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Minoische Religion

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Datei:Snake Goddess Crete 1600BC.jpg
Sogenannte „kleine Schlangengöttin“, eine Fruchtbarkeitsgöttin, beim „Schlangentanz“ aus dem Palast von Knossos<ref>Emile Gilliéron und sein Sohn wirkten bei der Rekonstruktion von der Funde von Knossos entscheidend mit. Die Echtheit etwa der minoischen Schlangengöttin von Knossos (Minoische Religion) wird anhand der Ergebnisse der Radiokarbonmethode (14C-Datierung) ernsthaft angezweifelt.</ref><ref>Kenneth D.S. Lapatin: Snake Goddesses, Fake Goddesses. How forgers on Crete met the demand for Minoan antiquities. Archaeology (A publication of the Archaeological Institute of America) Volume 54 Number 1, January/February 2001</ref><ref>Kenneth D.S. Lapatin: Mysteries Of The Snake Goddess: Art, Desire, And The Forging Of History Paperback. Da Capo Press, 2003, ISBN 0-306-81328-9</ref>

Die Religion der minoischen Kultur des bronzezeitlichen Kreta ist weitestgehend nur aus archäologischen Funden bekannt.

Religion der Vorpalastzeit

Datei:The Bull Leaper Knossos 1500BC.jpg
Der Stierspringer von Knossos archäologisches Museum Iraklio
Datei:AMI - Sarg von Agia Triada 2.jpg
Männer tragen Kälber und das Modell eines Bootes als Opfergaben zum Toten, zum Sarkophag von Hagia Triada
Datei:Zeushoehle.jpg
Detail der Zeus-Höhle (Höhle der Psychro Ida-Gebirge) auf Kreta
Datei:Knossos Pariserin 01.jpg
Kretischer Meister (Die "Pariserin"), Detail aus einer Wandmalerei im Königspalast von Knossos; mit dem Symbol auf der Rückseite, eines heiligen Knotens (um 1500 v. Chr.)

In der Vorpalastzeit (Frühminoisch I bis Mittelminoisch IA, Frühminoische Zeit von ca. 2600 bis 1900 v. Chr.) existierten gepflasterte Plätze in der Nähe von Tholosgräbern. Diese könnten im Zusammenhang mit Totenkult oder für religiöse Feste gesellschaftlich genutzt worden sein.<ref name="Fitton50" /> Weitere Heiligtümer existierten sowohl innerhalb als auch außerhalb bebauter Gegenden.<ref name="Fitton50" /> Gipfelheiligtümer (z. B. auf dem Berg Giouchtas) und heilige Höhlen (z. B. die Höhle von Psychro, die Kamares-Höhle und die Höhle der Eileithyia in Amnissos) scheinen existiert zu haben und dienten wohl der gemeinschaftlichen Verehrung, während Schreine (z. B. in Myrtos-Fournou Korifi) privaten Kultpraktiken dienten.<ref name="Fitton51" /> Berge galten wohl als bevorzugte Aufenthaltsorte der Götter, sodass dort Heiligtümer errichtet und religiöse Feste gefeiert wurden.<ref name="Fitton51" /> Oft wurde der heilige Bezirk durch eine Mauer eingegrenzt. Innerhalb des heiligen Bezirkes stand ein Altar, seltener ein kleiner Tempel.<ref name="Fitton51" /> Votivgaben wurden in Felsspalten abgelegt oder in Freudenfeuern verbrannt.<ref name="Fitton51" /> Diese Votivgaben waren gebrannte Lehmfigurinen, darunter Menschen als Beter, Körperteile zum Erbitten von Heilung, Tiere (Stiere, Schafe, Ziegen, Schweine, Hunde, Vögel, Skarabäen, selten Wiesel) zum Erbitten von Schutz für das Vieh, Skarabäen wohl symbolisch, und Feldfrüchte zum Erbitten einer guten Ernte.<ref name="Fitton51" /> Die Gottheiten scheinen Gottheiten der Natur gewesen zu sein, und vereinzelte Unterschiede in den Opferpraktiken weisen auf eine polytheistische Religion hin.<ref>J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 52.</ref>

