Marienkirche (Hanau)
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Die Marienkirche war ursprünglich der Maria Magdalena geweiht und ist heute vorrangig gotisch geprägt. Sie ist die Gemeindekirche der Evangelischen Marienkirchengemeinde Hanau.
Lage
Die Marienkirche liegt inmitten der Hanauer Altstadt direkt am Deutschen Goldschmiedehaus, das seinerzeit als Rathaus diente, und nahe dem Altstädter Markt. Im mittelalterlichen Hanau waren Turm und Kirche schon von weitem zu sehen.
Mittelalter
Ursprünge
Als Hanau 1303 zur Stadt erhoben wurde, besaß die heutige Wüstung Kinzdorf schon eine romanische Kapelle südlich des damaligen Hanauer Stadtgebietes. Diese erstmals 1316 urkundlich erwähnte Kapelle war viel kleiner als die heutige Kirche und fungierte als Filialkirche der Kinzdorfer Pfarrkirche Unserer Lieben Frauen. Der Pfarrer des Kinzdorfes besaß die geistliche Verantwortung für seine dortige Pfarrkirche, aber auch für die Maria-Magdalena-Kapelle der Stadt Hanau, die Martins-Kapelle in der Burg Hanau und die Elisabeth-Kapelle im Alt-Hanauer Hospital, das in der ersten Hanauer Vorstadt lag. Gemeinsam mit seinen Kaplänen bildete er eine Priestergemeinschaft für die Parochie Hanau. Für 1364 sind fünf Kapläne nachgewiesen.
Pfarrkirche
Das Abhängigkeitsverhältnis von der Kinzdorfer Mutterkirche änderte sich 1434: Graf Reinhard II. erwirkte für die Maria-Magdalena-Kapelle pfarrkirchliche Rechte. Er erließ eine Gottesdienstordnung für die Geistlichen, die unter anderem täglich Messen und Vespern an den zahlreichen Altären wahrnahmen. Damit hatte sich der kirchliche Schwerpunkt vom Kinzdorf nach Hanau verlagert. Außerdem stattete der Graf die Priester besser aus und legte dies in einer neu geschaffenen Präsenzordnung fest. Jeder Priester, der die gottesdienstlichen Pflichten an dem ihm zugewiesenen Altar regelmäßig versah (das heißt „präsent“ war), erhielt dafür ein Entgelt. Die Einkünfte der Präsenz – Naturalien oder Geld – bewirtschaftete ein Präsenzverwalter. Die Präsenz besteht noch heute, besitzt Liegenschaften aus altem Pfründenbesitz und unterhält mit deren Einkünften baulich die Marienkirche.
Erste Ausbauphase
Reinhard II. vergrößerte und verschönerte die Hauptkirche seiner Residenzstadt und wählte sie als neue Grablege für seine Familie, deren Angehörige zuvor im Kloster Arnsburg bestattet wurden. Seine eigene Beisetzung 1451 machte den Anfang. Bis 1612 blieb der Chor Begräbnisstätte des Hanauer Grafenhauses; die Gräber wurden ins Erdreich unter den Bodenplatten des Chores eingetieft. Ab 1612 fanden die Bestattungen in einer 1602 errichteten, ebenfalls unter dem Chor liegenden Gruft statt.
Ab 1449 ließ Reinhard II. das Kirchenschiff vergrößern und dabei die zuvor einschiffige Kirche dreischiffig erweitern; eine Inschrift über einer zugemauerten Spitzbogentüre, die sich außen an der Südwand des südlichen Seitenschiffes befindet, verweist auf das Jahr der Baubeginns. 1454 wurden die Arbeiten abgeschlossen, worüber eine Jahreszahl über der Türe auf der Nordseite informiert. Die Apsis wurde ebenfalls vergrößert. 1448 begann dem Bau des Turmes, und 1480 entstand eine in Schweinfurt hergestellte erste große Glocke, die 36 Zentner wog und 360 Gulden kostete.
-
Bauinschrift an der Südwand von 1446
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Gruft des Hanauer Grafenhauses
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Sarg des Grafen Philipp Ludwig II.
