Richteranklage
Vorlage:Hinweisbaustein Das Institut Richteranklage in Deutschland soll die Verfassungstreue der Richter sowohl im als auch außerhalb des Dienstes und damit deren „demokratische Zuverlässigkeit“ gewährleisten.<ref name=":0">Christian Hillgruber: Art. 98 Rn. 33 f. In: Theodor Mauz / Günter Dürig (Begr.): Grundgesetz-Kommentar. 93. Auflage, Verlag C.H.Beck München 2020, ISBN 978-3-406-45862-0</ref> Sie ergänzt das Prinzip der Gewaltenteilung im Sinne einer gegenseitigen Kontrolle und ist Ausdruck der streitbaren Demokratie des Grundgesetzes.<ref>Artikel 98, in: Bruno Schmidt-Bleibtreu, Franz Klein, Kommentar zum Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Luchterhand, Darmstadt 1983, S. 1030</ref>
Normierung
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(5) Die Länder können für Landesrichter eine Absatz 2 entsprechende Regelung treffen. Geltendes Landesverfassungsrecht bleibt unberührt. Die Entscheidung über eine Richteranklage steht dem Bundesverfassungsgericht zu.{{#if:|{{{ref}}}}}
Grundsätzliches
Nach den Erfahrungen aus der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus war der Parlamentarische Rat bestrebt, die Rechtsprechung mit den Prinzipien des Grundgesetzes in Einklang zu bringen, sie als dritte Gewalt in das System der checks and balances zu integrieren und ihr dadurch eine stärkere demokratische Legitimation zu verleihen.<ref>Bundeszentrale für politische Bildung, Gerichte, Legitimation und Kontrolle</ref> Die Norm wird daher als Bestandteil der grundgesetzlichen Konzeption der streitbaren und wehrhaften Demokratie von einer verfassungspolitischen Grundsatzentscheidung getragen. Die Bestimmung setzt voraus, dass Richter jederzeit, auch außerhalb des Dienstes, einer Treuepflicht gegenüber den Grundsätzen des Grundgesetzes unterliegen.<ref name=":0" />
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Die Richteranklage ist gewissermaßen ein Gegenstück zur richterlichen Unabhängigkeit (Art. 97 GG), deren Missbrauch sie verhindern soll. Die richterliche Unabhängigkeit wird durch sie nicht eingeschränkt, da die Bindung an das Recht immanente Grenze der garantierten Unabhängigkeit ist. Zugleich sind die Hürden des Verfahrens bewusst hoch angesetzt, sodass es wirklich nur bei Ablehnung und Bekämpfung des Kerngehalts des Grundgesetzes anwendbar ist.<ref name=":0" />
Voraussetzungen
Voraussetzung einer Richteranklage ist ein Verstoß gegen „die Grundsätze der Verfassung oder gegen die verfassungsmäßige Ordnung eines Landes“. Carlo Schmid, der Vorsitzende des Hauptausschusses des Parlamentarischen Rats, sagte: „Es genügt nicht, daß ein Richter formaldemokratisch urteilt, sondern sein Urteil muß von den Wertmaßstäben, die den Kern der Demokratie ausmachen, getragen sein.“<ref>BVerfGE 5, 85 (141)</ref> Unter diesem Kern der Demokratie, den Grundsätzen des Grundgesetzes, wird allgemein dasselbe verstanden, was das Grundgesetz an anderer Stelle als freiheitliche demokratische Grundordnung bezeichnet.<ref name=":1">Christian Hillgruber: Art. 98 Rn. 35 f. In: Theodor Mauz / Günter Dürig (Begr.): Grundgesetz-Kommentar. 93. Auflage, Verlag C.H.Beck München 2020, ISBN 978-3-406-45862-0</ref>
Im Gegensatz zum Parteiverbot wird nicht verlangt, dass der Richter in aggressiv-kämpferischer Weise gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung verstoßen hat.<ref name=":1" />
Anwendungsbereich
Die Richteranklage findet kraft der Bestimmungen des Grundgesetzes nur auf Bundesrichter Anwendung. Für Landesrichter können die Länder in ihren Verfassungen ein entsprechendes Verfahren vorsehen.<ref>Christian Hillgruber: Art. 98 Rn. 40. In: Theodor Mauz / Günter Dürig (Begr.): Grundgesetz-Kommentar. 93. Auflage, Verlag C.H.Beck München 2020, ISBN 978-3-406-45862-0</ref> Von dieser Möglichkeit hatten mit Stand 2020 alle Länder außer Bayern, Berlin und dem Saarland Gebrauch gemacht.<ref>Christian Hillgruber: Art. 98 Rn. 46. In: Theodor Mauz / Günter Dürig (Begr.): Grundgesetz-Kommentar. 93. Auflage, Verlag C.H.Beck München 2020, ISBN 978-3-406-45862-0</ref> 2024 führte das Land Berlin diese für ihre Landesrichter ein.