Religion der frühen Palastzeit

In der frühen Palastzeit (Mittelminoisch IB und II, Mittelminoische Zeit von ca. 1900 bis 1600 v. Chr.) wurden in ländlichen Regionen Gipfelheiligtümer und heilige Höhlen genutzt, in den Städten jedoch meist Räume innerhalb der Paläste und Häuser, selten auch frei stehende Gebäude.<ref name="Fitton88" /> Die Gipfelheiligtümer, von denen es mindestens 37 Stück gab, erlebten in der Frühpalastzeit ihre größte Blüte. Dabei wiesen die Gipfelheiligtümer besondere Beziehungen zu den nahe gelegenen Palästen auf, so der Berg Giouchtas zu Knossos, der Berg Traostalos zu Zakros, der Berg Profitis Ilias zu Mallia und die Kamares-Höhle zu Phaistos.<ref name="Fitton88" /> Die Kamares-Höhle war eine von gut 35 heiligen Höhlen. Vor allem in den Höhlen, aber seltener auch auf Gipfelheiligtümern, wurde Keramik, meist gefüllt mit Getreide, geopfert, so z. B. die Kamares-Keramik in der namensgebenden Kamares-Höhle.<ref name="Fitton88" /> Ein gut erhaltenes frühpalastzeitliches Heiligtum fand sich im Westhof des alten Palastes von Phaistos. Das Heiligtum bestand aus drei Räumen. Im ersten Raum befanden sich Bänke mit Löchern und Ausguss für Tieropfer, im zweiten Raum stand ein Steinmörser für Getreideopfer während im dritten Raum eine Tritonsmuschel und ein stierköpfiger Opfertisch zu finden waren.<ref name="Fitton88" /> Als Lustralbecken oder adyton bezeichnete Räume der frühen Palastzeit waren im Boden vertieft eingelassen, besaßen einen gepflasterten oder verputzten Boden und waren nur über Treppen zu erreichen. Sie dienten sakralen Handlungen, ebenso wie offene Höfe.<ref name="Fitton88" /> Der einzige bekannte freistehende Tempel der Frühpalastzeit fand sich in Mallia.<ref>J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 89.</ref> Am Hang des Berges Giouchtas in Anemospilia fand sich ein weiterer dreiräumiger Tempel, in dem ein Menschenopfer durchgeführt wurde, welches durch ein Erdbeben konserviert wurde.<ref>J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 89–92.</ref>

Religion der späten Palastzeit

In der späten Palastzeit (Mittelminoisch II bis erste Hälfte Spätminoisch IB, Spätminoische Zeit, von ca. 1600 bis 1450 v. Chr.) wurden zahlreiche kleine Gipfelheiligtümer nicht weiter genutzt, wenige größere Gipfelheiligtümer aber ausgebaut.<ref name="Fitton152" /> Die religiösen Handlungen verlagerten sich in die Paläste und palastbezogene Gipfelheiligtümer.<ref name="Fitton152" /> Der Berg Giouchtas wurde über eine Straße mit Knossos verbunden. Außerhalb der Umfassungsmauer wurde ein Gebäude errichtet, innerhalb wurden Megalithterrassen rund um einen Altar mit intensiven Brandspuren angelegt. Die heiligen Handlungen wurden im Freien nahe einer Felsspalte durchgeführt. Zudem fanden sich Statuetten, Trankopfertische, Siegelsteine und Votivwerkzeuge aus Bronze.<ref name="Fitton152" /> Die heiligen Höhlen wurden weiterhin stark besucht, z. T. aber auch neue eingerichtet. Die Psychro-Höhle, auch bekannt als diktäische Grotte, und die Ida-Höhle enthielten besonders viele Votivgaben. Beide Höhlen galten in der späteren griechischen Mythologie als Geburtsstätten des Zeus.<ref name="Fitton152" /> Weitere Heiligtümer lagen in den Palästen und in Privathäusern. Die im Palast stattfindenden Zeremonien waren entweder geheim oder für den Großteil der Bevölkerung nicht direkt zugänglich. So könnte z. B. der Thronsaal in Knossos für eine "Epiphaniezeremonie" mit Erscheinen einer als Göttin verkleideten Priesterin genutzt worden sein, inklusive Opferung im angrenzenden Lustralbecken.<ref name="Fitton153" /> Weitere auf Siegeln und Siegelabdrücken abgebildete Kultusriten waren ekstatische Tänze, das Schütteln von Bäumen und das Umarmen großer Steine.<ref name="Fitton153" />

