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Maurice Utrillo

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Datei:Maurice Utrillo, ca. 1915-1920.jpg
Maurice Utrillo auf einer Fotografie, zwischen 1915 und 1920

Maurice Utrillo [<templatestyles src="IPA/styles.css" />{{#if:|[}}mɔʁis ytʁijo{{#if:

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|all= 1= |opt= 2= Tondatei= |template=Vorlage:IPA |errNS= 0 |cat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:IPA |format=@@@ }}] (* 26. Dezember 1883 in Paris; † 5. November 1955 in Dax) war ein französischer Maler. Er war der Sohn von Suzanne Valadon, selbst eine bekannte Malerin, und einem unbekannten Vater. Den Nachnamen erhielt er 1891 von dem katalanischen Maler Miquel Utrillo, der offiziell die Vaterschaft für ihn übernahm. Seine Signatur Maurice Utrillo V. verweist allerdings auch auf den Nachnamen der Mutter, die lebenslang für ihn prägend blieb und mit der er gemeinsame Ateliers führte.

Utrillo wurde schon als Jugendlicher alkoholkrank. Aufenthalte in Heilanstalten zogen sich durch seinen Lebensweg. Die Malerei betrieb er ursprünglich als Therapie, entwickelte jedoch bald eine Meisterschaft, die ihm ermöglichte, vom Verkauf seiner Bilder zu leben. Anfangs war er vom Impressionismus beeinflusst, seine späteren Werke lassen sich jedoch keiner Stilrichtung zurechnen und blieben eigenständig und unabhängig von modernen Kunstströmungen einem traditionellen Realismus verhaftet. Die „weiße Periode“, die je nach Standpunkt zwischen 1907 und 1912 einsetzte und 1914 endete, gilt als sein Hauptwerk. Ihr schloss sich ab etwa 1920 eine „farbige Periode“ an. Utrillos Motive waren vor allem die häufig menschenleeren Gassen und Gebäude des Montmartre, so dass er auch als „Maler des Montmartre“ bezeichnet wird.

Leben

Datei:(Barcelona) Photographie de Suzanne Valadon et de Maurice Utrillo.jpg
Fotografie von Suzanne Valadon und ihrem Sohn Maurice Utrillo, um 1890

Maurice Utrillo wurde am 26. Dezember 1883 in Paris geboren.<ref>Die Eintragung beim Standesamt datiert auf den 26. Dezember 1883, der Betreuer von Utrillos Werk Paul Pétridès gibt allerdings den 25. Dezember an, weswegen sich dieses Datum auch in einigen Monografien findet. Siehe Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 11–12.</ref> Seine Mutter Marie-Clémentine Valadon bewegte sich in der Kunstszene des Montmartre und stand vielen Malern Modell. Später wurde sie selbst als Suzanne Valadon eine bekannte Malerin. Sein Vater ist bis heute nicht verifiziert. Im Jahr 1891 erkannte der katalanische Maler und Kunstkritiker Miquel Utrillo die Vaterschaft für Maurice offiziell an. Dies war jedoch möglicherweise eher ein Liebesdienst für Marie-Clémentine; die Beziehung zerbrach bald wieder. Maurice Utrillo gab den Namen der Mutter nie vollständig auf. Seine ersten Bilder signierte er Maurice U. Valadon, die späteren bis zu seinem Lebensende Maurice Utrillo V.<ref>Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 13.</ref>

Utrillos Kindheit und Jugend waren schwierig. Wegen dem unsteten Leben und den wechselnden Beziehungen seiner Mutter wuchs er anfänglich bei der Großmutter auf. Im Jahr 1893 zog die Mutter mit Paul Mousis, einem reichen Kaufmann, den sie drei Jahre später heiratete, in ein Landhaus bei Montmagny nahe Pierrefitte-sur-Seine. Der uneheliche Sohn fühlte sich in der neuen Umgebung unwillkommen und einsam. Früh machte er erste Erfahrungen mit Alkohol.<ref>Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 15.</ref> Im Jahr 1896 wurde er auf ein Pariser Internat geschickt, das Collège Rollin (heute Collège-lycée Jacques-Decour). Als er die Troisième (vergleichbar: Tertia) wiederholen sollte, ging er mit 16 Jahren ohne Abschluss ab. Er arbeitete kurz als Laufbursche eines englischen Handelsvertreters, dann begann er eine Banklehre beim Crédit Lyonnais, wo er wie an den folgenden Arbeitsstellen für Eklats sorgte und seinen Hinauswurf provozierte. Jeanine Warnod formulierte in ihrer Biografie über Utrillo: „Überall tut er alles, um hinausgeworfen zu werden, und daß niemand ihn haben will.“<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 29–30.</ref> Mit 17 Jahren machte er in der Trinkerheilanstalt Sainte-Anne eine erste Entwöhnungskur, die seine Alkoholkrankheit jedoch nicht heilen konnte. In den folgenden zwanzig Jahren schlossen sich viele weitere Aufenthalte in Heilanstalten an.<ref>Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 15–16.</ref>

Ein Arzt und Freund der Familie namens Ettlinger gab der Mutter, die inzwischen zu ersten künstlerischen Erfolgen gelangt war, den Rat, ihren Sohn zum Malen anzuregen, um seinem Leben einen Halt zu geben. Zuerst wehrte sich der Junge gegen die unwillkommene Zwangsbeschäftigung, doch bald schon zeigten seine Experimente auf der Leinwand trotz fehlender akademischer Ausbildung bemerkenswerte Fertigkeiten sowie Originalität und Eigenwilligkeit. Von 1902 bis 1904 entstanden, hauptsächlich in Montmagny, etwa 150 Bilder. Schon 1905 wurden erste Kunstkenner und -händler auf ihn aufmerksam, darunter Adolphe Tabarant und Clovis Sagot, der Utrillo pro Bild drei bis fünf Francs zahlte.<ref name="couthion16">Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 16.</ref> Die Malerei war für Utrillo ebenso eine Flucht aus verzweifelten Stimmungen wie der Alkohol. In der Kunst suchte und fand er eine Anerkennung, die seinem Leben sonst fehlte. Vor allem aber diente sie dazu, sein Trinken zu finanzieren. Dabei verramschte er seine Bilder regelrecht, um tagsüber das Geld für den nächsten Alkoholrausch aufzutreiben.<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 39–40.</ref>

Datei:Apéritif à Montmartre, avenue Junot avec Suzanne Valadon, Maurice Utrillo et André Utter.jpg
Fotografie von Suzanne Valadon, Maurice Utrillo und André Utter (von links nach rechts), zwischen 1926 und 1927

Im Jahr 1906 lernte Utrillo den drei Jahre jüngeren Maler André Utter kennen und befreundete sich mit ihm. Als Utter drei Jahre später zum Liebhaber seiner inzwischen getrennt lebenden Mutter wurde, war dies für Utrillo ein Schock. Im Jahr 1914 heirateten Utter und Valadon.<ref name="warnod45">Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 45.</ref> Der neue Stiefvater zeigte deutlich mehr Verständnis für die schwierige Persönlichkeit und den Lebenswandel Utrillos als der Kaufmann Mousis. Mehrfach bildeten die drei Künstler eine Ateliergemeinschaft.<ref>Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 18.</ref> Im Jahr 1912 richteten sie sich in der Rue Cortot 12 ein gemeinsames Atelier ein, das heute im Musée de Montmartre zu besichtigen ist.<ref name="museedemontmartre">L'atelier-appartement de Suzanne Valadon beim Musée de Montmartre.</ref> Eigene Ateliers besaß Utrillo im Château de Saint-Bernard im Lyonnais, das sie 1924 gemeinsam erwarben und in dem er das folgende Jahrzehnt die Sommer verbrachte, sowie ab 1926 in einer Villa auf dem Montmartre in der Avenue Junot, die sich Valadon, Utrillo und Utter hatten bauen lassen.<ref>Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 18–20.</ref> Die drei Künstler wurden später auch die „verfluchte Dreieinigkeit“<ref>Teresa Köster: Suzanne Valadon: Beständiges Widerstreben. In: SchirnMag (Magazin der Schirn Kunsthalle Frankfurt), 3. März 2014.</ref> genannt (La trinité maudite, nach einer Veröffentlichung Robert Beachboards).<ref name="warnod45" /> Ihr Zusammenleben war konfliktbeladen. In einem undatierten Brief<ref>Maïthé Vallès-Bled: Biographie. In: Utrillo. Musée de Lodève, 28 juin - 26 octobre 1997. Electa, Mailand 1997, ISBN 88-435-6210-X, S. 63.</ref> begründete Utter einen vorübergehenden Auszug: „Da ich weder Zeuge, noch Opfer oder Anlaß eines Dramas sein möchte, fliehe ich vor diesem schaurigen Kranken und dieser furchtbaren Atmosphäre.“<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 86, 91.</ref> Die Auseinandersetzungen mit Utrillo währten bis zu dessen endgültigen Auszug 1935.<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 89.</ref>

