Neues Haus (Gebäude in Hannover)
Ansichtskarte Nummer „527“ von Karl F. Wunder
Das Neue Haus war ein 1894 durch den Architekten Paul Rowald errichtetes, elegantes Konzertcafé im Bereich der vorderen Eilenriede in Hannover.<ref name="SLH">Röhrbein, Hoerner; Stadtlexikon Hannover</ref> Es wurde 1970 zugunsten des Neubaus der Musikhochschule abgebrochen. Die Eingangsarkaden mit dem Pavillon des ehemaligen Cafés wurden anschließend wieder am Emmichplatz aufgestellt<ref>Hugo Thielen: Emmichplatz 1</ref> und sind heute denkmalgeschützt.<ref name="Denkmaltopographie">Wolfgang Neß: Erweiterung des Stadtteils [Zoo] bis zur Jahrhundertwende. In: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Stadt Hannover, Teil 1, Bd. 10.1, hrsg. von Hans-Herbert Möller, Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig/Wiesbaden 1983, ISBN 3-528-06203-7; S. 147; sowie Anlage zu Bd. 10.2: Emmichplatz; in: Zoo In: Hans-Herbert Möller (Hrsg.): Baudenkmale in Niedersachsen. Band 10. Wolfgang Neß u. a.: Stadt Hannover. Teil 2, ISBN 3-528-06208-8, S. 10</ref> Im Jahr 2019 wurde der Emmichplatz zu „Neues Haus“ umbenannt.
Geschichte
Pestlazarett außerhalb der Stadt
Der Pest fielen im 16. Jahrhundert mehrmals viele Menschen in Hannover zum Opfer. Im Dreißigjährigen Krieg grassierte der „Schwarze Tod“ abermals in der Stadt, nachdem beispielsweise 1624 viele Menschen in Hannover Zuflucht vor Truppen des Feldherrn Tilly suchten. 1712/13 erbaute man aufgrund dieser Erfahrungen und zur Vermeidung eines Übergreifens der in Bremen und Verden grassierenden Seuche<ref>Klaus Mlynek: Pest. In: Stadtlexikon Hannover, S. 499</ref> ein „Siechenlazarett“ außerhalb vor der Stadtbefestigung Hannovers am Rand der Eilenriede. Da die Seuche die Stadt jedoch nicht wieder erreichte, wurde das Gebäude Sitz eines Holzwärters, der dort bald darauf ein beliebtes Ausflugslokal betrieb.<ref>Carl-Hans Hauptmeyer: 1712. In: Hannover Chronik, S. 77</ref>
Erste Restaurationen und Hafen
1714 wurde das Gebäude als Wirtshaus Zum goldenen Löwen verpachtet, Redeckers Stadtchronik von 1741 nannte es „Weinschenke … im Neuenhause“.<ref name="SLH"/>
Kurz darauf wurde dort 1747 auch ein Hafen nebst Reparaturwerkstatt für die Torfstecher gebaut, die über den Schiffgraben den im Altwarmbüchener Moor abgebauten Torf nach Hannover verschifften,<ref>Waldemar R. Röhrbein: Schiffgraben. In: Stadtlexikon Hannover, S. 541</ref> wo der Torf als „das [damals] wichtigste Heizmaterial“ im Beginenturm eingelagert wurde.<ref>Carl-Hans Hauptmeyer: 1740, in: Hannover Chronik, S. 87</ref>
Im ersten Adressbuch der Stadt Hannover empfahl sich die Schenke 1798 als „auch für Liebhaber im Schießen gut geeignet“, sowie „als eine schöne Promenade mit Lauben- und Spaziergängen, allwo Wein und Caffee geschenket wird.“<ref name="SLH"/>
Das „an der Elenriede, links außer dem Aegidientore“ gelegene Lokal wurde 1818 als Ort der Vergnügung für die schöne und elegante Welt gerühmt. Das „Caffeehaus und Restauration zum Neuen Hause“ wartete bald auch mit Billard auf, ab 1837 mit Sommertheater, anstelle dessen später Vergnügungs- und Militärkonzerte traten.<ref name="SLH"/>
