Arthur Eichengrün
Ernst Arthur Eichengrün (* 13. August 1867 in Aachen; † 23. Dezember 1949 in Bad Wiessee) war ein deutscher Chemiker.
Leben
Eichengrün wurde als Sohn eines jüdischen Textilhändlers und -fabrikanten geboren und besuchte das Kaiser-Karls-Gymnasium in Aachen. Nach dem Abitur 1885 begann er an der Technischen Hochschule Aachen ein Chemiestudium und wurde Mitglied des Akademischen Vereins der Chemiker, Berg- und Hüttenleute, des späteren Corps Montania.<ref name="Montania">Franz Ludwig Neher: Das Corps Montania zu Aachen. 1872–1957. Aachen 1957, S. 117.</ref> Zum Wintersemester 1887/1888 setzte er das Studium an der Technischen Hochschule (Berlin-)Charlottenburg bei Carl Liebermann fort. Im Wintersemester 1888/1889 kehrte er an die Aachener Hochschule zurück und schrieb dort bis 1890 bei Alfred Einhorn seine Dissertation Über das Methoxy-dioxy-Dihydrocarbostyril (Kokain-ähnliches Lokalanästhetikum).<ref>Die Prüfung erfolgte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, da Technische Hochschulen damals noch kein Promotionsrecht besaßen. Die Ergebnisse wurden publiziert:
A. Eichengrün und A. Einhorn: Ueber p-Methoxydioxydihydrochinolin und einen neuen Fall stereochemischer Isomerie. In: Berichte der Deutschen Chemischen Gesellschaft, 23. Jahrgang 1890, S. 1489. (Digitalisat)
A. Eichengrün, A. Einhorn: Ueber das B-3-Methoxy-1,3-dioxy-2,3-dihydrochinolin. In: Justus Liebig’s Annalen der Chemie, Band 262 (1891), S. 133–181. (doi:10.1002/jlac.18912620202)</ref> Danach nahm er eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent bei Carl Graebe in Genf an.
1892 begann er eine Tätigkeit bei dem Unternehmen C. H. Boehringer in Ingelheim am Rhein,<ref>Edgar Eichengrün: Eichengrün, Ernst Arthur. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 4. Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. Vorlage:VonBis (deutsche-biographie.de).</ref> wo er sich mit der Reinisolierung von Kokain beschäftigte. 1893 wechselte er zum Unternehmen Balzer & Cie. in (Berlin-)Grünau und kurz danach zum Unternehmen des Apothekers Ludwig Clamor Marquart in (Bonn-)Beuel (heute Degussa AG, Werk Marquart). 1894 heiratete er in erster Ehe Elisabeth geb. Fechheimer (* 1874) und trat aus der jüdischen Gemeinde aus.<ref>Ulrich Chaussy, Christoph Püschner: Nachbar Hitler. Führerkult und Heimatzerstörung am Obersalzberg. 7. Auflage, Christoph Links, Berlin 2012, S. 59. (Digitalisat), Austrittsbescheinigung vom 20. September 1894 auf S. 132 (Digitalisat)</ref>
Ab 1. Oktober 1896 erhielt er im 1890 gegründeten Pharmakologischen Laboratorium der Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. in Elberfeld eine Leitungsfunktion.<ref>Michael de Ridder: Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge. Campus, Frankfurt am Main / New York 2000, S. 53. (Digitalisat)</ref> Nach nur einem halben Jahr übernahm diese am 1. April 1897 Heinrich Dreser.<ref>Michael de Ridder: Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge. Campus, Frankfurt am Main / New York 2000, S. 38. (Digitalisat)</ref> Seine Kollegen waren Jürgen Callsen, Otto Bonhoeffer, Karl Demeler, Rudolph Berendes, Felix Hoffmann und ein Jahr später Fritz Hofmann, der bei Bayer ab 1906 den ersten künstlichen Kautschuk entwickelte.
Zum 1. Oktober 1901 wechselte Eichengrün bei Bayer in eine neue Abteilung zur Entwicklung von Verfahren der Celluloseacetat-Herstellung und -Anwendung.
1908 verließ er das Unternehmen und gründete in Berlin das eigene Cellon-Laboratorium Dr. A. Eichengrün, das 1919 in Cellon-Werke Dr. Arthur Eichengrün umbenannt wurde. Der Name bezieht sich auf den von Eichengrün 1909 entwickelten und patentierten Kunststoff Cellon auf Celluloseacetat-Basis.
Auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden besaß Eichengrün ein Ferienhaus nahe dem späteren Anwesen von Adolf Hitler, in dem er bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein den Sommer verbrachte.
Eichengrüns Unternehmen wurde 1938 von den Nationalsozialisten „arisiert“. Aufgrund seines Ansehens und seiner einflussreichen Kontakte blieb er selbst jedoch frei und konnte seine Forschungen zu Hause fortsetzen. Nach dem Zwangsverkauf seiner Cellon-Werke 1939 siedelten Arthur und Lucia Eichengrün nach München um und wohnten dort bis 1940 im Regina-Palast-Hotel.<ref>Nachbar Hitler. Führerkult und Heimatzerstörung am Obersalzberg in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.</ref>
1943 wurde Eichengrün inhaftiert und zu vier Monaten Haft verurteilt, weil er es unterlassen hatte, in einem Brief an einen Reichsfunktionär seinem Namen den für Juden vorgeschriebenen Beinamen Israel hinzuzufügen. Im Mai 1944 wurde er aufgrund desselben Vorwurfs erneut verurteilt und in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort verbrachte er 14 Monate bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach seiner Befreiung kehrte er nach Berlin zurück. Eichengrün verließ die Stadt jedoch schon 1948 in Richtung des bayerischen Bad Wiessee. Dort starb er im folgenden Jahr im Alter von 82 Jahren. Aus seinen insgesamt drei Ehen gingen sechs Kinder hervor.
Leistungen
Während seiner Tätigkeit bei L. C. Marquart entwickelte er zur Wunddesinfektion verschiedene Addukte des Iodoforms, besondere Bedeutung erlangten das Jodoformin (Addukt von Jodoform und Urotropin) und das Jodoformal (Addukt von Jodoformin mit Ethyljodid).<ref>Deutscher Apothekerverein (Hrsg.): Jahresbericht der Pharmacie, 30. Jahrgang 1895, S. 259–261. (Textarchiv – Internet Archive)</ref> Hierbei sicherte er sich am 8. November 1895 das Patent für Großbritannien.<ref>Patent GB189521203A: New and Useful Bodies Derived from Iodoform. Angemeldet am 8. November 1895, veröffentlicht am 26. September 1896, Erfinder: Arthur Eichengrün.</ref>
Unter der Abteilungsleitung von H. Dreser gelang ihm mit den Bayer-eigenen Eiweißen<ref>Patent US682181A: Process of producing Albumoses. Angemeldet am 16. April 1898, veröffentlicht am 10. September 1901, Anmelder: Farbenfabriken Elberfeld Co, Erfinder: Georg Eichelbaum.</ref> Albumose und Somatose<ref>Pharmazeutische Zeitung, 40. Jahrgang 1895, S. 701. (Digitalisat)</ref> am 10. August 1897 die Herstellung von Silber- und Eisenaddukten.<ref>Pharmazeutische Zeitung, 42. Jahrgang 1897, S. 672. (Stichwort Eisensomatose; Digitalisat)</ref> Silberalbumose<ref>Patent DE118496C: Verfahren zur Darstellung von leicht löslichen Silberverbindungen der Proteinstoffe. Angemeldet am 10. August 1897, veröffentlicht am 1. März 1901, Anmelder: Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co.</ref> wurde nach klinischer Prüfung<ref>Albert Neisser in: Dermatologisches Centralblatt, 1. Jahrgang 1898, S. 3. (Textarchiv – Internet Archive)</ref> unter der Handelsmarke Protargol<ref>Pharmazeutische Zeitung, 42. Jahrgang 1897, S. 658. (Digitalisat)</ref> vermarktet und verschaffte ihm lange Zeit hohe Gewinnbeteiligungen im In- und Ausland.<ref>A. Eichengrün: Umgehung des Wortschutzes für pharmazeutische Präparate in der Schweiz. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 19. Jahrgang 1906, S. 708–712. (doi:10.1002/ange.19060191604)</ref> Später folgte zusammen mit R. Berendes noch ein Zinkgelatose-Präparat.<ref>Patent US698694A: Zinc Gelatose Compound. Angemeldet am 29. Oktober 1901, veröffentlicht am 29. April 1902, Anmelder: Farbenfabriken Elberfeld Co, Erfinder: Arthur Eichengrün, Rudolph Berendes.</ref>