Religion der Zeit der letzten Paläste

In der Zeit der letzten Paläste (zweite Hälfte Spätminoisch IB bis Spätminoisch IIIA1) wurden die olympischen Götter von mykenischen Griechen vom Festland auf Kreta eingeführt. Trotzdem blieben die religiösen Hinterlassenschaften typisch minoisch. In Knossos, dem einzigen noch genutzten Palast und Zentrum der mykenischen Herrschaft, wurden wahrscheinlich die olympischen Götter verehrt, während die minoischstämmige Bevölkerung weiterhin ihre alten Götter verehrte.<ref name="Fitton168" /> Der Sarkophag von Agia Triada vermittelt ein Bild der Kulthandlungen jener Zeit. Darauf ist dargestellt wie ein Toter in seinem Grab Grabbeigaben erhält. Eine Frau gießt eine Flüssigkeit, vielleicht Blut, in einen Kessel, der zwischen zwei Doppeläxten hängt. Eine Frau trägt Eimer an einer Stange. Zwei Männer spielen Leier und Doppelflöte. Mehrere Frauen opfern einen Stier und Ziegen. Blut aus der Kehle des Stiers läuft in ein Rhyton. Eine Frau opfert Früchte an einem Altar zwischen Doppeläxten in der Nähe eines Tempels mit Kulthörnern.<ref name="Fitton168" />

Religion der Nachpalastzeit

Datei:Τύμπανο Ιδαίου Άνδρου 9098 rt.jpg
Das Bronze-Schild stellt Zeus dar, in der Mitte umgeben von Curetes mit Trommeln; entdeckt in Ideon Andron (Kreta), Geometrischer Stil aus dem 7. bis 8. Jahrhundert v. Chr.

In der Nachpalastzeit (Spätminoisch IIIA2 bis IIIC) wurden in Schreinen Figuren der "Göttin mit erhobenen Armen" aufgestellt. Sie waren ein typisch kretisches Phänomen und wiesen starke minoische Merkmale auf. Im zerstörten Palast von Knossos, der wahrscheinlich als heilig erachtet wurde, befand sich ein nachpalastzeitlicher Schrein mit ebensolchen Figuren. Selbst in den "Fluchtsiedlungen" der kretischen Berge im 12. Jahrhundert v. Chr. fanden sich noch solche Götterfiguren.<ref>J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 171.</ref>

Minoische Gottheiten

Datei:Minoan Master of Animals jewellery.jpg
Der Herr der Tiere in einem Schmuckstück minoischen Ursprungs

Teilweise herrscht die Ansicht, die Minoer hätten keine anthropomorphen Gottheiten gekannt.<ref name="Fitton153" /> Auf Siegeln und Siegelabdrücken auftauchende Symbole für Gottheiten sind Vögel, Schmetterlinge, Kokons, Doppeläxte und heilige Knoten.<ref name="Fitton153" /> Allerdings finden sich dort auch kleine, schwebende, meist weibliche Personen oder Männer und Frauen in befehlender Geste, die als Götter angesehen werden können. Sie tragen die übliche Kleidung der Minoer.<ref name="Fitton154" /> Früher existierte die Theorie, dass die Minoer eine Große Mutter oder Große Göttin gehabt hätten, die von einem jugendlichen männlichen Gott begleitet wurde.<ref name="Fitton155" /> Mittlerweile wird dies als unwahrscheinlich erachtet, obwohl keine Widerlegung vorliegt. Allgemein wird von einer polytheistischen Religion ausgegangen.<ref name="Fitton155" />

Ikonographisch überlieferte Gottheiten

Ikonographische Darstellungen von Gottheiten finden sich zumeist auf Siegeln<ref name="Fitton153" /> oder Siegelabdrücken, aber auch etwa auf Fresken oder in der Gestalt von Fayencestatuetten.<ref name="Fitton154" /> Die Aufgabenbereiche dieser Gottheiten können anhand des Bildmaterials und von Vergleichen mit zeitgleichen oder späteren Kulturen interpretativ erschlossen werden.<ref name="Marin7" />

