Salicylsäuremethylester
Salicylsäuremethylester, auch Methylsalicylat kurz MeSA oder pharmazeutisch-lat. Methylum salicylicum, ist der Methylester der Salicylsäure. Salicylsäuremethylester wird auch als Wintergrünöl oder Gaultheriaöl bezeichnet, da es mittels Wasserdampfdestillation aus den Blättern der Gattungen Pyrola (Wintergrün) und Gaultheria (Scheinbeeren) isoliert werden kann.
Vorkommen
Zu Pflanzen, die größere (das heißt riechbare) Mengen Salicylsäuremethylester produzieren, gehören:
- viele Arten der Familie der Heidekrautgewächse, besonders die Varietäten der Niederen Scheinbeere (Wintergrünsträucher) sowie das Echte Mädesüß (Filipendula ulmaria), wo der Wirkstoff in den Wurzeln vorkommt.
- einige Arten der Birken wie Betula alnoides<ref>Vorlage:Literatur</ref>
Die Zucker-Birke war früher Hauptquelle für Salicylsäuremethylester. Das Produkt aus den Blättern der Wintergrünsträucher ist als Wintergreen Oil bekannt.<ref>Vorlage:Literatur</ref>
Methylsalicylat wird von Betula pendula zur Signaltransduktion über größere Entfernungen eingesetzt. Es spielt dabei eine wichtige Rolle bei der Reaktion der Pflanze auf abiotische Umweltfaktoren, Angriffe von Pflanzenfressern sowie Krankheitserregern.<ref>Vorlage:Literatur</ref>
Herstellung
Salicylsäuremethylester 2 wird durch Veresterung von Salicylsäure 1 mit Methanol gewonnen, wobei Schwefelsäure als Katalysator verwendet wird:
Verwendung
Salicylsäuremethylester in der synthetischen Form wird äußerlich in Salben und anderen Einreibemitteln als durchblutungsförderndes (hyperämisierendes) Mittel eingesetzt,<ref name="hänsel2010">R. Hänsel, O. Sticher: Pharmakognosie – Phytopharmazie. 9. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsges.mbH, Stuttgart 2010, S. 1036.</ref> etwa bei rheumatischen Beschwerden.<ref>RÖMPP Lexikon Chemie, 10. Auflage, 1996–1999: Band 6: T – Z.</ref> Auch in Form von Badezusätzen kommt es zu diesem Zweck zur Anwendung. Bevorzugt in der natürlichen Form als Wintergrünöl verwendet man es für kosmetische Mittel und Mundpflegemittel,<ref name="hänsel2010" /> ferner auch in Parfümerie und Lebensmittelindustrie, da es einen sehr charakteristischen Geruch besitzt.
Das im Wesentlichen Salicylsäuremethylester enthaltende ätherische Öl des Wintergrüns wird in der Mikroskopie noch heute für Aufhellungspräparate nach Spalteholz gebraucht.
In Nordamerika bieten so gut wie alle Kaugummihersteller neben den klassischen Geschmacksrichtungen wie Pfefferminz auch den Geschmack Wintergreen an, in dem Salicylsäuremethylester enthalten ist. In Europa konnte sich diese Geschmacksrichtung in Kaugummis bisher nicht durchsetzen; viele Europäer empfinden den Geschmack als klinisch zahnarztähnlich und nicht schmackhaft. Auch in Snus wird die Geschmacksrichtung in Amerika und Skandinavien häufig angeboten.
Die in Deutschland noch am weitesten bekannten Produkte mit Wintergrün-Aroma sind die Lutschdragée-Marke Tic Tac des italienischen Süßwarenherstellers Ferrero und die Kaugummi-Marke Bazooka des US-amerikanischen Herstellers Topps Company, welche bis Ende der achtziger Jahre vom deutschen Süßwarenhersteller August Storck in Lizenz produziert und vertrieben wurde. Heutzutage sind Wintergreen-Kaugummis und -Pastillen in Deutschland ausschließlich als Importwaren, beispielsweise in American-Outlet-Stores erhältlich.
Wegen des intensiven Geruchs versuchte man bei den Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. Salicylsäuremethoxymethylester<ref group="S">Vorlage:Substanzinfo</ref><ref>Vorlage:Patent</ref><ref>Vorlage:Patent</ref><ref>Vorlage:Patent</ref> als Alternative anzubieten. Er wurde von Arthur Eichengrün in der Pharmazeutischen Zeitung von 1902<ref>Vorlage:Literatur</ref><ref>Vorlage:Literatur</ref> unter dem Handelsnamen Mesotan vorgestellt.
