Max Merten
Max Merten, auch Maximilian Merten, (* 8. September 1911 in Berlin-Lichterfelde; † 21. September 1971 in West-Berlin) war ein deutscher Jurist und Verwaltungsoffizier der Heeresgruppe E in Thessaloniki im Range eines Hauptmanns.<ref>Wolfgang Breyer: Dr. Max Merten – ein Militärbeamter der deutschen Wehrmacht im Spannungsfeld zwischen Legende und Wahrheit Mannheim, Univ.-Diss., 2003</ref>
Leben
Nach dem Abitur 1930 studierte Merten Jura an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. Am 28. Juli 1937 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 4.363.753),<ref>Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/28391131</ref> was er später bestritt. 1938 wurde er Gerichtsassessor und 1939 Landgerichtsrat im Reichsjustizministerium. Bei Beginn des Krieges wurde er aufgrund einer früheren Verletzung beim Luftgaukommando in Berlin-Dahlem als Schreiber eingesetzt. Ende Juli 1942 erfolgte seine Ernennung zum Kriegsverwaltungsrat und Versetzung zum Wehrmachtsbefehlshaber Saloniki-Ägäis in Saloniki. Dort leitete er als Nachfolger von Karl Marbach im Rang eines Hauptmanns die Abteilung „Verwaltung und Wirtschaft“,<ref>Heinz A. Richter: Sühnung von Kriegsverbrechen, Reparationsforderungen und der Fall Merten in Thetis Band 20, Mannheim 2013, S. 444ff</ref> die für die Versorgung der Truppe und der Zivilbevölkerung in Westmakedonien zuständig war.
Mitwirkung an der Verfolgung von Juden in Saloniki
Merten unterzeichnete Befehle zur Kennzeichnung, zur Ghettoisierung und zum Vermögenseinzug der Juden. Diese Maßnahmen erleichterten es Alois Brunner und Dieter Wisliceny, den Massenmord an den Juden von Saloniki durchzuführen.
Im Herbst 1942 hatte er mit dem Versprechen, 9.000 Männer noch vor Anbruch des Winters aus der Zwangsarbeit auszulösen, von der jüdischen Gemeinde in Saloniki noch 2,5 Milliarden Drachmen und die Übertragung des jüdischen Friedhofs erpresst.<ref>Devin Naar (Seattle): Saloniki. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 5: Pr–Sy. Metzler, Stuttgart/Weimar 2014, ISBN 978-3-476-02505-0, S. 310 / Dokument VEJ 14/220 in: Sara Berger u. a. (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 14: Besetztes Südosteuropa und Italien. Berlin 2017, ISBN 978-3-11-055559-2, S. 553–558.</ref> Die Grabsteine wurden zu Pflasterarbeiten und unter anderem zum Bau eines Schwimmbades für die deutschen Besatzer verwendet.<ref>Sara Berger u. a. (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden... Band 14, Berlin 2017, ISBN 978-3-11-055559-2, S. 66.</ref> Merten unterzeichnete am 6. Februar 1943 eine Anordnung von Johannes Haarde, dem Befehlshaber Saloniki-Ägäis, mit der die Kennzeichnung und Ghettoisierung der Juden von Saloniki eingeleitet wurde. Am 25. Februar erließ Merten den Befehl zum Ausschluss der Juden aus Berufsverbänden. Auf Anordnung des Befehlshabers Saloniki-Ägäis wurde im März 1943 eine Dienststelle zur Verwaltung des Judenvermögens eingerichtet.<ref>Sara Berger u. a. (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden... Band 14, Berlin 2017, ISBN 978-3-11-055559-2, S. 67 und Dokument VEJ 14/227.</ref> Bei der Auswahl griechischer Treuhänder für die mehr als 10.000 jüdischen Häuser und 2300 Läden intervenierte Merten mehrfach; nach Kriegsende wurde ihm auch persönliche Bereicherung vorgeworfen.<ref>Stratos N. Dordanas: The Jewish Community of Thessaloniki and the Christian Collaborateurs: „Those that are Leaving and What They are Leaving behind“. In: Giorgios Antoniou, A. Dirk Moses: The Holocaust in Greece. Cambridge University 2018, ISBN 978-1-108-47467-2, S. 221–215.</ref>
