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Quecksilber(II)-chlorid

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Datei:Lühuagong(II).JPG
Quecksilber(II)-chlorid in Pulverform

Quecksilber(II)-chlorid (HgCl2) oder Sublimat (auch Hydragyrum bichloratum, und früher auch Mercurius sublimatus<ref>Friedrich Dobler: Die chemische Fundierung der Heilkunde durch Theophrastus Paracelsus: Experimentelle Überprüfung seiner Antimonpräparate. In: Veröffentlichungen der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Neue Folge. Band 10, 1957, S. 76–86, hier: S. 81.</ref><ref>Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 147.</ref> „sublimiertes Quecksilber“<ref>Vgl. dazu Udo Benzenhöfer: Johannes’ de Rupescissa „Liber de consideratione quintae essentiae omnium rerum“ deutsch. Studien zur Alchemia medica des 15. bis 17. Jahrhunderts mit kritischer Edition des Textes (= Heidelberger Studien zur Naturkunde der frühen Neuzeit. Band 1). Steiner, Wiesbaden/Stuttgart 1989, ISBN 3-515-05388-3 (Zugleich Philosophische Dissertation, Universität Heidelberg, 1988), S. 189.</ref>) ist eine chemische Verbindung des Quecksilbers aus der Gruppe der Chloride.

Eigenschaften

Quecksilber(II)-chlorid ist eine farblose, kristalline, in Wasser mäßig lösliche, sehr giftige molekulare Verbindung, die bei 281 °C schmilzt. Da sie beim Erhitzen leicht sublimiert, bezeichnet man sie als Sublimat: Der Siedepunkt bei 302 °C ist kaum zu beobachten.<ref>Vorlage:Holleman-Wiberg</ref> Im kristallinen Zustand, in der Dampfphase und in Lösung liegt Quecksilber(II)-chlorid in Form von kovalent gebundenen, linearen Cl–Hg–Cl-Molekülen vor. In wässriger Lösung dissoziieren die Moleküle nur geringfügig in Ionen, daher leitet eine Lösung den elektrischen Strom kaum. Quecksilber(II)-chlorid ist im Vergleich zu anderen Halogeniden wie Quecksilber(II)-iodid, die in Wasser nur in Spuren löslich sind, recht gut löslich.

Aquaporine – Kanalproteine, durch die Wasser eine Biomembran passieren kann – werden durch Quecksilber(II)-chlorid bzw. Quecksilber(II)-ionen spezifisch gehemmt.<ref>Ulrich Welsch, Thomas Delle: Lehrbuch Histologie. 3. Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2010, ISBN 978-3-437-44431-9, Seite 19.</ref>

Darstellung

Quecksilber(II)-chlorid entsteht beim Erhitzen von Quecksilber(II)-sulfat mit Natriumchlorid und sublimiert dabei als leichtestflüchtige Komponente ab.

<math>\mathrm{ HgSO_4 + 2 \ NaCl \longrightarrow HgCl_2 + Na_2SO_4 } </math>

Bei der Reaktion von Quecksilber(I)-chlorid mit Chlor oder von Quecksilber(II)-oxid mit Salzsäure oder auch direkt aus den Elementen Quecksilber und Chlor in beheizten Retorten entsteht Quecksilber(II)-chlorid.

Auch die Reaktion von Salzsäure mit Quecksilber(I)-Verbindungen (z. B. Quecksilber(I)-nitrat) ist möglich

<math>\mathrm{ Hg_2(NO_3)_2 + 4 \ HCl \longrightarrow 2 \ HgCl_2 + 2 \ H_2O + 2 \ NO_2} </math>