Noch im Königreich Hannover wurden 1865 am Neuen Haus die ersten Tiere für den Zoo Hannover in provisorischen Käfigen gehalten.<ref name="SLH"/>
Im Jahr der Ausrufung des Deutschen Kaiserreichs begann die Bauphase der Gründerzeit: 1871 wurde der (heutige) Platz vor dem Neuen Haus angelegt, am Berührungspunkt der Stadtteile Oststadt und Zoo, und nach dem 1712 erbauten Fachwerkhaus Am Neuen Hause benannt.<ref name="Straßennamen">Helmut Zimmermann: Die Straßennamen der Landeshauptstadt Hannover, Verlag Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1992, ISBN 3-7752-6120-6</ref> Der Hurra-Patriotismus führte an diesem Platz zur Einweihung des „hannoverschen Kriegerdenkmals schlechthin“:<ref name="Mlynek">Klaus Mlynek: Deutsch-Französischer Krieg 1870/71. In: Stadtlexikon Hannover, S. 131f.</ref> Am 10. Mai 1874, dem Jahrestag des Friedens von Frankfurt,<ref name="Kabinettfotografie">vergleiche Text auf dem Revers dieser: Kabinettfotografie</ref> wurde an der Stelle der heutigen Arkaden das preußisch geprägte „Provinzial-Kriegerdenkmal“<ref name="Mlynek"/> eingeweiht, das rings um den Sockel die im Krieg gefallenen „Helden“ namentlich aufführte.<ref name="Kabinettfotografie"/> Das Denkmal war am Ende der Königstraße aufgerichtet,<ref>Ansichtskarte Nummer „529“ von Karl F. Wunder</ref> exakt in der geradlinigen Verlängerung der Theaterstraße und der zuvor schon vom Königlichen Hoftheater ausgehenden und Laves konzipierten klassizistischen Sichtachse.<ref>farbig aquarellierte Federzeichnung von Laves zur Stadterweiterung an der Georgstraße mit dem neuen Hoftheater am ehemaligen Windmühlenplatz, um 1842, Niedersächsisches Landesarchiv - Hauptstaatsarchiv Hannover, „LN 8“, Abb. 29.1 in: Harold Hammer-Schenk: Das Hoftheater von G.L.F. Laves in Hannover. In: Laves und Hannover. Niedersächsische Architektur im 19. Jahrhundert, rev. Neuaufl. d. Katalogs zur Ausstellung „Vom Schloß zum Bahnhof, Bauen in Hannover ...“, hrsg. von Harold Hammer Schenk und Günther Kokkelink, Verlag Th. Schäfer und Institut für Bau- und Kunstgeschichte der Universität Hannover, Hannover 1989, ISBN 3-88746-236-X, S. 215</ref>
Doch den stetig wachsenden Ansprüchen des Bürgertums war das alte Fachwerkhaus bald nicht mehr gewachsen, und so wurde es zugunsten eines neuen „Neuen Hauses“ 1892 abgerissen.<ref name="SLH"/>
Neubau von 1894
Nach den Plänen des Architekten Paul Rowald entstand ein repräsentativer Neubau als elegantes Konzertcafé. Die dazugehörigen Terrassen, einen großen Konzertgarten sowie die umgebenden Garten- und Parkanlagen<ref name="SLH"/> schuf der Stadtgarteninspektor und spätere Gartendirektor Julius Trip, der später unter anderem auch den Maschpark schuf und zur Jahrhundertwende 1900 die „Vordere Eilenriede“, beginnend am Neuen Haus, zum Waldpark umgestaltete.<ref>Hugo Thielen: Trip, Julius. In: Stadtlexikon Hannover, S. 627f.</ref>
Das Neue Haus, „Hannovers schönste Waldwirtschaft“, lag stadtnah, war mit der ehemaligen Straßenbahn gut zu erreichen und vor allem aufgrund seiner guten Konzertdarbietungen für Jahrzehnte eines der beliebtesten Ausflugsziele der Stadt.<ref name="SLH"/>