Typus Gottheit Aufgaben Darstellung Attribute
Herr der Tiere<ref name="Fitton155" /> Herr der Tiere jugendlich, begleitet von Tieren (Löwen, Vögel), Tiere unterwerfend (Löwen, Stiere)
Herrin der Tiere<ref name="Fitton154" /> Herrin der Natur; Herrin der Tiere der Erde, des Meeres und des Himmels begleitet von verschiedenen Tieren (Löwen, Affen, Greife, Schlangen, Fische, Delfine und Vögel); manchmal Darstellung als Vogelfrau
Mondgott<ref name="Marin155-" /> Mond, Sohn der Sonnengöttin<ref name="Marin155-" /> stehender Gott mit Mond über dem Kopf<ref name="Marin218" /> Mondsichel<ref>Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 219.</ref>
Schlangengöttin Erde, Unterwelt<ref name="Fitton155" /> von Schlangen umwunden oder Schlangen emporhaltend, Variation der Herrin der Tiere<ref name="Fitton155" /> Schlangen<ref name="Fitton155" />
Seeungeheuer<ref name="Marin177" /> Ozean<ref name="Marin179" /> löwenartiger Kopf<ref name="Marin179" />
Sonnengöttin Sonne<ref>Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 161.</ref>, Unterwelt<ref name="Marin166" />, Muttergöttin<ref name="Marin155" />, Götterkönigin<ref>Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 154.</ref>, Patronin des minoischen Königs<ref>Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 62.</ref> sitzende Göttin<ref name="Marin152" /> mit kurvigen Körperformen<ref name="Marin155" />, teilweise mit Sonne über dem Kopf<ref name="Marin218" /> Doppelaxt<ref>Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 116.</ref>, Sonnenscheibe, Rosette, Halbrosette<ref name="Marin131" />
Stier des Himmels Träger der Sonne/der Sterne<ref name="Marin117" /> Stierkopf mit strahlendem Stern oder Doppelaxt zwischen den Hörnern<ref name="Marin117" />
Wettergott Wetter, Stürme<ref name="Marin173" />, Sohn der Sonnengöttin<ref name="Marin166" />, kriegerischer Gott<ref name="Marin177" /> stehender, muskulöser und jugendlicher Gott, oft bewaffnet (mit Speer, Bogen, Schild), kommandierende Gestik, gekleidet in kurzen Schurz, manchmal eine hohe und spitze Tiara auf dem Kopf<ref name="Marin168" />, Feinde oder Bestien bezwingend<ref name="Marin173" />

Bei dem Herrn der Tiere, der Herrin der Tiere und der in ihrer Echtheit anhand der Ergebnisse der Radiokarbonmethode (14C-Datierung)<ref>Kenneth D.S. Lapatin: Snake Goddesses, Fake Goddesses. How forgers on Crete met the demand for Minoan antiquities. Archaeology (A publication of the Archaeological Institute of America) Volume 54 Number 1, January/February 2001</ref><ref>Kenneth D.S. Lapatin: Mysteries Of The Snake Goddess: Art, Desire, And The Forging Of History Paperback. Da Capo Press, 2003, ISBN 0-306-81328-9</ref> umstrittenen Schlangengöttin handelt es sich um bestimmte Typen minoischer Götterdarstellung, deren konkrete Aufgabenbereiche entweder in den Darstellungen bereits angedeutet zu sein scheinen oder anhand dieser Darstellungen vorsichtig erschlossen werden.<ref>J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 154 ff.</ref>

Bei den anderen Gottheiten handelt es sich um Nanno Marinatos’ Interpretation einer Vielzahl minoischer Darstellungstypen von Gottheiten, die untereinander und mit Beispielen kontemporärer Kulturen verglichen werden.<ref name="Marin7" />