Ab Frühjahr 1943 wurden 48.974 Juden aus Saloniki in Vernichtungslager nach Polen deportiert, 37.386 wurden sofort vergast. Der von Eichmann mit der Deportation beauftragte Dieter Wisliceny erklärte später, „die Aktion in Saloniki sei nur durch die enge Zusammenarbeit mit der Militärverwaltung möglich gewesen“.<ref>Mark Mazower: Griechenland unter Hitler. Das Leben während der deutschen Besatzung 1941–1944, Frankfurt 2016, S. 287</ref>
Nachkriegszeit und Gerichtsverfahren
1946 war Merten in Dachau inhaftiert. Die Amerikaner boten der griechischen Regierung seine Auslieferung an, aber diese lehnte mit Hinweis auf sein untadeliges Verhalten während der Besatzung ab.<ref>Susanne-Sophia Spiliotis: Der Fall Merten und die deutsch-griechische „Aufarbeitung“ der Besatzungsherrschaft in Griechenland während des Zweiten Weltkrieges. In: Versöhnung ohne Wahrheit? Deutsche Kriegsverbrechen in Griechenland im Zweiten Weltkrieg. Mannheim 2001, S. 69ff</ref>
Merten arbeitete als Rechtsanwalt in Berlin. 1952 war er einer der Gründer der Gesamtdeutschen Volkspartei.
1957 wurde er bei einem Besuch in Griechenland festgenommen und im März 1959 von einem Sondermilitärgericht wegen der Deportation der jüdischen Bevölkerung von Thessaloniki zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt; vom Vorwurf der Repressalien gegen die Zivilbevölkerung wurde er freigesprochen.<ref>Susanne-Sophia Spiliotis: Der Fall Merten und die deutsch-griechische „Aufarbeitung“ der Besatzungsherrschaft in Griechenland während des Zweiten Weltkrieges. In Karl Giebeler, Heinz A. Richter, Reinhard Stupperich (Hrsg.): Versöhnung ohne Wahrheit? Deutsche Kriegsverbrechen in Griechenland im Zweiten Weltkrieg Mannheim 2001, S. 69 ff.</ref>
Die damalige Bundesregierung unter Kanzler Konrad Adenauer übte Druck auf den griechischen Premierminister Konstantinos Karamanlis aus und versuchte, den Fall Merten mit dem deutsch-griechischen Globalabkommen zu verbinden. Am 23. Oktober 1959 verabschiedete das griechische Parlament ein Gesetz, das die Einstellung aller Kriegsverbrecherverfahren, die Auflösung des nationalen Kriegsverbrecherbüros und die Abschiebung aller Häftlinge beinhaltete.<ref>Heinz A. Richter: Sühnung von Kriegsverbrechen, Reparationsforderungen und der Fall Merten in Thetis Band 20, Mannheim 2013, S. 4459</ref> Merten wurde wenige Tage später nach insgesamt 30 Monaten Haft in die Bundesrepublik abgeschoben.<ref>Susanne-Sophia Spiliotis: Der Fall Merten und die deutsch-griechische „Aufarbeitung“ der Besatzungsherrschaft in Griechenland während des Zweiten Weltkrieges. in Versöhnung ohne Wahrheit? Deutsche Kriegsverbrechen in Griechenland im Zweiten Weltkrieg Mannheim 2001, S. 76</ref>
Nach seiner Rückkehr behauptete Merten unter anderem, er sei 1942 in Berlin und Saloniki mit Adolf Eichmann zusammengetroffen und habe über die Ausreise von 20.000 Juden nach Palästina verhandelt. Der damalige Ministerialbeamte im Reichsinnenministerium Hans Globke habe jedoch seine Zustimmung verweigert.<ref>Ihr Onkel Konstantin Der Spiegel 40/1960 vom 28. September 1960</ref> In seiner eidesstattlichen Zeugenaussage zur Vorlage im Eichmann-Prozess konnte Merten sich dann an Namen und Personen, mit denen er verhandelt haben wollte, nicht erinnern.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20160325095840