Spätgotischer Chor
Bauwerk
Die heute noch prägendste Veränderung der Kirche bewirkte Graf Philipp I. „der Jüngere“. 1485 war er von einer Reise ins Heilige Land mit vielen Anregungen von unterwegs heimgekehrt und gab einen Chor von erstaunlichen Dimensionen in Auftrag, der das angrenzende Kirchenschiff weit überragte. Bei einer Länge von 22 m, einer Breite von 10 m und einer Höhe von 16,4 m besitzt er vier Joche und einen Fünfachtelschluss. Ins Auge fallen die Sockel und Konsolen der Dienste, die den Eckstrebepfeilern auf der Außenseite entsprechen. Früher reich gemeißelt, wurde das Bauwerk 1945 teilweise zerstört und bei der Rekonstruktion mit Bossenwerk gestaltet. Zehn aufstrebende Pilaster nehmen sich netzförmig entfaltenden Rippen auf, die das Gewölbe zieren, und laufen am östlichen Ende in einem Stern zusammen. Dessen Schlussstein zeigt die damalige Kirchenpatronin Maria Magdalena, wie sie vor dem auferstandenen Christus als Gärtner niederkniet, also die Noli-me-tangere-Szene. Die übrigen Schlusssteine sind als gehauene und bemalte Wappen der Familie des Erbauers gestaltet; sie stehen für Philipp I. und dessen Frau Adriana von Nassau-Dillenburg (1449–1477), seinen Vater, den Grafen Reinhard III., seinen Großvater, den Grafen Reinhard II., und seine Mutter, die Pfalzgräfin Margarethe von Pfalz-Mosbach, die ein Wappen der Pfalz symbolisiert. Die seitlichen Punkte der Gewölberippen schmücken kleinere Wappen aus der Verwandtschaft und dem adeligen Umfeld des Hauses Hanau, darunter die der Grafen von Wertheim, Rieneck und Solms.<ref>Vgl. dazu: Lübbecke, S. 93f.</ref> Die Felder im Netz der Gewölberippen füllen gemalte Ranken und Blüten, umgeben von Strahlen. Der Gesamtentwurf stammt wohl von Siegfried Ribsche; die Ausführung verantwortete Meister Martin, die bildhauerische Arbeit – mindestestens zum Teil – der Steinmetzmeister Hans Merckel aus Babenhausen.<ref name="Lübbecke, S. 94">Lübbecke, S. 94.</ref> Vermutlich war der Chor nur als erster Bauabschnitt gedacht; die schon bald einsetzende Reformation verhinderte eine entsprechende Erweiterung des Kirchenschiffs.
Ausstattung
Als 1492 der prächtige Chor vollendet war, beherbergte er fünf Altäre, die Kirche insgesamt neun. Der Hochaltar war Maria Magdalena geweiht und trug eine heute verlorene Tafel des Malers Sebald Fyoll mit der Darstellung der Heiligen.<ref name="Lübbecke, S. 94" /> Von dem 1496 gestifteten Chorgestühl haben sich vier Wangen erhalten. Die nördlichen zeigen den Grafen Reinhard IV. (1473–1512) und seiner Gemahlin Katharina von Schwarzburg-Blankenburg (1470–1514); die einzig erhaltene südliche Wange trägt eine Darstellung des Grafen Philipp I. „des Jüngeren“ – mit Errichtungsinschrift – und an der Innenseite das Fragment eines Heiligen Georg. Parallel zur baulichen Erweiterung wurde die Kirche zu einem Kollegiatstift mit insgesamt zwölf Klerikern unter der Führung eines Dechanten erhoben. Philipp I. starb 1500, und nicht weniger als 214 Geistliche sollen der Beisetzung in der unter seiner Obhut erneuerten und vergrößerten Kirche beigewohnt haben.