Die Sonnengöttin wird aus der häufig dargestellten Gestalt einer sitzenden Göttin mit reifen, mütterlichen Körperformen erschlossen<ref>Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 152 ff.</ref>. Dabei wird die Funktion der Göttin als Muttergöttin durch ihre mütterliche Gestalt<ref name="Marin155" />, ihre Aufgabe als Götterkönigin aus dem thronenden Auftreten begründet.<ref name="Marin152" /> Die Assoziation der Göttin mit der Sonne einerseits und der Unterwelt andererseits entsteht dadurch, dass die sitzende Göttin häufig mit Symbolen minoischer Kunst verbunden ist<ref>Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 16 f.</ref>, die Marinatos als Sonnensymbole (Sonnenscheibe, Rosette, Halbrosette<ref name="Marin131" />) oder Symbole der nächtlichen, unterirdischen Sonne (Doppelaxt<ref>Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 125.</ref>) interpretiert. Als Schutzherrin des minoischen Königs gilt die Sonnengöttin, da einerseits ihre Attribute in den minoischen Palästen weit verbreitet sind und andererseits die Könige zeitgleicher Kulturen gleichfalls oft Schützlinge der Sonnengottheit waren.<ref>Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 62.</ref>

Der Mondgott wird aus der Assoziation einer männlichen Gottheit mit dem Mondsymbol erschlossen.<ref name="Marin218" /> Sowohl er als auch der Wettergott gelten nach Marinatos als Söhne der Sonnengöttin, da ein junger, teils kämpferischer, teils mit der Mondsichel assoziierter Gott häufig im Kontrast zu der sitzenden mütterlichen Sonnengöttin dargestellt wird.<ref>Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 153 ff.</ref>

Der Wettergott wird aus verschiedensten Darstellungen eines jungen, kämpferischen Gottes in der minoischen Kunst<ref name="Marin168" /> ebenso wie aus der Parallelität dieser Darstellungen mit altorientalischen Mythen (etwa dem jungen, kämpferischen Wettergott Baal aus Ugarit) erschlossen, in denen der junge Wettergott die Feinde der göttlichen Ordnung bekämpft und besiegt.<ref>Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 171.</ref>

Das Seeungeheuer als Hauptfeind des Wettergottes wird auf der Grundlage eines einzigen minoischen Siegelabdrucks und entsprechender altorientalischer und altägyptischer Mythen erschlossen.<ref name="Marin177" />

Der Stier des Himmels schließlich wird von Marinatos auf der Grundlage von minoischen Stierkopfdarstellungen mit als Himmelskörper interpretierten Objekten zwischen den Hörnern (Stern, Doppelaxt) und durch Vergleiche mit dem Sonnenstier der altägyptischen Mythologie angenommen.<ref>Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 116 ff.</ref>

Schriftlich überlieferte Gottheiten

Minoische Gottheiten können auf verschiedene Weisen schriftlich überliefert sein. Sie werden aus minoischen Linear-A-Texten erschlossen, in Linear-B-Texten aus der mykenischen Herrschaft auf Kreta erwähnt oder, seltener, in ägyptischen Papyri überliefert.