1898 befasste sich Eichengrün mit der Chlormethylierung von Salicylsäure<ref>Patent DE113723C: Verfahren zur Darstellung von Halogenmethylderivaten aromatischer Oxycarbonsäuren, sowie ihrer Aether und Ester. Angemeldet am 15. Januar 1899, veröffentlicht am 19. September 1900, Anmelder: Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co.</ref><ref>Patent US675544A: Derivatives of Oxycarbonic Acid and Process of making same. Angemeldet am 5. August 1899, veröffentlicht am 4. Juni 1901, Anmelder: Farbenfabriken of Elberfeld Co, Erfinder: Arthur Eichengrün.</ref> und 1899 mit der Bildung von Ethern hieraus sowie deren pharmakologischen Bedeutung.<ref>Patent US662116A: Chlormethyl Salicylate of Thymol. Angemeldet am 5. August 1899, veröffentlicht am 20. November 1900, Anmelder: Farbenfabriken of Elberfeld Company, Erfinder: Arthur Eichengrün.</ref><ref>Patent US671622A: Pharmaceutical Compound and Process of making same. Angemeldet am 5. August 1899, veröffentlicht am 9. April 1901, Anmelder: Farbenfabriken Elberfeld Co, Erfinder: Arthur Eichengrün.</ref><ref>Patent US675543A: Derivatives of aromatic Oxy-aldehydes and Process of making same. Angemeldet am 5. August 1899, veröffentlicht am 4. Juni 1901, Anmelder: Farbenfabriken Elberfeld Co, Erfinder: Arthur Eichengrün.</ref>
Ab Mitte 1898 prangerte er in einer Serie von Publikationen in der Zeitschrift für Angewandte Chemie die inflationäre Entwicklung ungeprüfter Pharmawirkstoffe an, hierbei nannte er auch zahlreiche Wirkstoffe aus der eigenen Abteilung.<ref>Arthur Eichengrün: Der Geheimmittelerlass und die chemische Industrie. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 11. Jahrgang 1898, S. 456–463. (doi:10.1002/ange.18980112003)</ref><ref>Arthur Eichengrün: Mittheilungen aus dem Vereine deutscher Chemiker. 12. Die Überproduction an neuen Arzneimitteln. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 11. Jahrgang 1898, S. 892–897. (doi:10.1002/ange.18980113904)</ref><ref>Arthur Eichengrün: Die neuen Arzneimittel im ersten Semester 1898. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 11. Jahrgang 1898, S. 900–904. (doi:10.1002/ange.18980113906) (darin genannt sein Jodoformin und Jodoformal)</ref><ref>Arthur Eichengrün: Die neuen Arzneimittel im zweiten Semester 1898. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 12. Jahrgang 1899, S. 219–226. (doi:10.1002/ange.18990121002)</ref><ref>Arthur Eichengrün: Angebliche Curpfuscherei seitens der chemischen Industrie. Eine Abwehr. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 13. Jahrgang 1900, S. 55–60. (doi:10.1002/ange.19000130302)</ref><ref>Arthur Eichengrün: Die neuen Arzneimittel im Jahre 1900. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 14. Jahrgang 1901, S. 261–270. (doi:10.1002/ange.19010141102) (Schwerpunkt Jod-Antiseptica)</ref><ref>Arthur Eichengrün: Die neuen Arzneimittel im Jahre 1901. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 15. Jahrgang 1902, S. 217–225. (doi:10.1002/ange.19020151002)</ref>
Bis 1902 betreute er die wissenschaftliche Darstellung neuer Wirkstoffe in der Fachliteratur.<ref>Pharmazeutische Zeitung, 47. Jahrgang 1902, S. 857, S. 866–867. (Digitalisat)</ref> Die letzte Publikation<ref>Arthur Eichengrün: Die amtliche Prüfungsstelle für pharmazeutisch-chemische Präparate. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie, 21. Jahrgang 1908, S. 1974–1978. (doi:10.1002/ange.19080213803)</ref> sowie ein privat im Jahr 1908 angemeldetes US-Patent 1175791 zur Celluloseacetatverarbeitung<ref>Patent US1175791A: Process of obtaining a plastic composition. Angemeldet am 21. August 1908, veröffentlicht am 14. März 1916, Anmelder: Arthur Eichengrün, Erfinder: Felix Meyer.</ref> beendeten 1908 letztlich seine Karriere bei Bayer. Sein Doktorvater Alfred Einhorn begann zu diesem Zeitpunkt mit umfangreichen Forschungsarbeiten über Salicylsäure-Derivate.<ref>Alfred Einhorn, Alexander von Bagh: Über einige Derivate der Salicylsäure. In: Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft, 43. Jahrgang 1910, S. 322–336. (doi:10.1002/cber.19100430152)</ref>
