesetzes Ley de Memoria durch die Regierung Zapatero auf, das erweiterte Reparationsleistungen an die Opfer vorsieht und zum ersten Mal die Francodiktatur offiziell als Unrechtsstaat verurteilt:<ref name="jungewelt">[1]</ref> Die oppositionelle Volkspartei (Partido Popular) und kleinere, rechtsextreme Parteien wie Falange Española, zu denen die katholische Kirche Spaniens teilweise auch heute noch ein Nahverhältnis pflegt,<ref>El arzobispo de Pamplona cree «dignos de apoyo» partidos como Falange Hoy, 9. Mai 2007.</ref> hatten massiv gegen das Gesetz Stellung bezogen. Der Partido Popular entsandte auch Vertreter zur Seligsprechung. Die These einer Verbindung zwischen Erinnerungsgesetz und Seligsprechung wurde zum Teil auch von liberalen Kirchenvertretern wie etwa dem Erzbischof von Barcelona, Lluís Martínez Sistach, gestützt.<ref name="jungewelt" />
Zur Verteidigung der Zeremonie argumentierte etwa der Bischof von Salamanca, Carlos López Hernández, die zur Debatte stehenden Märtyrer seien über den Auseinandersetzungen des Bürgerkriegs gestanden und allein deswegen ermordet worden, weil sie katholisch waren. Durch ihr Martyrium seien sie Vorbilder der Treue und eine „Einladung zu Versöhnung, Frieden und Vergebung ohne Grenzen“ geworden.<ref>Grösste Seligsprechung aller Zeiten kath.net, 27. Oktober 2007.</ref> Kardinal José Saraiva Martins erklärte seinerseits: „Die so genannten Republikaner hatten im katholischen Spanien den Wunsch ausgebildet, mit der Kirche ein für alle Mal Schluss zu machen. Das lässt uns begreifen, warum Tausende und Abertausende von Menschen getötet wurden, nur weil sie Christen waren: Priester, Laien, Bischöfe … Der Hass auf den Glauben, der ‚odium fidei‘ dieser Herren, der Republikaner, war das Ziel und der Beweggrund, der sie antrieb und der sie dazu drängte, alles zu tun, damit der Kirche ein für alle Mal der Mund zugehalten wird. […] Lieber das Leben zu geben, als ihren Glauben zu verleugnen – das drängt uns, genauso viel Mut zu zeigen.“<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Spanien: Kardinal verteidigt Seligsprechung von Bürgerkriegs-Opfern ( vom 11. Dezember 2016 im Internet Archive) Radio Vatikan, Meldungen vom 28. Oktober 2007.</ref>
Der Historiker Julián Casanova<ref>Casanova Ruiz, Julián, La Iglesia de Franco. Ed. Crítica, 2005. ISBN 84-8432-675-6</ref> meinte hingegen, die katholische Kirche sei „die einzige Institution, die inmitten des 21. Jahrhunderts die Erinnerung der Sieger des Bürgerkrieges lebendig halte und auf diese Weise damit fortfahre, die Angehörigen von Zehntausenden durch die Franquisten Ermordeten zu demütigen“.<ref>El Pais, 16. Juni 2005: „… la única institución que, ya en pleno siglo XXI, mantiene viva la memoria de los vencedores de la Guerra Civil y sigue humillando con ello a los familiares de las decenas de miles de asesinados por los franquistas.“</ref>
Nachgang
Bezogen auf die Anzahl der gleichzeitig seliggesprochenen Opfer war die Feier vom 28. Oktober 2007 in Rom die bis dahin größte Seligsprechung in der Geschichte der römisch-katholischen Kirche.<ref>Benedicto XVI. Santos y beatos españoles en su pontificado. Spanische Bischofskonferenz, abgerufen am 9. März 2026 (spanisch).</ref> Sie wurde noch übertroffen, als am 13. Oktober 2013 in Tarragona zu Beginn des Pontifikats von Papst Franziskus weitere 522 spanische Katholiken gemeinsam als Märtyrer seliggesprochen wurden,<ref>Beatificaciones Roma 2007. Dominikaner in Spanien, abgerufen am 9. März 2026 (spanisch).</ref> darunter wiederum hauptsächlich Ordensleute sowie 82 Weltpriester und 7 Laien, die ebenfalls alle kurz vor oder während des Spanischen Bürgerkrieges, letzterenfalls in der republikanischen Zone, aus politischen Gründen ermordet worden waren. Auch diese von den Kardinälen Angelo Amato und Antonio María Rouco Varela geleitete Seligsprechungsfeier, an der auch einzelne spanische und katalanische Politiker teilgenommen hatten, rief in Spanien ähnliche Kritik hervor wie die Seligsprechung in Rom sechs Jahre zuvor, weil erneut keine Opfer des Franquismus berücksichtigt worden waren.<ref>La beatificación de 522 religiosos en Tarragona se consuma sin mención a las víctimas republicanas. In: ElDiario.es, 13. Oktober 2013, abgerufen am 9. März 2026 (spanisch).</ref> Sie wurde als innerspanisches Ereignis aber weltweit nicht so stark beachtet wie die Vorgängerveranstaltung.
Einzelnachweise
<references />
Siehe auch
- Märtyrer von Daimiel, seliggesprochen 1989