Name Gottheit Schreibung Linear A Schreibung Linear B altägyptische Schreibung Aufgaben Entsprechungen
Ameja/Amija<ref name="Haider480" /> A-MA?<ref name="Haider482" /> a-me-ja?, a-me-a?<ref name="Haider482" /> ‘a-m-ᶜ-j-3<ref name="Haider480" /> Gott der Heilung<ref name="Haider480" />
A-sa-sa-ra A-SA-SA-RA<ref name="Marin188" /> Sonnengöttin?<ref name="Marin188" /> Schlangengöttin<ref>Harald Haarmann: Das Rätsel der Donauzivilisation. München 2011, S. 241.</ref>, Athirat<ref>Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 165.</ref>
Daidalos (Name vorgriechisch; nachgewiesen in Linear B im Schreinnamen Daidaleion<ref name="Hawkes226" />) da-da-re-jo Daidalos
Eleuthia (Name vorgriechisch<ref name="Ramon235" />) e-re-u-ti-ja<ref name="Ramon235" /> Geburt<ref name="Scho160" /> Eileithyia<ref name="Scho160" />
Gesamtheit der Götter<ref name="Scho160" /> (Name griechisch: Pansi Thehoi<ref name="Ramon230" />) pa-si-te-o-i<ref name="Ramon230" />
Ma-ri-ne-u ma-ri-ne-u<ref name="Ramon236" />
Pa-sa-ja pa-sa-ja<ref name="Ramon236" />
Pi-pi-tu-na<ref name="Scho160" /> pi-pi-tu-na<ref name="Scho160" />
Po-ro-de-qo-no po-ro-de-qo-no<ref name="Ramon236" />
Herrin (Potnia) des Labyrinths<ref name="Scho160" /> (Name griechisch-vorgriechische Mischbildung) da-pu2-ri-to-jo po-ti-ni-ja<ref>José Luis García Ramón: Mycenaean Onomastics. In: Yves Duhoux, Anna Morpugo Davies: A Companion to Linear B: Mycenaean Greek Texts and their World. Volume 2. Louvain-la-Neuve-Warpole 2011, S. 234.</ref> Herrin des Labyrinths Ariadne?<ref name="Hawkes226" />
Priesterin der Winde<ref>Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 161.</ref> (Name griechisch: Anemon Hiereia<ref name="Ramon232" />) a-ne-mo-i-je-re-ja<ref name="Ramon232" />
…-]qe-sa-ma-qa …-]qe-sa-ma-qa<ref name="Ramon236" />
Ratjaja/Ratjija<ref name="Haider480" /> RA2-TI?<ref name="Haider482" /> r-ṯ3-jj<ref name="Haider480" /> Gott der Heilung<ref name="Haider480" /> evtl. als r-p3-jj, ägypt. "mein Heiler" zu lesen.
Si-ja-ma-to si-ja-ma-to<ref name="Ramon236" />
Zeus Diktaios<ref name="Scho160" /> (Name griechisch-vorgriechische Mischbildung: Diktaioi Diwei, Dativ<ref name="Ramon232" />) di-ka-ta-jo di-we<ref name="Ramon232" /> Gott des Berges Dikte<ref name="Scho160" />, jugendlicher sterbender Zeus von Kreta<ref name="Fitton155" /> Zeus

Die Göttin A-sa-sa-ra ist nur in Linear A-Texten überliefert. Es wurde vermutet, dass ihr Name eine Schreibung des Namens der altorientalischen Göttin Athirat darstellt.<ref>Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 165.</ref>

Die Heilgötter Amea/Amija und Ratjaja/Ratjija wurden in einem medizinischen Papyrus aus Ägypten überliefert (Medizin-Papyrus, London B.M. 10059, Nr. 32 & 33), der in Hieroglyphenschrift Beschwörungsformeln in kretischer/minoischer Sprache (m ḏd n.f K3ftjw)<ref name="Haider479" /> aufführt, die gegen die "Asiatische ( '3m.w) Krankheit" (Nr. 32)<ref name="Haider479" /> und die "Samuna (s3-m-ᶜ-w-n-3)-Krankheit" (Nr. 33) helfen sollen.<ref name="Haider480" /> In der zweiten Beschwörung werden der "Gott" (nṯr) Ameja/Amija und der "große Gott" (nṯr p3-3 wr) Ratjaja/Ratjija angerufen.<ref name="Haider480" /> Ihr möglicher Nachweis in Linear A- und Linear B-Texten kann somit erst sekundär erfolgen.<ref name="Haider482" />

Alle anderen überlieferten Gottheiten entstammen Linear B-Texten aus der mykenischen Herrschaft in Knossos. Teilweise sind klar vorgriechische Namensformen erkennbar,<ref name="Ramon236" /> teilweise griechische Namensformen überliefert, die allerdings auf eine vorgriechische, minoische Gottheit deuten könnten<ref name="Scho160" />.

Siehe auch

  • Mykenische Religion zur Religion der mykenischen Herrscher Kretas in der Zeit der letzten Paläste und der Nachpalastzeit, welche hauptsächlich in Linear B-Schrift belegt ist.

Literatur

  • Jaquetta Hawkes: Geburt der Götter – An den Quellen griechischer Kultur. Hallwag AG Bern, Bern 1972, ISBN 3-444-10107-4, S. 226 f.
  • {{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}
  • Peter W. Haider: Minoan deities in an Egyptian medical text. In: Potnia: deities and religions in the Aegean Bronze Age. Proceedings of the 8th international Aegean conference Göteborg, Göteborg University, vol. 12, Göteborg 2000.
  • J. Lesley Fitton: Die Minoer. Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2004, ISBN 3-8062-1862-5, S. 6, 50–52, 87–92, 152–156, 168 f., 171.
  • Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2009, ISBN 978-3-8053-3943-8, S. 144–169.
  • Harald Haarmann: Das Rätsel der Donauzivilisation – Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas. Verlag C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62210-6, Seite 241.
  • José Luis García Ramón: Mycenaean Omomastics. In: Yves Duhoux, Anna Morpurgo Davies: A Companion to Linear B: Mycenaean Greek Texts and their World. Volume 2. Peeters, Louvain-la-Neuve-Warpole 2011.
  • Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. University of Illinois Press, Urbana, Chicago, Springfield 2013, ISBN 978-0-252-07967-2.
  • Fritz Schachermeyr: Die minoische Kultur des alten Kreta. Stuttgart u. a. 1979, ISBN 3-17-005451-1