1901 entwickelte er in einer anderen Abteilung zusammen mit K. Demeler unter der Handelsmarke Edinol (griech. „klar“) auch einen neuartigen Photoentwickler,<ref>Patent DE149123C: Photographische Entwickler. Angemeldet am 26. April 1901, veröffentlicht am 18. Februar 1904, Anmelder: Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co.</ref><ref>Patent US703241A: Photographic Developer. Angemeldet am 17. Juli 1901, veröffentlicht am 24. Juni 1902, Anmelder: Farbenfabriken of Elberfeld Co, Erfinder: Arthur Eichengrün, Karl Demeler.</ref> ein rauchloses Blitzpulver,<ref>Patent GB190123292A: Improvements in the Manufacture or Production of Flash Lights for Photography. Angemeldet am 18. November 1901, veröffentlicht am 1. Mai 1902, Anmelder: The Farbenfabriken vormals Friedrich Bayer & Co.</ref><ref>Patent US710047A: Pyrotechnic Compound. Angemeldet am 3. Februar 1902, veröffentlicht am 30. September 1902, Anmelder: Farbenfabriken of Elberfeld Co, Erfinder: Arthur Eichengrün.</ref> und meldete die ersten Verfahren<ref>Patent DE159524C: Verfahren zur Darstellung von Triacetylenverbindungen der Cellulose. Angemeldet am 2. August 1901, veröffentlicht am 18. Juli 1906, Anmelder: Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co.</ref><ref>Patent US790565A: Triacetyl Cellulose. Angemeldet am 8. Januar 1902, veröffentlicht am 23. Mai 1905, Anmelder: Farbenfabriken Elberfeld Co, Erfinder: Arthur Eichengrün, Theodor Becker.</ref><ref>Patent US734123A: Acetyl Cellulose. Angemeldet am 8. Januar 1902, veröffentlicht am 21. Juli 1903, Anmelder: Farbenfabriken Elberfeld Co, Erfinder: Arthur Eichengrün, Theodor Becker.</ref> zur Celluloseacetat-Produktion<ref>Patent DE252706C: Verfahren zur Herstellung hydratisierter Cellulseesterr. Angemeldet am 30. September 1905, veröffentlicht am 26. Oktober 1912, Anmelder: Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co..</ref> an. 1905 wurde letzteres als Cellit<ref>Informationen zur Marke 412799. Bayer-Wortmarke DE412799 Cellit vom 17. Juni 1929, gelöscht am 5. April 2001. Anmerkung: Die Handelsmarke Cellit wurde von Bayer bereits ab 1905 benutzt.</ref> vermarktet.
1905 entdeckte Eichengrün die dosierte Freisetzung von gasförmigem Formaldehyd bei Reaktion eines Gemischs von wässrigen Peroxiden mit festem Paraformaldehyd.<ref>Pharmazeutische Zeitung, 52. Jahrgang 1906, S. 769. (Digitalisat)</ref><ref>Pharmazeutische Zeitung, 52. Jahrgang 1906, S. 852. (Digitalisat)</ref><ref>Vierteljahresschrift für praktische Pharmazie, 4. Jahrgang 1907, Heft 1, S. 3 f. (Digitalisat)</ref> Dieses als Autan-Verfahren<ref>Informationen zur Marke 75042. Markenname Autan angemeldet am 28. Oktober 1904</ref> bekannt gewordene Desinfektionsverfahren wurde von Bayer zum Patent angemeldet.<ref>Patent DE177053C: Verfahren zur Entwicklung von gasförmigem Formaldehyd aus polymerisiertem Formaldehyd. Angemeldet am 13. Juli 1905, veröffentlicht am 15. November 1906, Anmelder: Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co..</ref><ref>Patent DE181509C: Verfahren zur Entwicklung von gasförmigem Formaldehyd aus polymerisiertem Formaldehyd. Angemeldet am 4. August 1905, veröffentlicht am 15. Februar 1907, Anmelder: Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co. (Zusatz zum Patent 177053).</ref>
Eichengrün war insgesamt an 47 Patenten beteiligt. Der Kunststoff Cellon wurde von ihm entwickelt. Außerdem zählen „Schallplatten aus Cellon“ zu den Erfindungen Eichengrüns, die jedoch oft über den Streit um die Erfindung des Aspirins übersehen werden.