Glasfenster
24 Felder der spätmittelalterlichen Ausstattung mit Buntglasfenstern blieben erhalten. Sie entstanden vermutlich 1497–1499<ref>Hess, S. 237.</ref> und bedeckten nie die kompletten Fensterbahnen. Nach der ersten Hanauer Reformation wurde der Chorraum profan genutzt, und um für besseres Licht zu sorgen, wurden die äußeren und unteren Buntglasfelder durch weißes Glas ersetzt; nur die Darstellung des Hl. Georg ist eine Ergänzung von 1910 durch Alexander Linnemann.<ref>Hess, S. 239.</ref>) Der „Bildersturm“ beim Wechsel zur reformierten Konfession am Ende des 16. Jahrhunderts verschonte den verbliebenen Bestand an Buntglasfenstern, weil der Chorraum der Marienkirche damals bereits längere Zeit profan genutzt wurde, mit Einbauten versehen war und die Scheiben nicht mehr als religiöse Symbole wahrgenommen wurden.<ref>Kenner, S. 38.</ref> In der Neuzeit wurden die Scheiben mehrfach restauriert: 1740, 1848/49, 1910, 1951, 1975/76 und zuletzt 2025.<ref>Kenner, S. 38f; Hess, S. 237.</ref> Ab 1941 – inmitten des Zweiten Weltkriegs – wurden sie ausgelagert.<ref>Hess, S. 239.</ref> Während der letztgenannten Restaurierung wurden die Scheiben mit einer neuen Schutzverglasung versehen und innerhalb des Fünfachtelschlusses neu angeordnet.<ref>Kenner, S. 43.</ref> Die ursprüngliche mittelalterliche Anordnung der Fenster ist unbekannt.<ref group="Anm.">Vermutungen dazu bei Hess, S. 239.</ref>
Von Nord über Ost nach Süd sind folgende Szenen zu sehen:
- Heilige Sippe;<ref>Hess, S. 252.</ref>
- Heiliger Georg<ref>Hess, S. 253.</ref> / Pietà<ref>Hess, S. 254.</ref> (zweibahnig) mit den Wappen der Grafschaft Hanau und der Kurpfalz;<ref>Hess, S. 253.</ref> Bezug sind Graf Reinhard III. von Hanau (1512–1552) und seine Frau, Margarethe von Pfalz-Mosbach (1432–1457);<ref>Hess, S. 254.</ref>
- zentral angeordnet eine dreibahnige Darstellung mit dem auferstandenen Christus als Gärtner in der Mitte, der Kirchenpatronin Maria Magdalena rechts und dem Hl. Nikolaus links;<ref>Hess, S. 247.</ref> die Szene mit Christus als Gärtner<ref>Hess, S. 247.</ref> und Magdalena<ref>Hess, S. 248.</ref> nimmt gleichfalls Bezug auf den zentralen Schlussstein des Chorgewölbes und war ursprünglich wohl ebenfalls hier angebracht;<ref>Hess, S. 239.</ref>
- Standfigur der Maria mit Kind<ref>Hess, S. 250.</ref> zwischen Johannes dem Täufer<ref>Hess, S. 249.</ref> und der Hl. Katharina;<ref>Hess, S. 250.</ref>
- und Mater Dolorosa mit Schmerzensmann.<ref>Hess, S. 250f.</ref>
Laurentiuskapelle
Gleichzeitig mit dem Chor baute man an der Südseite die kleine, dem hl. Laurentius geweihte Kapelle an und stellte den römischen Diakon im Schlussstein dar. Die Kapelle, die ursprünglich als Kapitelhaus der Stiftsgeistlichen diente, fungiert heute als Sakristei. Die Fresken kamen erst wieder nach der Zerstörung von 1945 unter der sich abblätternden Tünche zum Vorschein und thematisieren die Martyrien des hl. Laurentius und der Zwillingsbrüder und Ärzte Cosmas und Damian. Ein weiteres Fresko zeigt die Heiligen Drei Könige und zwei heilige Diakone.
Vermutlich ist die Kapelle im Zusammenhang mit einem – letztlich misslungenen – Reliquienkauf des Grafen Philipp I. „des Jüngeren“ zu sehen, der – wie viele Machthaber seiner Zeit – Reliquien sammelte. Vom Kloster Seligenstadt, das sich in einer finanziellen Notlage befand, erwarb er dessen gesamten Reliquienbestand, darunter das Haupt des hl. Laurentius. Wahrscheinlich war die Kapelle als Aufbewahrungsort für die Reliquien gedacht. Der Erzbischof von Mainz erhob aber Widerspruch, und so musste Graf Philipp I. die Raritäten wieder in Seligenstadt abliefern; als Kompensation erhielt er die Einkünfte des Klosters aus den Dörfern Nauheim, Eschersheim und Ginnheim.
