Ohmefentanyl
Ohmefentanyl (β-Hydroxy-3-methylfentanyl) ist ein schmerzstillendes Opioid aus der Gruppe der Fentanyl-Derivate.
Eigenschaften
Ohmefentanyl wurde als Isomerengemisch in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre in China synthetisiert und 1981 erstmals in der wissenschaftlichen Literatur erwähnt. Ohmefentanyl besitzt vier Chiralitätszentren und kommt daher in acht Stereoisomeren vor, die sich beachtlich in ihrer Wirkung unterscheiden und in der Fachliteratur als F9201 bis F9208 bezeichnet werden. Die Wirkung der einzelnen Isomere wurde in den 1980er und insbesondere 1990er Jahren intensiv untersucht. Das potenteste Isomer ist das (+)-(3R,4S,2′S)-Ohmefentanyl (F9204), das als Analgetikum die 6200–13.000-fache Potenz von Morphin zeigt. Beim opioidabhängigen Affen erreicht F9204 sogar die 20.000- bis 50.000-fache Potenz von Morphin (komplette Unterdrückung des Entzugssyndroms).<ref>George A. Brine, Peter A. Stark, Young Liu, F. Ivy Carrol, P. Singh u. a. Enantiomers of Diastereomeric cis-N-[1-(2-Hydroxy-2-phenylethyl)-3-methyl-4-piperidyl]-N-phenylpropanamides: Synthesis, X-ray Analysis, and Biological Activities. In: Journal of Medicinal Chemistry. Vol. 38, #9, 1995, S. 1547–1557.</ref> Ohmefentanyl bindet selektiv an den µ-Opioidrezeptor.
Die einzelnen Isomere unterscheiden sich beachtlich in ihrer physischen Suchtpotenz, d. h. in ihrer Eigenschaft, unter analgetisch vergleichbar wirksamen Dosen körperliche Abhängigkeit zu induzieren. Zu beachten ist, dass das potenteste und wirksamste Isomer F9204 von allen Isomeren die geringste physische Suchtpotenz besitzt, die unter vergleichbaren Dosen auch deutlich niedriger ist als bei Morphin. Ein analgetisch inaktives Isomer (F9203) kann bei chronischer Gabe ebenfalls körperliche Abhängigkeit hervorrufen. Wegen dieser ungewöhnlichen Eigenschaften werden Ohmefentanyl-Isomere (ähnlich wie auch Dihydroetorphin) in der experimentellen Pharmakologie verwendet, um biochemische Mechanismen der Opioidabhängigkeit zu untersuchen.<ref>G. W. Guo, Y. He, W. Q. Jin, Y. Zou, Y. C. Zhu, Z. Q. Chi: Comparison of physical dependence of ohmefentanyl stereoisomers in mice. In: Life Sciences. 67 (2), 2000, S. 113–120.</ref>
Derivate
Das 4"-Fluoranalogon (d. h. das Fluoratom wurde am Phenethyl-Ring eingefügt) des (3R,4S,2S)-Isomers ist noch stärker, mit einer analgetischen Potenz, die 18.000-fach höher ist als jene von Morphin.<ref>Z. Yong, W. Hao, Y. Weifang, D. Qiyuan, C. Xinjian, J. Wenqiao, Z. Youcheng: Synthesis and analgesic activity of stereoisomers of cis-fluoro-ohmefentanyl. In: Die Pharmazie. 58 (5), 2003, S. 300–302.</ref> Mit einer Carboethoxy-Gruppe an der vierten Position des Piperidinrings wäre Ohmefentanyl sogar ein bis zu 30.000 mal stärkeres Schmerzmittel als Morphin.<ref>G. A. Brine, F. I. Carroll, T. M. Richardson-Leibert, H. Xu, R. B. Rothman: Ohmefentanyl and its stereoisomers: Chemistry and Pharmacology. In: Current Medicinal Chemistry. 4(4), 1997, S. 247–270.</ref>
Physische Suchtwirkung
Die biochemischen Mechanismen, die der Entwicklung von körperlicher Abhängigkeit bei chronischer Opioidgabe zugrunde liegen, sind vielschichtig und bis heute nur teilweise verstanden. Allerdings hat die Forschung in den letzten 25 Jahren bedeutende Erkenntnisse erbracht, mit denen man diverse Phänomene der Opioidabhängigkeit ansatzweise erklären kann. Ein signifikanter Mechanismus der Abhängigkeitsentwicklung bei chronischer Opioidgabe ist die Hochregulierung, bzw. Supersensitisierung der Adenylatcyclase. Die biochemischen Mechanismen, auf denen diese Hochregulierung und Supersensitisierung beruht, sind komplex und bisher nicht vollständig aufgeklärt. Abhängig von der genauen (Stereo)struktur des Opioids werden bis zu acht Typen der Adenylatcyclase unter akuter, bzw. chronischer Opioidgabe unterschiedlich reguliert. Einige Typen werden unter akuter Gabe über inhibitorische Opioidrezeptoren (Aktivierung von Gi/o-Proteinen) gehemmt und erfahren unter chronischer Opiodgabe eine Hochregulierung, bei anderen Typen verhält es sich umgekehrt.