Acetylsalicylsäure-Urheberschaft
„Der 1894 bei den FFB eingestellte Felix Hoffmann forschte an der Salicylsäure, synthetisierte daraus 1897 Acetylsalicylsäure, aus der unter Mithilfe seines Kollegen Arthur Eichengrün das 1899 patentierte Aspirin entstand.“
Eichengrün wurde einem breiteren Publikum hauptsächlich bekannt durch den Streit um die Frage, wer den Syntheseprozess für reine und damit pharmakologisch geeignete Acetylsalicylsäure (ASS) entwickelte. Er war nach eigener Behauptung, aber ohne Nachweis, (und eventuell zusammen mit Felix Hoffmann) Erfinder dieses Wirkstoffs vieler Schmerztabletten. In der Standardliteratur wird die Synthese medizinisch reiner Acetylsalicylsäure im Jahr 1897 Felix Hoffmann, einem jungen Chemiker von Bayer, zugeschrieben.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Bayer-Pressemitteilung 1999 ( vom 28. September 2007 im Internet Archive).</ref>
In einem Brief an die I.G. Farben (als Rechtsnachfolgerin der Farbenfabriken) während der letzten Tage seiner KZ-Inhaftierung sowie in einer 1949 veröffentlichten Arbeit beanspruchte Eichengrün die Verantwortung für die Planung und Koordination Aspirins sowie einiger benötigter Hilfsstoffe. Er habe zudem die ersten heimlichen klinischen Tests mit ASS vorgenommen. Hoffmanns Arbeit sei eine rein ausführende Tätigkeit gewesen. Dessen Aufgabe sei allein die erstmalige Synthese gewesen, die auf Eichengrüns Prozess beruhte. Weitere von Nationalsozialisten propagierte ASS-Erfinder seien an der Entwicklung überhaupt nicht beteiligt gewesen.<ref>Arthur Eichengrün: 50 Jahre Aspirin. In: Pharmazie. Nr. 4, 1949, S. 582–584.</ref>
Eichengrüns Version der Ereignisse wurde ignoriert, bis Walter Sneader von der Abteilung Pharmazeutische Wissenschaften der University of Strathclyde in Glasgow den Fall 1999 erneut untersuchte.<ref>Walter Sneader: The discovery of aspirin. A reappraisal. In: British Medical Journal (BMJ). Band 321, Nr. 7276, 23. Dezember 2000, ISSN 0959-8138, S. 1591–1594, PMC 1119266 (freier Volltext).</ref> Er hält Eichengrüns Darstellung für überzeugend: Ihm gebühre die Ehre der Erfindung von ASS.<ref>Spiegel Online: Aspirin: Eine kriminelle Geschichte? 6. September 1999.</ref> Bayer bestritt 1999 diese Theorie in einer Pressemitteilung und schrieb die ASS-Synthese weiterhin Hoffmann zu. In der Jubiläumsschrift 125 Jahre Bayer wurde Eichengrün 1988 mehrfach erwähnt, nicht jedoch in Zusammenhang mit Aspirin.<ref>Gottfried Plumpe, Heinz Schultheis: Meilensteine – 125 Jahre Bayer – 1863–1988. Erik Verlag, Bayer AG, Leverkusen August 1988, ISBN 3-921349-48-6, 624 Seiten.</ref> Ein noch vorhandenes Laborprotokoll aus dem Jahr 1897 belegt jedoch die Beteiligung Eichengrüns.<ref>Georg Schwedt: Chemie der Arzneimittel. Wiley-VCH, Weinheim 2018, ISBN 978-3-527-34503-8.</ref>
Kunstsammlung
Arthur Eichengrün baute eine „wertvolle[…], wenn auch konventionellen Geschmack zeigende[…] Kunstsammlung“ auf, die die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg fast vollständig überstand. Sie wurde nach seinem Tod 1950 in Berlin versteigert.<ref>Elisabeth Vaupel: Arthur Eichengrün – Hommage an einen vergessenen Chemiker, Unternehmer und deutschen Juden. In: Angewandte Chemie. Band 117, Nr. 22, 2005, ISSN 1521-3757, S. 3415/3419 (Endnote 44), doi:10.1002/ange.200462959 (wiley.com [abgerufen am 6. Mai 2025]).</ref>
Auszeichnungen
- 1929: Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Hannover (als Dr.-Ing. E.h.), die ihm jedoch wenige Jahre später aus rassistischen Gründen wieder aberkannt wurde<ref>Simon Benne: Wäldners Liste. In der NS-Zeit erkannte die heute Leibniz-Uni missliebigen Akademikern ihre Titel ab. Erst jetzt könnte es zu einer Rehabilitation kommen. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 20. Oktober 2011, S. 15.</ref>
- 1948: Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Berlin (als Dr. rer. nat. h. c.)