Reformation
Erste Reformation
Die Zeit als Stift währte nicht lange. Das 16. Jahrhundert brachte die Reformation. Bereits 1523 wurde Pfarrer Adolf Arborgast ins Stiftskapitel aufgenommen, der bei seiner Berufung erklärte, dass er mit der täglichen Messe und Vesper möglichst wenig zu tun haben wolle, weil er sich viel mehr der Predigt des Evangeliums zu widmen gedenke. Sein Nachfolger, Magister Philipp Neunheller, ist der eigentliche Reformator Hanaus. Unter seinem Einfluss gewannen die Neuerungen immer mehr an Boden, sowohl in den Reihen der Stiftsherren als auch unter den Gemeindegliedern. Der katholische Stiftsgottesdienst wurde nie offiziell aufgehoben. Durch Ausscheiden von Geistlichen, deren Stellen nicht mehr neu besetzt wurden, nahm die Zahl der Altaristen immer weiter ab. 1537 bestand das Kapitel noch aus acht Geistlichen, 1548 waren es nur noch vier, 1550 hörte der Messgottesdienst in der Maria-Magdalena-Kirche auf. Es waren nun zwei, später drei Pfarrer an der Kirche tätig, die sich der Reformation verpflichtet fühlten.
Bauliche Folgen
Die nächste Etappe der Baugeschichte der Kirche ist von den Erfordernissen der neuen Gottesdienstform geprägt. Im evangelischen Gottesdienst steht die Predigt vor der versammelten Gemeinde im Mittelpunkt. Deshalb ordnete Graf Philipp III. 1558 den Umbau des Langhauses der Kirche zu einer Saalkirche an. Die dreischiffige Unterteilung wurde beseitigt, die Außenmauern wesentlich erhöht und das Kirchendach in seiner Höhe dem des Chores angeglichen. An den Längsseiten wurden mehrstöckige Emporen für die Männer eingebaut, während die Frauen im Schiff Platz nahmen. Für Professoren, Beamte und Ratsherren gab es ebener Erde Stühle, die zum Sichtschutz gegen die Gemeinde vergittert waren. Der herrschaftliche Stuhl befand sich auf der Stirnseite der ersten Empore. Die flache Decke des Raumes stützten Säulen, die auch die Last des Dachbodens zu tragen hatten. Dort wurden die Naturalabgaben aus den Pfründen gelagert. Die Umbauarbeiten waren 1561 abgeschlossen. Davon zeugt das über dem Haupteingang angebrachte Doppelwappen des Bauherren und seiner Gemahlin, Pfalzgräfin Helena von Pfalz-Simmern. Der Turm wurde damals zu seiner heutigen Höhe aufgestockt. Die Jahreszahl 1568 in einer Fenstereinfassung gibt seine Vollendung an. In ihm war eine Wächterstube eingerichtet, in der ständig ein Beobachter saß, der Brände in der Stadt zu melden hatte, deren Richtung tagsüber mit einer Flagge und nachts mit einer Laterne angezeigt wurde. Gleichzeitig läuteten in einem solchen Fall die Glocken Sturm. Die Wächterstube war bis zum Jahr 1896 besetzt.
Zweite Reformation
Die Reformation in Hanau war ursprünglich eher lutherisch geprägt. In einer „zweiten Reformation“ wurde die Konfession der Grafschaft Hanau-Münzenberg erneut gewechselt. Graf Philipp Ludwig II., wandte sich dem reformierten Zweig des Protestantismus zu, machte von seinem Recht des „cuius regio, eius religio“ als Landesherr Gebrauch und setzte diese Version der Reformation als verbindlich für die Grafschaft durch.