Nach dem Ersten Weltkrieg und besonders seit dem Ende der 1920er Jahre verlor das Neue Haus – wie andere Ausflugsziele auch – nach und nach sein Publikum, nach Darstellung der Presse „aufgrund der langsam einsetzenden Motorisierung“.<ref name="SLH"/> Im Jahr der Machtergreifung gaben die Nationalsozialisten 1933 eine verschärfte Marschrichtung vor: Der Platz Am Neuen Hause wurde umbenannt nach dem „Kommandierenden General des X. Armeekorps“, Otto von Emmich.<ref name="Straßennamen"/> Im Dritten Reich wurde das Neue Haus 1936 geschlossen, ein Jahr darauf als „Haus der Frau“ der NS-Frauenschaft übergeben.<ref name="SLH"/>
Im Zweiten Weltkrieg begann die Demontage des Kriegerdenkmals: 1941 mussten die Bronzefiguren des Kriegerdenkmals abgeliefert werden zwecks Einschmelzung durch die Rüstungsindustrie, der Sockel wurde jedoch erst nach 1945 beseitigt.<ref name="Mlynek"/> Während der Luftangriffe auf Hannover hatte das Neue Haus zwar Bombenschäden erlitten, wurde aber bald provisorisch wiederhergestellt. Für einige Jahre diente das Gebäude, ab 1948 von der Stadt Hannover geführt, noch einmal als Restaurant, in dessen Kaffeegarten mehr als 1.100 Besucher Platz finden konnten. Später nutzte die Landesbühne Hannover das Gebäude, bis es 1970 für den Neubau der Hochschule für Musik und Theater abgebrochen wurde.<ref name="SLH"/> Die erhaltenen und am Emmichplatz wiedererrichteten Arkaden bilden mit dem ebenfalls denkmalgeschützten Reese-Brunnen einen „besonderen Kontrast zur strengen Fassade der Hochschule“.<ref name="Denkmaltopographie"/>
Literatur
- Hugo Thielen: Emmichplatz 1. In: Hannover Kunst- und Kultur-Lexikon, S. 104
- Ludwig Hoerner: Marktwesen und Gastgewerbe im alten Hannover, hrsg. von der Landeshauptstadt Hannover, Hahn, Hannover 1999, ISBN 3-7752-5907-4, S. 132ff.
- Horst Kruse: Die Entwicklung der Vorstadt Hannover seit 1315 am Beispiel der Ufergrundstücke des Schiffgrabens vom Moor bis in die Masch und der Hausbesitzer bis 1979, Hannover 1979, S. 51–69
- Waldemar R. Röhrbein, Ludwig Hoerner: Neues Haus. In: Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein (Hrsg.) u. a.: Stadtlexikon Hannover. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Schlütersche, Hannover 2009, ISBN 978-3-89993-662-9, S. 465f.
Historische Aufnahmen in öffentlichem Besitz
- Das Historische Museum Hannover ist im Besitz folgender Fotografien:
- Das alte Gebäude des Neuen Hauses, um 1870, 10,2 cm × 13,2 cm, Nasses Kollodiumverfahren, Albuminkopie<ref>Ludwig Hoerner: Hannover in frühen Photographien. 1848–1910. Schirmer-Mosel, München 1979, ISBN 3-921375-44-4. (Mit einem Beitrag von Franz Rudolf Zankl), S. 206</ref>
- [Altes] »Neues Haus« an der Eilenriede, um 1870<ref>Ludwig Hoerner: Hannover. Heute und vor hundert Jahren. Stadtgeschichte fotografiert. Schirmer-Mosel, München 1982, ISBN 3-88814-105-2, S. 174</ref>
Weblinks
Einzelnachweise
<references />
Koordinaten: 52° 22′ 38,7″ N, 9° 45′ 11,9″ O
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