<ref>{{#if:|{{#iferror: {{#iferror:{{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}|}}| |}}}}{{#if:|{{{autor}}}: }}{{#if:|{{#if:Gesetz- und Verordnungsblatt für Berlin, 80. Jahrgang Nr. 16|[{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|archivURL|1={{#invoke:URLutil|getNormalized|1={{{archiv-url}}}}}}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel=Gesetz- und Verordnungsblatt für Berlin, 80. Jahrgang Nr. 16}}]{{#if:PDF; 3,98 MB| (PDF; 3,98 MB)}}{{#if:| {{{titelerg}}}{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|Endpunkt|titel={{{titelerg}}}}}}}}}|{{#if:https://www.berlin.de/sen/justiz/service/gesetze-und-verordnungen/2024/ausgabe-nr-16-vom-1152024-s-125-132.pdf?ts=1715334130%7C{{#if:{{#invoke:TemplUtl%7Cfaculty%7C}}%7C{{#invoke:Vorlage:Internetquelle%7CTitelFormat%7Ctitel={{#invoke:WLink%7CgetEscapedTitle%7C1=Gesetz- und Verordnungsblatt für Berlin, 80. Jahrgang Nr. 16}}}}|[{{#invoke:URLutil|getNormalized|1=https://www.berlin.de/sen/justiz/service/gesetze-und-verordnungen/2024/ausgabe-nr-16-vom-1152024-s-125-132.pdf?ts=1715334130}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel={{#invoke:WLink|getEscapedTitle|1=Gesetz- und Verordnungsblatt für Berlin, 80. Jahrgang Nr. 16}}}}]}}{{#if:PDF; 3,98 MB| (PDF; 3,98 MB{{#if:Berlin.deSenatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz2024-05-11{{#if: 2024-05-12 | {{#if:{{#invoke:TemplUtl|faculty|}}||1}}}}
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Auf ehrenamtliche Richter und Mitglieder des Bundesverfassungsgerichts findet die Richteranklage keine Anwendung. Für das Bundesverfassungsgericht besteht nach {{#switch: juris
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Anklage und Verfahren
Das Verfahren kann bei Bundesrichtern vom Bundestag mit einfacher Mehrheit eingeleitet werden. Die Länder dürfen in ihren Verfassungen nur „entsprechende Regelungen“ (Art. 98 Abs. 5 Satz 1 GG) aufnehmen, sodass grundsätzlich nur eine Entscheidung durch das jeweilige Landesparlament möglich ist. Die Länder können die Hürden jedoch höher setzen und beispielsweise eine Entscheidung mit qualifizierter Mehrheit verlangen. So braucht beispielsweise der Landtag von Nordrhein-Westfalen eine qualifizierte Mehrheit zur Anklageerhebung. Etwas anderes gilt nur für Landesverfassungsrecht, das älter als das Grundgesetz ist und das gemäß Art. 98 Abs. 5 Satz 2 GG weitergilt. So kann in Rheinland-Pfalz der Ministerpräsident den Generalstaatsanwalt anweisen, Anklage zu erheben. In Bremen kann auch der Senat oder der Justizsenator im Einvernehmen mit dem Richterwahlausschuss den Antrag stellen, in Hessen der Justizminister im Einvernehmen mit dem Richterwahlausschuss.<ref name=":2">Christian Hillgruber: Art. 98 Rn. 45. In: Theodor Mauz / Günter Dürig (Begr.): Grundgesetz-Kommentar. 93. Auflage, Verlag C.H.Beck München 2020, ISBN 978-3-406-45862-0</ref>
Die Entscheidung über die Anklage liegt in allen Fällen beim Bundesverfassungsgericht. Hier gilt auch älteres Landesverfassungsrecht nicht weiter.<ref name=":2" /><ref>Richteranklage, in: Creifelds, Rechtswörterbuch, Beck, München 1987, S. 950</ref>
Das Verfahren ist der Präsidentenanklage nachempfunden. Für eine Verurteilung ist – wie auch dort – eine Zweidrittelmehrheit erforderlich. Die Richteranklage ist das einzige Verfahren, bei dem dieses Mehrheitserfordernis unter den Verfassungsrichtern im Grundgesetz selbst festgeschrieben ist. Für die Präsidentenanklage geschieht dies einfachrechtlich.
Rechtsfolgen
Der angeklagte Richter kann (theoretisch) auch bei Fahrlässigkeit durch das Urteil in ein anderes Amt oder in den Ruhestand versetzt werden. Im Parlamentarischen Rat wurde lange und heftig diskutiert, ob der Verfassungsverstoß nur bei Vorsatz im Wege der Richteranklage geahndet werden sollte. Dies hat im Kompromiss gemündet, dass nur bei Vorsatz die Entlassung in Betracht kommt.<ref>Christian Hillgruber: Art. 98 Rn. 39. In: Theodor Mauz / Günter Dürig (Begr.): Grundgesetz-Kommentar. 93. Auflage, Verlag C.H.Beck München 2020, ISBN 978-3-406-45862-0</ref>
Bedeutung
Das Institut der Richteranklage hat keine praktische Bedeutung und wurde noch nie angewandt.<ref name=":3">Christian Hillgruber: Art. 98 Rn. 47. In: Theodor Mauz / Günter Dürig (Begr.): Grundgesetz-Kommentar. 93. Auflage, Verlag C.H.Beck München 2020, ISBN 978-3-406-45862-0</ref> Es hat jedoch symbolische<ref name=":3" /> und systematische Bedeutung.
Die Norm darf nicht dahingehend missverstanden werden, dass Richter nur im Wege der Richteranklage aus dem Amt entfernt werden können. Richter, die durch rechtskräftiges Urteil wegen einer vorsätzlichen Straftat zu einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr, wegen Volksverhetzung zu einer Freiheitsstrafe von mindestens sechs Monaten oder wegen einer vorsätzlichen Tat, die nach den Vorschriften über Friedensverrat, Hochverrat, Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates oder Landesverrat und Gefährdung der äußeren Sicherheit strafbar ist, zu Freiheitsstrafe (ohne Mindestdauer) verurteilt wurden oder denen das Recht zur Bekleidung öffentlicher Ämter entzogen wird, verlieren automatisch ihr Richteramt (vgl. {{#switch: juris
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Weblinks
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Einzelnachweise
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