Datei:Maurice Utrillo - L'Église Saint-Séverin (ca. 1913).jpg
L’Église Saint-Séverin (ca. 1913), Öl auf Leinwand, 73 × 54 cm, National Gallery of Art, Washington D.C.

In den Jahren zwischen etwa 1907 und 1914 entstanden Utrillos Hauptwerke aus seiner so genannten „weißen Periode“. Seine Motive fand er vor allem in den Gassen und Gebäuden des Montmartre-Viertels.<ref>Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 17.</ref> Erholungsreisen 1912 nach Ouessant in die Bretagne und 1913 nach Korsika sorgten für kurzzeitige motivische Abwechslung.<ref>Jean Fabris u. a.: Utrillo, sa vie, son oeuvre. Editions Frédéric Birr, Paris 1982, ISBN 2-85754-009-4, S. 36.</ref> Um 1916 bis 1919 war im Rückblick einiger Kunsthistoriker bereits ein allmählicher „Abstieg“ oder „Verfall“ zu bemerken, hatte sich Utrillos Thematik in gewisser Hinsicht „überlebt“. Dennoch setzte die allgemeine Anerkennung erst ab 1920 ein.<ref>Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 18.</ref> Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem Utrillo für kriegsuntauglich erklärt worden war,<ref name="akl">Utrillo, Maurice, Eintrag in AKL Online von Susanna Partsch.</ref> nahm der Kunsthandel wieder einen Aufschwung, Utrillos Werke wurden auf bedeutenden Ausstellungen gezeigt und erzielten immer höhere Preise. Für das Ballett Barabau von Sergei Djagilew entwarf er das Bühnenbild und die Kostüme. Im Jahr 1926 brachte eine Auktion von L’Église Saint-Séverin 50.000 Francs ein – ein großer Sprung von der Handvoll Francs 21 Jahre zuvor. 1928 wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt.<ref>Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 18–20.</ref>

Auch in der Zeit seiner größten Schaffenskraft war Utrillos Leben bestimmt durch Alkoholexzesse und insgesamt elf Aufenthalte in Heilanstalten zwischen 1901 und 1921. 1912 und 1914 wurde er in die Heilanstalt von Sannois eingeliefert, 1916 in das Asyl von Villejuif, 1917 schwerkrank in das Hôpital Saint-Louis, 1918 in der Heilanstalt von Aulnay-sous-Bois interniert, aus der er floh und freiwillig die Anstalt von Picpus vorzog. 1921 folgte ein kurzer Gefängnisaufenthalt in La Santé, anschließend Internierungen in Sainte-Anne und Ivry-sur-Seine. Auch die Polizei führte eine Akte über den regelmäßig auffälligen Trinker mit dem Vermerk „reconnait“ (polizeilich bekannt). Immer wieder wurde er wegen kleiner Anlässe wie Sachbeschädigung oder Belästigung verhaftet.<ref>Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 18–20.</ref> Auf einem Polizeirevier zog er sich 1924 schwere Kopfverletzungen zu, als er aus Angst vor einer neuen Einweisung mit dem Kopf gegen eine Wand rannte.<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 69.</ref> Der Vorfall wird teilweise auch als Suizidversuch gewertet.<ref name="akl" /> Wegen Zweifeln an seiner Geschäftsfähigkeit ermächtigte er 1925 seine Mutter und seinen Stiefvater, alle Geschäfte für ihn zu führen.<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 72.</ref> In der Isolation des Rückzugsortes Saint-Bernard begann er von 1928 an zunehmend, sich der Religion zuzuwenden. Mit knapp 50 Jahren ließ er sich am 8. Juni 1933 in Lyon taufen.<ref>Maïthé Vallès-Bled: Biographie. In: Utrillo. Musée de Lodève, 28 juin - 26 octobre 1997. Electa, Mailand 1997, ISBN 88-435-6210-X, S. 63–64.</ref>

Erst 1935, als Utrillo die fünf Jahre ältere Lucie Pauwels heiratete, änderte sich sein Lebenswandel. Die Witwe des belgischen Finanziers Robert Pauwels hatte eigene künstlerische Ambitionen und malte unter dem Künstlernamen Lucie Valore. Utrillo nannte sie „La Bonne Lucie“, die „gute Lucie“. Den Namen trug auch die Villa in Le Vésinet, die sie ausgewählt hatte und in der er die letzten Jahres seines Lebens verbrachte,<ref>Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 20.</ref> nachdem das Paar zwischen 1935 und 1937 in Angoulême gelebt hatte.<ref>Maïthé Vallès-Bled: Biographie. In: Utrillo. Musée de Lodève, 28 juin - 26 octobre 1997. Electa, Mailand 1997, ISBN 88-435-6210-X, S. 67–68.</ref> Valore war eine Freundin der Familie, sie und ihr Mann hatten schon vorher ihre Bilder gesammelt. Jeanine Warnod führt den Plan für die Ehe auf das Betreiben Valadons zurück.<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 86.</ref> Valore knüpfte die Verbindung zum Kunsthändler Paul Pétridès, dem noch im selben Jahr die Exklusivrechte an Utrillos Werk übertragen wurden und der fortan jedes Jahr neue Ausstellungen organisierte. Valores Rolle wurde unterschiedlich bewertet. Pétridès sprach von einer „liebenswerten Gefährtin“, deren „kluge Fürsorge“ Utrillos Leben beträchtlich verlängert habe, der Maler und Autor Michel Georges-Michel von einer „Krankenwärterin“, die ihren Gatten ausgebeutet habe, andere Stimmen von einem „luxuriösen Gefängnis“, in dem Utrillo vorgeführt wurde, um die Karriere seiner Frau zu fördern. Seine eigene künstlerische Inspiration verlor Utrillo am Ende seines Lebens, als er „bürgerlich“ geworden war und nur noch reproduzierte, statt Neues zu schaffen.<ref>Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 20–21.</ref>

Am 7. April 1938 starb Suzanne Valadon. Utrillo blieb den Trauerfeierlichkeiten fern und betete den ganzen Tag in seinem privaten Oratorium. 1948 starb auch André Utter. Im gleichen Jahr gestaltete Utrillo das Bühnenbild für Gustave Charpentiers Oper Louise. Utrillo starb am 5. November 1955 als 71-Jähriger im Krankenhaus von Dax im Département Landes nahe der französischen Atlantikküste, wo Valore sich zur Kur befand, an einer Lungenentzündung. Die Trauerfeier fand vier Tage später in der Kirche Saint-Pierre de Montmartre statt, die er selbst häufig gemalt hatte. Er wurde auf dem Pariser Friedhof Cimetière Saint-Vincent am Montmartre beigesetzt.<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 89, 91.</ref>