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}}
}} Der Fall Dr. Hans Globke, Fritz Bauer Archiv, abgerufen am 15. September 2016</ref><ref>Jürgen Bevers: Der Mann hinter Adenauer. Hans Globkes Aufstieg vom NS-Juristen zur Grauen Eminenz der Bonner Republik. Ch. Links Verlag, Berlin 2009, S. 170 f.</ref> Es habe sich „nicht der geringste Anhaltspunkt für die Wahrheit der von Merten aufgestellten Behauptungen“ ergeben. Dafür wurde ein Ermittlungsverfahren gegen Merten wegen falscher Verdächtigung und Falschaussage eingeleitet. Da Merten nicht zur Hauptverhandlung erschien, wurde das Verfahren ergebnislos ausgesetzt.<ref>Max Merten contra Hans Globke Die Zeit, 5. November 1965</ref> Nachdem er die griechische Regierung der Kollaboration mit den deutschen Besatzern bezichtigt hatte, wurde Merten im November 1961 in Griechenland wegen übler Nachrede in Abwesenheit zu vier Jahren Haft verurteilt.<ref>Reiner Burger: Die Märchen des Max Merten FAZ, 19. April 2015</ref>
Merten wurde auch durch die Kanzlei von Gustav Heinemann und Diether Posser vertreten.<ref>Der Bundespräsident und der Kriegsverbrecher – Überraschende Erkenntnisse zu Gustav Heinemann Der Spiegel, 31. Juli 2022</ref>
Später wurde er für seine Zeit in griechischer Haft vom deutschen Staat entschädigt.<ref>Elena Panagiotidis: „Es ist wichtig, dass diese Wunde nicht weiter schwärt“, in: Neue Zürcher Zeitung (236), Nr. 69, 24. März 2015, S. 5</ref> 1968 stellte das Landgericht Berlin ein Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum Mord an über 50.000 Juden in Griechenland ein.<ref>Reiner Burger: Die Märchen des Max Merten FAZ, 19. April 2015</ref>
Literatur
- Steven B. Bowman: The agony of Greek Jews, 1940–1945. Stanford University Press, Stanford 2009, ISBN 0-8047-5584-1.
- Wolfgang Breyer: Dr. Max Merten – ein Militärbeamter der deutschen Wehrmacht im Spannungsfeld zwischen Legende und Wahrheit. Dissertation, Universität Mannheim, 2003.
- Julia Chatzipanagioti-Sangmeister, «Der Entstehungsprozeß einer Figur mit Motivfunktion: Der ‘Deutsche’ in der neugriechischen Prosa (1884-1998)», Göttinger Beiträge zur byzantinischen und neugriechischen Philologie 1 (2001), S. 7-26.
- Gerrit Hamann: Die Rosenburg und der Kriegsverbrecher: Der Fall Max Merten. In: Gerd J. Nettersheim/Doron Kiesel (Hrsg.): Das Bundesministerium der Justiz und die NS-Vergangenheit. Bewertungen und Perspektiven. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021, ISBN 978-3-666-35218-8, S. 123–152.
- Gerrit Hamann: Max Merten. Jurist und Kriegsverbrecher. Eine biografische Fallstudie zum Umgang mit NS-Tätern in der frühen Bundesrepublik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2022 (Die Rosenburg; 4), ISBN 978-3-525-35224-3.
Weblinks
- }} Literatur von und über {{#invoke:WLink|getArticleBase}} im Katalog der {{#ifeq: Max Merten | Deutsche Nationalbibliothek | DNB | Deutschen Nationalbibliothek}}{{#ifeq: 0 | 0
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| Vorlage:DNB-Portal – veraltete Parametrisierung 3=
}}
}}
- Hagen Fleischer: Saloniki unter dem Hakenkreuz Vortrag Thessaloniki, 15. März 2011
- Studienkreis Deutscher Widerstand 1933–1945: Max Merten Abgerufen am 16. September 2016.
- Samuel Hassid: The Trial of Max Merten in the Changing Mirrors of Time and Place (PDF; 188 kB). Technion, Haifa 2002
- Eberhard Rondholz: Eine längst vergessene Geschichte. In: konkret, Nr. 08/2000
Einzelnachweise
<references />
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