Bauliche Folgen
Als äußeres Zeichen dieses Konfessionswechsels wurden 1595 die mittelalterlichen Altäre abgebrochen, Bilder, Schmuck und Kunstwerke aus der Kirche entfernt. Sie wurden zumindest zum Teil verkauft. So ist einer der mittelalterlichen Altäre, der Wörther Altar (heute steht er in der katholischen Pfarrkirche St. Nikolaus in Wörth am Main) erhalten geblieben. Die geschnitzten Teile des Chorgestühls, die Grabdenkmäler und ein Teil der Glasfenster im Chorraum sind der letzte verbliebene Rest der mittelalterlichen Ausstattung, der in der Kirche erhalten geblieben ist.
Im nun sehr leeren Chor baute man 1570 eine Chorbühne, eine im Sockelgeschoss geschlossene Empore, ein, die die östliche Hälfte des Chores abtrennte. Das Sockelgeschoss war mit Glasfenstern zum Kirchenraum hin abgetrennt und beherbergte Bibliothek und Archivalien. Über 100 Jahre später errichtete der Hanauer Orgelbauer Valentin Markart eine Barockorgel auf der Chorbühne. Das reich geschnitzte Gehäuse war zunächst ganz in Weiß und Gold gehalten und erhielt später eine braune Tönung. Die Orgel als beherrschendes Ausstattungsstück prägte den Chorraum bis zur Zerstörung 1945.<ref>Diesen baulichen Zustand zeigt in einem Querschnitt Lübbecke, S. 90, Abb. 49.</ref>
1602 wurde eine Gruft für das Hanauer Grafenhaus angelegt und 1642 erweitert. Dort wurden später auch Mitglieder des Hauses Hessen-Kassel, unter anderem Landgräfin Maria, Ehefrau des Landgrafen Friedrich II. von Hessen-Kassel und Kurfürst Wilhelm II. von Hessen bestattet.<ref>Margret Lemberg: Die Grablegen des hessischen Fürstenhauses = Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 71. Marburg 2010, S. 179ff.</ref> 1709 erhielt die Kirche neue Glocken (die 65 Zentner schwere ist noch heute vorhanden).
Hanauer Union
Die Kirche nannte sich nachreformatorisch „Hochdeutsch reformierte Kirche“. Den Namen Marienkirche trägt sie erst wieder seit dem Jahr 1818. Anlässlich der damaligen Vereinigung der reformierten und lutherischen Gemeinden in der „Hanauer Union“ legten die Gemeinden die bis dahin geführten Bekenntnisbezeichnungen ab und die beiden Altstadtkirchen wurden neu benannt: Das Presbyterium der ehemals Reformierten Kirche, der heutigen Marienkirche, wünschte den Namen Paulskirche. Allerdings intervenierte der Landesherr, Kurfürst Wilhelm I. von Hessen, und verfügte, dass sie im Gedächtnis an seine Mutter, Prinzessin Maria von Hannover (1723–1772), Marienkirche heißen solle.<ref>Kathrin Ellwardt: „… sich wegen der Namen der Gebäude und Anstalten, welche zeither den Namen lutherisch und reformirt führten, zu berathen …“ Die Hanauer Union von 1818 und die Benennung der Kirchen. In: Neues Magazin für Hanauische Geschichte 2017, S. 94–112.</ref> Die ehemals lutherische Johanneskirche wurde nach dem Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen (1611–1656), der einst deren Grundstein gelegt hatte, benannt.
1847 bis 1849 fand eine grundlegende Restaurierung der Kirche ohne Rücksicht auf das historische Erscheinungsbild statt. 1847 wurde Kurfürst Wilhelm II. von Hessen-Kassel hier beigesetzt. Es war die letzte Beisetzung innerhalb der Kirche. 1929 fand eine weitere Renovierung der Kirche statt.
Zerstörung im Zweiten Weltkrieg
Verschiedene Luftangriffe, vor allem aber die verheerende Zerstörung vom 19. März 1945 legten die ganze Stadt Hanau ebenso wie die Kirche in Trümmer. Das Schiff war bis auf die Umfassungsmauern ausgebrannt, ebenso der Turm, von dem die Glocken geschmolzen herabstürzten. Nur das Gewölbe des Chores hielt stand, obwohl das brennende Dach darauf zusammenbrach. So konnte diese architektonische Kostbarkeit vor völliger Zerstörung bewahrt und später wieder restauriert werden.