Künstlerischer Werdegang

Impressionistische Anfänge

Utrillo war weitgehend ein Autodidakt, künstlerisch in erster Linie beeinflusst durch seine Mutter, die mit zahlreichen Malern des Impressionismus rund um den Montmartre bekannt war.<ref>Klaus Werner: Maurice Utrillo. Verlag der Kunst, Dresden 1980, S. 2, 6.</ref> In seiner Autobiografie beschrieb er seine Anfänge: „Man hat gesagt, ich wäre von Pissarro beeinflußt. Gelegentliches Zusammentreffen, vielleicht, aber Einfluß damals, kaum. Ich sah keine Bilder, außer denen meiner Mutter. Das Malen ist vom Zufall abhängig und hat, wie man so sagt, weder Gott noch Gesetz. Also folgte ich den Impulsen meines bildhaften Temperaments, arbeitete, wie es mir gefiel, und folgte meinen Eingebungen, wie sie meinem Charakter zusagten.“<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 31.</ref>

Utrillos erste Skizzen galten der Natur. Er malte die Hügel der Pariser Vororte Montmagny und Pierrefitte-sur-Seine.<ref>Klaus Werner: Maurice Utrillo. Verlag der Kunst, Dresden 1980, S. 2, 5.</ref> Die Farben waren dunkel, die Oberflächen der Bilder rau.<ref name="couthion16" /> Bevorzugt war ein blauviolettes Kolorit. Erst um 1906 schob sich in La Butte Pinson à Montmagny eine weiße Hausfassade ins Bild. Die Inschrift „VINS“ (deutsch: „Weine“) über einem der Fenster wiederholte er später häufig. Um 1905 schuf er mit Studien zum Pont Saint-Michel, im Vordergrund Kähne auf der Seine, im Hintergrund die Kathedrale Notre-Dame, seine erste Werkfolge, der sich später viele weitere anschlossen.<ref>Klaus Werner: Maurice Utrillo. Verlag der Kunst, Dresden 1980, S. 2, 5–6.</ref> Auch von den rund 700 Landschaften, die Utrillo zwischen 1907 und 1910 malte, folgten viele noch impressionistischen Einflüssen. In diesen Jahren setzte aber auch seine berühmte „weiße Periode“ ein.<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 32.</ref>

Weiße Periode

Beginn und Ende der „weißen Periode“, des frühen Höhepunkts in Utrillos Werk, sind schwer einzugrenzen. Jeanine Warnod etwa datiert sie lediglich von 1912 bis 1914, schränkt aber ein, dass sie auch vor dieser Blütezeit auszumachen sei und selbst nach 1930 hin und wieder noch aufscheine.<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 32.</ref> Auch Guy Domand legt den Höhepunkt der Periode auf die Jahre 1912 bis 1914.<ref>Maurice Utrillo. Mit einer Einführung von Guy Dormand. Südwest, München 1965, S. 6.</ref> Für Josef Giesen beginnt sie 1911,<ref name="giesen14">Maurice Utrillo. Mit einer Einführung von Josef Giesen. Kurt Desch, München 1954, S. 14.</ref> für Alfred Werner 1909,<ref name="awerner8">Alfred Werner: Maurice Utrillo. H. N. Abrams, New York 1953, S. 8.</ref> für Paul Pétridès 1908.<ref>Maurice Utrillo. Mit einer Einführung von Guy Dormand. Südwest, München 1965, S. 7.</ref> Pierre Courthion<ref name="courthion1617">Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 16–17.</ref>, Klaus Werner<ref name="werner6">Klaus Werner: Maurice Utrillo. Verlag der Kunst, Dresden 1980, S. 6.</ref> und Felix Baumann / Hugo Wagner<ref>Felix Baumann, Hugo Wagner: Utrillo. 19. Januar bis 17. März 1963. Kunstmuseum Bern 1963, S. 5, 7.</ref> geben als Beginn unisono 1907 an. Courthion begründet, dass bereits die ersten Jahre dieser Epoche zugerechnet werden müssen, weil in ihnen „einige der herrlichsten Meisterwerke entstehen“, und er betont, dass Utrillo zu diesem Zeitpunkt kaum fünf bis sechs Jahre gemalt hatte. Das Ende der weißen Periode wird übereinstimmend auf den Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 festgesetzt.<ref name="courthion1617" />

Um 1907 veränderte sich die Maltechnik Utrillos. Sie wurde pastos mit starkem Farbauftrag. Der Pinselstrich verbreiterte sich, der Maler trug die Farben direkt mit dem Spatel auf. Um dem dominierenden Weiß mehr Kraft zu geben, die Stofflichkeit der abgebildeten Gemäuer zu unterstreichen, mischte Utrillo Gips und Leim in die Farbe.<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 6, 50.</ref> Die vorherrschenden weißen und cremefarbigen Farben, die Kreidetöne der Fassaden, gaben der weißen Periode ihren Namen. Dabei betont Klaus Werner, dass das Weiß niemals den Eindruck von Leere vermittle, vielmehr arbeitete Utrillo mit feinen Nuancen, so wiederholen sich etwa Farbtöne aus anderen Bildbereichen in kaum wahrnehmbaren Schattierungen. Besonders gut habe der Maler den bedeckten, silbrig-grauen Pariser Himmel und das weiche Licht eingefangen.<ref>Klaus Werner: Maurice Utrillo. Verlag der Kunst, Dresden 1980, S. 7–8.</ref>

Straßenszenen vom Montmartre waren von nun an Utrillos bevorzugtes Motiv, Winkel, Gassen und freistehende Mauern. Der Kunstkritiker Gustave Coquiot, ein Zeitgenosse Utrillos, beschrieb: „Ich liebte Montmartre in festlicher Ausgelassenheit. Utrillo dagegen liebte Montmartre in nächtlicher Verlassenheit, den Montmartre, der, in seiner Dorfeinsamkeit schlafend, Paris beherrscht.“<ref name="courthion17">Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 17.</ref> Utrillos Straßen sind einsam und leer. Statt Menschen werden sie von Laternen, Prellsteinen oder kahlen Bäumen bevölkert. Den baufälligen Häusern gibt der Maler laut Klaus Werner „den spröden Reiz des Vernachlässigten, die Würde des Alters“.<ref name="werner6" /> Laut Hugo Wagner spürt man aus den Bildern, dass noch die tristesten Winkel und Gassen dem Maler vertraut waren, dass er sie als seine Heimat verstand, auch später, als er gar nicht mehr am Montmartre lebte, und dass sie gerade „aus dieser einzig echten Beziehung ihre eigentümliche Schönheit gewinnen.“<ref>Felix Baumann, Hugo Wagner: Utrillo. 19. Januar bis 17. März 1963. Kunstmuseum Bern 1963, S. 3–4.</ref>

Farbige Periode

Schon ab 1912 beschreibt Courthion eine „Lockerung der strengen ‚weißen Melancholie‘“, ein perlmuttfarbenes Licht scheint nun durch Utrillos Bilder, die bleichen Himmel werden durch Wolken belebt, die „farbige Periode“, eine deutlich reichhaltigere, intensivere Farbpalette bereitet sich insbesondere ab 1916/17 vor.<ref name="courthion19">Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 19.</ref> Dabei bleiben die Farben zuerst noch gedeckt, aber sie bilden kräftige Kontraste auf der Leinwand.<ref>Klaus Werner: Maurice Utrillo. Verlag der Kunst, Dresden 1980, S. 8.</ref> Während der Jahre des Ersten Weltkriegs malte Utrillo rund 1200 Bilder, darunter laut Jeanine Warnod „wenigstens zweihundert Meisterwerke“.<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 58.</ref> Hugo Wagner spricht von einer „Periode des Übergangs“, die noch der vorangegangenen weißen Periode nahestehe, aber mehr das zeichnerische Element betone.<ref name="baumann5">Felix Baumann, Hugo Wagner: Utrillo. 19. Januar bis 17. März 1963. Kunstmuseum Bern 1963, S. 5.</ref> Während seiner häufigen Aufenthalte in Heilanstalten begann Utrillo, nach Postkarten zu malen. Dabei verwendete er Lineal, Zirkel und Winkelmaß, um Gebäude wirklichkeitsgetreu zu übertragen.<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 57.</ref>