Verwendung

Quecksilber(II)-chlorid wirkt pilztötend, darum wurde es früher zum Beizen von Saatgut und zur Imprägnierung von Holz verwendet (Kyanisierung). Da es außerdem, wie William Alexander in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entdeckt<ref>Friedrich Wilhelm Gierhake: Asepsis. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 33–42, hier: S. 38.</ref> hatte, antiseptisch wirkt, wurde es als Desinfektionsmittel bei Wunden und als Alternative zur Karbolsäure bei Operationen<ref>Otto Schmidt: Beitrag zur Frage der Verwendung des Sublimat bei Laparotomien. In: Centralblatt für Gynäkologie. Band 10, Nr. 15, 10. April 1886, S. 227–229; Robert Ziegenspeck: Sublimat. Ebenda. Nr. 34, 21. August 1886, S. 546–561.</ref> sowie (auch kombiniert mit Alkohol) zur hygienischen Desinfektion von Händen und Unterarmen vor chirurgischen Eingriffen<ref>Hans Killian: Hinter uns steht nur der Herrgott. Sub umbra dei. Ein Chirurg erinnert sich. Kindler, München 1957; hier: Lizenzausgabe als Herder-Taschenbuch (= Herderbücherei. Band 279). Herder, Freiburg/Basel/Wien 1975, ISBN 3-451-01779-2, S. 42.</ref> verwendet. Der Chirurg führte Sublimat, etwa in Form der Sublimatgaze als Bestandteil der Verbandpäckchen deutscher Soldaten, als Wundantiseptikum ein.<ref>Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 38.</ref> In starker Verdünnung wurde es sogar als Arzneistoff eingesetzt<ref name="Hager">H. Hager, F.v. Bruchhausen, P. Surmann, E. Nürnberg: Hagers Handbuch Der Pharmazeutischen Praxis. Springer Verlag, 1999, ISBN 3-540-52641-2, S. 472.</ref> und fand wie Kalomel Einsatz als unter die Haut verabreichtes Medikament<ref>Emil Stern: Ueber das Quecksilberchlorid-Chlornatrium und seine subcutane Anwendung. In: Berliner klinische Wochenschrift. Band 15, 1878, S. 59–64.</ref> bei Syphilis.

Dem französischen Anatomen François Chaussier (1746–1828) gelang der Nachweis, dass Quecksilber(II)-chlorid einen Leichnam vor Fäulnis schützt und seine Austrocknung begünstigt. Damit erzielte er einen wesentlichen Fortschritt im Bereich der Leichenkonservierung.<ref name="Hawlik1989">Magdalena Hawlik-van de Water: Der schöne Tod. Zeremonialstrukturen des Wiener Hofes bei Tod und Begräbnis zwischen 1640 und 1740. Freiburg/Wien 1989, S. 203–211 (über "Die Methoden des Einbalsamierens vom Altertum bis zur Neuzeit").</ref> Aufgrund seiner fixierenden Wirkung wurde es bis um 1900 als Konservierungsmittel für anatomische Präparate benutzt. Wegen seiner bereits länger bekannten Giftigkeit<ref>Vgl. etwa Carl Fleischmann: Tödliche Sublimatvergiftung nach einer zweimaligen Scheidenausspülung. In: Centralblatt für Gynäkologie. Band 10, Nr. 47, 20. November 1886, S. 761–765.</ref> werden heute jedoch andere Stoffe benutzt.

Des Weiteren spricht Edgar Allan Poes Detektiv C. Auguste Dupin in The Mystery of Marie Roget die konservierende Wirkung der chemischen Verbindung an.<ref>Vorlage:Literatur</ref>

Auch in der Leichenkonservierung ging man von der alleinigen Verwendung von Quecksilber(II)-chlorid und anderen Metallverbindungen wieder ab, als bemerkt wurde, dass Metall aus der Lösung ausfiel und entstellende Flecken an den solcherart behandelten Leichen hinterließ. Außerdem bewirkte Quecksilber(II)-chlorid eine graue Verfärbung der Haut.<ref name="Hawlik1989" />

Quecksilber(II)-chlorid ist Bestandteil von Ätzmitteln für die Stahl- und Kupferätzung, Katalysator in der Synthesechemie wie zum Beispiel bei der Herstellung von Vinylchlorid, und wurde vor Einführung der RoHS-Richtlinien als Depolarisator in Trockenbatterien, wie beispielsweise Zink-Kohle-Zellen, verwendet.<ref name="Hager" />

Literatur

  • Brockhaus ABC Chemie (VEB F. A. Brockhaus Verlag, Leipzig, 1971), S. 1159–1160.
  • Friedrich Moll: Große Männer der Holzimprägnierungstechnik. In: Angewandte Chemie 1930, 43, S. 830–834.

Einzelnachweise

<references />

Vorlage:Navigationsleiste Quecksilberhalogenide