In den 1930er Jahren wurde Wintergrünöl von Imkern und Bieneninstituten zur Behandlung gegen die Milbenseuche in Bienenstöcken eingesetzt.<ref name="Mittl_(2021)">Sigrun Mittl: Nachhaltig imkern mit gesunden Honigbienen, Haupt Verlag, Bern, 2021. ISBN 978-3-258-08250-9, S. 136.</ref>
Anwendungseinschränkungen
Salicylsäuremethylester sollte während der Schwangerschaft möglichst nicht eingesetzt werden, da keine ausreichenden Daten vorliegen.<ref name="Mayrhofer" />
Nebenwirkungen
Bei Anwendung handelsüblicher Präparate auf der Haut sind im Allgemeinen keine toxischen Wirkungen zu erwarten, da Serumspiegel über 50 µg/ml kaum erreicht werden. Bei nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch wie etwa längerfristiger oder großflächiger Anwendung oder dem Aufbringen auf nicht intakte Haut sind wegen einer möglichen systemischen Salicylatwirkung Nebenwirkungen wie Schwindel, Ohrensausen, Übelkeit oder andere Magen-Darm-Beschwerden und eine Beeinflussung des Blutgerinnungssystems nicht auszuschließen.<ref name="Mayrhofer">Fachinformation Trauma-Salbe kühlend Mayrhofer, Kwizda Pharma GmbH, Wien. Stand: März 2018</ref> In den USA soll eine Leichtathletin an einer Überdosierung des Wirkstoffs gestorben sein.<ref name="USA Today">Better labels urged for sports creams, USA Today, The Associated Press, Juni 2007 (englisch).</ref> Vergiftungen nach der Einnahme ungewöhnlich hoher Mengen medizinischer Öle sind bekannt. Aufgrund der flüssigen, konzentrierten, fettlöslichen Form kommt es zu besonders schweren und schnellen Salicylatvergiftungen.<ref>Vorlage:Literatur</ref>
Chemische Eigenschaften
Salicylsäuremethylester kann mit Eisen(III)-nitrat nitriert werden. Es entsteht ein Isomerengemisch aus dem 3- und dem 5-Nitroderivat. In Anwesenheit von Salpetersäure entsteht hauptsächlich 5-Nitrosalicylsäuremethylester<ref group="S">Vorlage:Substanzinfo</ref> 4, im basischen Milieu hauptsächlich 3-Nitrosalicylsäuremethylester<ref group="S">Vorlage:Substanzinfo</ref> 3.<ref name="Liu">Y.-Z. Liu, X.-Y. Li, X. Li, L. Zhang: Nitration Reaction between Methyl Salicylate and Iron(III) Nitrate and Its Regioselectivity. In: Chinese Journal of Applied Chemistry. 2010. (Abstract).</ref>
Die Acetylierung von Salicylsäuremethylester mit Essigsäureanhydrid in Gegenwart von Aluminiumchlorid als Katalysator findet mit sehr guten Ausbeuten am C5-Kohlenstoff statt.<ref name="Kahnberg">Vorlage:Literatur</ref>
Durch die Reaktion mit einem Überschuss Natriumhypochlorit konnte eine Mono- und Disubstitution am Phenylring am C3 und/oder C5-Kohlenstoff beobachtet werden.<ref name="Salter">W. B. Salter, J. R. Owens, J. D. Wander: Methyl Salicylate: A Reactive Chemical Warfare Agent Surrogate to Detect Reaction with Hypochlorite. In: ACS Appl. Mater. Interfaces. Bd. 3(11), 2011, S. 4262–4267, doi:10.1021/am200929v.</ref>
Bei der Bromierung des Salicylsäuremethylesters mit elementarem Brom erfolgt eine Substitution am C5-Kohlenstoff.<ref name="Tee">O. S. Tee, N. R. Iyengar: The bromination of salicylate anions. Evidence for the participation of the ortho carboxylate group. In: J. Org. Chem. Bd. 50(23), 1985, S. 4468–4473. doi:10.1021/jo00223a011.</ref>
Risikobewertung
Salicylsäuremethylester wurde 2013 von der EU gemäß der Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (REACH) im Rahmen der Stoffbewertung in den fortlaufenden Aktionsplan der Gemeinschaft (CoRAP) aufgenommen. Hierbei werden die Auswirkungen des Stoffs auf die menschliche Gesundheit bzw. die Umwelt neu bewertet und ggf. Folgemaßnahmen eingeleitet. Ursächlich für die Aufnahme von Salicylsäuremethylester waren die Besorgnisse bezüglich Verbraucherverwendung und hoher (aggregierter) Tonnage sowie der Gefahren ausgehend von einer möglichen Zuordnung zur Gruppe der CMR-Stoffe. Die Neubewertung fand ab 2015 statt und wurde von Frankreich durchgeführt. Anschließend wurde ein Abschlussbericht veröffentlicht.<ref>Europäische Chemikalienagentur (ECHA): Substance Evaluation Conclusion and Evaluation Report.</ref><ref>Vorlage:CoRAP-Status</ref>
Einzelnachweise
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Externe Links zu erwähnten Verbindungen
<references group="S" />
- Wikipedia:Maximale Seitengröße durch Vorlageneinbindungen überschritten
- Wikipedia:Maximale Gesamtgröße der Vorlagenparameter überschritten
- Salicylsäureester
- Carbonsäuremethylester
- Phytohormon
- Aromastoff (EU)
- Arzneistoff
- Kosmetischer Inhaltsstoff
- Alternativmedizin
- Flüchtiger Pflanzenstoff
- Futtermittelzusatzstoff (EU)