Der Beginn der eigentlichen „farbigen Periode“ wird zumeist auf das Jahr 1920 festgesetzt, und sie währte bis zum Tod des Malers im Jahr 1955.<ref name="baumann5" /> Courthion beschreibt: „seine Farben geraten in Brand, schmelzen, glühen manchmal“, die Formen werden härter, bilden schärfere Kontraste und Akzente.<ref name="courthion19" /> Wagner listet Ockertöne auf, die bis an Oliv und Schiefergrau grenzen, neben weißen Hauswänden stehen leuchtend rote Schieferdächer oder Ziegelwände. Dennoch habe die Farbigkeit nun vor allem eine beiläufige, koloristische Funktion. Geprägt würden die Bilder von strengen, geometrischen Linien, die Straßen und Fassaden voneinander abgrenzen. Utrillos Malerkollege Lucien Laforge klagte: „Eine ständige Aufzählung, eine Analyse, die alles auf nichts herabsetzt, statt aus nichts eine Welt zu schaffen, eine Genauigkeit, eine methodische Arbeit hat die früheren Gaben ersetzt“. In späteren Jahren milderte Utrillo die geometrischen Linien wieder ab, behielt die Farbigkeit der Bilder aber bei.<ref name="werner25">Klaus Werner: Maurice Utrillo. Verlag der Kunst, Dresden 1980, S. 25.</ref>

Eine weitere Besonderheit der Bilder ab 1920 ist, dass nun Menschen die Leinwände bevölkern, einzeln oder in Gruppen verteilt auf den Promenaden von Montmartre. Überwiegend sind es Frauen in engen Miedern mit ausladenden Hüften in Rückenansicht. Sie sorgen nicht für echte Lebendigkeit, sondern wirken auf Klaus Werner eher wie Symbole des Lebens und der Fruchtbarkeit, wie Gleichnisse für eine unerreichte Liebe.<ref name="werner25" /> Wagner gibt ihnen nur „den Wert von Staffagefiguren“, mit denen sich Utrillo niemals seinem befreundeten Kollegen Amedeo Modigliani angenähert habe, der die Menschen des Montmartre-Viertels zu seinem Bildinhalt gemacht habe.<ref>Felix Baumann, Hugo Wagner: Utrillo. 19. Januar bis 17. März 1963. Kunstmuseum Bern 1963, S. 4.</ref> Befragt, warum er nie Porträts oder Selbstporträts gemalt habe, gab Utrillo an: „Ich glaube, ich bin zu schüchtern, ich kann den Leuten nur schwer ins Gesicht sehen, also könnte ich sie nicht gut wiedergeben. Ich male zwar manchmal Leute, aber die sind weit hinten auf meinen Bildern; das gefällt mir.“<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 69, 72.</ref>

Obwohl Utrillo bis zu seinem Tod ein laut Wagner „enormes Oeuvre“ schuf, nahm die künstlerische Inspiration im Spätwerk deutlich ab. Der Maler sei einer „Selbstkontrolle und Selbstkritik“ nicht fähig gewesen.<ref name="baumann5" /> Laut Courthion produzierte er im Spätwerk nur noch, ohne Neues zu erschaffen, die künstlerische Inbrunst sei Utrillo verlorengegangen.<ref name="courthion21">Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 21.</ref> Für Klaus Werner hatte die häufige Reproduktion seiner Motive den Maler viel Kraft gekostet, im Spätwerk zehrte er lediglich vom einstigen Können, der Spätstil war flüchtig geworden, passte sich an modische Erwartungen an. Seine Malerei drohte, wie der Montmartre selbst, zur Touristenattraktion und zum Klischee zu verkommen.<ref>Klaus Werner: Maurice Utrillo. Verlag der Kunst, Dresden 1980, S. 6, 25–26.</ref>

Einordnung in die zeitgenössische Kunst

Maurice Utrillo war in seiner Kunst ebenso ein Einzelgänger wie in seinem Leben.<ref>Klaus Werner: Maurice Utrillo. Verlag der Kunst, Dresden 1980, S. 26.</ref> Er gehörte keiner Malschule an und folgte keiner Kunstrichtung. Jeanine Warnod bezeichnet ihn als „Künstler aus Instinkt und Herz“.<ref name="warnod6">Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 6.</ref> Sein Zugang zur Kunst war vollkommen untheoretisch und nur aus dem Malerischen selbst bestimmt.<ref name="einstein">Carl Einstein: Die Kunst des 20. Jahrhunderts. Propyläen, Berlin 1926, S. 53.</ref> Klaus Werner sieht ihn als einen der „großen Traditionalisten in der Kunst der zwanzigsten Jahrhunderts“ und ordnet ihn in der „realistischen Schule der modernen französischen Kunst“ ein. Dort stehe er an der Seite von Künstlern wie Albert Marquet, dem frühen Maurice de Vlaminck oder später André Dunoyer de Segonzac und André Fougeron. Zu seinen Vorgängern zählt er Gustave Courbet und Paul Cézanne, auch wenn Utrillo weder die soziale Frage des einen noch die analytische Methode des anderen beschäftigt habe.<ref>Klaus Werner: Maurice Utrillo. Verlag der Kunst, Dresden 1980, S. 1, 26.</ref> Alfred Werner widerspricht: Utrillo sei weder Primitivist noch Klassizist, nicht Realist, Impressionist, Fauve, Expressionist und auch kein Romantiker. Er sei ein vollständiger Individualist, der sich allen Klassifikationen widersetze.<ref name="awerner8" />

Auch wenn Utrillos Anfänge im Impressionismus liegen, verneint Carl Einstein eine Einordnung als „verspäteter Impressionist“. Die Wirkung seiner Bilder läge in der Verwendung von Lokalfarben, und auch in seinem beinahe stofflichen, architektonischen Umgang mit Straßen und Gebäuden unterscheide er sich wesentlich von den Impressionisten. Nicht von ungefähr bezeichnete er sich selbst als „Maurer“.<ref name="einstein" /> Laut Josef Giesen interessierte sich Utrillo stärker für den Bildgegenstand als für dessen Wahrnehmung. Dabei bleibe er in Motivwahl und Bildgestaltung einfach, was seine Bilder leicht zugänglich mache. Die Bildausschnitte wirken zwar manchmal zufällig, sind aber immer zentriert und ausgewogen.<ref>Maurice Utrillo. Mit einer Einführung von Josef Giesen. Kurt Desch, München 1954, S. 12.</ref> Obwohl er ein Autodidakt war und sich zeitweise ein „Ehrgeiz des Dilettanten“ beobachten lasse, will Klaus Werner Utrillo auch nicht der naiven Kunst zuschreiben. Seine Kompositionen seien sicher und zeigten auch in den zahlreichen Wiederholungen immer künstlerische koloristische Lösungen. Selbst die mittelmäßigen Bilder des Spätwerks seien niemals bloß trivial.<ref>Klaus Werner: Maurice Utrillo. Verlag der Kunst, Dresden 1980, S. 26.</ref>