Weblinks

  • Press Release for Mysteries of the Snake Goddess published by Kenneth D. S. Lapatin [1]

Einzelnachweise und Anmerkungen

<references> <ref name="Fitton50"> J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 50 f. </ref> <ref name="Fitton51"> J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 51 f. </ref> <ref name="Fitton88"> J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 88 f. </ref> <ref name="Fitton152"> J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 152 f. </ref> <ref name="Fitton153"> J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 153 f. </ref> <ref name="Fitton154"> J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 154 f. </ref> <ref name="Fitton155"> J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 155 f. </ref> <ref name="Fitton168"> J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 168 f. </ref> <ref name="Marin7"> Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 7 f. </ref> <ref name="Marin117"> Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 117 f. </ref> <ref name="Marin131"> Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 131. </ref> <ref name="Marin152"> Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 152. </ref> <ref name="Marin155"> Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 155 f. </ref> <ref name="Marin155-"> Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 155, 218 f. </ref> <ref name="Marin166"> Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 166. </ref> <ref name="Marin168"> Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 168. </ref> <ref name="Marin173"> Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 173 f. </ref> <ref name="Marin177"> Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 177 ff. </ref> <ref name="Marin179"> Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 179. </ref> <ref name="Marin188"> Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 188. </ref> <ref name="Marin218"> Nanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 218 f. </ref> <ref name="Ramon230"> José Luis García Ramón: Mycenaean Onomastics. In: Yves Duhoux, Anna Morpugo Davies: A Companion to Linear B: Mycenaean Greek Texts and their World. Volume 2. Louvain-la-Neuve-Warpole 2011, S. 230. </ref> <ref name="Ramon232"> José Luis García Ramón: Mycenaean Onomastics. In: Yves Duhoux, Anna Morpugo Davies: A Companion to Linear B: Mycenaean Greek Texts and their World. Volume 2. Louvain-la-Neuve-Warpole 2011, S. 232. </ref> <ref name="Ramon235"> José Luis García Ramón: Mycenaean Onomastics. In: Yves Duhoux, Anna Morpugo Davies: A Companion to Linear B: Mycenaean Greek Texts and their World. Volume 2. Louvain-la-Neuve-Warpole 2011, S. 235. </ref> <ref name="Ramon236"> José Luis García Ramón: Mycenaean Onomastics. In: Yves Duhoux, Anna Morpugo Davies: A Companion to Linear B: Mycenaean Greek Texts and their World. Volume 2. Louvain-la-Neuve-Warpole 2011, S. 236. </ref> <ref name="Haider479"> Peter W. Haider: Minoan deities in an Egyptian medical text. In: "Potnia: deities and religions in the Aegean Bronze Age. Proceedings of the 8th international Aegean conference Göteborg, Göteborg University", vol. 12, Göteborg 2000, S. 479. </ref> <ref name="Haider480"> Peter W. Haider: Minoan deities in an Egyptian medical text. In: "Potnia: deities and religions in the Aegean Bronze Age. Proceedings of the 8th international Aegean conference Göteborg, Göteborg University", vol. 12, Göteborg 2000, S. 480 f. </ref> <ref name="Haider482"> Peter W. Haider: Minoan deities in an Egyptian medical text. In: "Potnia: deities and religions in the Aegean Bronze Age. Proceedings of the 8th international Aegean conference Göteborg, Göteborg University", vol. 12, Göteborg 2000, S. 482. </ref> <ref name="Scho160"> Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 160. </ref> <ref name="Hawkes226"> Jaquetta Hawkes: Geburt der Götter - An den Quellen griechischer Kultur. Bern 1972, S. 226. </ref> </references>