Pfarrer Georg Göckel hatte während des Zweiten Weltkrieges vorsorglich alle Kunstwerke sowie die meisten alten Kirchenbücher, die von 1593 an vorhanden sind, sichergestellt und so vor der Vernichtung bewahrt. In der zerstörten Kirche fanden 1946 archäologische Grabungen durch Hugo Birkner statt. Die dabei geborgenen Grabplatten wurden zum größten Teil in den Wänden des Kirchenschiffes eingelassen.
Wiederaufbau
Nach den Plänen von Professor Karl Gruber wurden zunächst der Chor (1951), der Turm (1954), das Schiff (1956) und schließlich das steile Dach über dem Chor (1961) wiederhergestellt. Das Vordach über dem Eingangsportal im Westen wurde 1963 angefügt. Der Innenraum des Schiffes wurde beim Wiederaufbau ohne die umlaufenden Emporen gestaltet, so dass die ursprüngliche Dreischiffigkeit im Kirchenschiff wieder erkennbar ist. Das Schiff erhielt eine Flachdecke über Betonsäulen, die sich als Sandsteinsäulen tarnen. Die Orgel wurde auf einer Empore an der Westseite aufgestellt, so dass der Chor wieder frei in seiner architektonischen Schönheit wirken kann – wie ursprünglich beabsichtigt. Die wenigen erhaltenen Kunstwerke, Kirchenfenster und Chorwangen wurden wieder eingebaut, die Grabmäler restauriert.
Renovierungen
Eine erste Renovierung in der Nachkriegszeit fand 1975 statt.
Der nicht mehr zufrieden stellende Zustand der Orgel, die 1956/1957 und 1964 errichtet wurde, war Anlass für den letzten Umbau der Kirche in den Jahren 2002/2003. Die Orgelempore wurde völlig neu gestaltet, vor allem vergrößert, um dort auch einen Chor oder ein Orchester platzieren zu können. Für den neuen, höheren Prospekt der neuen Orgel wurde das Flachdach des Schiffes durch eine gotisch gewölbte Decke ersetzt – vermutlich die erste gotische Decke des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Innenausstattung
Von der Innenausstattung ist außer dem Erwähnten bemerkenswert:
- Am Chorbogen steht rechts das Epitaph der Adriana von Nassau-Dillenburg (1449–1477). Sie war mit Graf Philipp I., dem Jüngeren, von Hanau-Münzenberg verheiratet. Die bemalte spätgotische Bildhauerarbeit zeigt die Gräfin betend dem heute nicht mehr erhaltenen Hochaltar zugewandt.
- Der Altar der Kirche ist kein monolithischer Steinblock, vielmehr ist er als Tisch gestaltet. Dies weist darauf hin, dass die Marienkirche vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts eine reformierte Kirche war. Dort wurde der klassische Altar durch den „Tisch des Herrn“ ersetzt, den Tisch, an dem die Gemeinde zusammen das Abendmahl feiert.
- An der nördlichen Chorwand stehen – von links nach rechts – Grabdenkmäler:
- Graf Reinhard III. von Hanau (1452)
- Graf Reinhard II. von Hanau (1451)
- Gräfin Adriana von Nassau-Dillenburg (1449–1477)
- Graf Philipp I., der Jüngere, von Hanau-Münzenberg († 1500)
- Engelbert Halber von Hegern († 1556) und seine zweite Gattin, Dorothea von Oberkirch († 1591), vermutlich geschaffen von Hans Rodlein.
- Neben der Konsole des Hegernschen Grabmals sieht man den Grundstein zum Chor der Kirche (1585), dessen Inschrift heute allerdings bis zur Unkenntlichkeit zerstört ist.
- An der südlichen Chorwand fanden zwei von Johann von Trarbach geschaffene Renaissancegrabmale für Graf Philipp III. (1526–1561) und seine Gemahlin Pfalzgräfin Helena von Pfalz-Simmern (1532–1579) Platz.