Von modernen Kunstströmungen wie Fauvismus oder Kubismus blieb Utrillo zeit seines Lebens unberührt. Dennoch lassen sich für Hugo Wagner Berührungspunkte finden. Wie die Kubisten malte er vor allem die Stadt, das Werk von Menschenhand. Landschaften und Naturelemente spielten nur eine untergeordnete Rolle. Noch vor den Kubisten verwendete er der Malerei fremde Materialien wie Sand und Gips, um den Eindruck der Häuserfronten noch zu steigern, den abbröckelnden Putz beinahe fassbar zu machen. Die Spannung zwischen Abstraktion und Naturalismus, die den analytischen Kubismus bestimmte, war ihm allerdings fremd. Überhaupt stand Utrillo dem künstlerischen Experiment, der Entwicklung neuer Formsprachen, wie sie viele Künstler des 20. Jahrhunderts antrieb, fern. Seine Motivwelt blieb durch alle Perioden seines Schaffens im Großen und Ganzen unverändert.<ref>Felix Baumann, Hugo Wagner: Utrillo. 19. Januar bis 17. März 1963. Kunstmuseum Bern 1963, S. 2.</ref> Dies führte schon früh zum Urteil, Utrillo sei „nicht modern“.<ref name="warnod6" /> Alfred Werner hebt allerdings hervor, dass Utrillos „Gabe der Vereinfachung“ den Kunstkenner wie den Laien gleichermaßen anspreche, was ihm eine Sonderstellung in der Kunst des 20. Jahrhunderts verliehen habe.<ref>„gift of simplification“. Zitat aus: Alfred Werner: Maurice Utrillo. H. N. Abrams, New York 1953, S. 5, 8–10.</ref>

Utrillos Werk kreiste vor allem um ein Thema: die wiederholte Darstellung des Montmartre, des Hügels (französisch „butte“) samt Gebäuden, Plätzen und Gassen. Man bezeichnet ihn deshalb auch als „Maler des Montmartre“.<ref name="courthion17" /> Für Hugo Wagner ist er „der Porträtist von Montmartre, welcher nicht müde wird, das immer neue Gesicht der Butte festzuhalten, zu allen Jahreszeiten, bei verschiedenen Stimmungen, düster und heiter.“<ref>Felix Baumann, Hugo Wagner: Utrillo. 19. Januar bis 17. März 1963. Kunstmuseum Bern 1963, S. 3.</ref> In der Tradition der Montmartre-Maler bildet er bereits die dritte Generation nach den Impressionisten und Henri de Toulouse-Lautrec.<ref>Klaus Werner: Maurice Utrillo. Verlag der Kunst, Dresden 1980, S. 2.</ref> Nach dem Wegzug vieler anderer Künstler nannte man Utrillo „den letzten Maler des Montmartre“. Josef Giesen bezeichnete ihn sogar als „den einzigen Maler des Montmartre“ in dem Sinne, dass er das Pariser Künstlerviertel nicht durch seine Bewohner und die Spuren ihres Lebens erschloss, sondern ausschließlich durch das Stadtbild: „Niemand sonst hat so oft in stiller Beschaulichkeit, persönlicher Eigenart und besonderer Eindringlichkeit dieses Stadtviertel geschildert.“<ref name="giesen14" /> Für Pierre Courthion sind Utrillos Bilder allerdings nicht bloß Dokumente einer vergangenen Zeit oder verklärte Darstellungen von Romantik und Idylle, die in der Realität auf dem Montmartre gar nicht geherrscht haben: „Sie verweisen uns auf die zeitlose Gültigkeit seiner von Einsamkeit, menschlichem Leid und einer kaum vorstellbaren Leidensüberwindung geprägten Malerei.“<ref>Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 8.</ref>

Ausgewählte Motive

Kathedralen

Datei:Maurice Utrillo - Basilique de Saint-Denis (ca. 1908).jpg
Basilique de Saint-Denis (ca. 1908), Öl auf Leinwand, 73 × 57 cm, Kunsthaus Zürich

Im Laufe seines Lebens malte Utrillo Dutzende französischer Gotteshäuser von kleinen Dorfkirchen bis zu großen Kathedralen.<ref>Alfred Werner: Maurice Utrillo. H. N. Abrams, New York 1953, Plate 19.</ref> Von letzteren schuf er zu Beginn seiner weißen Periode eine ganze Reihe von Gemälden.<ref name="fabris162">Analyse d’une œuvre. In: Jean Fabris u. a.: Utrillo, sa vie, son oeuvre. Editions Frédéric Birr, Paris 1982, ISBN 2-85754-009-4, S. 162.</ref> Dabei handelt es sich um die Kathedralen von Chartres, Orléans, Reims, Rouen und Saint-Denis sowie Notre-Dame de Paris, die allesamt in ähnlichem Stil und in Frontalansicht dargestellt werden. In den religiösen Wahrzeichen der französischen Geschichte drückt sich ein mythischer Patriotismus des Malers aus.<ref>Utrillo. Musée de Lodève, 28 juin - 26 octobre 1997. Electa, Mailand 1997, ISBN 88-435-6210-X, S. 90.</ref> Das unvollendete Bild Grande cathédrale (1913) gibt einen Einblick in seine Arbeitsweise: Es sind noch die Linien zu sehen, die Utrillo mit Lineal und Zirkel vorgezeichnet hat, und die dem Motiv gewissermaßen als „Träger“ dienen.<ref>Grande cathédrale ou cathédrale d’Orléans im Musée de l’Orangerie.</ref>

Auch bei der Basilique de Saint-Denis (um 1908) führt die Vorskizze zu einer strengen, symmetrischen Komposition. Die Querachse des Giebels steht orthogonal auf der Achse des Glockenturms sowie der Verbindungslinie der beiden Rosettenfenster. Die Elemente des Bauwerks, die Lichter in den Fenstern, die Verzierungen und Lüftungsschlitze sind mit akribischer Genauigkeit ausgeführt, wobei die Konturen gegenüber den Details in den Vordergrund treten. Sogar im Nachbargebäude, das ganz Ton-in-Ton gehalten ist, werden Fenster und Türen kaum erkennbar angedeutet. Der angestrebte Realismus greift auch auf den Farbauftrag über: In die Impasto-Technik sind Sand, Gips und andere Materialien eingearbeitet. Wie häufig bei Utrillo ist der Himmel sehr nuanciert und wird durch Glanzlichter akzentuiert. Die feinen Schleier bilden einen Kontrast zur festen Konstruktion des Bauwerks und scheinen die Kathedrale mit einem Heiligenschein zu umgeben.<ref name="fabris162" />

Place du Tertre

Datei:Maurice Utrillo - La Place du Tertre (ca. 1910).jpg
La Place du Tertre (ca. 1910), Öl auf Leinwand, 50,2 × 73 cm, Tate Gallery of Modern Art, London

Der im Herzen des Montmartre gelegene Place du Tertre gilt als Symbol der Künstlerbohème, die sich um die Jahrhundertwende im Stadtviertel niederließ. So überrascht es nicht, dass ihn auch Utrillo aus allen Winkeln gemalt hat, in den ersten Jahren nach persönlicher Anschauung, später nur noch nach Postkarten. Er hatte dafür auch persönliche Gründe. Der Platz inmitten einem Netz von kleinen Straßen und die anliegenden Bistros und Kabaretts, in denen er sich häufig bis zur Besinnungslosigkeit betrank, bildeten auch seinen Lebensmittelpunkt. Der Platz ist somit so charakteristisch für den Montmartre wie für Utrillo selbst.<ref name="lodeve88">Utrillo. Musée de Lodève, 28 juin - 26 octobre 1997. Electa, Mailand 1997, ISBN 88-435-6210-X, S. 88.</ref> Guy Dormand formulierte: „Weniger als jeder andere Künstler konnte er der Versuchung, ja dem Zwang widerstehen, diesen Glanzpunkt der Butte Montmartre festzuhalten.“<ref>Maurice Utrillo. Mit einer Einführung von Guy Dormand. Südwest, München 1965, S. 10.</ref>