Literatur
- Edgar Eichengrün: Eichengrün, Ernst Arthur. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 4. Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. Vorlage:VonBis (deutsche-biographie.de).
- Arthur Eichengrün: 50 Jahre Aspirin. In: Die Pharmazie, 4. Jahrgang 1949, S. 582–584.
- Ernst Bahrdt: Prüfung und Begutachtung des Cellon-Feuerschutzes der Cellon-Werke Dr. Arthur Eichengrün. Preußischer Feuerwehr-Beirat, Berlin-Charlottenburg 1924.
- Elisabeth Vaupel: Lorbeer für Eichengrün. Hommage an einen vergessenen jüdischen Chemiker In: Kultur & Technik, Jahrgang 2005, S. 46. (online als PDF; 8,3 MB)
- Elisabeth Vaupel: Arthur Eichengrün. Hommage an einen vergessenen Chemiker, Unternehmer und deutschen Juden. In: Angewandte Chemie, 117. Jahrgang 2005, S. 3408–3419. (doi:10.1002/ange.200462959)
- Cellit-Lacke und Cellon-Fenster. Die Kunststoffe des Chemikers Arthur Eichengrün und ihre Bedeutung für den Zeppelinbau. In: Zeppelin Museum Friedrichshafen (Hrsg.): Wissenschaftliches Jahrbuch 2006. S. 56–75.
- Walter Sneader: The discovery of aspirin. A reappraisal. In: British Medical Journal, PMC 1119266 (freier Volltext)
(Antworten auf Sneaders Arbeit im British Medical Journal und <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Bayer-Pressemitteilung 1999 ( vom 28. September 2007 im Internet Archive)) - Isabel Miecke-Meyer: Ein Schmerz bleibt. Der Lebensweg des Aspirin-Erfinders Arthur Eichengrün war erfolgreich, aber auch demütigend und beschwerlich. Am Ende führte er nach Bad Wiessee. In: Tegernseer Tal, Ausgabe 179 (Frühjahr/Sommer 2023), S. 45–47. (mit fünf Abbildungen)
- Ulrich Chaussy: Arthur Eichengrün. Der Mann, der alles erfinden konnte, nur nicht sich selbst. Herder, Freiburg i. Br. 2023, ISBN 978-3-451-39216-0.
Weblinks
- Biografie von Walter Sneader im Complete Dictionary of Scientific Biography.
- Maren Gottschalk: 23.12.1949: Der Erfinder Arthur Eichengrün stirbt in Bad Wiessee. In: WDR5, ZeitZeichen, 23. Dezember 2024, (Podcast, 14:51 Min., verfügbar bis 24. Dezember 2034.)
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Eichengrün, Arthur |
| ALTERNATIVNAMEN | Eichengrün, Ernst Arthur (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Chemiker und Unternehmer |
| GEBURTSDATUM | 13. August 1867 |
| GEBURTSORT | Aachen |
| STERBEDATUM | 23. Dezember 1949 |
| STERBEORT | Bad Wiessee |
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