<ref name="Avidor-Reiss">Vorlage:Literatur</ref> Zusätzlich wird über exzitatorische Opioidrezeptoren (Aktivierung von Gs-Proteinen) die Adenylatcyclase stimuliert.<ref name="Smart">Vorlage:Literatur</ref><ref name="S.M. Crain">Vorlage:Literatur</ref> Durch chronische Opioidgabe wird die Balance zwischen Hemmung, Aktivierung und auch Aktivität der Adenylatcyclase aus dem Gleichgewicht gebracht. Bei Entzug des Opioids (oder einem Provokationstest mit dem Opioidantagonisten Naloxon) entfällt die Hemmwirkung und es resultiert ein Überschuss an cAMP. Bei den Ohmefentanyl-Isomeren variiert die Fähigkeit, durch chronische Applikation und anschließende Gabe von Naloxon einen cAMP-Überschuss (also eine Deregulierung der Adenylatcyclase) zu provozieren, sehr stark. So besitzt das analgetisch potenteste Isomer F9204 eine 2,7-fach höhere Rezeptorbindungsaffinität und eine 4,3-fach höhere analgetische Potenz als das Isomer F9202 (ED50 = 1,06 µg/kg : 4,6 µg/kg), F9202 hat aber eine 140 mal höhere physische Suchtpotenz als F9204 (kumulative ED50: 98,4 µg/kg : 0,7 µg/kg; Testmethode: Entzugsspringen bei Mäusen nach Gabe von Naloxon).<ref name="Guo">Vorlage:Literatur</ref>
Ohmefentanyl-Isomere: Analgetische ED50, analgetische Potenz (Morphin = 1), kumulative ED50 (zur Induktion körperlicher Abhängigkeit) und Abhängigkeitsindex im Vergleich zu Morphin<ref name="Guo" />
| Isomer-Code | Konfiguration | analgetische ED50 (µg/kg)(A) | Potenz | kumulative ED50 (µg/kg)(B) | Abhängigkeitsindex (B/A) |
|---|---|---|---|---|---|
| F9201 | (+)-cis-(3S,4R,2S) | 10.000 | 0,68 | >60.000 | >6 |
| F9202 | (−)-cis-(3R,4S,2R) | 4,6 | 1478 | 0,7 | 0,15 |
| F9203 | (−)-cis-(3S,4R,2R) | >10.000 | <0,68 | 9941 | <1 |
| F9204 | (+)-cis-(3R,4S,2S) | 1.06 | 6415 | 98,1 | 92,8 |
| F9205 | (+)-trans-(3S,4S,2S) | 14 | 486 | 30,3 | 2,1 |
| F9206 | (−)-trans-(3R,4R,2R) | 72 | 94 | 361 | 5,0 |
| F9207 | (+)-trans-(3S,4S,2R) | 75 | 91 | 383 | 5,1 |
| F9208 | (−)-trans-(3R,4R,2S) | 9,7 | 701 | 44,5 | 4,6 |
| Morphin | – | 6800 | 1 | 513.000 | 75,4 |
Ohmefentanyl-Isomere: µ-Rezeptorbindungsaffinität und EC50 Wert zur Induktion eines Naloxon-provozierten cAMP-Überschusses (50 % des Maximums)<ref name="Liu">Vorlage:Literatur</ref>
| Isomer-Code | Konfiguration | Bindung Ki (nM)(A) | cAMP-Überschuss, EC50 (nM)(B) | Abhängigkeitsindex (A/B) |
|---|---|---|---|---|
| F9202 | (−)-cis-(3R,4S,2R) | 4,47 ± 1,08 | 5,02 ± 2,36 | 0,89 |
| F9204 | (+)-cis-(3R,4S,2S) | 1,66 ± 0,28 | 359 ± 65 | 0,0046 |
| F9205 | (+)-trans-(3S,4S,2S) | 3,71 ± 1,25 | 16,5 ± 13,0 | 0,22 |
| F9206 | (−)-trans-(3R,4R,2R) | 16,7 ± 2,0 | 318 ± 60 | 0,053 |
| F9207 | (+)-trans-(3S,4S,2R) | 29,9 ± 4,1 | 520 ± 75 | 0,058 |
| F9208 | (−)-trans-(3R,4R,2S) | 4,00 ± 0,1 | 80,1 ± 0,2 | 0,050 |
Psychische Suchtwirkung
Alle Ohmefentanyl-Isomere haben bei Mäusen in Relation zur analgetischen Dosis eine geringere psychische Suchtpotenz als Morphin (Testmethode: konditionierte Platzpräferenz).<ref name="G.W. Guo">Vorlage:Literatur</ref> Daraus kann geschlussfolgert werden, dass die zum Missbrauch verleitenden psychischen Effekte (Entspannung, Gefühl der Zufriedenheit, Euphorie) geringer ausgeprägt sind als bei Morphin.
Ohmefentanyl-Isomere: ED50 (Analgesie), analgetische Potenz (Morphin = 1), ED50 (konditionierte Platzpräferenz) und Abhängigkeitsindex im Vergleich zu Morphin<ref name="G.W. Guo" />
| Isomer-Code | Konfiguration | analgetische ED50 (µg/kg)(A) | Potenz | Platzpräferenz ED50 (µg(kg)(B) | Abhängigkeitsindex (A/B) |
|---|---|---|---|---|---|
| F9202 | (−)-cis-(3R,4S,2R) | 4,6 | 1478 | 7 | 0,66 |
| F9204 | (+)-cis-(3R,4S,2S) | 1,06 | 6415 | 2 | 0,53 |
| F9205 | (+)-trans-(3S,4S,2S) | 14 | 486 | 32 | 0,44 |
| F9206 | (−)-trans-(3R,4R,2R) | 72 | 94 | 192 | 0,38 |
| F9207 | (+)-trans-(3S,4S,2R) | 75 | 91 | 157 | 0,48 |
| F9208 | (−)-trans-(3R,4R,2S) | 9,7 | 701 | 30 | 0,32 |
| Morphin | – | 6800 | 1 | 5300 | 1,28 |
Einzelnachweise
<references />