Der Ausschnitt in den Bildern von 1910 und 1912 eröffnet den Blick auf die Rue Norvins, eine der typischen engen Gassen, die den Platz umgeben, und an deren Ecke das berühmte, von der Bohème frequentierte Hôtel du Tertre liegt.<ref name="lodeve88" /> Wie viele andere Motive fing Utrillo den Platz überwiegend in einer herbstlich-winterlichen Stimmung ein, in trüben Farben und mit kahlen Bäumen, die seinem melancholischen Naturell entsprachen. Auch Utrillos Vorliebe für Schilder und Inschriften zeigt sich im Bild der Tate Gallery. Sie haben nicht nur eine dekorative Funktion, sondern künden suggestiv vom Leben in den Gebäuden.<ref>Alfred Werner: Maurice Utrillo. H. N. Abrams, New York 1953, Plate 16.</ref>

Le Lapin Agile

Datei:Maurice Utrillo - Le Lapin Agile (ca. 1913).jpg
Le Lapin Agile (ca. 1913), Öl auf Leinwand, 50 × 65 cm, Nagoya City Art Museum

Das Kabarett Le Lapin Agile war ein Künstlertreffpunkt auf dem Montmartre. Es zählte neben den Bistros Casse-Croûte und La Belle Gabrielle zu Utrillos bevorzugten Lokalitäten und war ein häufiges Motiv seiner Bilder, nicht nur in der weißen Periode, sondern auch in späteren Jahren, als er die Motive seiner Jugend unermüdlich wiederholte. Es ist ein Symbol für die beiden großen Leidenschaften des Malers: die Malerei und das Trinken. Das zweistöckige Gebäude mit seinem orangen Dach steht häufig nicht im Zentrum des Bildes, sondern lässt Raum für die Darstellung der Umgebung, die steilen Straßen und die Ausläufer der Weinberge.<ref>Utrillo. Musée de Lodève, 28 juin - 26 octobre 1997. Electa, Mailand 1997, ISBN 88-435-6210-X, S. 106.</ref>

Die frühe Version von 1910 enthält typische Merkmale der weißen Periode. Utrillo verwendete cremige, pastose Farben, denen er Gips, Kalk und Sand beimischte, wodurch er eine Vielfalt von Weiß- und seidigen Grautönen erzeugte.<ref name="centrepompidou">Le Lapin Agile beim Centre Pompidou.</ref> In der Version von 1913 ist vor allem die farbliche Vielfalt der Mauer am rechten Bildrand bemerkenswert, deren Spektrum von Grün- bis Ockertönen reicht.<ref>Le Lapin Agile beim Nagoya City Art Museum.</ref> Utrillo hat die Gebäude des Montmartre nicht belebt dargestellt, sondern häufig mit geschlossenen Türen und Fensterläden. In der Verlassenheit des Ortes, seiner Einsamkeit und Schlichtheit drückt der Maler seine eigenen melancholischen Gefühle aus.<ref>Maurice Utrillo: Le Lapin Agile, circa 1912 bei der Association Maurice Utrillo / Suzanne Valadon.</ref> Nur in der Ferne sind Silhouetten in Rückenansicht zu sehen, vereinzelte Spuren menschlichen Lebens. Nathalie Ernoult, Kuratorin beim Musée National d’Art Moderne spricht in diesem Zusammenhang von einem Charakter des „Miserabilismus“, einer Betonung des Elends in Utrillos Werken.<ref name="centrepompidou" />

Le Moulin de la Galette

Datei:Maurice Utrillo - Le moulin de la galette (1922).jpg
Le Moulin de la Galette (1922), Öl auf Karton, 106 × 81 cm, La Boverie, Lüttich

Viele Künstler vor Utrillo waren bereits von den Windmühlen auf dem Montmartre fasziniert, darunter Corot, Toulouse-Lautrec und van Gogh. Renoir malte den berühmten Bal du moulin de la Galette vom Treiben im Tanzsaal, der zwischen den beiden Mühlen errichtet worden war. Auch Utrillo malte die pittoresken Mühlen in zahlreichen Varianten, unterschiedlichen Jahreszeiten und Stimmungen sowie aus diversen Blickwinkeln.<ref name="lodeve114">Utrillo. Musée de Lodève, 28 juin - 26 octobre 1997. Electa, Mailand 1997, ISBN 88-435-6210-X, S. 114.</ref>

Während in den frühen Bildern aus der weißen Periode noch das Kolorit im Mittelpunkt steht, die Harmonie der grünen und bläulichen Farbtöne,<ref name="lodeve114" /> treten im Gemälde aus der Boverie von 1922 die Figuren in den Vordergrund, die nun keine bloßen Schemen mehr sind, sondern Substanz und Volumen haben. Als Betrachter von Werbeplakaten an einem Holzzaun werden sie zu Akteuren einer humoristischen Szene. Auf dem rechten Plakat lässt sich die augenzwinkernde Inschrift entziffern: „Fabrique de tableaux artistiques – Spécialités des paysages – Couleurs fines – Chez Maurice Utrillo V. 12, rue Cortot – Paris XVIIIe. Se méfier des contrefaçons.“ (auf Deutsch: „Manufaktur für künstlerische Gemälde – Landschaftsmalerei – Feine Farben – Bei Maurice Utrillo V. 12, Rue Cortot – Paris XVIII. Vorsicht vor Fälschungen.“)<ref name="lodeve166">Utrillo. Musée de Lodève, 28 juin - 26 octobre 1997. Electa, Mailand 1997, ISBN 88-435-6210-X, S. 166.</ref>

Ausstellungen und Kunstmarkt

Im Jahr 1909 stellte Utrillo erstmals im Salon d’Automne aus, gemeinsam mit seiner Mutter Suzanne Valadon.<ref>Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 18.</ref> Im Jahr 1912 folgte die erste Ausstellung im Salon des Indépendants, zu der Carl Einstein urteilte: „Seit dieser Ausstellung ist Utrillo bekannt und geschätzt.“<ref>Carl Einstein: Die Kunst des 20. Jahrhunderts. Propyläen, Berlin 1926, S. 52.</ref> Louis Libaude veranstaltete 1913 die erste Einzelausstellung in der Galerie von Eugène Blot.<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 90.</ref> 1919 präsentierte die Galerie Lepoutre 46 Bilder aus den Jahren 1910 bis 1915.<ref>Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 91.</ref> Diese Ausstellung brachte laut Klaus Werner dem Frühwerk breite Anerkennung ein.<ref>Klaus Werner: Maurice Utrillo. Verlag der Kunst, Dresden 1980, S. 28.</ref>

In den 1920er Jahren stellte Utrillo mehrfach bei Berthe Weill und Bernheim-Jeune aus, von 1936 an bei Paul Pétridès. Es folgten auch internationale Ausstellungen, so 1937 in der Tate Gallery London, 1942 im Museum Albright in Buffallo und in der Kunsthalle Basel.<ref name="warnod91">Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 91.</ref> 1943 ehrte der Salon d’Automne Utrillo mit einer großen Retrospektive.<ref>Klaus Werner: Maurice Utrillo. Verlag der Kunst, Dresden 1980, S. 29.</ref> 1946/47 waren seine Bilder Teil der Wanderausstellung Moderne französische Malerei in der französischen Besatzungszone Deutschlands.<ref>Kulturnachrichten. In: Die Zeit, Nr. 33/1946, 3. Oktober 1946.</ref> 1950 erhielt Utrillo einen eigenen Saal im französischen Pavillon der Biennale von Venedig.<ref name="warnod91" />

Datei:Maurice Utrillo - Le moulin de la galette (1922) (cropped).jpg
Le Moulin de la Galette (1922, Ausschnitt)