- Westlich daran anschließend befinden sich vier leere Konsolen. Darauf stand das kunsthistorisch bedeutende Epitaph des Grafen Philipp Ludwig I. (1553–1580), eine bedeutende Schöpfung der Hochrenaissance. Nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg sind davon nur noch einige Bruchstücke erhalten, die im Historischen Museum Hanau aufbewahrt werden.
Orgel
Die Orgel wurde 2004 von der Orgelbaufirma Gerhard Grenzing (El Papiol, Montserrat) erbaut. Extra für dieses Instrument wurden in der Kirche zwei neue Emporen gebaut und die Decke erhöht. Die Orgel hat 48 Register auf drei Manualen und Pedal. Die Spieltrakturen sind mechanisch, die Registertrakturen mechanisch und elektrisch.<ref>Nähere Informationen zur Orgel der Marienkirche</ref>
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- Koppeln:
- Normalkoppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P
- Superoktavkoppel: III/P
- Spielhilfen:
- 2 × 64-fache Setzeranlage
- Registercrescendo als Schwelltritt
Glocken
Die Marienkirche besitzt das größte und tontiefste Geläute der Stadt Hanau. Das Gesamtgeläute erklingt nach dem Motiv: Wachet auf … Die Ruferin aus dem Jahre 1709 ist einer der ältesten und größten Glocken im Hanauer Umland. Sie kam 1945 vom Hamburger Glockenfriedhof über den Hanauer Hafen zurück und erklingt alleine jeden Sonntag um 9:30 Uhr.
| Glocke | Gießer, Gussort | Gussjahr | Gewicht | Nominal |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Glockengießerei Gebrüder Rincker, Sinn | 1954 | 3500 kg | a0 |
| 2 | Johannes und Andreas Schneidewind, Frankfurt am Main | 1709 | 2632 kg | cis1 |
| 3 | Glockengießerei Gebrüder Rincker, Sinn | 1954 | 1450 kg | e1 |
| 4 | Glockengießerei Gebrüder Rincker, Sinn | 1954 | 950 kg | fis1 |
Heutige Nutzung
Die Gemeinde der Marienkirche ist seit dem 1. Januar 2014 ein Bezirk der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Hanau.
Literatur
- Katharina Bott: Georg Cornicelius zeichnete den Chor der Marienkirche im Jahr 1840. In: Neues Magazin für Hanauische Geschichte 2024, S. 107–138.
- Konrad Bund: IV Glocken in Frankfurt am Main und Hessen. In Frankfurter Glockenbuch (= Mitteilungen aus dem Frankfurter Stadtarchiv. 4.) Frankfurt am Main (1986), S. 202.
- Reinhard Dietrich, Simone Heider-Geiß: Die evangelische Marienkirche Hanau. Kassel 2001, ISBN 3-89477-925-X.
- Reinhard Dietrich: Die Landesverfassung in dem Hanauischen (= Hanauer Geschichtsblätter. 34). Hanau 1996, ISBN 3-9801933-6-5.
- Peter Jüngling: Ein kurzer Blick in Hanaus Vergangenheit – Ausgrabung im Herzen der Altstadt. Archäologische Forschung am Goldschmiedehaus in Hanau. Selbstverlag des Hanauer Geschichtsvereins 1844 e. V., Hanau 2021, ISBN 978-3-935395-37-3, S. 17–19.
- Fried Lübbecke: Hanau. Stadt und Grafschaft. Köln 1951.
- Caroline Krumm: Kulturdenkmäler in Hessen – Stadt Hanau (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland – Kulturdenkmäler in Hessen.) Wiesbaden 2006, ISBN 3-8062-2054-9, S. 239ff.
- Eckhard Meise: Die Grabplatten im Schiff der Marienkirche zu Hanau. In: Hanauer Geschichtsblätter. 28 (1982), S. 93–164.
- Reinhard Suchier: Genealogie des Hanauer Grafenhauses. In: Festschrift des Hanauer Geschichtsvereins zu seiner fünfzigjährigen Jubelfeier am 27. August 1894. Hanau 1894, S. 1–56.
Anmerkungen
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Einzelnachweise
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Weblinks
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