Bereits zu Utrillos Lebzeiten setzte ein schwunghafter Handel mit gefälschten Gemälden ein. Utrillo nahm dies ironisch aufs Korn, als er in Le Moulin de la Galette (1922) den Warnhinweis anbrachte: „Se méfier des contrefaçons“ („Vorsicht vor Fälschungen“). In einem Prozess gegen die auch als „Zézi de Montparnasse“ bekannte Claude Latour im Jahr 1947 musste Utrillo eingestehen, dass er selbst nicht in der Lage war, ihre Imitationen von seinen Originalen zu unterscheiden. 1952 wurde der Kunstfälscher Jean Pinson-Berthet wegen Betruges mit gefälschten Utrillos zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Paul Pétridès machte in seinem Catalogue raisonné 1959 rund 1000 Fälschungen aus. Seine Hinweise führten zu über 80 Beschlagnahmen in ganz Frankreich.<ref>Sepp Schüller: Fälscher, Händler und Experten. Das zwielichtige Abenteuer der Kunstfälschungen. Ehrenwirth, München 1959, S. 127–128.</ref>

Jean Fabris, der Sekretär von Utrillos Witwe Lucie Valore und nach ihrem Tod Alleinerbe der Rechte an Utrillos Werken, warf seinerseits Pétridès vor, Fälschungen zu authentifizieren. Mehrere Auktionen von Werken Utrillos störte er öffentlichkeitswirksam durch Fälschungs-Rufe. Um sein „moralisches Recht“ („droit moral“), das ihm, obwohl in keinem Verwandtschaftsverhältnis zu Utrillo stehend, im französischen Urheberrecht die Authentifizierung der Werke erlaubt, gab es diverse Gerichtsverfahren, die am Ende zu seinen Gunsten entschieden wurden.<ref>John Henry Merryman: The Moral Right of Maurice Utrillo. In: The American Journal of Comparative Law Vol. 43, No. 3 (Sommer 1995), doi:10.2307/840647, S. 445–454.</ref> Laut Fabris handelt es sich bei vielen Fälschungen um Plagiate namenloser Montmartre-Künstler, die nachträglich mit Signaturen versehen wurden. Tausende gefälschter Utrillos könnten sich nach Spekulationen im Umlauf befinden, nur noch übertroffen von der großen Anzahl gefälschter Dalís.<ref>Reiner Luyken: Der Bildersturz. In: Die Zeit Nr. 10/1991.</ref>

Beim Auktionshaus Christie’s erzielten Werke von Utrillo Preise bis zu 679.500 Dollar im Jahr 2004<ref>Auktionsergebnisse für Werke von Utrillo bei Christie’s.</ref> für das Gemälde Les anciens moulins de Montmartre et la ferme Debray (1923).<ref>Maurice Utrillo (1883-1955): Les anciens moulins de Montmartre et la ferme Debray bei Christie’s.</ref> Bei Sotheby’s erreichten Utrillos Werke bis zu 936.000 Dollar im Jahr 2007<ref>Auktionsergebnisse für Werke von Utrillo bei Sotheby’s.</ref> für das großformatige Bild Le Maquis de Montmartre (1931).<ref>Maurice Utrillo: Le Maquis de Montmartre bei Sotheby’s.</ref> Im Jahr 2010 verkaufte das französische Auktionshaus Artcurial 30 Werke aus der Sammlung Paul Pétridès. Sie erzielten Preise bis zu 306.450 Euro für das Gemälde Marchand de couleurs à Saint-Ouen und 835.540 Euro<ref>Collection Paul Pétridès: «30 œuvres de Maurice Utrillo» bei Artcurial.</ref> für einen Paravent aus vier Einzelbildern.<ref>Maurice Utrillo: Le paravent de Maurice Utrillo (4 works), 1939 bei Artnet.</ref>

Zwei Gemälde Utrillos wurden im Rahmen der Restitution von Raubkunst im 21. Jahrhundert an ihre ehemaligen Besitzer zurückgegeben. Das Bild Église de Pont-Saint-Martin (Loire-Atlantique) (ca. 1917/18), das lange Zeit in der Sammlung des Musée National d’Art Moderne war, wurde 2022 an die Erben Štefan Osuskýs, des ehemaligen Botschafters der Tschechoslowakei in Frankreich, übergeben.<ref>On proposal from the CIVS, the Prime Minister decides the restitution of a painting by Utrillo. Auf der Website der Commission pour la restitution des biens et l'indemnisation des victimes de spoliations antisémites (CIVS), 13. Dezember 2021.</ref> Für die Restitution des Gemäldes Carrefour à Sannois (1936/37) aus dem Besitz der Stadt Sannois<ref>Die Stadt Sannois (95) restituiert auf Empfehlung der CIVS ein Gemälde von Utrillo. Auf der Website der Commission pour la restitution des biens et l'indemnisation des victimes de spoliations antisémites (CIVS), 21. Juni 2018.</ref> musste im Jahr 2022 ein eigener Artikel in einem Gesetz verabschiedet werden. Das Bild war 1940 vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg aus der Sammlung des Pariser Kunsthändlers Georges Bernheim geraubt worden.<ref>Johannes von Lintig: Ein Parlamentsgesetz zur Restitution von NS-Raubkunst aus staatlichen Sammlungen in Frankreich. In: Kunst und Recht, Jahrgang 24, Ausgabe 1 (2022), doi:10.15542/KUR/2022/1/2, S. 2–7 (PDF).</ref>

Rezeption

Zu den Künstlern, die Utrillo besonders beeinflusste, zählt Werner Heldt, der teilweise auch der „Berliner Utrillo“ genannt wurde. Besonders einige Bilder aus dem Jahr 1930, in denen eine fensterlose Wand im Zentrum steht und dem Maler ein „Spiel mit der Farbigkeit“ ermöglicht, zeigen Utrillos Vorbild, so etwa Rosa Mauer.<ref>Verena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 120–121.</ref> Heldt hatte Utrillo persönlich in Paris besucht.<ref>Lucius Grisebach (Hrsg.): Werner Heldt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1990, ISBN 3-87584-289-8, S. 32.</ref> Auch Gustav Wunderwald, einem Maler der Neuen Sachlichkeit, der nach eigenem Bekunden Utrillo „sehr liebe“, wurde – in einer Rezension von Paul Westheim – der Beiname „Berliner Utrillo“ verliehen, ein trotz der Unterschiede in Anzahl und Stil ihrer Stadtporträts seither wiederkehrendes Epitheton in Wunderwalds Rezeptionsgeschichte.<ref>Hildegard Reinhardt: Gustav Wunderwald (1882–1945). Untersuchung zum bildkünstlerischen Gesamtwerk. Olms Verlag, Hildesheim 1988, ISBN 3-487-09079-1, S. 170.</ref>

Max Beckmann griff bei Sacré-Cœur im Schnee (1939) auf einen Vorgänger von Utrillo zurück, das Gemälde Rue Chevalier-de-la-Barre (1917/18). Beide Bilder entstanden nach Postkarten. Stephan Reimertz sieht Beckmanns Fassung nicht nur als eine Paraphrase, sondern spricht von einer „korrigierten Fassung“, in der Beckmann sämtliche Reste von Realismus ausgemerzt und durch „typisierte Künstlichkeit“ ersetzt hat. Die Ironie, die allen Veduten Beckmanns innewohnt, werde im Aufgriff der vielzitierten Basilika Sacré-Cœur zu einem „offenen Witz“.<ref>Stephan Reimertz: Max Beckmann. Luchterhand, München 2003, ISBN 3-630-88006-1, S. 220.</ref> Die auf Touristen ausgerichteten Maler am Pariser Place du Tertre zeigen in der Nachfolge Utrillos häufig einen nostalgischen Blick auf eine „verträumte, nahezu menschenleere Stadt“.<ref>Klaus Simon: Paris. Savoir-vivre an der Seine. DuMont-Reiseverlag, Ostfildern 2012, ISBN 978-3-7701-9234-2, S. 64, 66.</ref> Allerdings sind sie künstlerisch nur „zweitklassige Epigonen“ Utrillos.<ref>Kunstforum International, Band 200: Kunst und Wirtschaft, Rubrik Kulturpolitik, S. 12, online.</ref>

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Die französische Post gab zwei Briefmarken nach Utrillos Werken heraus: 1952 eine Abbildung des Eingangstors zum Schloss Versailles nach einem Gemälde von Utrillo,<ref>Timbre : Versailles - Entrée d’après Utrillo auf Wikitembres.</ref> das er im selben Jahr gemalt hatte, um Geld für die Restaurierung des Schlosses zu sammeln,<ref>La contribution d'Utrillo à la rénovation de Versailles. In: Le Parisien, 28. August 2013.</ref> und 1983 zu Utrillos 100. Geburtstag ein Gemälde der Weinschänke Le Lapin Agile.<ref>Timbre : 1983 Utrillo - Le Lapin Agile auf Wikitembres.</ref> Im Jahr 1955 erhielt Utrillo die Médaille de la Ville de Paris in Gold.<ref name="akl" /> 1963 wurde ein Teil der Rue Muller im 18. Arrondissement von Paris in Rue Maurice Utrillo umbenannt. Es handelt sich um einen Fußgängerweg mit Treppen, der zwischen der Rue Paul Albert und der Rue Lamarck gelegen ist.<ref>Bulletin municipal officiel de la ville de Paris vom 19. Januar 1963 und 25. Juni 1964. Zugriff über Gallica, Bibliothèque nationale de France.</ref> Der französische Rosenzüchter Henri Delbard benannte eine Rosensorte Maurice Utrillo. Sie gehört zu einer Reihe so genannter „Malerrosen“ („Roses des Peintres“).<ref>Ute Bauer: 300 Fragen zu Rosen. Gräfe und Unzer, München 2008, ISBN 978-3-8338-0878-4, S. 69–70.</ref>

Im Jahr 1951 entstand der umstrittene Dokumentarfilm<ref>Felix Baumann, Hugo Wagner: Utrillo. 19. Januar bis 17. März 1963. Kunstmuseum Bern 1963, S. 9.</ref> La vie dramatique de Maurice Utrillo (auch La vie tragique d’Utrillo). Regie führte Pierre Gaspard-Huit nach einem Drehbuch von Roland Dorgelès. Den jungen Utrillo spielte Jean Vinci.<ref>Vorlage:IMDb</ref> Pierre Courthion urteilte: „Die Legende wurde verfilmt und damit noch penetranter, noch hoffnungsloser verfälscht.“<ref>Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 8.</ref> Im französischen Historienfilm Wenn Paris erzählen könnte (Si Paris nous était conté, 1956 veröffentlicht) von Sacha Guitry spielte Utrillo sich selbst.<ref>Vorlage:IMDb</ref> Knapp einen Monat vor seinem Tod<ref>Maurice Utrillo and Sacha Guitry, 10. Oktober 1955 bei Granger Historical Picture Archive.</ref> malte er auf Wunsch des Regisseurs ein Bild auf dem Place du Tertre.<ref>Maurice Utrillo. Mit einer Einführung von Guy Dormand. Südwest, München 1965, S. 6.</ref> Im Spielfilm Modi (2024) von Johnny Depp über Amedeo Modigliani spielte Bruno Gouery Maurice Utrillo.<ref>Vorlage:IMDb</ref>

Mehrere Schriftsteller schrieben Romanbiografien über Utrillos Leben, darunter Francis Carco La Légende et la Vie d'Utrillo (1927) und Utrillo (1956, deutsch: Maurice Utrillo. Legende u. Wirklichkeit, 1958) sowie Stephen Longstreet Man of Montmartre (1958, deutsch: Montmartre, 1958).

Museen

In 18. Arrondissement von Paris befindet sich in der Rue Cortot 12, in der Valandon, Utter und Utrillo ab 1912 ein gemeinsames Atelier betrieben, das Musée de Montmartre, in dem unter anderem das restaurierte Atelier-Apartment der drei gezeigt wird. Neben Einrichtungsgegenständen sind auch einzelne Gemälde ausgestellt.<ref name="museedemontmartre" />

In Sannois wurde 1995 das Musée Utrillo-Valadon eröffnet, das neben Gemälden von Utrillo und Valadon persönliche Objekte ausstellte. Die Villa Rozée, in der es untergebracht war, wurde im Jahr 2018 wegen Gebäudeschäden geschlossen. Das Museum wird auch nach der Restaurierung des Gebäudes nicht wieder öffnen. Die Gemälde sind an das Musée de Montmartre ausgeliehen.<ref>Musée Utrillo-Valadon auf der Website von Sannois.</ref><ref>Daniel Chollet: Val-d'Oise : à Sannois, le musée consacré à Maurice Utrillo ne rouvrira pas. In: actu.fr, 22. März 2025.</ref>

Im Jahr 2010 eröffnete Jean Fabris nach Meinungsverschiedenheiten mit der Gemeinde Sannois den Espace Utrillo im Kulturzentrum von Pierrefitte-sur-Seine mit fünfzehn ausgestellten Gemälden und einem Archiv.<ref>Maurice Utrillo de retour à Pierrefitte. In: Le Parisien, 3. Oktober 2009.</ref> Das Gebäude ist auch der Sitz der 1963 von Lucie Valore und Jean Fabris gegründeten Association Maurice Utrillo / Suzanne Valadon.<ref>A propos auf der Website der Association Maurice Utrillo / Suzanne Valadon.</ref>

Die wichtigsten Werke Utrillos befinden sich in Museen und Sammlungen in Frankreich und den Vereinigten Staaten, in denen Reminiszenzen des Pariser Künstlerviertels besonders hoch im Kurs stehen. In deutschen Museen sind seine Gemälde nur selten zu sehen.<ref>Maurice Utrillo. Mit einer Einführung von Josef Giesen. Kurt Desch, München 1954, S. 16.</ref> Die Nationalgalerie in Berlin, die Kunsthalle Bremen und das Wallraf-Richartz-Museum in Köln besitzen Werke. In der Schweiz besitzen das Kunstmuseum Basel, das Kunstmuseum Bern, das Musée d’art et d’histoire in Genf, das Musée cantonal des Beaux-Arts de Lausanne, das Kunst Museum Winterthur und das Kunsthaus Zürich Bilder Utrillos.<ref>Jean Fabris u. a.: Utrillo, sa vie, son oeuvre. Editions Frédéric Birr, Paris 1982, ISBN 2-85754-009-4, S. 182.</ref>

Literatur

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  • Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Übersetzung Gotthard Klewitz. Schuler, München 1974, ISBN 3-7796-5033-9. Lizenzausgabe: Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7.
  • Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2.
  • Klaus Werner: Maurice Utrillo. Verlag der Kunst, Dresden 1980.
  • Maurice Utrillo. Mit einer Einführung von Josef Giesen. Kurt Desch, München 1954.
  • Maurice Utrillo. Mit einer Einführung von Guy Dormand. Südwest, München 1965.
  • Jean Fabris, Claude Wiart, Alain Buquet, Jean-Pierre Thiollet, Jacques Birr, Catherine Balin-Lacroix, Joseph Foret: Utrillo, sa vie, son oeuvre. Editions Frédéric Birr, Paris 1982, ISBN 2-85754-009-4.
  • Paul Pétridès: L’oeuvre complet de Maurice Utrillo. Paris, 1969.
  • Alfred Werner: Maurice Utrillo. H. N. Abrams, New York 1953.

Ausstellungskataloge

  • Felix Baumann, Hugo Wagner: Utrillo. 19. Januar bis 17. März 1963. Kunstmuseum Bern 1963.
  • Utrillo. Musée de Lodève, 28 juin - 26 octobre 1997. Electa, Mailand 1997, ISBN 88-435-6210-X.

Weblinks

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Einzelnachweise

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